Übersicht --- Notizen --- Bibliomane Betrachtungen
31. Juli 2006
Bibliomane Betrachtungen (7)
Nur der mit den Einzelheiten durch Erfahrung Vertraute kann Kunstleistungen richtig beurteilen und weiß, durch welche Mittel und auf welchem Weg sie zustande kommen, und was gegenseitig zusammenstimmt.
(Aristoteles, Nikomachische Ethik)
Ein Dauerbrenner unter Bücherfreunden ist die Frage: Wie ordnet man die Bücher in den Regalen? Die Mehrheit der Zweitbuchbesitzer verwendet eine langweilige Kombination aus alphabetischer und fachlicher Einteilung.
Zugegeben: Bei Sach- und Fachbüchern gibt es wohl keine bessere Möglichkeit. Deshalb finden sich in meiner Bibliothek Rubriken wie "Literaturwissenschaft", "Musik", "Naturwissenschaften" und "Philosophie". Fachliteratur findet sich auf diesen Regelbrettern. Mit einer Ausnahme allerdings, und das sind Bücher, die sich direkt auf Klassiker (welcher Art auch immer) beziehen.
Meine Hauptklassifikations-Methode ist chronologisch. Klassiker und Belletristik werden nach den Geburtsjahren der Autoren geordnet. Sollte das nicht möglich sein, nach dem Erscheinungsjahr eines Buches. Der Vorteil liegt auf der Hand: Man sieht eine Epoche vor sich. Man kann buchstäblich die Geistesgeschichte abschreiten, wenn man die Regale entlang flaniert. Ungewöhnliche Zeitgenossenschaften finden sich, verzögernd einsetzende Entwicklungen über verschiedene Länder hinweg werden augenscheinlich. Meine Bücher über historische Themen sind ebenfalls chronologisch geordnet, allerdings in einem eigenen Regal außerhalb der "Klassiker-Chronologie".
Bücher, die sich direkt auf einen Klassiker beziehen, stelle ich unmittelbar hinter dessen Werke auf. Also beispielsweise zu Beginn meine Goethe-Ausgaben, danach die Biographien, Monographien, Nachschlagewerke über ihn. In Summe gibt das im Falle Goethes ein eigenes Regal.
Nach vielem Herumexperimentieren bin ich zur Auffassung gelangt, dass diese Vorgehensweise für eine "Klassiker-Bibliothek" praktischer und erhellender ist als möglich Alternativen. Eine Warnung aber vorneweg: Das chronologische Sortieren der Bücher ist eine sehr zeitaufwendige Angelegenheit. Neue Käufe führen schnell dazu, dass die gelassenen Regallücken gefüllt sind, was die Systematik erschwert. Aber dieses Problem ist ja allen klassifikatorischen Ansätzen gemeinsam.
Ansonsten gibt es noch eigene Regale für Nachschlagewerke aller Art, von allgemeinen Enzyklopädien angefangen bis zu den Fachlexika.
1. Mai 2006
Bibliomane Betrachtungen (6)
Der wirkliche Liebhaber von Büchern muß sie gar nicht alle gelesen haben. Wichtig ist, daß man weiß: Es gibt dieses oder jenes Buch und man hat es zur Verfügung - für die Zukunft.
(Umberto Eco)
Die Änderungen im Leseverhalten schlagen sich auch im Umgang mit meiner Privatbibliothek nieder. Mein Ziel ist es nach wie vor, eine vorzügliche Arbeitsbibliothek aufzubauen, welche die wichtigsten Klassiker zum Gebrauch vorhält. Inzwischen beläuft sich die Zahl der Bücher auf ca. 5100. "Arbeitsbibliothek" ist ein wichtiges Stichwort: Wenig Verständnis habe ich für Sammler, die ihre Bücher wie Schätze hüten, und bereits nervös werden, wenn man ihre Heiligtümer nur ansieht. Wer Bücher wie Reliquien behandelt, kann ebenso gut Bierdeckel sammeln. Für mich dienen Bücher ausschließlich als Werkzeug für diverse Zwecke. Sie sind in erster Linie Kommunikationsmittel in der zeitlosen Republik der Bücher. Natürlich behandele ich sie auch schonend, insofern es Sinn macht. Anstreichungen und Kommentare mit Bleistift sind aber ebenso an der Tagesordnung wie das Einkleben von Indexstreifen, um das Auffinden wichtiger Stellen zu erleichtern. Wird ein Exemplar "zerlesen", was sehr selten vorkommt, wird ein Ersatz angeschafft.
Die wiederholte Beschäftigung mit Klassikern spricht gegen Taschenbücher. Deshalb kaufe ich, wenn immer möglich, gute gebundene Exemplare. Findet sich ein Titel gebraucht im Amazon Marketplace, bei Booklooker oder im Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher, desto besser. Sukzessive ersetze ich deshalb auch vorhandene Taschenbücher durch Leinenbände. Zwei Werkausgaben habe ich gerade subskribiert: Die große neue Ausgabe der Werke Thomas Manns sowie die bei Suhrkamp publizierte, sehr schöne Edition der Werke des Thomas Bernhard.
In den letzten Jahren verschob sich das Verhältnis von Gegenwartsliteratur zu Klassikern hin zu letzteren. Es fällt mir auch zunehmend leicht, mich von "nichtklassischen" Titeln zu trennen. Hob ich früher so gut wie alles auf, frei nach dem Motto: "Man weiß ja nie, ob man ein Buch germanistisch oder literaturkritisch noch mal benötigt", steht nun der Qualitätsaspekt im Mittelpunkt. Schlechte oder mittelmäßige Bücher sind Platzverschwendung. Bei Bedarf kann man sie sich auch leicht wieder besorgen.
Meine Bibliothek hat also einen deutlichen Klassikerschwerpunkt. Daneben gibt es nach wie vor viel Literatur nach 1945 und Gegenwartsliteratur. An zweiter Stelle steht germanistische und philosophische Fachliteratur sowie historische Bücher. Schließlich folgen naturwissenschaftliche, "musikalische" und kunsthistorische Titel. Für eine Arbeitsbibliothek unabdingbar sind Lexika. Eine Encyclopaedia Britannica aus dem Jahre 1997 nimmt den prominentesten Platz ein, flankiert durch eine Reihe von historischen Großlexika, so die berühmte 11. Auflage der Britannica (1911), die zweite (1861ff.) und sechste. Auflage (ca. 1908) des Meyer. Flankiert von kleineren historischen und aktuellen Nachschlagewerken.
22. April 2006
Bibliomane Betrachtungen (5)
Der grundlegende Fehler vieler literaturwissenschaftlicher Äußerungen liegt in dem Versuch, einen literarischen Text durch 'Übersetzung' zu interpretieren - sei es, indem man seine eigene Interpretationssprache der Sprache des literarischen Gegenstandes anzuähneln versucht; sei es, indem man umgekehrt dem literarischen Text alltagssprachliche oder wissenschaftssprachliche Formulierungen als eindeutiges Sinnäquivalent zuordnen zu können glaubt. Beides beruht jedoch auf einer Verkennung des fundamentalen Unterschiedes zwischen literarischem und literaturwissenschaftlichem Sprechen.
(Harald Fricke, Literatur und Literaturwissenschaft)
Selbst wenn man der Meinung ist, Klassiker verdienten bei der Lektüreauswahl den Vorzug, beantwortet das noch nicht die Frage, wie man sie am besten liest. Die Beachtung der historischen Differenz ist nur einer von mehreren Aspekten. Mit diesem Interesse im Hintergrund begann ich die achtzehnstündige Vorlesungsreihe "Books That Have Made History: Books That Can Change Your Life" anzuhören. Die Behandlung von fünfunddreißig "great books" war angekündigt, darunter viele aus dem Kern des Kanons. Was der in Harvard ausgebildete Prof. J. Rufus Fears jedoch bietet, ist eine Enttäuschung. Er beschränkt sich weitgehend auf den Inhalt der Bücher und klopft diese nach menschlichen Sinnfragen ab: Wie soll man es mit Gott halten? Wie mit der Geschichte? Wie mit der Moral? Wie führt man ein gutes Leben? usw. Die Herangehensweise an die einzelnen Werke ist überraschend naiv. Die Idee, dass man vor allem auch aus den Differenzen viel Erhellendes erkennen könnte, liegt Fears denkbar fern. Auf eine Metaebene begibt er sich nur selten. Dabei sollte man ja gerade das kritische Denken durch die Klassiker lernen. Das heißt nun nicht, dass der Kurs nicht angenehm anzuhören wäre. Immerhin bekommt man sehr pointiert eine Zusammenfassung vieler Klassiker präsentiert. Insgesamt aber eine vergebene Chance.
Man sollte gerade diese berühmten Bücher immer auch kritisch lesen. Ihr Wert besteht nicht zuletzt darin, dass sie auf höchstem intellektuellen Niveau provozieren. Ihre Lehre besteht nicht darin, irgendwelche Werte aus ihnen herauszuklauben (obwohl diese Lesart als "Nebenprodukt" legitim ist), sondern in der Vermittlung des selbständigen Denkens. "Kritische Lektüre" schließt ein möglichst genaues Verständnis mit ein. Auf keinen Fall ist damit das primitive "great books bashing" gemeint, dass von Anhängern der Postmoderne gerne betrieben wird. Deren "Dekonstruktion" basiert nicht selten auf blankem Unverständnis.
17. April 2006
Bibliomane Betrachtungen (4)
Ohne Bücher bleibt die Geschichte stumm, die Literatur sprachlos, die Wissenschaft verkrüppelt, das Denken kommt zum Stillstand, Bücher sind Zeugen des Wandels, Fenster zur Welt, sie sind Banken des Geistes, Bücher sind gedruckte Humanität.
(Barbara Tuchmann)
Bezüglich der von mir gelobten historischen Differenz bei Klassikern wies mich ein Freund berechtigterweise darauf hin, dass es bei der Gegenwartsliteratur als Ausgleich eine kulturelle Differenz gäbe. Wie könnte man andere Kulturen, seien sie uns näher wie die amerikanische oder ferner wie die arabische, besser verstehen lernen als durch ihre Literatur?
Dem kann ich nicht widersprechen. Ein Teil meiner Reisevorbereitungen besteht immer auch aus literarischer Lektüre, um mich auf andere Kulturen vorzubereiten. Ein Leser Nagib Machfus' wird Ägypten ebenso besser verstehen, wie ein Kenner der Romane John Updikes die amerikanische Provinz. Wobei die beiden wohl schon das Prädikat "Klassiker" verdienen, allerdings dachte ich bei historischer Differenz an deutlich ältere Büchern (Antike bis frühe Neuzeit).
Eine punktuelle Lektüre in diese Richtung ändert aber nichts an meinem Gesamteindruck, dass die Lektüre der großen Alten in Summe einen größeren Mehrwert hat. Die Umsetzung dieser Erkenntnis in die Praxis war hier unschwer zu übersehen. So beschäftigte ich mich in den letzten Jahren ausführlich (lange) mit Augustinus Gottesstaat, mit Dantes Göttlicher Komödie, mit Thukydides' Peloponnesischen Krieg, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Gegenwärtig stehen Montaignes "Essais" auf dem Programm.
Mich nun sukzessiv aufmerksam durch diese alten Bücher zu bewegen, erscheint mir eine sehr reizvolle Aussicht zu sein. Ich bin aber davon überzeugt, dass man sich mit einer Auswahl von ihnen immer wieder beschäftigen sollte. Sie verdienen es, regelmäßig aus dem Regal genommen zu werden. Dabei ist es gar nicht notwendig, immer den kompletten Text zu lesen. Ein paar Gesänge des Dante oder einige Kapitel aus dem "Don Quijote" reichen manchmal aus, damit das Werk wieder präsent ist. Aus zeitlichen Gründen muss man leider eine vergleichsweise enge Auswahl treffen. In meinem Fall haben sich bisher folgende Bücher als dauerhafte Begleiter bewährt:
Das sind, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, derzeit die Bücher, welche ich regelmäßig in die Hand nehmen und immer wieder einmal lesen werde.
Weil obige Liste keine naturwissenschaftlichen Bücher beeinhaltet, möchte ich betonen, dass sie in meinem Klassikerverständnis enthalten sind. Galilei, Newton, Darwin sind natürlich unverzichtbar. Auszüge aus vielen davon las ich bereits, eine systematischere Lektüre ist geplant.
12. April 2006
Bibliomane Betrachtungen (3)
Die Lektüre ist aber für mich, wie ich glaube, unbedingt notwendig: erstens, um mich nicht mit mir allein begnügen zu müssen, zweitens, um mit den Erkenntnissen anderer bekannt zu werden, drittens, damit ich mir über das, was sie herausgefunden haben, ein Urteil bilden und über die noch zu lösenden Fragen nachdenken kann.
(L. Annaeus Seneca)
Meine bisherigen Überlegungen haben eine Diskussion im (übrigens meist empfehlenswerten) Klassikerforum ausgelöst. Für mich steht also fest, dass der Lektüreschwerpunkt bei den Klassikern liegen muss. Ist aus Zeitknappheit eine Entscheidung notwendig, wird diese immer zugunsten der Alten gefällt. Selbstverständlich werde ich auch weiterhin aktuelle Autoren zu lesen, zumal ich inzwischen genügend Herausragende kenne, deren Bücher lohnen. Vermutlich macht es Sinn, sich bei vielen auf die Hauptwerke zu beschränken und nicht alles lesen zu wollen. Die Erfahrung zeigt doch sehr deutlich, dass viele gute Autoren nicht immer gute Bücher abliefern. Das gilt sinngemäß auch für Klassiker. Man denke nur an die fragwürdigeren Produktionen Goethes ("Bürgergeneral" und Co.). Insgesamt bin ich eher geneigt, einen Klassiker trotz dieser Einschränkungen komplett zu lesen als einen aktuellen Autor.
En passent sollte ich wohl einige Vertreter der Gegenwartsliteratur nennen, die ich besonders schätze. Dazu zählen (ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit und in zufälliger Reihenfolge): Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek, Markus Werner, Agota Kristof, Wilhelm Genazino, Ian McEwan, John Updike, Philip Roth, Antonio Lobo Antunes, Paulus Hochgatterer ...
Wenn ich nun ein hervorragendes Werk dieser Autoren nehme und mit einem der großen alten Bücher vergleiche (sagen wir: Aischylos' Orestie oder Dantes "Göttliche Komödie" oder Cervantes "Don Quijote"), ist die Leseerfahrung bei den letzteren intellektuell und ästhetisch wesentlich zufriedenstellender. Woran mag das liegen? Die Qualität spielt hier sicher eine Rolle. Ich bin überzeugt, dass manche Bücher so gelungen sind, dass es über lange Zeiträume nur wenige von ihnen gibt.
Ebenso wichtig ist wohl die historische Differenz, die für mich immer einen Mehrwert darstellt, den ein neues Buch klarerweise entbehren muss. Faszinierend finde ich daran zweierlei: Zum einen sind diese Klassiker einmalige Gelegenheiten, etwas über die Vergangenheit zu erfahren. Von den oberflächlichen alltäglichen Unterschieden über gesellschaftliche Divergenzen bis hin zu mentalen Veränderungen. Zum anderen sind es die erstaunlichen Kontinuitäten: Je mehr alte Bücher ich lese, speziell aus der Antike, desto häufiger drängt sich der Eindruck auf, dass sich der Mensch in den letzten paar Jahrtausenden im anthropologischen Kern nicht verändert hat. Diese Beschreibung reduziert den komplexen Sachverhalt natürlich übergebührlich, beschreibt aber doch ausreichend, was mich an Klassikern vor allem reizt: Die Vergangenheit und die Natur des Menschen besser zu verstehen. Wenn das mit ästhetischem Vergnügen verbunden ist, desto besser.
10. April 2006
Bibliomane Betrachtungen (2)
Bei meinen Untersuchungen unserer Beweggründe und Verhaltensweisen sind mir jedenfalls die erdichteten Zeugnisse, soweit sie möglich erscheinen, ebenso dienlich wie die wahren. Geschehen oder nicht, in Paris oder Rom, dem Hinz oder Kunz - stets zeigen sie mir, wozu Menschen fähig sind, und das zu wissen ist mir nützlich: Ich sehe mir jedes Beispiel an und ziehe hieraus, ob Wirklichkeit oder deren Schatten, meinen Gewinn; und von den verschiedenen Lesarten, die solche Geschichten oft bieten, bediene ich mich der jeweils ungewöhnlichsten und denkwürdigsten.
(Montaigne, Über die Macht der Phantasie)
Die Frage, warum ich seit ein paar Jahren weniger in die Breite lese, ist gar nicht so einfach zu beantworten. Die mindestens zehn Jahre betriebene extensive Lektüre führten mir wohl vor Augen, wie viele herausragende Werke der Weltliteratur existieren. Mit einer einmaligen Lesen derselben bleibt man selbst bei genauer Lektüre an der Oberfläche. Das Verlangen nach einem besseren Verständnis stellt sich automatisch ein.
Gleichzeitig steigt der Qualitätsanspruch. Man gewöhnt sich schnell an herausragende Bücher. Deshalb scheint es unvernünftig zu sein, fünfzig weitere Bücher zu lesen, um dann im einundfünzigsten ein weiteres Meisterwerk zu entdecken, wenn man auf der anderen Seite schon mehrere Dutzend Titel kennt, deren Lektüre absolut lohneswert ist, die aber mental bereits verblasst sind.
Psychologisch betrachtet, mangelt es mir zunehmend an Geduld. Kam es vor zehn Jahren kaum vor, dass ich ein Buch nicht zu Ende las, erlege ich mir diesbezüglich nun keine Hemmungen mehr auf. Früher mußte ein Werk sehr schlecht sein, damit ich es beiseite legte. Heute kann ich Mittelmaß schon kaum mehr ertragen. Das gilt auch für andere Kunstsparten. Wie erinnerlich verließ ich im Januar "Idomeneo" bereits in der Pause, weil mich die lähmende Durchschnittlichkeit der musikalischen Darbietung deprimierte.
Nun ist es unter Literaturfreunden eine Binsenweisheit, dass gut abgelegene Bücher statistisch gesehen besser sind als Neuerscheinungen. Wenn ein Buch ein paar Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte überlebt und über die Zeit hinweg auf Interesse stieß, spricht das für ungewöhnliche Qualität. Damit will ich nicht sagen, dass alle gemeinhin als "Klassiker" bezeichneten Werke ausgezeichnet sind, noch dass nicht viele Bücher zu Unrecht vergessen wurden. Hier spielen eine Fülle von Faktoren eine Rolle, von denen die ästhetischen wichtig sind, die soziologischen aber nicht vernachlässigt werden dürfen.
Trotzdem sieht meine Leseerfahrung wie folgt aus: Orientiere ich mich an dem sogenannten Kanon, finde ich herausragende Bücher vergleichsweise oft. Alle fünf, sechs Titel werde ich fündig. Lese ich Gegenwartsliteratur ist die Quote mindestens um ein fünf bis zehnfaches schlechter und wirklich angetan von einem Buch bin ich nur selten.
Es scheint also mir also vernünftig zu sein, mein Leseverhalten so zu gestalten, dass ich die Zahl der exzeptionellen Bücher maximiere. Das gelingt mit hoher Wahrscheinlichkeit dadurch, dass ich mich an Klassiker halte oder mit Sicherheit, wenn ich mich meinen persönlichen Favoriten zuwende. Wobei es selbst hier Ausnahmen gibt: Die Zweitlektüre von "Schuld und Sühne" war vor der Folie der enthusiastischen Erstlektüre vor fünfzehn Jahren ernüchternd, um ein Beispiel zu nennen.
Nun lebt aber die Literatur maßgeblich von der Gegenwart. Wenn nicht wir Bücherfreunde die ambitionierten aktuellen Bücher lesen, wer dann? Autoren, Verlage und Buchhändler sind auf uns angewiesen. Läse man nur noch Klassiker, bräche der Literaturbetrieb zusammen und damit auch die Chance für die Klassiker der Zukunft. Aber warum mit großer Wahrscheinlichkeit schlechtere Bücher lesen, wenn die Weltliteratur voll von leicht auffindbaren Sprachkunstwerken ist? Ein schwer zu lösendes Dilemma.
9. April 2006
Bibliomane Betrachtungen (1)
Die guten Leutchen, fuhr er fort, wissen nicht, was es Einem für Zeit und Mühe gekostet, um lesen zu lernen. Ich habe achtzig Jahre dazu gebraucht, und kann noch jetzt nicht sagen, daß ich am Ziele wäre.
(Goethe, aus den Gesprächen mit Eckermann)
Man liest von Lesern immer wieder, dass sich im Laufe des Lebens die Lesegewohnheiten verändern. In den letzten Jahren bestätigte sich das auch in meinem Fall. Vor dem Abitur und während des Studiums wollte ich mir möglichst schnell einen literarischen Überblick verschaffen. Ich bewegte mich kreuz und quer durch die Literaturgeschichte. Studienbedingt mit Fokus auf deutschsprachige Literatur, aber auch die Weltliteratur kam nicht zu kurz. Die deutsche Literaturgeschichte erlas ich mir ziemlich systematisch von den mittelhochdeutschen Klassikern bis zur Gegenwartsliteratur (Schwerpunkte 18. und 20. Jahrhundert). In den Gefilden der Weltliteratur durchstöberte ich gerne die berühmtesten Ecken. Die unverzichtbaren Russen (den kompletten Dostojewskij, die fabelhaften Romane Tolstois, die hinterhältigen Stücke Tschechows), den einschlägigen Franzosen (vom strengen Corneille über den oft formlos brillanten Balzac bis hin zum Stilneurotiker Flaubert), den schreibwütigen Engländern (wer den "Tristram Shandy" nicht kennt, dem bleiben viele Möglichkeiten der Literatur verborgen), um nur einige zu nennen. "Don Quijote" muss als singuläres Phänomen ebenso herausgehoben werden, wie das sprachliche Hochplateau Shakespeare.
In dieser Zeit las ich bis zu zweihundert Bücher jährlich und verschaffte mir sukkzessiven Einblick in die Höhen und Tiefen der Sprachkunst. Der ständig wachsende literaturwissenschaftliche Werkzeugkasten war dabei ein nützlicher Begleiter. Die Gegenwartsliteratur kam durch diverse literaturkritischen Aktivitäten auch nicht zu kurz.
Philosophisches wurde aus akademischen Gründen auch nicht vernachlässigt, allerdings liegt es in der Natur (besser: dem Geist) der Sache, dass philosophische Klassiker in kurzer Zeit nicht in großer Zahl zu lesen sind. Der Lektüreschwerpunkt bewegte sich an den beiden Enden der Philosophiegesschichte: Die alten Griechen (Platon!) auf der einen, die analytischen Philosophen aus dem 20. Jahrhundert auf der anderen Seite.
Diese exzessiven Lektüregewohnheiten hielten sich etwa bis Anfang Dreißig. Danach trat eine erst schleichende, bald nicht mehr zu übersehende Änderung ein. Ich las immer weniger in die Breite, um damit mein "empirisches" Wissen um die Literatur zu vergrößern, sondern immer mehr in die Tiefe. Weniger schwammig ausgedrückt: Ich las eine Reihe von Büchern zum wiederholten Male. Das kam natürlich früher auch vor, speziell für die wissenschaftliche Arbeiten, nahm aber einen weit geringen Stellenwert ein.
Aufmerksame Vielleser wissen, dass selbst die besten Lektüreerlebnisse vergleichsweise schnell verblassen. Als Literaturfreund sollte man aber eine Reihe der besten Bücher immer präsent haben. Ein Kunstfreund stellt seine Lieblingsgemälde ja auch nicht in den Keller, sondern sieht sie sich regelmäßig an.
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