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Kaptitel 3: Kriterien literaturwissenschaftlichen Arbeitens
von Christian Köllerer
Das Ziel dieses Kapitels ist nun der schon mehrfach erwähnte Kriterienkatalog zur Überprüfung literaturwissenschaftlichen Arbeitens. Angestrebt sind keine Maximalforderungen, da dies weder beim gegenwärtigen Stand der Diskussion möglich noch für den Zweck dieser Arbeit sinnvoll wäre, sondern die Entwicklung von minimalen Kriterien, die für jede literaturwissenschaftliche Tätigkeit berücksichtigt werden müssen, um dem Anspruch einer Literaturwissenschaft zu genügen. Dafür muß zu Beginn erst einmal geklärt werden, was hier unter Wissenschaft genau verstanden werden soll, und warum dieser strenge Wissenschaftsbegriff alternativen Konzeptionen vorzuziehen ist. Es wird im folgenden also versucht, auf einer möglichst allgemeinen Ebene zu begründen, aus welchen erkenntnistheoretischen Motiven heraus die Wahl auf die entsprechenden Disziplinen gefallen ist, die zum Aufbau der Kriterien ausgewählt wurden. In diesem Zusammenhang folgt anschließend ein kurzer Abschnitt über das Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften, bevor dann in medias res die einzelnen Kritierien entwickelt werden. Natürlich ist die Wissenschaft nur eine von zahlreichen Möglichkeiten, sich mit Literatur auseinanderzusetzen. Hier wären als Alternativen beispielsweise Essays zu literarischen Themen, Rezensionen oder auch literarische Bearbeitungen (Parodie, Travestie etc.) zu nennen. Entscheidet sich jemand aber stattdessen für die wissenschaftliche Herangehensweise, dann muß er auch den minimalen Anforderungen dieses Erkenntnismodus gerecht werden.
3.1 Wissen und Wissenschaft - erkenntnistheoretische Überlegungen
Der Begriff Wissenschaft ist mehrdeutig. Zum einen bezeichnet man mit ihm eine menschliche Tätigkeit, zum anderen ein System von Sätzen, also das Ergebnis des wissenschaftlichen Arbeitens.1 Unter Wissenschaft (als Tätigkeit) wird hier auf erkenntnistheoretischer Ebene eine methodologisch reflektierte Vorgehensweise verstanden, um zu möglichst sicherem Wissen über einen jeweils abgegrenzten Gegenstandsbereich zu gelangen. Daß der wissenschaftliche Erkenntnismodus ausgesprochen effektiv ist, ist offensichtlich, wenn man aus wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive die Fortschritte betrachtet, die seit den Anfängen der abendländischen Wissenschaft in der Antike zu beobachten sind.2
Doch diese Effektivität war nicht ausreichend, um der entsprechenden Wissenschaftskonzeption endgültig zum Durchbruch zu verhelfen und alle ihre Kritiker zu überzeugen. Daher wäre es unredlich, an dieser Stelle nicht auch kritisch auf vorgeschlagene Alternativen einzugehen.
Hier sind zum einen zahlreiche Varianten des Skeptizismus zu nennen sowie zum anderen die in der Gegenwart weit verbreitete Position des Relativismus. Beide werden im folgenden kritisch analysiert. Dabei kann es im Rahmen dieser Arbeit weder das Ziel sein, sich erschöpfend mit diesen Richtungen auseinanderzusetzen, noch eine perfekt ausgearbeitete Alternative zu ihnen anzubieten. Beabsichtigt ist vielmehr, zuerst die Argumentationsrichtung anzudeuten, mit deren Hilfe die Schwäche dieser Konzepte aufgedeckt werden kann, um dann eine Alternative zu skizzieren, die nicht nur diese Schwächen vermeidet, sondern auch wissenschaftstheoretisch sehr fruchtbar ist.
Es gibt nur sehr wenig Publikationen, die sich in Hinblick auf die Literaturwissenschaft bzw. Literaturtheorie mit diesen sehr allgemeinen theoretischen Fragestellungen beschäftigen. Eine Ausnahme ist die umfassende und aufschlußreiche Studie von Paisley Livingston, die 1988 unter dem Titel Literary Knowledge. Humanistic Inquiry and the Philosophy of Science3 erschien. Die folgenden Überlegungen greifen auf Livingstons Ergebnisse zurück, die es erlauben, der Literaturwissenschaft eine fundierte erkenntnistheoretische Grundlage zu geben. Als Ergänzung tritt die Theorie des Kritischen Rationalismus hinzu.
3.1.1 Skeptizismus und Relativismus - Eine Kritik
Die grundlegendste Kritik an der Annahme, das Erreichen von Wissen sei möglich, stellt seit dem alten Griechenland der Skeptizismus dar.4 Ohne ausführlicher auf diese philosophische Position eingehen zu können, sei doch darauf hingewiesen, daß man die Behauptung, man könne grundsätzlich keine wahren Sätze (und damit keinerlei Wissen) erhalten, vor allem durch zwei Typen von Gegenbeispielen widerlegen kann. Der erste umfaßt Sätze, die allein aus logischen Gründen unter allen Umständen wahr sind. Derartige Tautologien wären etwa "Es regnet oder es regnet nicht" oder auch das Sprichwort "Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es ist." Als zweites kann man die Tatsache innerer Wahrnehmungen zur Widerlegung des radikalen Skeptizismus heranziehen. Denn daß ich zu einem konkreten Zeitpunkt und an einem konkreten Ort bestimmte Bewußtseinserlebnisse habe, ist wahr, unabhängig vom Inhalt derselben, also auch, wenn es sich um Träume oder Halluzinationen handelte. Eine umfassende Darstellung dieser antiskeptischen Einwände finden sich bereits in Augustinus' Contra academicos5 und natürlich in der Neuzeit bei Descartes im Zusammenhang mit der Rechtfertigung seines berühmten Diktums Cogito ergo sum6. Obwohl Livingston nicht auf diese Standardargumente eingeht, zeigt er doch, daß diese skeptische Haltung zwangsläufig in einen Regreß führt, weil ihre Vertreter mit Hilfe von logischen Normen argumentieren, die es ihrer Position zufolge eigentlich gar nicht geben dürfte.7 Schließlich weist er noch darauf hin, daß die Gültigkeit der skeptischen Argumente einen absoluten Wissensbegriff voraussetzt, der in der aktuellen Diskussion nur noch selten vertreten8 und für den im folgenden auch eine Alternative vorgeschlagen wird.
Nicht mehr ganz so einfach ist eine Widerlegung des Relativismus. Hier geht man - in verschiedenen Ausprägungen - davon aus, daß es keine absolute Wahrheit gibt, sondern höchstens eine Wahrheit in bezug auf einen theoretischen Rahmen. Mit anderen Worten, es kann so viele verschiedene Wahrheiten geben, wie es theoretische Rahmen gibt. Oft geht mit dieser Haltung noch ein erkenntnistheoretischer Konstruktivismus einher, also die Annahme, die jeweiligen Wahrheiten werden vom menschlichen Subjekt konstruiert und existieren dementsprechend nicht unabhängig von ihm. Ein prominenter Vertreter des Relativismus ist beispielsweise Paul Feyerabend, aber auch der Dekonstruktivismus und verwandte poststrukturalistische Theorien basieren erkenntnistheoretisch darauf. Natürlich bedeutete die Richtigkeit dieser Position das Ende jeglicher Wissenschaft (im eingangs ausgeführten Sinn) im allgemeinen und der Literaturwissenschaft im besonderen. Aus diesem Grund ist hier eine genaue kritische Analyse notwendig, soll die Aufstellung der nachfolgenden Kriterien nicht von vorneherein auf schwankendem Boden erfolgen.
Betrachtet man aber nun den Relativismus etwas näher, stellt man als erstes fest, daß er zahlreiche philosophische Annahmen voraussetzt, obwohl er meist mit dem Impetus vorgetragen wird, als handele es sich um eine ganz "natürliche" Position. Damit einher geht nicht selten der ethische Anspruch, eine durchgehend antidogmatische Theorie zu repräsentieren, die den dogmatischen "wissenschaftlichen" Konzeptionen als unideologische Alternative gegenübergestellt werden soll:
[...] the main point is that far from being the lovely and generous pluralism that it pretends to be (in opposition to the violent monologism of ethnocentric science), this framework relativism is at bottom a particular set of assertions about what does and does not exist, about what is accurate and inaccurate to assert, about what can and cannot be justified.9
Macht man diese zahlreichen Präsuppositionen explizit, führt das zu der Feststellung, daß sie untereinander nicht kohärent sind, wie sich im folgenden bald zeigen wird. Schon auf einer pragmatischen Ebene wird deutlich, daß sich die Relativisten den im Wissenschaftsbetrieb üblichen Argumentationsstrategien bedienen, also zum Beispiel versuchen, kohärent zu argumentieren, Fakten und Dokumente heranzuziehen oder veranschaulichende Beispiele zu präsentieren. Und selbstverständlich wird dies mit dem Anspruch vorgetragen, ihre Kollegen von der Richtigkeit ihrer Position zu überzeugen. Wie aber paßt diese Vorgehensweise zu ihrer Behauptung, alle Wahrheit sei relativ?
Und diese erste Vermutung, daß diese relativistische Position inkonsistent sein muß, läßt sich auch theoretisch zeigen. Der Grund liegt in den folgenden beiden Annahmen, die für jede Form des Relativismus vorausgesetzt werden müssen:10
(1) Meinungen sind nur wahr oder falsch relativ zu einem theoretischen Rahmen.11
(2) Es gibt verschiedene theoretische Rahmen, und zwar so, daß es für eine wahre
Meinung A in einem theoretischen Rahmen immer auch einen anderen theoretischen Rahmen gibt, in dem A falsch ist.
Erst (2) führt zu einem echten Relativismus, weil es unter der alleinigen Annahme von (1) noch denkbar wäre, daß es einen Rahmen gäbe, der mehr "Wahrheiten" verbürgt als ein anderer.
(1) und (2) zusammen führen aber zu folgender inkohärenten Konklusion:
[...] that the framework relativity of truth is itself relative to a framework, and also that the belief of the existence of radically divergent frameworks is also only true relative to a framework.12
Wendet man nun noch die beiden Voraussetzungen auf sich selbst an, erhält man endgültig ein absurdes Ergebnis: Denn dann bräuchte man für (1) nicht nur einen weiteren zusätzlichen theoretischen Rahmen, relativ zu dem (1) wahr ist, sondern wegen (2) zugleich auch einen solchen, relativ zu dem (1) falsch ist. Es liegt hier also zweifelsfrei eine schwerwiegende Inkonsistenz vor, die dazu führt, daß der Relativismus keine adäquate Basis für ein Wissenschaftstheorie darstellt. Bevor eine solche vorgeschlagen werden wird, ist es nützlich, sich einige Gedanken zum Verhältnis der beiden großen Wissenschaftstraditionen zueinander zu machen.
3.1.2 Zum Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften
Das Verhältnis zwischen Geistes- und Naturwissenschaften ist ausgesprochen komplex.13 Einerseits gab es seit dem Aufschwung der exakten Wissenschaften zu Beginn der frühen Neuzeit immer wieder eine intensive Auseinandersetzung von Geisteswissenschaftlern mit den Ergebnissen ihrer naturwissenschaftlichen Kollegen. So wurde beispielsweise die Newtonsche Mechanik von zahlreichen Philosophen rezipiert.14 Höhepunkte dieser Bewegung sind in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu finden - sogar Schriftsteller verwendeten naturwissenschaftliche Theorien für ihre poetologische Konzeptionen (Naturalismus).15 Aber auch die damalige Germanistik war stark positivistisch ausgerichtet und orientierte sich an naturwissenschaftlich-empirischen Verfahren. Ihr wichtigster Vertreter war Wilhelm Scherer (1841-1886).
Auf der anderen Seite entwickelte sich im vorigen Jahrhundert eine starke Bewegung gegen diese Annäherung. So versuchte Wilhelm Dilthey in seinen Werken eine autonome Geisteswissenschaft zu begründen, die auf das Verstehen von Gegenständen gerichtet sein sollte, während sich die Naturwissenschaften dem Erklären von Gegenständen widmeten.
Hier setzte nun eine starke Gegenbewegung ein, und die beiden Typen von Wissenschaften entwickelten sich immer weiter auseinander. C.P. Snow beschrieb das Ergebnis dieser Entwicklung in seinem viel beachteten Buch The Two Cultures (1959). Er konstatierte eine tiefe Kluft zwischen diesen beiden Bereichen, gekennzeichnet von wechselseitigen Vorurteilen, die jegliche gegenseitige kreative Befruchtung verhinderten:
The clashing point of two subjects, two disciplines, two cultures [...] ought to produce creative chances. In the history of mental activity that has been where some of the break-throughs came. The chances are there now. But they are there, as it were, in a vacuum, because those in the two cultures can't talk to each other.16
Obwohl es nicht zuletzt in der Germanistik seit Mitte der sechziger Jahren Ansätze gibt, die diese Trennung überwinden wollen,17 gilt sie global nach wie vor in bezug auf die verschiedenen Methoden beider wissenschaftlichen Traditionen.
Es soll hier natürlich keine naive Übernahme von naturwissenschaftlichen Methoden auf die Literaturwissenschaft propagiert werden, aber es wird sich zeigen, daß sich in einem eingeschränkten Maß durchaus Vorteile ergeben können, wenn man bestimmte Aspekte des naturwissenschaftlichen Arbeitens in Hinblick auf die Literaturwissenschaft analysiert.
Es ist wohl kaum zu bezweifeln, daß die enormen Fortschritte der Naturwissenschaft in den letzten hundertfünfzig Jahren auf die sehr hohen methodologischen Standards der einzelnen Disziplinen zurückzuführen sind. Der grundlegende Fehler, der in einigen gescheiterten Versuchen gemacht wurde, diese Standards auch für die Geisteswissenschaften anzuwenden, liegt meines Erachtens darin, daß man die sehr starke Verschiedenheit der Gegenstandsbereiche nicht berücksichtigt. Das heißt es lief oft auf eine unreflektierte Übernahme von naturwissenschaftlichen Methoden hinaus.18
Es kann also nur sinnvoll sein, diejenigen (methodologischen) Aspekte des naturwissenschaftlichen Arbeitens näher zu betrachten, die gegenstandsinadäquat sind. Und gegenstandsinadäquat sind solche Merkmale des wissenschaftlichen Arbeitens, die nicht vom ontologischen Status der untersuchten Gegenstände abhängen, also unabhängig davon sind, ob der Untersuchungsgegenstand ästhetischer Natur (z.B. ein Roman) oder physikalischer Natur (z.B. ein Elementarteilchen) ist.
Wenn beispielsweise ein Naturwissenschaftler eine theoretische Frage in bezug auf einen seiner Untersuchungsgegenstände klären will, gibt er sich mit einem Grad von Allgemeinheit zufrieden, der für seine Zwecke ausreichend ist. Wenn er also (vereinfacht dargestellt) beispielsweise drei Verallgemeinerungsstufen (Metaebenen) zur Verfügung hat, um seinen Gegenstand (Objektebene) theoretisch zu analysieren, und bereits die zweite Metaebene ausreicht, um seine Frage zu beantworten, wird er sich auf sie beschränken, ohne auch noch die dritte Stufe heranzuziehen.19 Und das ist auch ein Grund für die Beschränkung auf die bereits erwähnten drei Disziplinen20 in diesem Kapitel (3.2), die hinreichend für die Erstellung eines minimalen Kriterienkatalogs sind, auch wenn man vielleicht noch andere wie die Sprachphilosophie heranziehen könnte.
Das notwendige Instrumentarium für diese methodologischen Untersuchungen stellt die moderne Wissenschaftstheorie zur Verfügung, von der im Abschnitt 3.2.2 ausgewählte Ergebnisse herangezogen werden, um einige der grundlegenden Kriterien für (literatur)wissenschaftliches Arbeiten zu gewinnen.
Doch davor ist noch einige theoretische Detailarbeit nötig, denn eine etwaige Übertragung von gegenstandsinadäquaten methodischen Merkmalen von der Natur- auf die Geisteswissenschaft setzt noch etwas entscheidendes voraus, nämlich daß diese Übernahme erkenntnistheoretisch überhaupt möglich ist; das heißt daß es sich bei natur- und geisteswissenschaftlichem Wissen um den gleichen Wissenstyp handelt.21 Es wird also nicht weniger vorausgesetzt, als die prinzipielle Einheit der Wissenschaft.
3.1.3 "Realistische" Alternative: Kritischer Rationalismus
Wie soll also nun die Basis für einen so weitgefaßten Wissenschaftsbegriff aussehen? Auch in diesem Punkt macht Livingston einen überzeugenden Vorschlag, nämlich den einer gemäßigt realistischen wissenschaftstheoretischen Position, die er so charakterisiert:
I focus on a moderate and nonreductionist brand of realism, the main ontological tenet of which is that there is a mind-independent reality having entities that take part in causal interactions, and the central epistemological tenet of which is that these things are knowable, albeit partially and by successive approximations only.22
In der zeitgenössischen Wissenschaftstheorie bietet diese Art des Realismus eine überzeugende Alternative zu den extremen Ausprägungen des Konstruktivismus einerseits und des Empirizismus andererseits.23 Es kann an dieser Stelle natürlich keine ausführliche Diskussion der Vor- und Nachteile dieser einzelnen Konzepte stattfinden, sondern es können nur die Vorzüge der obigen realistischen Haltung angedeutet werden.24 Der größte Vorzug ist, daß auf dieser Grundlage eine einheitliche Konzeption von Wissenschaft möglich ist und dadurch auf dieser theoretischen Ebene der angebliche Dualismus zwischen Natur- und Geisteswissenschaften überwunden werden kann. Ein Grund hierfür liegt darin, daß ihr Ziel dasselbe ist, nämlich das Erreichen von Wissen über einen abgegrenzten Bereich der Wirklichkeit. Dabei spielt es auf dieser Stufe keine Rolle, ob dieser Realitätsausschnitt beispielsweise physikalischer oder sprachlicher Natur ist. Denn auch das Wissen, welches durch die Analyse eines Romans erreicht werden kann, beschreibt ebenso einen Teil der Realität, wie dasjenige, das ein Chemiker durch die Analyse eines Gases erhält.
Es ist aber sehr wichtig, sich klarzumachen, daß mit Wissen hier kein absolutes gemeint ist, sondern nur ein approximatives Konzept, wie es sich inzwischen in der Wissenschaftstheorie durchgesetzt hat. Danach wird die Realität immer durch die zur Zeit am besten bewährte Theorie am adäquatesten beschrieben, die jedoch - als wissenschaftliche Theorie - per definitionem kritisierbar und revidierbar sein muß. Einen sehr wichtigen Stellenwert nimmt theoretisch das approximative Wissenskonzept ein, da dessen Funktionieren notwendig ist, damit dieser Lösungsvorschlag eine brauchbare Alternative zu den oben kritisierten Vorstellungen darstellen kann. Das zentrale Problem liegt hier jedoch nicht primär in einer adäquaten Formulierung dieses Wissensbegriffs, sondern in der Wahrheitstheorie, die ihm zugrunde liegen muß. Vorschläge zur Lösung dieses Problems finden sich bei Vertretern des Kritischen Rationalismus. Und da sich diese philosophische Position als ausgesprochen fruchtbar sowohl auf der Stufe der Erkenntnis- als auch der Wissenschaftstheorie erwiesen hat, ziehe ich den Kritischen Rationalismus explizit als Metatheorie zur Begründung des Kriterienkatalogs heran, und zwar auf den Stufen 5 und 6.25
Die Gründe für die oben genannte Fruchtbarkeit sind vielfältig. Durch das kritische Potential dieser Theorie wird zum einen jegliche Dogmatisierung von bestimmten Erkenntnisquellen vermieden. Hans Albert zeigt in seinem Traktat über kritische Vernunft26, daß die klassischen Vorstellungen der zureichenden Begründung von Erkenntnissen notwendigerweise zu der von ihm als Münchhausen-Trilemma bezeichneten Situation führen. Das heißt, wenn man für alles eine Begründung verlangt, dann hat man nur die Wahl zwischen einem infiniten Regreß, einem logischen Zirkel oder einem willkürlichen Abbruch des Begründungsverfahrens.27 Zum anderen kann man mit Hilfe des Prinzips der kritischen Prüfung, das später noch ausführlicher erläutert wird, nicht nur eine sehr erklärungsstarke Wissenschaftstheorie erstellen - Karl Poppers Logik der Forschung belegt dies eindrucksvoll -, sondern sogar eine Grundlage für die praktische Philosophie gewinnen.28 Und diese Behandlung von erkenntnistheoretischen, wissenschaftstheoretischen, ethischen und sozialphilosophischen Fragen29 auf der Basis einer theoretischen Grundlage ist natürlich denjenigen Positionen vorzuziehen, die diese Einheitlichkeit nicht gewährleisten können.
Zur oben angesprochenen notwendigen Klärung der Relation zwischen dem approximativen Wissensbegriff und dem der Wahrheit ist eine Theorie der Wahrheitsnähe unerläßlich. Denn eine zentrale These des Kritischen Rationalismus lautet, daß man zwar prinzipiell nie sicher wissen könne, ob eine aktuelle wissenschaftliche Theorie wahr sei, aber der wissenschaftliche Fortschritt trotzdem zu einer immer größeren Annäherung an die Wahrheit führt.30 Einen Vorschlag für eine Theorie der Wahrheitsnähe macht Popper im Anhang zu seinem wissenschaftstheoretischen Hauptwerk.31
Livingston wählt zur Entwicklung seines Konzepts eines approximativen Wissensbegriffs eine überwiegend negative Strategie. Das heißt, er rekonstruiert sorgfältig alle wichtigen dualistischen Alternativen zu seiner Position und unterzieht sie einer umfassenden Kritik32, indem er sich die Frage stellt, aufgrund welcher Voraussetzung eine Trennung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften überhaupt möglich ist. Auf diese Weise beschäftigt er sich unter anderem ausführlich mit Husserls Phänomenologie33, Ingardens Idealismus34, der Position Foucaults35, der Philosophie des späten Wittgenstein36, aber auf der anderen Seite auch mit positivistischen Wissenschaftskonzeptionen in der Nachfolge des Wiener Kreises37.
Nun ist es auch möglich, die gegenseitigen Vorurteile auszuräumen, die Snow oben zurecht beklagt hat, und die seit Jahrzehnten einen fruchtbaren Dialog zwischen Natur- und Geisteswissenschaften verhindern.38 In den Worten Livingstons:
[...] what has unfortunately been overlooked by many scientists and humanists alike, is the possibility that this opposition of principle between the exact and inexact sciences is largely a fiction based upon an unrealistic view of the former, and that a correct conception would be one in which the terms of this same opposition are reinscribed on both sides of the natural science-human science dichotomy.39
Damit wäre die theoretische Vorarbeit für die Erstellung des Kriterienkatalogs abgeschlossen. Sie soll aber noch zusammenfassend in den Gesamtrahmen dieser Arbeit gestellt werden, um in Erinnerung zu rufen, warum diese sehr detaillierten und abstrakten Überlegungen überhaupt notwendig waren.
Die letzten drei Abschnitte bewegten sich fast ausschließlich auf der Stufe 6 des in der Einleitung entworfenen Modells. Das heißt, es wurde versucht, den (erkenntnistheoretischen) Grundstein zu legen, auf dem im nächsten Schritt das wissenschafts- und literaturtheoretische Erdgeschoß errichtet werden soll, um - wieder darauf aufbauend - die einzelnen Kriterien entwickeln zu können, die für die beabsichtigte Überprüfung von literaturwissenschaftlichen Methoden und Rahmentheorien benötigt werden. Und da dieses theoretische Gebäude auch kleineren Erdbeben standhalten soll, war ein festes Fundament vonnöten. Letzteres bietet der Kritische Rationalismus sowie der oben beschriebene allgemeine Wissensbegriff, der für beide großen Wissenschaftstypen unserer Kultur adäquat ist.
3.2 Die Kriterien und ihre theoretische Begründung
Die Erstellung der Kriterien erfordert naturgemäß ebenfalls einen hohen theoretischen Aufwand, um sie entsprechend absichern zu können. Und dies gilt auch noch, nachdem die erkenntnistheoretische Basis jetzt vorliegt. So werden - nach einer Präzisierung des Begriffs des Kriteriums - anschließend in drei größeren Schritten, die der gewählten metatheoretischen Ebene (Stufe 5) entsprechen, die jeweiligen Kriterien vorgeschlagen. Als erstes werde ich hierzu wichtige Erkenntnisse der analytischen Wissenschaftstheorie heranziehen, und dabei besonders den Aspekt der Kritisierbarkeit berücksichtigen, um als nächstes ein minimales literaturtheoretisches Modell zu entwickeln, dem möglichst viele Literaturwissenschaftler zustimmen können sollen. Dann wird auch auf die Linguistik als Schwesterdisziplin der Literaturwissenschaft eingegangen werden, die in den hier relevanten Disziplinen der Text- und Psycholinguistik in den letzten Jahrzehnten beachtliche Fortschritte erzielt hat.
3.2.1 Kriterium
Bevor die einzelnen Kriterien nun entwickelt werden, sind noch einige Erläuterungen sinnvoll, was es mit ihnen eigentlich auf sich hat. Genaugenommen handelt es sich um verschiedene methodologische Normen bzw. Werte, deren Geltung man voraussetzen muß, um Wissenschaft betreiben zu können.
Paul Weingartner gibt in seinem Aufsatz Werte in den Wissenschaften40 einen Überblick über wichtige Normen innerhalb der Wissenschaft. Nachdem er begründet, warum eine "umfassende informative und gehaltvolle Wahrheit und Gültigkeit"41 das Ziel und der höchste Wert für die Wissenschaft ist, behandelt er anhand von Beispielen generelle methodologische Normen, die für alle Wissenschaften gelten, sowie auch normative Prinzipien der speziellen Methodologie. Dabei weist er bei jeder dieser Regeln auf die negativen Konsequenzen hin, die eine Verletzung derselben mit sich brächte. In diesem Sinne sind auch die folgenden Kriterien gedacht. Es handelt sich also um minimale methodologische Regeln, deren Verletzung als Beleg für die Inadäquatheit einer literaturwissenschaftlichen Methode bzw. Rahmentheorie dient. Zu den generellen methodologischen Normen gehören im folgenden die Kriterien der Intersubjektivität, einige der fachsprachlichen Kriterien sowie die der Empirizität. Zu den speziellen methodologischen Normen sind diejenigen zu zählen, die auf literaturtheoretische und linguistische Überlegungen zurückgehen.
3.2.2 Wissenschaftstheorie
Die analytische Wissenschaftstheorie analysiert unter anderem die Struktur wissenschaftlicher Theorien und die Methoden der einzelnen Disziplinen, um so allgemeine Modelle der Wissenschaft zu erstellen. Diese eignen sich nun dazu, um nach gegenstandsunabhängigen Standards zu suchen, die für alle Wissenschaften gelten müssen, also unabhängig davon sind, ob es sich um eine Natur-, Geistes-, Sozial- oder Formalwissenschaft handelt. Daher sind die folgenden Kriterien nicht nur für konkrete literaturwissenschaftliche Analysen relevant, sondern auch zur Analyse der entsprechenden Rahmentheorien.42
3.2.2.1 Kritisierbarkeit
Zentral ist hier die Kritisierbarkeit sowohl wissenschaftlicher Theorien als auch konkreter wissenschaftlicher Forschungsergebnisse. Um diese Kritisierbarkeit zu gewährleisten, müssen einige Voraussetzungen gegeben sein. Die in diesem Zusammenhang behandelten Aspekte der Intersubjektivität, der Fachsprache und der Empirizität werden unter Umständen trivial anmuten, da sie normalerweise in jeder seriösen wissenschaftlichen Arbeit als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Daß dies jedoch in Teilen der Literaturwissenschaft nach wie vor nicht der Fall ist, wird sich im vierten Kapitel dieser Untersuchung zeigen. Die drei erwähnten Aspekte hängen natürlich eng zusammen und werden anschließend nur aus heuristischen Gründen getrennt dargestellt.
3.2.2.1.1 Intersubjektivität
Eine Grundvoraussetzung jeder wissenschaftlichen Arbeit, die Wissen im oben explizierten Sinn erreichen will, ist die der Intersubjektivität. Sie stellt das wichtigste Kriterium dar, um wissenschaftliche Objektivität zu gewährleisten, indem sowohl die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Untersuchung als auch der argumentative und methodische Weg zu ihnen unter Normalbedingungen von jedem Menschen43 nachvollziehbar sein muß.44 Betont werden muß jedoch, daß die Einhaltung des Intersubjektivitätskriteriums natürlich in keiner Weise die Wahrheit der betreffenden Untersuchung garantiert. Es handelt sich aber um eine notwendige Bedingung, um eine Untersuchung überhaupt auf deren Wahrheitsgehalt prüfen zu können.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch der Begriff der Rationalität. Und obwohl es um ihn seit der Antike heftige Kontroversen gibt45, kann auf ihn im Rahmen wissenschaftstheoretischer Überlegungen schwerlich verzichtet werden, da Schlüsse in wissenschaftlichen Analysen rational aus den gegebenen Prämissen folgen müssen, um dann intersubjektiv überprüfbar zu sein.46 Rationalität geht also der Intersubjektivität voraus. Da es zum gegenwärtigen Zeitpunkt utopisch wäre, für die Literaturwissenschaft zu fordern, Schlüsse dürften ausschließlich durch logische Regeln auf deduktivem Wege zustandekommen,47 ist eine schwächere Auffassung notwendig.48 So ist es sinnvoll, sich mit der Forderung zu begnügen, die Schlußfolgerungen müssen von den jeweiligen Prämissen so gestützt werden, daß dieses Stützungsverhältnis intersubjektiv nachvollziehbar ist. Diese Schlußfolgerungen können in konkreten Fällen auch Behauptungen sein, die in einer Untersuchung intersubjektiv nachvollziehbar begründet werden müssen.
Die zentrale Frage ist jedoch, wie diese Relation der Stützung zwischen den Prämissen und der Konklusion aussehen soll, wenn man auf die wissenschaftstheoretisch üblichen (deduktiven oder induktiven) Schemata, wie die von Carl G. Hempel in Aspekte wissenschaftlicher Erklärung49 vorgeschlagenen, verzichten muß. Eine mögliche Alternative könnten argumentationstheoretische Ansätze bilden, die Argumentationsmodelle anstreben, welche zwar gewissen Rationalitätsstandards genügen, ohne jedoch ausschließlich auf der formalen Logik zu basieren. So ein Vorschlag wurde beispielsweise von Stephan Toulmin in The Uses of Argument50 gemacht.51 Eine genaue Explikation des Stützungsverhältnisses, die im Rahmen dieser Arbeit leider nicht geleistet werden kann, müßte also auf solche Konzepte zurückgreifen.
Interessant ist nun, welche Voraussetzung eine wissenschaftliche Arbeit erfüllen muß, um diesen wissenschaftstheoretischen Ansprüchen gerecht zu werden. Außer den in den folgenden Abschnitten behandelten Aspekten der Fachsprache und der Kritisierbarkeit, ist natürlich eine gewisse Explizitheit der Arbeit notwendig. Das heißt es sollen sowohl die entsprechenden Hypothesen als auch Ergebnisse der Untersuchung explizit formuliert werden.
Die Bedeutung der Forderung nach Intersubjektivität wird deutlicher, wenn man sich Beispiele vor Augen führt, in denen sie verletzt wird. Da später sowohl praktische als auch theoretische Beispiele noch ausführlich behandelt werden, an dieser Stelle nur noch einige kurze Anmerkungen. Eindeutig verletzt würde das Intersubjektivitäts-kriterium in Fällen, in denen Schlußfolgerungen mit Hilfe emotionaler Appelle bzw. subjektiver Urteile zustandekommen oder nicht weiter begründete ästhetische Wertungen vorgenommen werden.
3.2.2.1.2 Fachsprache
Die bisherigen Ausführungen über die hohe wissenschaftstheoretische Relevanz der Intersubjektivität hängen sehr eng mit der Frage zusammen, welche Fachsprache der literaturwissenschaftlichen Forschung adäquat ist. Denn erst eine möglichst präzise Sprachverwendung bietet die Möglichkeit für eine intersubjektive Nachprüfung. Wenn eine Publikation größtenteils mit vagen oder metaphorischen bzw. sogar dunklen Begriffen arbeitet, hat eine rationale Auseinandersetzung mit ihr wenig Aussicht auf Erfolg. Darum werde ich auf diesen Problemkomplex im folgenden etwas ausführlicher eingehen.
Eine ausgesprochen instruktive Studie zu diesem Thema hat Harald Fricke 1977 mit seiner Dissertation Die Sprache der Literaturwissenschaft. Textanalytische und philosophische Untersuchungen vorgelegt. Sie hat bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren, und ihre Ergebnisse sollen im folgenden referiert werden. Die außergewöhnliche und ausgesprochen fruchtbare Vorgehensweise Frickes liegt in der Kombination von empirischen und philosophischen Untersuchungsmethoden. Erstere seien notwendig, weil die Methodendiskussion meist ohne jegliche empirische Fundierung ausgetragen werde, letztere um überhaupt zu relevanten methodologischen Ergebnissen kommen zu können, sowie um der vorherrschende Begriffsverwirrung zu entgehen.
Als Ausgangspunkt des empirischen Analyseteils grenzt Fricke Standard-, Wissenschafts- und Dichtungssprache voneinander ab. Während die wissenschaftliche Sprachverwendung eine Einengung bestimmter Freiheiten der alltäglichen Sprachverwendung vorsehe, wird letztere durch die Dichtungssprache sogar noch erweitert.52 Die Standardsprache sei durch alle und nur die impliziten normativen Konventionen einer Einzelsprache charakterisierbar.53
Als Textmaterial der Untersuchung hat Fricke (methodisch reflektiert) achtzig literaturwissenschaftliche Aufsätze ausgewählt, sowie je zehn geschichtswissenschaftliche, linguistische und sprachphilosophische Publikationen. Sie alle hat er textanalytisch auf dichtungssprachliche Elemente, also beispielsweise auf rhetorische und poetische Figuren, untersucht.54 Das Ergebnis ist eindeutig, wenn auch nicht überraschend für jemanden, der mit der literaturwissenschaftlichen Sekundärliteratur vertraut ist: Es fanden sich exakt 16858 Stellen in denen solche Elemente verwendet werden.
Die durchschnittliche Häufigkeit poetischer Sprachelemente in den 80 literaturwissenschaftlichen Arbeiten liegt bei 13,8 Elementen pro Druckseite - ein Ergebnis, das sich in der Weise verdeutlichen läßt, daß in je sieben literaturwissenschaftlichen Sätzen sechs Elemente der Dichtungssprache Verwendung finden.55
Und daß es sich hierbei um keinen Zufall handelt, belegt Fricke durch zahlreiche Zitate bekannter Literaturwissenschaftler (z.B. Benno von Wiese) und Theoretiker (z.B. Friedrich Schleiermacher), die sogar explizit fordern, die Sprache der Literaturwissenschaft müsse sich der Dichtungssprache angleichen.56
Den empirischen Abschnitt der Arbeit abschließend, faßt Fricke seine Erklärungen dieses Phänomens folgendermaßen zusammen:
[...] einerseits schließt die Poetisierung der literaturwissenschaftlichen Beschreibungssprache vielfach eine genaue Prüfung und mögliche Widerlegung der aufgestellten Behauptungen durch die semantische Unbestimmtheit der dichtungssprachlichen Formulierung aus; andererseits sorgt sie in hohem Maße dafür, daß ein Bedürfnis nach einer solchen kritischen Prüfung gar nicht aufkommt, weil die Zustimmung des Lesers schon durch den ästhetischen Reiz und die suggestive Überzeugungskraft der mit poetischen Elementen durchsetzten Sprache weitgehend gesichert ist.57
Im zweiten Teil der Dissertation stellt Fricke philosophische Überlegungen zum Problem einer angemessenen Sprache der Literaturwissenschaft an. Ausgehend von der Wahrheitstheorie des polnischen Logikers Tarski58, weist er auf die Notwendigkeit der Trennung von Objekt- und Metasprache hin. Diese ist aber für die Wahrheitsfähigkeit einer Sprache noch nicht hinreichend, sondern es sind noch zusätzliche Einschränkungen notwendig, um logische Widersprüche zu vermeiden.59 Danach stellt sich jedoch sofort die Frage nach der Übersetzbarkeit der Objektsprache (literarischer Text) in die Metasprache (Fachsprache der Literaturwissenschaft). Die Standardsprache ist als Metasprache nicht brauchbar, da in der schriftlichen wissenschaftlichen Kommunikation der pragmatische Kontext fehlt, der für eine eindeutige Kommunikation hier erforderlich wäre. Daher ist eine eingeschränkte Wissenschaftssprache unabdingbar.
Als nächstes setzt sich Fricke mit der Wahrheitstheorie und der Wissenschaftskonzeption von Habermas auseinander, der bekanntlich davon ausgeht, es beruhe auf einem Konsensus aller Menschen, welcher Wahrheitswert einem Satz zugeschrieben wird. Eine Voraussetzung hierzu wäre eine (transzendentale) ideale Kommunikationssituation. Es gelingt Fricke jedoch zu zeigen, daß auch hier implizite korrespondenztheoretische Annahmen einfließen.
Schließlich versucht die Studie noch das Anwendungsinteresse der Literaturwissenschaft zu klären. Die gesellschaftliche Relevanz der Geisteswissenschaften will Fricke durch ein Modell reflexiv anwendbaren Erklärens berücksichtigen, das heißt er verlangt für eine humanwissenschaftliche Erklärung zusätzlich zur formalen Korrektheit und empirischen Adäquatheit, daß man solche Erklärungen auch auf andere Fälle eigener Erfahrung anwenden kann.60 Ein konkretes Beispiel wäre etwa, wenn sich jemand mit literaturwissenschaftlichen Erkenntnissen über einen bestimmten Roman auseinandergesetzt hat, daß er dadurch auch in die Lage versetzt wird, einen anderen Roman besser zu verstehen.
Die beiden grundlegenden Anforderungen an die Sprache der Literaturwissenschaft [...] lassen sich so zusammenfassen: die literaturwissenschaftliche Beschreibungssprache muß wahrheitsfähig sein und eine reflexive Anwendung der literaturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse ermöglichen.61
Das Problem ist nun jedoch, daß diese beiden Forderungen gegenläufig sind. Während die Wahrheitsfähigkeit eine im Idealfall streng formale und axiomatisierte Sprache erfordert, die nur von wenigen Spezialisten verstanden werden kann, setzt das Anwendungsinteresse einen möglichst uneingeschränkten öffentlichen Zugang zu den Forschungsergebnissen voraus.
Einen Ausweg bietet für Fricke die wissenschaftliche Rekonstruktion der Standardsprache:
Die wichtigste Bedingung der Rekonstruktion besteht darin, daß hier zwar nicht, wie in einem formalen System, alle Sprachelemente vorab explizit festgelegt werden müssen, daß aber kein Sprachelement von der Möglichkeit ausgenommen werden darf, es bei Bedarf wissenschaftssprachlich zu regeln.62
Dabei spricht sich Fricke ausdrücklich gegen jene Scheinexaktheit aus, die darin besteht, beliebige Fachtermini einzuführen, die genauso unpräzise sind wie die von ihnen ersetzten Ausdrücke, um so "wissenschaftliche" Genauigkeit vorzutäuschen. Ziel ist also nicht eine esoterische Kunstsprache, sondern es wird nur verlangt, daß jeder Literaturwissenschaftler im nachhinein in der Lage sein muß, anzugeben, was er mit einem bestimmten Begriff konkret gemeint hat. Zentrale Begriffe sollten jedoch schon in der jeweiligen Untersuchung expliziert und rekonstruiert werden.
Wie lassen sich diese Ergebnisse für den angestrebten Kriterienkatalog verwenden? Natürlich wäre das globale Postulat, Frickes Forderungen müßten auf alle Fälle eingehalten werden, in der aktuellen wissenschaftssoziologischen Situation wenig zielführend. In Anbetracht der praktischen Anwendbarkeit der Kriterien scheint es sinnvoller zu sein, bei den dichtungssprachlichen Elementen in wissenschaftlichen Publikationen anzusetzen. Und auch hier muß noch eine Einschränkung vorgenommen werden, weil das schlichte Aufzählen solcher Elemente für den Zweck der folgenden Analyse nicht ausreichend wäre. Denn die Verwendung von rhetorischen oder poetischen Ausdrücken - etwa in der Einleitung oder in besprochenen Beispielen - ist wenig problematisch. Ein wissenschaftliches Erkenntnishindernis tritt erst dann auf, wenn solche uneigentlichen Sprachverwendungsweisen an zentralen Stellen der Argumentation auftreten und so eine eindeutige Erfassung des semantischen Gehalts dieser Aussagen nicht mehr möglich ist. Mit Gehalt ist hier in erster Linie der empirische Gehalt gemeint, obwohl es sicher auch literaturwissenschaftliche Studien gibt, in denen der logische oder normative bzw. Wert-Gehalt eines Satzes relevant ist.63
Die Ursache für das Erkenntnishindernis liegt in dem Verlust der Wahrheitsfähigkeit solcher Sprachverwendungsweisen. Und daß die Wahrheitsfähigkeit der Fachsprache hier überhaupt relevant ist, ergibt sich - wie Fricke ausführlich begründet - daraus, daß es das Ziel jeder Wissenschaft ist, wahre Sätze über den jeweiligen Gegenstandsbereich aufzustellen. Dies war ja auch das Ergebnis der erkenntnistheoretischen Vorüberlegungen zu Beginn dieses Kapitels.
Das erste aus diesen Überlegungen sich ergebende Kriterium lautet - etwas allgemeiner formuliert -, daß weder in theoretischen noch in praktischen literaturwissenschaftlichen Publikationen an jenen Stellen semantisch unpräzise Aussagen erlaubt sind, die zum Verständnis der Argumentation unbedingt notwendig sind. Ein heuristisches Indiz für einen solchen Fall sind dichtungssprachliche Elemente, es sind jedoch auch noch andere vorstellbar, wie die Verwendung vager, das heißt nicht explizierter Begriffe der Standardsprache. Trotz der Unerläßlichkeit einer eindeutigen Fachsprache für jede Wissenschaft handelt es sich bei diesem Kriterium um eine spezielle methodologische Norm, da es sich auf die Fachsprache der Literaturwissenschaft bezieht. Die nun folgenden beiden Kriterien sind demgegenüber generelle methodologische Normen.
Das zweite Kriterium geht von den minimalen logischen Anforderungen aus, denen eine Wissenschaftssprache genügen muß. Zweifellos fundamental für jegliche Kritisierbarkeit, da ohne ein Minimum an Logik keine rationale Kommunikation möglich ist. Dabei müssen an dieser Stelle keine positiven Forderungen aufgestellt werden, sondern es sind zwei negative Kriterien ausreichend. Das erste lautet, daß die Argumentation logisch widerspruchsfrei sein muß.64 Als zweites kommt noch hinzu, daß keine logischen Fehlschlüsse vorhanden sein dürfen.65
3.2.2.1.3 Empirizität
Als letzte wichtige Voraussetzung für die Kritisierbarkeit literaturwissenschaftlicher Tätigkeit und ihrer Ergebnisse ist nun noch ein minimaler Empirismus erforderlich, das heißt die Sätze einer entsprechenden Publikation müssen einen minimalen empirischen Gehalt aufweisen.66 Im konkreten Fall heißt dies, daß sich ein Literaturwissenschaftler bei der Analyse eines Textes mit seinen Aussagen nur auf Gegenstände beziehen darf, die in der Wirklichkeit vorhanden sind. So muß er sich beispielsweise bei einer Text- oder Stilanalyse auf konkrete Text- bzw. Stilmerkmale67 des untersuchten Werkes beziehen. Diese empirische Grundlage können natürlich nicht nur literarische Texte, sondern Tatsachen aller Art sein.68 Negativ formuliert heißt also das Kriterium, daß in einer literaturwissenschaftlichen Arbeiten keine Tatsachenbehauptungen vorkommen dürfen, die sich nicht entsprechend belegen lassen. Das ist deshalb erforderlich, weil ein Wirklichkeitsbezug für die Überprüfung von wissenschaftlichen Sätzen notwendig ist, es sich hier also um eine Voraussetzung für Intersubjektivität und damit auch für Kritisierbarkeit handelt. Eine gewisse Ausnahme machen Untersuchungen, die sich ausschließlich theoretischen Fragen widmen. Aber auch hier wird man nicht ohne einen - wenn auch indirekten - Realitätsbezug auskommen.
Diese minimale Empirizität setzt einen minimalen ontologischen Realismus voraus. Das heißt, man muß davon ausgehen, daß es eine subjektunabhängige Außenwelt gibt. Dies ist zwar für jede Wissenschaft notwendig, deren Ziel darin besteht, möglichst viele wahre Sätze über einen abgegrenzten Gegenstandsbereich aufzustellen, aber keinesfalls eine so selbstverständliche Annahme, daß man sie an dieser Stelle stillschweigend voraussetzen könnte. So bestreitet nicht nur die Philosophie des deutschen Idealimus (Fichte, Schelling, Hegel u.a.) die Existenz einer vom Subjekt unabhängigen Außenwelt, sondern sogar einige aktuelle literaturwissenschaftliche Methoden vertreten diese idealistische Position.69
3.2.2.2 Wertfreiheit
Die Frage der Wertfreiheit der Wissenschaften wird schon seit längerer Zeit immer wieder diskutiert. Es erweist sich dabei als sehr nützlich zwischen dem Entstehungszusammenhang (EZ), dem Begründungszusammenhang (BZ) und dem Verwertungszusammenhang (VZ) für ein wissenschaftliches Projekt zu unterscheiden. Während sowohl im EZ als auch im VZ offensichtlich wissenschaftsexterne Werte eine Rolle spielen (wie beispielsweise persönliche Vorlieben des Forschers, gesellschaftliche Erwägungen etc.), sollte der BZ von diesen externen Einflüssen frei sein und sich nur an wissenschaftsinternen Werten orientieren, zu denen auch die bereits entwickelten Kriterien zählen. So wäre es beispielsweise inakzeptabel, den Kern seiner literaturwissenschaftlichen Argumentation davon beeinflussen zu lassen, daß man mit dem betreffenden Literaten befreundet ist oder im gleichen Verlag wie er publiziert.
Wichtig ist hier auch die verbreitete wissenschaftstheoretische Behauptung, daß eine Wissenschaft keine Werte im fundamentalen Sinn begründen kann. Damit ist selbstverständlich nicht gemeint, daß die Analyse von literarischen Wertungen nicht zum Gegenstandsbereich der Literaturwissenschaft gehört. Denn es ist ja eine empirische Frage, welche literarischen Werte in einer bestimmten Epoche bevorzugt wurden. Es kann im Rahmen der Literaturwissenschaft nur nicht begründet werden, was ein literarisches Werk an sich schön macht. Und dies ist in diesem Zusammenhang das entscheidende Kriterium. Der Grund liegt darin, daß es für Sätze, die Werte ausdrücken, keine vergleichbaren Beobachtungsinstanzen gibt wie für deskriptive Sätze. Außerdem ist das logische Schließen von rein deskriptiven Sätzen auf rein normative Sätze nicht möglich (Sein-Sollen-Problem). Solange aber keine fundamentale Grundlegung von Werten angestrebt ist, handelt es sich bei dem empirischen Problem von literarischen Wertungen um eine durchaus lohnenswerte literaturwissenschaftliche Fragestellung.
3.2.2.3 Theoretizität
Den wissenschaftstheoretischen Teil dieses Kapitels abschließend soll noch ein strukturelles Element der Wissenschaft (als System von Sätzen) behandelt werden. Es sind für eine erfolgreiche wissenschaftliche Theorie nicht nur minimale empirische Elemente, sondern auch bestimmte theoretische Komponenten notwendig. Das heißt eine literaturwissenschaftliche Analyse eines Romans kann nicht nur aus einer Aneinanderreihung von beobachteten Textmerkmalen o.ä. bestehen, sondern muß auch allgemeinere theoretische Aussagen über den Roman enthalten. Andererseits ist eine Interpretation, die ausschließlich aus theoretischen Sätzen besteht, ebensowenig sinnvoll. Die Forderung, daß keiner dieser beiden extremen Fälle auftreten darf, bildet an dieser Stelle das Kriterium. Zielführend kann es nur sein, wenn hier sowohl allgemeine Sätze (Hypothesen, universelle Sätze) als auch Beobachtungssätze (Textbelege) vorkommen und diese voneinander logisch abhängig sind.
Das Ziel wissenschaftlicher Vorgehensweise besteht also normalerweise im Aufstellen wahrer, allgemeiner Aussagen über einen bestimmten Gegenstand und damit im Erstellen einer Theorie über den Gegenstand.
3.2.3 Literaturtheorie
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Literatur setzt immer schon die Antwort auf die umstrittene Frage: Was ist Literatur? voraus. Denn auch jene Germanisten, welche die Behandlung von literaturtheoretischen Fragen von vorneherein als unfruchtbar oder dem Gegenstand wenig adäquat ablehnen, verwenden entsprechende implizite Theorien. Ohne denselben gelänge es ihnen nicht einmal, zwischen Literatur und anderen sprachlichen Formen der Kommunikation zu unterscheiden.
Es wäre natürlich auch hier vermessen, eine ausgearbeitete Literaturtheorie vorlegen zu wollen und dann vielleicht noch apodiktische Entscheidungen darüber zu treffen, was Literatur ist und was nicht. Mein Ziel ist viel bescheidener. Es sollen nur einige wenige ontologische Eigenschaften der Literatur behandelt werden, denen die meisten, die sich professionell dieses Gegenstandes annehmen, zustimmen können sollen. Gibt es einen solchen kleinsten gemeinsamen Nenner?
Sehr viele Literaturtheorien und die auf ihnen aufbauenden methodischen Ansätze gehen von einer gewissen Offenheit des literarischen Werkes aus. Dies wurde schon im historisch-systematischen Abriß des zweiten Kapitels deutlich und gilt für moderne Ansätze der Hermeneutik, den New Criticism, (Teile des) Strukturalismus und die Rezeptionsästhetik.70 Doch interessanterweise läßt sich in diesem Punkt sogar eine Übereinstimmung zwischen der Dekonstruktion und der Empirischen Literaturwissenschaft konstatieren, denn beide halten Literatur für hochgradig polyvalent, ziehen aber völlig unterschiedliche Schlüsse daraus.71 Erstere lehnt unter anderem mit dem Hinweis auf die Polyvalenz jede objektive Beschäftigung mit Texten als unmöglich ab, letztere verschiebt ihren Gegenstandsbereich deshalb vom Text hin zur Analyse von Kommunikationssystemen.
Ohne eine entsprechende Präzisierung bleiben die Begriffe Offenheit und Polyvalenz ziemlich vage, und am besten beschreibt man sie aus der Perspektive des Rezipienten. Die wichtigste Konsequenz der Polyvalenz ist hier, daß ein literarisches Werk offen für die verschiedensten Erfahrungen seiner potentiellen Leser ist. Ein Beleg für diese Tatsache sind nicht nur die individuell höchst unterschiedlichen Leseerlebnisse (auch von professionellen Rezipienten), sondern auch, daß Literatur oft über große Zeiträume hinweg rezipierbar ist, also auch dann noch, wenn das Wissen über den Entstehungskontext nur minimal ist. Und wäre Literatur vollständig durch externe Faktoren determiniert - was von manchen marxistischen Theoretikern vertreten wird - ließe sich letzteres nicht erklären. Diese Polyvalenz ist also eine notwendige ontologische Eigenschaft von Literatur.72 Diese Hypothese wird auch im nächsten Abschnitt gestützt, in dem linguistische Erkenntnisse herangezogen werden, da sich dort unter anderem herausstellen wird, daß schon in der alltäglichen Produktion und Rezeption von Texten Polyvalenz eine Rolle spielt. Wenn also Polyvalenz bereits in der Beschreibung der alltäglichen Sprachverwendung von Bedeutung ist, und sich die Literatur aus sprachlichen Objekten zusammensetzt, dann ist Polyvalenz natürlich auch für die Beschreibung von Literatur von Bedeutung.
Damit wäre auch der zweite literaturtheoretische Aspekt angesprochen, den ich im nächsten Abschnitt noch etwas näher beleuchten will: den sprachlichen Charakter von Literatur. Auf literaturtheoretischer Ebene soll diese Tatsache hier nur konstatiert werden, wichtige Konsequenzen daraus werden im nächsten Abschnitt dargelegt.
Welche konkreten Kriterien ergeben sich nun aus den bisherigen Überlegungen? Zum einen sind Interpretationen abzulehnen, welche die ontologische Polyvalenz von Literatur explizit bestreiten oder deren Untersuchungsergebnisse nur dann möglich sind, wenn sie die Eigenschaft der Polyvalenz literarischer Werke negieren. Letzteres ist insbesondere dann der Fall, wenn behauptet wird, die vorgelegte Lesart sei die einzig mögliche, alternative Monosemierungsprozesse also von vorneherein bestritten werden.
Was die Sprachlichkeit von Literatur angeht, so ist an dieser Stelle nur das (wenig ergiebige) negative Kriterium möglich, daß diese konstitutive Eigenschaft nicht bestritten werden darf. Aber dies wird in der Praxis auch kaum der Fall sein. Umstritten wird diese Frage, wenn die einzelnen Konsequenzen festgelegt werden müssen, die sich aus der Sprachlichkeit ergeben.
3.2.4 Linguistik
Es gab in der Literaturwissenschaft immer wieder Versuche, linguistische Erkenntnisse zu integrieren.73 Und es ist durchaus naheliegend - wenn nicht überhaupt notwendig -, bei entsprechendem Bedarf auf die philologische Schwesterdisziplin zurückzugreifen. Überdies war die Linguistik in den letzten Jahrzehnten ausgesprochen erfolgreich, und so sollte diese Kooperation eigentlich selbstverständlich sein.
Im Fall der vorliegenden Arbeit geht es vor allem darum zu klären, welche Folgerungen aus der Tatsache gezogen werden müssen, daß es sich bei literarischen Werken um sprachliche Gegenstände handelt. Zu diesem Zweck scheint vor allem ein Blick auf zwei sprachwissenschaftliche Fächer aufschlußreich: die Text- und die Psycholinguistik.
Erstere ist - sieht man einmal von Vorläufern wie der Rhetorik ab - in den sechziger Jahren entstanden.74 Damals wurde versucht, analog zur klassischen Grammatik eine Textgrammatik zu entwickeln, und es standen Fragen der Textkohäsion (Rekurrenzen, Substitutionsanalyse usw.) im Mittelpunkt. Da sich auf dieser Basis viele Probleme jedoch nicht lösen ließen,75 wurden in einem nächsten Schritt auch semantische Aspekte (Textkohärenz) miteinbezogen. In diesem Rahmen entstand beispielsweise A.J. Greimas Isotopienmodell.76 Doch auch dadurch konnte ein Text noch nicht hinreichend beschrieben werden. Und so setzte sich die Erkenntnis durch, daß eine Berücksichtigung von pragmatischen Komponenten notwendig ist. Diese Integration der Kommunikation in die Textmodelle stellte den entscheidenden Durchbruch dar. Innerhalb dieses pragmatischen Ansatzes ist es sinnvoll, zwischen Kontextmodellen und Kommunikativen Textmodellen zu unterscheiden. Während bei ersteren noch der Text als sprachliche Struktur im Zentrum steht, betonen letztere die Komponente der Kommunikation - oft vor dem Hintergrund der Sprechakttheorie. In jüngster Zeit treten immer mehr kognitive Ansätze in den Vordergrund.77 Dabei werden sehr erfolgreich Erkenntnisse der Kognitiven Psychologie für (text)linguistische Fragestellungen fruchtbar gemacht. Ihr Ziel besteht in der Entwicklung adäquater prozeduraler Textbeschreibungsmodelle, in welche die Vielzahl von psychischen Prozessen der Textproduktion und -rezeption einfließt. Leider ist hier eine ausführliche Referierung der Forschungsergebnisse nicht möglich. Die folgenden Anmerkungen stützen sich überwiegend auf die Monographie Textlinguistik. Eine Einführung von Wolfgang Heinemann und Dieter Viehweger78 sowie auf das inzwischen ebenfalls zum Standardwerk avancierte Buch Einführung in die Textlinguistik von Robert-Alain de Beaugrande und Wolfgang Dressler79.
Text ist für diese Linguisten ein extensional sehr weiter Begriff und schließt auch die mündliche Kommunikation mit ein. Aus diesem Grund sind auch nicht alle neuen Erkenntnisse für die Literaturwissenschaft im engeren Sinn relevant. Trotzdem können sie sehr aufschlußreich für letztere sein. Denn als erstes wird durch sie die obige literaturtheoretische Feststellung gestützt, Literatur sei polyvalent. Dies ist vor allem aufgrund der Tatsache der Fall, daß schon in der Rezeptionen von (schriftlichen) Texten in der alltäglichen Kommunikation zahlreiche Mechanismen nötig sind, um den semantischen Gehalt eines Textes als eine Einheit zu erfassen. Diese bestehen unter anderem in diversen kognitiven Wissensstrukturen (z.B. enzyklopädisches Wissen und Interaktionswissen) sowie der jeweiligen konkreten Kommunikationssituation. Und gerade das ist für die Suche nach Kriterien zur Überprüfung literaturwissenschaftlicher Methoden entscheidend, weil dies bedeutet, daß eine Erklärung der semantischen Einheit eines Textes nur durch textexterne Faktoren adäquat möglich ist. Und das heißt nichts anderes, als daß der Text an sich (als graphisch vorliegendes Produkt) prinzipiell semantische Ambiguitäten aufweist, also in gewisser Hinsicht polyvalent ist. Wenn dies nun für alle Texte gilt, muß es natürlich auch für literarische Texte gelten. Denn auch wenn die Polyvalenz der letzteren diejenige der ersteren in der Regel bei weitem übersteigt, muß der Literatur schon aus obigen text- und psycholinguistischen Erwägungen heraus eine minimale Polyvalenz zugestanden werden.
Kombiniert man nun die literaturtheoretischen mit diesen linguistischen Überlegungen, kann kein Zweifel mehr daran bestehen, daß eine literaturwissenschaftliche Analyse, die (nur) dadurch zu einem Ergebnis kommt, daß sie den polyvalenten Charakter von Literatur bestreitet, keine adäquate Behandlung dieses sprachlich-ästhetischen Gegenstandes darstellt.
Der zweite zentrale Aspekt für die angestrebten Kriterien ergibt sich, wenn man den Blick auf die schon erwähnten textexternen Faktoren lenkt. Analysiert man die aktuellen und komplexen Textmodelle80 auf ihre theoretischen Gemeinsamkeiten hin, so stellt man fest, daß für eine adäquate Texttheorie die Berücksichtigung von Merkmalen der Textoberfläche, der Texttiefenstruktur unter Hinzunahme einer Theorie der Kommunikation sowie kognitiver Voraussetzungen hinreichend ist.81 Man kann also einen Text nur dann zufriedenstellend beschreiben, wenn pragmatische Faktoren (wie der Kommunikationskontext) berücksichigt werden. Welche Konsequenzen hat dies für die Literaturwissenschaft? Als erstes wird man sich wohl von denjenigen Literaturkonzepten verabschieden müssen, die Literatur in der Tradition der Kantianischen Ästhetik als (und nur als) autonomen Gegenstand untersuchen wollen. Livingston kommt - wenn auch von anderen theoretischen Überlegungen ausgehend - zu demselben Ergebnis:
In reality, works of art, texts, or symbolic artefacts are not autonomous, perfect, functionless, and meaningful in themselves; they are human artifacts produced under certain circumstances and in specific contexts.82
Intendiert man eine möglichst umfassende Beschreibung eines literarischen Werkes, werden also notwendigerweise extrinsische Faktoren herangezogen werden müssen. Dabei handelt es sich unter anderem um die Rekonstruktion der Kommunikationssituation, zu der man wiederum auf sozialgeschichtliche und soziologische Erkenntnisse wird zurückgreifen müssen.83
Um einem Mißverständnis vorzubeugen, muß betont werden, daß damit nicht postuliert werden soll, jede literaturwissenschaftliche Untersuchung müsse die angesprochenen Aspekte miteinbeziehen. Natürlich sind auch weiterhin Analysen mit eingeschränkter Fragestellung möglich und oft auch sehr sinnvoll.84 Obige Forderung gilt nur für Untersuchungen mit dem globalen Anspruch, ein literarisches Werk so umfassend zu untersuchen wie überhaupt möglich. Und in diesem Fall dürfen textexternen Faktoren keinesfalls unberücksichtigt bleiben.
Als konkrete Kriterien ergeben sich also folgende. Erstens dürfen die Ergebnisse einer literaturwissenschaftlichen Untersuchung nicht dem polyvalenten Charakter der Literatur widersprechen. Zweitens dürfen sie auch nicht in Widerspruch zu den Konsequenzen stehen, die sich aus dem sprachlichen Charakter der Literatur ergeben. Letzteres wäre insbesondere dann der Fall, wenn die Untersuchungsergebnisse nur dadurch zustandekommen, daß sie der oben skizzierten Kontextabhängigkeit widersprechen oder diese explizit bestritten wird.
3.3 Zusammenfassung: Kriterienkatalog
Um das Kapitel abzuschließen, werden im folgenden die Kriterien für adäquates literaturwissenschaftliches Arbeiten systematisch zusammengefaßt. Es sei noch einmal darauf hingewiesen, daß es sich dabei nur um minimale notwendigeVoraussetzungen handelt.
Intersubjektivität
(I1) Die Schlußfolgerungen einer Untersuchung müssen von ihren Prämissen so gestützt werden, daß dieses Stützungsverhältnis intersubjektiv nachvollziehbar ist.
(I2) Hypothesen und Ergebnisse der Untersuchung sollen explizit formuliert werden.
Fachsprache
(F1) An zentralen Stellen der Argumentation muß der semantische Gehalt der Aussagen präzise sein. Dazu gehört insbesondere, daß dort keine dichtungssprachlichen Elemente verwendet werden dürfen.
(F2) Die Argumentation muß logisch widerspruchsfrei sein.
(F3) Die Argumentation darf keine logischen Fehlschlüsse enthalten.
Empirizität
(E1) Alle Tatsachenbehauptungen müssen sich prinzipiell belegen lassen.
(E2) Die ontologische Annahme eines minimalen Realismus (also der Existenz einer subjektunabhängigen Außenwelt) darf nicht verletzt werden.
Wertfreiheit
(W1) Es dürfen keine Werte im fundamentalen Sinn begründet werden.
Theoretizität
(T1) Die Analyse eines literarischen Werkes darf weder ausschließlich als Tatsachenbeschreibungen (Basissätzen) noch ausschließlich aus allgemeinen Sätzen bestehen.
Literaturtheorie
(LT1) Die Ergebnisse einer Untersuchung, die nur dadurch zustandekommen, daß sie den polyvalenten Charakter von Literatur bestreiten, sind nicht adäquat.
(LT2) Die Ergebnisse einer Untersuchung, die nur dadurch zustandekommen, daß sie den sprachlichen Charakter von Literatur bestreiten, sind nicht adäquat.
Linguistik
(LI1) Literatur ist bereits aufgrund ihres sprachlichen Charakters (minimal) polyvalent (Stützung von (LT1)).
(L12) Wenn eine umfassende Beschreibung eines literarischen Werkes intendiert ist, müssen textexterne Faktoren berücksichtigt werden.
Endnoten:
1 Paul Weingartner geht in seiner Wissenschaftstheorie auf beide Auffassungen näher ein, indem er sowohl die notwendigen Bedingungen für die Wissenschaft als Tätigkeit (Kapitel 3) als auch als System von Sätzen (Kapitel 4) diskutiert. Vgl. Weingartner (1978)
2 Besonders augenfällig sind die Fortschritte der letzten 150 Jahre.
3 Livingston (1988)
4 Neben den Sophisten ist als wohl bekanntester Skeptiker Sextus Empiricus zu nennen, der in seinem Grundriß der pyrrhonischen Skepsis eine umfassende Ausarbeitung dieser Denkrichtung vorlegte; Sextus Empiricus (1985)
5 Saint Augustine (1957)
6 "Und so komme ich, nachdem ich derart alles mehr als zur Genüge hin und her erwogen habe, schließlich zu dem Beschluß, daß dieser Satz: "Ich bin, ich existiere", so oft ich ihn ausspreche oder in Gedanken fasse, notwendig wahr ist." Descartes (1972) S. 18
7 vgl. Livingston (1988) S. 42ff. Dort wird auch anhand eines Arguments von Jacques Derrida gezeigt, wie dieser Zirkel konkret aussieht.
8 "Their skeptical challenge seems to be important only if we add one additional premise: it is reasonable to consider a belief to be knowledge only when we know with absolutely certainty that it is true." Livingston (1988) S. 52
9 Livingston (1988) S. 56
10 vgl. Livingston (1988) S. 58f. und S. 173f.
11 Auf die Frage, was diese vage Behauptung eigentlich genau bedeutet, wird im folgenden nicht eingegangen, sondern "in dubio pro reo" einmal vorausgesetzt, daß es für einen Relativisten klar ist, was exakt er unter einem "theoretischen Rahmen" versteht und wie sich die Relation desselben mit der menschlichen Kognition beschreiben läßt. Denn offensichtlich setzt (1) selbst wieder implizite Annahmen z.B. über die kognitiven menschlichen Fähigkeiten voraus.
12 Livingston (1988) S. 59
13 Die genauen Kriterien für die Abgrenzung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften sind nicht unumstritten. Ohne hier auf die wissenschaftstheoretische Diskussion zu diesem Thema näher eingehen zu können, ist es für den Zweck dieses Abschnitts ausreichend, pragmatisch von der entsprechenden Einteilung im Universitätsbereich auszugehen.
14 Es seien an dieser Stelle nur Leibniz, Hume und Kant genannt.
15 Der französische Soziologe Hippolyte Taine, der eine positivistische Position vertrat, war einer der geistigen Gründerväter dieser Konzeptionen. ]
16 Snow (1993) S. 16
17 In der Literaturwissenschaft wären hier v.a. die Empirische Literaturwissenschaft sowie strukturalistische und semiotische Ansätze zu erwähnen. Auch in einigen Teilfächern der neueren Linguistik wird zusehends auf naturwissenschaftliche Ergebnisse zurückgegriffen, wie in der Text- und Psycholinguistik (kognitive Psychologie) und der Computerlinguistik.
18 Daß diese Versuche zum Scheitern verurteilt sein mußten sieht man schon daran, daß eine solche Übertragung spezieller Methoden nicht einmal innerhalb der Naturwissenschaften funktionieren würde, einmal ganz abgesehen von einer Übertragung auf eine Geisteswissenschaft.
19 Eine analoge Vorgehensweise findet man in den Formalwissenschaften, also in der Logik und der Mathematik. Wenn man etwas beweisen will, geht man genau auf diejenige höhere Stufe, die für diesen Beweis hinreichend ist.
20 Wissenschaftstheorie, Literaturtheorie und Linguistik.
21 Daß dies keine Selbstverständlichkeit ist, sieht man nicht nur in der aktuellen Diskussion (gerade unter französischen Philosophen), sondern auch, wenn man sich die möglichen Auffassungen des Verhältnisses der Wissenstypen vor Augen führt:
"[...] the relation between the two main families of knowledge can be perceived as a conflictual opposition, as a total incommensurability, or as a form of integrated and systematic differentiation." Livingston (1988) S. 114
22 Livingston (1988) S. 90
23 Livingston beschreibt diese divergenten Anschauungen so:
"Thus one kind of extreme realist position holds that scientific theory should be granted priority over other conceptions both in regard to epistemology and ontology [...] Empiricism offers the opposite conception, for it grants priority in both cases to the manifest, ordinary, or everyday image of the world [...] the instrumentalist position contends that theoretical terms should not be thought to refer to existing realities unless they can be linked to direct observation." Livingston (1988) S. 86
24 Der an Details interessierte Leser sei auf das dritte Kapitel in Livingstons Studie verwiesen, On Scientific Realism. Livingston (1988) S. 80ff.
25 Diese Position ist eine ideale Ergänzung der referierten Vorstellungen Livingstons, da durch sie dessen gemäßigt realistische wissenschaftstheoretische Position und sein Wissensbegriff positiv begründet werden kann, während Livingston (wie später ausgeführt) eine negative Vorgehensweise bevorzugt, indem er alternative Theorien kritisiert.
26 Albert (1991)
27 vgl. Albert (1991) S. 15
28 vgl. die Kapitel III. (Erkenntnis und Entscheidung), IV. (Geist und Gesellschaft) sowie VII. (Das Problem einer rationalen Politik) in Albert (1991).
29 Gerade in bezug auf Ethik und Sozialphilosophie, ließen sich noch viele kritische Fragen an die Vertreter der oben kritisierten Position des Relativismus stellen. Ohne an dieser Stelle näher darauf eingehen zu können, sei doch darauf verwiesen, daß sie zu erheblichen ethischen Problemen führt. Denn wenn alle Wahrheit relativ ist, kann beispielsweise die universelle Geltung der Menschenrechte nicht mehr begründet werden.
30 "Wenn es, wie sich aus der kritischen Analyse des Begründungspostulats ergab, niemals sicher sein kann, daß eine bestimmte Theorie wahr ist [...], dann lohnt es sich stets, nach Alternativen zu suchen, nach anderen Theorien, die möglicherweise besser sind, weil sie größere Erklärungskraft haben"; Albert (1991) S. 59
31 vgl. Popper (1989) S. 428ff. Auch in dem 1960 entstandenen Text Wahrheit und Annäherung an die Wahrheit beschäftigt sich der Philosoph mit diesem Problem. vgl. Popper (1995) S. 164ff.
32 "If the dualists cannot provide an invulnerable account of their position, it is said, we are expected to imagine that the opposite viewpoint is right, even though it has neither been specified in detail nor positively defended."; Livingston (1988) S. 117
33 vgl. Livingston (1988) S. 121ff.
34 vgl. Livingston (1988) S. 141ff.
35 vgl. Livingston (1988) S. 150, Fußnote 2
36 vgl. Livingston (1988) S. 154ff.
37 vgl. Livingston (1988) S. 107ff.
38 Dabei ist zu betonen, daß bei einem solchen Dialog nicht nur die Geistes- von den Naturwissenschaften profitieren würden, sondern natürlich auch umgekehrt. So gehen ja auch obige Analysen auf geisteswissenschaftliche Überlegungen zurück. Es besteht auf Seiten der Geisteswissenschaften also kein Grund für eine falsche Bescheidenheit.
39 Livingston (1988) S. 119/120
40 Weingartner (1991)
41 Weingartner (1991) S. 13
42 Natürlich müssen auch die (Formulierungen der) Rahmentheorien beispielsweise dem Kriterium der Kritisierbarkeit genügen, um als im strengen Sinn wissenschaftliche Theorien bestehen zu können.
43 Unter Normalbedingungen heißt, daß gewisse Voraussetzungen für das intersubjektive Nachvollziehen einer Untersuchung angenommen werden müssen, wie beispielsweise, daß der betreffende Mensch nicht unter Drogeneinfluß steht o.ä. Natürlich werden in der Praxis mit 'jedem Menschen' in erster Linie Wissenschaftler des gleichen Faches angesprochen. Die Ergebnisse sollten jedoch für jeden Menschen intersubjektiv überprüfbar sein, der sich die entsprechenden Fachkenntnisse angeeignet hat.
44 In den Worten des Wissenschaftstheoretikers Karl Popper: "Die Objektivität der wissenschaftlichen Sätze liegt darin, daß sie intersubjektiv nachprüfbar sein müssen." (Popper (1989) S. 18)
45 Leider kann an dieser Stelle nicht ausführlicher auf die Theorie der Rationalität eingegangen werden. Einen komprimierten Überblick zu diesem Problemkomplex gibt William Warren Bartley in Seiffert (1992) S. 282ff.
46 Technisch ausgedrückt: Ein Satz A muß mit Hilfe einer rationalen Schlußprozedur aus einer Satzmenge folgen.
47 Livingston spricht sich sogar grundsätzlich gegen die Übertragung von formalen Theorien auf literaturtheoretische Fragestellungen aus:
"A literary theory does not try to substitute calculations for creation, deductions for readings. Nor does it want to replace criticism with a machine." Livingston (1988) S. 15
Allerdings geht er hier fälschlicherweise von der Annahme aus, daß eine formale Theorie immer als Algorithmus verstanden werden müsse. Es lassen sich aber sehr wohl andere Modelle vorstellen.
48 Harald Fricke begründet in seiner (später ausführlich referierten Arbeit) über die Sprache der Literaturwissenschaft (1977), daß aufgrund des Anwendungsinteresses der Geisteswissenschaft (d.h. ihrer gesellschaftlichen Bedeutung) eine rein formale Sprache nicht in Frage kommt.
49 Hempel (1977). Das bekannteste Schema darin ist das der deduktiv-nomologischen Erklärung, die Hempel im zweiten Kapitel seines Buches diskutiert.
50 Toulmin (1969)
51 S.J. Schmidt diskutiert in seiner Literaturwissenschaft als argumentierende Wissenschaft die Vor- und Nachteile der Toulminschen Theorie. vgl. Schmidt (1975) S. 52ff.
52 "In der Wissenschaftssprache herrscht ein durchgängiger Zug zur Einengung der in unserer alltäglichen Sprache noch bestehenden Freiheiten, d.h. zur Vermehrung und explizit vorgenommenen Verschärfung der dort implizit gültigen sprachlichen Regeln. [...]Im Gegensatz dazu besteht in der Dichtungssprache die Tendenz, die in der Standardsprache vorhandenen Freiheiten noch zu erweitern und die gültigen Regeln aufzulockern." Fricke (1977) S. 24
Fricke geht also vom literaturtheoretischen Modell der Abweichung von der Standardsprache aus. Diese theoretische Konzeption hat er später in Norm und Abweichung. Eine Philosophie der Literatur (1981) ausführlich begründet.
53 vgl. Fricke (1977) S. 36
54 Vor der Analyse wurde explizit festgelegt, was unter einem Element der Dichtungssprache zu verstehen ist. Von einer Wiedergabe dieser (und anderer) Definitionen sehe ich hier jedoch ab. Vgl. Fricke (1977) S. 36ff.
55 Fricke (1977) S. 158
56 vgl. Fricke (1977) S. 170ff
57 Fricke (1977) S. 184
58 Es handelt sich dabei um eine Korrespondenztheorie für (teil)formalisierte Sprachen, die (stark vereinfacht ausgedrückt) einen Satz genau dann als wahr bezeichnet, wenn er mit der Realität übereinstimmt.
59 Die Einschränkungen müssen an dieser Stelle nicht detailliert wiedergegeben werden. Sie laufen jedoch darauf hinaus, daß bestimmte Paradoxa nicht mehr möglich sein sollen, wie der seit der Antike diskutierte Satz: "Ein Kreter sagt: Alle Kreter lügen". Wenn er falsch ist, müßte er wahr sein und umgekehrt.
Hält man diese Einschränkungen nicht ein, läßt sich logisch beweisen, daß unendlich viele Widersprüche möglich sind. Damit geht natürlich der Verlust der Wahrheitsfähigkeit der Sprache einher.
Vgl. auch Fricke (1977) S. 188ff.
60 vgl. Fricke (1977) S. 243
61 Fricke (1977) S. 253
62 Fricke (1977) S. 255
63 Entsprechende Definitionen liefert Weingartner in Anlehnung an Popper:
"Der empirische Gehalt eines Satzes (einer Aussage) ist definiert als die Menge jener Basisaussagen ohne Wertprädikate, die von dem betreffenden Satz logisch ausgeschlossen werden"; Weingartner (1978) S. 45
"Der logische Gehalt eines Satzes (einer Aussage oder einer Norm) ist definiert als die Menge derjenigen Sätze, die aus dem betreffenden Satz logisch-ableitbar sind." vgl. Weingartner (1978) S.44
"Der Wert-Gehalt eines Satzes (einer Aussage) ist definiert als die Menge jener Basisaussagen mit Wertprädikaten, die von dem betreffenden Satz logisch ausgeschlossen werden"; Weingartner (1978) S. 45
"Der normative Gehalt eines Satzes (einer Norm, Regel) ist definiert als die Menge jener Basisnormen, die vom betreffenden Satz logisch ausgeschlossen werden"; Weingartner (1978) S. 46
64 Das heißt, der seit Aristoteles fundamentale Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch, daß es nicht der Fall ist, daß P und daß zugleich nicht-P der Fall ist, darf nicht verletzt werden.
65 Dies bezieht sich sowohl auf logisch ungültige Argumentationsschemata als auch auf mögliche Fehlschlüsse wie Petitio Principii, Ignoratio Elenchi, Naturalistic Fallacy u.ä.
66 vgl. die entsprechende Definition im letzten Abschnitt
67 Hier sind sowohl phonetische, syntaktische und semantische als auch pragmatische Textelemente (Kontext) gemeint.
68 Insbesondere sind hier auch biographische, sozial- und literaturgeschichtliche Tatsachen zu erwähnen, aber auch die Ergebnisse soziologischer Untersuchungen (z.B. zu Fragen der Rezeption).
69 Das gilt für alle Literaturwissenschaftler, die sich seit einiger Zeit dem radikalen Konstruktivismus verpflichtet fühlen. Daß dazu auch seit einiger Zeit eine Strömung der Empirischen Literaturwissenschaft um S.J. Schmidt gehört, ist besonders brisant und wird an späterer Stelle noch ausführlicher behandelt.
70 Es handelt sich hier naturgemäß um eine starke Vereinfachung, und man wird aus jeder dieser Schulen immer einen Theoretiker finden, der sich gegen die Polyvalenz der Literatur ausspräche, und so soll obige Aufzählung am besten als statistische Annäherung aufgefaßt werden.
Trotzdem kann man S.J. Schmidt zustimmen, wenn er zu dieser Frage schreibt:
"Wie ein Leitmotiv zieht sich durch die theoretischen Arbeiten zur Begründung der Literaturwissenschaft der Topos, daß ein literarisches Werk keine "objektive Gegebenheit" sei, die der Leser lediglich zur Kenntnis zu nehmen habe (oder nehmen könne), sondern ein "Sinngebilde", das im "Erleben", "Verstehen", "Interpretieren" etc. "konstituiert", "konkretisiert" oder "generiert" werde. Hermeneuten und Phänomenologen, Strukturalisten und Kommunikationstheoretiker der Literaturwissenschaft treffen sich - wenn auch mit unterschiedlichen Argumentationen - etwa an diesem Punkt und ziehen daraus die unterschiedlichsten Konsequenzen für Theorie und Praxis der Literaturwissenschaft." Schmidt (1975) S. 136/137
71 Allerdings handelt es sich in der Empirischen Literaturtheorie, wie sie S.J. Schmidt in seinem Grundriß der Empirischen Literaturwissenschaft entwickelte, nicht um eine ontologische Eigenschaft von Literatur, sondern um die Konvention eines Kommunikationssystems (vgl. Abschnitt 4.1.2.1).
72 Der Grad an Polyvalenz ist zwar durchaus von Werk zu Werk verschieden und weist beispielsweise bei einem naturalistischen Drama ein geringeres Ausmaß auf als in avantgardistischen Literaturformen. Entscheidend ist aber, daß ein Mindestmaß an Polyvalenz vorhanden ist.
73 Und es gibt mit der Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik (LiLi) sogar ein Periodikum, daß sich schwerpunktmäßig dieser Zusammenarbeit annimmt.
74 Inzwischen ist eine Vielzahl von Fachpublikationen erschienen. Die Bibliographie von Klaus Brinker aus dem Jahr 1993 verzeichnet 4019 einschlägige Arbeiten. Brinker (1993).
Einen interessanten Einblick in die Geschichte dieser jungen Disziplin, die in dieser Untersuchung nur kurz angerissen werden kann, erlaubt der von Wolfgang Dressler herausgegebene Band Textlinguistik (Darmstadt (1978), in dem zentrale Aufsätze aus den Jahren 1912 bis 1972 versammelt sind.
75 So gab es Texte, deren Status als Text durch Oberflächenmerkmale allein nicht erklärt werden konnten.
76 Greimas (1966)
77 Und dies so stark, daß man versucht ist - analog zur pragmatischen Wende in den sechziger Jahren - bereits von einer kognitiven Wende der Linguistik zu sprechen.
78 Heinemann/Viehweger (1991)
79 Beaugrande/Dressler (1981)
80 Als ein Beispiel sei das prozedurale Beschreibungsmodell von Beaugrande und Dressler (vgl. Beaugrande/Dressler 1981) erwähnt. Als Kriterien für Textualität werden die folgenden benannt, denen die beiden Wissenschaftler in ihrem Buch jeweils ein separates Kapitel gewidmet haben: Kohäsion, Kohärenz, Informativität, Intentionalität (im Hinblick auf die Textproduktion), Akzeptabilität (im Hinblick auf die Textrezeption) sowie Situationalität (kommunikativer Rahmen). Während sich die ersten drei Kriterien auf den Text beziehen, sind die letzten drei pragmatischer Natur.
Und obwohl man natürlich immer noch nicht jeden Zweifel ausschließen kann, ob diese kognitiv orientierten Textbeschreibungsmodelle ganz adäquat sind, lassen sich schon allein aus der Betrachtung der Komplexität dieser Theorien interessante Schlußfolgerungen ziehen. Blickt man von ihnen zurück auf ihre frühen Vorläufer, die Textgrammatiken und semantischen Ansätze, wird nämlich deutlich, daß letztere aufgrund ihrer schwachen Voraussetzungen nicht einmal annähernd in die Reichweite eines adäquaten Textmodells gelangt sind.
81 Natürlich könnte man diese kognitiven Voraussetzungen auch gleich in eine Theorie der Kommunikation integrieren, dann wäre ihre zusätzliche Erwähnung überflüssig.
82 Livingston (1988) S. 223
83 Ein weiterer Beleg hierfür ist die Möglichkeit einer sehr fruchtbaren Anwendung von soziologischen Theorien für literaturwissenschaftliche Fragestellungen. Als ein Beispiel sei nur Norbert Elias' Theorie der Zivilisation genannt.
84 Oft bringen ja gerade Projekte, die sich auf eine überschaubare Fragestellung konzentrieren, interessantere Ergebnisse hervor als jene mit globalen Ansprüchen.
© Köllerer, Christian: Methoden und Rahmentheorien in der Literaturwissenschaft. Ein Vorschlag zur kritischen Analyse und Bewertung sowie Anwendung auf die Kafka-Forschung. Marburg: Tectum 1996 (=Edition Wissenschaft, Reihe Germanistik Bd. 23; MF-Edition!)
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