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Kaptitel 2: Theoretische Grundlagen

von Christian Köllerer

2.1 Grundprobleme der Literaturwissenschaft

2.1.1 Literaturtheoretische Grundlagenprobleme
2.1.2 Wissenschaftstheoretische Grundlagenprobleme

2.2 Begriffsbestimmung ‘Analytische Literaturwissenschaft'

2.3 Geistes- und wissenschaftsgeschichtliche Einordnung



2.1 Grundprobleme der Literaturwissenschaft

Ziel dieses Kapitels ist es, die zentralen theoretischen Forschungsprobleme möglichst präzise zu formulieren, mit denen sich die moderne Literaturwissenschaft konfrontiert sieht bzw. sich konfrontiert sehen sollte. Das Ergebnis dieser Überlegungen wird ein systematisches Problem- und Fragenraster sein, mit dessen Hilfe dann einerseits die Eingrenzung des Begriffs ‘Analytische Literaturwissenschaft' möglich ist, andererseits ein strukturierter Überblick über die Geschichte der ALW gewonnen werden kann. Die Erörterung der literaturtheoretischen Grundlagenprobleme hat einen konstruktiven Charakter, d.h. es geht um die Auslotung einiger möglicher Auffassungen in der Literaturtheorie, die untereinander auch konträr sein können, nicht um die Präsentation einer einzigen Position.


2.1.1 Literaturtheoretische Grundlagenprobleme

Jede literaturwissenschaftliche Tätigkeit setzt eine Literaturtheorie voraus. Allerdings stößt man in der Forschungsliteratur nur selten auf explizite literaturtheoretische Feststellungen, von spezifischen theoretischen Publikationen einmal abgesehen. Oft wird die literaturtheoretische Position nur andeutungsweise umrissen, manchmal aber fehlen sogar diese wenigen Indizien. Das ist um so unverständlicher, als sich aus der Antwort auf diese grundlegende Frage eine Fülle von praktischen Konsequenzen für die literaturwissenschaftliche Arbeitsweise ergeben. Im folgenden werde ich jedoch noch keine Antwort auf diese Frage vorschlagen, sondern erst einmal die theoretischen Kategorien in ihrer allgemeinsten Form diskutieren, welche den Rahmen für eine entsprechende Antwort abstecken.

Nimmt man den Begriff ‘Gegenstand' als allgemeinste ontologische Entität, bietet sich zuerst einmal die Einteilung in materielle und abstrakte Gegenstände an. Die erste Klasse von Gegenständen kann exemplarisch dadurch charakterisiert werden, daß sie mindestens die Referenzobjekte von Eigennamen (‘Berlin', ‘New York', ‘Bill Clinton' usw.) enthält.1 Die Natur/Das Wesen der Gegenstände der zweiten Klasse wird seit der Antike kontrovers diskutiert. Bekanntlich lassen sich in diesem Universalienstreit drei grundlegende Positionen unterscheiden: 1. Abstrakte Gegenstände existieren selbständig und unabhängig von den materiellen Gegenständen bzw. sind diesen sogar hierarchisch übergeordnet (Realismus). 2. Abstrakte Gegenstände haben keinerlei selbständige Existenz, sondern lassen sich auf materielle Gegenstände reduzieren (Nominalismus). 3. Eine Position, die zwischen diesen beiden Polen liegt, den abstrakten Gegenständen also eine relative Selbständigkeit, wenn auch keine völlige Unabhängigkeit zugesteht.

Auf der abstraktesten Ebene steht man vor einem diffizilen philosophischen Problem: Welchen ontologischen Status hat Literatur? Daß der Begriff ‘Literatur' nicht die materiell vorliegenden Bücher (die physikalischen Gegenstände) als Referenzobjekte haben kann, ist offensichtlich. Ansonsten gäbe es ja nicht nur jeweils ein literarisches Werk, wie Musils Mann ohne Eigenschaften, sondern so viele "Männer ohne Eigenschaften" wie es Bücher dieses Werkes gibt. Ein literarisches Werk ist also ein abstrakter Gegenstand, wenn er auch auf eine materiale Trägerbasis wie Bücher angewiesen ist.2 Mit dem Prädikat abstrakt ist aber noch nicht sehr viel gewonnen, weil die entscheidende Frage, von welcher Art der abstrakte Gegenstand Literatur sei, noch nicht beantwortet ist. Dazu ist es nötig, etwas weiter auszuholen, wobei die folgenden Klassifikationen als heuristische zu verstehen sind, es sich also nicht um eine von mir vorgeschlagene ontologische Theorie handelt.

Die abstrakten Gegenstände können jetzt für den Zweck der vorliegenden Untersuchung weiter unterteilt werden, und zwar in ästhetische und nicht-ästhetische (abstrakte) Gegenstände. Zu den letzteren gehören beispielsweise Theorien und Teile vieler sozialen Entitäten. Die ästhetischen Gegenstände lassen sich noch einmal differenzieren in nicht-sprachliche3 ästhetische Gegenstände (Musik, Architektur, Skulptur usw.) und sprachliche ästhetische Gegenstände, womit man vorläufig bei der Literatur angelangt wäre. Folgende Grafik zeigt paradigmatisch zwei theoretisch höchst unterschiedliche Literaturbegriffe, die nachfolgend erläutert werden.

[Grafik]

Mit Hilfe dieser Heuristik lassen sich nun eine Reihe von grundlegenden Fragen formulieren, deren allgemeinste lautet: Gehört Literatur ontologisch einer eigenen Klasse von Gegenständen an? Bejaht man diese Frage, bietet sich als entsprechende Klasse natürlich die der ästhetischen Gegenstände an, d.h. man klassifizierte Literatur dann als sprachlichen ästhetischen Gegenstand. Bei einer Verneinung stellte man die Literatur auf eine Stufe mit allen anderen abstrakten Gegenständen, ohne das Prädikat "x ist ästhetisch" als ontologisch differenzierendes Merkmal zu betrachten. Im Gegensatz dazu wird dieses Prädikat im folgenden ausschließlich als ontologisches verwendet, d.h. wenn Literatur ein ästhetischer Gegenstand ist, gehört sie auch einer eigenen ontologischen Klasse an, ohne daß damit jedoch die Eigenschaften dieser Klasse prädiziert würden.

Welche Konsequenzen haben diese verschiedenen Antworten? Im Falle der Bejahung steht man vor einer weiteren Entscheidung, nämlich ob man ästhetische Gegenstände als zeitlos oder zeitgebunden ansieht. Sind sie zeitlos, führt das zwangsläufig zu einer Art der platonischen Ontologie, die für abstrakte Ideen (wie der Schönheit oder des Guten) nicht nur eine eigene Existenz behauptet, sondern materielle Gegenstände sogar von diesen Abstrakta abhängig macht. Eine solche Ontologie wird heutzutage von den meisten Philosophen als zu umfangreich angesehen, hat sich doch inzwischen das Prinzip sehr gut bewährt, nur so viele Entitätsklassen für ontologische Theorien anzunehmen, wie unbedingt erforderlich sind. Entschließt man sich dazu, ästhetische Gegenstände als zeitgebunden zu verstehen, wird man zu einer Variante der Ontologie Karl Poppers greifen müssen. Popper führt zwar ebenfalls eine eigene Klasse von Gegenständen ein, welche in der Welt 3 angesiedelt sind. Diese unterscheiden sich aber u.a. dadurch von den platonischen, daß sie menschliche Produkte sind.4 Ein Vorteil der Einstufung der Literatur als ästhetischen Gegenstand wäre zweifelsfrei, daß die Literaturwissenschaft dadurch einen Gegenstandsbereich zugewiesen bekäme, der ontologisch unabhängig wäre, was wiederum als Rechtfertigungsargument für die Notwendigkeit der Literaturwissenschaft verwendet werden könnte. Dem stünden jedoch erhebliche Nachteile gegenüber. Neben der schon erwähnten fragwürdigen Annahme zusätzlicher Entitäten, ergäben sich unter dieser theoretischen Grundannahme vor allem Probleme bezüglich der modernen Literatur. Nach welchen Kriterien will man literarische Werke, die beispielsweise aus der Collage von Gebrauchstexten entstehen5, einer eigenen ontologischen Klasse zuordnen? Diese Zuordnung funktionierte einwandfrei nur, wenn man von traditionellen ästhetischen Annahmen (z.B. der klassischen Autonomieästhetik) ausgeht, die sich fundamental von der Ästhetik der Moderne unterscheiden. Da aber die moderne Literatur notwendigerweise zum Gegenstandsbereich der Literaturwissenschaft gehört, müßten diese Schwierigkeiten erst einmal beseitigt werden, bevor man Literatur ontologisch einer speziellen Gegenstandsklasse zuspricht.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, daß viele Literaturtheoretiker ihrem Untersuchungsgegenstand eine spezielle ontologische Rolle verweigern, die entsprechende Frage also verneinen. Auch hier gibt es wieder mindestens zwei zu unterscheidende Aufteilungsmöglichkeiten. Zum einen kann man Literatur als abstrakte, nicht-ästhetische und sprachliche Entität ansehen, wie das die überwiegende Mehrheit der Forscher macht, die keine eigene ontologische Kategorie für Literatur annehmen. Zum anderen gibt es aber auch die Position, Literatur als abstrakte, nicht-ästhetische und nicht-sprachliche Entität zu klassifizieren, indem Literatur beispielsweise ausschließlich als soziales System analysiert wird. Ist die Literatur ein sprachlicher Gegenstand, so gibt es wieder zwei distinkte Möglichkeiten, nämlich die Festlegung, ob es sich entweder um einen monovalenten oder polyvalenten sprachlichen Gegenstand handelt. Außerdem stellt sich dann auch die Frage nach der vorausgesetzten Sprachtheorie und dem von ihr abgeleiteten Textbegriff, was wiederum Auswirkungen auf die methodische Vorgangsweise hat. Ich möchte an dieser Stelle drei verschiedene Typen von Sprachtheorien einführen. Klassische Sprachtheorien bezeichnen alle Theorien, welche vor der pragmatischen Wende in der Linguistik üblich waren. Sie umfassen also sowohl organische Sprachtheorien der klassischen Ästhetik als auch strukturalistische ohne pragmatische Elemente. Sollten letztere vorhanden sein, dann handelt es sich um pragmatische Sprachtheorien6. Demgegenüber werden postmoderne Sprachtheorien, wie sie beispielsweise von Derrida oder einigen amerikanischen Literaturtheoretikern vertreten werden, von mir als poststrukturalistische bezeichnet. Wählt man nun beispielsweise eine der pragmatisch orientierten Sprachtheorien, verpflichtet man sich zwangsläufig zur Untersuchung des kommunikativen Kontextes eines literarischen Werks.

Unabhängig davon, für welche dieser Varianten man sich entscheidet, hat auch die Verneinung eines ontologischen Sonderstatus' literaturwissenschaftliche Konsequenzen. So bildet die Literatur hier nur den Teil eines größeren Gegenstandsbereich, der - je nach methodischem Ansatz - beispielsweise der Bereich der Kommunikation und/oder der Gesellschaft ist. Das wiederum hat den Nachteil, daß unter Umständen die Literatur als Literatur aus dem Blickfeld der Forschung geraten kann.

Erlaubt das bisher Gesagte auch einen tieferen Einblick in das komplexe Verhältnis zwischen Literatur und Gesellschaft? Es ist schwierig, diese Frage auf dem gewählten philosophischen Abstraktionsniveau zu beantworten, d.h. ohne eine spezielle Literaturtheorie daraufhin zu untersuchen. Denn zweifelsfrei steht Literatur immer in einem sehr engen Verhältnis zum gesellschaftlichen Kontext, unabhängig davon, welche der oben diskutierten Entscheidungen getroffen werden. Das liegt schon allein daran, daß Literatur in den meisten Fällen als ein sprachlicher Gegenstand angesehen wird, und moderne Sprachtheorien ohne pragmatische Theoriekomponente nicht existieren.7 Die Art der Beziehung ist freilich eine jeweils unterschiedliche: Sieht man in der Literatur einen ästhetischen Gegenstand, dann handelt es sich bei der Relation zwischen Literatur und Gesellschaft um eine Beziehung zwischen zwei Gegenständen, die einer jeweils anderen ontologischen Kategorie angehören. Im anderen Fall (Literatur als nicht-ästhetischer Gegenstand) kann es, je nach Theorie, eine Relation zwischen Gegenständen derselben ontologischen Kategorie sein, etwa dann, wenn Literatur als gesellschaftliches Teilsystem analysiert wird. Natürlich ergeben sich hier jeweils eigene methodische Implikationen. Im letzten Fall wird man zwangsläufig die Gesellschaft als Gegenstandsbereich mit einbeziehen müssen, während das nicht unbedingt nötig ist, sieht man in der Literatur einen autonomen ästhetischen Gegenstand.

Offen blieb bis jetzt, was mit dem Begriff ‘ästhetischer Gegenstand' eigentlich genau gemeint ist. In der Forschungsliteratur wird dieser Terminus - wie bedauerlicherweise alle philosophischen Termini - sehr uneinheitlich verwendet. Einerseits bezeichnet man mit ihm das materiale ästhetische Objekt. Auf den ersten Blick käme damit das materielle Trägermedium als Referenzobjekt in Frage, also etwa das Buch oder Gemälde als physikalisches Objekt, das durch gewisse Eigenschaften charakterisiert werden kann, von denen wiederum einige mit dem Prädikat "x ist ästhetisch" belegt werden. Diese Einschränkung ist aber unplausibel, weil es zwar zweifellos ästhetische Eigenschaften des Trägermediums gibt (wie die Farben eines Bildes), damit aber alle abstrakten ästhetischen Eigenschaften (wie Strukturen) ausgeschlossen werden. Mit dem ‘materialen ästhetischen Objekt' kann also sinnvollerweise nur das Trägermedium einschließlich der abstrakten ästhetischen Eigenschaften gemeint sein. Festzuhalten bleibt aber, daß hier das Objekt als Objekt betrachtet wird, es also subjektunabhängig analysiert wird. Das Gegenteil ist der Fall, wenn man von einem intentionalen ästhetischen Objekt ausgeht. Hier wird das ästhetische Objekt als eine konzeptuelle Leistung des Rezipienten analysiert, d.h. das Objekt konstituiert sich im Bewußtsein des Betrachters (Hörers, Lesers). Das hat natürlich eine weitreichende Verschiebung des Gegenstandsbereichs zur Folge, weil es methodologisch einen fundamentalen Unterschied macht, ob man einen psychischen (konzeptuellen) oder realen (objektiv-materialen) Gegenstand untersucht. Die Vor- und Nachteile im ersten Fall (materialer ästhetischer Gegenstand) sind dieselben wie bei der oben bereits beschriebenen Entscheidung, Literatur als ästhetischen Gegenstand zu betrachten. Die Vorzüge im zweiten Fall (intentionales ästhetisches Objekt) liegen in der Flexibilität des Gegenstandsbereichs, der beispielsweise problemlos um Naturerlebnisse als ästhetische Objekte erweitert werden kann. Die Nachteile sind überwiegend wissenschaftstheoretischer Natur: Der Zugang zu konzeptuellen Objekten ist methodisch viel schwieriger als zu anderen Objekttypen.

Welche spezifische Eigenschaften haben nun ästhetische Gegenstände? Eine ausführliche Erörterung dieser Frage würde eine eigene ästhetische Studie erfordern. Nur soviel kann an dieser Stelle gesagt werden: Der Hauptunterschiede besteht in einer größeren internen Strukturierung der Gegenstände. Ein literarischer Text unterscheidet sich von einem Bericht durch viele zusätzliche Strukturen auf allen sprachlichen Ebenen.8

Ausgehend von der für alle Literaturtheorien geltenden Feststellung, Literatur sei ein abstrakter Gegenstand, ergibt sich aus dem Vorherigen folgender Fragenkatalog zur Differenzierung grundlegender ästhetischer und literaturtheoretischer Voraussetzungen:


(1) Ist Literatur ein ästhetischer oder nicht-ästhetischer Gegenstand?9

(2a) Falls ästhetisch: Handelt es sich um ein materiales oder intentionales ästhetisches Objekt?

(2b) Falls ästhetisch: Sind ästhetische Gegenstände zeitlos oder zeitgebunden?

(2c) Falls ästhetisch: Ist Literatur ein sprachlicher oder nicht-sprachlicher Gegenstand?

(3a) Falls sprachlich: Ist Literatur ein monovalenter oder ein polyvalenter Gegenstand?

(3b) Falls sprachlich: Ist Literatur ein klassischer sprachlicher Gegenstand, oder ist Literatur ein pragmatischer sprachlicher Gegenstand, oder ist Literatur ein poststrukturalistischer literarischer Gegenstand?

(4) Falls nicht-ästhetisch oder nicht-sprachlich: Zur welcher Klasse von nicht-ästhetischen Gegenständen gehört Literatur?

(5) Falls ästhetisch oder nicht-ästhetisch: Wie läßt sich die Relation zwischen Literatur und Gesellschaft beschreiben?


Unterzieht man diesen Katalog einer logischen Überprüfung, fällt auf, daß die beiden wichtigsten Prädikate "x ist ästhetisch" und "x ist sprachlich" sind bzw. deren Negationen. Bezüglich des ersten erhält man also folgende logische Struktur:


Wenn "x ist ästhetisch"

(2a) dann "x ist material ästhetisch" oder "x ist intentional ästhetisch" und nicht: "x ist material ästhetisch" und "x ist intentional ästhetisch"
(2b) dann "x ist zeitlos" oder "x ist zeitgebunden"
(2c) dann "x ist sprachlich" oder es ist nicht der Fall, daß "x ist sprachlich".


Wobei (2a), (2b) und (2c) jeweils durch eine Konjunktion verbunden sind. "x ist sprachlich" ist jedoch von "x ist ästhetisch" unabhängig, weil Literaturtheorien vorstellbar sind, die Literatur als einen sprachlichen Gegenstand konzipieren, der nicht-ästhetisch ist. Für das zweite Prädikat ergibt sich also:


Wenn "x ist sprachlich"
(3a) dann "x ist monovalent" oder "x ist polyvalent"
(3b) dann "x ist ein klassischer sprachlicher Gegenstand", oder "x ist ein pragmatischer sprachlicher Gegenstand", oder "x ist ein poststrukturalistischer sprachlicher Gegenstand".


(3a) und (3b) sind wiederum durch Konjunktion miteinander verbunden. (4) und (5) läßt sich nicht auf diese übersichtliche Art darstellen, weil zahlreiche verschiedenartige Antworten auf diese beiden Fragen möglich sind. Trotzdem sind diese Antworten jeweils notwendige Voraussetzungen für die intendierten Kurzbeschreibungen.



2.1.2 Wissenschaftstheoretische Grundlagenprobleme

Nicht nur im Gebiet der Literaturtheorie müssen eine Reihe allgemeiner Fragen beantwortet werden, auch bezüglich der Wissenschaftstheorie sind einige theoretische Grundlagenprobleme anzusprechen. Denn wie soll man Literaturwissenschaft betreiben können, ohne sich über im klaren zu sein, was ‘Wissenschaft‘ eigentlich bedeuten soll?

(1) Was ist das Ziel der Wissenschaft?

Bevor einzelne Antworten auf diese Frage vorgestellt werden können, ist eine erste Grundsatzunterscheidung notwendig, deren Nichtbeachtung regelmäßig zu Verwirrungen führt. Man kann nämlich zwei völlig verschiedenen Dinge meinen, wenn man ‘Wissenschaft' sagt: Zum einen die Wissenschaft als System, also die - in der Regel schriftlich vorliegenden - Ergebnisse derselben wie Theorien oder Beschreibungen von Experimenten, zum anderen die Wissenschaft als Tätigkeit, also das praktische Vorgehen der involvierten Forscher. Im folgenden steht letzteres im Vordergrund.

Auf die Frage (1) gibt es eine ganze Reihe verschiedener Antwortmöglichkeiten, deren wichtigste nun beschrieben werden sollen. Als erste ist hier natürlich die klassische Wissenschaftsauffassung zu nennen, wie sie seit Beginn der Neuzeit und bis ins 20. Jahrhundert hinein oft vertreten wurde: das Ziel der Wissenschaft läge in der Gewinnung der absoluten Wahrheit. Der wissenschaftliche Fortschritt wurde als ein linearer Prozeß verstanden, der sich langsam aber stetig auf ein vollständiges Wissen über die Wirklichkeit zubewegt. Dieses optimistische wissenschaftliche Weltbild setzt einen extremen ontologischen und erkenntnistheoretischen Realismus voraus, indem erstens eine völlig subjektunabhängige Außenwelt angenommen wird und die zweitens prinzipiell dem menschlichen Erkenntnisvermögen vollständig zugänglich ist.

Diese Auffassung wurde aber im Verlauf des 20. Jahrhunderts durch die Entwicklung der Philosophie und der Wissenschaft überholt. Eine zentrale Rolle spielte hierbei der Paradigmenwechsel in der Physik von der Newtonschen Mechanik zur Relativitäts- und Quantentheorie. War man im 19. Jahrhundert von Seiten der Wissenschaftsphilosophie noch weitgehend kantianischen Vorstellung verpflichtet und sah in der Raumkonzeption Euklidischen Geometrie einen objektiven Rahmen [der Wissenschaft], so ließ sich diese Vorstellung nach der theoretischen Revolution in der Physik nicht mehr aufrecht erhalten. Als schließlich auch noch das positivistische Forschungsprogramm des Wiener Kreises scheiterte, mußte man sich endgültig von dieser klassischen Wissenschaftsauffassung verabschieden. Dieses Scheitern manifestierte sich unter anderem in der Unmöglichkeit, ein funktionierendes Verifikationsprinzip aufzustellen. Dieses Prinzip sollte es ermöglichen, bedeutungsvolle Sätze (z.B. der Naturwissenschaften) von bedeutungslosen Sätzen (z.B. der Metaphysik) zu unterscheiden. Es wurden zahlreiche Formulierungen vorgeschlagen und ausgiebig geprüft, jedoch konnte keine einzige von ihnen die gewünschte Differenzierung gewährleisten. Karl Popper schlug deshalb in seiner Logik der Forschung (1934) als Abgrenzungskriterium zwischen empirischer Wissenschaft und Pseudowissenschaft die Falsifizierbarkeit vor: Jede Theorie müsse prinzipiell falsifizierbar sein, wenn sie als wissenschaftlich gelten wolle.10 Ein anderer wichtiger Kritiker der klassischen Positionen des Logischen Positivismus war Willard Van Orman Quine, der in seinem Aufsatz Two Dogmas of Empiricism (1953) traditionelle empirische Thesen kritisierte und darin beispielsweise die Möglichkeit der Trennung zwischen analytischen und synthetischen Sätzen bestritt.

Während diese klassische Wissenschaftsauffassung heute kaum mehr vertreten wird, erfreut sich ihr Gegenstück großer Beliebtheit. Hier lautet die Antwort auf (1), es gäbe gar keine Wahrheit, weshalb man kein übergreifendes Ziel der Wissenschaft angeben könne. Dieses hänge demnach immer vom historischen und kulturellen Kontext einer Epoche ab. Man hat es hier also mit der besonders radikalen Wissenschaftskritik des Relativismus zu tun, dessen einzelne Varianten zwar voneinander abweichen, sich in ihrer Zielsetzung aber einig sind, nämlich in der Relativierung der empirischen Wissenschaft als Erkenntnismethode. Vertreten werden diese Thesen von den Philosophen Jacques Derrida, Michel Foucault, Paul Feyerabend und Richard Rorty ebenso wie von dem amerikanischen Kulturwissenschaftler Stephan Greenblatt oder dem Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn, der jedoch in seiner Kritik gemäßigter ist. Die Konsequenz dieser radikalen Auffassung ist offensichtlich: methodische Beliebigkeit und damit das Ende der traditionellen Wissenschaft. Dieser epistemologische Relativismus scheint aber einer kritischen Überprüfung nicht standzuhalten. Denn entweder sind die Thesen des Relativismus selbst wieder relativ (etwa zu einem konzeptuellen Schema oder zu einem kulturellen Rahmen) und damit als wissenschaftliche Aussagen irrelevant, weil Kontexte denkbar sind, in denen der Relativismus falsch ist; oder die Thesen des Relativismus sind selbst nicht relativ, was einer Selbstwiderlegung gleichkäme.11

Die dritte Klasse von Antworten auf (1) vermeidet die beiden oben skizzierten Extrempositionen. Es wird zwar - wie bei der klassischen Wissenschaftsauffassung - ebenfalls die Wahrheit als Ziel der Wissenschaft angenommen, jedoch in Reaktion auf relativistische und andere Kritik in einem nicht-absoluten Sinn. Erkenntnistheoretisch kann man diese Position als gemäßigt realistisch klassifizieren, ontologisch als realistisch. Diese Einschränkung des Wahrheitsbegriffs führt natürlich auch zu einer Modifikation der klassischen Auffassung von Wissen. Statt von der Möglichkeit eines absoluten Wissens auszugehen, wird beispielsweise von approximativem oder konjekturalem ‘Wissen' gesprochen. Ziel der Wissenschaft wäre dann also die Gewinnung von Wissen über einen abgegrenzten Gegenstandsbereich, der ontologisch als subjektunabhängig angenommen wird. Eine Konsequenz dieser wissenschaftstheoretischen Grundannahmen ist der Verzicht auf die traditionelle "heroische" Rolle der Wissenschaft. Zwar spielt sie aus epistemologischer Perspektive immer noch eine sehr wichtige Rolle bei der Gewinnung von neuen Erkenntnissen, aber die Aura der Unfehlbarkeit und Unbezweifelbarkeit, welche die Wissenschaft im 19. Jahrhundert (und auch noch darüber hinaus) umgab, ist einer pragmatischen Einstellung gewichen.

(2) Gibt es methodologische Unterschiede zwischen Natur- und Geisteswissenschaften?

Betrachtet man die Entwicklung der Wissenschaftstheorie im 20. Jahrhundert, so kann man zwei unterschiedliche Strömungen unterscheiden. Einerseits die analytische Wissenschaftstheorie, deren Erkenntnisse auch dieser Studie zugrunde liegen, andererseits die hermeneutische Wissenschaftsphilosophie, welche sich vor allem mit den Geisteswissenschaften beschäftigte. Der Dialog zwischen diesen beiden Lagern hielt sich bedauerlicherweise in engen Grenzen, aber wenn sich die jeweiligen Forscher untereinander austauschten, gab es einen Problemkomplex, welcher besonders heftig diskutiert wurde: die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden großen Wissenschaftsbereiche. Im Zentrum stand dabei die Frage, ob es berechtigt sei, methodologische Differenzen anzunehmen.

Hermeneutisch orientierte Philosophen wie Wilhelm Dilthey, Martin Heidegger oder Hans-Georg Gadamer waren sich in ihrer positiven Beantwortung von (2) weitgehend einig. Sie nahmen an, daß sich beide Wissenschaftskulturen mit völlig unterschiedlichen Gegenstandsbereichen beschäftigen. Während Naturwissenschaftler ausschließlich "natürliche" Gegenstände untersuchten, seien ihre geisteswissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Kollegen an von Menschen gemachten Strukturen und Gegenständen interessiert. Diese Unterschiedlichkeit der Gegenstände hätte auch eine Methodendifferenz zur Folge, weshalb hermeneutische oder qualitative Vorgehensweisen für Geistes- bzw. Sozialwissenschaftler oft adäquater seien, als eine empirisch-quantitative. Das geisteswissenschaftliche Konzept des Verstehens wurde als dem naturwissenschaftlichen Konzeptes des Erklärens gegenübergestellt.

Eine konträre Antwort auf (2) gaben die meisten analytischen Wissenschaftstheoretiker in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, indem sie eine reduktionistische Position vertraten: Alle Wissenschaften, die berechtigterweise diese Bezeichnung trügen, ließen sich auf die Grundwissenschaft der Physik reduzieren. Eine naheliegende Konsequenz dieser Auffassung ist natürlich die Annahme einer einheitlichen (empirischen) Methode für alle Wissenschaften. Auf das Scheitern dieses neopositivistischen Programms bin ich bereits in einem anderen Zusammenhang eingegangen.

Auch bei Frage (2) gibt es wieder eine Antwort, z.B. die Wissenschaftsphilosophie Karl Raimund Poppers, welche beide Extrempositionen vermeidet. Zwar wird sie auch hier bejaht, aber in einer sehr differenzierten Art und Weise. Es werden den beiden Wissenschaftsbereichen durchaus methodische Unterschiede zugestanden, die sich aus ihrem Gegenstandsbereichen ergeben. Trotzdem seien die zentralen methodologischen Kriterien einheitlich und die propagierte Trennung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften in erster Linie ideologischer Natur.

(3) Was ist die Methode der Wissenschaft?

Geht man einmal von der Annahme der Einheitlichkeit der Wissenschaft aus, stellt sich sofort eine neue wichtige Frage: Worin besteht denn nun diese für alle Wissenschaften kennzeichnende Methode? Unterscheidet man wissenschaftstheoretisch zwischen dem Entdeckungszusammenhang (EZ) und dem Begründungszusammenhang (BZ) einer Theorie, so steht bei der Beantwortung der ersten beiden Fragen der Stellenwert des EZ im Zentrum der Kontroverse, also unter anderem die Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnisse eigentlich gewonnen werden.

Die erste traditionelle Klasse von Antworten kann man mit dem Begriff der Induktion charakterisieren, eine Vorgehensweise wie sie beispielweise von Francis Bacon in seinem Novum organum scientiarum (1620) gefordert worden war. Die gezielte Beobachtung der Natur und bewußt durchgeführte Experimente sollten die Grundlagen für Generalisierungen und damit für das Auffinden von Naturgesetzen und Theorien bilden. Tendenziell wurde diese wissenschaftsphilosophische Position von Empiristen vertreten, auch wenn man hier mit voreiligen Zuordnungen zu einer der beiden großen Schulen der Neuzeit vorsichtig sein muß.

Viele Rationalisten auf der anderen Seite bevorzugten die deduktive Methode. Am Beginn steht hier das Aufstellen einer streng axiomatisierten Theorie, aus der man dann empirische Vorhersagen ableiten kann, um sie experimentell zu überprüfen. Das methodische Prozedere wird also chronologisch umgekehrt. Eine moderne Variante dieses Ansatzes ist die Wissenschaftsphilosophie Poppers, der ebenfalls den hohen Stellenwert kühner Theorieentwürfe betont, die dann allerdings strengen Falsifikationstests unterzogen werden müssen.

Die Differenzierung zwischen Induktion und Deduktion ist auf einer theoretisch-abstrakten Ebene immer noch ausgesprochen produktiv, etwa in der modernen Logik. Aus empirischer Perspektive ist sie jedoch nur noch aus heuristischen Gründen brauchbar, und zwar insoweit sie die tendenziellen empirischen methodischen Differenzen kennzeichnet. Im Zuge des naturalistischen Ansatzes in der Wissenschaftstheorie beschäftigen sich historische Studien vermehrt mit der Frage, welche wissenschaftlichen Methoden de facto effektiv waren und zu brauchbaren Ergebnissen führten. Die Wissenschaftsgeschichte zeigt denn auch, daß es in der Forschungspraxis keine rein induktive oder deduktive Methode gibt, sondern daß eine Kombination aus beiden angewandt wird.

Auch philosophiehistorisch betrachtet ist diese Trennung bei weitem nicht so klar, wie dies theoretisch-abstrakte Rekonstruktionen dieser Frage oft glauben machen. So setzt zum einen die induktive Methode schon theoretische Entscheidungen voraus, beispielsweise was eigentlich genau beobachtet werden soll, während zum anderen die deduktive Vorgehensweise bei der Theorien-Konstruktion immer schon implizit gemachte Beobachtungen berücksichtigt.

Die dritte Antwort auf (3) berücksichtigt diese neuen Forschungsergebnisse, indem sie keine einheitliche Methode im Sinne eines Handlungsrezeptes vorschlägt, sondern sich auf die Angabe von methodologischen Minimalkriterien beschränkt, denen die Wissenschaftspraxis und die Ergebnisse wissenschaftlichen Arbeitens genügen müssen. Eine Ausnahme hierzu ist der Vorschlag Poppers, der durchaus einer Art Handlungsrezept gleichkommt, das allerdings sehr allgemein gehalten ist, und mit dem er den wissenschaftlichen Fortschritt als Prozeß der Problemlösung charakterisiert:

Problem 1 --> Versuchsweise Theorien --> Fehlerelimination --> Problem 212

(4) Welchen erkenntnistheoretischen Status hat die Wissenschaft?

Als letzte grundlegende Frage sollen nun noch verschiedene Positionen vorgestellt werden, welche der Wissenschaft in der menschlichen Kultur jeweils unterschiedliche Plätze anweisen. In der klassischen Wissenschaftsauffassung, wie sie im 19. Jahrhundert in aufgeklärten Kreisen vertreten wurde, war die Antwort eindeutig: Die Wissenschaft sei das höchstes Erkenntnisinstrument des Menschen. Keine andere Art der Erkenntnisgewinnung ermögliche eine ähnlich zuverlässige und erfolgreiche Erweiterung des menschlichen Wissens. Eine Konsequenz dieser szientistischen Auffassung ist die Abwertung alternativer Erkenntnisinstrumente wie der Kunst oder der Intuition.

Die konträre Antwort auf (4) ist die des extremen Konstruktivismus. Hier wird die Wissenschaft als ein menschliches Konstrukt bzw. als ein System analysiert, das seinem Wesen nach anderen Erkenntnisinstrumenten gleichberechtigt ist. Dieser Relativismus birgt aber die Gefahr der Beliebigkeit und Willkür in sich, wenn sich beispielsweise der erkenntnistheoretische Wert der Wissenschaft im Vergleich zu ideologischen oder esoterischen Konstrukten nicht mehr ontologisch begründen läßt. Es ist auch fraglich, ob diese Antwort den großen Erklärungserfolgen gerecht werden kann, welche die Geschichte der Wissenschaft vorzuweisen hat.

Die unerwünschten Konsequenzen dieser beiden Positionen vermeidet auch hier ein gemäßigter Realismus. Wissenschaft wird zwar als ein herausragendes Erkenntnisinstrument angesehen, aber es werden die wissenschaftlichen Tugenden des kritischen Denkens und der Rationalität auch auf die Wissenschaft selbst angewandt, die dadurch einem ständigen Prozeß der Überprüfung unterworfen wird.

Abschließend noch einmal die wichtigen Fragen in differenzierterer Form im Überblick:


(1) Gibt es ein einheitliches Ziel der Wissenschaft?

(1a) Falls ja: Wie lautet das Ziel der Wissenschaft?

(1aa) Falls das Ziel der Wissenschaft die Wahrheit ist: Welche Wahrheitstheorie wird vertreten?

(1b) Falls nein: Wie lautet die alternative Wissenschaftskonzeption?

(2) Gibt es methodologische Unterschiede zwischen Natur- und Geisteswissenschaften?

(2a) Falls ja: Welche?

(2b) Falls nein: Was ist die (einheitliche) Methode der Wissenschaft?

(3) Welchen erkenntnistheoretischen Status hat die Wissenschaft?


Als Antwort auf diese Fragen erhält man nun eine Reihe von Aussagen über Wissenschaft, deren Kombination verschiedene wissenschaftstheoretische Grundsatzpositionen beschreibt.


2.1.3 Konsequenzen für die Literaturwissenschaft

Auf den oben durchgeführten Unterscheidungen aufbauend ist es nun möglich, verschiedene Konzeptionen von Literaturwissenschaft zu beschreiben. Denn die Antworten, welche Vertreter einer literaturwissenschaftlichen Richtung auf die obigen Fragen geben, konstruieren ein theoretisches Raster, mit Hilfe dessen man die grundlegenden theoretischen Voraussetzungen derselben klar erfassen kann. Das wiederum ermöglicht eine umfassende Analyse der wissenschaftstheoretischen und methodischen Konsequenzen, deren Ursache diese Präsuppositionen sind. Die logische Struktur dieser Beschreibungen ist denkbar einfach, sie besteht im einfachsten Fall nämlich ausschließlich aus Konjunktionen: Erst werden die ästhetischen und literaturtheoretischen Eigenschaften kombiniert (Ä1 und Ä2 und L1, ..., Än und Ln), diese dann wiederum mit wissenschaftstheoretischen Eigenschaften (W1 und W2 und W3, ..., Wn).13 Beide Theoriebereiche werden untereinander erneut durch Konjunktion verbunden.14 Im folgenden soll dieses Verfahren beispielhaft an einigen Fällen veranschaulicht werden.

Geht man so davon aus, daß die Literatur ein material ästhetischer15, sprachlicher und zeitloser Gegenstand ist, die Texte monovalent sind, und die Literatur ein autonomes Gebiet darstellt; sowie daß das Ziel der Wissenschaft im Streben nach Wahrheit besteht, die Geisteswissenschaften autonom gegenüber den Naturwissenschaften sind und es weder eine einheitliche Methode der Wissenschaft insgesamt gibt noch derselben als solcher ein besonderer erkenntnistheoretischer Status zugeschrieben wird, dann verfügt man über eine nützliche theoretische Kurzcharakteristik vieler klassischer hermeneutischer Ansätze. Diese Beschreibung erlaubt es nun, die theoretischen Implikationen anzugeben, wie sie in den letzten beiden Abschnitten dargestellt wurden. So hat die Festsetzung der Literatur als material ästhetischen Gegenstand die Konsequenz, daß der Untersuchungsbereich den Text als Objekt - statt als psychisches Konzept - in den Mittelpunkt rückt. Die Annahme einer autonomen Geisteswissenschaft hat wiederum Auswirkungen auf die Methodologie, indem man eigene Methoden für diesen Wissenschaftsbereich postulieren muß. Auf diese Weise kann man aus jeder der oben angegeben Eigenschaften die entsprechenden Auswirkungen auf die jeweilige Metaebene (ontologisch, ästhetisch oder wissenschaftstheoretisch) bestimmen, was der Übersichtlichkeit und Stringenz entsprechender Analysen förderlich ist. Außerdem lassen sich trotz der notwendigen Abstraktionen für derartige Kurzbeschreibungen auch Differenzen innerhalb einer literaturwissenschaftlichen Schule aufzeigen. Ersetzt man das Prädikat "monovalent" oben beispielsweise durch "polyvalent", trifft die Charakteristik danach auf moderne hermeneutische Ansätze zu, deren Vertreter im Gegensatz zu vielen ihrer Vorgänger nicht mehr der Ansicht sind, es gäbe eine einzig korrekte Interpretation eines Textes. Sie gehen im Gegensatz dazu von mehreren verschiedenen zulässigen Lesarten aus, die durch hermeneutische Verfahren zustande kommen können. Das Beschreibungsmodell läßt sich bei Bedarf natürlich entsprechend verfeinern, so daß beide Varianten auf einmal erfaßt werden können, indem man die logische Struktur erweitert. So ist problemlos die Einbeziehung von Disjunktionen möglich, um komplexere Strukturen zu ermöglichen beispielsweise "Ä1 und (Ä2 oder L1)" u.ä. Im konkreten Fall könnte also zum Prädikat "monovalent" disjunktiv "polyvalent" hinzugefügt werden, und schon wären klassische und moderne hermeneutische Theorien erfaßt.

Ein zweites Beispiel: Wird einerseits angenommen, daß Literatur ein nicht-ästhetischer und nicht-sprachlicher Gegenstand sowie ein soziales System mit eigenen Konventionen sei; wird andererseits behauptet, das Ziel der Wissenschaft sei die Wahrheit, und es gäbe keine methodologischen Unterschiede zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, weil beide die einheitliche Methode der empirischen Wissenschaften verwendeten; wird schließlich der Wissenschaft noch ein erkenntnistheoretisch privilegierter Status zugesprochen: Dann hat man eine hinreichend präzise Beschreibung der theoretischen Grundannahmen der Empirischen Literaturwissenschaft vor der konstruktivistischen Wende, um auch in diesem Fall theoretische Konsequenzen aus diesen Annahmen darstellen zu können. Beispielsweise ergeben sich eine Fülle von methodischen Auswirkungen auf den Gegenstandsbereich der Literaturwissenschaft, wenn man Literatur als nicht-sprachlichen Gegenstand konzipiert: Texte spielen in der Forschung dann nur noch eine sehr untergeordnete Rolle, während statt dessen der Umgang mit Literatur soziologischen Analysen unterworfen wird.


Ein drittes Beispiel: Literatur sei ein nicht-ästhetischer, sprachlicher und hochgradig polyvalenter Gegenstand, der mit Hilfe postmoderner Sprachtheorien konzipiert wird; Literatur wird ferner als ontologisch paradigmatisch für alle Gegenstandsklassen angesehen, was eine klare Grenzziehung zwischen Literatur und Gesellschaft unmöglich macht. In bezug auf die Wissenschaft sei kein Ziel angebbar, weshalb ebensowenig prinzipielle Unterschiede zwischen Natur- und Geisteswissenschaften angenommen werden als der Wissenschaft ein besonderer epistemologischer Status eingeräumt wird. Als einheitliche Methode wird die eines virtuosen Sprachspiels und der Dekonstruktion postuliert. Viele poststrukturalistische Ansätze teilen diese theoretischen Grundannahmen, wobei dies vor dem Hintergrund der bewußt unsystematischen Theorieentwürfe und der meist dunklen Schreibweise nur cum grano salis festgestellt werden kann. Auch hier lassen sich schnell entsprechende theoretische Konsequenzen konstatieren, beispielsweise das Ende jeglicher Wissenschaft im traditionellen Sinn.

Schon diese drei Beispiele veranschaulichen, daß man die theoretischen Voraussetzungen der Literaturwissenschaft nicht in derselben Art und Weise beantworten kann wie diejenigen der Literatur- und Wissenschaftstheorie. Das liegt zum einen darin, daß die letzten beiden Gebiete einen größeren Abstraktionsgrad zulassen, was wiederum dem Versuch einer theoretischen Vereinheitlichung sehr entgegenkommt. Zum anderen sind die gegenwärtigen allgemeinen literaturwissenschaftlichen Konzepte so divergent, daß keine einheitliche Darstellung möglich ist. Als Ausweg böten sich zwei Möglichkeiten an: Entweder man beschreibt die heute praktizierten Verfahren der Literaturwissenschaft empirisch, indem man auf die obige (oder eine vergleichbare) Darstellungsweise zurückgreift, oder man konstruiert ein normatives Konzept einer Literaturwissenschaft, mit dessen Hilfe man dann vorhandene Theorien einer Bewertung unterzieht.16

Beide Varianten sind an dieser Stelle nicht zielführend. Eine empirische Darstellung der wichtigen Ansätze ist im Rahmen meiner Studie nicht notwendig, ein normativer Entwurf einer allgemeinen Literaturwissenschaft für eine Geschichte der ALW ist ebensowenig sinnvoll.17 Es bleibt aber festzuhalten, daß durch die Kombination literaturtheoretischer und wissenschaftstheoretischer Merkmale eine theoretische Kurzbeschreibung aller Ansätze der Literaturwissenschaft möglich ist.



2.2 Begriffsbestimmung ‘Analytische Literaturwissenschaft'

Nach diesen Vorarbeiten ist es nun möglich genauer anzugeben, was unter ‘Analytischer Literaturwissenschaft' eigentlich verstanden werden soll.18 Das Ziel hierbei ist es weder, ein normatives Konzept zu entwickeln, mit dessen Hilfe beurteilt werden soll, welche Publikationen zur ALW gehören und welche nicht; noch eine rein empirische Vorgehensweise, durch die etwa alle Publikationen untersucht würden, die sich selbst als literaturwissenschaftlich analytisch qualifizieren, worauf dann induktiv festgestellt werden könnte, welche Extension dieser Terminus umfaßt. Als Ergebnis angestrebt ist vielmehr eine vorläufige Begriffsbestimmung, die zweierlei leisten soll: Erstens die heuristische Voraussetzung einer begründeten Selektion von Veröffentlichungen für das Kapitel über die Geschichte der ALW und zweitens eine brauchbare Arbeitsgrundlage für die theoretischen Untersuchungen im zweiten Hauptteil. Vorläufig ist die Begriffsbestimmung deshalb, weil nach Abschluß aller Analysen die Untersuchungsergebnisse in eine neue Festlegung von ‘Analytische Literaturwissenschaft' einfließen werden.

Zu Beginn werde ich versuchen, parallel zu den oben geschilderten Beispielen, eine Beschreibung durch Aufzählung der ästhetischen, literaturtheoretischen und wissenschaftstheoretischen Voraussetzungen zu erstellen, danach werden einige Besonderheiten der ALW näher erläutert, und am Ende des Abschnitts wird sie von anderen literaturwissenschaftlichen Ansätzen abgegrenzt.

Das erste Merkmal ist die Konzeption von Literatur als nicht-ästhetischer Gegenstand. Die Annahme einer eigenen ontologischen Klasse für ästhetische Gegenstände wird einerseits wegen der Anwendung von "Ockhams Razor" abgelehnt, ein Prinzip, das die Annahme nicht notwendiger Entitäten in ontologischen Theorien als falsch ablehnt. Andererseits will die ALW ihren Gegenstandsbereich nicht unnötig einschränken, was ohne diese Grundannahme der Fall wäre. Denn - wie oben bereits ausgeführt - verpflichtet die Annahme einer eigenen ontologischen Klasse zu Ästhetiktheorien eines bestimmten Typs, der keine avantgardistischen bzw. modernen ästhetischen Konzeptionen zuläßt.19 Eine Konsequenz aus der ersten grundlegenden Annahme, nämlich den Verzicht auf einen eigenen ontologischen Gegenstandsbereich für die ALW, wirkt sich vor dem Hintergrund der noch zu schildernden hohen Interdisziplinarität nicht übermäßig negativ aus.

Welcher ontologischen Kategorie gehört Literatur nun an? Aus analytischer Perspektive bieten sich hier die abstrakten Gegenstände an, die unter anderem Theorien und einige soziale Entitäten umfassen.

Im nächsten Schritt kommt die Eigenschaft "pragmatisch sprachlich" hinzu. Die Auffassung, daß Literatur ein sprachlicher Gegenstand sei, bedarf im Gegensatz zu den davon abweichenden Vorstellungen eigentlich keiner Begründung. Ebenso naheliegend ist die Wahl der pragmatischen Sprachtheorien, da es sich bei ihnen um die derzeit am weitesten entwickelten linguistischen Sprachtheorien handelt.

Diese Festlegung prädiziert auch schon die Antwort auf die Frage nach der Relation zwischen Literatur und Gesellschaft, denn pragmatische Sprachtheorien unterscheiden sich ja gerade dadurch von ihren Vorgängern, daß sie der pragmatischen Kommunikationsebene, also der jeweiligen Kommunikationssituation, einen hohen Stellenwert einräumen. Demzufolge gilt natürlich auch für die Literatur als pragmatisch sprachlichen Gegenstand, daß dem kommunikativen Kontext in einer literaturwissenschaftlichen Untersuchung entsprechende Aufmerksamkeit gewidmet werden muß. Das heißt aber nicht, daß bei bestimmten Fragestellungen innerhalb der ALW nicht von dem gesellschaftlichen Kontext abstrahiert werden kann, wenn etwa nur semantische Strukturmerkmale eines Textes zur Debatte stehen. Es bedeutet nur, daß eine vollständige Analyse eines literarischen Werks nur gelingen kann, wenn man die pragmatische Ebene berücksichtigt.

Bei den wissenschaftstheoretischen Voraussetzungen bekennen sich Vertreter der ALW zum Ziel der Wahrheit. ‘Wahrheit' ist hier allerdings nicht in einem absoluten Sinn gemeint, sondern es wird eine gemäßigt realistische Wahrheitskonzeption gutgeheißen.

Es wird ebenfalls angenommen, daß es keine grundlegenden methodologischen Unterschiede zwischen Natur- und Geisteswissenschaften gibt. Das bedeutet nicht, daß es eine Reihe fertiger Rezepte gäbe, durch deren Anwendung man automatisch zu nützlichen Ergebnissen käme. Die Gemeinsamkeiten liegen also nicht auf dem Gebiet der Methodik oder konkreter Rahmentheorien, obwohl auch das vorkommen kann, sondern auf dem Gebiet der Methodologie, also auf einer höheren theoretischen Stufe. Der entscheidende Punkt ist hier, daß es eine Anzahl methodologischer Kriterien gibt, denen nach dieser Auffassung alle Wissenschaften genügen müssen. Als deren wichtigste sind hier Intersubjektivität, Fachsprachlichkeit und Empirizität20 zu nennen.

Da die Anwendung dieser und anderer Kriterien ein hohes Maß an Erkenntnissicherheit gewährleistet, wird konsequenterweise der Wissenschaft auch ein privilegierter erkenntnistheoretischer Status zugesprochen, d.h. die Wissenschaft wird als das beste menschliche Instrument zum Erreichen möglichst sicherer Erkenntnisse über die Wirklichkeit angesehen.

Beim Vergleich der ALW mit anderen literaturwissenschaftlich Richtungen fallen eine Reihe von Besonderheiten auf. So ist gleich anfangs festzustellen, daß es sich eher um einen Sammelbegriff als um einen genau beschreibbaren einheitlichen Ansatz handelt. Das liegt einerseits daran, daß die für eine ALW als verbindlich anzusehenden methodologischen Kriterien auf einer so hohen Abstraktionsstufe anzusiedeln sind, daß sie ein relativ weites Spektrum konkreter theoretischer und praktischer Forschungsmethoden erlauben. Andererseits liegt es an der engen Anlehnung an die analytische Philosophie, die ebenfalls eine Fülle verschiedener theoretischer Konzepte zur Verfügung stellt und gerade in der Gegenwart durch eine große Vielfalt an Theorien und Vorgehensweisen auffällt. Trotzdem gibt es auch hier einen philosophischen Grundkonsens, der die Bezeichnung ‘analytische Philosophie' gerechtfertigt erscheinen läßt.21 Das Attribut ‘analytisch' in ‚Analytische Literaturwissenschaft‘ geht auf diese philosophische Richtung zurück. Ohne die Ergebnisse der analytischen Wissenschaftstheorie hätte man die methodologischen Grundlagen der ALW nicht konzipieren können.22 Die Orientierung an für die Literaturwissenschaft relevanten Ergebnissen der analytischen Philosophie ist also notwendig. Damit wäre auch ein wichtiges Abgrenzungskriterium gegenüber anderen literaturwissenschaftlichen Ansätzen genannt.

Die Anlehnung an diese Philosophie bringt einige Konsequenzen mit sich: Da sich die analytische Philosophie immer schon stark an den Naturwissenschaften orientiert, ergibt sich eine solche Ausrichtung ebenfalls für die ALW. Doch auch hier sind nur relevante Ergebnisse heranzuziehen, beispielsweise solche aus der kognitiven Psychologie, wenn Leseprozesse erforscht werden sollen. Daß dies mit großem Gewinn für die Literaturwissenschaft möglich ist, wird im Verlauf dieser Studie noch demonstriert werden.

Generell läßt sich also feststellen, daß Interdisziplinarität für die ALW eine große Rolle spielt bzw. eine große Rolle spielen sollte, denn daß dieses Potential bis jetzt noch bei weitem nicht ausgeschöpft wurde, ist eine wichtige These dieser Arbeit und wird im Schlußkapitel behandelt werden.

Nun gibt es einige Schulen der Literaturwissenschaft, die eine Reihe von Gemeinsamkeiten mit der ALW aufweisen, weshalb eine Abgrenzung notwendig erscheint. Zu nennen sind hier der Strukturalismus sowie die frühe Empirische Literaturwissenschaft. Aufgrund der noch zu beschreibenden Ähnlichkeiten wäre es durchaus vorstellbar, den Begriff ‘analytische Literaturwissenschaft' so weit zu fassen, daß diese Richtungen in ihm enthalten wären. Gegen diese Ausweitung spricht jedoch zweierlei: Das erste Argument ist ein forschungspragmatisches, denn es wäre wenig sinnvoll, den zahlreichen monographischen Studien über den Strukturalismus noch eine hinzuzufügen. Auch für die Empirische Literaturwissenschaft gibt es inzwischen brauchbare Darstellungen, wie beispielsweise in Michael Flackes Verstehen als Konstruktion. Literaturwissenschaft und radikaler Konstruktivismus (3. Kapitel)23 oder in Michael Fleischers Die Wirklichkeit der Zeichen (1.Kapitel)24 Demgegenüber soll mit der vorliegenden Arbeit eine Forschungslücke geschlossen werden, was die Ausweitung des Gegenstandsbereich auf obige Ansätze nicht sinnvoll erscheinen läßt. Wichtiger ist jedoch das zweite Argument: Eine Ausweitung erforderte eine noch weitergehende Beschränkung des Konzepts einer ALW auf enge wissenschaftstheoretische Voraussetzungen, d.h. man müßte ein umfassendes Konzept aufgegeben zugunsten einiger weniger, sehr allgemeiner wissenschaftstheoretischer Voraussetzungen. Denn bezieht man ästhetische, sprach - und literaturtheoretische Überlegungen mit ein, stößt man schnell auf eine Reihe von Differenzen zwischen den oben genannten Richtungen einerseits und der ALW andererseits.

Der Strukturalismus entwickelte sich im Anschluß an Ferdinand de Saussures neuer Linguistik anfangs vor allem im osteuropäischen Raum zu einer eigenständigen Disziplin. Der Russische Formalismus entstand im Moskauer linguistischen Kreis und in der Leningrader "Gesellschaft zum Studium der poetischen Sprache" (OPOJaZ). Die wichtigsten Vertreter waren Viktor Šklovskij, Boris Ejchenbaum und Jurij Tynjanow. In der Frühphase war das Vorgehen weitestgehend textimmanent. Es standen also die Strukturen der Texte im Zentrum der Untersuchung, während von der Einbettung des Kunstwerks in gesellschaftliche oder metaphysische Kontexte weitgehend abstrahiert wurde. Das änderte sich erst in der Spätphase des russischen Formalismus, als marxistische Einflüsse eine Öffnung in Richtung literatursoziologischer Fragestellungen erzwangen. Der Prager Strukturalismus war stark von der russischen Schule beeinflußt. Als linguistischer Zirkel 1926 von Vilém Mathesius ins Leben gerufen und maßgeblich von den Überlegungen Roman Jacobsons und Jan Mukarovskýs geprägt, setzte sich die Gruppe das Ziel, gängige literaturwissenschaftliche Dichotomien zwischen Romantik und Positivismus einerseits, Sprach- und Literaturwissenschaft andererseits zu überwinden.25 Mukarovský entwickelte zu diesem Zweck eine Reihe sehr nützlicher theoretischer Unterscheidungen, indem er bei einem Kunstwerk beispielsweise zwischen dem Artefakt als materiellem Werk und dem ästhetischen Objekt differenzierte, wie es sich im kollektiven kulturellem Gedächtnis manifestiert.26 Der Höhepunkt des Strukturalismus, was dessen Wirkung und Verbreitung angeht, wurde dann im Frankreich in den sechziger Jahren erreicht. Er entwickelte sich zur vorherrschenden Methode in den Geisteswissenschaften. Zu den bekanntesten Vertreter gehörten Claude Lévi-Strauss und Roland Barthes.

Es gibt nun eine Reihe von Gemeinsamkeiten zwischen dem Strukturalismus in den verschiedenen Varianten und der ALW. Als erstes ist hier das gemeinsame Streben nach Wissenschaftlichkeit zu nennen, was sich nicht zuletzt in einer intersubjektiv überprüfbaren Vorgehensweise und einer möglichst eindeutigen Fachsprache niederschlägt. Auch eine vorsichtige methodologische Orientierung an den Naturwissenschaften ist beiden Richtungen gemeinsam. Auf methodischem Gebiet gibt es ferner Parallelen bezüglich der Analysetechnik, was z.B. bei Mukarovskýs Analyse des Kunstwerks deutlich wird. Schließlich gibt es Überschneidungen bezüglich des Gegenstandsbereichs. Während sich der Strukturalismus immer schon mit Werken der ästhetischen Avantgarde beschäftigte, sind die Voraussetzungen der ALW ebenfalls so konzipiert, daß moderne Literaturformen dadurch erfaßt werden. Aus diesen Überlegungen heraus wurde Literatur ja als nicht-ästhetischer Gegenstand konzipiert.

Wichtiger sind im Zusammenhang der Begriffsklärung aber natürlich die Unterschiede, die eine Abgrenzung des Strukturalismus von der ALW ermöglichen. Eine zentrale Differenz gegenüber weiten Teilen des Strukturalismus ist die Einbeziehung des kommunikativen und gesellschaftlichen Kontextes bei der Werkanalyse. Gerade die frühen Varianten des Strukturalismus waren demgegenüber fast ausschließlich textimmanent orientiert. Ebenso stand lange die synchrone Untersuchungsebene im Vordergrund, während diachrone Analysen vernachlässigt worden sind. In der ALW spielt die Literaturgeschichtsschreibung jedoch keine Sonderrolle.27 Schließlich erhebt die ALW die Strukturanalyse nicht zur paradigmatischen Methode. Das heißt aber nicht, daß diese Analysetechnik von den Vertretern der ALW ignoriert wird. Abschließend sei noch auf den Unterschied hingewiesen, daß die analytische Philosophie für den Strukturalismus bei weitem keine so wichtige Rolle spielt.

Auch die von S.J. Schmidt entwickelte Empirische Literaturwissenschaft (ELW) böte sich zur Einbeziehung in das Konzept einer ALW an. Das gälte aber nur für die frühe Form wie sie von Schmidt im Grundriß einer Empirischen Literaturwissenschaft28 entworfen wurde. Nach der konstruktivistischen Wende bliebe dafür kein Spielraum mehr.29

Die Gemeinsamkeiten finden sich erneut im wissenschaftstheoretischen Bereich, genauer in den hohen Wissenschaftlichkeitsansprüchen, welche beide literaturwissenschaftlichen Richtungen stellen. So gibt sich S.J. Schmidt in seinem Grundriß große Mühe, seine neue Theorie gemäß neuesten wissenschaftstheoretischen Anforderungen zu entwickeln, was sich nicht nur in einer sehr expliziten Entwicklungsstrategie niederschlägt. Es gibt aber gravierende Differenzen, vor allem bezüglich der Sprachtheorie und des Textbegriffs. Will Schmidt in seiner ELW in erster Linie unter weitgehender Ausklammerung von Textanalysen die Literatur als System untersuchen, steht der Text nach wie vor im Zentrum einer ALW, wobei sich der Textbegriff an einer pragmatischen Sprachtheorie orientiert. Selbstverständlich sind literatursoziologische Analysen auch im Rahmen einer ALW möglich, sie werden aber im Gegensatz zur ELW nicht als hinreichende Methode für die Literaturwissenschaft insgesamt angesehen.

Abschließend eine Zusammenfassung der obigen Begriffsklärung. Eine ALW geht von folgenden theoretischen Voraussetzungen aus:


1) Literatur ist ein nicht-ästhetischer, pragmatischer sprachlicher Gegenstand, gehört zur Klasse der abstrakten Gegenstände und ist eng verbunden mit dem gesellschaftlichen Kontext.

(2) Das Ziel der Wissenschaft ist die Wahrheit, wobei letztere aber in einem nicht-absoluten, gemäßigt realistischen Sinn verstanden wird. Grundlegende methodologische Unterschiede zwischen Geistes- und Naturwissenschaften werden nicht angenommen, und die Wissenschaft wird als privilegiertes Erkenntnisinstrument angesehen.

Besonderheiten:

(3) Methodologische Reflexionen nehmen einen hohen Stellenwert ein.

(4) Orientierung an relevanten Ergebnissen der analytischen Philosophie.

(5) Orientierung an relevanten Ergebnissen der Naturwissenschaften.

(6) Hoher Stellenwert der Interdisziplinarität im allgemeinen.


Da sich diese Begriffsklärung am aktuellen Stand der Theoriebildung orientiert, kann sie nicht als striktes Auswahlkriterium für Publikationen der ALW dienen, die im nächsten Teil untersucht werden sollen. So kann man von frühen Arbeiten der ALW nicht erwarten, daß sie implizit oder explizit auf pragmatischen Sprachtheorien basieren, weil diese damals nur in ersten Ansätzen vorhanden waren. Es gibt also eine gewisse "historische Unschärfe" bezüglich obiger Begriffsbestimmung, was die Selektion der Arbeiten angeht.


2.3 Geistes- und wissenschaftsgeschichtliche Einordnung

Bezüglich der geistesgeschichtlichen Einordnung der ALW spielt die analytische Philosophie eine herausragende Rolle. Deshalb werde ich mich in diesem Abschnitt etwas ausführlicher mit dieser Richtung auseinandersetzen, zumal sie deutschsprachigen Geisteswissenschaftlern und Geisteswissenschaftlerinnen oft nur ansatzweise bekannt ist. Im Anschluß daran erfolgt ein kurzer Blick auf die Geschichte der Germanistik, um etwaige Vorläufer der ALW ausmachen zu können.

Zu Beginn ist festzustellen, daß es sich bei der Bezeichnung ‘analytische Philosophie' um einen Sammelbegriff handelt, der eine Vielzahl von unterschiedlichen Theorien und Vorgehensweisen beinhaltet. Die Etikettierung der teilweise sehr divergenten Strömungen mit einem einzigen Begriff läßt sich vor allem durch zwei Beobachtungen rechtfertigen: 1. Philosophiegeschichtlich entwickelten sich die unterschiedlichen Auffassungen ausgehend von wenigen gemeinsamen Überzeugungen. 2. Trotz aller Divergenz lassen sich noch theoretische Gemeinsamkeiten entdecken, zumindest was methodologische Vorstellungen betrifft.

Einer der Begründer der analytischen Philosophie war der zu seinen Lebzeiten weitgehend verkannte deutsche Philosoph Gottlob Frege (1848-1925).30 Bis in die Gegenwart hinein entspricht sein Bekanntheitsgrad keineswegs dem hohen Rang seiner philosophischen Arbeiten. An erster Stelle ist hier die Entwicklung der modernen formalen Logik zu nennen. In seiner Begriffsschrift31 (1879) führte Frege nicht nur eine umfassende Übersicht logischer Schlußregeln an und stellte die Quantifikation dar, sondern er beschrieb auch die Grundlagen einer Kunstsprache, in der mathematische und naturwissenschaftliche Urteile exakt formuliert werden können. Nachdem die Entwicklung Logik seit der Zeit des Aristoteles nur in mehr oder weniger umfangreichen Modifikationen von dessen Syllogistik bestand, stellte Frege diese Disziplin auf eine völlig neue Grundlage, indem er die bis dato enge Verknüpfung zwischen der sprachlichen Grammatik und der Logik als eine nur scheinbare erkannte. So konnte er zeigen, daß dieselben grammatischen Kategorien oft unterschiedliche logische Kategorien exemplifizieren.32 Auch in der Sprachphilosophie haben Freges Aufsätze längst den Status von klassischen Werken. In Über Sinn und Bedeutung (1892) traf er die bereits im Titel angegebene Unterscheidung, mit deren Hilfe er eine überzeugende Lösung des Referenzproblems vorschlug. Dabei ging es ihm vor allem um die Frage, wie sich die Relation von zwei anscheinend referenzidentischen Namen wie ‘Morgenstern' und ‘Abendstern' zueinander sowie zu dem bezeichneten Objekt adäquat beschreiben läßt. Mit Freges Analyse können dann auch die von ihm konstuierten Paradoxa vermieden werden.

Die große Bedeutung der Werke Freges wurde zuerst von Bertrand Russell (1872-1970)33 erkannt, d.h. die Wirkung Freges setzte erst durch die Vermittlung des angelsächsischen Sprachraums ein, während seine Arbeiten in Deutschland von Philosophen meist als zu mathematisch und von Mathematikern oft als zu philosophisch abgelehnt wurden. Nicht zuletzt deshalb wird die analytische Philosophie regelmäßig als eine angelsächsische Richtung bezeichnet. Doch diese gängige geographische Beschränkung ist bei genauerer Betrachtung unhaltbar. Abgesehen von Gottlob Frege und dem noch zu behandelnden Wiener Kreis, gibt es noch weitere deutschsprachige Vordenker. Es sei hier auf Michael Dummetts Studie Die Ursprünge der analytischen Philosophie (1988) verwiesen, die sich dieser oftmals verkannten Vorläufer annimmt.34

Schon Frege hatte versucht, die Grundlagen der Mathematik mit ausschließlich logischen Mitteln zu konstruieren. Russell verschrieb sich ebenfalls diesem logizistischen Programm und zeigte deshalb großes Interesse an den Forschungsarbeiten seines deutschen Kollegen. Dabei stieß Russell auf die nach ihm benannte "Antinomie der Mengenlehre", die er mit seiner Typentheorie lösen wollte. Seine intensive Beschäftigung mit den Grundlagen der Mathematik gipfelte schließlich in der mit Alfred North Whitehead verfaßten dreibändigen Principia Mathematica (1910-1913), die bald zum Standardwerk der modernen Logik avancierte. Darin enthalten ist - neben der Typentheorie - auch Russells einflußreiche Theorie der Kennzeichnungen. Russell ging bei der Analyse philosophischer Probleme von drei Grundprinzipien aus:35 Das erste war der Empirismus. Nur das dem Bewußtsein unmittelbar Gegebene führe zu glaubwürdigem Wissen. Zweitens orientierte er sich an dem Prinzip der ontologischen Sparsamkeit, das auch als Ockhams Rasiermesser bekannt ist, d.h. er lehnte die Annahme von nicht notwendigen Entitäten ab. Drittens schließlich sah er gewisse logische Doktrinen für zentral an, wie sie sich beispielsweise in der Principia Mathematica niederschlugen. Russell war ein sehr aktiver Denker, der seine Anschauungen immer wieder kritisch überprüfte und revidierte. Ohne eine Erwähnung seines großen sozialen und politischen Engagements bliebe selbst eine kurze Skizze seiner Arbeit unvollständig.

George Edward Moore (1873-1958) wird neben Frege und Russell als dritter "Gründervater" der analytischen Philosophie angesehen. Moore wandte sich gegen den damals auch in England von John Ellis McTaggart und Francis Herbert Bradly vertretenen spekulativen Idealismus, den er in The Refutations of Idealism (1903) treffend kritisierte. Seine philosophische Analysetechnik zeichnete sich vor allem durch drei Besonderheiten aus:36 Erstens war Moore der Ansicht, viele traditionelle Probleme seien nur Scheinprobleme, wie beispielsweise die Frage nach dem ontologischen Status von Raum und Zeit. Er begründete dies mit elementaren Common-sense-Wahrheiten, die eine weitere Behandlung überflüssig machten. Zweitens forderte er, daß Aussagen mit analytischer Relevanz auch in der Alltagssprache formulierbar sein müßten. Technische Ausdrücke seien zwar zulässig, müßten aber alltagssprachlich genau erläutert werden. Drittens bestand für Moore eine philosophische Analyse immer in der Analyse von Aussagen und Begriffen: Komplexe Begriffe sollten auf immer einfachere zurückgeführt werden.

Von entscheidender Bedeutung für die weitere Entwicklung der analytischen Philosophie war der Logische Empirismus bzw. Logische Positivismus, wie er von den Mitgliedern des Wiener Kreises37 vertreten wurde. Die Rezeption der Arbeiten dieser philosophischen Richtung ist allerdings kein Ruhmesblatt der intellektuellen Kultur in Österreich und Deutschland. Schon in den zwanziger und dreißiger Jahren von Anhängern diverser Irrationalismen befehdet und vom überwiegend deutschnationalen und katholisch-reaktionären Milieu der Wiener Universität beargwöhnt, wurden in den dreißiger Jahren viele Mitglieder zur Emigration gezwungen.38 Trauriger Höhepunkt des Kulturkampfes war am 22. Juni 1936 die Ermordung Moritz Schlicks, der von seinem ehemaligen Studenten Dr. Johann Nelböck auf dem Weg zu einer Vorlesung erschossen wurde. Während der Verhandlung führte Nelböck auch weltanschauliche Motive zur Begründung seiner Tat an: Durch die positivistischen Lehren Schlicks hätte er jeden geistigen Halt verloren.39 Während der Logische Empirismus der angelsächsischen Philosophie wichtige und dauerhafte Impulse verlieh, hielt sich nach 1945 das Interesse in den deutschsprachigen Ländern in engen Grenzen. Der sogenannte Positivismusstreit sorgte schließlich endgültig für die weite Verbreitung von anti-"positivistischen" Klischees. Mangelnde Fähigkeit zur Selbstkritik und philosophische Affirmation waren zwei der gängigsten Vorwürfe, die von vielen Intellektuellen ungeprüft übernommen wurden. Daß dieses Bild historisch falsch und philosophisch undifferenziert ist, läßt sich dank der seit den siebziger Jahren erschienen Forschungsliteratur leicht zeigen.40 Das politische und soziale Engagement vieler Mitglieder des Wiener Kreises gegen den Nationalsozialismus widerlegt den Vorwurf der Affirmation ebenso, wie ein Blick auf die kritische und undogmatische Ausrichtung ihres Philosophierens, wie sie in der Programmschrift Wissenschaftliche Weltauffassung - Der Wiener Kreis (1929) pointiert formuliert wurde. Natürlich war der Wiener Kreis, trotz Übereinstimmung in wichtigen Grundlagenfragen, keineswegs ein so monolithischer Block, wie er von seinen Gegner im Nachhinein konstruiert wurde. Es fanden im Gegenteil zahlreiche, oft sehr kontroverse Diskussionen zu verschiedenen Themen statt.41

Die verschiedenen Forschungsprogramme des Wiener Kreises können in diesem Rahmen nicht einmal skizzenhaft vorgestellt werden. Im Zentrum stand die Entwicklung einer metaphysikfreien und eng an die Naturwissenschaften angelehnten Philosophie. Sie sollte einen rationalen theoretischen Rahmen für die Naturwissenschaften bilden, und zwar durch ein solides erkenntnistheoretisches Fundament für die Einzelwissenschaften. Diese Intention erklärt den hohen Stellenwert, welcher der Suche nach einem empiristischen Sinnkriterium für Sätze eingeräumt wurde. Das wichtigste Instrument für die Erreichung dieses Ziels war die Analyse der Sprache unter Verwendung der von Frege, Russell und Whitehead entwickelten neuen Logik. Daß sich dieses Forschungsprogramm nicht wie geplant durchführen ließ, sondern an unüberwindlichen Schwierigkeiten scheiterte, schmälert die zahlreichen philosophischen Verdienste des Logischen Empirismus keineswegs. Manfred Geier zieht berechtigterweise das Fazit:

    Keine andere Strömung in der großen Tradition der abendländischen Philosophie hat ein vergleichbares sprachkritisches Reflexionsniveau erreicht.
42

Auch der Stil des Philosophierens war vorbildlich. Eine Gruppe gleichberechtigter Mitglieder suchte kooperativ nach der Lösung philosophischer Probleme, und jeder setzte seine Thesen bewußt der Kritik der anderen aus.

Nur einer der mit dem Wiener Kreis in Kontakt stehenden Philosophen konnte sich mit dieser hoch entwickelten Diskussionskultur nicht anfreunden: Ludwig Wittgenstein. Obwohl er durch seinen Tractatus logico-philosophicus (1922) einen erheblichen Einfluß ausübte, blieb er distanziert. Nur mit Kollegen wie Moritz Schlick und Friedrich Waismann, von denen er keine Kritik befürchten mußte, pflegte er nähere Kontakte.43 Nach seiner Abkehr vom Wiener Kreis und seiner Hinwendung zur Analyse der Alltagssprache, spielte Wittgenstein eine zentrale Rolle für die analytische Philosophie, genauer für die Entwicklung der Ordinary Language Philosophy. Im Gegensatz dazu interessierten sich Vertreter der Ideal Language Philosophy weiterhin für die Konstruktion logischer Formalsprachen, um mit ihnen die Vagheit und Doppeldeutigkeit der Alltagssprache kompensieren zu können. Daß Wittgenstein durch sein Früh- und Spätwerk für diese beiden gegensätzlichen Richtungen zahlreiche Anregungen geliefert hat, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Karl Popper gehörte nicht zum engeren Zirkel des Logischen Positivismus. Es bedarf sogar der Begründung, ihn überhaupt als analytischen Philosophen zu qualifizieren, denn Popper hat mehr als einmal gegen die sprachanalytische Methode polemisiert. Nicht auf die Analyse von Bedeutungen käme es an, sondern auf die Analyse von Problemen und ihren Lösungsversuchen.44 Wenn er hier trotzdem als ‚analytischer Philosoph‘ bezeichnet wird, hat das mehrere Gründe. Die Entwicklung seines Denkens ist eng mit dem Wiener Kreis verknüpft: Er kannte mehrere der Mitglieder persönlich, führte häufig Diskussionen mit ihnen, schließlich erschien sein erstes Hauptwerk, Logik der Forschung, 1934 in der von Moritz Schlick herausgegebenen Reihe Schriften zur wissenschaftlichen Weltauffassung. Wichtiger als dieser historische Kontext ist aber die Ausrichtung der Popperschen Philosophie an bestimmten Rationalitätsidealen sowie sein großes Interesse an den Naturwissenschaften und ihren philosophischen Implikationen. Poppers Wissenschaftstheorie war bahnbrechend und lieferte als erste eine überzeugende philosophische Grundlage für die neuen Entwicklungen der Physik (Relativitäts- und Quantentheorie). Sein Abgrenzungsvorschlag von Wissenschaft und Pseudowissenschaft durch das von ihm entwickelte Kriterium der möglichen Falsifizierbarkeit von wissenschaftlichen Theorien war den verschiedenen Varianten des empiristischen Sinnkriteriums und den damit verbundenen Verifikationstheorien deutlich überlegen. Popper lieferte also wichtige Anstöße für die Wissenschaftstheorie.

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich die analytische Philosophie zur vorherrschenden Richtung in der angelsächsischen Welt. Dazu trug in erheblichem Maß die erzwungene Emigration vieler Mitglieder des Wiener Kreises bei. Einflußreich war aber auch die Studie Language, Truth and Logic von Alfred Jules Ayer, die bereits im Jahr 1936 erschien. Gilbert Ryle leistete mit seinem Buch The Concept of Mind (1949) einen wichtigen kritischen Beitrag zur philosophy of mind, indem er zeigte, daß klassische philosophische Formulierungen der "Bewußtseinsphilosophie" zu einer Fülle von Mißverständnissen Anlaß geben. Ebenfalls durch Sprachanalyse gelang es Richard Mervyn Hare in The Language of Morals (1952) neue Wege in der ethischen Diskussion aufzuzeigen. Ähnlich erfolgreich war Peter Frederick Strawson durch die Anwendung dieser Methode auf die Ontologie in seiner Publikation Individuals (1959). Eine der bekanntesten Ergebnisse des analytischen Philosophierens dürfte die Theorie der Sprechakte sein, wie sie von John Austin mit How to do things with Words (1962) begründet und von John Searle in Speech Acts (1969) weiter entwickelt wurde. Die Theorie der konventionellen Implikatur von H.P. Grice war linguistisch von großer Wirkung.

Einer der prominentesten analytischen Philosophen ist der Carnap-Schüler Willard Van Orman Quine, der auf zahlreichen Gebieten wichtige Beiträge leistete. In der Sprachphilosophie beispielsweise mit Word and Object (1960), erkenntnistheoretisch in dem inzwischen klassischen Aufsatz Two Dogmas of Empiricism (1953) und Epistemology Naturalized (1975), logisch schließlich durch seine Selected Logic Papers (1966).

Eine der Paradedisziplinen der analytischen Philosophie ist die Wissenschaftstheorie. Wichtige Beiträge lieferten neben bereits erwähnten Denkern Carl Gustav Hempel, Thomas Kuhn, John Sneed, Larry Laudan, Ian Hacking, Bas van Fraassen, Philip Kitcher und in Deutschland vor allem Wolfgang Stegmüller mit seinem umfassenden Werk Probleme und Resultate der Wissenschaftstheorie und Analytischen Philosophie (1969ff.).

Eine nicht so einflußreiche Rolle spielte die analytische Ästhetik, obwohl eine Reihe wichtiger Studien auf diesem Gebiet erschienen sind. Hervorgehoben seien nur Nelson Goodmans Languages of Art. An Approach to a Theory of Symbols (1968) und Arthur Dantos The Transfiguration of the Commonplace. A Philosophy of Art (1981).45

Wichtige Philosophen der jüngeren Generation sind Hilary Putnam, Saul Kripke, Donald Davidson und Daniel Dennett. Je näher man zur Gegenwart kommt, desto vielfältiger wird das Bild der analytischen Philosophie. Inzwischen hat sie sich längst auch anderen Einflüssen geöffnet, wie das beispielsweise in der Entwicklung der Philosophie Putnams zum Ausdruck kommt.

Diese notgedrungen sehr geraffte Skizze sollte einen Einblick in die Vielfalt und die große thematische Spannweite dieser Denkschule geben, wenn auch einige Bereiche wie die Sozialphilosophie nicht einmal angesprochen werden konnten. Paßt nun auf diese zahlreichen Theorieansätze und Themen wirklich die Bezeichnung ‘analytische Philosophie'? Es gibt tatsächlich hinreichende Gemeinsamkeiten, welche diese Kategorisierung rechtfertigen. Zum einen stehen sie in der geistigen Tradition von Frege, Russell, Moore und anderen analytischen Philosophen der ersten Jahrhunderthälfte. Das führt zu einigen grundlegenden Maximen des Philosophierens, die weitgehend von allen ihren Anhängern geteilt werden. Die wichtigste davon ist der herausragende Stellenwert der Sprachanalyse als philosophischer Methode. Damit ist aber nicht nur die Analyse ausgewählter sprachlicher und logischer Strukturen im engeren Sinn gemeint, sondern auch die Intention, sich einer klaren und präzisen Sprache zu bedienen, d.h. die hohen analytischen Standards auch auf die eigenen Formulierungen anzuwenden und alle obskuren und polyvalenten Stellungnahmen zu vermeiden. Indem Popper ihre Forderungen akzeptiert, ist auch er der analytischen Sprachphilosophie verpflichtet, auch wenn er selbst kaum materiale Sprachanalysen betrieben hat. Zum anderen genießen die Naturwissenschaften in der analytischen Philosophie einen wesentlich höheren Stellenwert als in allen anderen philosophischen Strömungen des 20. Jahrhunderts. Diese beiden Aspekte, Wertschätzung der Sprachanalyse46 und der Naturwissenschaften bieten, zusammen mit der gemeinsamen geistigen Tradition, in der die Philosophen stehen, eine ausreichende Abgrenzung von nicht-analytischen philosophischen Richtungen.

Nach diesem philosophiegeschichtlichen Exkurs steht im folgenden die wissenschaftsgeschichtliche Einordnung der ALW im Mittelpunkt. Überblickt man die Geschichte der Germanistik seit ihrer Institutionalisierung im 19. Jahrhundert, stellt man schon bald fest, daß eigentlich nur zwei Richtungen als Vorläufer bzw. Wegbereiter für die ALW in Frage kommen: Die positivistische Literaturwissenschaft, wie sie verstärkt nach der Einigung Deutschlands im Jahr 1871 praktiziert wurde, und die strukturalistisch-semiotischen Ansätze seit den sechziger Jahren.

Eines der wichtigsten methodologischen Prinzipien des literaturwissenschaftlichen Positivismus war das Ideal naturwissenschaftlicher Objektivität. Im Gefolge der blühenden Naturwissenschaften sollte auch die Literaturwissenschaft durch weitestgehende Adaption naturwissenschaftlicher Methoden von diesem Aufschwung profitieren. Vor dem Hintergrund aktueller wissenschaftstheoretischer Kenntnisse ist es leicht, diese Versuche als methodisch naiv zu qualifizieren. Abwertungen dieser Art werden der positivistischen Literaturwissenschaft historisch jedoch nicht gerecht.47 Denn die Forschungsergebnisse sprechen deutlich eine andere Sprache, vor allem was die starke Verbesserung der Faktenlage betrifft. Man kann an Wilhelms Scherer Geschichte der Literatur (1880-83) berechtigterweise die ontologische Konstruktion von literarhistorischen "Gesetzen" kritisieren, wie sie in seiner Unterscheidung von vermeintlich regelmäßig wiederkehrenden Blüte- und Verfallszeiten in der deutschen Literatur zum Ausdruck kommt. Das ist zweifellos ein treffendes Beispiel für die falsche Anwendung naturwissenschaftlicher Kategorien innerhalb der Literaturwissenschaft. Die Ausrichtung auf die exakten Wissenschaften führte aber nicht nur zur Postulierung nicht existierender literaturgeschichtlicher Gesetze, sondern auch zu großen Anstrengungen, was die Daten- und Quellenlage der Germanistik anbelangt. Hier wurde hervorragende Grundlagenarbeit geleistet, von der nachfolgende Germanistengenerationen profitierten und teilweise immer noch profitieren. Das betrifft sowohl stoff- und motivgeschichtliche als auch biographische Forschungen. Es erschienen eine Fülle von detailliert recherchierten Biographien, beispielsweise über Lessing von Erich Schmidt (1884-1892), über Goethe von K. Goedeke (1874) und M. Meyer (1895). Wegweisend waren zahlreiche Editionsprojekte, wie etwa die Sophienausgabe (1887-1919) und die von Hermann Paul seit 1882 herausgegebene Altdeutsche Textbibliothek.

Inwiefern war nun dieser literaturwissenschaftliche Positivismus ein Vorläufer der ALW? Hier ist - trotz gravierender Unterschiede - die Orientierung an den Naturwissenschaften zu nennen. Die Beziehung der ALW zu den exakten Wissenschaften ist allerdings sehr viel differenzierter. Das liegt vor allem daran, daß die theoretische Ebene, auf der sich diese beiden unterschiedlichen Bereiche treffen, eine sehr abstrakte ist. Die Gemeinsamkeiten werden nämlich auf einer methodologischen und erkenntnistheoretischen Ebene postuliert, die weitgehend unabhängig vom Gegenstandsbereich ist. Angesichts des komplexen Rahmens, den viele Theorien der analytischen Philosophie den Naturwissenschaften zur Verfügung stellen, und der Anlehnung der ALW an diese philosophischen Theorien, ist das auch nicht weiter verwunderlich. Die Parallelen sind also weniger materialer Natur, sondern liegen in der angestrebten Interdisziplinarität, gerade mit den Naturwissenschaften. Eine weitere Parallele ist das Erstellen einer möglichst umfassenden empirischen Datenlage. Auch ein der ALW verpflichteter Forscher wird sich bemühen, eine möglichst umfassende und sichere empirische Datenbasis zu erstellen, auf der aufbauend er dann seine Theorien entwerfen kann.

Im letzten Abschnitt wurde bereits auf Ähnlichkeiten zwischen der ALW und strukturalistischen und semiotischen Ansätzen hingewiesen, weshalb diese methodisch sehr innovativen Bemühungen ebenfalls zum wissenschaftsgeschichtlichen Umfeld zählen. Gerade vor dem Hintergrund der deutschen Nachkriegsgermanistik, die weitgehend an geistesgeschichtlichen und werkimmanenten Forschungsansätzen und einer quasi-religiösen Literaturbetrachtung festhielt,48 mußten Strukturalismus und Semiotik wie ein Befreiungsschlag wirken. Erst in diesem Kontext wird die Entwicklung einer ALW im engeren Sinn verständlich.


Endnoten:

1 So kommt Peter F. Strawson in seiner Studie Einzelding und logisches Subjekt zu folgendem Ergebnis, wobei ‘Einzelding' hier terminologisch für ‘materiellen Gegenstand' stehen kann: "Nun sind Personen und Orte die Eigennamensträger par excellence unter allen Einzeldingen. Es ist, wie wir gesehen haben, eine begriffliche Wahrheit, daß Orte durch die Beziehungen materieller Körper definiert werden; und es ist ebenso eine begriffliche Wahrheit [...], daß Personen einen materiellen Körper besitzen." Strawson (1972)

2 Anschaulicher ist diese Aufteilung im Fall der Musik. Die materiale Trägerbasis wäre hier die Partitur, während sich das musikalische Werk erst im Rahmen einer Aufführungen konstituiert.

3 ‘Sprachlich' ist hier im engeren Sinn des Wortes gemeint. In der semiotischen Terminologie wird ‘Sprache' bekanntlich oft eine größere Extension zugesprochen, wenn beispielsweise von der Sprache der Musik oder der Kunst die Rede ist.

4 vgl. das 3. Kapitel in Poppers Objektive Erkenntnis, Erkenntnistheorie ohne ein erkennendes Subjekt. Popper (1984) S. 109ff.

5 wie beispielsweise mehrere Gemeinschaftswerke der Wiener Gruppe.

6 Dieser Theorietyp umfaßt außerdem kognitive Sprachtheorien, die eine Fortentwicklung der pragmatischen darstellen.

7 Vgl. Heinemann/Viehweger (1991) S. 50ff.

8 Gemeint sind hier jeweils die phonologische, syntaktische, semantische und pragmatische Sprachebene.

9 An dieser Stelle bleibt bewußt offen, ob es sich um ein materiales oder intentionales ästhetisches Objekt handeln soll.

10 "Wir stellen eine oberste Regel auf, eine Norm für die Beschlußfassung der übrigen methodologischen Regeln, also eine Regel von höherem Typus; nämlich die, die verschiedenen Regelungen des wissenschaftlichen Verfahrens so einzurichten, daß eine etwaige Falsifikation der in der Wissenschaft verwendeten Sätze nicht verhindert wird." Popper (1989a) S. 26


11 Ausführlicher beschrieben habe ich diese Kritik an anderer Stelle: vgl. Köllerer (1996) S. 38ff. Dort wird auch auf die instruktive Studie Literary Knowledge von Paisley Livingston verwiesen, die sich umfassend mit dem Relativismus auseinandersetzt: vgl. Livingston (1988) S, 55ff.


12 Popper greift an vielen Stellen auf dieses Schema zurück, u.a. in Popper (1984) S. 300

13 Wobei Ä hier für ästhetische, L für literaturtheoretische und W für wissenschaftstheoretische Prädikate steht.


14 Die logische Struktur einer solchen Kurzbeschreibung lautet also: (Ä1 und Ä2 und L1, ..., Än und Ln) und (W1 und W2 und W3, ..., Wn).


15 ‘Ästhetisch' steht hier ausschließlich für ein ontologisches Unterscheidungsmerkmal. Natürlich ist auch in Literaturtheorien von Ästhetik die Rede, die ästhetischen Gegenständen keine ontologische Eigenständigkeit zusprechen. In diesem Fall hätte ‘ästhetisch' aber eine andere Bedeutung als die hier verwendete.


16 Letzteres habe ich in Köllerer (1996) versucht.


17 Inwieweit das Konzept der ALW selbst normative Komponenten enthalten soll, wird im Verlauf der Untersuchung noch zu klären sein.


18 Die wissenschaftlichen Präferenzen des betroffenen Personenkreises hat Harald Fricke einmal folgendermaßen beschrieben: "Ein ‘analytischer Literaturwissenschaftler' wird bei seiner wissenschaftlichen Beschäftigung mit Dichtung die logische Analyse höher schätzen als die Psychoanalyse, wird beim Stichwort "Widerspruch" zunächst an Kontradiktionen denken und nicht an Klassenantagonismen, wird stärker dem angelsächsischen Empirismus zuneigen als dem französischen Poststrukturalismus und lieber Wittgenstein als Adorno lesen." Fricke (1984) S. 41/42


19 Es wäre hier auch eine alternative Auffassung eines literarischen Gegenstands vorstellbar: Konzipiert man ihn als zwar ästhetisch, aber zeitgebunden (und sprachlich), könnte man die Ontologie Poppers verwenden.


20 Empirizität ist selbstverständlich kein Kriterium für die Formalwissenschaften Mathematik und Logik.


21 Eine ausführlichere Behandlung der analytischen Philosophie erfolgt im nächsten Abschnitt, in dem die geistes- und wissenschaftsgeschichtlichen Grundlagen der ALW thematisiert werden.


22 Das wird auch im Kapitel über die Geschichte der ALW deutlich werden.


23 Flacke (1994) S. 128ff.
24 Fleischer (1994) S. 22ff.
25 vgl. Grübel (1996) S. 396f. [In: Arnold (1996)]
26 vgl. ebenda

27 Dabei muß es sich selbstverständlich nicht um traditionelle literarhistorische Untersuchungen handeln, sondern es sind explizit moderne Ansätze wie diachrone Strukturanalysen oder sozialgeschichtliche Studien mit eingeschlossen, solange diese den explizierten Kriterien genügen.


28 Schmidt (1991)
29 vgl. Köllerer (1996) S. 102ff.

30 Eine kurze Darstellung von Leben und Werk findet sich im zweiten Band der von Anton Hügli und Poul Lübcke herausgegebenen Philosophiegeschichte, Philosophie im 20. Jahrhundert. S. 82ff.


31 Untertitel: Eine der arithmetischen nachgebildete Formelsprache des reinen Denkens.


32 Beispielsweise haben die Sätze (1) "Der Löwe heißt Leo" und (2) "Der Löwe ist ein Säugetier" eine völlig unterschiedliche logische Struktur. Während in (1) "der Löwe" ein Individuum bezeichnet, steht derselbe Ausdruck in (2) für die Tierart. Eine logisch korrekte Umschreibung für (2) lautete: "Alle Löwen sind Säugetiere" bzw. "Für alle x gilt: Wenn x ein Löwe ist, dann ist x ein Säugtiere."


33 vgl. auch Hügli (1993) S. 109ff.
34 Behandelt werden darin beispielsweise Brentano und Meinong. Dummett (1988)
35 vgl. Hügli (1993) S. 115f.
36 vgl. Hügli (1993) S. 77f.

37 Dem engeren Kreis gehörten an: Moritz Schlick, Otto Neurath, Rudolf Carnap, Hans Hahn, Friedrich Waismann, Herbert Feigl, Karl Menger und Kurt Gödel. Zum Umfeld des Wiener Kreises kann man u.a. Victor Kraft, Karl Popper und Ludwig Wittgenstein zählen.


38 Um nur einige zu nennen: Herbert Feigl verließ Wien schon 1931; Otto Neurath floh 1934 nach Den Haag; Rudolf Carnap emigrierte 1935 von Prag aus in die USA; Karl Popper floh 1937 nach Neuseeland.Vgl. dazu auch Geier (1995) S. 90ff.


39 vgl. Geier (1995) S. 8

40 Einen sehr instruktiven Überblick samt Auswahlbibliographie bietet Manfred Geier in seiner kleinen Monographie über die Wiener Kreis an; vgl. Geier (1995)


41 Geier zeigt das exemplarisch an der sogenannten "Protokollsatzdebatte"; vgl. Geier (1995) S. 115ff.


42 Geier (1995) S. 115
43 vgl. Geier (1995) S. 78f.

44 So schreibt er in der Einleitung zu Conjectures and Refutations: "Although clarity is valuable in itself, exactness or precision is not: there can be no point in trying to be more precise than our problem demands. Linguistic precision is a phantom, and problems connected with the meaning or definition of words are unimportant." Popper (1989b) S. 28


45 Da Ergebnisse der analytischen Wissenschaftstheorie und Ästhetik zahlreich in diese Arbeit einfließen, kann hier auf eine ausführlichere Darstellung verzichtet werden. So basieren die ästhetischen und literaturtheoretischen Unterscheidungen im Abschnitt 2.1 auf solchen Ergebnissen.


46 Daß die Sprachanalyse auf sehr verschiedene Weise betrieben wurde, von der Analyse alltagssprachlicher Elemente bis zur Konstruktion komplexer formaler Sprachen, spielt bei dieser Abgrenzung nach außen keine Rolle. Bezüglich der Sprachanalyse ist es bei der Rezeption der analytischen Philosophie immer wieder zu Mißverständnissen gekommen. Natürlich ist die Sprachanalyse nicht - wie immer wieder behauptet wird - Selbstzweck bzw. dient nicht nur sprachphilosophischen Zwecken, sondern sie ist eine Methode zur Lösung philosophischer Probleme. Der Vorwurf die analytische Philosophie beschäftige sich nur mit der Sprache, nicht mit den relevanten Problemen, beruht also auf einer grundlegenden Fehlinterpretation.


47 Gerade die den Positivisten nachfolgenden Vertreter einer geistesgeschichtlichen Vorgehensweise um Wilhem Dilthey machten aus Ihrer Verachtung der positivistischen Literaturwissenschaft keinen Hehl: "Innerhalb der Germanistik waren hierbei die beliebtesten Abwertungsvokabeln, mit denen sich diese Richtung gegen den Positivismus wandte, Ausdrücke wie Motivriecherei, Parallelenjagd, Unterrocksschnüffelei oder literarischer Sansculottismus, die als Merkmale einer methodischen Depravierung hingestellt wurden [...]". Hermand (1994) S. 67


48 Hermand schreibt über die Entwicklung nach 1945: "Sie unterstützten lieber eine ideologische ‘Kehre' aus dem Politisch-Kollektiven ins Unpolitisch-Subjektive, welche im Laufe der späten vierziger und frühen fünfziger Jahre dreierlei Formen annahm: (1) die eines Rückzugs auf die ewigen Werte des Religiösen, (2) die einer Umwandlung der völkischen Wesens- und Seinslehren in einen solipsistisch ausgerichteten Existentialismus und (3) die einer geradezu kultischen Beschwörung der älteren Autonomieästhetik." Hermand (1994) S. 116




[Dissertation Salzburg 1999; © Christian Köllerer]


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