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Übersicht --- Publikationen --- Belletristik --- Rezension Gauss "Ins unentdeckte Oesterreich" "Ins unentdeckte Österreich" -Nachrufe und Attacken von Karl-Markus GaußVon Christian Köllerer
Es gibt nicht viele Essayisten im deutschsprachigen Raum, die pointierte Analyse und einen prägnanten Stil miteinander zu verbinden wissen. Karl-Markus Gauß steht deshalb mit seinem Können in der deutschen Sprachlandschaft so ziemlich alleine da, weshalb nach dem "Europäischen Alphabet" (Zivilcourage 3/97) hier auch sein neues Buch vorgestellt werden soll. Der 1954 in Salzburg geborene Autor hat sich diesmal der österreichischen Kulturgeschichte angenommen. Aus Gauß' zahlreichen Beiträgen für die ZEIT, die FAZ, die "Presse" sowie der Neuen Zürcher Zeitung ist bekannt, daß er sich vor allem für entlegene, von der medialen Event-Kultur vernachlässigte Themen interessiert. So überrascht es nicht, daß er sich in seinem jüngsten Werk auf die Suche nach verborgenen Kapiteln in Österreichs Vergangenheit begibt. Genauer: Gauß will die fortschrittlichen und revolutionären Elemente in der Geschichte Österreichs ins Blickfeld rücken. Es ist nicht weiter erstaunlich, daß sich große Teile der österreichischen Eliten, sei es in der Politik oder in den Medien, mit Vorliebe dem Habsburg-Mythos und Sissi-Kitsch widmen, und die progressiven Traditionsstränge vernachlässigen. Auch in Deutschland nimmt ja beispielsweise die Erinnerung an die Romantik einen höheren Stellenwert ein, als diejenige an die revolutionären Bewegungen des Jungen Deutschland. Worüber man sich aber nach Gauß doch wundern muß ist, daß auch so prominente Österreich-Kritiker wie Elfriede Jelinek oder Thomas Bernhard diese Traditionen anscheinend nicht wahrnähmen. Österreich den reaktionären und konservativen Kräften kampflos zu überlassen hieße, den zahlreichen, nicht nur in der Metternich-Zeit verfolgten, und nach dem Anschluß vertriebenen Menschen ein weiteres Unrecht anzutun. Gauß versucht also der oft mythisierten Geschichtsschreibung des offiziellen Österreich eine Alternative entgegenzustellen, indem er exemplarisch einige Ereignisse und Schicksale herausgreift. Immer wieder weist Gauß darauf hin, daß die vielgepriesene österreichische Kultur ohne das Völkergemisch der Habsburgischen Monarchie nicht denkbar wäre. "Was Wien (...) aus dem Osten aufnahm, das waren die Menschen: die vielen begabten Menschen, die das Lexikon heute als Österreicher verzeichnet und die doch irgendwo zwischen Istrien und der Bukowina geboren wurden, Wissenschaftler, Erfinder, Künstler". Hat man diese komplexen kulturgeschichtlichen Zusammenhänge erst einmal durchschaut, liegt auch die immer noch aktuelle Heuchelei klar vor Augen: Einerseits das Renommieren mit der kulturellen Tradition Österreichs, andererseits eine Fülle von antislawischen Vorurteilen quer durch alle Bevölkerungsschichten. Daß die österreichische Kultur, auf die noch die fremdenfeindlichsten Bewohner der Alpenrepublik so stolz sind, ohne die von ihnen verachteten Osteuropäer nie zustande gekommen wäre, werden sie wohl nie begreifen. Wer also ein Österreich abseits der touristischen Klischees erkunden will, oder sich einfach allgemein für Kultur- und Literaturgeschichte interessiert, den erwartet mit Gauß' neuem Buch eine fesselnde Lektüre. Daß es sich dabei auch um ein kleines literarisches Meisterwerk handelt, braucht nach dem eingangs ausgeführten wohl nicht mehr hervorgehoben werden.
Karl-Markus Gauß: Ins unentdeckte Österreich. Nachrufe und Attacken. 179 Seiten. Gebunden. Paul Zsolnay Verlag 1998. DM 34.-
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