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Das Babylon-Projekt

Franz Krahbergers Überlegungen zur Computerkultur


Von Christian Köllerer

Man konnte immer wieder beobachten, daß sich Künstler gerne mit den neuen Medien ihrer Zeit beschäftigen, um sich mit ihrer Hilfe erweiterte kreative Ausdrucksmittel zu erschließen. Die Moderne bietet dafür eine Fülle von Beispielen an. So ist es nicht weiter überraschend, daß die rasante Entwicklung des Internet inzwischen auch einige erstaunliche Veränderungen im Literaturbetrieb verursachte. Vor allem Projekte abseits der von den Massenmedien konstruierten literarischen Großereignisse, machen sich die neuen Kommunikationsmöglichkeiten zu nutze. Engagierte Kleinverleger tummeln sich ebenso im Netz wie monomanische Herausgeber von Kleinstzeitschriften. Der technische Aufwand ist vergleichsweise gering, mit dem man sich weltweite Zugriffsmöglichkeiten auf sein Erzeugnis sichern kann. Wobei "weltweit" natürlich eine maßlose Übertreibung ist, denn noch beschränkt sich die Nutzung des Internet überwiegend auf wohlhabende soziale Schichten und Länder.

Franz Krahberger gehört in Österreich zu den Pionieren: Schon früh versuchte er, die elektronisch vernetzten Medien für die Literatur zu nutzen. Sein elektronisches Journal Literatur Primär gehört zu den besten literarischen Adressen im Netz. Auch das von ihm konzipierte Admontinische Universum, also die Erschließung der Bibliothek des Benediktinerstiftes Admont für die schöne neue Medienwelt, ist in mancher Hinsicht beispielhaft. Nun hat Krahberger seine theoretischen Überlegungen, die in den letzten Jahren aus verschiedenen Anlässen entstanden sind, in einem Buch vereinigt: Das Babylon-Projekt. Ein Text-Kompendium zur Computerkultur.

Die angesprochen Themen und Probleme sind zahlreich, die Qualität der Texte durchaus unterschiedlich. Aber gerade weil man mit einigen seiner Thesen nicht einverstanden ist, bieten sie eine produktive Reibungsfläche für die weitere Auseinandersetzung. Besonders spannend sind vor dem Hintergrund der eingangs skizzierten Entwicklungen ästhetische Fragen. Welche Auswirkungen hat es für die ästhetische Struktur der Werke, wenn sie für ein neues Medium adaptiert werden? Müssen neue literarische Kunstformen entwickelt werden oder genügt die Adaption traditioneller künstlerischer Konzepte? Krahberger wagt sich nur tastend an diese schwierigen Probleme heran. Ein wiederkehrender Vorschlag ist die These, man müsse sich dem Computer als künstlerischem Medium statt mit tradierten Auffassungen, mit Traumvorstellungen und spielerischen Überlegungen nähern. Als Vorläufer erwähnt der Autor neben anderen Lewis Carrolls Alice im Wunderland und den Surrealismus. Aus der Perspektive des schaffenden Künstlers eröffnen sich hier tatsächlich vielfältige Möglichkeiten. Allerdings sind ebenso gegensätzliche Konzeptionen vorstellbar, nämlich Kreationen deren Ästhetizität durch logische statt assoziativer Strukturen zum Ausdruck kommt.

Wichtig bei dieser Diskussion ist vor allem das Auseinanderhalten der verschiedenen theoretischen Ebenen. Das Problem der künstlerischen Produktion für neue Medien darf nicht mit der Analyse des Internet und dessen Auswirkungen verwechselt werden, deren Gegenstandsbereich sie ist. In den aktuellen Diskussionen werden beide Bereiche oft vermischt, was zu vermeidbaren Verwirrungen führt. Denn es ist wenig fruchtbar, sich beispielsweise auf assoziativem Wege der Analyse des Internet zu nähern, auch wenn die Assoziation als künstlerisches Mittel im Netz sehr produktiv sein kann.

Es wäre also erst einmal eine klare Begrifflichkeit zu schaffen, um überhaupt überzeugende Ergebnisse zu erreichen, was das Verständnis der ästhetischen Möglichkeiten des Netzes betrifft. Denn bei der Lektüre vieler Publikationen zum Thema fällt immer wieder auf, daß an entscheidenden Punkten der Argumentation häufig auf vage Metaphern zurückgegriffen wird. Da lösen sich Körper hemmungslos auf, Raum und Zeit werden wahlweise beschleunigt oder verschwinden gleich ganz; die Zahl ähnlicher Bilder ist Legion und die Sprache erinnert oft an religiöse Erweckungserlebnisse. Es entbehrt überhaupt nicht einer gewissen Komik, wie eine sich an Nüchternheit kaum noch zu überbietende Computer- und Netzwerktechnik Anlaß zu mythologischen Erlösungsphantasien sein kann, von denen der Topos des ewigen Lebens nur einer von vielen ist. Krahberger sieht zwar eine Reihe dieser Phänomene und spricht sie an verschiedenen Stellen an, doch ist auch er nicht frei davon, wenn er in Virtuality goes Reality (1993) etwa von "elektronischen Feinkörpern" schreibt und sogar vor dem Begriff der Aura nicht zurückschreckt, die angeblich im virtuellen Raum zum Material künstlerischen Handelns werde.

Virtualität ist überhaupt ein Schlüsselbegriff und Krahberger versucht redlich, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Nur ob es zielführend ist, sich diesem zentralen Konzept über die Diskussion verschiedener Bedeutungen zu nähern, wie sie im Webster's Dictionary angeführt sind, darf wohl bezweifelt werden. Dringend nötig wäre eine philosophische Analyse des Virtualitätskonzepts, vor allem den ontologischen Status virtueller Gegenstände betreffend. Natürlich kann man dieses Manko Krahberger nicht zum Vorwurf machen, denn so ein Vorhaben wäre von einem Einzelnen momentan nur schwer zu leisten. Bevor aber nicht geklärt ist, ob und wie sich Gegenstände im virtuellen Raum ontologisch von "traditionellen" Kunstwerken unterscheiden, wo die Gemeinsamkeiten und wo die Differenzen liegen, scheint eine Lösung dieser Fragen noch in weiter Ferne. Anschlußmöglichkeiten böten hier sowohl die Fiktionalitätsdebatte in der Literaturtheorie als auch ontologische Untersuchungen in der philosophischen Ästhetik.

Doch von den Höhen der Philosophie nun in die Tiefen der Politik. Krahberger steht den neuen Entwicklungen im Medienbereich, bei aller Aufgeschlossenheit in ästhetischen Belangen, alles andere als euphorisch gegenüber. Er plädiert für einen nüchternen, realistischen Blick. In dem Aufsatz Virtuelle Kriege - mediale Kriege - geschichtslose Welt (1992) rechnet der Verfasser mit den neuen Methoden der Kriegsführung und der damit einhergehenden Funktionalisierung der Massenmedien ab. In Endzeitdrohung und Technofaschismus (1996) beschäftigt er sich kritisch mit Auswüchsen der Technik-Euphorie.

Insgesamt enthält der Band sehr divergente Beiträge, die nur bedingt ein einheitliches Bild ergeben. Interessante geistesgeschichtliche Überlegungen findet man ebenso, wie Reflexionen über die Fresken der Bibliothek in Admont. Stilblüten ließen sich ebenso anführen, wie gelungene Passagen. Manche Thesen sind schlicht falsch, wie diejenige in Sprachlichkeit - Ein Essay: Über Sprache könne man nichts Eindeutiges sagen. Die Linguistik bezeugt als eine der erfolgreichsten Geisteswissenschaften das Gegenteil. Ein Blick in die Forschungsliteratur ist für diese Erkenntnis nicht notwendig, dafür reicht schon der Blick in ein Standardwerk wie der Cambridge Enzyklopädie der Sprache.

Doch alles in allem ist Franz Krahbergers Das Babylon-Projekt wesentlich weniger babylonisch als viele andere Publikationen zum Thema. Seine Reflexionen können die Wahrnehmung für wichtige Prozesse des aktuellen Kulturgeschehens schärfen. Deshalb sei dem Interessierten die Lektüre durchaus angeraten.


Franz Krahberger: Das Babylon-Projekt: ein Text-Kompendium zur Computerkultur. Wien: Triton 1997.

[Literatur und Kritik Nr. 323/324, April 1998; © Christian Köllerer]


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