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"Wie man's nimmt" -

Niemanns literarische Archäologie der Neunziger

Von Christian Köllerer

Die Vorurteile über die deutsche Gegenwartsliteratur sind Legion. Von Reflexionsversessenheit bis Erzählunfähigkeit lauten die bei jeder Gelegenheit vorgebrachten Vorwürfe. Im Hintergrund schwebt dann meist "die" amerikanische Literatur mit ihren angeblich so zahlreichen Erzählvirtuosen, welche den deutschen Schriftstellern als glänzende Vorbilder gepriesen werden. Den Wiederkäuern dieser Klischees kommt es ebensowenig in den Sinn, daß es in Amerika auch sehr avanciert schreibende Autoren wie Thomas Pynchon oder William Gaddis gibt, noch nehmen sie die oft kläglichen Ergebnisse deutschsprachigen Erzählfurors - etwa eines Michael Köhlmeier - zur Kenntnis.

Wie hervorragend deutsche Gegenwartsliteratur sein kann, läßt sich anhand des Romans Wie man's nimmt von Norbert Niemann zeigen, der im Frühjahr bei Hanser erschienen ist. Das erstaunlich daran: es ist ein Erstlingswerk und zeugt schon von einer beeindruckenden literarischen Meisterschaft.

Das wird schon dadurch deutlich, daß sich Niemanns Roman den gängigen Schubladen der skizzierten Debatte verweigert: Weder paßt er in die Kategorie der "amerikanischen" erzählenden Literatur, noch zu den angeblich so formverspielten deutschsprachigen Sprachkunstwerken. Etwas vereinfacht könnte man behaupten, daß es Niemann gelingt, eine interessante Geschichte in die ihr adäquate Form zu verpacken, auch wenn man das eine nicht vom anderen trennen darf.

Im Mittelpunkt steht der Restaurator Peter Schönlein, der zu Beginn der in den neunziger Jahren spielenden Handlung ein anscheinend glückliches und erfolgreiches Leben mit seiner Frau Christa und ihren beiden Kindern in der niederbayerischen Provinz führt. Doch die Familienidylle verwandelt sich nach und nach in ein Beziehungschaos. Niemann führt verschiedene scheiternde Lebensentwürfe vor. Die von der Popkultur geprägte Lisa, deren Weltbild mit demjenigen Mathias Bokers, konfrontiert wird, einem gescheiterten Intellektuellen und Lessing-Experten. Karl Kreiner, der plötzlich verschwundene Lebensgefährte Lisas, ein genialischer Maler und Säufer. Im Laufe des Romans gehen die Figuren untereinander verschiedene Beziehungen ein, kommen einander näher, entfremden und verfeinden sich.

Die frühe Meisterschaft Niemanns zeigt sich jedoch daran, wie er diese Geschichte erzählt. Souverän gebietet er über die erzählerischen Mittel der Moderne und macht sie seinen literarischen Zwecken zu Nutze. Wechselnde Erzählperspektiven und Bewußtseinsströme werden ebenso gekonnt eingesetzt, wie Dehnung und Raffung der Erzählzeit. Aber keines dieser Mittel wirkt konstruiert oder schematisch, sondern sind meist von einer schlagenden literarischen Notwendigkeit.

Sollte Niemann dieses Niveau für seine nächsten Werke beibehalten können, so muß man kein Prophet sein, um ihm eine große literarische Zukunft vorherzusagen.


Norbert Niemann: Wie man's nimmt. 432 Seiten. Gebunden. Carl Hanser Verlag 1998. DM 46.-


[Zivilcourage Nr. 4/98; © Christian Köllerer]

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