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28. Dezember 2008 Goethe: Briefwechsel mit Schiller 1798-1805 [2.] (Münchner Ausgabe Band 8) Im Sommer las ich die erste Hälfte des Briefwechsels zum zweiten Mal, inzwischen auch den Rest. Alles im August Geschriebene gilt natürlich auch für diese Jahre der Korrespondenz. Die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller ist am Höhepunkt und die Vielfalt der Themen zu denen sich die beiden austauschen, zeigt das deutlich. Die Polemik bleibt erfrischend:
[Schiller an Goethe am 12.1.1798] Schiller zieht Ende 1799 nach Weimar, was der Korrespondenz natürlich schadet. Statt ausführlicher Abhandlungen gibt es nun sehr häufig nur noch ein paar organisatorische Zeilen, die zwischen den Häusern hin und her gehen. Allerdings ist Goethe oft aus Weimar abwesend, was dann wieder zu langen Briefen führt. Ich kann es nicht oft genug sagen: Ein fulminantes Buch.
25. Dezember 2008 Max Winter: Expeditionen ins dunkelste Wien: Meisterwerke der Sozialreportage (Picus Verlag) Die Wiener Literatur der Jahrhundertwende wird zurecht viel gelesen und man weiß zumindest abstrakt, dass es vor dem ersten Weltkrieg in Wien eine große Kluft zwischen Arm und Reich gab. Die Palais und rauschenden Feste des Adels und der bürgerlichen Elite auf der einen Seite, die vollgestopften unhygienischen Wohnungen der Arbeiter auf der anderen Seite. Max Winter verlieh dieser deprimierenden Schattenwelt wortmächtig eine Stimme und liefert damit spannenden sozialgeschichtlichen Hintergrund zu Schnitzler und Co. Ausführliche Reportagen aus dem Wiener Untergrund waren sein Markenzeichen. "Untergrund" ist hier wörtlich und metaphorisch zu verstehen. Er durchwanderte die Kanäle Wiens mit Menschen, deren Lebensunterhalt darin bestand, in den Kloaken der Stadt nach "wertvollen" Gegenständen zu suchen. Ansonsten gibt es Reportagen aus Obdachlosenheimen, aus der Wiener Halbwelt und ähnlichen Milieus. Immer wieder schlich er sich "undercover" ein (von nächtlichen Gefängniszellen bis hin zu den Kulissenschiebern im Burgtheater), Methode Wallraff vor 100 Jahren. Interessante Lektüre, sehr empfehlenswert.
20. Dezember 2008 Reise-Notizen: Jordanien (3): Wüstenschlösser, Gerasa In der Nähe Ammans liegen die sogenannten Wüstenschlösser, welche aus der Zeit der Omayyaden stammen (8. Jahrhundert) und über deren Zweck es bis heute sehr kontroverse Diskussionen gibt. Die Bandbreite der Theorien reicht von ungestörten Orgienorten für die Elite (es sind einschlägige Wandmalereien enthalten, dem islamischen Bilderverbot Hohn sprechend) bis hin zur Etablierung machtpolitischer bedeutender Orte, um nicht nur die Beduinen zu beeindrucken. Wie meist geht man am besten von einer bunten Motivmischung aus. Entdeckt wurden viele von Alois Musil, Großcousin des Robert Musil, der sich in dieser Ecke der Welt einige Verdienste in Sachen archäologische Entdeckungen erwarb. Die Besichtigung der Schlösser lohnt sich, speziell der mächtige Quaderbau des Quasr El Azraq hinterlässt bleibende Eindrücke. Die meisten Touristen fahren aus einem Grund nach Jordanien: Petra. Spätestens während des Durchwanderns der antiken Ruinen von Gerasa wird jedoch augenscheinlich, dass das Land viel mehr zu bieten hat. Mit Ephesus und Pompeij zählt Gerasa zu der beeindruckendsten freigelegten Stadt, die ich bisher besuchte. Die Fläche ist enorm und man kann wie in Ephesus in einer antiken Stadt einen ausgedehnten Spaziergang unternehmen. Als Beispiel sei das Ovale Forum genannt. Die Ausgrabungen sind bequem während eines Tagesausflug von Amman aus zu erkunden. Thomas Anz; Rainer Baasner: Literaturkritik. Geschichte - Theorie - Praxis (Beck'sche Reihe) Anlässlich eines Vortrags, den ich für das Salzburger Symposium lesen.perspektiven.heute schrieb, las ich diese Publikation über diverse Aspekte der Literaturkritik noch einmal. Es kommt als unscheinbares Taschenbuch daher, deckt aber ein breites Themenspektrum ab. Die Geschichte der deutschen Literaturkritik wird ebenso ausführlich in mehreren Kapiteln behandelt wie theoretische Fragestellungen. Selbst Tipps für die Praxis kommen nicht zu kurz. Die meisten Beiträge schrieben Oliver Pfohlmann, selbst ein versierter Kritiker, Rainer Baasner und Thomas Anz. Eine Leseempfehlung für alle, die sich für den Literaturbetrieb interessieren.
17. Dezember 2008 Bibliothek: Neuzugänge Wer eine einigermaßen erschwingliche, komplette Ausgabe der Römischen Geschichte des Livius sucht, muss sich antiquarisch auf die Suche begegeben und wird dann um 1840 fündig. "Alte Meister" gibt es nun endlich in der schönen neuen Bernhard-Werkausgabe. Über "Persian Fire" habe ich so viel Positives gehört, dass ich es als Freund der Alten Geschichte nun doch einmal lesen sollte.
14. Dezember 2008 Empfehlungen (8): Dumont Kunstreiseführer Viele Reiseführer kratzen nur an der Oberfläche und beschränken sich darauf, die Klischees zu perpetuieren, welche die Touristen ohnehin im Kopf haben, garniert mit vielen Shopping Tipps. Eine große Ausnahme in diesem Genre sind die Dumont Kunstreiseführer, von denen mich inzwischen eine zweistellige Zahl in diverse Ecken dieser Erde begleitet hat. Geboten wird akademisches Niveau und meist auch eine gehörige Portion Skeptizismus, was das touristische Gebaren der Länder angeht. Geschrieben von ausgewiesenen Fachleuten beginnt jeder Band mit einem ausführlichen allgemeinen Teil, wo die (Kultur-)geschichte der Gegend im Mittelpunkt steht und ein Überblick über die relevanten Kunstepochen gegegeben wird. Aktuelle politische Verhältnisse kommen natürlich auch nicht zu kurz. Ein herausragendes Beispiel ist Frank Rainer Schecks Band über Jordanien. Er referiert immer wieder den aktuellen Stand der Forschung und formuliert sogar provokante Thesen, was die Entwicklung der islamischen Kunstgeschichte angeht, in dem er auf die Rückständigkeit der frühen arabischen Kultur im Vergleich zu den damaligen Hochkulturen hinweist. Jeder Band ist reichhaltig mit Plänen von Stätten und Bauwerken sowie mit hochwertigen Fotos ausgestattet. Zu Beginn erhält man einen Überblick mit Seitenzahlen bezüglich der herausragenden Sehenswürdigkeiten. Am Ende folgt ein Block mit praktischen Hinweisen. Dieser ist für Individualreisende sicher zu wenig umfangreich, so dass hier ein zweiter Reiseführer zu empfehlen ist, der den Schwerpunkt auf den Ratgeberteil legt. Der größte Nachteil der Reihe sei nicht verschwiegen: Die Bände sind ziemlich schwer und für das Genre unhandlich geraten. Ich habe es aber bisher noch nie bereut, immer einen oder zwei Bücher davon im Handgepäck zu haben.
13. Dezember 2008 Livius: Die Anfänge Roms. Buch V (dtv Bibliothek der Antike) Das fünfte Buch schließt mein Livius-Lektüre vorläufig ab. Die ersten fünf Bücher wurden seit den Zeiten des Autors als geschlossene Einheit angesehen, weil sie schon Livius separat herausgegeben hat und sich das im Laufe der Druckgeschichte regelmäßig wiederholte. Es gibt auch eine inhaltliche Zäsur, die römische Frühgeschichte endet mit der Eroberung Roms durch die Gallier, welche den römischen Staat kurz vor den Abgrund bringt. Auch die berühmten kapitolinischen Gänse haben in diesem Buch ihren Auftritt. Von den Römern ob ihrer Raubzüge zur Rede gestellt, antworten die Gallier wie die Athener bei Thukydides den Meliern, dass der bestimme, wer die Macht auf seiner Seite habe:
[S. 434]
[S. 426]
9. Dezember 2008 Reise-Notizen: Jordanien (2): Amman Amman ist eine vergleichsweise junge Stadt, weshalb es keine klassische Altstadt wie in Kairo oder Istanbul gibt. Man sieht eine Menge von Hochhäusern und als Unterbrechungen im Stadtbild immer wieder punktuiert Minarette, die in der Nacht unterhalb der Spitze grün beleuchtet sind. Schlendert man am Abend durch das zentrale Viertel der Stadt, findet man einerseits orientalischen Trubel wie in anderen levantinischen Städten, aber es läuft alles deutlich gemäßigter als etwa in Kairo ab. Man fühlt sich an eine mediterrane Großstadt erinnert, die es an die Grenze zum Orient verschlagen hat. Zur Römerzeit hieß die Stadt an diesem Ort Philadelphia. Antiker Höhepunkt ist die Zitadelle auf einem Hügel über der Stadt, auf dem eine viertausendjährige Besiedlungsgeschichte nachweisbar ist. Dort gibt es zahlreiche Ausgrabungen zu besichtigen, so einen (vermutlich Herklules-) Tempel, eine Rundzisterne, Ruinen von Militärunterkünften, aber auch die Reste einer byzantinischen Kirche und eines omayyadischen Palasts. Im Ausgrabungsgelände befindet sich auch das Archälogische Museum der Stadt. Es ist zwar klein, hat aber eine Reihe von speziellen Stücken zu bieten. So sah ich dort zum ersten Mal nabatäische Keramik. Herausragend sind auch die neolithischen Skulpturen von Ain Ghazal, die im Moment zu den ältesten menschlichen Skulpturen gezählt werden, und den modernen Betrachter ebenso sehr verblüffen wie die deutlich bekannteren Kykladen-Idole, die man in vielen Antikenmuseen der Welt besichtigen kann. Auch einige Fragmente der Quamran-Rollen finden sich dort. Robert Musil: Klagenfurter Ausgabe - Erstpräsentation (Tschechisches Zentrum Wien 25.11.) Das tschechische Zentrum für die Erstpräsentation der neuen digitalen Musil-Ausgabe auszusuchen, ist sicher eine originelle Wahl. Herausgeber Walter Fanta gab einen prägnanten Überblick über die neue Ausgabe inklusive der geplanten Vertriebsmodalitäten und führte sie auch "live" vor. Im Anschluss gab es von ihm und von Zdenek Marecek zwei Vorträge, die um Brünn und Tschechien im Nachlass des Werk kreisten.
8. Dezember 2008 Livius: Die Anfänge Roms. Buch IV (dtv Bibliothek der Antike) Es beginnt mit zwei ausführlichen Reden. Die erste fasst die Position der Patrizier zusammen und wird von Livius in indirekter Rede gestaltet. Beklagt wird die Frechheit und die Machtgier der Volkstribunen. Je mehr Zugeständnisse man ihnen mache, desto mehr forderten sie. Die Konfrontation spitzt sich in der Frage der Mischehen zu. Offenbar waren Heiraten zwischen Plebejern und Patriziern verboten und die Volkstribunen fordern dieses Verbot aufzuheben:
[S. 302] Der Rest des Buches ist dem wechselnden Kriegsgeschick der Römer gewidmet, speziell gegen den alten Rivalen Veji. Abschliessend noch ein kleines Zitat über Livius aus der Britannica, das zwei Anekdoten über sein Leben zusammenfasst, über das wir leider sehr wenig Details wissen:
Ruth Klüger: weiter leben. Eine Jugend (dtv) Jeden November wird in Wien ein von der Stadt und diversen Unternehmungen gesponsertes Gratis-Buch verteilt, das nicht nur in den Buchhandlungen aufliegt. Dieses Jahr fiel die Wahl auf Ruth Klügers beeindruckende Autobiographie, in der sie Ihre jüdische Kindheit im nazistischen Wien und Ihre Aufenthalte in Konzentrationslager schildert. Auch wenn das Buch von denen, die es wirklich nötig hätten (also jene, welche Wien bei jeder Wahl mit rassistischen Plakaten vollkleben) sicher nicht gelesen werden wird, war das eine gute Entscheidung. Klügers Text gehört inzwischen zu den Klassikern des Genres. Das ist nicht zuletzt der dialogischen rhetorischen Strategie des Werks zu verdanken. Sie hält immer wieder inne, bezieht den Leser nicht nur in Ihre Zweifel und Bedenken über das Geschriebene ein, sondern adressiert ihre Leser und mögliche Reaktionen auf das Geschriebene immer wieder direkt.
7. Dezember 2008 Karl Schönherr: Der Weibsteufel (Akademietheater 2.12.) Regie: Martin Kusej Der Mann: Werner Wölbern Sein Weib: Birgit Minichmayr Ein junger Grenzjäger: Nicholas Ofczarek Martin Kusejs brillante Theaterarbeit hebt sich vom meist aufs Mittelmaß abonnierte Wiener Theaterleben wohltuend ab. Ein vergleichsweise biederes Stück wie Schönherrs "Der Weibsteufel" in einen fulminanten Theaterabend zu verwandeln braucht mehr als bloßes Talent. Riesige, kreuz und quer liegende Baustämme bedecken die Bühne und auf ihnen entfaltet sich das psychologische Eifersuchts- und Ehedrama. Kusej inszeniert es als eindringliches Kammerspiel bei dem man ständig den Eindruck hat, also werden hier viel größere Themen behandelt als die Racheintrige einer unterdrückten Ehefrau. Schauspielerische Perfektion rundet die Regieleistung ab. David Christian: Big History: The Big Bang, Life on Earth, and the Rise of Humanity (TTC Audio Lectures; 24h) Normalerweise schreibe ich keine Kurzrezensionen über die zahlreichen Vorlesungen der von mir sehr geschätzen Teaching Company, obwohl fast jede einen ausführlichen Artikel verdient hätte. Die 48 "Lectures" über Big History erfordern jedoch unbedingt eine Ausnahme. Es handelt sich dabei um eine neue historische Schule in den Staaten, die quer zu den üblichen akademischen Gepflogenheiten steht. Anstatt sich im historischen Detail zu vergraben, was ja durchaus legitim ist, setzt man hier eine Brille mit möglichst weiter Brennweite auf: Nichts weniger als die Beschreibung der Geschichte des Universums und der Menschheitsgeschichte ist das Ziel. Man knüpft an die Tradition der Weltgeschichtsschreibung an, ergänzt diese aber um naturgeschichtliche Fakten. Das klingt nun nach Größenwahn, aber Christian zeigt, wie kongenial man dieses Konzept umsetzen kann. Er beginnt mit dem Urknall, setzt mit Entstehung der Sterne und der chemischen Elemente fort, bis er schließlich nach der Entstehung des Sonnensystems und der Erde bei der Entstehung des Lebens landet. Der Abstraktionsgrad wird mit jeder Stufe kleiner bis er schließlich bei der Zukunft ankommt, der die letzten beiden Vorträge gewidmet sind. Das Ergebnis könnte man als eine moderne Schöpfungsgeschichte im Anschluss an die vielen Geschichten der Alten verstehe, eine Geschichte allerdings, die auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. "Big History" stellt sich bewusst in diese narrative Tradition und es bleibt zu hoffen, dass diese "Erzählung" an den amerikanischen Colleges oft unterrichtet wird, und als Gegenpol zu dem religiösen Unsinn fungiert, mit dem dort so viele Köpfe vollgestopt sind.
6. Dezember 2008 Die besten Bücher des Jahres? Auch wenn man diesen Jahreslisten mit einer gewissen ironischen Distanz begegnen sollte, haben sie mich doch schon oft auf lesenswerte Bücher hingewiesen. Deshalb hier der Verweis auf die Books of the Year des Economist und die The 10 Best Books 2008 sowie die 100 Notable Books of 2008 der New York Times.
5. Dezember 2008 Bill Bryson: Eine kurze Geschichte von fast allem Brysons Rundumschlag halte ich für ein sehr erstaunliches Buch, weshalb ich hier gerne auf die neue Besprechung von Marius Fränzel verweise. Kinder in der Antike Die eben erschienene Ausgabe der Antiken Welt geht in einigem sehr interessanten Artikeln diesem Thema nach.
30. November 2008 Livius: Die Anfänge Roms. Buch III (dtv Bibliothek der Antike) Rom wird von einer Seuche heimgesucht:
[S. 209] Sobald die Krise überwunden ist, setzen die im zweiten Buch beschriebenen sozialen Spannungen neu ein. Volkstribun C. Terentilius Harsa schlug ein Gesetz vor, das die Macht der beiden Konsule deutlich beschränken sollte, und goss damit Öl ins Feuer. Sehr ausführlich beschreibt Livius die Probleme, die nach einer Verfassungsänderung auftreten. Das Konsulat wird durch die Wahl von 10 "Decemvirn" abgelöst, die jedoch schnell durch Willkür und Korruption beim Volk verhasst werden. Höhepunkt ist wieder die Geschichte um ein unschuldiges Mädchen, das unter fadenscheinigen Vorwänden und einem Scheinprozess einem lüsternen Patrizier zugeführt werden sollte. Sie wird der Tugend halber ermordet. Die Empörung ist groß. Literarisch eine Variation zum Lucretia-Stoff. Der Hauptbösewicht Appius wird schließlich vor Gericht gestellt und schöpft alle Rechtsmittel aus, Rechtsmittel, die er während seiner Herrschaft nicht anerkannte. Erinnert das nicht an die heutige Diskussion um die Rechte von Kriegsverbrechern und Terroristen vor Gericht? Appius legt also "Berufung" ein:
[S. 273f.] Psychoanalyse in der Praxis
[Ruth Klüger, weiter leben, S. 300]
29. November 2008 Darwin: The Voyage of the Beagle (Audiobook, ca 15h) Im Rahmen meines kleinen Darwin-Projekts hörte ich im Oktober ungekürzt und im Original diesen Reisebericht. Bekanntlich befuhr Darwin ab 1831 als junger Mann, nachdem er den Widerstand seines Vaters überwunden hatte, als "naturalist" an Bord der H.M.S. Beagle Teile der neuen Welt. Während dieser Reise reifte in ihm die Evolutionshypothese, die später dann nicht nur die Welt der Wissenschaft revolutionierte. Im Vergleich zu "Origins of Species", von denen hier ja schon die Rede war, ist "The Voyage of the Beagle" eine im konventionellen Sinn unterhaltsamere Lektüre, bekommt man zu den zahlreichen botanischen, zoologischen und geologischen Beobachtungen doch auch noch Reiseabenteuer und exotische Schauplätze mit serviert. Naturgemäß ist es sehr spannend, dem jungen Darwin beim Denken & Beobachten geistig über die Schulter zu sehen. Im Umgang mit der nativen Bevölkerung der Neuen Welt findet man einerseits Empörung über die gängigen üblen Praktiken, andererseits ist auch sehr unbekümmert von "savages" die Rede. Sklaverei wird scharf abgelehnt. An dem Buch wird jeder seine Freude haben, der sich für Wissenschaftsgeschichte und/oder Reiseliteratur interessiert. Janet Browne: Darwin's Origin of Species: A Biography (Books That Changed the World) (Audiobook) Der Reihenname ist etwas irreführend. Zwar schreibt Janet Browne einiges rund um Darwins berühmtes Buch, im wesentlichen handelt es sich aber um eine Einführung in Leben und Werk Darwins und damit in die Evolutionstheorie. Sie macht das nicht schlecht und man bekommt eine ganz brauchbare Begleitlektüre. Enthusiastische Reaktionen auf das Buch wären aber übertrieben.
24. November 2008 Buch Wien 2008 Die Wiener Buchwoche wurde dieses Jahr von der "internationalen Buchmesse" Buch Wien abgelöst. Buchstäblich gesprochen ist die Veranstaltung international, so findet sich ein Stand Saudi Arabiens und einer Reihe osteuropäischer Länder in der Messehalle B. Die Schweiz ist mit einem Sammelstand vertreten und die großen deutschen Verlage fehlen entweder ganz oder haben ein paar Alibibücher auf Gemeinschaftsständen stehen. Die österreichische Verlagsszene, die es ohne die staatliche Verlagsförderung vermutlich gar nicht gäbe, ist dagegen sehr ausführlich präsent. Der Gesamteindruck ist ein zwiespältiger, zumal die gleichzeitig eingestreuten Veranstaltungen eher peinlich sind. Bedauernswerte Autoren sitzen vor leeren Stuhlreihen mitten im Messetrubel und versuchen, gegen den Lärm anzulesen. Leider ein symbolträchtiges Bild ...
23. November 2008 Livius: Die Anfänge Roms. Buch II (dtv Bibliothek der Antike) Die Frühzeit Roms wird weiter beschrieben, darunter die zahlreichen Kriege mit den Nachbarn, die teils defensiver teils offensiver Natur waren. Es ist auch die Ernennung des ersten "Diktators" zu vermelden. Was mich an diesem Buch aber besonders fasziniert hat, sind die sozialen und ökonomischen Konflikte im frühen Rom. Die Spannungen zwischen Plebejern und Patriziern ziehen sich ja durch die gesamte römische Geschichte. Livius beschreibt sowohl wie die "legendäre" Institution des Volkstribun entstanden ist als auch die zahlreichen Zentrifugalkräfte, welche die römische Gesellschaft zu sprengen drohten. Manches liest sich erstaunlich modern, so gab es damals auch eine Finanzkrise. Plebejer waren bei den Patriziern überschuldet und viele gerieten in eine Art Schuldknechtschaft. Das Ergebnis war laut Livius eine Art Kriegsstreik. Sie weigerten sich als Soldaten zu kämpfen so lange das Schuldproblem nicht gelöst war. Im Senat gab es Debatten um einen Schuldenerlass. Der hätte aber zur Konsequenz gehabt, dass die geprellten Gläubiger danach keine Kredite mehr gegeben hätten, was die Wirtschaft der Stadt zum Erliegen gebracht hätte. Kurz eine Kreditkrise ganz ohne die modernen Finanzinstrumente, die an unserer aktuellen Misere schuld sind. Als Anlass des Eklats erzählt Livius folgende Geschichte:
Als er im Sabinerkrieg Soldat gewesen sei, habe er wegen der Verwüstung seiner Felder nicht nur keine Ernte gehabt, sondern sein Haus sei auch in Brand gesteckt worden [...] Da habe man ihm zur Unzeit die Kriegssteuer abverlangt, und er habe Schulden gemacht. Die seien durch die Zinsen hoch angewachsen und hätten ihn zuerst um das von seinem Vater und Großvater ererbete Land gebracht, dann um sein sonstiges Hab und Gut und hätten zuletzt wie eine schleichende Krankheit seinen Körper ergriffen. Er sei von seinem Gläubiger nicht in Knechtschaft geführt worden, sondern ins Arbeitshaus und in die Folterkammer. Dann zeigte er seinen Rücken, der schrecklich anzusehen war wegen der frischen Striemen vom Peitschenhieben. Als die Leute das sahen und hörten, erhob sich ein gewaltiges Geschrei. [S. 145]
22. November 2008 Reise-Notizen: Jordanien (1): Erste Eindrücke und Religion Fliegt man mit der Royal Jordanian nach Amman, wird schon kurz vor dem Abflug klar, dass es in ein islamisches Land geht: Auf den Videoschirmen vor jedem Sitz wird ein "Travel Prayer" ausgestrahlt. Zusätzlich wird auf den üblichen visuellen Fluginformationen die Richtung nach Mekka angezeigt, wobei das Flugzeug Icon den ganzen Flug über auf der Landkarte zuckend an Amman klebte, wie die Fliege auf Musils Fliegenpapier. Allah scheint uns das aber nicht übel genommen zu haben, denn es war ein ruhiger Flug. Nimmt man eine Skala an, welche den Islamisierungsgrad einer Gesellschaft anzeigt und auf der Saudi Arabien sehr weit oben und die Türkei sehr weit unten stünde, wo würde man Jordanien einordnen? Im Westen gilt das Land als gemäßigt, was im Vergleich mit den strikteren Scharia-Proponenten wohl eine zutreffende Einordnung zu sein scheint. Amman aber als fast westliche Stadt zu bezeichnen, wie das einige Reisebücher tun, wäre jedoch vorschnell. Nach mehr als 1500km Fahrt kreuz und quer durch das kleine Land (etwas größer als Österreich), wird deutlich, dass der Islam im Leben der Menschen eine wichtige Rolle spielt. Westlich gekleidete Frauen kann man in den Städten durchaus antreffen, aber sie fallen auf und ziehen Blicke auf sich. Muezzine sind laut und deutlich fünf Mal am Tag zu hören (immer live, keine Tonbänder) und der Islam beeinflusst die Gesetzgebung: Verhütungsmittel sind allgemein verboten und Abtreibung wird sehr streng bestraft. Das dürfte, zusätzlich zum vormodernen, "klassisch" arabischen Familienbild einer der Hauptgründe für die hohe Zahl an Kindern sein. Unser Guide gab als offizielle Zahl 6,7 Kinder pro Familie an und als ob die jordanische Tourismuswirtschaft seine Aussage gezielt empirisch bestätigen wollte, bekam unser Fahrer während der Reise das siebte Kind, einen Buben. Man konnte ihm die Routine des Vaterwerdens anmerken, die Angelegenheit war mit ein paar Handytelefonaten erledigt, und zur Feier des Tages verteilte er arabische Süssigkeiten. Diese beachtliche Kinderquote hat natürlich Konsequenzen: 5,8 Millionen Einwohner zählt das Land, davon sind 1,8 Millionen Schüler. Die Jugendlichkeit des Landes ist überall offensichtlich, und man wundert sich angesichts dieser Demographie, warum Jordanien weniger Probleme mit dieser Situation hat als die nordafrikanischen Ländern. Das Bildungssystem ist, dem Vernehmen nach, ausgezeichnet. Es gibt 22 Universitäten , zählt man die privaten mit. Jordanien exportiert gut ausgebildete Akademiker in andere arabischen Staaten, während die niedrigeren Tätigkeiten im eigenen Land von vielen Ägyptern erledigt werden. Das Bildungssystem wird auch von Mädchen und Frauen sehr intensiv genutzt, das ist sicher einer der Hauptgründe, warum man Jordanien auf der Islamisierungsskala im unteren Drittel ansiedeln kann.
9. November 2008 In Jordanien ... ...bin ich jetzt eine gute Woche unterwegs. Keine neuen Notizen also in dieser Zeit.
8. November 2008 Die "Gefahren der Vielseitigkeit" - Friedrich Torberg zum 100. Geburtstag (Jüdisches Museum 7.11.08) Eine sehr schöne Ausstellung über Torberg haben die Kuratoren Marcus G. Patka und Marcel Atze zusammengestellt. Gezeigt werden Dokumente über Leben und Werk, darunter viele, gut ausgewählte Original-Briefe von und an Torberg. Allen Büchern sind einzelne Vitrinen gewidmet und natürlich wird auch seine umstrittene publizistische Arbeit im Nachkriegsösterreich sehr gut dokumentiert. An mehreren Stationen kann man Video- und Audiomaterial ansehen bzw. -hören. Literaturausstellungen in dieser Qualität, würde man sich öfters in Wien wünschen. Peter Kogler (Mumok 6.11.) Das Museum Moderner Kunst hat Peter Kogler eine Retrospektive gewidmet, in der erfreulicherweise mehr zu sehen ist, als die berühmten Ameisen. Die Ausstellung reicht vom Frühwerk bis zu aktuellen Installationen. Die schlicht "ohne Titel" benannte Mehrfach-Computeranimation, welche in einem Raum durch die Projektion von geometrischen und organischen Mustern die alltägliche Raumwahrnehmung ad absurdum führt, wäre bereits hinreichend für einen Besuch.
7. November 2008 Edward Albee: Wer hat Angst vor Virgina Woolf? (Burgtheater 25.10.) Regie: Jan Bosse Martha: Christiane von Poelnitz George: Joachim Meyerhoff Putzi: Katharina Lorenz Nick: Markus Meyer Anstatt der versprochenen Faust-Inszenierung, setzte das Burgtheater Edward Albees psychologisches Ehegemetzel auf den Spielplan. Das Bühnenbild, eine Menge Whiskeyflaschen stehen statt Bücher im Regal, ist originell. Mehr Originalität wird dann freilich nicht mehr geboten. Die erste Hälfte war eine langweilige Durchschnittsinszenierung, die zweite Hälfte musste deshalb ohne mich mich stattfinden. Das lag nicht an den Schauspielern, speziell von Poelnitz und Meyerhoff waren gut in Form. In keinerlei Hinsicht ein Ersatz für den ausgefallenen "Faust". Der Barbar Karl der Große Einen sehr hübschen Artikel über das Verhältnis zwischen den Europäern des Frühmittelalters und den Muslimen in el-Andalus schrieb Kwame Anthony Appiah für die New York Review of Books Nr. 17/08. Vergleicht man den kulturellen Stand der beiden Regionen, fällt das Ergebnis für Karl den Großen nicht sehr schmeichelhaft aus:
Charlemagne had no national system of taxation. He lived off plunder and the product of his own estates. What his lords owed him was military service. They were obliged to show up annually in the late spring, armed for a military campaign, in case he thought it necessary. (Very often, he did.) The Franks had once been a relatively free agrarian people; now they were largely a nation of serfs, working alongside slaves—many of them Slavs from Bohemia and the southern shores of the Baltic. Charlemagne's royal hall, in his new capital at Aachen, was built on a fifty-acre complex of buildings, secular and religious, and was the largest stone structure north of the Alps. But it paled in comparison to the architectural majesty of Byzantium or Rome. The King endowed libraries with hundreds of manuscripts, impressive by comparison with anything that had been seen hitherto by the Franks, but pitiful (as Gibbon observed) beside the thousands of documents in the libraries of Italy or Spain. [...] The fact is that Charlemagne's empire, impressive as it was, lacked many of the marks of what we think of as civilization: cities, commerce, great libraries, a literate elite. This is especially clear if we compare the world he made with the cultivated society of his new Muslim neighbors. Anlass des Artikels ist das neue Buch von David Levering Lewis God’s Crucible: Islam and the Making of Modern Europe, 570–1215. van Gogh (Albertina 6.11.) Ich wartete mit dem Besuch der Ausstellung bis ich an einem Wochentag Zeit hatte, aber es half nichts: Die Schau ist komplett überlaufen. Schüler aller Größen (über die Kleinen stolpert man, und die Großen stehen gelangweilt im Weg) und Touristengruppen erschweren es erheblich, die Bilder in Ruhe anzusehen. Das ist schade, denn das Konzept und die Auswahl der Bilder kann überzeugen. Die schlichte chronologische Anordnung des Frühwerks, ermöglicht einen guten biographischen Überblick. Speziell seine "vorimpressionistischen" Bilder und Zeichnungen kannte ich bisher nicht. Wer Glück hat und einen nicht ganz so überlaufenen Moment erwischt, wird seine Freude an der Ausstellung haben.
6. November 2008 Bibliothek: Neuzugänge Den größten Teil der Bücher habe ich in Berlin gekauft, und zwar bei Jokers. Schubart und Burckhart fand ich auf einem Bücherstand vor der Humboldt Uni. Das hübsche Buch von Peter Nichols über Darwins Kapitän schickte mir ein amerikanisches Antiquariat. Kleist und Aischylos sind hübsche, kleine gebundene Leseausgaben. Ideal für unterwegs.
5. November 2008 Reise-Notizen: Berlin Über die Kunst-Museen in Berlin gab es an dieser Stelle schon mehrmals etwas zu lesen, weshalb ich mich auf den Hinweis beschränke, dass im Pergamon-Museum endlich das restaurierte Tor von Milet wieder zu sehen ist. Dafür ist fast der komplette Bestand des vorderasiatischen Teils geschlossen, mit Ausnahme des Ischtar-Tors und der Prozessionsstraße. Zum ersten Mal besuchte ich das Stasi-Museum in Lichtenberg und kann dieses gespenstische Erlebnis nur empfehlen. Sieht man die durch und durch geschmacklose Inneneinrichtung, ein holzgetäfelter und kunstfellbestuhlter Spießer-Alptraum, wird sofort klar: Die DDR musste schon aus ästhetischen Gründen untergehen. So viel konzentrierte Hässlichkeit verträgt das Universum nicht. Das Ausstellungskonzept ist vergleichsweise schlicht, der Schwerpunkt liegt auf klassischen, allerdings sehr informativen Ausstellungstafeln. Dazwischen immer wieder real existierende Gegenstände aus dem Stasialltag. Höhepunkt ist ein Raum, welcher der Spitzeltechnik gewidmet ist. Dort gibt es schießende Aktenkoffer, Gießkannen mit eingebauter Kamera, künstliche Steine mit Elektronik etc. zu sehen. Abgerundet von Dokumenten des hauseigenen Marketings, um die hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter bei Laune zu halten. Eine alte Dame jenseits der siebzig sorgte in der Eingangshalle für einen kleinen Eklat, wollte sie doch die Besucher auf die "Schlichtheit" des Museums hinweisen, für deren Vorläufer sie vermutlich einmal tätig war. Sie wurde freundlich, aber bestimmt hinauskomplimentiert, nachdem das offenbar zum wiederholten Male vorkam. Empfehlenswert ist auch die Ausstellung Mythos Germania des Vereins Berliner Unterwelten. Hier wird im Detail den Umgestaltungsplänen der NS Baubürokratie unter Speer nachgespürt. Man erfährt etwa Aufschlussreiches über den Umgang der Reichsbehörden mit der Stadtverwaltung.
19. Oktober 2008 Publizistische Peinlichkeiten Man könnte das Ableben des rechtsradikalen österreichischen Volkshelden und dessen gestern gefeierte Höllenfahrt zum Anlass nehmen, über das klägliche Versagen der hiesigen Medien zu berichten, von den politischen "Eliten" gar nicht zu reden. Ich möchte an dieser Stelle aber ein anderes symptomatisches Beispiel für die Medienmisere bringen. Die Tageszeitung "Die Presse", die sich selbst für ein Qualitätsmedium hält, blamiert sich derzeit mit einer Werbekampagne, in der sich der Chefredakteur Michael Fleischhacker in großformatigen Anzeigen und Plakaten in Szene setzt: Peinlicher Persönlichkeitskult. Man setze dagegen ein wirkliches Qualitätsmedium wie den Economist: Die weltbesten Journalisten schreiben anonym für das Blatt, weil bei ihnen die Sache und journalistische Qualität im Zentrum stehen. Eine Provinzposse! Königin Noor: Im Geist der Versöhnung. Ein Leben zwischen zwei Welten (List) Auf der Suche nach Büchern für die Vorbereitung meiner Jordanien-Reise, wurde mir diese Autobiographie empfohlen. Geschrieben von der in den USA aufgewachsenen Gattin des König Husseins sollte man hintergründige Einblicke in das Land erhalten. Mein Eindruck von dem Buch ist zwiespältig. Es stimmt zwar, dass man einiges zu den Hintergründen der Geschichte Jordaniens seit den sechziger Jahren erfährt, darunter auch Interna über politische Abläufe im Königshaus und der jordanischen Regierung. Man wird aber während der gesamten Lektüre den Eindruck nicht los, nur an der Oberfläche zu kratzen. Zusätzlich bringt es das Genre mit sich, dass fast alle Handlungen Husseins gerechtfertigt werden, und Königin Noor als treue Gattin ein sehr loyales Bild entwirft. Das wird speziell bei so umstrittenen historischen Ereignissen deutlich, wie Husseins (scheinbare?) Unterstützung Sadam Husseins im ersten Golfkrieg. Nimmt man doch die unvermeidlichen Passagen hinzu, welche um Heirat, Hof und Kinder kreisen, von denen ich mir erlaubt habe, viele zu überblättern, fällt das Gesamturteil ziemlich negativ aus. Wer nach Jordanien fährt, sollte aus Metainteresse einen Blick hinein werfen, alle anderen können sich die Lektüre sparen.
18. Oktober 2008 Reise-Notizen: Skopje (13.10-15.10.) Fliegt man nach Skopje, kann man sich eines Lächelns nicht erwehren. Der Flughafen ist einer der kleinsten, den ich beruflich je angeflogen bin. Ganze vier Gates sind vorhanden, und wenn man glaubt, man betrete nun die Empfangshalle, steht man schon im Freien. Nicht unsympathisch also, wenn die Mazedonier dieses putzige Bauwerk nach ihrem größten geschichtlichen Helden nennen: Alexander dem Großen. Skopje selbst ist, diplomatisch formuliert, keine schöne Stadt. Einheimische versichern einem, das liege an dem großen Erdbeben Anfang der sechziger Jahre. Die Stadt wurde dem Erdboden gleich gemacht und der Wiederaufbau fand im Stile der damals populären Plattenbauten statt, die ja auch so manche deutsche Innenstadt verunstalten. Die Stadt ist schnell besichtigt. Der moderne Hauptplatz ist als Zentrum konzipiert, um den sich Restaurants und eine Shopping Mall scharen. Überquert man die Steinbrücke vor dem Platz, so gelangt man zum Bazar der albanischen Minderheit, der zum Zeitpunkt meines Spaziergangs am früheren Abend jedoch fast menschenleer war, ganz anders als man es von orientalischen Bazaren sonst gewöhnt ist. Die Umgebung dieses albanischen Viertels ist erschreckend heruntergekommen, und es bleibt kein Zweifel daran, wohin die Gelder der Regierung fließen. Vor Bürogebäuden hängen Schilder mit durchgestrichenen Revolvern und Pistolen: Keine wirklich vertrauenserweckende Geste.
13. Oktober 2008 Jörg Haiders Abgang Jetzt kann er endlich "die ordentliche Beschäftigungspolitik des Dritten Reiches" direkt mit den dafür Verantwortlichen diskutieren. David Quammen The Reluctant Mr. Darwin. An Intimate Portrait of Charles Darwin and the Making of His Theory of Evolution (Audiobook) Im Zuge meines kleinen Darwin-Projekts stieß ich auf dieses kleine Buch, das in bester angelsächsischer populärwissenschaftler Tradion eine Einführung in Darwins Leben und Werk bietet. Keine spektakuläre publizistische Leistung, aber doch ein solider Titel, dessen Lektüre (in meinem Fall Anhören) durchaus lohnt. Quammen konzentriert sich - mit biographischen Rückblenden - auf die Zeit der Entstehung der Evolutionstheorie. Darwins berühmte Reise auf der Beagle klammert er explizit aus. Man erfährt viel über die Vorläufer von Darwins Theorie, seine Lebensumstände, seine zum Teil skurrilen Experimente und natürlich auch über die Entstehung und Inhalt seiner berühmten Theorie. Auch die Verlagsseite der Angelegenheit (Verleger, Auflagen, Text) kommt dabei nicht zu kurz. Empfehlenswerter Begleiter zur Lektüre von "The Origins of Species". Aktueller Privatkanon Im Rahmen meiner Bibliomanen Betrachtungen veröffentlichte ich vor längerer Zeit eine Liste mit meinen Lieblingsbüchern, die ich immer wieder lese, so in in den letzten zwei Jahren die "Strudlhofstiege", die "Brüder Karamasow" und den "Staat". Inzwischen ist es Zeit für eine kleine Aktualisierung:
Homer: Die Odyssee Herodot: Historien Aischylos: Orestie Sophokles: König Ödipus; Antigone Thukydides: Geschichte des peloponnesischen Kriegs Platon: Der Staat Aristoteles: Nikomachische Ethik Ovid: Metamorphosen Augustinus: Der Gottesstaat Dante: Göttliche Komödie Montaigne: Essais. Zweites Buch (Eichborn) Shakespeare: Tragödien Cervantes: Don Quijote Sterne: Tristram Shandy Moritz: Anton Reiser Schiller: Don Karlos; Wallenstein; philosophisch-ästhetische Schriften Goethe: Briefwechsel mit Schiller Goethe: Faust, Wahlverwandtschaften Flaubert: Madame Bovary Dostojewskij: Die Brüder Karamasow, Böse Geister Joyce: Ulysses Kafka: Erzählungen, Der Proceß Thomas Mann: Buddenbrooks, Zauberberg, Josephs Romane, Dr. Faustus Musil: Mann ohne Eigenschaften Doderer: Strudlhofstiege Johnson: Jahrestage Bernhard: Auslöschung
12. Oktober 2008 Livius: Die Anfänge Roms. Buch I (dtv Bibliothek der Antike) Römische Geschichtsschreiber stehen schon länger auf meiner Leseliste. Livius habe ich deshalb gewählt, weil ich bald einmal Machiavellis zweites Hauptwerk lesen wollte: Discourses on Livy. Es soll ein wichtiges Korrektiv zu "Il principe" sein, was Machiavellis politische Philosophie angeht. Bekanntlich schrieb Livius 142 Bücher über die Geschichte Roms, eine monomane Leistung, die ca. 11.000 eng bedruckten modernen Seiten entspricht. Überliefert sind leider nur 35, darunter die 1-10, welche die Stadtgründung Roms und die frühe Geschichte beschreiben, von denen ich die ersten fünf nun als Einstieg lesen will. Der erste Lektüreeindruck war denn auch ausgesprochen positiv: Livius schreibt eine sehr gut zu lesende Prosa und würzt seine Darstellung ab und an mit kritischen Bemerkungen. Schon gleich in der Vorrede heißt es:
[S. 33] Das erste Buch beschreibt nun die Gründung Roms und die Regierungszeiten der ersten Könige samt deren Eroberungskriegen und deren Einführung römischer Institutionen (Senat, Gesellschaftsstruktur, Rechtswesen...). Dabei gibt es immer wieder sehr interessante Nebenaspekte, etwa dass Rom zu Beginn auch deshalb so schnell wuchs, weil es als Fluchtziel für Unzufriedene aller Art galt. Ein sehr frühes Beispiel des mittelalterlichen Mottos "Stadtluft macht frei":
[S. 46]
[S. 60]
6. Oktober 2008 Philip Roth: Indignation (Jonathan Cape) Nachdem ich gerade Lust auf aktuelle Belletristik hatte, begann ich Philip Roth' neues Buch gleich nach dem Eintreffen zu lesen. Es trägt keine Gattungsbezeichnung, "Roman" wäre aber auch zu viel gesagt. Es handelt sich um eine Erzählung, die durch großen Satz auf 230 Seiten gestreckt ist. Einmal mehr geht der Protagonist aus Newark hervor, und einmal mehr ist es ein junger Jude. Marcus Messner, 18 Jahre alt, Sohn eines koscheren Metzgers und ein Musterknabe, was altersgemäße Freizeitbeschäftigungen angeht. Einser-Schüler und Student (auch wenn er in den Staaten natürlich As nach Hause bringt). Die Handlung setzt im Sommer 1950 ein und hat damit den Koreakrieg als wichtigen Hintergrund. Kurz nach seinem Eintritt ins College in Newark wird sein Vater immer irrationaler und seltsamer. Er fürchtet ständig um das Leben seines Sohnes, beginnt ihm nachzuspionieren, ohne Grund und Anlass. Marcus hält das nicht lange aus und flüchtet in das Winesburg College nach Ohio. Dort kommt die andere Seite des jungen Mannes zum Vorschein, die des unangepassten, erwachenden Intellektuellen, der Russell liest, an den Zwangsgottesdiensten leidet und sich mit seinem Dean heftige Wortgefechte zum Thema liefert. Erste sexuelle Erfahrungen mit einem mysteriösen Mädchen kommen ebenso dazu wie seine Schwierigkeiten mit anderen Studenten, um seinen Einstieg ins Collegeleben nicht einfach zu machen. Am Ende verwandelt eine Schneeballschlacht ein paar hundert Jungen in einen wilden Mob. Seine Renitenz bringt ihn nach Korea an die Front (Collegestudenten wurden nicht eingezogen), wo ein vielversprechendes junges Leben dank eines chinesischen Bajonetts sein Ende findet. Man braucht nun kein Meisterhermeneut sein, um hier Bezüge zum Irakkrieg zu sehen, wo ebenfalls viele junge Amerikaner ums Leben kommen. Der Kontext des religiösen Dogmatismus und das fehlende Verständnis für liberale Werte verstärken diesen Eindruck noch. Roth geht nicht sehr explizit auf den Horror des Krieges ein. Dafür schildert er in einer quälenden Ausführlichkeit das blutrünstige des Schlachterhandwerks an den Marcus von klein auf teilnehmen "darf". Das ist schriftstellerisch so gut gemacht, wie man es von Philip Roth erwarten darf. Die Erzählung ist routiniert auf hohem Niveau geschrieben. Wenn man denn will, könnte man einwenden, dass die Ich-Perspektive nicht immer überzeugend durchgehalten wird. Marcus erzählt uns seine Geschichte, und ab und zu schreibt er so blasiert über sich als käme hier doch ein auktorialer Erzähler ins Spiel: "I, with the mind of an eighteen-year-old-boy..." etc. Die paar Stunden Lesezeit für "Indignation" sind jedenfalls sehr gut investiert. Notizen-FAQ 1. Gibt es einen RSS Feed?
http://www.koellerer.de/q2-2007.html#TTMMJJ Um auf den 26. Mai 2007 zu verlinken also: http://www.koellerer.de/q2-2007.html#260507
5. Oktober 2008 Tschaikovsky: Pique Dame (Staatsoper 4.10.) Dirigent: Seiji Ozawa Inszenierung: Vera Nemirova Hermann: Neil Shicoff Tomski/Pluto: Albert Dohmen Jeletzki: Markus Eiche Tschekalinski: Peter Jelosits Surin: Goran Simic Tschaplitzki: Benedikt Kobel Narumow: Dan Paul Dumitrescu Festordner: Clemens Unterreiner Gräfin: Anja Silja Lisa: Martina Serafin Polina/Daphnis: Elisabeth Kulman Gouvernante: Aura Twarowska Mascha/Chloe: Caroline Wenborne Pique Dame kannte ich bisher noch nicht. Überhaupt gibt es in Sachen Russischer Oper bei mir Nachholbedarf, weshalb ich diese Saison den Zyklus "Slawische Oper" abonnierte. Vor der Vorstellung gestern habe ich mich "eingehört" und musikalisch hat die Oper - wer hätte das gedacht - alle Stärken und Schwächen, die man von Tschaikovskys Orchestermusik her kennt. Melodisch einfallsreich, emotional zupackend einerseits, sehr pathetisch und durchschaubar auf Effekte hin komponiert andererseits. In die Liste meiner Lieblingsopern wird das Stück wohl nicht aufgenommen werden, was auch am Libretto liegt. Es basiert auf einer Erzählung Puschkins und man sieht einmal mehr, dass eine Literaturveroperung mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hat wie eine Literaturverfilmung. Nun aber zum angenehmen Teil: Der Abend war musikalisch exzellent. Schon lange nicht mehr bekam ich in der Staatsoper so hohe Qualität geboten. Das lag einerseits daran, dass Seiji Ozawa am Pult stand, der Tschaikovsky ab und zu so dirigierte als sei es Mahler. Andererseits war das Ensemble ohne Ausnahme in Höchstform und legte eine beachtliche Leistung hin. Das ließ dann auch die überaus langweilige Inszenierung von Vera Nemirova vergessen: eine seltsame Mischung aus klassischer Opernaufführung mit wenigen uninspierten modernen Einschüben.
4. Oktober 2008 Bibliothek: Neuzugänge Viele neue Bücher haben sich angesammelt, die katalogisiert werden wollen. Darunter meine Jahresbestellung bei der unverzichtbaren Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (Bibliothek des 18. Jahrhunderts; Wellberys Literatur Geschichte um 30 statt 64 Euro; Parthenon Skulpturen). Shields auf den ersten Blick exzellente Aristoteles Monographie fand ich in London im "London Review Bookshop" nahe des British Museum. Gottschall hat ein Buch im Dunstkreis der Analytischen Literaturwissenschaft veröffentlicht. Der überwiegende Rest wurde günstig antiquarisch erworben, mit der Ausnahme von Kapuscinski und Torberg. Scarisbrick Biographie über Henry VIII ist angeblich die Referenz.
28. September 2008 Gomorrah (Filmcasino 26.9.) Regie: Matteo Garrone Mehr als eine Million Exemplare gingen weltweit von Roberto Savianos Buch über die Camorra in Neapel über die Ladentische. Eine Verfilmung war also nur eine Frage der Zeit. Garrone hat sich für einen interessanten Ansatz entschieden, er hat einen klassischen Episodenfilm daraus gemacht. Er erzählt fünf unterschiedliche Geschichten aus dem Alltag der Camorra. Von einem Teenager, der in die Szene abgleitet, zwei junge Burschen, welche ihre Provokationen des Bezirks-Clan letztendlich mit dem Tod bezahlen, illegale Giftmüll-Entsorgung ... Es wirkt alles sehr authentisch und man bleibt verblüfft über die Zustände im Süden eines der wichtigsten EU-Länder zurück, auch wenn man eigentlich vorher schon "abstrakt" wusste, wie es dort läuft. Besonders "malerisch" setzt Garrone die heruntergekommenen Wohnblöcke ins Bild, die einen an Entwicklungsländer denken lassen. Analyse bietet der Film keine, er konfrontiert die Zuseher "nur" mit diesen unglaublichen Verhältnissen und will wach rütteln. Eine große Empörung verspürt man am Ende jedoch nicht, was aber weniger am Film liegt, sondern daran, dass man inzwischen einfach abgestumpft ist, angesichts der Vielzahl des Empörenswerten. Neue Bücher von Philip Roth und Tony Judt Zwei Autoren, die ich sehr schätze. Philip Roth, bekanntlicher einer der besten amerikanischen Romanciers, hat einen neuen Roman geschrieben, den Charles Simic in der aktuellen New York Review of Books ausführlich rezensiert. Für diese erstklassige Zeitschrift schreibt auch Tony Judt regelmäßig, ein brillanter Publizist, der zu den unterschiedlichsten Themen ebenso intelligente wie inspirierte Artikel schreibt. Eine Sammlung dieser Texte liegen nun seit Mai in einem Band mit dem Titel Reappraisals: Reflections on the Forgotten Twentieth Century vor.
27. September 2008 Charles Darwin: The Origin of Species. Or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life. First Edition (Penguin Classics) Angesichts der Tatsache, dass Darwins Erstling wohl zu den einflussreichsten und berühmtesten Bücher zählt, die je geschrieben wurden, trifft man kaum Menschen, die es gelesen haben. Selbst unter Biologen kaum, allerdings genießt bei den meisten Naturwissenschaftlern die historische Perspektive keine sehr hohe Priorität, die Forschungsgegenwart dominiert. Ich lese ja nun sehr gerne Klassiker aller Art, weshalb es nur eine Frage der Zeit war, bis "The Origins of Species" an die Reihe kam. Ist der Entschluss gefasst, stellt sich gleich eine prinzipielle Frage: Welche Auflage soll man lesen? Zu Darwins Lebzeiten gab es sechs davon und an jeder hat er herumgebastelt. Nach einigen Recherchen war schnell klar: Die erste Auflage sollte es sein. Das macht nicht nur wirkungsgeschichtlich Sinn, es wird auch Darwins Intention klarer, wenn die zahlreichen späteren Ergänzungen noch nicht die Sicht auf den Originaltext versperren. Sperrig ist, cum grano salis, auch Darwins Stil bereits in der Erstauflage, so dass weiteres Hineinflicken von Sätzen kein Vorteil sein kann. Hätte ich Darwin in einer deutschen Übersetzung gelesen, wäre sicher schnell der Einwand entstanden, warum der Übersetzer aus englischen Sätzen deutsche Schachtelsätze konstruieren muss. Im Original wird jedoch schnell deutlich: Darwin versteht es meisterhaft, die konzise englische Sprache dahingehend zu erweitern, dass er immer wieder erstaunlich lange Schachtelsätze konstruiert. Ab und zu finden sich auch hervorragend formulierte Absätze, aber diese sind in der Minderheit. Stil ist freilich keine Messlatte für ein wissenschaftliches Jahrtausendwerk. Was eine historisch "objektive" Lektüre erschwert, ist die Selbstverständlichkeit mit der Darwins zentrale Ideen der natürlichen Selektion und der Evolution der Arten heute im modernen Bewusstsein veranktert sind. Versucht man jedoch, davon zu abstrahieren, wird man feststellen, dass Darwins Erklärung der Artenfrage, einen komplizierten Knoten an Fakten und Problemen elegant auflöst. Seine Theorie erscheint so nahe liegend, speziell wenn man sie mit den zahlreichen, notwendig absurden Annahmen der damaligen Kreationisten vergleicht. Das heisst nun nicht, dass Darwins Argumentation makellos wäre. So verweist er oft auf aufgezeichnete Beobachtungen, die er in seinem Buch aus Platzgründen nicht publizieren kann und vertröstet die Leserschaft auf sein nächstes Buch, das freilich nie erscheinen wird. Auf der anderen Seite ist er eine durch und durch wissenschaftliche Persönlichkeit. Er macht an jeder Stelle die Schwierigkeiten seiner Theorie klar, redet oft von "I believe" und versucht nie mit rhetorischen Mitteln Schwachpunkte in seiner Argumentationskette zu verstecken. Die zentralen Kapitel des Buches setzen sich im Gegenteil mit den Haupteinwänden gegen seine Theorie auseinander, etwa wie auf dem Wege der natürlichen Selektion Instinkte oder komplexe Organe wie das Auge entstehen konnten. Diese Penguin Ausgabe hat eine ebenso ausführliche wie gelungene Einleitung durch J.W. Burrow. Man kann nur hoffen, dass Darwin auch heute noch seine Leser findet. Dieses Leseabenteuer lohnt sich.
22. September 2008 Reise-Notizen: London und Oxford (13.-19.9.) Schwer zu sagen, woran es liegt: Aber ich habe in London immer das schönste Wetter. Angeblich verbrachte ich eines der schönsten Wochenenden dieses Sommers dort, strahlend blauer Himmel, wenn man den notorischen Wetterraunzern in London glauben schenken darf. Über meine beiden Ausstellungsbesuche berichtete ich ja in den letzten Tagen schon. Nachgetragen sei noch, dass ich im British Museum noch die Nahost-Abteilung ansah: Es gibt dort viele Fundstück aus der Levante, was ein schöner Einstieg für meine im November geplante Jordanien-Studienreise war. Das British Museum wäre alleine ein guter Grund, nach London zu ziehen. Ansonsten flanierte ich viel durch die Stadt und war natürlich auch in der National Gallery, deren Bestand im Vergleich mit dem Louvre nicht sehr groß ist, die durch die Breite und Qualität vieler Gemälde aber sicher zu den großen Museen der Welt zählt. Bellinis Dogenbild (Loredan), Holbeins "Ambassadors" und sehr viele Rembrandts seien nach meinen Vorlieben einmal willkürlich herausgegriffen. Am Sonntag war britische Countryside angesagt und angesichts des erfreulichen meterologischen Zustands war halb London auf den Straßen unterwegs. Nebenbei sei bemerkt, dass die Kultiviertheit des durchschnittlichen britischen Autofahrers eine Freude ist, vor allem verglichen mit den Wiener PKW-Besitzern, von denen 80 Prozent ihr Hirn auf dem Parkplatz oder in der Garage aus mir unverständlichen Gründen zurücklassen. Ich sah idyllische Dörfer mit Bausubstanz aus der frühen Neuzeit (pittoreske Strohdächer) und verbrachte einen halben Tag in Oxford, eine selbst für britische Verhältnisse ungewöhnlich propere Stadt. Die berühmten Colleges waren alle geschlossen und man konnte ungestört rätseln, wie es diese harmlose Kleinstadt zu einem intellektuellen Weltzentrum bringen konnte. Das Ashmolean-Museum of Art & Archaelogy war eine kleine Enttäuschung. Zwar ist dieses wild zusammengewürfelte Sammelsurium nicht ohne Charme und die ägyptische Sammlung speziell bei kleinen Gegenständen sehr vollständig, doch ist von einer kuratorischen Idee (oder gar einem Konzept) leider gar nichts zu erkennen.
21. September 2008 Friedrich Torberg: Der Schüler Gerber. Roman (dtv) Das Buch zählt bekanntlich zu den österreichischen Klassikern des letzten Jahrhunderts und war Torbergs größter Erfolg, obwohl es sein Erstling war. Es reiht sich ein in die Reihe von kritischen Schulromanen, von denen hier nur Hesses "Unterm Rad" und Musils "Zögling Törless" erwähnt sei. Torberg verarbeitet in dem Buch seine schlechten Erfahrungen in einem Wiener Gymnasium und ihm ist eine frappante soziologische Fallstudie dieses seltsamen Mikrokosmos gelungen. Die Schüler sind den "Professoren" auf Gedeih und Verderb ausgeliefert und selbstverständlich blühen sadistische Gemüter unter diesen Umständen besonders auf. Das Portrait des Mathematiklehrers und Klassenvorstands Kupfer gibt schöne Einblicke in diesen Persönlichkeitstyp. 1929 geschrieben leistet er einen Beitrag zum Verständnis des psychosozialen Umfelds aus dem der Nationalsozialismus hervorging, ganz ähnlich wie Musil in seinem Erstling mehr als dreißig Jahre früher. Literarisch ist "Der Schüler Gerber" allerdings merklich schwächer als Musils großer kleiner Roman. Das gilt nicht nur für den intellektuellen Gehalt der psychologischen Entwicklungen, sondern auch für die stilistische Durcharbeitung. Torbergs Buch liest sich gut, ohne Zweifel, seine literarische Mittel erschöpfen sich aber schnell in der erlebten Rede. Mit einer Lektüre des Romans macht man aber nichts falsch. Francis Bacon (Tate Britain 15.9.) Seit ich die ersten Bilder von Francis Bacon sah, zählt er zu den Künstlern des 20. Jahrhunderts, deren Treffsicherheit im Einfangen der menschlichen Existenz ich besonders bewundere. Ist man auf der Suche nach ästhetischen "Kommentaren" zum Jahrhundert der Völkermorde, und bezweifelt man, dass "Ästhetik" hier eine passende Kategorie ist, man fliege nach London und gehe in die Tate Britain. Dabei ist die große Kunst des Francis Bacons nicht oberflächlich politisch. Er nimmt sich des Menschen auf anthropologischer Ebene an und entkleidet ihn buchstäblich und metaphorisch von allen Errungenschaften der Zvilisation. Gleichzeitig sind die Bilder bewusst in die große Tradition der abendländischen Kunstgeschichte eingebettet (Velazquez, van Gogh und viele andere), was ihre ästhetische Eigenständigkeit aber nur unterstreicht. Es gibt nur wenige Werkkomplexe auf diesem Niveau. Hätte Bacon komponieren können, wären wohl Schostakowitisch düster-hellsichtige Streichquartette dabei herausgekommen. Ich bin froh, dass ich mir nach München und Wien unerwartet schnell wieder so viele großartige Bilder von Bacon ansehen konnte. Die Retrospektive ist thematisch aufgebaut und zeigt wichtige Werke aus allen Schaffensperioden.
20. September 2008 Hadrian - Empire and Conflict (British Museum 13.9.) Wie immer, wenn ich privat in London bin, führt mich mein erster Weg ins British Museum. Nachdem ich den Parthenon Skulpturen einen Höflichkeitsbesuch abstattete, ging ich in die Hadrian-Sonderausstellung, von der in der internationalen Presse ja viel zu lesen war. Legt man die üblichen Maßstäbe an ein solches Unterfangen an, darf man es als gelungen qualifizieren. Die Ausstellungsstücke sind gut gewählt und präsentiert, auch für Raritäten wurde gesorgt. So war der kürzlich in der Türkei gefundene übergroße Marmorkopf des Hadrian zum ersten Mal zu sehen. Die didaktische Aufbereitung ist gut, das gilt auch für den ausführlichen Audioguide. Bedenkt man jedoch, dass es sich beim British Museum, um eines der besten Museen der Welt handelt, kommen doch einige Einwände in den Sinn. Die Ausstellung konzentriert sich auf das Leben und das kulturelle Umfeld Hadrians. Die politischen Leistungen werden zwar erwähnt, aber sie kommen - wie die antike Geopolitik der Zeit - deutlich zu kurz. Generell ist die Ausstellung sehr auf den Laien angelegt. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden, man hätte sich aber zumindest an einigen Stellen auch vertiefende akademische Informationen für den fortgeschrittenen Betrachter antiker Angelegenheiten gewünscht. Ein Besuch kann trotzdem sehr empfohlen werden.
12. September 2008 Bin nun eine Woche in London... ... daher gibt es keine Updates.
8. September 2008 Bibliothek: Neuzugänge Chaucers zweites Hauptwerk und den Kunstband über Hellenismus erwarb ich in einem erstklassigen Antiquariat im Zentrum Amsterdams. Den Band über Rembrandt im Rembrandt Haus. Stones Roman über Darwin schließlich gebraucht via Amazon Marketplace.
7. September 2008 Ilja Trojanow: Der Weltensammler. Roman (Hörbuch, 7 CDs) Obwohl ich mir vor längerer Zeit das Buch kaufte, habe ich mir nun die Hörbuch-Fassung angehört. Trojanow schrieb einen beinahe klassischen Abenteuerroman, in dessen Mittelpunkt der britische Offizier Sir Richard Burton (1821-1890) steht, berühmt für seine waghalsigen Reiseaktiviäten. So besuchte er als Moslem getarnt Mekka. Diese Episode kommt im Buch natürlich an prominenter Stelle vor, ebenso sein Aufenthalt in Indien oder die Suche nach den Nilquellen in Afrika. Jeder Reisefreund wird an der Lektüre seine Freude haben. Es ist (in vergleichsweise konventionellem Rahmen) gut geschrieben, wenn auch die Erzählperspektive nicht immer überzeugen kann (wenn etwa jemand Details berichtet, die er unmöglich kennen kann). Der struktuelle Aufbau ist mit großer Liebe zum Detail ausgeführt. Fazit: Sehr gute Unterhaltung auf hohem Niveau für Freunde der Reiseliteratur.
6. September 2008 Maxim Gorki: Nachtasyl (Reclam) Dieses Drama ist speziell im deutschsprachigen Raum sehr bekannt. Max Reinhardts Inszenierung 1903 in Berlin hatte eine große Resonanz und die Rezeptionsgeschichte bis zum zweiten Weltkrieg wäre eine eigene Abhandlung wert. Das Revolutionäre des Stücks waren dessen "Helden". Zwar war es in Deutschland nicht zum ersten Mal, dass die Erniedrigten nd Beleidigten die Hauptrollen spielten (Büchner, Hauptmann), aber in dieser geballten Form waren gescheiterte Existenzen am Boden der Gesellschaft noch nicht präsent. Die Bewohner einer letztklassigen Absteige stehen im Mittelpunkt der Handlung. Angesichts der europaweit wieder neu aufgehenden Schere zwischen Arm und Reich liest sich das heute aktueller als noch vor 15 Jahren. Gorki zeichnet nicht schwarz-weiss. In den Gesprächen und Erzählungen der Bewohner wird schnell deutlich, dass es nicht nur "die Gesellschaft" ist, welche am Scheitern dieser Existenzen schuld ist. Dieser Faktor spielt im Russland der letzten Jahrhundertwende natürlich eine massgebliche Rolle, es werden aber auch individuelle Faktoren herausgearbeitet, welche an der Misere der Einzelnen mitverantwortlich sind.
1. September 2008 Wiener Philharmoniker / Mariss Jansons Anton Webern: Im Sommerwind Hector Berlioz: Les Nuits d'été op. 7 Brahms: Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 73 (Salzburger Festspiele 24.8.) Jansons mit den Wiener Philharmonikern ist gemeinhin eine solide Kombination. Ich erinnere mich an exzellente Mahler- und Schostakowitsch-Interpretationen. An diesem Sonntag Vormittag jedoch wurde nur guter Durchschnitt geboten. Anton Weberns selten gespieltes frühes Stück wurde noch sehr konzentriert aufgeführt. Den Liederzyklus Les Nuits d'été spielte man schon sehr routiniert herunter, auch die Solistin Elina Garanca konnte mit ihrer Interpretation ohne Tiefgang keinen großen Wurf landen. Brahms berühmtes Werk schließlich wurde völlig akzentlos zu Gehör gebracht. Nicht schlecht, aber die Wiener Philharmoniker hätten das in dieser Form sicher auch ohne Dirigent zustande gebracht.
31. August 2008 Reise-Notizen: Amsterdam (Mitte August) Als ich Anfang des Jahres überlegte, welche wichtigen europäischen Städte ich noch nicht kenne, war schnell die Entscheidung für Amsterdam getroffen. Und es sei gleich zu Beginn gesagt, dass mich schon lange keine Stadt so schnell für sich eingenommen hat. Das fängt bei Kleinigkeiten an, etwa der exzellenten und preiswerten Verbindung zwischen Flughafen und Stadtzentrum. Amsterdam bringt alles mit, was ich an urbanen Räumen schätze: Es ist multikulturell, bunt, lebendig und tolerant. Es ist vollgestopft mit kulturellen Höhepunkten. Es ist eine unglaublich schöne Stadt. Es dürfte in der EU nur wenige Städte geben (London), wo man so viele unterschiedliche Nationen auf der Straße sieht. Das spiegelt sich naturgemäß auch im kulinarischen Angebot der Stadt nieder (am Rande sei erwähnt: Freunde der thailändischen Küche finden fast an jeder Ecke eine Nahversorgungsmöglichkeit). Für eine kleine Stadt (700.000 Einwohner) ist das kulturelle Angebot Weltklasse. Das gilt selbstverständlich für das Rijksmuseum, in dem im Moment wegen Renovierung des Gebäudes nur eine "Meisterwerke"-Auswahl zu sehen ist. Diese hat es aber in sich: In 25 Galerien reiht sich Höhepunkt an Höhepunkt: Rembrandt, Frans Hals, Vermeer und andere niederländische Meister sind mit vielen Hauptwerken vertreten. Eine so dichte Hängung an erstklassigen Werken habe ich bisher kaum gesehen. Die lange Schlange vor dem van Gogh Museum sparte ich mir, eröffnet doch in einigen Tagen hier in der Albertina eine große van Gogh Ausstellung. Das Stadtmuseum ist vergleichsweise bieder, aber nicht uninformativ. Großen Charme versprüht die an sich unspektakuläre archäologische Sammlung der Universität Amsterdam, das Allard Pierson Museum. Dort gab es passenderweise eine sehr gute Sonderausstellung über die Geschichte des Buches mit vielen sehr schönen Ausstellungstücken. Apropos Sonderausstellung: Ich sah mir auch "Black is beautiful" in der Nieuwe Kerk an, ein durchaus spektakulärer Museumsraum. Die Kuratoren wollten die Rolle von schwarzen Menschen in der Kunst der Niederlande aufzeigen, was aber nur bedingt gelungen ist. Durch die vielen Grachten und die vielen Bäume ist Amsterdam auch eine sehr schöne Stadt. Man kann lesend in idyllischen Ecken am Wasser sitzen. Da stört es auch nicht, wenn manche Häuser schon ziemlich schief auf ihren Holzpfählen stehen. In einigen Straßen fühlt man sich an Manhattan erinnert (Village!) und kann nun besser verstehen, dass New York einmal als "New Amsterdam" angefangen hat. Manche Plätze rufen Assoziationen zum Quartier Latin wach. Wird sicher nicht meine letzte Reise in diese Stadt gewesen sein.
30. August 2008 Schiller: Die Räuber (Salzburger Festspiele 23.8.) Regie: Nicolas Stemann Philipp Hochmair, Daniel Hoevels, Felix Knopp, Alexander Simon Wer Stemanns kluge Jelinek-Inszenierungen kennt, durfte auf seinen Versuch gespannt sein, Schillers wildestes Drama auf die Bühne zu bringen. Statt ausgetretene Pfade des Regietheaters zu begehen, wählte Stemann einen originellen Ansatz: Er nahm Anleihen bei einer Sprechoper und ließ die vier Schauspieler Franz und Karl Moor mal gleichzeitig, mal nacheinander sprechen (auch andere Charaktere ab und an). Hervorzuheben ist auch, dass Schillers Text fast unangetastet verwendet wurde. Das wirkte im ersten Moment irritierend, war dann aber schnell überzeugend und öffnete ein breites Assoziationsspektrum nicht nur psychologischer Natur. Das gemeinsame Sprechen erinnerte stellenweise an den Chor einer antiken Tragödie, speziell wenn in den berühmten Dialogen grundsätzliche moralische Themen abgehandelt wurden. Auch sonst bediente sich die Regie durchaus überzeugend der Mittel des modernen Theaters. Die Schauspieler verließen immer wieder ironisch ihre Rolle (episches Theater light), improvisierten usw. Bis zur Pause ging das einigermaßen gut, danach aber stürzte die Inszenierung leider qualitativ merklich ab. Nun ist es notorisch schwierig, den melodramatischen Schluss "Der Räuber" heutzutage glaubwürdig darzustellen. Stemann versuchte einen seltsamen Balanceakt zwischen ironischer Brechung und krudem Realismus (etwa der malerisch naturalistisch verlumpte alte Moor nach der Befreiung aus dem Turm), der ihm in keiner Hinsicht gelang. So ist das Fazit doch sehr zwiespältig: Eine spannend beginnender Theaterabend entwickelt sich am Ende zum Desaster im mehrfachen Wortsinn. Goethe: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Münchner Ausgabe Vor kurzem sah ich, dass es meine Lieblingsausgabe von Goethe seit einiger Zeit bereits als vergleichsweise günstige Sonderausgabe gibt. Die Stärke dieser Ausgabe liegt in der chronologischen Anordnung der Werke, so dass man auf einen Blick sehen kann, was Goethe etwa zur Zeit der Französischen Revolution geschrieben hat. Hinzukommt ein exzellenter, jargonfreier Kommentar. Die sehr schönen Bände der gebundenen Ausgabe gibt es auch einzeln zu kaufen.
10. August 2008 Goethe: Briefwechsel mit Schiller 1794-1797 [2.] (Münchner Ausgabe Band 8) Auf der Rangliste meiner Lieblingsbücher steht dieser Briefwechsel weit oben. Das liegt nicht nur am erstrangigen geistes- und literaturgeschichtlichen Quellenwert des Buches. Es ist auch ein intellektuelles Lesevergnügen ersten Ranges und ein Höhepunkt der klassischen Briefkultur. Der Briefwechsel setzt 1794 ein, kurz nach dem ersten Treffen. Schiller versucht Goethe erfolgreich für eine Mitarbeit an den "Horen" zu gewinnen, der Zeitschrift der Weimarer Klassik. Goethe sagt zu und es entspinnt sich eine zunehmend dichte Korrespondenz. Für die Nachwelt ist es ein großes Glück, dass Schiller nie dauerhaft nach Weimar zog, sondern in Jena blieb. Man erfährt eine Menge über die Alltagskultur der Zeit, noch mehr über den Literaturbetrieb. Da immer wieder Angelegenheiten rund um die Horen besprochen werden, bekommt man interessante Einblicke ins Redaktions- und Verlagsleben der Epoche. Literarische Höhepunkte sind die detaillierten Diskussionen über ästhetische Prinzipien und vor allem der Austausch über einzelne Werke. In den ersten fünf Jahren des Briefwechsels ragt hier "Wilhelm Meisters Lehrjahre" heraus. Goethe schickt an Schiller die neuen Bücher des Romans als Manuskript. Dieser schreibt dann seine Eindrücke und Ratschläge an Goethe, eine Art Freundschafts-Lektorat. Amüsant ist die Meta-Diskussion literarische Feindschaften betreffend, es sind ja auch die Xenien in dieser Zeit entstanden. Selbstverständlich gewinnt man zusätzlich einen authentischen Eindruck vom Charakter der beiden Protagonisten. Schillers stoischer Umgang mit seinen Krankheiten und Goethes Hang zur Eitelkeit seien als Beispiele genannt. Goethes Schwächen treten auch immer wieder hervor, etwa sein mangelndes Verständnis für naturwissenschaftliche Sachverhalte. Auch bei der zweiten Lektüre ein großartiges Buch. Die zweite Hälfte des Buches werde ich in diesem Jahr auch noch einmal lesen. Römermuseum Wien (9.8.08) Vor einiger Zeit wurden die unterirdischen römischen Ausgrabungen am Hohen Markt in Wien durch ein kleines Museum ergänzt. Zwei schmale Stockwerke über dem Erdgeschoss liefern Kontext zu den ausgegrabenen Fundamenten römischer Offiziershäuser, an deren Präsentation sich kaum etwas geändert hat. Die kleine Ausstellung konzentriert sich auf den Alltag im römischen Vindobona, wobei speziell auf die vor den Toren liegende Zivilstadt eingegangen wird. Das Museumskonzept ist klassisch: Schematische Zeichnungen und Karten inklusive zweisprachigen Erläuterungen an den Wänden. Dazwischen Flatscreens, die in Endlosschleife grafische Rekonstruktionen von Vindobona zeigen. Das alles ist handwerklich nicht schlecht gemacht, man vermisst allerdings innovative Elemente. Zumindest ist es ein Fortschritt, dass man die Ausgrabungen nun nicht mehr durch ein Kaffeehaus betreten muss.
9. August 2008 Die schönsten Bibliotheken der Welt... ...findet man hier in vielen Fotos dokumentiert. Goethe-Jahrbuch 2007 (Wallstein) Beim Querlesen des neuen Goethe-Jahrbuchs war ich froh, dass ich nicht gezwungen bin, regelmäßig germanistische Sekundärliteratur zu lesen: Zu vieles ist nach wie vor erschreckend erkenntnisarm. Trotzdem fanden sich einige gute Aufsätze und Artikel in dem Band, speziell zu den Themen Naturwissenschaften und Farbenlehre. Der umfangreiche Rezensionsteil zeigt, dass heutzutage leider mehr über Goethe geschrieben wird als er von nicht beruflich vorbelasteten Menschen gelesen würde.
8. August 2008 Bibliothek: Neuzugänge Heute war Anlieferungstag der Bücher, die ich mir in den letzten Monaten an eine deutsche Versandadresse senden ließ. Herausragend im Wortsinn der Reprint der berühmten Zeitschrift von Schiller und Goethe: Die Horen. Ferner endlich eine ordentliche Ausgabe von Xenophons Hauptwerk. Band 1 und 2 der brillanten Operngeschichte von Ulrich Schreiber komplettieren dieses Werk in meiner Bibliothek. Ebenfalls unter den Musikalia wird Grouts Standardwerk zur Musikgeschichte zu finden sein. Schließlich noch eines der wichtigsten Quellenbücher (nicht nur) zur Kunstgeschichte, die Legenda Aurea in einer vollständigen Übersetzung sowie ein germanistischer Sammelband aus Salzburg, den mir Prof. Rossbacher als Herausgeber freundlicherweise schickte. Alle Bücher wurden antiquarisch erworben.
3. August 2008 Neuigkeiten aus dem Archiv Die Notizen zu Platos "Der Staat" und zu meiner letzten Italienreise gibt es nun versammelt auf eigenen Seiten. Notizen-FAQ 1. Gibt es einen RSS Feed?
http://www.koellerer.de/q2-2007.html#TTMMJJ Um auf den 26. Mai 2007 zu verlinken also: http://www.koellerer.de/q2-2007.html#260507
28. Juli 2008 Bibliothek: Neuzugänge Eine erlesene Bücherauswahl. Schwartz' viel gepriesenes Standardwerk "The Rembrandt Book" soll mich auf meine Amsterdam-Reise Mitte August vorbereiten. Alan Sokals neues Buch, der mit seiner berühmten Hoax die postmoderne akademischen Kultur als hohle Peinlichkeit entlarvt hat. Letzteres ein erfreuliches Geschenk. Schließlich James Wood erzähltheoretischer Versuch, "How Ficton Works", der eben erschienen ist.
26. Juli 2008 Plato: Der Staat. Zehntes Buch (2.) Wer im Laufe der Lektüre meinte, Platos Literaturkritik sei im zweiten und dritten Buch abgeschlossen worden, wird nun überrascht zur Kenntnis nehmen müssen, dass er am Ende zu einer Fundamentalkritik an der Literatur ausholt. Er kritisiert sie von zwei Seiten: Metaphysisch und psychologisch. Ausgehend von seiner realistischen Ontologie, in der abstrakte Formen in der Hierarchie des Seins ganz oben stehen, schneidet die Kunst der Nachahmung denkbar schlecht ab, ahmt diese doch nicht einmal die Formen nach, sondern physische Gegenstände. Damit ist sie quasi eine Nachahmung zweiter Stufe und viel zu weit vom "wahren Sein" weg, um noch interessant zu sein. Die psychologische Literaturkritik, lässt sich in moderner Begrifflichkeit so zusammenfassen, dass Literatur dem Irrationalismus Vorschub leiste. Die Geschichten seien bildhaft und emotional aufgeladen und sprächen dadurch die "unvernünftigen" Teile der menschlichen Psyche stark an und verstärkten deshalb unerwünschte Emotionen. Aristoteles wird bekanntlich in seiner Poetik diese Punkte aufgreifen, ihnen aber positive Effekte zuschreiben, nämlich die Reinigung von gewissen Affekten durch die Literatur. Platos "Staat" zu lesen ist jedes Mal wieder eine spannende Reise in provozierendes Terrain. Es drängt sich nachhaltig die Frage auf, ob es sich bei seinem Idealstaat um ein warnendes Gedankenexperiment handelt, oder tatsächlich um eine von ihm vertretene Gesellschaftsutopie (für die meisten wohl -dystopie). Es gehört jedenfall zu den anregendsten Büchern der westlichen Philosophiegeschichte und sollte von allen gelesen werden, welche die europäische Geistesgeschichte verstehen wollen. Neue deutsche Literaturgeschichte Letztes Jahr erschien der von David E. Wellbery und anderen herausgegebene dicke Band über die Geschichte der deutschen Literatur (1200 Seiten) auf Deutsch in der Berlin University Press. Martin Huber hat nun eine ausführliche Rezension darüber vorgelegt.
21. Juli 2008 Hagen Rether über Papst Benedikt XVI. Der Vorsitzende der vermutlich größten Pädophilen-Organisation der Welt war wieder einmal auf Reisen. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um auf das treffende Papst-Portrait durch Hagen Rether hinzuweisen. Auch seine restlichen Beiträge sind sehr sehenswert. Literaturfeinde in Hamburg Das Banausentum hat offenbar die Herrschaft in der Hamburger Schulbehörde übernommen. Ab sofort müssen Abiturienten dort Goethes "Faust" nicht mehr kennen, wie man hier nachlesen kann.
20. Juli 2008 Reise-Notizen Italien (Ende): Pompeji Diese Station war, neben Paestum, natürlich der Ort, warum ich unbedingt an den Golf von Neapel reisen wollte. Bisher war Ephesus (siehe meine Notizen über die West-Türkei) die größte Ausgrabung einer Stadt, die ich besichtigte. Während man bei den meisten Stätten ja nur einige Überreste sieht, oft eingebettet in aktuelles urbanes Leben, zählen Ephesus und Pompeji zu den Orten, wo man buchstäblich in einer antiken Stadt spazieren gehen kann. In Pompeji gelingt das besonders gut, man zahlt allerdings einen sehr hohen Preis: Der größte Teil der Mauern etc. ist nämlich restauriert wieder aufgebaut, oft sind nur wenige Prozent im Originalzustand. Das erfreut nun den Touristen, ist aus archäologischer Sicht allerdings bedenklich. In Ephesus ist man mehr auf die eigene Fantasie angewiesen, wird dafür (trotz einer Reihe von Rekonstruktionen) aber mit deutlich mehr Authentizität belohnt. Mit dieser Einschränkung ist eine Besichtigung Pompejis sehr aufschlussreich. Ein ausführlicher Rundgang dauert mindestens einen halben Tag, danach hat man sich einen exzellenten Überblick über die Anlage der Stadt verschafft. Das Stadion beispielsweise lag außerhalb der Stadt, weil sich rivalisierende Fans immer wieder Prügeleien lieferten, und die Einwohner sonst belästigt hätten. Diese Weitsicht der römischen Stadtväter hätte man auch dem Wiener Magistrat gewünscht, der bekanntlich die lästigen Fanzonen für die Fussball EM direkt im Stadtzentrum angesiedelt hatte. Wilhelm Genazino: Die Vernichtung der Sorgen. Roman (Hanser) Der zweite Teil der Trilogie erschien 1978 und schreibt die Romanexistenz des kleinen Angestellten Abschaffel fort. Abgesehen von einer grotesken Aussteiger-Fantasie, nämlich Zuhälter werden zu wollen, nimmt Genazino den Leser erneut mit in den zermürbenden Lebensalltag der Figur, inklusive Problemen im Büro und dem Liebesleben der Angestellten. So zusammengefasst klingt das banal und uninteressant. Wie immer liegt die Qualität von Genazinos Texten auch hier in der Kombination von plausibler psychologischer Innenperspektive und geistreichen Alltagsbeobachtungen. Formal ist das wenig aufregend, umso erstaunlicher der Effekt, dass man diese Romane so gerne liest.
13. Juli 2008 Reise-Notizen Italien (4): Neapel und Paestum Nach Rom fuhr ich im Mai also nach Neapel. Ein Abstecher nach Monte Cassino bot sich bei dieser Route an. Dort ist man freilich zur Gänze auf den genius loci angewiesen, denn nach dem zweiten Weltkrieg blieb von der historischen Substanz kaum etwas übrig. Dem restaurierten Kloster fehlt jedes historische Flair und abgesehen von der beachtlichen Aussicht sowie einigen fantastischen Buchmalereien im Museum gibt es nichts Sehenswertes. Neapel ist eine der ambivalentesten europäischen Großstädte, die ich bisher sah. Sehr viel Heruntergekommenes und Abstoßendes einerseits, eine charmante Altstadt mit viel Atmosphäre und überraschend spektakulären Ausblicken auf Golf und Vesuv andererseits. Anders als zur Zeit Goethes und Seumes kommt man heute sehr leicht auf den Vesuv: Man fährt auf einen Parkplatz unterhalb des Kraters und geht dann noch eine gute halbe Stunde hinauf. Die Rundumsicht ist spektakulär und natürlich hat man einen vielsagenden Blick auf Pompeji, von dem in der nächsten Reise-Notiz ausführlicher zu sprechen sein wird. Kultureller Höhepunkt in der Stadt ist das Archäologische Museum, das jeder Freund der Antike einmal besucht haben sollte. Neben der großartigen Farnese Sammlung mit berühmten römischen Kopien griechischer Skulpturen (die Tyrannenmörder Harmodios und Aristogeiton; Doryphoros...) gibt es viele exzellent erhaltene Mosaike aus Pompeji, darunter das berühmte große Alexandermosaik, die Ikone des Hellenismus. Exzellent ist auch die römische Malerei. Der Weg nach Paestum war reichlich mit wilden Mülldeponien an den Rändern von Siedlungen gekennzeichnet. Ich fühlte mich buchstäblich an die entlegeneren Provinzen in China erinnert, die ich letztes Jahr bereiste. In Paestum kann man neben Athen und Südsizilien die besterhaltenen altgriechischen Tempel bewundern. Damit nicht genug, gibt es ein kleines Museum von beachtlicher Größe. Meines Wissens der einzige Ort, wo man original altgriechische Malerei sehen kann. Plato: Der Staat. Neuntes Buch (2.) Diese Buch ist zwei Themen gewidmet: Der Kritik an der Demokratie und der Diktatur als Staatsform. Es sollte inzwischen ja hinreichend klar geworden sein, dass Platon ein Demokratie-Kritiker war, obwohl er an einer Stelle durchaus einräumt, dass es wohl das fairste politische System sei, und das sein Idealstaat nur über die Demokratie als Übergangsform zu erreichen wäre Um meine hier oft wiederholte These zu illustrieren, dass Plato eine Menge intellektueller Grundlagenarbeit leistete, ein Beispiel aus dem neunten Buch. Freud hat die Psychoanalyse ins Leben gerufen? Von wegen:
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5. Juli 2008 Bibliothek: Neuzugänge Neue Bücher rund um Goethe sind zu vermelden, was gut zu meiner kürzlich begonnenen Zweitlektüre seines großartigen Briefwechsel mit Schiller passt. Das Goethe Handbuch gibt es nach wie vor für 99 Euro, was angesichts der gewichtigen Ausgabe akzeptabel ist.
1. Juli 2008 Altgriechisch im Unterricht In der aktuellen Ausgabe des Economist gibt dieser Artikel einen Überblick wie es international mit dem Altgriechisch-Unterricht an Schulen und Universitäten im Moment aussieht. Letztes Quartal Zum Archiv
29. Juni 2008 Uwe Johnson: Jahrestage. Band 3 (Suhrkamp Taschenbuch) Langsam las ich den dritten Teil von Johnsons Tetralogie. Der ersten Band ließ mich skeptisch zurück, vom zweiten war ich sehr angetan. Dieser setzte nun das positive Leseerlebnis fort. Auf der Jerichow-Handlungsebene wird die unmittelbare Nachkriegszeit beschrieben, speziell der Beginn der russischen Besatzung und damit der neuen Diktatur. Cresspahl verliert die Gunst der neuen Macht, wird als Bürgermeister von Jerichow abgesetzt, und landet dann längerer Zeit im Gefängnis und in einem Gefangenlanger. Die Zustände im Lager beschreibt Johnson schmerzend realistisch, inklusive der sadistischen Spiele der (immer noch) deutschen Aufseher. Die fiktiven Tagebuchaufzeichnungen umfassen den Zeitraum von April 1968 bis Juni 1968 und sind damit ausführlicher und deutlich länger als früher. Wie bisher wird der Leser via New York Times mit den politischen Ereignissen konfrontiert, wo erneut der Krieg in Vietnam und die Turbulenzen in der CSSR eine herausragende Rolle spielen. Letzteres Thema wird noch dadurch verstärkt, dass Gesine in Ihrer Bank mit einem Kreditprojekt für die CSSR beschäftigt ist.
28. Juni 2008 Reiseplanung Angesichts der Vielzahl interessanter Reiseziele, überlegt man natürlich öfters, welche Prioritäten man setzen soll. Der aktuelle Stand meiner Planung sieht folgendermaßen aus, wobei die Reihenfolge nichts über den zeitlichen Ablauf aussagt, von den bereits fix geplanten Reisen einmal abgesehen, die man an der Angabe eines konkreten Monats erkennt. Fernreisen: Jordanien (November 2008) Zentralasien / Seidenstraße (April 2009) Syrien Äthiopien Tunesien Mexiko Indien Peru Osttürkei Iran Kaukasus Europa: Toskana Kreta Russland (Moskau, Petersburg, Goldener Ring) Bologna - Ravenna - Urbino Zypern Andalusien Malta Provence Städte: Amsterdam (August 2008) Berlin (4.) (Oktober 2008) New York (2.) Istanbul (2.) Stockholm Barcelona Hong Kong Paris (2.)
23. Juni 2008 "What was Herodot trying to tell us?" So lautet der Untertitel zu "Arms and the Man", einem sehr lesenswerten, längeren Artikel von David Mendelsohn über Herodot und sein berühmtes Buch.
22. Juni 2008 Verdi: I vespri siciliani (Staatsoper 12.6.) Dirigent: Miguel Gomez-Martinez Guido di Monforte, Gouverneur von Sizilien: Leo Nucci Arrigo, ein junger Sizilianer: Keith Ikaia-Purdy Giovanni da Procida, Anführer der sizilianischen Rebellen: Paata Burchuladze Herzogin Elena, Schwester des Herzog Friedrichs von Österreich: Sondra Radvanovsky Richtig war meine Vermutung, dass die Staatsoper einer der wenigen öffentlichen Orte in Wien war, welche von der allgemeinen Euro-Hysterie verschont waren. Falsch hingegen war meine Hoffnung auf einen erstklassigen Opernabend. Das lag nicht an der vokalen Leistung, die durchaus ansehnlich war. Aber das Orchester! Schon bald bekam man Zweifel, ob überhaupt ein Dirigent anwesend war. Gomez-Martinez legte eine dermaßen lahme Leistung hin, das man ständig Angst haben musste, dass die Musiker während der Aufführung einschlafen. Eine befrackte Schlaftablette im Dienst. Plato: Der Staat. Achtes Buch [2.] Am Ende des siebten Buches wird eine zentrale Frage angeschnitten: Ist dieser Idealstaat überhaupt möglich? Sokrates ist sich der Schwierigkeiten bewusst und macht deshalb einen radikalen Vorschlag: Bei der Gründung des Staates müssen alle Bewohner, die älter als zehn Jahre sind, aus der Stadt geschickt werden. Plato-Interpreten weisen zurecht darauf hin, dass man das nur als Euphemismus für das Töten der erwachsenen Bevölkerung sehen kann, eine in der Antike nicht unübliche Kriegspraxis. Nun stellt sich die berechtigte Frage: Mein Sokrates das ernst? Oder ist es eine implizite reductio ad absurdum dieses Idealstaates und beendet damit das Gedankenexperiment, indem er es scheitern lässt? Ich habe mir selbst noch keine endgültige Meinung darüber gebildet, literarisch beurteilt würde diese Grausamkeit nicht kohärent mit dem Charakter des Sokrates' sein, gemessen an allen platonischen Dialogen. Bestechend ist auf alle Fälle, dass Plato hier bereits das Revolutionsdilemma illustriert: Egal wie gut die Intentionen und wie perfekt ausgearbeitet die Gesellschaftsutopie auch ist: Die praktische Umsetzung ohne Gewalt scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, was die Geschichte ja auch hinreichend belegt. Das achte Buch ist vor allem der theoretischen Diskussion der möglichen Staatsverfassungen gewidmet, konkret der Timokratie, der Oligarchie, der Demokratie sowie der Dikatur. Es wird einerseits das System "strukturell" beschrieben, andererseits die Charaktere untersucht, die zu diesen Verfassungen passen. Viel hat sich leider nicht geändert, wenn man an aktuelle Regimie denkt und Folgendes liest:
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21. Juni 2008 Plato: Der Staat. Siebtes Buch [2.] (Meiner) Dieses siebte Buch zählt wohl zu den berühmtesten Texten der Philosophie, eröffnet es doch mit dem Höhlengleichnis. Sokrates verwendet es dazu, seinen jungen Zuhörern seine Ontologie näherzubringen. Man kann die gefesselten Menschen, welche die Schatten an den Wänden für reale Gegenstände halten, auch als mächtige Metapher für (fehlende) Aufklärung sehen, was im 18. Jahrhundert nicht selten vorkam, sowie als Kritik an der mangelnden Bildung der Masse und den Schwierigkeiten der Wissens-Zwangsbeglückung. Laut Plato waren die Höhlenbewohner ja alles andere als glücklich als man ihnen zum ersten Mal von der Leben außerhalb der Höhle und der Existenz der Sonne berichtete. Angesichts des totalitären Staatsentwurfs Platos, entbehrt diese Aufklärungsbilderwelt natürlich nicht der Ironie. Im weiteren Verlauf des Buches wird die Frage diskutiert, welche Wissensgebiete für Platos Herrscherklasse am Wichtigsten sei, und man bekommt ein hübsches Plädoyer für Mathematik und rationales Denken geboten, das ich immer wieder gerne lese. Zum Abschluss erfolgt erneut eine prominente Stelle, nämlich die von Sokrates eingeführte epistemologische Hierarchie: An erster Stelle steht die Wissenschaft gefolgt von der mathematischen Verstandeserkenntnis. An dritter Stelle der Glauben (nicht religiös gemeint) und die Bildlichkeit, um die Übersetzung Otto Apelts zu übernehmen.
16. Juni 2008 Von der Literatur"wissenschaft" zur Literaturwissenschaft Nachdem ich einen guten Teil meines akademischen Lebens der Frage widmete, wie man Literaturwissenschaft methodisch besser betreiben könnte, beobachte ich dieses Thema natürlich nach wie vor. Empfehlenswert dazu ist der Artikel "Measure for Measure" von Jonathan Gottschall, der verstärkt naturwissenschaftliche Methoden zum Einsatz bringen will. Auf sein im Herbst erscheinendes Buch Literature, Science, and a New Humanities können wir gespannt sein. Bibliothek: Neuzugänge Die neue fünfbändige Ausgabe des Briefwechsels Johann Heinrich Mercks ist eine Fundgrube für alle am 18. Jahrhundert Interessierte Ich konnte sie antiquarisch um ein Drittel unter dem Neupreis erwerben. "Carnuntum" kam als Geschenk ins Regal, und "Salzstädte" gilt als Geheimtipp innerhalb der arabischen Literatur. Der Autor ist in Jordanien geboren, so dass die Lektüre dieses Wälzers Teil der Vorbereitung für meine Jordanien Studienreise ist, die für den November geplant ist.
15. Juni 2008 Oscar Wilde: The Picture of Dorian Gray [2.] (Hörbuch; ungekürzt im Original) Es ist mindestens 15 Jahre her als ich diesen Roman zum ersten Mal las. Ich hatte ihn als gutes Leseerlebnis in Erinnerung. Höchste Zeit also für eine Überprüfung dieses Eindrucks, wozu ich ein Hörbuch wählte. Nun ist es schon ein ästhetisches Vergnügen, dieses wohlgeformte Englisch in schönstem hochnäsigen Oxford English vorgelesen zu bekommen. Das wäre aber nicht hinreichend, um die Faszination des Werks zu erklären, das ab sofort in meinem Klassiker-Privatkanon einen prominenten Platz einnimmt. Der Roman ist ebenso geistreich wie provokant. Lord Henry, der als Verführer maßgeblich zum Untergang des Dorian Gray beiträgt, ist wohl die Figur der englischen Literatur, die Mephisto am ähnlichsten ist: Scharfzüngig, brillant, die Schwächen der Menschen durchschauend, amoralisch, nicht unsympathisch. Gleichzeitig der literarische Prototyp eines Vertreters der sogenannten Dekadenz der Jahrhundertwende. Wilde versteht es meisterhaft an die große englische Tradition des realistischen Erzählens anzuknüpfen, indem er vom Adelssalon bis zum Londoner East End authentisch zu berichten vermag. Diesen Realismus mit einem märchenhaften Symbolismus überzeugend zu verbinden, ist die große Leistung dieses Buchs. Dorian Gray erkauft sich bekanntlich ewige Jugend und moralische (optische) Makellosigkeit dadurch, dass sein Portrait für ihn altert und seine Laster abbildet. Wilde eröffnet durch dieses Motiv einen großen Resonanzraum zu zahlreichen Werken der Weltliteratur und schafft damit eine Art modernen Mythos für seine Zeit. Faszinierend. Wolfgang Hilbig: Werkausgabe Verdientermaßen bekommt der letztes Jahr verstorbene Wolfgang Hilbig, den ich für einen der interessantesten Autoren der Gegenwart halte, eine Werkausgabe. Der erste Band ist kürzlich erschienen. Reise-Notizen: Orlando / Florida (Mitte Mai) Beruflich vertauschte ich im Mai Italien fast direkt mit Florida und der Kontrast war frappant: Dort ein Land bis zum Überdruß vollgestopft mit Geschichte, Kunst und Kultur. Hier eine auf Automobilverkehr optimierte Scheinwelt des Kommerzes. Orlando besteht im wesentlichen aus einer Unmenge an Hotels, die Zahl der Zimmer rangiert, nach Las Vegas, an zweiter Stelle in den Staaten, und aus vielen Vergnügungsparks. Der Disney Konzern ist in mehrfacher Ausprägung vertreten, eine Seaworld ist ebenso dort zu finden wie ein Bibel-Erlebnispark für schlichte Gemüter. Es ist mir rätselhaft, wie man dort freiwillig seine Freizeit verbringen kann. Angemerkt sei, dass der Kongress dort hervorragend organisiert war und auch sonst alle Dienstleistungen erstklassig erbracht worden sind.
14. Juni 2008 Shakespeare: Rosenkriege (Burgtheater 1.6.) Regie: Stephan Kimmig Regina Fritsch, Dorothee Hartinger, Nicholas Ofczarek, Martin Schwab, Hermann Scheidleder uvm. Sieben Stunden Shakespeare am Stück waren angesagt, bevor das Burgtheater in eine Art Edelfanzone für die Euro verwandelt wurde, ganz so als sei die Evokation atavistischer Triebe namens Fussball nicht das Gegenteil von Kultur. Stephan Kimmig nahm die drei Teile von Heinrich VI. und Richard III. und verwandelte diese in einen Theatermarathon. Nun zeichnen sich die Historien Shakespeares bekanntlich durch eine unglaubliche Vielschichtigkeit auf allen Ebenen aus, das fängt bei der Vielzahl der genau gezeichneten Charaktere an und hört bei der Dramatisierung politischer Konzepte und anthropologischer Konstanten noch lange nicht auf. Was macht Kimmig daraus? Er reduziert diese Komplexität auf eine Aneinanderreihung von Gewalt- und Todesszenen, ganz so wie der Banause Shakespeare gerne mit vielen Leichen auf der Bühne verbindet. Diese viel zu lange Kurzfassung wird dann inszenatorisch noch so uninspiriert und widersprüchlich präsentiert, dass die ästhetische Ratlosigkeit mit Händen zu greifen zu war. Mal gab es eine groteske Todeszene im Stile Monty Phytons, mal eine pathetisch aufgeladene Mordtat. Das handwerklich passable Schauspiel des Ensembles kam dagegen nicht auf. Eine zu vermeidende Zeitverschwendung! Reise-Notizen Italien (3): Alte Steine in Rom Es braucht an dieser Stelle nicht darauf hingewiesen werden, dass dem an Archäologie Interessierten keine Großstadt mehr anzubieten hat als Rom. Ein Spaziergang in der Innenstadt führt einen von Höhepunkt zu Höhepunkt, etwa wenn man plötzlich vor dem Pantheon steht, in dessen Innerem man die seltene Gelegenheit hat, noch original erhaltene römische Wanddekorationen zu sehen. Vom Kolosseum aus kann man fast direkt das Forum Romanum besichtigen und hat damit zwei symbolträchtige Orte nebeneinander: Die Barbarei römischer Unterhaltung neben den Zentren des römischen Imperiums, wo man auf einer etwas subtileren Ebene auch ausgiebig der Barbarei pflog, sei es außenpolitisch oder im Umgang mit der Konkurrenz. Als Goethe in Rom war, konnte man nur wenige Monumente des Forum Romanums sehen, das meiste lag unter der Erde. Ausgegraben bekommt man während eines Rundgangs einen exzellenten Eindruck über die römische Machtzentrale. Man kann sich gut vorstellen, wie sehr Gesandte aus fernen Provinzen vor dieser urbanen Prachtentfaltung in Ehrfurcht erstarrten, wenn sie denn nicht gerade von den reichen Städten aus dem Osten kamen. Wie auch in Athen leiden die Ruinen sehr am städtischen Smog, man kann nur hoffen, dass man hier eine Lösung findet, ehe es zu spät ist.
1. Juni 2008 Gert Jonke: Freier Fall (Uraufführung) (Akademietheater 30.5.) Regie: Christiane Pohle Ouvertüre: Branko Samarovski Erich: Markus Hering Bertl: Johannes Krisch Göre: Adina Vetter Butler Zwillinge: Sven Dolinski Butler Zwillinge: Gerrit Jansen Siedu: Libgart Schwarz Soldat: Michael Masula Musiker: Claus Riedl Musiker: Georg Wagner Von allen Gegenwartsdramatikern, denen sich das Burgtheater in der aktuellen Ära verschrieben hat, ist Gert Jonke die beste Wahl. Nach der frappenten "Versunkenen Kathedrale" ist sein neues Stück eine ebenso geistreiche wie fantasievolle Variation über diverse Themen, allem voran der Selbstmord. Die ersten zwei Drittel des Stücks zeigen den Suizid-Spezialisten Erich, frisch aus der Psychiatrie entlassen, bei seinem Hobby, nämlich Selbstmörder durch die Beschreibung einer besonders einfachen Möglichkeit, aus dem Leben zu scheiden, erfolgreich von eben diesem Tun abzuhalten. Erich erwarb sich das Freitod-Expertentum dadurch, dass er sich seit der Jungsteinzeit immer wieder erfolgreich aus diversen Biographien verabschiedet hat und dies auf kleinen Filmen dokumentierte. Diese werden dem Publikum durch Projektion als Handyvideos in Auswahl vorgespielt. Dies ist nicht nur ein erstklassiger makaberer Spass in bester britischer Manier, er steht auch explizit in der Tradition des berühmten Wiener Morbiditätsenthusiasmus. Weitere selbstironische Anspielungen verorten Jonke klar durch diverse Topoi in der österreichischen Literaturtradition, nicht zuletzt was seine Sprachverspieltheit angeht. Nach zwei Drittel verliert das Stück zwar etwas an Schwung, den Schluss einmal ausgenommen, trotzdem kann ein Besuch der gelungenen Inszenierung uneingeschränkt empfohlen werden. "The Library in the New Age" So nennt Robert Darnton seinen neuen Essay, der in der aktuellen Ausgabe der New York Review of Books nachzulesen ist. Notizen-FAQ 1. Gibt es einen RSS Feed?
http://www.koellerer.de/q2-2007.html#TTMMJJ Um auf den 26. Mai 2007 zu verlinken also: http://www.koellerer.de/q2-2007.html#260507
31. Mai 2008 Reise-Notizen Italien (2): Museen in Rom Leider war ich nicht lange genug in Rom, um mir auch nur annährend einen Überblick über die Vielzahl der Museen zu verschaffen. Auf dem Programm standen natürlich die Vatikanischen Sammlungen. Angesichts der langen (langen!) Schlangen vor den Kassen, war die Vorreservierung besonders angenehm: Wir kamen ohne zu warten hinein. Virtuell setzten sich die Schlangen im Inneren allerdings fort. Nun war ich inzwischen ja in vielen berühmten Museen der Welt, aber so ein Gedränge habe ich bisher nirgends erlebt. Eine ruhige Betrachtung der berühmten Werke ist kaum möglich, was angesichts der Fülle an großartiger Kunst eigentlich ein Verbrechen ist. Hätte man die Kunst und nicht die Maximierung der Eintrittsgelder im Auge, dürfte man maximal ein Viertel der Menschen den Eintritt gestatten. Man könnte das durch Vorverkauf und Reservierungen lösen, aber die Geschäftstüchtigkeit der katholischen Kirche dürfte dem entgegen stehen. Höhepunkte der Höhepunkte waren selbstverständlich die Stanzen des Raphael (Schule von Athen!) und die Sixtinische Kapelle. Dort gelang es mir einen Platz am Rand auf einer Bank zu finden, so dass ich in einer halben Stunde Michelangelos megalomanisches Meisterwerk in Ruhe betrachten konnte. Das zweite Museum, über das ich berichten kann, ist das Kapitolinische. Der Schwerpunkt dort liegt, wie unschwer zu erraten ist, auf den archäologischen Funden rund um das Kapitol und das Forum Romanum. Besonders beeindruckend ist die epigraphische Sammlung im Keller. Dort werden exemplarisch Inschriften aller Art mit Übersetzung didaktisch vorbildlich präsentiert. Sehr schön fand ich auch den "Philosophenraum", der mit Büsten antiker Denker vollgestopft war. Trotz vieler hochrangiger Werke (Aphrodite von Knidos des Praxiteles, der Sterbende Gallier, beides natürlich römische Kopien uvm.) war das Museum erstaunlicherweise kaum besucht. Das Haus wurde übrigens bereits 1471 geöffnet und ist damit die älteste öffentliche Kunstsammlung in Europa. Markus Kolbeck bloggt wieder Sollte es jemand übersehen haben: Unser launiger Lieblingsbibliomane bloggt seit einigen Wochen wieder intensiv - bis er es sich wieder einmal anders überlegt :-) Neuer Band der Thomas-Bernhard-Werkausgabe Kürzlich erschien Band 13 der sehr gelungenen Werkausgabe bei Suhrkamp: Erzählungen III.
13. Mai 2008 Über den Menschen Der Economist berichtet als eines der wenigen Medien über den Kongo, wo unsere Gattung wieder einmal zur Hochform aufläuft:
[The Economist 3.5.]
11. Mai 2008 Bibliothek: Neuzugänge Einige neue Bücher haben sich wieder angesammelt. Mit der Ausnahme von "I Claudius", einem Klassiker des historischen Romans, und den Budapester Ausstellungskatalog über die Medici, erwarb ich alle Bücher während meiner Italienreise. Das "Lexikon der Bautypen" in der deutschen Buchhandlung in Rom, die zentral in der Altstadt zu finden ist. Möge es in Zukunft ein ähnlich guter Reisebegleiter sein wie das "normale" Architekturlexikon aus dem Hause Reclam.
10. Mai 2008 Reise-Notizen Italien (1): Goethe und Kirchen in Rom Viel war ich schon unterwegs auf den Spuren des römischen Reiches, das Zentrum desselben ließ ich bisher allerdings sträflicherweise links liegen. Anders als Athen, wo ich bereits mehre Male war. Wer sich für Antike und Kunst interessiert, fühlt sich in Rom wie ein Kind im Spielzeuggeschäft. Allerdings begann ich meine Besichtigungen, nach einem ersten Spaziergang, mit einem vergleichsweise entlegenen Ziel: Der Wohnung Goethes während seines Italienaufenthalts (Casa di Goethe). Nun ist vom Inventar, wenig überraschend, kaum mehr etwas vorhanden, und die Dauerausstellung besteht vor allem aus diversen Faksimiles von Goethes Briefen und Zeichnungen aus dieser Zeit bzw. solchen seiner Zeitgenossen. So ist es vor allem der genius loci, der fasziniert, wenn man am Fenster steht und wie Goethe damals auf die turbulente Via del Corso hinaus sieht. Erwähnenswert ist die Bibliothek der Institution, die viel Goethe-Literatur und natürlich auch die wichtigen Goethe-Ausgaben enthält. Ein ruhiger Ort im quirligen Rom, ich war längerer Zeit alleine dort. In wenigen Tagen kann man die Stadt nur oberflächlich streifen, alleine die Besichtigung der wichtigsten Kirchen würde deutlich länger dauern. Das Gesamtkunstwerk der Santa Maria Maggiore sei als erstes herausgegriffen. Die Mosaiken dort zählen zu den bedeutendesten Werken der frühchristlichen und mittelalterlichen Kunst. Gleichzeitig vermittelt die Vielzahl der Reliquien einen guten Eindruck über die Geschäftstüchtigkeit der Betreiber. Eine Viertelstunde davon entfernt ist S. Pietro in Vincoli, die man aus einem Grund besucht: Der Moses des Michelangelo ist dort zu sehen. Selbst wenn man, wie der Verfasser, kein spezieller Freund des Barock ist, sollte man doch einige dieser Kirchen besichtigen. Die Jesuitenkirche Sant'Ignazio besticht durch perspektivisch perfekt ausgeführte illusionistische Deckenmalerei. Im Pantheon sieht man eine der wenigen noch original erhaltenen Wanddekorationen aus der Antike. Das hilft dem Vorstellungsvermögen beim Besuch weniger erhaltener Stätten auf die Sprünge. Der Petersdom schließlich ist ein kongeniales Symbol des katholischen Größenwahns. Trotz der gigantischen Ausmaße wohlproportioniert und vollgestopft mit hochrangigen Kunstwerken. Man muss der Kirche immerhin nachhaltige ästhetische Verdienste bescheinigen.
8. Mai 2008 Antike in Wien Nächstes Wochenende wird in Wien ein neues Römermuseum eröffnet. Erste Details sind hier nachzulesen. Ich werde mir das natürlich ansehen und dann berichten.
23. April 2008 Unterwegs in Rom und am Golf von Neapel... ...bin ich nun zwei Wochen lang. Daher keine neuen Notizen bis zu meiner Rückkehr. 22. April 2008 "What Have We Learned, If Anything?" Wer sich ausführlich mit Geschichte beschäftigt, stellt sich diese Frage zwangsläufig, wenn er die aktuellen weltpolitischen Ereignisse verfolgt. Kluge Antworten darauf sind selten, weshalb Tony Judts Essay in der New York Review of Books 7/08 besondere Beachtung verdient. Seiner Meinung nach hat vor allem Amerika die relevanten Lehren aus dem 20. Jahrhundert nicht gezogen:
As a consequence, the United States today is the only advanced democracy where public figures glorify and exalt the military, a sentiment familiar in Europe before 1945 but quite unknown today. Politicians in the US surround themselves with the symbols and trappings of armed prowess; even in 2008 American commentators excoriate allies that hesitate to engage in armed conflict. I believe it is this contrasting recollection of war and its impact, rather than any structural difference between the US and otherwise comparable countries, which accounts for their dissimilar responses to international challenges today. Indeed, the complacent neoconservative claim that war and conflict are things Americans understand—in contrast to naive Europeans with their pacifistic fantasies —seems to me exactly wrong: it is Europeans (along with Asians and Africans) who understand war all too well. Most Americans have been fortunate enough to live in blissful ignorance of its true significance. ATLANTICA . Der neue große Satelliten-Weltatlas (Gebundene Ausgabe) Wer in Zeiten von Google Earth und Maps nicht darauf verzichten will, ab und zu in einem gedruckten Atlas zu blättern, der ist mit "Atlantica" sehr gut bedient. Zusätzlich zum "klassischen" Kartenmaterial in guter Qualität finden sich immer wieder Satellitenbilder von geographisch interessanten Orten und natürlich von vielen Städten. Habe ihn vor längerer Zeit gekauft und ihn inzwischen nach und nach komplett "gelesen". 21. April 2008 Alessandro Manzoni: Die Brautleute . Mailändische Geschichte aus dem 17. Jahrhundert (2001) In der Welt der Kultur gibt es wenige Sparten, welche mit der überraschenden Vielfalt des klassischen europäischen Romans mithalten können. Selbst wenn man sich Jahrzehnte mit dieser Welt beschäftigt, lässt aufgrund des unglaublichen Abwechslungsreichtums die Faszination nicht nach. Nun sind "Die Brautleute", natürlich keine entlegene Entdeckung. Nicht nur literaturinteressierte Italiener wie Umberto Eco geraten über diesen Text ins Schwärmen, auch sonst wird er gerne, selbstverständlich nach Dante, zu den wichtigsten italienischen Klassikern gezählt. Eine anstehende Italienreise war nun der Anlass, diese Leselücke endlich zu schließen. Die erzählerische Konstruktion des Romans ist selbst klassisch: Der Erzähler gibt vor, eine alte Handschrift mit dieser Geschichte gefunden zu haben und gibt in der aparten Vorrede einen Ausschnitt daraus wieder, im besten blumigen Barockstil. Natürlich könne man das dem modernen, ungeduldigen Leser nicht mehr zumuten, weshalb sich der Erzähler entschliesst, die Handlung "unbarock" nachzuerzählen. Damit nimmt Manzoni seine Leser auf knapp 900 Seiten zu einem Parforceritt durch die norditalienische Gesellschaft und Geschichte mit, der in Sachen Präzision, Perfektion, Welthaltigkeit und Humanität den Vergleich mit den besten europäischen Klassikern nicht zu scheuen braucht. Will man sich partout auf ein Genre festlegen, wäre der Roman im Dreieck historischer Roman, Gesellschaftsroman und sozialer Roman gut aufgehoben. Die Handlung setzt mit der Drohung eines adligen Schurken gegenüber eines Pfarrers ein, zwei junge Brautleute auf keinen Fall zu trauen, da er selbst ein Auge auf das Dorfmädchen geworfen hat. Diese Erpressung setzt nun eine sich beschleunigende Handlungsspirale in Gang, die hier im Detail nicht nacherzählt werden muss, aber einen umfangreichen Einblick in die marode (Rechts)staatlichkeit liefert, wo die Leute der unteren Stände der Willkür ihrer Feudalherren ausgeliefert waren. Man begegnet berühmten Schurken, feigen Gelehrten, heroischen Mönchen, opportunistischen Pfarrern, dümmlich-machtgierigen Familienpatriarchen, ins Kloster gezwungenen adligen Mädchen, korrupten Gestalten aller Schichten, unfähigen Politikern, Revolutionären & Aufständische, marodierenden Soldaten ... Die geschichtlichen Ereignisse der Zeit schwappen regelmäßig in den Roman hinein und die von Manzoni geschilderten Massenszenen gehören zu den besten, die ich bisher las. An erster Stelle ist hier die Hungerrevolte in Mailand und die darauf folgende Pestkatastrophe zu nennen, die mit einer ungeheuerlichen Eindrücklichkeit beschrieben wird. Es ist nicht zuletzt das tiefgründige Verständnis der menschlichen Natur, was "Die Brautleute" in den Pantheon der europäischen Literatur erhebt. Eine ebenso unterhaltsame wie geistreiche Lektüre also. Für meinen Geschmack gibt es etwas zu viele christliche Helden (denen freilich auch ein Potpourri an korrupten Klerikern gegenübersteht), aber das nimmt man bei diesem Buch gerne in Kauf. Abschließend sei als Anekdote noch erwähnt, dass wir durch einen Zufall sehr genau wissen, wer der erste deutsche Leser war: Manzoni schickte seine Romanbände druckfrisch an Goethe, der sie innerhalb einer Woche sehr angeregt las. Seine Meinung darüber hat Eckermann festgehalten. 20. April 2008 Reise-Notizen: Bad Ischl und Hallstatt (4.4. - 6.4) Bekanntlich gehört das Salzkammergut zu den idyllischsten Gegenden in Österreich: Beeindruckende geologische Formationen rund um pittoreske Seen verstellen zufrieden wirkenden Kühen und zufrieden wirkenden Einwohnern die Sicht auf die weite Welt. Die Oberflächlichkeit dieser Idylle und die Abgründigkeiten darunter wurden von den österreichischen Literaten zu ausführlich beschrieben, um das hier wiederholen zu müssen. Das malerisch gelegene Hallstatt hat es inzwischen zum Weltkulturerbe gebracht und damit auch zu einem Museum, genauer zu einem "Welterbemuseum", in dem die archäologischen und anderen Funde ausgestellt sind. Die historische Bedeutung der Hallstatt-Kultur ist natürlich unbestritten. Trotzdem entbehrt es nicht einer gewissen Komik, wenn man die museale Zeitachse entlang schlendert und sich einmal auf Augenhöhe mit der chinesischen Hochkultur sieht oder als zeitliche Verortung ein Buch mit dem Titel "Odysseus" erwähnt wird, das angeblich ein gewisser Homer geschrieben haben soll ... Ansonsten sind die archäologischen Exponate des Hauses passabel präsentiert. Je näher man jedoch der Gegenwart kommt, desto lokalpatriotischer wird die Schau. Bad Ischl bietet dem Besucher tiefgründige Einblicke in Kakanien. Man glaubt gemeinhin zwar, bereits genügend über Franz Joseph und sein "kulturelles" Umfeld zu wissen, ich garantiere aber, dass ein Besuch der Kaiservilla diesen Kenntnissen viel neues Anschauungsmaterial liefern wird. Schon der Souvenirshop versetzt den Kenner derartiger Etablissements mit der ungewöhnlich hohen Dichte von frappantem KuK-Kitsch in Entzücken. Dadurch gestärkt bricht man zur knapp einstündigen Führung durch das Gemäuer auf. Die meisten Räume sind mit unzähligen Tiertrophäen angefüllt, 2000 an der Zahl. In dieser gespenstischen Tierkörperverwertungsanstalt also pflegte Franz Joseph seine Sommer zu verbringen, und gelegentlich Weltkriege auslösende Kriegserklärungen zu unterzeichnen. Ich bezweifle, dass es in Österreich einen zweiten Ort gibt, an dem die mangelnde Intellektualität dieser Habsburger Generation so augenscheinlich wird wie hier. 19. April 2009 Johann Gottfried Seume: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802 (dtv) Hätte es im 19. Jahrhundert schon Bestseller-Listen gegeben, Seumes Reisebericht über Italien hätte diese lange dominiert. Bis heute erfreut er sich einer gewissen Beliebtheit und wird regelmäßig neu aufgelegt. Das überrascht nicht, ist es doch ein erfrischend modernes, unverzopftes Buch. Schon das Vorhaben war ambitioniert: Ein Spaziergang von Leipzig nach Syrakus und zurück. Italien war Anfang des 19. Jahrhunderts durch Kriege und den teilweisen Zusammenbruch der staatlichen Ordnung ein oft anarchistisches Land, in dem Räuberbanden ungestraft ihr Unwesen trieben. Sucht man eine moderne Analogie, böte sich vielleicht ein Spaziergang durch Nordafghanistan an, zumal man Seume als Protestant im katholischen Italien als argen Ketzer wahrnahm, und er deshalb auch einige Bekehrungsversuche, freilich mehr komisch-wohlwollender Natur, über sich ergehen lassen musste. Was Seumes Reisebericht von den meisten anderen seiner Zeitgenossen unterscheidet, ist zum einen seine Herkunft, zum anderen seine politische Haltung. Seit langem gehörte es zum guten Ton junger Adliger und wohlhabender Bürgersöhne (Goethes Vater etwa), zu einer "grand tour" durch Europa aufzubrechen. Wir sind von dieser Klientel auch reichlich mit Reiseberichten gesegnet. Seume dagegen stammte aus vergleichsweise ärmlichen Verhältnissen, nach dem Bankrott des Vaters als Gastwirt fand sich die Familie am Ende der sozialen Skala wieder. Dies führte selbstverständlich zu einem anderen Blick auf die sozialen Verhältnisse als ihn die verwöhnte Jugend aus reichem Hause nach Italien mitbrachte. Zwar beschäftigt sich auch Seume immer wieder mit den kulturellen Sehenswürdigkeiten seiner Reiseroute, oft durchsetzt mit feiner Ironie, sein Hauptinteresse liegt aber klar auf den sozialen und politischen Verhältnissen. Womit schon der zweite große Unterschied zu vielen zeitgenössischen Reiseschriftstellern genannt ist: Seume war ein überzeugter Anhänger der Aufklärung. Seine Kritik an den unfähigen Eliten und speziell an Kirche und Klerus zieht sich mit einer wohltuenden Offenheit durch das Buch:
(76) Oskar Kokoschka. Träumender Knabe - Enfant Terrible (Unteres Belvedere 13.4.) Kokoschka war einer der Maler, die mich schon lange bevor ich mich systematischer mit Kunst beschäftigte, stark ansprachen. Speziell seine hintergründigen Portraits fand ich interessant. Das hat sich bis heute nicht geändert, weshalb ich den akuellen Wiener Kokoschka-Schwerpunkt nur begrüßen kann. Das Belvedere zeigt das Frühwerk, während die Albertina sich auf das Spätwerk konzentriert. Das Frühwerk ist geprägt vom Wiener Kunsthandwerk des Jugendstils, wurde er doch achtzehnjährig in die hiesige Kunstgewerbeschule aufgenommen und war auch zu einer Reihe von Brotarbeiten gezwungen. Trotzdem findet Kokoschka schnell zu einem eigenen Personalstil und bringt "Skandalwerke" auf die Leinwand. Die etwa 140 Exponate geben einen ausgezeichneten Überblick über diese Entwicklungsphase. Auch eine Reihe von frühen Portraits sind darunter. Der Audioguide beschreibt ca. 25 davon in erfreulicher Ausführlichkeit. 12. April 2008 Yasmina Reza: Der Gott des Gemetzels (Burgtheater 1.4.) Regie: Dieter Giesing Véronique Houillé: Maria Happel Michel Houillé: Roland Koch Annette Reille: Christiane von Poelnitz Alain Reille: Joachim Meyerhoff Reza spezialisierte sich auf Stücke, die scheinbar den Nerv der Zeit treffen. Ihr theatralisches Prinzip ist schnell benannt: Versteckte Anbiederung an die Vorurteile des gebildeten Mittelstands. So ist es nicht überraschend, dass ihr jüngster Text in den europäischen Theatern erneut stürmische Erfolge feiert. Bietet er doch nichts weniger als die Möglichkeit, Boulevard zu zeigen, der sich hinter dem Deckmäntelchen des intelligenter Gegenwartsdramatik versteckt. Angesichts leerer Theaterkassen, ergreift man so eine Gelegenheit natürlich gerne... Bereits Rezas oft gespieltes "Kunst" folgte diesem Schema und setzte schlau auf das Unverständnis gegenüber moderner Kunst. In "Der Gott des Gemetzels" stattet ein Ehepaar einem anderen einen Versöhnungsbesuch ab. Ihr Sohn hatte dem Sprössling der anderen mit einem Stock ein paar Zähne ausgeschlagen. Ziel ist eine kultivierte Aussprache. Statt dessen setzt Reza eine Spirale in Gang, die in der Auflösung aller kultivierten Umgangsformen und einem heftigen Streit endet. Man kennt das aus viel gelungeneren Werken (Who's Afraid of Virginia Woolf?) zur Genüge. Dies alles ist nun theatertechnisch kompetent umgesetzt, sowohl was den Text als auch was die Inszenierung angeht. So spult sich das Stück unterhaltsam vor einem ab. Man darf nur nicht den Fehler machen, darüber nachzudenken. Sonst bleibt einem das Lachen schnell im Halse stecken. Steinerne Zeugen. Relikte aus dem Alten Wien (Hermesvilla / Wien Museum 30.3.) Wer sich für Skulpturen und/oder Wien interessiert, und wer tut das nicht, sollte sich auf den Weg zum Lainzer Tiergarten machen, in dessen Mitte die Hermesvilla liegt. Franz Joseph schenkte sie seiner Sissi und ließ sie in der Mitte des ehemaligen kaiserlichen Jagdgebiets errichten. Jetzt dient sie als Dependence des Wien Museums, wo nun restaurierte Stücke aus dem Lapidarum zu sehen sind. Zur Slideshow . Ausgestellt sind Kunstwerke aus Stein, die dazu dienten, Bauwerke zu verzieren. Die meisten davon landeten in Depots als die Häuser abgerissen wurden und können deshalb einen guten Eindruck über den historischen Städtebau in Wien vermitteln. Der Überblick ist allerdings kursorisch, man hätte sich mehr Exponate gewünscht. Allerdings findet man sehr charmante Stücke darunter. Angeordnet sind sie thematisch (Bürgerhäuser, Adelspalais etc.). Wilhelm Genazino: Abschaffel . Roman (Hanser) Wie ungerecht literarischer Ruhm verteilt sein kann, sieht man an Wilhelm Genazino. Seine Abschaffel-Trilogie erschien bereits Ende der siebziger Jahre, einem größeren literaturinteressierten Publikum wurde er aber erst 2004 bekannt als ihm, längst überfällig, der Georg-Büchner-Preis verliehen wurde. "Abschaffel" gehört zum Genre des Angestelltenromans und hat deshalb einige Gemeinsamkeiten mit Werners "Zündels Abgang". Letzterer ist allerdings deutlich furioser als Genazinos literarische Verarbeitung des tristen Lebens eines kaufmännischen Angestellten. Der Romanbeginn verdient ein Zitat:
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30. März 2008 Dino Buzzati: Die Tatarenwüste. Roman (Fischer Taschenbuch) Unter Bücherfreunden wird Buzzati gerne mit dem Prädikat "italienischer Kafka" belegt. Wie alle derartigen Schubladen ist auch diese problematisch, soweit man das nach dem Lesen eines einzigen Romans sagen kann, durch denn Buzzati allerdings berühmt geworden ist. Das Prädikat hat eine gewisse Berechtigung, wenn man es auf Buzzatis Stil bezieht, schreibt er doch eine in verschiedener Hinsicht fantastische Geschichte in einem so realistischen Duktus als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Hier erinnert Buzzati tatsächlich an Kafka, dessen Ästhetik ansonsten aber viel radikaler anmutet. Kafkas Ambiguitäten schmerzen den Leser geradezu und verlangen nach einer (unmöglichen) Deutung. Die Bibliothken voller widersprüchlicher Interpretationen belegen das hinreichend. Buzzatis Rätselhaftigkeit ist weniger befremdend, was beschreibend, nicht wertend gemeint ist. "Die Tatarenwüste" erzählt die Lebensgeschichte des Giovanni Drogo, der als junger Leutnant seine militärische Karriere in einer geheimnisvollen, entlegenen Festung im Gebirge beginnt. Diese liegt am Rand der Tatarenwüste, um das Land vor einem Tatareneinfall zu schützen. Wie weiland Hans Castorf in Davos will Drogo nur kurz bleiben, wird dann aber nicht nur sieben Jahre, sondern sein gesamtes Leben dort verbringen. Man wartet mit Sehnsucht auf den Angriff aus den Norden, um der eigenen Existenz Sinn zu geben. Unterbrochen von diversen Vorkommnissen zieht das Leben an Drogo vorbei, während seine ehemaligen Freunde in der Stadt normale Leben führen. Diese Geschichte ist von großer existenzieller Symbolkraft, Buzzati ist ein Meister der Doppelbödigkeit. Man glaubt stellenweise, eine modernen Mythos zu lesen. Hier wird "Klassisches" mit der Moderne kongenial verbunden. 29. März 2008 Markus Werner: Zündels Abgang. Roman [2.] (dtv) Schon die erste Lektüre vor einigen Jahren lies mich fasziniert zurück. "Zündels Abgang" ist eine fulminante Abrechnung mit dem Alltagswahnsinn. Lehrer Konrad Zündel, bisher geschätztes Mitglied der Schweizer Mittelklasse, kommt mit den Absurditäten und Zumutungen seines Lebens plötzlich nicht mehr zurecht und gleitet während der Ferien physisch und psychisch in die Zerrüttung ab. Während einer Reihe von grotesken Erlebnissen in Italien (nota bene!) nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Dieses kurze Buch enthält eine überwältigende Fülle von brillanten Bildern, Beobachtungen und Sentenzen, dass man am liebsten jeden Satz anstriche. Übelwollend könnte man sagen, der Roman sei eine Art "Steppenwolf" für Intellektuelle in der Midlife Crisis. Frappant ist aber, dass der Text trotz klassisch-gehässiger Kulturkritik am modernen Leben nicht larmoyant wirkt(Negativbeispiel wäre hier Botho Strauss), sondern dass man den grotesken Zündel als glaubwürdige Figur empfindet, deren Leiden an der Welt man sehr gut nachempfinden kann. Eines der größten kleinen Bücher der zeitgenössischen Literatur. 23. März 2008 Reise-Notizen: Budapest Seit Freitag bin ich nun bereits in Budapest, zum ersten Mal seit bald 20 Jahren, obwohl es mit dem Zug von Wien aus nicht umständlicher zu erreichen ist als Salzburg. Geplant war ein laues Frühlingswochenende, herausgekommen ist eine winterliche Städtereise. Budapest erinnert in vieler Hinsicht an Wien, Kakanien grüßt an vielen Ecken. Legt man freilich die nach oben offene Urbanitätsskala an die Stadt an, hat sie Wien im Moment wenig entgegenzusetzen. Die Ungarische Nationalgalerie liegt malerisch auf dem Burghügel über der Donau. An dieser Stelle sei angemerkt, dass der mitten durchs Zentrum führende Fluss viel zum Flair der Stadt beiträgt. In diesem Punkt ist Wien weit abgeschlagen, wo die Donau ja bekanntlich weit von der Innenstadt entfernt fliesst, was auch der pittoreske Donaukanal nicht wett macht. Weite Teile der Donau in Budapest sind dafür in den Händen der Autofahrer und ich frage mich einmal mehr, warum man die Straßen direkt am Flussufer baut anstatt hier Promenaden zu planen. Die Nationalgalerie umfasst eine große Sammlung ungarischer Kunst vom Mittelalter bis zur Gegenwart und ließ mich etwas ratlos zurück. Das hat freilich vor allem mit meinem mangelndem Wissen über die Geschichte Ungarns zu tun, bezieht sich die Kunst seit der Neuzeit doch stark auf den historischen Kontext. Stilistisch betrachtet findet man eigene gewöhnungsbedürftige Eigenheiten, kann aber die Koppelung an die europäischen Kunstströmungen unschwer erkennen. Im Vergleich zur österreichischen Malerei des 19. Jahrhunderts stachen verstärkte sozialkritische Motive ins Auge. Interessant auch die Avantgarde nach 1945, die trotz Eisernen Vorhang eine Reihe innovativer Werke hervorbrachte. Zu Hause fühlte ich mich dagegen wieder bei der Kunst des Mittelalters, die sich in Zentraleuropa durch eine vergleichsweise homogene Ästhetik auszeichnet, sowie speziell bei der Spätgotik, wo einige sehr schöne Stücke zu sehen sind. Ganz in meinem Element war ich heute allerdings im "Museum of Fine Artes", wie die offizielle Übersetzung lautet, das eine sehr umfangreiche internationale Kunstsammlung beeinhaltet. Zugegeben, die äyptische und die antike Sammlung ist sehr überschaubar, wobei bei der griechischen Kunst vieles aus den süditalienischen Kolonien (Apulien) stammt, was man nicht so oft zu sehen bekommt. Ansonsten gibt es viele Meisterwerke aus allen Epochen zu sehen, erwähnt seien eklektisch Bilder von Giotto, Duccio, Cranach, Dürer, Bruegel (alt und jung), Giorgine (!), Raphael, Titian und viele andere mehr. Ungewöhnlich umfangreich ist die Sammlung spanischer Malerei, davon eine Reihe El Grecos, von dem es im Kunsthistorischen Museum in Wien nichts zu sehen gibt. Alleine diese Gemäldesammlung lohnt eine Reise nach Budapest! Als Draufgabe gibt es derzeit noch eine großartige Sonderausstellung zu sehen, "The Splendour of the Medici. Art and Life in Renaissance Florence". In einer Mischung aus chronologischer und thematischer Herangehensweise werden eine Fülle erstklassiger Exponante präsentiert. Kunsthandwerk aus Florenz, zeitgenössische Dokumente (darunter Meisterwerke der Buchkunst!), eine Menge an hochkarätigen Gemälden und Zeichnungen (Raffael, Leonardo, Michelangelo...), so dass sich ein atmosphärisch rundes Bild ergibt. Der Audioguide ist ausgezeichnet (auf Englisch im schönsten hochnäsigen Oxford English gesprochen), so dass es ein erstklassiges Erlebnis war. Florenz war sehr spendabel, was die Leihgaben angeht, so ist vieles aus den Uffizien ausgestellt. 16. März 2008 Thomas Mann: Joseph, der Ernährer (Fischer TB) Der letzte Band der Tetralogie setzt Thomas Manns literarische Verarbeitung des Bibelstoffs auf hohem literarischen Niveau fort. Die Verknüpfung zwischen mythologischen ägyptischen Elementen und der Josephsgeschichte wird beinahe schon zu routiniert abgewickelt. Josephs tiefer Fall ins Gefängnis, die anschließende Karriere zum Stellvertreter des Pharao und das Wiedersehen mit seinen Brüdern und Jaakob sind an sich bereits eine literarisch ergiebige Geschichte, und Mann holt mit Hilfe seiner Erzählkunst erwartungsgemäß das Optimale aus ihr heraus. Echnatons (aus orthodoxer Sicht) ketzerischer monotheistischer Glaube bietet naturgemäß viele religiöse Anknüpfungspunkte. Auch im vierten Teil gibt es wieder sehr gelungene Figuren. Mai-Sachme etwa, der Aufseher der Gefängnisinsel, der sich mehr für seine literarischen und medizinischen Projekte als für seine administrativen Tätigkeiten interessiert, und den Joseph später zu seinem Haushaltsvorstand machen wird. Die Tetralogie gehört zweifellos zu den besten Werken Thomas Manns und man sollte sich von deren Länge auf keinen Fall von der Lektüre abhalten lassen. Allerdings sollte man sich vorher etwas mit der Mythologie Ägyptens beschäftigen. Im Idealfall bereitet man sich mit einer Ägyptenreise auf dieses Lesererlebnis vor. Jürgen Grambow: Uwe Johnson (rororo monographie) Zur Halbzeit der "Jahrestage" bot sich als Zwischenspiel die Lektüre dieser kleinen Monographie an. Gambow gibt einen soliden Überblick über Johnsons Werdegang und seine Hauptwerke. Für meinen Geschmack ab und zu etwas zu manieriert geschrieben, was aber der Nützlichkeit des Buches keinen Abbruch tut. Gambow ist besonders gut darin, die ästhetischen Strategien Johnsons zu beschreiben und den oft unglaublichen Anspielungsreichtum und die zahlreichen Doppelbödigkeiten der Texte exemplarisch aufzuzeigen. 9. März 2008 Plato: Der Staat. Sechstes Buch (2.) (Felix Meiner) Dieses und die nächsten Bücher werden gerne die "philosophischen" genannt, weil hier theoretische Fragestellungen im engeren Sinn abgehandelt werden. Zuvor jedoch geht es einmal mehr um die Rolle des Philosophen in der Polis. Plato greift erneut auf eines seiner Lieblingsbilder zurück: Auf das Schiff. Der Philosoph sei wie der Steuermann auf einem Schiff der Bestqualifizierte, um den Staat zu lenken. Er beschreibt die Situation, die entstünde, setzten die Matrosen den Steuermann ab und übernähmen selbst ohne Qualifikation die Schiffsführung: Inkompetenz und Gefahr wären die Folge. Warum also sollten normale Bürger die Regierungsgeschäfte übernehmen? Ein weiterer Baustein in seiner Ablehnung der Demokratie. Sokrates setzt mit einer unfreundlichen Beschreibung des politischen Alltags und der mangelnden intellektuellen Begabung seiner Mitmenschen fort. Die meisten hätten keinen Sinn für geistige Fragestellungen. Die Zuhörer des Sokrates und auch die Leser des "Staates" warten nun gespannt, auf die entscheidende Enthüllung seiner philosophischen Konzeption. Was ist dieses weitreichende Wissen, das den Philosphenkönig zum Herrschen auszeichnet? Es ist die Idee der Ideen: die des Guten. Zu Beginn vermeidet Sokrates zu präzisieren, was das Gute nun eigentlich sein soll, und gibt stattdessen ex negativo Beschreibungen, was viele fälschlicherweise für gut halten. Von Glaucon damit konfrontiert, versucht Sokrates eine Antwort, in dem er erst zwischen dem Reich der Sinne und dem des Seins unterscheidet. Im Bereich des Seins und der Erkenntnis spiele sie eine ähnliche Rolle wie die Sonne für das Reich des Sinne. Die Sonne sei die Ursache für Licht und damit Leben. Die Idee des Guten sei die Ursache für Wissen und Wahrheit. Das ist aus heutiger Sicht natürlich alles sehr vage formuliert. Man sollte sich aber bei der Lektüre immer vor Augen halten, dass Plato der erste war, der in dieser Ausführlichkeit diese theoretischen Kategorisierungen vorgenommen hat und seine scharfen Alltagsbeobachtungen seiner Mitmenschen bis heute aktuell sind. 5. März 2008 Uwe Johnson: Jahrestage. Band 2 (Suhrkamp Taschenbuch) Der erste Band ließ mich zwiespältig zurück. Einerseits fand ich das grundlegende ästhetische Konzept (Gegenwartshandlung in New York, Familiengeschichte in Mecklenburg, aktuelle Ereignisse anhand der New York Times) sehr gelungen. Andererseits war die Umsetzung teilweise fraglich und einzelne Abschnitte auch von sehr unterschiedlicher Qualität. Ich begann die Lektüre des zweiten Teils also skeptisch gestimmt. Diese Vorbehalte verflogen jedoch überraschend schnell: Die Integration der verschiedenen Ebenen wirkte nun sehr plausibel und auch die erzählerische Dichte war deutlich höher. Über lange Passagen hinweg fängt Johnson die dunkle Seite des 20. Jahrhunderts furios ein. Während im Jerichow-Komplex die "Höhepunkte" des Dritten Reiches beschrieben werden, etwa die Reichskristallnacht, rücken in der Gegenwartshandlung die Grausamkeiten des Vietnamkrieges in den Mittelpunkt. Johnson geht hier sehr geschickt vor, in dem er z.B. die ikonographischen Fotos des Krieges beschreibt. Doch damit nicht genug, es wird auch noch das bedrückende Leben der Armen in New York überzeugend geschildert. Das klingt nun so als sei das alles sehr dick aufgetragen, was durchaus stimmt. Trotzdem funktioniert es literarisch ausgezeichnet und hebt sich positiv vom Eindruck der Beliebigkeit des ersten Bandes ab. Ich werde nun sicher auch die restlichen beiden Bände der Tetralogie lesen. 2. März 2008 Charles Dickens: Oliver Twist (Audiobook unabridged) Unter Klassikerfreunden wird immer gerne einmal über die literarische Qualität bestimmter Autoren gestritten. Dickens ist einer dieser Kandidaten. Balzac wäre ein weiterer. Der Brite zählt zweifellos zum Kernbestand des literarischen Kanons und wird nicht nur im angelsächsischen Raum aufs Podest gestellt. Man schlage dazu die Artikel in der Britannica nach, wo er es sogar in die Macropeadia geschafft hat. Dieser Glorifizierung wird gerne entgegen gehalten, dass Dickens Romane überschätzt würden. Vieles, speziell das frühe Werke sei schnell geschriebene Serienware, gespickt mit Kolportage. Damals wie heute gute Unterhaltung, aber keine erstrangigen Sprachkunstwerke. Lese bzw. höre ich in diesem Fall ein Werk Dickens, erscheint mir diese Diskussion sehr plausibel, spielt sie sich doch bei mir selbst ab. "Oliver Twist", in Fortsetzungen 1837/38 erschienen, bietet hier besonders gutes Anschauungsmaterial, ist der Plot doch vollgestopft mit unwahrscheinlichen Sentimentalitäten aller Art, wozu arme, ausgebeutete Kinder unter grausamen Erwachsenen naturgemäß vorzüglichen Stoff abgeben. Trotz einiger Toter gibt es ein rührendes happy end, versteht sich. Nun könnte man den Roman als abgekanzelt beiseite legen, wäre da nicht die großartige andere Seite. Dickens ist ein Meister der Figurenzeichnung. Viele seiner Charaktere erlangen eine eindringliche Lebendigkeit wie man sie nur selten in der Literatur antrifft. Mag Oliver Twist hier kein gutes Beispiel sein, ist es die Bevölkerung der brillant beschriebene Halbwelt Londons sehr wohl. Die Welt der Armen schildert Dickens nicht nur ohne Scheuklappen, sondern steckt seine bürgerlichen Leser kopfüber in den Morast ihrer verdrängten Umwelt. Die Sentimentalität Dickens wird durch seine tiefe Humanität mehr als ausbalanciert: Für einen Fortsetzungsroman ist das Werk auch erstaunlich stringent komponiert. Es gibt kaum einen Handlungsstrang oder eine Motivreihe, die nicht souverän zu Ende gebracht wird. Gerade diese Zweideutigkeit ist es, die Dickens interessant macht. Man kann viel von ihm lernen, wie gute Literatur funktioniert, eben weil in seinem Frühwerk manches nicht perfekt ist. Meine Prognose: Man wird diese Grundsatzdiskussion noch sehr lange führen und man wird Dickens noch viel länger lesen. Carl Sagan: The Demon- Haunted World. Science as a Candle in the Dark (Random House) Ein aufgeklärter Mensch, der seine Urteile gerne auf wissenschaftlich abgesicherten Fakten und rationalen Prinzipien basierend trifft, hat es heute wohl nicht leichter als vor 200 Jahren, wenn er als Skeptiker auf die seltsamen Umtriebe seiner Mitmenschen blickt. Ein Blick etwa in den Kleinanzeigenteil des Wiener Falters reicht völlig aus, um sich besorgt zu fragen, was ein paar Jahrhunderte an Aufklärung und ein modernes Bildungswesen eigentlich bewirkt haben, angesichts des alten (Wahrsagerei, Astrologie...) und neuen (Esoterik, modische Psychotherapien...) Aberglaubens, der fröhliche Urständ feiert. Diese weitverbreitete Schizophrenie ist insofern beachtlich als dieselben Menschen, die in Fragen der Weltanschauung sich freiwillig irgendwo zwischen Neolithikum und der wissenschaftlichen Revolution der Neuzeit ansiedeln, sich dieser hier ignorierten Prinzipien dort so gerne bedienen, wenn sie Hightech-Medizin in Anspruch nehmen oder zum Einkaufen nach Paris fliegen. Aufklärung tut also immer noch not, weshalb es begrüßenswert ist, wenn sich Intellektuelle wie Carl Sagan (oder in letzter Zeit Richard Dawkins) dieses mühseligen Geschäftes annehmen, und mit offenkundigen Unsinn so lange ihre Zeit verschwenden bis sie diesen widerlegt haben. Sagan lässt in diesem Buch die größten Dummheiten der Gegenwart (und auch einige der Vergangenheit) Revue passieren, um diese ebenso kompetent wie süffisant zu widerlegen. Der Schwerpunkt liegt auf amerikanischen Albernheiten (so die Ufohysterie), die freilich zu großen Teilen globalisiert anzutreffen sind. Die Lektüre verrät viel über den geistigen Zustand unserer Welt. Es bleibt aber zu befürchten, dass auch dieses Buch nicht von den Menschen gelesen wird, die etwas Aufklärung dringend benötigen würden. 23. Februar 2008 Ulrich Sinn: Die 101 wichtigsten Fragen. Antike Kunst (becksche reihe) Normalerweise bin ich kein Freund von derartigen Reihen und finde solche Buchkonzepte im besten Fall seltsam, aber Ulrich Sinns kleine Einführung in die antike Kunst ist durchaus lesenwert. Selbst wer schon viel über das Thema gelesen hat, findet manche interessante neue Aspekte, da Sinn das Thema oft sehr pragmatisch angeht, und sonst entlegene Informationen intelligent zusammenfasst. Etwa wie lange man an einer Statue gearbeitet hat u.ä. Der größte Einwand: Es gibt zu wenige Abbildungen. Einige sind über das Büchlein verstreut, aber oft ist von Werken die Rede, von denen es keine Reproduktionen gibt. Zwar kann der Autor diese ganz anschaulich beschreiben, aber das ist kein Ersatz für ein Foto. Außerdem verspricht der Titel mehr als er halten kann: Ägyptische Kunst kommt nur am Rande vor, andere alte Zivilisationen überhaupt nicht. Der Fokus liegt auf der griechischen und römischen Kunst. Abgesehen davon, eine sehr lesenswerte Angelegenheit. Bibliothek: Neuzugänge Drei neue Bücher sind zu vermelden. Machiavellis "Discourses on Livy" ist ein selten gelesenes Hauptwerk des Autors, das so manche Thesen aus dem "Fürsten" in einem neuen Licht erscheinen lässt. Meiner Schwäche für enzyklopädische Überblickswerke gab ich mit dem Kauf von Peter Watsons achthundertseitigen Ideengeschichte nach. Judith Herrins neue Studie über das byzantinische Reich wird als neues Standardwerk gehandelt.
17. Februar 2008 Wagner: Der fliegende Holländer (Staatsoper 12.2.) Dirigent: Ulf Schirmer Daland: Walter Fink Senta: Nina Stemme Erik: Klaus Florian Vogt Mary: Janina Baechle Steuermann: Cosmin Ifrim Der Holländer: Alan Titus Schon die Ouvertüre zeigte, dass es sich musikalisch um keine Routineinterpretation handelte, gab es doch eine ungewöhnlich lange Pause vor dem Einsetzen des lyrischen Motivs. Dieser musikalische Gestaltungswille zog sich erfreulicherweise durch die gesamte Aufführung. Der vokale Part war selbst in den Nebenrollen brillant, was (wie im Mai letzten Jahres) erneut einen erstklassigen Opernabend ergab. Soweit ich das aktuelle Repertoire überblicke, gehört der "Fliegende Holländer" musikalisch nun seit längerer Zeit zum Besten, was die Staatsoper zu bieten hat. Verdi: Aida (Staatsoper 13.2.) Dirigent: Zubin Mehta nach einer Inszenierung von: Nicolas Joel König: Dan Paul Dumitrescu Amneris: Marianne Cornetti Aida: Hui He Radames: Salvatore Licitra Ramphis: Ain Anger Amonasro: Marco Vratogna Bote: Gergely Németi Priesterin: Simina Ivan Diese Inszenierung sah ich zum ersten Mal und man muss bei allen ästhetischen Vorbehalten einräumen: Die Opulenz der Aufführung ist beeindruckend. In bester konservativer Operntradition nimmt man die Ausstattungsmaschinerie der Staatsoper zu Hilfe, um ein naturalistisches altägyptisches Bühnenbild zu entwerfen. Das ist durchaus geschmackvoll gelungen, die Kostüme stehen den Requisiten naturgemäß um nichts nach. Kurz: Ein beeindruckendes Opernspektakel wird geboten. Das wirkt in Zeiten des Regietheaters natürlich alles putzig anachronistisch. Musikalisch war der Abend überwiegend gelungen. Die Besetzung war hochkarätig, zu Beginn gab es allerdings unausgewogenen Ensemblegesang. Grandios der Chor der Wiener Staatsoper. Verdis Opernkunst zeigt sich in "Aida" am klassischen Höhepunkt. Eine brillante Melodie folgt drei Stunden lang auf die nächste. So überrascht es nicht, dass Thomas Mann im berühmten "Grammophon" Kapitel des "Zauberbergs" das Finale der "Aida" zur literarischen Verarbeitung auswählte. Verdis Kunst besteht darin, komplexe formale Techniken mit einer scheinbar eingängigen Oberfläche zu versehen. Man kann als Analogie dabei auch an Raffael denken, dessen Gemälde so natürlich wirken, obwohl sie streng geometrisch komponiert sind. 16. Februar 2008 Simon Stephens: Motortown (Akademietheater 4.2.) Regie: Andrea Breth Lee: Markus Meyer Danny: Nicholas Ofczarek Marley: Johanna Wokalek Tom: Jörg Ratjen Paul: Wolfgang Michael Jade: Astou Maraszto Justin: Udo Samel Helen: Andrea Clausen Der Brite Simon Stephens führt in seinem Stück "rücksichtslos" die verheerenden psychologischen Konsequenzen des Irakkriegs vor Augen. Danny, grandios gespielt von Nicholas Ofcarek, kehrt traumatisiert aus dem Südirak in sein London der Unterprivilegierten zurück. In einzelnen, scharf geschnittenen Szenen zeigt Stephens einen durch den Krieg ruinierten Menschen in einer menschlich verwahrlosten Umwelt. Man muss immer wieder an "Woyzeck" denken: "Motortown" erinnert sowohl von der Hauptfigur als auch von der Ästhetik an Büchners Klassiker. Zumal in beiden Stücken ein Mord im Mittelpunkt steht. Dannys sadistische Tat, das Quälen und die Ermordung eines vierzehnjährigen Mädchens, inszeniert Andrea Breth so schockierend realistisch, dass mehrere Zuseher das Theater verlassen. Auch sonst belegt Breth mit dieser brutalen Milieustudie einmal mehr, dass sie zu den besten Theatermacherinnen im deutschsprachigen Raum zählt. "Motortown" zeigt, wie gute Gegenwartsdramatik aussehen kann, speziell, wenn es mit einem so großartigen Ensemble umgesetzt wird. Rudolf Brändle: Zeugenfreundschaft. Erinnerungen an Thomas Bernhard (Suhrkamp Taschenbuch) Dieser kleine Band ist für Bernhard-Leser eine interessante Lektüre. Rudolf Brändle war der in "Die Kälte" enthusiastisch beschriebene Freund, den Bernhard in der Lungenheilanstalt Grafenhof kennenlernte, und mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Brändle erzählt nun seine Version dieser Begegnung, und bestätigt einmal mehr, dass man Bernhards autobiographische Schriften unbedingt als Literatur lesen muss: Zwar ist Vieles tatsächlich autobiographisch, oft aber werden die Ereignisse literarisch sehr stilisiert oder gar frei erfunden. Brändle beschreibt einen jungen, schüchternen und oft noch ziemlich kindischen jungen Mann, und gibt aufschlussreiche Einblicke auch in die Salzburger Zeit, die Bernhard in seiner Autobiographie ebenfalls ausführlich schildert. Die Erinnerungen sind differenziert und sachlich verfasst. Brändle versucht sowohl den damaligen Ereignissen als auch dem Charakter Bernhards möglichst unvoreingenommen gerecht zu werden. 9. Februar 2008 Robert Menasse: Die Vertreibung aus der Hölle. Roman (Suhrkamp Taschenbuch) In Zeiten, in denen der anglikanische Primas, Erzbischof Williams, über eine Teileinführung der Scharia in Großbritannien nach"denkt", ist ein Roman, in dem die spanische Inquisition eine zentrale Rolle spielt, nur im engeren Sinn des Wortes als "historisch" zu kategorisieren. Menasse lässt in "Vertreibung der Hölle" gut recherchiert und literarisch gekonnt das Portugal und die Niederlande des 17. Jahrhunderts auferstehen. Im Mittelpunkt steht der junge Samuel Manasseh, der spätere Lehrer des Baruch Spinoza, der mit seiner Familie von der Inquisition aus Portugal nach Amsterdam vertrieben wird. Samuel ist ein Vorfahre des Wiener Historikers Viktor Abravanel, dessen Familiengeschichte im Wien der Nachkriegszeit und in den siebziger Jahren den zweiten Handlungsstrang des Romans bestreitet. Beide Stränge sind inhaltlich und motivisch eng verknüpft, ab und an hätte man sich hier trotzdem mehr literarische Subtilität gewünscht. Trotzdem sind aber die knapp fünfhundert Seiten des Romans gut investierte Lesezeit. Viele Motive weisen ihn beinahe als "klassischen" österreichischen Roman aus: Von den Qualen des katholischen Internats bis hin zur (ironisch gebrochenen) Kritik an Österreichs Verdrängungsvirtuosität reicht das Spektrum. Das Buch wurde an verschiedenen Stellen als eine Art Romanbiographie des jüdischen Gelehrten Manasseh angepriesen. Das ist leider nur bedingt der Fall. Beide Handlungsebenen beschränken sich überwiegend auf die Kindheit und die Jugend der zwei Protagonisten. Kaum tritt Spinoza als Junge auf, geht das Buch dem Ende zu, was für uns philosophisch Interessierte natürlich enttäuschend ist. 31. Januar 2008 Neue Karl-Kraus-Editionen Über die drei neuen digitalen Editionen schrieb ich einen Artikel für "Literatur und Kritik", der in der November-Ausgabe erschienen ist. Er ist nun auch online hier zu lesen. Bibliothek: Neuzugänge Den vorletzten Roman Menasses habe ich fast schon zu Ende gelesen: Rezension folgt. Smolin gibt angeblich einen ebenso kritischen wie interessanten Überblick über die aktuellen Entwicklungen in der Physik. Die ausgezeichnete Bernhard-Werkausgabe wächst sehr regelmäßig. Ein gut organisiertes Editionsprojekt.
27. Januar 2008 Empfehlungen (7): The Economist Seit ein paar Monaten lese ich nun den Economist und frage mich, warum ich diese exzellente Zeitschrift nicht schon früher entdeckte. Eine Antwort liegt im Titel begründet: Ich hielt sie lange für eine renommierte Wirtschaftszeitschrift. Das ist sie auch, der Fokus liegt aber auf einer exzellenten Auslandsberichterstattung im politischen Bereich. Die Qualität ist erstaunlich und lässt alle mir bekannten Nachrichtenmagazine weit (weit!) hinter sich. Die internationale Ausrichtung ist angesichts der Provinzialität selbst vieler Weltblätter erfrischend. "Britain" ist eine gleichberechtige Rubrik neben anderen und genießt keinen speziellen Status. Klassisches britisches Understatement das ebenfalls in vielen Artikeln zu finden. Diese sind in einem erstklassigen, wortschatzreichen Englisch geschrieben, nicht selten mit englischen Humor angereichert, und exzellent recherchiert. So erinnere ich mich an eine Analyse über das Krankenversicherungssystem in China, wo nicht nur alle statistischen Fakten (kritisch hinterfragt) zusammengetragen wurden, sondern der Autor auch entlegene Dörfer und Provinzstädte besuchte, um die Umsetzung in der Praxis anzusehen. Besser kann man Journalismus nicht betreiben. Kein Artikel ist aber namentlich gezeichnet. Angereichert ist der Economist in jeder Ausgabe mit Schwerpunkten, den sogenannten "Briefings". Diese nehmen sich verschiedenste Themen (von Religionskriegen über einzelne Länder und Branchen bis hin zu Technologien) in einer Artikelreihe vor, die durchaus akademisches Niveau hat. Ich könnte jede Ausgabe fast komplett lesen. Nachdem meine Zeitungslektüre bisher vor allem durch internationale Interessen initiert war, habe ich im Moment kein Abo laufen, da der Economist völlig ausreicht, um einen über das Weltgeschehen anspruchsvoll auf dem Laufenden zu halten. Ein Abo kostet 99 Euro und bietet damit mit ca. 2 Euro pro Ausgabe ein ordentliches Preis-Leistungs-Verhältnis. Hier geht es zu meinen anderen dringenden Empfehlungen :-) Die österreichische Presselandschaft ... ... wird hier hübsch zusammengefasst. Archäologie in Israel Die neue Ausgabe der Antiken Welt 1/2008 widmet sich schwerpunktmäßig Palästina. Besonders interessant sind die Artikel rund um das neu entdeckte Grab des Herodes (samt archäologischen Kontext) sowie über die aktuelle Qumran-Debatte. Neue Erkenntnisse stellen hier die gängige Auffassung, dass in der Siedlung gelehrte Essener tätig waren, in Frage. Für an Israel Interessierte, noch ein Link auf meinen Reisebericht. 13. Januar 2008 Schiller: Wallenstein [3.] (Werkausgabe & Burgtheater 5.1.) Regie: Thomas Langhoff Wallenstein: Gert Voss Octavio Piccolomini: Dieter Mann Max Piccolomini: Christian Nickel Graf Terzky: Johannes Terne Illo: Dirk Nocker Isolani: Johannes Krisch Buttler: Ignaz Kirchner Herzogin von Friedland: Kitty Speiser Thekla: Pauline Knof Gräfin Terzky: Petra Morzé Viel Glück hatte das Burgtheater nicht mit diesem "Wallenstein". Ursprünglich sollte Andrea Breth die Reihe ihrer ausgezeichneten Schiller-Inszenierungen fortsetzen: zwei Abende waren geplant. Breth musste leider (leider!) eine Auszeit nehmen und Thomas Langhoff sprang ein. Aus zwei Abenden wurde einer, womit wir schon am Kern des ästhetischen Problems angekommen sind. Eine Kurzfassung aufzuführen, ist natürlich immer eine legitime Möglichkeit. "Der Sturm" im Akademietheater etwa bot eine originelle und deshalb stimmig geschrumpfte Version. Langhoff dagegen kürzte, ohne sein Regiekonzept einer "normalen" (modernen) Klassikerinszenierung aufzugeben. Die Konsequenz: Bildungsbürgerlicher Schiller in einer Digestfassung, die viel Bildungsgut wegkürzt. Ein seltsames Paradoxon. Während man die "Die Piccolomini" und "Wallensteins Lager" ordentlich zusammenstutzte, fiel "Wallensteins Lager" komplett der Schere zum Opfer. Das ist besonders ärgerlich, weil sich Schiller hier auf der Höhe seiner Theaterkunst zeigt. Er bringt zum ersten Mal viel (Kriegs)volk als Hauptdarsteller auf die Bühne, und nimmt damit partiell Büchners "Woyzeck" vorweg. Zusätzlich greift er zum raffinierten Mittel der indirekten Einführung seiner Hauptfigur. "Wallenstein" ist an jedem Lagerfeuer präsent, ohne im ersten Teil der Triologie einen Auftritt zu haben. Die viereinhalb Stunden lange Kurzfassung ist, sieht man von diesen grundsätzlichen Einwänden ab, nicht völlig misslungen. Vor allem, wenn man das Stück frisch gelesen noch im Gedächtnis hat, und damit die Kürzungen leichter verschmerzt. Gert Voss kann als Wallenstein nicht gänzlich überzeugen. Dieser Feldherr ist als eine Art gealterter Hamlet angelegt, ein intellektueller Zauderer. Diesen Typus verkörpert Voss gekonnt, dafür bleibt das Charisma eines Heerführers auf der Strecke und damit ein wichtiger Teil des Charakters der Figur. Christian Nickels Max Piccolomini, der beim Lesen an den moralischen Idealismus und das Feuer des Marqis de Posa erinnert, wirkt ähnlich blass. Nach diesem Abend frägt man sich wieder einmal, warum keine der großartigen Inszenierungen der Breth ("Don Karlos", "Maria Stuart") mehr auf dem Spielplan steht. 2. Januar 2008 Notizen-FAQ 1. Gibt es einen RSS Feed?
http://www.koellerer.de/q2-2007.html#TTMMJJ Um auf den 26. Mai 2007 zu verlinken also: http://www.koellerer.de/q2-2007.html#260507
1. Januar 2008 Plato: Der Staat. Fünftes Buch (2.) (Felix Meiner) Dieses Buch enthält den gesellschaftspolitisch wohl radikalsten Vorschlag Platons: Die Aufgabe der klassischen Familie zu Gunsten eines geteilten "Besitzes" von Frauen und Kindern. Angereichert ist das mit einem charmanten Eugenikprogramm dahin gehend, dass der Staat durch Tricks besonders aussichtsreiche Erzeuger von Premiumnachwuchs zusammenbringt und auch dafür sorgt, dass diese öfters zur Kopulation schreiten dürfen wie von der Natur benachteiligte Paare:
[459] Positiv davon setzt sich Platos Gleichheitsvorstellung zwischen den beiden Geschlechtern ab, speziell vor dem Hintergrund der altgriechischen Machogesellschaft betrachtet:
[455] Neue Balzac-Ausgabe Der Diogenes Verlag hat eine gebundene Werkausgabe mit ausgewählten Romanen und Erzählungen herausgebracht, und zwar in einer "gründlich revidierten Übersetzung". Enthalten sind: 'Der Talisman oder Das Chagrinleder', 'Vater Goriot', 'Eug‚nie Grandet', 'Verlorene Illusionen', 'Glanz und Elend der Kurtisanen', 'Vetter Pons oder Die beiden Musiker', 'Tante Lisbeth'. Und sieben Erzählungen: 'Das rote Wirtshaus', 'Eine Leidenschaft in der Wüste', 'Sarrasine', 'Das unbekannte Meisterwerk', 'Colonel Chabert', 'Facino Cane', 'Das Mädchen mit den Goldaugen'. 31. Dezember 2007 Arno Geiger: Es geht uns gut. Roman. (Carl Hanser Verlag) Sieht man sich die österreichische Literatur der letzten Jahre an, scheint es einen neuen Trend zum konservativen Erzählen zu geben: Daniel Kehlmann ist wohl das prominenteste Beispiel, aber auch Michaels Köhlmeiers hier kürzlich rezensierter neuer Großroman fällt in diese Kategorie. Arno Geigers "Es geht uns gut" passt gut in diese Reihe. Der 2005 mit dem ersten deutschen Buchpreis ausgezeichnete Roman erzählt episodisch die Geschichte einer Wiener Familie. Philipp Erlach erbt die alte Villa seiner Großeltern, was den Anlass zu einem Rückblick auf mehrere Generationen gibt. Formal wechselt die Gegenwartshandlung mit diversen historischen Kapiteln ab, welche exemplarische Ereignisse aus der Familiengeschichte beschreiben und jeweils mit einem konkreten Datum überschrieben sind. Das Buch liest sich ganz unterhaltsam, hinterlässt aber mangels Doppelbödigkeiten jeglicher Art keine bleibenden Eindrücke. 30. Dezember 2007 Dostojekwskij: Die Brüder Karamasow (Akademietheater 28.12.) Regie: Nicolas Stemann mit Sachiko Hara, Myriam Schröder, Mareike Sedl, Adina Vetter, Philipp Hochmair, Hans Dieter Knebel, Thomas Lawinky, Rudolf Melichar, Joachim Meyerhoff, Sebastian Rudolph, Hermann Scheidleder, Martin Schwab Nun habe ich ja eine Schwäche für ästhetischen Wagemut, weshalb ich diesem megalomanen Projekt, einen der großen Romane Dostojewskijs auf die Bühne zu bringen, mit Spannung entgegen sah. Nicolas Stemann war bisher vor allem durch seine kongenialen Bühnenfassungen diverser Stücke der Elfriede Jelinek bekannt, deshalb war nicht vorherzusehen, wie er diese Sache angeht. Eine neue Variante von Castorfs Stückezertrümmerung? Im Gegenteil! Stemann und der Dramaturg Joachim Lux versuchten buchstäblich die wesentliche Motive des Romans zu inszenieren: Einerseits die "Sex and Crime" Handlung rund um Vatermord und Frauengeschichten, andererseits den metaphysischen Überbau und das Religionsthema (Theodizee!). Letzteres immer wieder mit erfrischend ironischen Elementen angereichert(z.B. durch einen katholischer Knabenchor), was angesichts der pathetisch-sentimentalen Seite dieser Medaille dringend notwendig war . Stemann gruppiert diesen Motivkomplex rund um die den Starzen Sosima und legt weltanschauliche Textpassagen aus dem Roman diversen Akteuren in den Mund. Als erste Szene wählte Stemann sehr geschickt eine überaus theaterwirksame aus: Das Zusammentreffen der drei Brüder mit dem Vater Karamasow bei Sosima. Es verblüfft, wie viel wichtige Motivstränge sich in knapp vier Stunden Theater unterbringen lassen. Am effektivsten ist natürlich die Kriminalgeschichte, und wenn man einen Einwand machen will, dann könnte man sagen, dass sie weniger eng verwoben mit dem Weltanschauungsthema ist als im Roman. Hier kommt das Theater an die Grenze seiner Möglichkeiten. Die Inszenierung insgesamt ist sehr gelungen. Das Bühnenbild schwankt zwischen klösterliche Leere und einem zweistöckigen nach vorne offenen "Haus" in dem sich gleichzeitig Szenen der Handlung abspielen. Requisten werden effektvoll oft nur angedeutet (eine Tür im leeren Raum). Die schauspielerische Leistung ist zu großen Teilen brillant. Wieder ist es Joachim Meyerhoff, der mit seiner Kunst verblüfft: Er trägt als Iwan so furios die Erzählung vom Grossinquistor vor (besser: er durchläuft während der Lesung eine Metamorphose und wird selbst zum Inquisitor). Diese Aufführung ist ein klarer Beleg dafür, dass sich "verrückte" Ideen auszahlen können. Eine Empfehlung. 21. Dezember 2007 Bibliothek: Neuzugänge Die meisten Bücher kamen dankenswerterweise "frei Haus". "Beowulf" gibt sehr günstig regulär im Buchhandel und "Paradise Lost" kam antiquarisch aus den Staaten.
16. Dezember 2007 Wagner: Die Walküre (Staatsoper 9.12.) Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf Dirigent: Franz Welser-Möst Siegmund, ein Wälsung: Johan Botha Hunding, Verbündeter des Geschlechts der Neidinge: Walter Fink Wotan, der Göttervater: Juha Uusitalo Sieglinde, Siegmunds Schwester, Hundings Frau: Nina Stemme Brünnhilde, Wotans Tochter, Walküre: Eva Johansson Fricka, Wotans Gattin, Göttin der Ehe: Michaela Schuster Eine Woche hatten alle Beteiligten Zeit, ihre verlorenen Stimmen wiederzufinden. Die Premiere am 2. Dezember war vom Pech verfolgt: Uusitalo versagte die Stimme und ein kurzfristig eingesprungener Ersatz sang die Rolle vom Rand aus. Die dritte Aufführung der lang erwarteten Neuinszenierung durch Sven-Eric Bechtolf verlief ohne musikalische Pannen. Zwar hatte Wotan am Ende Probleme und auch Brünnhilde war keine Referenz, der Abend war aber akzeptabel. Dazu trug nicht zuletzt ein fulminanter Botha bei, dessen Sigmund zwar einige lyrische Nuancen vermissen ließ, den ersten Aufzug aber ebenso brillant sang wie Nina Stemme. Walter Fink als Hunding hielt nicht nur ausgezeichnet mit, sondern hatte auch eine ungewöhnlich starke Bühnenpräsenz. Wie ist nun die Inszenierung gelungen, mit der wir hier in Wien nun viele Jahre leben müssen? Es ist kein großer Wurf geworden. Bechtolf ging die Angelegenheit sehr vorsichtig an. Das wäre nicht zwangsläufig schlecht. Seine wenigen Regieeinfälle jedoch (Götter, die mit Puppen hantieren) oder ein ausgestopfter Wolf als Requisit (Wölfing!) sind vergleichsweise plump. Wagners Ring ist eines der symbolmächtigsten Kunstwerke der abendländischen Kulturgeschichte! Da ist es mit ein paar platten Symbolen auf der Bühne nicht getan, wenn man einigermaßen auf Augenhöhe zum Werk inszenieren will. Zumindest stört die Regie nicht weiter, und das ist mehr als man in vielen Fällen sagen kann. Operngeschichte wird mit diesem Ring (man denke an die grandiose Kombination von Gustav Mahler und Alfred Roller vor einem Jahrhundert im selben Haus) wohl nicht geschrieben werden. Tolstois "Krieg und Frieden" Anlässlich einer Neuübersetzung ins Englische sind zwei lesenswerte Artikel über den Roman erschienen: Einer in der New York Review of Books und im New Yorker. Christopher Hitchens: God is not Great. How Religion Poisons Everything. (Audiobook) Der dritte atheistische Besteller (nach Richard Dawkins und Sam Harris) der letzten Zeit, konnte mich am wenigsten überzeugen. Hitchens trägt zwar die bekannten validen Argumente gegen religiöse Dummheiten zusammen, zeichnet sich aber negativ durch zu viel Selbstverliebtheit aus. Seine autobiographischen Exkurse wirken oft mehr eitel als erhellend. Wer nur ein Buch zum Thema lesen will, sollte also nicht zu diesem greifen. Nebenbei sei bemerkt, dass Hitchens ein vergleichsweise schlechter Vorleser ist. Ich hörte mir seine Gesamtlesung als Audiobook an. 15. Dezember 2007 Lukas Bärfuss: Die Probe (Der brave Simon Korach) (Akademietheater 4.12.) Regie: Nicolas Brieger Peter: Dietmar König Simon: Michael König Franzeck: Roland Koch Agnes: Sabine Haupt Helle: Barbara Petritsch Lukas Bärfuss wird gegenwärtig gern gespielt, greift er doch aktuelle Themen auf und bringt sie auf die Bühne. Dieses Mal hat er sich die Gentechnik erwählt, eines der Lieblingsthemen der Feuilletons seit längerer Zeit. Peter Korach, glücklicher Ehemann und Familienvater, packt der Zweifel und er läßt heimlich einen Vaterschaftstest durchführen: Sein vierjähriger Sohn ist nicht mit ihm verwandt. Hier setzt das Stück ein und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Ein Hauch Ibsen garniert mit grotesken Elementen ist das Ergebnis. Zweiter Motivkomplex ist die politische Karriere seines linken Vaters, der eben zu einem erneuten Anlauf ansetzt, das Bürgermeisteramt zu erobern. Nimmt man noch einen aus der Gosse aufgenommenen "Adoptivsohn" hinzu, den Simon Korach zu seinem Wahlkampfleiter kürte und der Peter den Floh mit der Probe ins Ohr setzte, ist die dramatische Konstellation komplett. Dank des wie immer sehr guten Ensembles und des geglückten Bühnenbilds ergibt das einen passablen zweistündigen Theaterabend. Viel mehr hat das zeitgenössische Drama im Moment offenbar nicht zu bieten. 9. Dezember 2007 Wajdi Mouawad: Verbrennungen (Akademietheater 2.12.) Regie: Stefan Bachmann Nawal: Regina Fritsch Jeanne: Melanie Kretschmann Simon: Daniel Jesch Hermile: Markus Hering Antoine: Juergen Maurer Sawda: Sabine Haupt Nihad: Klaus Brömmelmeier Man sieht es buchstäblich vor sich, wie im Sommer 2006 anlässlich des Libanonkrieges die Köpfe im Burgtheater rauchten. Ein aktuelles Stück über den Libanon muss her! Zeitgenössisches, politisches Theater ist ein wichtiges Anliegen, und man kann ja nicht jedes Mal wie ein x-beliebiges Stadttheater "Mutter Courage" hervorkramen, wenn es wieder einmal Krieg gibt. Man suchte und suchte und schließlich stieß man auf "Verbrennungen" von Mouwad und hatte sogar noch eine österreichische Erstaufführung in der Tasche. Leider hat diese Geschichte kein happy end: Es handelt sich nämlich um ein miserables Stück. Mouawad gibt sich nämlich nicht mit den Verfassen eines Antikriegsstücks zufrieden, er muss es auch noch zu einer Art griechischen Tragödie aufblähen: Inzest, Vergewaltigung, Verblendung: Alles da. Dramaturgisch ist das alles ziemlich holprig (eine antike Tragödie beginnend mit einer Testamentseröffnung beim Notar) und das Stück überwiegend konturlos. Will man die Hölle der Gegenwartskriege darstellen, ist es nicht notwendig, gleichzeitig noch eine Orestie für Arme abzunudeln. Will man Betroffenheit hervorrufen (mit quasirealistischen Schockszenen) sollte man keine Hampelmänner wie die Figur des Notars ins Stück aufnehmen. Es reicht nicht ein paar klassische Dramenmotive zu nehmen (Suche nach dem Vater, Geschwisterkonflikt) und diese willkürlich mit realistischen Elementen zu vermischen. Die Regie geht mit diesem Problem auch eher ratlos um, weicht stellenweise sogar in Richtung Slapstick aus. Das Beste, was man über den Abend sagen kann, ist die tolle schauspielerische Leistung. Das Ensemble ist großartig und sorgt für die einzigen lichten Momente eines langweiligen Theaterabends. 25. November 2007 Michael Köhlmeier: Abendland. Roman (Carl Hanser) Eigentlich hatte ich Köhlmeier als interessanten Autor schon abgeschrieben, seitdem er sich die letzten Jahre vor allem auf die fließbandmäßige Nacherzählung von Mythen und Sagen verlegt hatte. Der Ich-Erzähler des neuen Romans Sebastian Lukasser ist Schriftsteller und wird an einer Stelle von einem amerikanischen Lektor darauf angesprochen, dass sich mit Shakespeare Nacherzählungen eine Menge Geld verdienen ließe. Köhlmeier hat mit Shakespeare neu erzählt ein ähnliches Buch vorgelegt und ist damit wenigstens erfrischend offen. "Abendland" ist das bisher ambitionierteste Werk Köhlmeiers. Der Titel und Umfang (800 Seiten!) des Buches zeigen, in welche Gefilde er sich vorwagt: Ein großer Roman über das 20. Jahrhundert sollte es sein. Nimmt man hinzu, dass im Mittelpunkt mit Carl Jakob Candoris, der mit 95 Jahren seinem Patenkind Sebastian sein Leben erzählt, ein Mathematiker und Logiker steht, denkt man zwangsläufig an Ulrich, Hauptfigur von Musils "Mann ohne Eigenschaften". So viel literarischer Wagemut ist sympathisch, deshalb las ich das Buch. Nun ist es keine Überraschung, dass Köhlmeiers Roman dem Vergleich mit Musil oder Doderer nicht stand halten kann. Außergewöhnlich jedoch ist, dass dieses megalomane Projekt ein lesenswertes und sympathisches Ergebnis zeitigt. "Abendland" stellt dem Leser ein so weit ausgreifendes Handlungsgeflecht vor Augen, das ich hier im einzelnen nicht wiedergeben will. Es wird sowohl das Leben des Carl Candoris als auch das Sebastion Lukassers erzählt, mit einer großen Zahl an Nebenfiguren. Dieses Leben spielt sich zu wichtigen Teilen in Wien und Manhattan ab, nebenbei bekommt man also einen Wien- und New-York-Roman auf den Büchertisch. Es ist sehr viel von Musik (Jazz!) und einiges von Mathematik und Atomphysik die Rede. Kurz, was den semantischen Raum des Romans angeht, erfüllt Köhlmeier durchaus seinen Vorsatz, ein Panorama des letzten Jahrhunderts vorzulegen. Auf dieser Ebene bekommt man abwechslungsreiche und intelligente Lesekost vorgesetzt. Es sind jedoch zwei Aspekte, warum "Abendland" zwar ein ausgezeichnetes Buch ist, es aber von anderen "Jahrhundertromanen" doch einen Respektabstand einhalten muss: das ästhetische Konzept und die Behandlung intellektueller Themen. Köhlmeier ist ein klassischer Erzähler und so ist der Roman auch angelegt. Aus verschiedenen Ich-Perspektiven bekommen wir Teile der Biographien des Romanpersonals traditionell erzählt. In dem Bezugsrahmen "realistische Erzählung" ist das handwerklich hervorragend gemacht. Speziell die geschickte Behandlung der verschiedenen Zeitebenen, die kunstvolle Verknüpfung von Vor- und Rückblenden und die narrative Gesamtkonzeption des Werks, die eine Menge von Handlungsebenen überblicken muss, sind vortrefflich gelungen. Im deutschsprachigen Raum dürfte es nur wenige Autoren geben, die Köhlmeier hier das Wasser reichen könnten. Man fühlt sich eher an große amerikanische Autoren erinnert. Nun stellt sich aber die grundsätzliche Frage, ob diese klassische Erzählweise zu Beginn des 21. Jahrhunderts für ein Sprachkunstwerk wirklich angemessen ist - und das muss man verneinen. Etwas mehr Mut zu avancierten Erzähltechniken und gezielte Variation der Erzählmittel, und es wäre ein Meisterwerk geworden. Mein zweiter Einwand betrifft die Behandlung der intellektuellen Themen im Roman. Auch hier sei vorweg eingeräumt, dass Köhlmeier das Prädikat eines gelehrten Autors durchaus verdient. Er kennt nicht nur die Klassiker der Weltliteratur (auf die implizit und explizit angespielt wird) und weiß viel Hörenswertes über Musik- und Wissenschaftsgeschichte zu schreiben. Aber auch hier gilt: Er bringt diese Themen vergleichsweise bieder in den Roman ein. Das wird deutlich, wenn man beispielsweise die Verarbeitung der mathematischen Themen mit denen im "Mann ohne Eigenschaften" vergleicht, oder die Literarisierung von Musik mit dem "Dr. Faustus". Während Köhlmeier klug über Musik schreibt, übersetzt Thomas Mann Musik fulminant in Literatur. Außerdem scheint sich Köhlmeier vor der Tragfähigkeit dieser Themen zu fürchten. Anstatt ihnen den Raum zu geben, den sie intellektuell verdienen, werden sie zugunsten von traditionell spannenden Handlungselementen (inklusive Mord und Spionage) vernachlässigt. Mehr Mut zum Geist, möchte man ihm beim Lesen zurufen, speziell im letzten Viertel. Obwohl diese Einwände durchaus schwerwiegend sind, las ich "Abendland" sehr gerne. Der Roman gehört sicher zu den interessantesten österreichischen Büchern seit Jahren und verdient es, dass man sich mit ihm beschäftigt. 24. November 2007 James Goldman: Der Löwe im Winter (Burgtheater 21.11.) Regie: Grzegorz Jarzyna Henry: Wolfgang Michael Eleanor, seine Frau: Sylvie Rohrer Richard, ihr ältester Sohn: Markus Meyer Geoffrey, ihr mittlerer Sohn: Philipp Hauß John, ihr jüngster Sohn: Sven Dolinski Alais Capet: Katarzyna Warnke Philipp Capet, ihr Bruder: Tomasz Tyndyk Das im März 1965 am Broadway uraufgeführte Stück war ein ebenso großer Erfolg wie die drei Jahre später gedrehte Verfilmung mit Peter O'Toole und Katherine Hepburn. Auf den deutschsprachigen Bühnen war es selten zu sehnen: Das Burgtheater bringt also eine Rarität und zwar ein Historiendrama, das im späten 12. Jahrhundert am Hof Henry II. spielt, und die Aufteilung des Reiches unter seinen drei Söhnen zum Thema hat. Die Inszenierung Jarzynas transponiert diese Konflikt in ein modernes Unternehmen. Sehr seltsam deshalb, dass am Ende in einem schriftlichen Abspann ausführlich die historischen Folgen des Konflikts referiert werden, was einen unausgegorenen Eindruck hinterlässt. Den Regiestil würde ich mit den Adjektiven elegant, ausgewogen, stilisiert beschreiben, was gut zu dem Stück passt. Das auf zwei Ebenen angesiedelte Bühnenbild erinnert an ein modernes Hotelatrium, das mit durch Glaswänden abgetrennte Räume umgeben ist, und sehr stimmig zur Inszenierung passt. Das Ensemble ist ohne Ausnahmen sehenswert. Es hätte ein herausragender Theaterabend werden können. Die Crux des Abends war die musikalische Untermalung. Entweder durfte ein Pianist auf der Bühne in Potpourri-Manier das Geschehen begleiten oder es gab penetrante Hintergrundmusik aus den Lautsprechern. Jarzyna vertraute offenbar seiner Regiekunst nicht genug und setzte dieses plumpe Mittel zur Stimmungsmache ein. Die Inszenierung hätte ohne diese Berieselung jedoch viel besser funktioniert und wäre stimmiger gewesen. Das ist kein Grund, nicht ins Burgtheater zu gehen, reduziert aber einen potenziell erstklassigen Abend auf ein durchschnittliches Niveau. Bibliothek: Neuzugänge Für einen Klassikerfreund ist die neue, viel gepriesene Übersetzung der "Kartause von Parma" natürlich ein Pflichtkauf. Wolfgang Straubs österreichisches Literaturlexikon ist alphabetisch nach Orten sortiert und beschreibt welche Autoren sich wann in Österreich aufgehalten haben.
18. November 2007 Richard Strauss: Arabella (Staatsoper 10.11.) Dirigent: Franz Welser-Möst Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf Arabella: Angela Denoke Zdenka: Alexandra Reinprecht Mandryka: Morten Frank Larsen Matteo: Michael Schade Arabella war die letzte gemeinsame Oper von Richard Strauss und Hofmannsthal und hat zeitgenösssische Liebeswirren in Wien zum Thema. Interessiert hat mich diese Inszenierung nicht zuletzt, weil Sven-Eric Bechtolf gerade den neuen Wiener Ring auf die Bühne bringt ("Die Walküre" hat am 2.12. Premiere), und ich mir einen Eindruck von seinem Regiestil machen wollte. Um damit anzufangen: Es ist eine elegante, exzellent zur Musik passende Inszenierung. Möge er es auch bei Wagner so gut treffen. Für eine gute musikalische Leistung sorgte Franz Welser-Möst, der dem Staatsopernorchester ein bewährter Wegweiser durch diese Klangkonglomerate war. Gesanglich gab es auch keinen Grund zur Klage. Erfreulich. 17. November 2007 Neue Balzac-Biographie Johannes Wilms legt eine neue Biographie über diesen schillernden Klassiker vor. Laut Claudius Seidl in der heutigen Ausgabe der FAZ eine solide Arbeit, wenn auch etwas zu zynisch. Reise-Notizen London (3): National Gallery and Victoria-and-Albert Museum Die National Gallery am Trafalgar Square darf sich in Sachen Alte Meister zu den führenden Häusern Europas zählen. Obwohl die großartige Turnersammlung gar nicht dort, sondern in der Tate zu finden ist. Es handelt sich um eine klassische, hochkarätig bestückte Gemäldesammlung, die einen Zeitraum vom Mittelalter bis zum Impressionismus umfasst. Viele berühmte Werke hängen dort. Botticellis "Venus und Mars" kannte ich bisher nur durch Reproduktionen und meine Begeisterung dafür hielt sich in Grenzen. Sieht man aber die strahlende Leuchtkraft des Originals, versteht man einmal mehr, wie ungeeignet Bildbände sind, um sich einen adäquaten Eindruck von einem Gemälde zu verschaffen. Weitere Höhepunkte sind Bellinis eindrücklicher "Doge", Raphaels (wie immer) formal perfekte "Madonna of the Pinks" und Cezannes "Bathers", um die englischen Titel zu verwenden. Das Victoria-and-Albert Museum ist eine der kuriosesten Sammlungen in London. In knapp 150 Räumen wird angewandte Kunst und Kunsthandwerk präsentiert. Dabei wird ein unglaublich breites Spektrum abgedeckt: Von Architektur über Glas- und Metallwaren und Musikinstrumente bis hin zu Möbel und Designobjekten aus allen Epochen und vielen Weltgegenden. Wer sich über die Einrichtung englischer Adelssitze durch die Jahrhunderte informieren will, ist dort ebenso richtig wie jemand mit eine Vorliebe für Keramik. Besonders hervorgehoben sei noch die umfangreiche Skulpturensammlung. 15. November 2007 Homers "Odyssee" in neuer Übersetzung Kurt Steinmann ist einer der bekanntesten Übersetzer von griechischen Klassikern im deutschsprachigen Raum. Seine Dramenübertragungen werden gerne von renommierten Häusern für Neuinszenierungen ausgewählt. Jetzt liegt seine neue Übersetzung der Odyssee vor. Manesse hat sich dankenswerterweise entschlossen, daraus einen Prachtband zu machen. Großformat im Schuber, handwerklich perfekt hergestellt (Fadenbindung, Lesebändchen) und mit Illustrationen von Anton Christian, ist das Buch eine schöne Referenz für anspruchsvolle Klassikerausgaben. Bibliothek: Neuzugänge Mit Ausnahme der "Odyssee" (Autorenexemplar) wurden alle Bücher antiquarisch erworben.
11. November 2007 Plato: Der Staat. Viertes Buch (2.) (Felix Meiner) Nach den ersten drei Büchern dürfte fast jeder moderne Leser ein Unbehagen über Platos Staatstotalitarismus verspüren. Aber auch für die Zeitgenossen im alten Athen war dieser Idealstaat eine Provokation. So überrascht es nicht, dass Adeimantos das vierte Buch mit folgendem Einwand eröffnet:
[419] Im Mittelpunkt dieses Teils steht erneut Platos problematische Analogie zwischen Seele und Staat, auf der er seine Argumentation aufbaut. Wie ein guter Mensch, zeichne sich ein Staat durch vier Eigenschaften aus: Weisheit, Tapferkeit, Mäßigung und Gerechtigkeit. Letztere bestehe darin, dass jeder Bürger der Tätigkeit nach gehe, zu der er am besten fähig ist (nach dem früher beschriebenen Klassensystem). Anschließend führt Sokrates seine dreiteilige Psychologie bestehend aus Vernunft, Begierde und Geist (Seele) ein. Ein weiser Mensch hält alle drei Teile in Harmonie, wobei der Vernunft die lenkende Rolle zukommt. Diese Analogie zwischen Psyche und Staat wurde in der Forschung oft kritisiert, zu Recht meiner Meinung nach. In Anbetracht der Tatsache, zu welchen ontologischen Spitzfindigkeiten Plato in seiner Metaphysik fähig ist, wirkt die Gleichsetzung zwischen Individuen mit abstrakten sozialen Prozessen vergleichsweise plump. Trotzdem sind die psychologischen Passagen sehr aufschlussreich zu lesen, prägten sie die abendländische Psychologie doch bis in die Neuzeit. An dieser Stelle sollte man sich einmal mehr in Erinnerung rufen, dass es sich hier nicht um ein politisches Programm im engen Sinn handelt, sondern um ein radikales Gedankenexperiment. 10. November 2007 Oliver Goldsmith: The Vicar of Wakefield (Penguin) Eingangs sei gesagt, dass die bestellte Originalausgabe so lange auf warten sich ließ (immer noch auf sich warten lässt), dass ich das Buch in der Übersetzung von Ilse Buchholz las. Der einzige Roman des englischen Exzentrikers Oliver Goldsmith erschien 1766 und steht in der Tradition moralisch-sentimentaler Werke dieser Zeit. Im Mittelpunkt steht eine plötzlich verarmte Landpfarrerfamilie aus der englischen Provinz, die einen herben Schicksalsschlag nach dem anderen erleidet, bevor sich am Ende alles zum Besten wendet. Vergleicht man das Buch mit den besten Werken dieser Zeit, etwa mit dem seit 1759 publizierten brillanten "Tristram Shandy" des Laurence Sterne, fällt das Ergebnis für Goldsmith nicht vorteilhaft aus. Was man zu Gunsten seines Romans sagen kann, sind im vor allem zwei Punkte: Die teilweise ironische Behandlung des Genres führt zu einer kritischen Distanz und die Erzählperspektive ist kritisch gebrochen. Die Selbstgefälligkeit des Landpfarrers Dr. Primrose', des Ich-Erzählers, wird durch so manches Handlungselement konterkariert. Zur Ironie ist einschränkend zu ergänzen, dass sie nicht immer funktioniert, und von den kolportagehaften Ereignissen oft überdeckt wird. Womit nun die größte Schwäche des Buches bereits angesprochen ist: Die melodramatische Handlung, die durch Ironie nicht ausreichend relativiert wird. Das liest bis zum Beginn des Schlusses ganz nett, aber die letzten dreißig Seiten würde selbst ein durch "deus ex machina" - Effekte verwöhntes altgriechisches Publikum überfordert haben. Eine unwahrscheinliche glückliche Wendung jagt die nächste, inklusive "Wiederauferstehung" von angeblich Toten. Am Ende schwimmen die Guten in Glück und Wohlstand und die Schurken werden entlarvt. Dass Goldsmith das schlechte ästhetische Gewissen gepackt haben muss, zeigt folgende Rechtfertigung zum Thema Zufälle:
[S. 253] 4. November 2007 Cormac McCarthy: The Road (Vintage Paperback) Man ist es heutzutage ja gewöhnt, dass drittklassige Bücher als Meisterwerke gepriesen werden. Trotzdem machten mich die Hymnen auf "The Road" ausreichend neugierig, um diesen Roman zu lesen. Eine gute Entscheidung! Es ist eine Weile her, dass mich Gegenwartsliteratur so nachdenklich zurück gelassen hat. Es beginnt bei der Thematik, welche für die amerikanische Gegenwartsliteratur sehr ungewöhnlich ist: die USA nach dem Untergang der menschlichen Zivilisation. McCarthy läßt die Ursachen dafür im Dunkeln, aber die Symptome deuten deutlich auf ein Szenario nach einem Atomkrieg hin. Ein Vater schlägt sich mit seinem kleinen Jungen durch diese postapokalyptische Welt in einem permanenten Überlebenskampf. Angesichts dieses pathetischen Settings ist man schon nach wenigen Seiten fasziniert, wie effektiv McCarthy seine Leser in diese Welt transferiert. Der Identifikationsfaktor ist hoch und man entwickelt ein starkes Interesse am (Über)leben der beiden Protagonisten. Das Buch entfaltet ein großen Assoziationsraum. Angesichts des eigentlich sinnlosen Ziels der Reise, die Küste, denkt man an Beckett. Die nüchterne Schilderung grotesk-grausamer Situation führt gedanklich zu Kafka. An dem brutalen Überlebenskampf hätte Thomas Hobbes sein "homo homini lupus" adäquat illustriert gefunden. McCarthy schreibt eine klare, leicht archaisch wirkende Prosa mit Anklängen an die Sprache der Bibel. Nach der bisherigen Beschreibung könnte man annehmen, es handelt sich bei "The Road" um ein abgrundtief schwarzes Buch. Der Autor setzt aber so effektiv die aufopferungsvolle Liebe von Vater und Sohn gegen diese Lebenshölle, dass sich ein strukturell ausgezeichnet funktionierender Kontrast ergibt. Diese Opposition liegt dem Funktionieren des Romans zugrunde und trägt ihn sowohl inhaltlich als formal. Diese Konstellation lädt das Buch implizit mit einer religiösen Thematik auf. Deshalb läuft die Handlung auf eine Art "happy end" hinaus (soweit man in einem nuklearen Winter davon reden kann). Das halte ich für den größten Schwachpunkt dieses ungewöhnlichen Buches. Es wäre glaubwürdiger gewesen, das Buch ohne jegliche Hoffnung enden zu lassen. Aber dazu ist McCarthy wohl ein zu religiöser Mensch. Wilfried Seipel (Hrsg.): Meisterwerke der Antikensammlung (Kunsthistorisches Museum Wien) Dieser Band ist seit längerer Zeit mein verlässlicher Begleiter bei Besuchen der Wiener Antikensammlung. Den 114 wichtigsten Werken sind je eine Doppelseite gewidmet: Text und farbliche Abbildung. Die kurzen Texte versuchen einen Kompromiss zwischen Einführung in eine Genre (antike Keramik, Gemmnen ...) und Beschreibung eines Kunstwerks. In Summe eine durchaus nützliche Angelegenheit. Schade ist es allerdings, dass in der Antikensammlung vor Ort keine Verweise auf das Buch sind. In anderen Museen gibt man oft die Seitenzahl bei den Exponaten an. Will man den Band also in der Sammlung nutzen, kann man sich auf umfangreiches Blättern einstellen. 3. November 2007 "The Best Book on Mozart" So überschreibt Charles Rosen seinen kenntnisreichen Artikel - The New York Review of Books 16/2007 - über das berühmte, 1919 erschienene Buch von Hermann Abert, das erstmals ins Englische übersetzt wurde. Plato: Der Staat. Drittes Buch (2.) (Felix Meiner) In diesem Teil des Werks findet man die Fortsetzung der berüchtigten Forderung nach Zensur im literarischen Bereich. Zugespitzt könnte man sagen, dass Platos totalitäres Programm hier besonders augenscheinlich wird. Von der Voraussetzung ausgehend, dass erstens adäquate Erziehung nicht nur für die elitäre Klasse der Wächter maßgeblich zum Erfolg seines idealen Staatwesens beiträgt, und zweitens Erziehung zu einem großen Teil aus Nachahmung besteht, will er schlechte Einflüsse verbieten. Dieses Argument unterscheidet sich im Prinzip nicht von dem, was konservative Politiker heute fordern. Will man in der Gegenwart Kinder vor "Killerspielen" oder schlechten Einflüssen aus dem Internet schützen, will Plato die Kinder seines Staates vor nicht nachahmenswerten mythologischen Geschichten schützen. Sogar Homer wird von der Kritik nicht ausgenommen, stellt er doch die Götter sehr oft unwürdig (von Leidenschaften beherrscht) vor.
[392] Im Zentrum des dritten Buches steht auch die Frage nach dem Umgang mit der Wahrheit in der Politik. Plato argumentiert hier sehr autoritär. Nachdem er (mythologisch begründet) seine Gesellschaft in drei verschiedene Klassen einteilt (solche mit goldenen, silbernen, bronzenen "Seelen"), rechtfertigt er "noble Lügen" aus utilitaristischem Blickwinkel: Es nütze dem Staat insgesamt und damit auch ihren Mitgliedern, wenn entsprechende "Wahrheitspolitik" betrieben wird. Plato errichtet hier ein präfaschistoides Staatswesen mit einer Klassengesellschaft und einer ausgeprägten Medienpolitik. Interessant finde ich daran vor allem, dass sich dieser elaborierte Totalitarismus bereits so früh geistesgeschichtlich expliziert findet, und dass hier zahlreiche Fragen zum ersten Mal systematisch behandelt werden, welche bis heute die Diskussion bestimmen (Zensur und Medien, Erziehung, Nature/Nurture ...). Bemerkenswert auch, wie schnell die Wahrheit einem angeblich höherwertigen Gut geopfert wird, speziell wenn man an das skeptische Wahrheitspathos vieler platonischer Dialoge denkt. Ernst Piper: Savonarola. Prophet der Diktatur Gottes. Biographie (pendo pocket) Zur totalitären Staatsphilosophie Platons passt vorzüglich der fanatische Mönch Savonarola (1452-1498), der in Florenz als begnadeter Hassprediger wirkte und vor seiner Exekution als Ketzer für einige Jahre eine Art Gottesstaat in dieser lebenslustigen Stadt errichtete. Diese Episode ist für die an Fundamentalismen reichlich gesegnete Gegenwart natürlich aufschlussreich. So fallen schnell die Gemeinsamkeiten über die Epochengrenzen hinweg ins Auge: Plato lässt seinen Sokrates ebenso nach Zensur rufen wie heutige Fanatiker. Die Taliban sprengen Kunstwerke und verbieten Musik als Gefahr für die Sittlichkeit. Im Iran terrorisieren junge Revolutionswächter gerne die Jugend in den Städten. Savonarola hatte ähnliche Sorgen und verwendete ähnliche Taktiken. Er predigte wortgewaltig gegen Sittenverfall (auch heute noch beliebter Fokus: Homosexualität) und ließ 1497 und 1498 in Florenz "Verbrennungen der Eitelkeiten" abhalten, denen zahlreiche Kunstwerke zum Opfer fielen. Öffentliche Würfelspieler wurden ex cathedra mit dem Scheiterhaufen bedroht. Wie so viele Fanatiker nach ihm, bediente sich Savonarola für die Umsetzung seines Tugendterrors junger Menschen: Er gründete eine Kinderpolizei. Wie allen Fundamentalisten waren ihm Bildung und Bücher ein Gräuel:
[S. 95] 2. November 2007 Donald Frame: Rabelais. A Study (Harcourt Brace Javonovich, New York 1977) Um die Beschäftigung mit den fünf Büchern rund um "Gargantua" und "Pantagruel" abzuschließen, las ich noch diese prägnante Monographie von Donald Frame, dessen Buch über Montaigne ich schon sehr hilfreich fand. Der Autor beginnt mit einem kurzen einleitenden Artikel über das Zeitgeschehen, um dann das Wenige zu referieren, was über Rabelais' Biographie bekannt ist. Auftakt zur Auseinandersetzung mit dem Werk sind fünf Kapitel über die einzelnen Bücher, in denen Frame Form & Inhalt strukturiert wider gibt, nicht ohne den Stand der damaligen Forschung zu berücksichtigen. Dabei könnte es sich auch um ausführliche Beiträge zu einem Handbuch handeln. Danach nimmt sich Frame diverse Themenkreise vor, denen er systematisch durch das Gesamtwerk folgt. Darunter "Comedy and the Carnivalesque", "Satire and Fantasy", "Storytelling" und "Humanism and Evangelism". Das ist erhellend zu lesen, zumal Frame einen klassischen englischen Gelehrtenstil schreibt, der frei von allen Obskurantismen ist. Sehr empfehlenswert für alle, die sich für diese in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Bücher interessieren. Reise-Notizen London (2): Ost und West Um Städte und deren Bewohner kennenzulernen, kann ich folgende bewährte Methode empfehlen: Man besuche möglichst unmittelbar nacheinander ein sehr armes und sehr reiches Viertel. In London zeigen sich diese Kontraste seit jeher in besonderer Schärfe, wie wir Dickensleser wissen. Auch heute noch sind die Unterschiede frappant. Zwar entwickelt sich das multikulturelle Eastend im Moment zu einer angesagten Gegend, Stadtsoziologen sprechen hier gerne von Gentrifizierung, aber noch weiter im Osten, wo vor allem Migranten Unterschlupf finden, sieht man die Armut doch sehr deutlich. Wie es sich im Kapitalismus gehört, zeigt sich das vor allem auf den lokalen Märkten, wo quasi Schrottreifes noch zu Geld gemacht werden soll. Der traurige alte Mann mit einem schäbigen Pelzmantel zum Verkauf auf dem Arm stehe hier für viele andere. Auch sonst sind die Preise der Zielgruppe angemessen (One T-Shirt, One Pound) und diese Billigmärkte überlaufen. Man sieht vielen Menschen den täglichen Kampf ums Überleben an. Eine knappe halbe Tube-Stunde im Westen, rund um den Sloane Square trifft man auf das andere Ende des britischen Klassensystems. Die Straßen sind voller luxuriöser Gefährte der höchsten Preisklassen und die Geschäfte haben es offenbar nicht notwendig, ihre Auslagen mit Preisschildern zu beleidigen. Man weiß auch so, dass einer der Hüte in dieser Bonsai-Boutique mehr kostet als der Monatslohn eines Migranten im Osten. Stilvolle Restaurants und Kaffeehäuser, edle Buchhandlungen, perfekt gepflegte Gärten, blitzblanke Straßen runden das Bild ab. Dieses Zusammenleben von obszön reich und beschämend arm auf vergleichsweise engem Raum, ist nüchtern betrachtet eine erstaunliche Tatsache. Viele Sozialphilosophen, angefangen mit Plato, vertreten die Meinung, dass zu große ökonomische Unterschiede quasi zwangsläufig zu großen Konflikten führen. Es wäre überraschend, wenn das bei den Unruhen in Paris nicht auch ein maßgeblicher Faktor gewesen wäre. 1. November 2007 Berlin: Bode-Museum und "Novos Mundos" im Deutschen Historischen Museum (25. und 27.10.) Hymnisch wurde es nach der Eröffnung im Oktober letzten Jahres gepriesen, das frisch renovierte Bode-Museum. Nach zwei ausführlichen Besuchen bin ich versucht, in diese Lobpreisungen einzustimmen. Es ist eines der schönsten Museen, die ich bisher sah. Damit ist in erster Linie gar nicht die großartige Skulpturensammlung gemeint, die den Grundstock des Hauses bildet, sondern das ästhetische Zusammenspiel zwischen Architektur und den Kunstwerken. Die großzügigen Räume sind ideal für die dreidimensionale Kunstform und die beiden Kuppelhallen sowie die Basilika runden als Raumkunstwerke die Ausstellung ab. Die Skulpturen sind in chronologisch-geographischer Ordnung zu sehen. Darunter zahlreiche Meisterwerke aus der Renaissance und aus der Spätgotik. Die fulminanten Plastiken Tilman Riemenschneiders alleine rechtfertigen eine Reise nach Berlin. Ergänzt wird die Skulpturensammlung durch die Exponate des Byzantinischen Museums, die nun ebenfalls in diesem schönen Bau zu sehen sind, darunter ein großes (allerdings aufgrund der Restaurierung nur bedingt originales) byzantinisches Mosaik. Eine Reihe von Räumen schließlich sind dem Münzkabinett gewidmet, in dem viele antike Münzen ausgestellt werden, darunter auch persische aus der Zeit der Perserkriege. Das Deutsche Historische Museum zeigt seit dem 24. Oktober eine Sonderausstellung über "Portugal und das Zeitalter der Entdeckungen" (Novos Mundos), die nicht zuletzt als eine Art Hommage an die portugiesische Ratspräsidentschaft gedacht war, welche die deutsche im Juli ablöste. Eine Besichtigung der umfangreichen Schau dauert inklusive Audioführung etwa zweieinhalb Stunden und die abschließende Bewertung fällt ambivalent aus. Was die Exponate angeht, kann man die hochkarätige Auswahl nur loben. Zahlreiche alte Bücher, Karten, Dokumente, Modelle etc. sind zu sehen. Selbst wenn man am Thema der Ausstellung kein allzugroßes Interesse hätte, lohnte sich ein Besuch schon wegen der vielen wertvollen Bücher. Frühe Drucke von Marco Polo, der Schedelschen Weltchronik, Brants "Narrenschiff" uvm. finden sich in den Vitrinen. Kurz, ein Fest für Bücherfreunde. Die Schattenseite der Ausstellung liegt im Fehlen jeglicher kritischer Perspektive. Die Entdeckungsgeschichte wird im wesentlich als großes romantisches Abenteuer dargestellt, die wirtschaftshistorischen Zusammenhänge nur an der Oberfläche gestreift. Kein Wort zu neueren Forschungsergebnissen, etwa der Wertmetallströme über Europa nach Asien und deren Folgen. Selbst die Missionierung wird ohne ein kritisches Wort thematisiert. Es ist im Gegenteil sogar von "brutalen Christenverfolgungen in Japan" die Rede, ganz so als hätte ein Jesuit diese Räume kuratiert. Man kann sich also der großartigen Ausstellungsstücke erfreuen, bekommt aber inhaltlich nichts Neues geboten. In der Tat ein Geschenk an die portugiesische Regierung. Henry Parland: Zerbrochen (über das Entwickeln von Veloxpapier). Roman (FAZ Vorabdruck) Ein unbestreitbarer Vorteil eines FAZ Abonnements ist die Tatsache, dass man dank der löblichen Praxis des Vorabdrucks "nebenbei" das eine oder andere Buch lesen kann. Schade, dass diese alte Tradition nur noch von einer Zeitung im deutschsprachigen Raum gepflegt wird. Hervorzuheben ist auch, dass die FAZ regelmäßig Raritäten zum Zuge komme lässt, wie in diesem Fall den kleinen schwedischen Roman Henry Parlands, der als neues Winterbuch bei der Friedenauer Presse erschienen ist. Ursprünglich 1930 publiziert, erzählt das Buch die Beziehung des "Autors" mit Ami bzw. versucht diese mit Hilfe von Fotos zu rekonstruieren, was den Untertitel erklärt. Es handelt sich um ein Erinnerungsexperiment a la Proust, der auch explizit erwähnt wird. Alles in allem nicht sehr spektakulär, aber durchaus lesenswert. 28. Oktober 2007 Bibliothek: Neuzugänge Alles reguläre Bücherkäufe, mit Ausnahme des in Berlin antiquarisch erworbenen Band über antike Keramik. Das Buch über das Bode-Museum entstammt dem Museumsshop vor Ort.
21. Oktober 2007 Plato: Der Staat. Zweites Buch (2.) (Felix Meiner) Das erste Buch fungiert als eine Art Einleitung und rückt das Thema der Gerechtigkeit in den Mittelpunkt der Diskussion. Im zweiten Buch wird nun der literarische Rahmen für die weitere Vorgehensweise gesetzt. Dieser besteht in der Behauptung einer Analogie zwischen den Teilen der Seele und den Teilen einer Stadt. Vorher jedoch wird die Grundlagendiskussion des ersten Buches fortgesetzt. Glaukon fordert Sokrates auf dafür zu argumentieren, dass die Gerechtigkeit "an sich" wünschenswert ist (wie etwa die Gesundheit) und gleichzeitig auch gute Konsequenzen zeitigt. Diese These setzt sich von der These ab, dass die Gerechtigkeit zwar gute Folgen hat, aber an sich nicht wünschenswert sein muss. Nebenbei sei bemerkt, dass Plato in diese Kategorie auch die Erwerbsarbeit steckt:
Denn diese Dinge werden wir zwar als beschwerlich bezeichnen, aber doch auch als nützlich für uns, und um ihrer selbst willen würden wir sie niemals wünschen, wohl aber um des Lohnes willen und der übrigen Vorteile, die aus ihnen hervorgehen. [357] Was mich an Plato fasziniert, ist die intellektuelle Unabhängigkeit seiner Ansichten. Damit ist nicht gemeint, dass es es keine geistesgeschichtlichen Einflüsse oder inhaltlichen Vorbilder gäbe, sondern dass er in der Lage ist, weitgehend von seinem kulturellen Umfeld zu abstrahieren, und rationale Lösungen ohne Scheuklappen zu suchen. Dass die Ergebnisse aus heutiger Sicht oft seltsam anmuten, ändert nichts an der Tatsache, dass Plato einer der unabhängigsten Köpfe war, welche die europäische Philosophie hervorbrachte. 20. Oktober 2007 Shakespeare: König Lear (Burgtheater 13.10.) Regie: Luc Bondy Lear, König von Britannien: Gert Voss König von Frankreich: Roch Leibovici Herzog von Burgund / Oswald: Markus Hering Herzog von Cornwall: Johannes Krisch Herzog von Albany: Gerd Böckmann Graf von Gloster: Martin Schwab Graf von Kent: Klaus Pohl Edgar, Glosters Sohn: Philipp Hauß Edmund, Glosters Bastard: Christian Nickel Der Narr: Birgit Minichmayr Man freut sich heutzutage, wenn man gelegentlich ein komplettes Stück sehen kann, das nicht durch Kürzungen auf die Hälfte zusammengestrichen wurde. Luc Bondy lieferte erwartungsgemäß eine klassische Inszenierung ab, was einen Theaterabend von etwa viereinhalb Stunden ergibt. Die Schauspieler fügen sich ausgezeichnet in dieses Konzept ein. Gert Voss spielt den Lear wie große alte Schauspieler den Lear zu spielen pflegen: handwerklich glänzend und mit vollem Einsatz. Ihm zur Seite gibt Birgit Minchmayr einen fulminanten Narren. Auch der Rest des Ensembles agierte, wie man es vom Burgtheater erwarten darf. Der Learstoff kommt aus der Märchenwelt, was man gegen zu viel Realismus als Einwand vorbringen könnte, denn Luc Bondy geht seine Sache mit blutigem Ernst an. Mit Ausnahme der Sturmszene gibt es wenige ironische Brechungen. Grausamkeiten werden ebenso sorgfältig ausgespielt wie die zahlreichen Todesszenen. So werden die Augen des Graf von Gloster mit so viel Bühnenblut auf der Bühne ausgestochen, dass so mancher Fan von Splattermovies seine Freude daran hätte. Gestorben wird quälend langsam, was an einigen Stellen die Grenze zum Komischen überschreitet. Etwas weniger Pathos hätte die Inszenierung ästhetisch deutlich aufgewertet. Diese Kritik ändert aber nichts daran, dass es sich insgesamt um eine sehr gelungene Klassikeraufführung handelt. Stift Melk (10.10.) Das als "Perle des Barock" viel gepriesene Stift lohnt in der Tat einen Besuch. Neben erstklassiger Barockarchitektur bekommt man auch ein Lehrstück an ideologischer Geschichtsauffassung geboten, wie man es von der Kirche erwarten darf. Eine Führung durch die Anlage beginnt nach der Kaiserstiege in einer Art Geschichtsmuseum. Dieses führt den Interessenten in manchen Teilen eine (sagen wir) "extravagante" Geschichtsauffassung vor Augen. So findet an einer Wandtafel "Abstieg im 14. Jahrhundert" die gewagte Zusammenfassung "Päpste unter dem Diktat der französischen Könige". Als hätte sich der Klerus nicht wunderbar in Südfrankreich eingerichtet und sich lange gesträubt in das damals vergleichsweise bescheidene Rom zurückzukehren. Amüsant auch folgende Texttafel über das 18. Jahrhundert:
wissenschaftlicher Aufschwung. Die Bibel wurde immer wichtiger. Höhepunkt der Besichtigung ist die großartige Bibliothek, welche alleine schon den Besuch verlohnt. Für Germanisten wird als Zusatzattraktion das neu entdeckte Fragment des Nibelungenlieds ausgestellt. 14. Oktober 2007 Kafka in Amerika
[Economist 6.10., S. 65] Reise-Notizen London (1): British Museum London ist immer ein attraktives Reiseziel, trotzdem war das British Museum mit seinen antiken Schätzen der Hauptgrund für diese Reise. Zwei Mal sechs Stunden verbrachte ich dort (zwei Mal sechs Tage wären angemessen) und legte den Schwerpunkt auf die altorientalische, griechische und römische Antike. Kennt man die bildungsfeindliche Museumspolitik in Wien (Eintrittspreise von 8-10 Euro für die großen Häuser) erstaunt es gleich zu Beginn sehr, dass die staatlichen Museen an der Themse keinen Eintritt verlangen. Ob dies nun einer progressiven Bildungspolitik oder dem schlechten Gewissen bezüglich der ertragreichen Raubzüge des Empire' geschuldet ist: das Ergebnis ist erfreulich. Antiker Höhepunkt sind selbstverständlich die Elgin Marbles, also die von Lord Elgin von der Akropolis nach London gebrachten Skulpturen des Parthenon. Damit fehlt dem Athenbesucher eines der größten altgriechischen Kunstwerke vor Ort, weshalb man zusätzlich nach England reisen muss, wenn man sich ein komplettes Bild von der Akropolis machen will. Die Skulpturen selbst sind leider in einem schlechten Zustand. Viele wurden bei einer Explosion 1687 beschädigt: Die Osmanen verwendeten den Tempel sinnigerweise als Munitionslager und ein Artillerieoffizier Venedigs erwarb sich durch einen zielgenauen Treffer Verdienste für die Ewigkeit... Trotzdem wird das ikonographische Programm des Frieses sehr anschaulich, wenn man den Audioguide des Museums und seine Fantasie zu Hilfe nimmt. Besonders eindrücklich sind die ebenfalls beschädigten Giebelskulpturen und die ausdrucksstarke Metopen. Die übrige altgriechische Sammlung sollte aber nicht vernachlässigt werden. Es gibt repräsentative Kunstwerke jeglicher Art und auch aller wichtigen geographischen Regionen (Süditalien, Zypern ...). Erwähnen möchte ich noch das rekonstruierte Grabmal aus Xanthos (Südwest-Türkei) und die Kunstwerke aus Halikarnassos. Großartig auch die assyrischen Palastreliefs, speziell die dargestellte Löwenjagd, und die umfangreichen Sammlungen aus Mesopotamien. Das British Museum ist eine begehbare Kulturgeschichte der Menschheit. Es gibt keinen Bereich der nicht zumindest exemplarisch vertreten wäre: Afrika, Amerika, Asien (China, Japan, Korea, Südostasien), Europa (bis ins 19. Jahrhundert) und natürlich besonders ausführlich England. Ohne Zweifel eines der besten Museen der Welt, was auch für die Didaktik der Präsentation gilt sowie für die beeindruckende architektonische Umsetzung (Great Court, Library). 13. Oktober 2007 Verdi: Otello (Staatsoper 9.10.) Regie: Christine Mielitz Dirigent: Asher Fisch Otello, Befehlshaber der venezianischen Flotte: Johan Botha Jago, Fähnrich: Falk Struckmann Desdemona, Otellos Gemahlin: Krassimira Stoyanova Ich bin geneigt, mich dem Urteil anzuschließen, dass "Otello" Verdis gelungeste Oper ist. Er bringt den Stoff in eine musikalische Form, welche die traditionellen Prinzipien der italienischen Oper (etwa die starre Unterscheidung zwichen Rezitativ und Arie) überwindet. Musiksprachlich scheut er nicht vor Dissonanzen zurück: Einige seiner "Harmonien" weisen schon auf Mahler voraus. Die brutale Handlung und Jago als Erzbösewicht gewinnen dadurch große musikalische Glaubwürdigkeit. Die Aufführung war erfreulich. Die drei Hauptrollen waren sehr gut bei Stimme. Das Wiener Staatsopernorchester schafft es diesmal nicht, das Niveau auf ein ärgerliches Maß zu drücken. Mielitz inszeniert das Stück (für Staatsopernverhältnisse) modern mit Betonung auf Lichtregie. Einziger Fauxpas: Sie lässt lächerlichweise den Darsteller des Otello auf dunkelhäutig schminken. Ansonsten sehr empfehlenswert. Ingrid Nowel: London. Biographie einer Weltstadt (Dumont Kunstreiseführer) Wie schon Ihr Kunstreiseführer "Berlin", ist auch Nowels Buch über London ein verlässlicher Begleiter für Kulturreisende. Die ersten fünfzig Seiten sind wie immer (kultur)geschichtlichen Themen entwickelt, während der Hauptteil des Buches einzelne Gegenden der Stadt (nicht nur die "touristischen") und deren Sehenswürdigkeit auf akademischem Niveau beschreibt. Moderne Architektur kommt dabei ebensowenig zu kurz wie weichere kulturelle Themen (etwa das multikulturelle Eastend). Monet bis Picasso. Die Sammlung Batliner (Albertina 12.10.) Es handelt sich hier um keine Ausstellung im klassischen Sinn, da diese hochkarätige Sammlung der Albertina als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt wurde. Sie erstreckt sich von der klassischen Moderne bis zum abstrakten Expressionismus: Die gesamte Prominenz ist vertreten, wenn auch erwartungsgemäß nicht immer mit Hauptwerken. Trotzdem ist das Ergebnis eine Art begehbares Buch zur Kunstgeschichte. Einige exemplarischer Werke (fast) aller wichtigen Künstler und Stilrichtungen sind vertreten und werden in kurzen Kommentaren den Besuchern näher gebracht. Ist einen Besuch wert. 12. Oktober 2007 Bibliothek: Neuzugänge In den letzten zweieinhalb Monaten haben sich einige neue Bücher angesammelt. Darunter Geschenke wie der Band der Anderen Bibliothek und die Essaysammlung von Grayling. Die anderen wurden regulär zum Neupreis erworben, darunter die Museumsbücher aus London.
11. Oktober 2007 Bart Ehrman: Misquoting Jesus. The Story Behind Who Changed the Bible and Why (HarperOne) Vorab sei erwähnt, dass ich dieses Buch als ungekürztes Hörbuch "las". Ehrman ist mir als exzellenter Vortragender bei diversen Vorlesungen der Teaching Company bekannt. Wer sich einmal darüber informieren möchte, auf welchen verschlungenen Wegen das Neue Testament als Text den Weg in unsere modernen Bibelausgaben fand, ist mit dieser vorzüglich lesbaren Einführung in die Geschichte der Textkritik des NT gut beraten. Frank Schirrmacher schrieb vorgestern einen seltsamen Leitartikel für die FAZ: Im ersten Teil raunte er affirmativ von der Wiederkehr des Religiösen, um dann übergangslos eine kritische Ausgabe des Koran zu fordern. Anscheinend war er beim Schreiben nicht erleuchtet genug, um zu erkennen, dass kritische Ausgabe von religiösen Texten seinem ersten Ansinnen nicht gerade förderlich sind. Wissen ist des Glaubens größter Feind. Die Kirchengeschichte belegt das ebenso eindrücklich wie die von den Taliban angezündeten Schulen und erschossenen Lehrer. Wieso dies der Fall ist, lässt sich am Thema der Bibelkritik sehr schön zeigen. Religiöse Fundamentalisten nehmen die Bibel wörtlich. Der Text sei göttlich inspiriert und man müsse ihn buchstäblich befolgen. Dieser Unsinn ließe sich natürlich schon durch den Hinweis darauf widerlegen, wie Texte und deren Interpretation funktioniert. Noch schöner tritt die Absurdität dieser Behauptung aber verschämt ans Tageslicht, wenn man sich die Entstehung des Textes ansieht. Die Überlieferung beginnt bekanntlich erst mehrere Jahrhunderte nach der Zeitenwende, von wenigen Fragmenten einmal abgesehen. Ohne hier ins Detail gehen zu können: Bereits die erste kritische Ausgabe des griechischen Bibeltextes, Anfang des 18. Jahrhunderts, konnte 30.000 Textabweichungen aller Art nachweisen, was damals einen Skandal auslöste. Heute weiß man, dass die Unterschiede in den diversen Manuskripten kaum zu zählen sind: Es sind mehr als das NT Wörter enthält. Zusätzlich kann man belegen, wie oft die Schreiber der frühen Manuskripte die Texte veränderten. Das reicht von simplen Schreib- und Hörfehlern bis hin zu ideologisch motivierten Eingriffen aufgrund theologischer Präferenzen. Ehrman bringt für jede Kategorie vorzüglich belegte Beispiele. Wer diese Fakten kennt, für den ist die Absurdität einer wörtlichen Bibelinterpretation evident. Oder wie Ehrman es sinngemäß ausdrückt: Hätte sich Gott der Mühe einer wörtlichen Inspiration unterzogen, hätte er wohl auch sichergestellt, dass diese Manuskripte nicht verschwinden... Es sei noch erwähnt, dass Ehrman kein Atheist ist. Seine Biographie belegt im Gegenteil, dass sich Wissen und Fundamentalismus ausschliessen. Ehrman startete nämlich als naiver Evangelikaler. Er spezialisierte sich dann auf Bibelphilologie, lernte alle dafür notwendigen alten und neuen Sprachen und sah sich die Manuskripte der Überlieferung an: Aus dem jungen Fundi ist inzwischen einer der kritischsten Bibelwissenschaftler in den USA geworden. True Romance (Kunsthalle Wien 8.10.) Die Kuratoren haben eine originelle Ausstellung zum heiklen Thema "Liebe" zusammengetragen und können mit prominenten Namen glänzen, von Valie Export bis Damien Hirst. Man setzt sich mit der Liebesmetaphorik auseinander und hinterfragt ironisch diverse mediale Klischees. Neu für eine Themenausstellung der zeitgenössischen Kunst ist, dass man eine Einbettung in die Kunstgeschichte versucht und einige Klassiker dazu nimmt, der historischen Tiefenschärfe willen. So hängt Giorgiones "Laura" aus dem Kunsthistorischen Museum ebenso dort wie Werke von Parmigianino und Franz von Stuck. Sehenswert. (Bis 3.2.) Ganz unten (Wienmuseum 11.10.) Deutlich deprimierender als die ironischen Liebesspiele in der Kunsthalle ist die noch bis Ende Oktober zu sehende Ausstellung über das Subproletariat europäischer Städte um 1900. Die Ausstellung beginnt mit den ersten literarischen und künstlerischen Auseinandersetzungen im 19. Jahrhundert zum Thema, etwa die in Slums spielenden Romane Dickens oder die Milieustudien Zolas samt ihren emotionalisierenden Illustrationen. Im Kern der insgesamt etwas zu knapp gehaltenen Schau steht die Ikonographie des Elends, die damals die Sozialdebatte bestimmte. So gab es in Wien diverse Reporter wie Max Winter, die durch Reportagen und Fotos aus dem Wiener Untergrund (was man wörtlich verstehen darf, viele Obdachlose hausten in den Kanälen unter der Stadt) lange vor Wallraff Furore machten. Das Rote Wien nahm sich dieser Slums dann durch die berühmten Gemeindebauten an, die nach dem 1. Weltkrieg entstanden sind. 9. Oktober 2007 Uwe Johnson: Jahrestage. Band 1 (Suhrkamp Taschenbuch) Diese Romantetralogie gehört seit Jahren zu denjenigen "berühmten" Büchern, die ich erfolgreich vor mir herschob. In den letzten Wochen las ich nun das erste Viertel der Reihe. Der Roman ist in Tagebuchform gehalten und spielt auf zwei Ebenen. Der Hauptstrang beschäftigt sich mit dem Leben der Gesine Cresspahl und ihrer Tochter Marie in New York. Es ist sehr viel "Manhattan" in dem Buch, das sich damit in die Tradtion des modernen Großstadtromans stellt. Zusätzlich wird der Leser mit der Familiengeschichte der Cresspahls bekannt gemacht, die sich im ersten Band vor allem in den späten zwanziger Jahren und während des Dritten Reiches abspielt und überwiegend in einem fiktiven kleinen Ort in Mecklenburg angesiedelt ist. Schließlich spielt das Zeitgeschehen eine prominente Rolle (Vietnamkrieg), das via Zitate aus der New York Times einmontiert wird. Ein abschließendes Urteil über das Buch will ich noch nicht fällen, es sei aber so viel gesagt, dass mir dessen Ästhetik bisher unplausibel erscheint. Die kalendarische Form wirkt nur bei Abschnitten plausibel, die den Ablauf dieser Tage erzählen. Bei Exkursen zu New York oder anderen Themen und bei den Rückblenden scheint diese Anordung komplett willkürlich zu sein. Dass manche der Rückblenden als Erzählungen der Mutter für das Kind angelegt sind, gleicht diesen Eindruck nicht aus. Die Erzählperspektive ist oft diffus, was an sich kein Kritikpunkte wäre (könnte sogar ein Pluspunkt sein), aber vor dem Hintergrund des ziemlich biederen Erzähltons nicht konsistent wirkt. Die einzelnen Abschnitte sind auch sehr unterschiedlich. Manche sind brillant geschrieben und evozieren mit wenigen Sätzen Orte, Personen oder Stimmungen. Andere dagegen lesen sich uninspiriert, so dass ich den Eindruck hatte, einen Erzählungsband vor mir zu haben, der qualitativ stark unterschiedliche Texte enthält. Gleich wohl imponiert mir die Gesamtanlage der Tetralogie nach wie vor. Ich werde also mindestens noch den zweiten Band lesen und weiter berichten. 7. Oktober 2007 Plato: Der Staat. Erstes Buch (2.) (Felix Meiner) Platos "Politeia" zählt zu den faszinierendsten mir bekannten Büchern. Eine zweite, sorgfältige Lektüre war längst überfällig. Zur Erinnerung: Plato schrieb seinen umfangreichsten Dialog wahrscheinlich um 380 BCE und veröffentlichte damit einen Text, der zu den einflussreichsten der Geistesgeschichte zählt. Seit Jahrtausenden wird er sorgfältig rezipiert und sorgt für heftige Debatten. Alfred Whiteheads berühmtes Bonmot, die europäische Philosophiegeschichte bestünde nur aus Fußnoten zu Plato, bringt dies rhetorisch überspitzt auf den Punkt. Die "Politeia" gilt als Platos Hauptwerk. Nimmt man diese Kategorisierung in dem Sinn, dass sich in ihm viele zentrale Motive seines Denkens finden, und es sich um das ästhetisch am sorgfältigsten komponierte Buch handelt, kann man dieser Einschätzung zustimmen. Um Platos Philosophie (und dessen Entwicklung) verstehen zu können, muss man freilich alle Dialoge lesen. Während uns von Aristoteles nur seine Notizen überliefert sind (und nicht seine publizierten Werke), was die Lektüre mangels didaktischer Aufbereitung erschwert, präsentiert Plato seine Gedanken in der Form des philosophischen Gesprächs. Man darf deshalb die literarischen und ästhetischen Aspekte und deren Implikationen nie aus den Augen verlieren. Wie sorgfältig Plato die Politeia komponiert hat, sieht man sehr schön am ersten Buch, das quasi den Rahmen zu den Gesprächen setzt. So ist es naturgemäß kein Zufall, dass die Handlung (für die gerne gegen 410 BCE als Zeitpunkt genannt wird) nicht im Zentrum Athens angesiedelt ist, sondern im Hafen Piraeus, einem Ort von nicht zu überschätzender Bedeutung für die Athener. Durch eine Mauer mit der Stadt verbunden, stand er symbolisch für Athens Seeimperium, war während des Peloponnesischen Krieges lebenswichtig für den Nachschub und in den ersten Jahren Rückzugsgebiet für die Landbevölkerung als die Spartaner anrückten. Es brach zu dieser Zeit dort auch eine der größten Tragödien über die Athener herein: Die Pest. Schließlich sammelte sich während der Diktatur der Dreißig der demokratische Widerstand im Piraeus und eines der Hauptthemen der "Politeia" ist bekanntlich die Frage nach dem richtigen politischen System. Das erste längere Gespräch des Sokrates findet mit Kephalos statt, einem ebenso alten wie reichen Mann, den Sokrates wenig taktvoll mit der Frage konfrontiert, wie es ihm so kurz vor dem Tod denn ginge, worauf sich ein geistvoller Dialog über Alter und Reichtum entwickelt. Im Zentrum des ersten Buches steht aber eine Diskussion über Gerechtigkeit. Thrasymachos vertritt die These, Gerechtigkeit sei, was den Stärkeren nütze. Er setzt damit einen fulminanten Auftakt mit einer Geisteshaltung, die bis heute immer wieder in diversen Abwandlungen vertreten wird, und zu Zeiten der Athener "Blütezeit" auch Staatsräson war. Könnte folgendes Zitat nicht direkt von einer größenwahnsinnigen Romanfigur Dostojewkijs stammen oder irgendwo bei Nietzsche stehen?
[344] Über die neue Thomas-Mann-Ausgabe (GKFA) Ziemlich genau zweieinhalb Jahre ist es her, dass ich auf meiner Sonderseite über die GKFA die letzten Bände vermelden konnte. Nun ist endlich mit "Doktor Faustus" ein weiterer Band erschienen. Sieben Jahre hat Ruprecht Wimmer für den Kommentar benötigt, was angesichts der Fülle von Referenzen aller Art ebensowenig verwundert wie die Tatsache, dass der Kommentar mit 1200 Seiten fast doppelt so umfangreich ist wie der Romantext. Dem ersten Durchblättern nach, eine solide Edition. In Rezensionen wurde berechtigterweise der Umstand bemängelnt, dass Manns Rechenschaftsbericht "Roman eines Romans" nicht aufgenommen wurde. 6. Oktober 2007 Reise-Notizen: Belgrad Eine Stadt voller Kontraste. Begibt man sich auf eine ausgedehnte Stadtwanderung, so ist man über die zahlreichen Gegensätze verblüfft. Neben Ostblock-Architektur in diversen scheußlichen Ausprägungen und heruntergekommenen Wohnhäusern finden sich schöne Ensembles, die einem Vergleich mit Wien durchaus standhalten. Speziell die Innenstadt ist sorgfältig saniert und von anderen europäischen Städten dieser Größe (1,5 Millionen Einwohner) kaum zu unterscheiden. Das Publikum ist jung und vergnügt sich so zahlreich in den vielen Cafes, Bars und Restaurants, dass sich die Frage aufdrängt, wie das mit einem kärglichen Durchschnittslohn von ca. 330 Euro pro Monat eigentlich zusammen passt. Der osteuropäische Wirtschaftsaufschwung scheint inzwischen in Serbien angekommen zu sein, wenn man der regen Bauaktivität Glauben schenken darf. Auch die Vielzahl der Geschäftsreisenden aus der ganzen Welt, welche im Frühstücksraum meines Hotels ihr Tagesprogramm vorbesprachen, bestätigt diesen Eindruck. Österreichs Firmen sind bereits breit im Land vertreten, speziell hiesige Banken und Versicherungen sind sehr im Stadtbild präsent. Ein pensionierter Serbe, der lange in Deutschland lebte, lobte das kulturelle Verständnis der österreichischen Wirtschafstreibenden (im Gegensatz etwa zu den deutschen) und führte dies auf die monarchischen Zeiten zurück, um mir anschließend von Kriegsgewinnlern gebaute Villen an der Donau und die lokale orthodoxe Kirche zu zeigen. Als Kulturtourist sollte man Belgrad dieser Tage eher meiden. Die beiden wichtigsten Museen, das Nationalmuseum (mit angeblich interessanter antiker Abteilung) und das Museum für Gegenwartskunst sind beide wegen (dem Anschein nach dringend notwendiger) Sanierungsarbeiten auf unabsehbare Zeit geschlossen. Es bleibt eine kleine Galerie, welche religiöse Fresken seit dem Mittelalter zeigt und das Niklas Tesla Museum, das mit zahlreichen Exponanten rund um dessen brillante Erfindungen aufwarten kann. Unbedingt sehenswert ist das Militärmuseum: Die großserbische Ideologie kommt durch die selektive Auswahl und das militärhistorische Brimborium hübsch zur Geltung. Der letzte Raum ist den Nato-Bombardements gewidmet, inklusive einer stolz präsentierten Uniform eines ums Leben gekommenen amerikanischen Soldaten. Auf die wahre Ursache des Krieges wird naturgemäß mit keinem Wort eingegangen: Ethnisch motivierte Massenvertreibungen passten denkbar schlecht in den eigenen Opfermythos. Das Gebäude des Militärmuseums spiegelt symbolträchtig diese Geisteshaltung wider: Dunkle, niedrige Räume und Gänge mit dem Charme eines sanierungsbedürftigen Krankenhauses. Risse in den Wänden und ein säuerlicher Geruch in der Luft. Wer Belgrad besuchen will, kann ein aktives urbanes Leben erwarten sowie spektakuläre Flusslandschaften, nicht nur vom Kalemegdan-Park in der Innenstadt aus, der über dem Zusammenfluss von Save und Donau angelegt ist. Man kann an beiden Flüssen ausgiebige Spaziergänge unternehmen und die zahlreichen vorzüglichen Fischrestaurants ausprobieren. 5. Oktober 2007 Francis Bacon, Susan Sontag, das 16. und 17. Jahrhundert und "Faust"... ...bemüht heute Werner D'Inka in seinem FAZ Leitartikel, um die Änderungen im Layout zu rechtfertigen. Der Arme muss viel Angst vor seinen konservativen Lesern haben. 29. September 2007 In London... ... bin ich eine knappe Woche. Danach gibt es wieder regelmäßige Updates. 23. September 2007 Shakespeare: Sturm (Akademietheater 23.9.) Regie: Barbara Frey Dramaturgie: Joachim Lux Prospero: Johann Adam Oest Caliban: Maria Happel Ariel: Joachim Meyerhoff Genau genommen handelt es sich bei der Aufführung nicht um "Sturm" von Shakespeare, sondern um eine ebenso kurze wie grandiose Variation rund um dieses Stück. Alle Figuren werden von den oben genannten drei Schauspielern gespielt, soweit Handlungselemente nicht erzählt werden. Das klingt nun sehr seltsam, funktioniert dank der klugen Dramaturgie des Joachim Lux aber ausgezeichnet. Ergebnis ist eine furiose, an vielen Stellen auch sehr komische Szenenfolge. Die schauspielerische Leistung ist brillant, speziell Meyerhoff und Happel sind herausragend. Unbedingt sehenswert, wenn auch kein Ersatz für eine vollständige Inszenierung des "Sturm". Fundstück
"Der ganze Mensch mache einen ungemein gepflegten, großbürgerlich-soliden, diskret-eleganten Eindruck ... Auch sein Haus stelle man sich so vor: sehr fein und reichhaltig, mit kostbaren Tapissereien, dunkelnden Ölgemälden, Clubsesseln, hellen Schlafräumen ect. pp. .... Nur, - in irgend so einem Nebenzimmerl liegt dann plötzlich eine tote Katze...". [via Klassikerforum; Quelle: Harpprecht] 8. September 2007 2 Wochen in Belgrad... ...bin ich ab morgen aus beruflichen Gründen. Daher keine neuen Notizen bis zu meiner Rückkehr. Victor Davis Hanson: A War Like No Other. How the Athenians and Spartans Fought the Peloponnesian War (Random House) Mit Militärgeschichte im Speziellen habe ich mich bisher nie im Detail beschäftigt, und so war auch mein Interesse am antiken Griechenland und speziell an Thukydides ausschlaggebend, diese Studie von Hanson zu lesen. Nach der Lektüre steht fest: Die Beschäftigung mit Kriegsdetails kann sehr erhellend sein, wenn man sich für die Natur des Menschen interessiert. Liest man Hansons düsteres Buch über brutale die Art und Weise, wie Athener und Spartner sich gegenseitig umbrachten, bleibt vom klassisch humanistischen Ideal der Antike nichts mehr übrig. Hanson vertritt die These, dass der Peloponnesische Krieg der erste prototypische Bürgerkrieg auf europäischen Boden war, in dem sämtliche Regeln für ein ziviles Zusammenleben außer Kraft gesetzt wurden. So gab es in der griechischen Gesellschaft nicht nur einen militärischen Ehrenkodex und Regeln für den Umgang mit Zivilisten, sondern bekanntlich auch zahlreiche religiöse Tabus. Im Laufe des Krieges galten diese kulturellen Übereinkünfte nicht mehr: Boten und "Diplomaten" wurden ermordet, Zivilisten zu Zehntausenden hingerichtet und Leichen als Mittel der Erpressung eingesetzt. Wer Sophokles' "Medea" kennt, weiß wie wichtig die Bestattung eines Leichnams für einen Griechen war. Hoplitenschlachten gab es vergleichsweise wenige, Terrorakte gegen die Zivilbevölkerung dagegen von beiden Seiten in kaum noch überschaubaren Ausmaß. Besonders widerwärtig müssen die antiken Seeschlachten (und generell auch die Schifffahrt) auf Tiremen gewesen sein. Hanson legt einen besonderen Schwerpunkt auf diesen Aspekt. Diese gewaltigen Schlachten am Mittelmeer, wo quasi zwei Städte (mehrere zehnttausend Soldaten und Ruderer) auf dem Wasser zusammenstießen, forderten eine enorme Zahl an Todesopfern. Gleichzeitig blühte in Athen die Kultur. An einem Tag gab es Euripides im Theater, am anderen wurde in der Versammlung demokratisch beschlossen, die Bewohner einer eroberten Stadt zu töten. Wer sich dieses alltägliche Zusammenspiel von Hochkultur und Barbarei bewusst macht, wird weniger ratlos und ziemlich desillusioniert vor der "dunklen" Seite der europäischen Geschichte stehen. Thukydides war der Meinung, die Menschen ändern sich vor allem in diesen Dingen nicht. Bis heute scheint er Recht zu haben. 3. September 2007 Notizen-FAQ 1. Gibt es einen RSS Feed?
http://www.koellerer.de/q2-2007.html#TTMMJJ Um auf den 26. Mai 2007 zu verlinken also: http://www.koellerer.de/q2-2007.html#260507
Kolo Moser - Der Tausendkünstler des Wiener Jugendstils (Leopold Museum 2.9.) Hier ist den Veranstaltern eine ausgezeichnete Ausstellung gelungen. Chronologisch wird der Besucher mit allen Facetten des Werks von Kolo Moser bekannt gemacht. Bekanntlich war Moser einer der prägenden Wegbereiter der Wiener Moderne in der Kunst und damit in Wien sehr einflussreich. Gezeigt werden nicht nur (Entwürfe seiner) Kirchenfenster und Gemälde aus der Spätphase. Auch Möbelstücke und Porzellan aus seiner Wiener Werkstätten Zeit ist zu sehen. Sehr empfehlenswert. Wer sie noch sehen will, muss sich beeilen. (Bis 10.9.) 2. September 2007 Rabelais: Gargantua und Pantagruel (2) (Zweitausendundeins) Das vierte und fünfte Buch der Reihe bestätigt den bereits beschriebenen Leseeindruck: "Gargantua und Pantagruel" gehört ohne Zweifel zu den ungewöhnlichsten Werken der Weltliteratur. Das liegt vor allem an der Divergenz der unterschiedlichen Ebenen, von der obszönen Burleske über satirische Passagen hin zu frühhumanistischen Abhandlungen. War das dritte und geistesgeschichtlich interessanteste Buch der Reihe vor allem eine groteske Überspitzung spätscholastischer Methoden, wechselt Rabalais im vierten den Schwerpunkt in Richtung des beliebten Abenteuer- und Seefahrergenres. Im Mittelpunkt der Handlung steht die Schifffahrt zum Orakel der "Göttlichen Flasche", von dem sich Panurg endgültigen Aufschluss darüber erhofft, ob er in den Ehestand treten soll. Genretypisch wird die Fahrt durch regelmäßige Besuche seltsamer Inseln mit noch seltsameren Bewohnern unterbrochen. Diese Landausflüge nutzt Rabelais überwiegend zu satirischen Zwecken, wo einmal mehr religiöser Fanatismus (Isle de Papimanes) kritisiert wird. Höhepunkt des fünften Buches ist dessen Ende, als die Reisegruppe doch noch das Orakel erreicht. Es antwortet Panurg auf seine Frage mit einem deutschen "Trinch". Die Urheberschaft des letzten Teils der Reihe wird in der Foschung debattiert. Da es erst elf Jahre nach dem Tod des Autors erschien, zweifeln einige die (alleinige) Autorenschaft Rabelais' an. Zwar habe ich nur kurz einen Blick auf die Rabelais-Forschung geworfen, das Ergebnis ist aber literaturwissenschaftlich aufschlussreich. Ähnlich wie im Fall Kafkas führt die Ambivalenz dieser Bücher dazu, dass sich oft konträre Deutungen gegenüberstehen, ganz so als sei die klassische Hermeneutik nicht längst in eine methodische Sackgasse gelangt. Man sollte (wie auch im Falle Kafkas) versuchen zu verstehen, wie das Werk formal und strukturell funktioniert. Dann könnte man die "Lesermanipulationsstrategie" des raffinierten Rabelais aufdecken, anstatt auf sie hereinzufallen. 26. August 2007 Heimito von Doderer: Die Strudlhofstiege [2.] (dtv) Als ich diesen Roman vor vielen Jahren zum ersten Mal las, war ich bereits nach wenigen Seiten von Doderers beeindruckender Sprachkunst eingenommen. "Die Strudlhofstiege" nimmt seitdem einen herausragenden Platz in meinem Privatkanon ein. Würde eine zweite Lektüre daran etwas ändern? Seit längerer Zeit überprüfe ich derartige Leseerlebnisse, indem ich erneut zu prägenden Bücher greife. Die Ergebnisse waren unterschiedlich: So fand ich Dostojewskijs "Verbrechen und Strafe" deutlich schwächer als beim ersten Mal, während die "Die Brüder Karamasow" oder "Die Dämonen" meinen Wiederholungsbesuch völlig unbeschadet bestanden. Natürlich gewinnen viele Bücher durch häufiges Lesen, da sich mit jedem Durchgang mehr Details zeigen und sich die Struktur der Werke besser erschliesst. In diese Kategorie würde ich, ohne Vollständigkeit anzustreben, die großen Romane Thomas Manns, den "Mann ohne Eigenschaften", den "Faust" und die "Wahlverwandtschaften", Homers "Odyssee" und Sophokles "Dramen" geben. Um das Ergebnis des neuen Leseexperiments vorwegzunehmen: "Die Strudlhofstiege" scheint ebenfalls in die letzte Kategorie zu gehören. Die herausragenden Qualitäten des Romans zu benennen, ist gar nicht so einfach. Auf den ersten Blick spricht nicht weniges gegen ihn: Ein engmaschiges Geflecht zwischenmenschlicher Beziehungen auf 900 Seiten auszubreiten klingt nicht übermäßig spannend: Gelangweilte Damen der besseren Wiener Gesellschaft, Liebschaften und Rochaden auf allen Ebenen, Gefühlsduseleien von Gymnasiasten, pedantische Hofräte und Beamte ... Versuchte man, die Handlungsstränge wiederzugeben, würde man schnell "Völlig überladen!" rufen. Doderer konnte selbst nur dadurch den Überblick bewahren, dass er riesige Pläne zeichnete. Anstatt sich aber bei der Lektüre dieser semantischen Monstrositäten zu langweilen, ist man fasziniert. Woran liegt das? An der Sprache! Doderers barock-süffiger Stil hat in der deutschsprachigen Literatur nicht seinesgleichen und hob die österreichische Literatursprache auf neue Höhen. Das besondere Merkmal seiner Sprachkunst scheint mehr darin zu liegen, dass er barockes Überborden mit begrifflicher Präzision verbindet. Dadurch entsteht eine ungewöhnlich dichte Welthaltigkeit. Nimmt man noch Doderers Ironie hinzu, deren Abstufungen von sympathischer Distanziertheit bis zu beissender Satire er meisterhaft beherrscht, hat man eine erste Annäherung an seine Sprache. Nun ist dieser Stil kein Selbstzweck, sondern wird von Doderer vor allem zu einem Ziel meisterhaft eingesetzt: Zur psychologischen Charakterisierung seiner Figuren. War Robert Musil der brillante Intellektuelle der österreichischen Literatur und sein "Mann ohne Eigenschaften" dessen Manifestation, so ist Heimito von Doderer der brillante Psychologe. Wie er das Seelenleben seiner Figuren in allen Nuancen auslotet und mit welcher Raffinesse er Handlungen psychologisch motiviert, das gehört zum Besten, was die Weltliteratur hier zu bieten hat. Diese analytische Schärfe ist eine der Hauptursachen, warum man den an der Oberfläche vergleichsweise banalen Beziehungswirrwar mit größter Spannung folgt. Doderer setzt sein Skalpell aber nicht nur auf der Ebene der Individuen an. Die Wiener Gesellschaft des ersten Fünftel des 20. Jahrhunderts liegt ebenfalls auf dem Seziertisch. Seine zahllosen köstlichen Einzelbeobachtungen summieren sich so nicht nur zu einem fulminanten Gesellschaftsbild, sondern auch zu einem prächtigen Porträt Wiens. Führt man diese unterschiedlichen Ebenen zusammen, bemerkt man schnell: Der Roman "funktioniert" eben durch seine Dichte so ausgezeichnet. Die auf den ersten Blick völlig überfrachtete Handlung passt zur sprachlichen und psychologischen Dichte des Romans. Der Leser erhält den Eindruck einer überbordenden Welthaltigkeit und Lebensechtheit, die sogar bei guter Literatur nur selten zu finden ist. Die selbst beim zweiten Lesen anhaltende Unübersichtlichkeit im Beziehungsgeflecht ist Teil der ästhetischen Strategie. Wäre ein "übersichtlicher" Roman aus einer Großstadt der zwanziger Jahre künstlerisch glaubwürdig? Doderer entschied sich für einen anderen Weg als Döblin in "Berlin Alexanderplatz" oder Joyce in "Ulysses". Hier sollte die Unübersichtlichkeit der Moderne in erster Linie durch sprachliche und formale Mittel zum Ausdruck kommen: Die Architektur des realistischen Romans wurde nachhaltig aufgelöst. Doderer entschied sich für einen anderen Weg: Er blieb den Mitteln des klassischen Romans weitgehend treu und versuchte die Moderne ästhetisch durch ein extrem dichtes semantisches und strukturelles Geflecht adäquat zu treffen. Meiner Meinung nach gelingt ihm das auch ausgezeichnet, obwohl er sogar auf eine Art allwissenden Erzähler setzt, was gemeinhin als Todsünde eines modernen Autors gilt. 13. August 2007 Meisterwerke mittelalterlicher Kunst aus dem Nationalmuseum Warschau (Belvedere 11.8.) Das Obere Belvedere stellt seit kurzem neben den Touristenmagneten der (Wiener) Moderne (Schiele, Klimt) auch Hauptwerke der Sammlung mittelalterlicher Kunst aus, die seit vorher erfolgreich im Unteren Belevedere versteckt waren. Der Rest der Mittelalter Sammlung ist im Moment wegen Renovierungsarbeiten nur schlecht zugänglich. Entschädigt werden die Freunde mittelalterlicher Kunst aber durch eine sehr kleine, aber hochkarätige Ausstellung in der Orangerie mit Meisterwerken aus dem Nationalmuseum Warschau. Große gotische Kunst aus allen Kategorien wird geboten: Bilder, Skulpturen, Altarwerke. Speziell die Skulpturen sind sehr ausdrucksstark und lohnen den Besuch. Bis 16.9. 12. August 2007 Hermann Kurzke: Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk. Eine Biographie (Fischer TB) Es ist kein Geheimnis, dass Thomas Mann zu meinen bevorzugten deutschen Autoren gehört. Seine großen Romane las ich alle mehrfach und werde sie immer wieder lesen. Er brachte die Form des psychologisch-realistischen Romans zu ihrem Höhepunkt, ganz ähnlich wie das Mahler mit der Symphonie gelang. Mehr ging nicht, ohne die Form zu zerbrechen und atonal zu werden. Kurzkes Biographie hebt sich deutlich vom derzeit vorherrschenden Prinzip (vor allem im angelsächsischen Raum) ab, die prominenten Gegenstände dieser Bücher in irgendeiner Form zu entlarven. Kurzke könnte nicht weiter von diesen Entrüstungsbiographen entfernt sein. Man merkt von Anfang an, dass er Thomas Mann gewogen ist. Nicht unkritisch, aber doch in allen Streitfragen für Thomas Mann argumentierend (etwa, ob er ein Antisemit gewesen sei). Kurzke liest genau und versucht unter die Oberfläche dieser Konflikte einzudringen. Er analysiert diese Fragestellungen aus der Zeit des Entstehens heraus. Eine freundlichere Biographie wird Thomas Mann so schnell nicht wieder bekommen. Es wäre nun falsch, aus dieser affirmativen Perspektive einen Vorwurf zu konstruieren. Denn Kurzke verschweigt keine der bekannten politischen oder familiären Eskapaden seines Schützlings. Man bekommt also durchaus ein rundes Bild. Die nicht unplausible Hauptthese des Buches lautet, dass sich hinter Manns spießbürgerliche Fassade ein antibürgerlicher Künstler versteckt, der dieses psychologische Nicht-Hineinpassen brillant in seinen Werken auslebt. Wer diese für Mann notwendige Spannung, wie viele seiner Zeitgenossen, nicht verstand, konnte ihn und seine Arbeiten nur falsch beurteilen. Als Methode wählt der Biograph einen Mischansatz aus Chronologie und thematischen Kapiteln. Letztere dominieren, denn äußere Ereignisse werden zu Beginn jedes Abschnitts immer nur kurz zusammengefasst, um sich dann ausführlich mit "Juden", "Krieg" oder "Republikanischer Politik" zu beschäftigen. Wie die meisten Lebensbeschreiber, sucht Kurzke Manns Werke nach biographischen Lesarten ab. Für meinen Geschmack geht er dabei an die Grenze des hermeneutisch zulässigen und überschreitet sie auch in einigen Fällen. Anders als Corino in seiner Musil-Biographie ist er sich aber dieser Problematik bewusst und thematisiert sie auch regelmäßig. Ich habe diese Biographie jedenfalls sehr gerne gelesen, und kann allen Freunden des Autors nur zur Lektüre raten. Eine Kombination mit einem neutraleren Werk (etwa von Donald Prater) wäre aber ratsam. Woody Allen über Ingmar Bergman Das kurze Interview findet sich hier. 7. August 2007 Chinareise Nachdem mein Reiseartikel nun in "Literatur und Kritik" (Juli 2007) gedruckt vorliegt, habe ich ihn komplett online gestellt, und zwar hier. Martin Mosebach: Das Beben (dtv) Mosebach kannte ich nur dem Namen nach als seine Nominierung zum diesjährigen Büchnerpreis durch die Presse ging. Da ich viele Träger dieses besten deutschen Literaturpreises schätze und einiges Interessante über diesen Autor las (hochgebildet, sehr belesen, Doderer!), griff ich zu seinem Roman "Das Beben", den viele für seinen herausragendsten halten. Ich begann zu lesen und fand einiges bestätigt: Mosebach ist zweifellos ein kluger Autor. Sein Ich-Erzähler ist ein kunsthistorisch bewanderter Architekt. Nach fünfzig Seiten ließ mein Interesse an dem Buch rapide nach, selbst als die Handlung nach Indien verlegt wurde. Immer wieder gab es gelungene Passagen, aber weder die Idee noch die Sprache trägt 400 Romanseiten. Wer nach Klischees sucht, wird ebenfalls oft fündig. Mosebach hat zweifellos noch viel Potenzial: Die Entscheidung, ihn nach diesem Buch durch den Büchnerpreis in die Reihe der besten deutschsprachigen Schriftsteller aufzunehmen, empfinde ich als hochgradig seltsam. Expressiv! Die Künstler der Brücke (Albertina 25.7.) Auf zwei Stockwerken verteilt, gibt die Ausstellung einen ausgezeichneten Überblick über die künstlerische Produktion "Der Brücke". Neben Gemälden, finden sich auch zahlreiche Drucke, darunter viele Holzschnitte, sowie Grafiken aus dem Bestand der Albertina. Den Kern bilden jedoch Werke der berühmten Sammlung Hermann Gerlinger. Es sind Werke aller prominenten Mitglieder vertreten: Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Otto Mueller und Emil Nolde. Wer sich für expressionistische Kunst interessiert, sollte sich diese Schau auf keinen Fall entgehen lassen. Bis 26.8. 1. August 2007 Bibliothek: Neuzugänge Es haben sich wieder einige Bücher angesammelt. Außer Mosebachs Roman wurden alle antiquarisch erworben. Kagans Buch gilt als Standardwerk zum Peloponnesischen Krieg. Als solches gilt auch das Statistik Lehrbuch. Johnson schließt eine Bibliothekslücke und in absehbarer Zeit auch eine Leselücke.
29. Juli 2007 Fundstück Thomas Manns Schwiegervater Pringsheim verlor durch die Inflation Anfang der zwanziger Jahre sein großes Vermögen mit Ausnahme der Kunstwerke. Sein Kommentar: "Ich lebe von der Wand in den Mund." (Nach: Hermann Kurzke, Thomas Mann) 26. Juli 2007 Wieland bekommt (s)eine Prestigeausgabe Jeder Klassiker, der etwas auf sich hält, will selbstverständlich eine historisch-kritische Ausgabe seiner Werke in den Regalen der Nachwelt stehen sehen. Nur die wichtigsten Autoren werden nämlich eines solchen Aufwands für würdig empfunden. Das Erstellen dieses Editionstyps ist sehr aufwändig und kostspielig. Manche werden abgebrochen, andere brauchen Jahrzehnte zur Vollendung. Jan Philipp Reemtsma ist ein Förderer des Wieland-Projekts und die Deutsche Forschungsgemeinschaft schießt 2,5 Millionen Euro zu. Prinzipiell ist es natürlich sehr begrüßenswert, dass Wieland diese verdiente Aufmerksamkeit der Editorenzunft erhält. Folgt dieser wissenschaftlichen Edition jedoch keine erschwingliche Leseausgabe, wird es eine Prestigeaktivität bleiben. Sam Harris: End of Faith (Hörbuch) Harris ist wie Richard Dawkins ebenfalls ein Vertreter des "New Atheism" und hat mit "End of Faith" einen Bestseller geschrieben. Es handelt sich wohl um das schärfste religionskritische Buch handeln, das seit längerer Zeit erschienen sind. Harris sieht Religion als eines der größten gesellschaftlichen Probleme an, und dürfte damit (speziell in den USA) den Finger in eine offene Wunde legen. Harris nähert sich dem Religionsproblem aus verschiedenen Perspektiven: sozial, geschichtlich und politisch. Der Fokus seiner Kritik richtet sich auf den Islam, er lässt aber keinen Zweifel daran, dass es ihm um die Religion an sich geht. So versetzt ihn auch der Einfluss von christlichen Fundamentalisten auf die amerikanische Öffentlichkeit in eine kampfeslustige Stimmung. Harris ist besonders gut darin, den Anachronismus des religiösen Weltbildes zu veranschaulichen. In allen (!) Bereichen des menschlichen Lebens gab es in den letzten 2500 Jahren Fortschritte. Nur was die Religion angeht, scheine diese in einer Zeitblase zu existieren. Das intellektuelle Niveau, vor allem in Hinblick auf Erkenntnistheorie (Wie unterscheidet man Glaube und Wissen?) und Ethik (Wie beurteilt man Handlungen?), sei nicht vom Fleck gekommen. Versetzte man einen gebildeten Christen aus dem 14. Jahrhundert plötzlich in die Gegenwart: Er hätte in allen Bereichen größte Defizite und Verständnisprobleme. Nur beim Thema Religion würde er sich sofort zu Hause fühlen. Wenn sich Harris in philosophische Gefilde wagt, würde man sich dagegen oft mehr Professionalität wünschen. Für jemanden, der in Stanford Philosophie studierte, behandelt er viele Fragen doch sehr nonchalant. So plädiert er für eine Art wissenschaftliche Ethik, ohne auch nur mit einem Wort das viel diskutierte Sein-Sollen-Problem zu erwähnen, das solchen Bemühungen im Wege steht. Am schwächsten ist das Buch, wenn politische Themen im engeren Sinn anstehen. So verteidigt er die amerikanische Außenpolitik samt ihrer Militanz und sieht keine Alternative zu gezielten Militärinterventionen. Verachtete er nicht so sehr die Religion in der Politik, klänge er manchmal wie ein klassischer Neokonservativer. Ich würde Harris trotzdem als klassischen Aufklärer bezeichnen: Er vertritt seine Meinung scharf und kompromisslos. Seine Religionskritik ist fulminant. Zur Lektüre empfohlen. 22. Juli 2007 Rabelais: Gargantua und Pantagruel (1) (Zweitausendundeins) Höchste Zeit, einige Worte über diese ungewöhnlichen Bücher zu schreiben, die mich seit Mai mit Unterbrechungen beschäftigen. Bisher las ich die ersten drei von fünf Büchern. Sie gehören mit zu den ungewöhnlichsten meiner Leseerlebnisse. Als quer durch die Jahrtausende lesender Zeitgenosse entwickelt man ja gerne eine gewisse Blasiertheit und glaubt sich vor grundsätzlichen Überraschungen gefeit. Was hier Rabelais (1494-1553) jedoch zu Papier brachte, sprengt in mehreren Dimensionen bekannte Kategorien. Natürlich schreibt auch Rabelais nicht im luftleeren Raum, weshalb sich eine Fülle von literatur- und kulturgeschichtlichen Bezügen herstellen lassen. Er bezieht sich so nicht nur auf eine Fülle von antiken Quellen und auf die Tradition des mittelalterlichen Ritterromans. Zusätzlich spielen auch zeitgenössische intertextuelle Verweise eine maßgebliche Rolle. Das fängt beim erfolgreichen Volksroman "Gargantua" an, den Rabelais als thematische Grundlage verwendet, und hört bei zahllosen Anspielungen auf die Methoden und Ergebnisse des Gelehrtentums seiner Zeit nicht auf. Eine Inhaltsangabe dieser sprachlichen Monstrosität lässt sich kaum geben. Rabelais setzt eine Familie von Riesen in ein teils zeitgenössisches Frankreich und in eine teils fantastische Welt. Die Riesen Gargantua (Vater) und Pantagruel (Sohn) erleben nun an lose erzählerische Muster orientiert ("Entwicklungsroman": Kindheit, Adoleszenz ...; Aventiuren eines Ritters; Volksmärchen) eine Reihe von grotesken Abenteuern. Diese können von derb-obszöner Komik sein aber auch voll von bissiger Satire gegenüber den Zuständen seines Landes (Kirche, Klöster, Universitäten, Aberglaube). Höherer Blödsinn findet sich ebenso wie das rhetorisch brillante Pläydoyer für einen Renaissance-Humanismus (Brief Gargantuas an Pantagruel im achten Kapitel des zweiten Buches). En passant sei erwähnt, dass das zweite Buch "Pantagruel" das erste Buch der Serie ist. Danach erst schrieb er "Gargantua", das die Vorgeschichte erzählt, und deshalb in den modernen Ausgaben immer an erster Stelle steht, entgegen der Chronologie der Entstehung. Die Einzigartigkeit dieses Werks besteht in der Sprache seines Autors. Mein Französisch ist nicht so perfekt, um das selbst in jeder Feinheit überprüfen zu können. Französische Philologen versichern jedoch, dass der Umfang der von Rabelais verwendeten Sprache in jeder Hinsicht einzigartig in der französischen Literatur sei. Er bedient sich nicht nur aller Sprachstufen von Obszönitäten aus der Gosse bis hin zur gelehrten Sprache der Scholastiker. Er transzendiert alle diese Sprachregister zugleich durch eine Fülle von kreativen Neologismen. Rabelais nimmt dabei keine Rücksicht auf Lesbarkeit: Die Sätze sprudeln in einer so dichten Fülle aus ihm hervor, dass es für den modernen Leser nicht immer einfach ist. Dazu tragen auch lexikograpische Orgien bei (lange, witzige Aufzählungen aller Art). Diese barocke Fülle macht andererseits auch wieder den größten Reiz von "Gargantua und Pantagruel" aus. Selbstverständlich erschöpft sich die Leistung des Rabelais nicht allein im Sprachlichen und Formalen. Er führt bezogen auf die Unsitten seiner Zeit eine so spitze Feder, dass man seinen Mut nur bewundern kann. Er feuert nicht nur polemische Breitseiten auf die von der Spätscholastik dominierte Pariser Universität ab. Auch Kritik an klerikalen Kindereien kommt nicht zu kurz. Er karikiert an den Haaren herbei gezogene Kriegsursachen und die Aufgeblasenheit der "besseren Gesellschaft". "Gargantua und Pantagruel" findet sich auf praktisch jedem Kanon der Weltliteratur. Das war einer der Gründe, warum ich mich dieses Werks jetzt annahm. Das belegt einmal mehr, dass eine kritische Orientierung an kanonisierten Büchern nicht schadet: Man wird durch tolle Entdeckungen belohnt. 16. Juli 2007 Klaus Brinkbäumer: Der Traum vom Leben. Eine afrikanische Odyssee (S. Fischer) Wir kennen sie nur aus panischen Medienberichten, diese Afrikaner, die ihr Leben aufs Spiel setzen und die in kleinen Booten versuchen, die mit allen technischen Finessen geschützte Südgrenze der EU zu überwinden. Die Einzelschicksale verstecken sich hinter abstrakten Zahlen. Deshalb ist es sehr zu begrüßen, dass Klaus Brinkbäumer, Afrika Korrespondent des "Spiegel", in seinem neuen Buch diese Flüchtlingstragödie mit einem Gesicht versieht: John Ekow Ampan. Er war einer der Glücklichen, die es nach Europa geschafft haben. Brinkbäumer konnte ihn überzeugen, seine westafrikanische Fluchtroute mit ihm noch einmal zu bereisen: Ghana, Togo, Benin, Nigeria, Niger, Algerien, Marokko. Tausende Flüchtlinge sind hier oft Jahre unterwegs, zu teuer und zu mühsam ist die Reise durch den Kontinent. Brinkbäumer gelingt es, die ungeheuren psychischen und physischen Strapazen anschaulich zu machen, welche diese Menschen für die geringe Chance auf sich nehmen, nach Europa zu kommen. Viele Beteiligte (Flüchtlinge, Schlepper, Familien) kommen zu Wort. Ein weiteres Verdienst des Buches ist es, die katastrophalen Zustände speziell in vielen afrikanischen Städten zu schildern. Wäre Dante unser Zeitgenosse, er könnte seine Höllenkreise diesmal auf der Oberfläche unseres Planeten ansiedeln. Über Lagos:
Lagos ist Stau: eine einzige Masse von Autos, und zwischen den Autos zwängen sich Blinde, Krüppel, zehn.- zwölfjährige Jungs hindurch, auf den Köpfen Eimer mit Getränken. Sie flehen die Fahrer an, manchmal reichen sie die Getränke nach innen, aber dann schließt sich die Scheibe, es gibt kein Geld; sie können nichts dagegen tun, denn würde sie einem Reichen das Auto zerkratzen, hätten sie es künftig nicht leicht in den Straßen der Stadt. Es reicht ja, wenn hier einer ruft: "Ein Dieb, der da ist ein Dieb", dann kommt der Mob und einer findet immer einen Autoreifen, und einer findet immer Benzin, und dann zünden sie den Dieb an, den angeblichen, und ermorden ihn, und dann gehen sie weiter. Solche Szenen sind viel zu normal in Lagos. [S. 79f] Brinkbäumer zeichnet ein düsteres Bild des Kontintents. Die Reportage ist immer wieder unterbrochen durch historische und analytische Passagen, die nach meinem Geschmack durchaus ausführlicher hätten sein dürfen. So beschreibt er etwa, dass viele Weiße Westafrika verlassen ohne mit einem Wort zu erwähnen, dass nun viele Chinesen an deren Stelle treten. Ein sehr lesenswertes Buch. 15. Juli 2007 Reise-Notizen: China (7) und Ende Will man etwas über den Alltag der Chinesen erfahren, reicht es keinesfalls die klassische touristische Route (Peking, Xian, Guilin, Shanghai) zu bereisen. Deshalb entschieden wir uns für eine vielstündige Fahrt in die nordöstliche Gegend von Peking, sowie für einen knapp einwöchigen Besuch der Provinz Shanxi (nicht zu verwechseln mit Shaanxi weiter südlich), sieben Zugstunden westlich von der Hauptstadt gelegen. Neben der Landwirtschaft ist die wichtigste Branche dort der Kohleabbau, und eine Reihe der berüchtigten Bergwerksunglücke mit vielen Toten fanden in Shanxi statt. Schon auf der Zugfahrt von Peking nach Datong (in der ersten von vier (!) Klassen) hatte man teilweise gespenstische Szenerien vor Augen: Man fährt auf dem Lößplateau, das der Landschaft eine dreckiggelbe Grundfarbe gibt. Davor türmen sich Kohleberge, alte durchgerostete Krananlagen und jämmerliche Blechhüten. Man stelle sich das in großen Dimensionen und mit schwarzem, klebrigem Kohlestaub bedeckt vor. Mich erinnerte dieser düstere Landstrich an die apokalyptischen Schilderungen des Wolfgang Hilbig und auch in der folgenden Woche kamen mir regelmäßig Beschreibungen des frühindustriellen Englands durch Charles Dickens in den Sinn. Zwischen diesen noch im Gebrauch befindlichen musealen Industrieparks finden sich immer wieder futuristisch wirkende, hochmoderne Anlagen wie aus einem Prospekt in die chinesische Provinz verpflanzt, und geben ein groteskes Sinnbild über die Unterschiede zwischen dem alten und dem neuen China ab. Dieser staub trockenen Erde versuchen Bauern mit einfachsten Mitteln eine Ernte abzuringen. Die Dörfer bestehen vielerorts noch aus armseligen Lehmhütten, Müll aller Art ist allgegenwärtig. Viele hunderte Kilometer legten wir durch den Norden Shanxis zurück und nie habe ich etwas besser verstanden, als dass die jungen Menschen dieser Region in Scharen in die Städte abwandern. Selbst das Los eines Wanderarbeiters wird vor diesem Hintergrund sehr erstrebenswert. Zwei Wochen später stand ich, diese Bilder immer noch im Kopf, am Bund in Shanghai vor der berühmten nächtlichen Skyline. Böse Zungen behaupten ja, dass China nicht nur Papier und Schwarzpulver, sondern auch den Kitsch erfunden hätte. Angesichts dieser bunten, aber doch seltsam stimmig wirkenden Disneywelt in den chinesischen Städten, ist man fast geneigt, dem zuzustimmen. Dieser ungeheuerliche Kontrast zwischen staubigen Lehmhütten und futuristischen Wolkenkratzern zeigt die Herausforderung, vor der China in den nächsten Jahrzehnten steht, wohl am Augenscheinlichsten. Fundstück
[NYRB 8/2007 S. 37] 14. Juli 2007 Reise-Notizen: China (6) Eine vorzügliche Gelegenheit sich mit dem Islam in China zu beschäftigen, gab es in Xian, dem Zentrum des moslemischen Glaubens im Reich der Mitte. Die meisten Moslems sind Sunniten und Angehörige der Hui Nationalität und fallen im Straßenbild nur durch eine weiße Kappe auf. Ein Angestellter der Moschee, Herr Wai, erklärte sich bereit, uns einiges über den Alltag der Hui in China zu erzählen. Es klang relativ glaubwürdig, dass Chinas Regierung die Minderheiten löblich fördere. Diese Einschätzung bekam ich auch in Südchina zu hören und eine dieser Fördermaßnahmen bestehe darin, dass Minderheiten im Gegensatz zu Han Chinesen oft mehrere Kinder haben dürfen. Eine religiöse "Zusatzausbildung" des Hui-Nachwuches sei kein Problem, so lange alle Kinder die staatlichen Schulen besuchen. Es gäbe auch ein staatliches Ausbildungsprogramm für Imame. Die Moschee selbst sieht von ihrer Architektur her aus wie ein chinesischer Tempel und wirkt deshalb wie ein religiöses Kuriosum. Autoritäre Tendenzen In der aktuellen Ausgabe der The New York Review of Books geben zwei Artikel eine bedenkliche Zusammenschau. Der amerikanische Bürgerrechtler David Cole beschreibt einmal mehr das skandalöse Rechtsverständnis der Bush-Administration, speziell des Justizministeriums. Zahlreiche dieser Praktiken zeigen, dass man die USA derzeit nicht mehr als Rechtsstaat im westlichen Sinn bezeichnen kann. Dabei bedienen sich die Behörden teilweiser ähnlicher autoritärer Praktiken wie Putins Verwaltung, die Jamey Gambrell in Putin Strikes Back an einem Beispiel beschreibt. Gesetze werden gebeugt und bürokratische Vorschriften als Instrumente gegen die Demokratie eingesetzt. Im Fall der USA wurden etwa Immigrationsgesetze zur "Terrorbekämpfung" missbraucht und mehr als tausend Menschen eingesperrt. Keinem einzigen konnte etwas nachgewiesen werden. Es scheint in der sogenannten ersten Welt eine Entwicklung hin zu einer Aufweichung von Freiheitsrechten zu geben. Dass der deutsche Innenminister seine Mitmenschen auf Verdacht erschießen können lassen will, passt ebenso ins trübe Bild wie der Überwachungswahnsinn in Großbritannien. 8. Juli 2007 Reise-Notizen: China (5) Mich im Gewirr der Bodhisattvas ikonographisch zu Recht zu finden, gab ich schnell auf. So war es ein Trost, eine junge Chinesin zu beobachten, die unbedingt zu einem bestimmten dieser hilfreichen Geister beten wollte, und etwas ratlos vor den verschiedenen Figuren stand. Sie musste sich erst beim diensthabenden Mönch erkundigen, wen sie eigentlich anbeten sollte. Eine erfrischend pragmatische Vorgehensweise. Diese Lebensnähe kann man auch einer religiösen Zeremonie nicht absprechen, an der ich am anderen Ende des Tals als Besucher teilnahm. Mehrere Familien hatten Mönche mit einem "Ahnen-Gottesdienst" beauftragt. Die Mönche saßen in einem offenen Viereck und lasen ihre Mantras. Die Gläubigen gingen, jeder mit einem Stapel Geldscheine in der Hand, langsam von Mönch zu Mönch und legten einen dieser Scheine vor einem Mönch nieder. Danach beugte man sich vor und empfing den Segen mit Hilfe der Schriftrolle aus der vorgelesen wurde. Nach kurzer Zeit stapelten sich vor den meisten Mönchen hübsche Stapel mit Banknoten. Als ich meiner Verblüffung ob dieser vergleichsweise schamlosen Umwandlung von Geld in Segen Ausdruck verlieh, wurde mir bedeutet, dass es sich dabei quasi nur um Trinkgelder handele und schon die Veranstaltung an sich ein großes Preisschild trüge. Auf dem Weg zum Wutaishan sollte man auf keinen Fall die Yunggang Grotten bei Datong versäumen. Nach dem barbarischen Bildersturm der Taliban in Afghanisten, findet man dort die besterhaltenen buddhistischen Grotten aus dem 5. Jahrhundert. In vielen Höhlen finden sich zehntausende an Buddhafiguren, von zwei Zentimetern bis 17 Meter Höhe. Die Ausschmückung der Höhlen ist mit großer Meisterschaft ins Werk gesetzt worden und man stößt sogar auf europäische Einflüsse in der Bildsprache. Museen in München (4): Georg Petel - Bildhauer im Dreißigjährigen Krieg (Haus der Kunst 7.6.) Diese Ausstellung war die große Überraschung meines Münchenbesuchs: Vor den Berichten über diese Ausstellung hatte ich von Petel noch nie gehört. Leichtsinnigerweise geht man ja davon aus, dass man zu mindestens die besten Künstler vom Namen her kennt. Die Hypothese, dass über die Zeit Qualität erkannt wird, gerät etwas ins Wanken, sieht man die großartigen Skulpturen, die Petel, während des Dreißigjährigen Krieges geschaffen hat. Es gebührt dieser Ausstellung das große Verdienst, Petel wieder ins Bewusstsein der Kunstwelt zurückgebracht zu haben. Bewegend ist vor allem die faszinierende expressive Kraft der Figuren in Kombination mit einem starken Formbewusstsein (kontrastierende Farben bei Materialien etwa). Die Skulptur des Neptun ist ein Meisterwerk. Ein Gott, der nichts Heroisch-Göttliches mehr an sich hat, sondern mit einer ergreifenden traurigen Melancholie (offenbar) auf das Gemetzel dieser Kriegsjahre blickt. 3. Juli 2007 Wagner: Lohengrin (Staatsoper 23.6.) Dirigent: Stefan Soltesz Inszenierung: Barrie Kosky Heinrich, der Vogeler: Kwangchul Youn Lohengrin: Ben Heppner Elsa von Brabant: Ricarda Merbeth Friedrich von Telramund: Peter Weber Otrud: Janina Baechle Der Abschluss meiner diesjährigen Opernsaison war sehr erfreulich, wie überhaupt dieses Staatsopern-Jahr musikalisch zufriedenstellender war als manche in der Vergangenheit. Die Inszenierung verlegt die Handlung in eine Kunstwelt mit Gegenständen und Räumen, die an überdimensionale Legoinstallation erinnern. Die Distanz zwischen Mythologie und Realität wird dadurch nicht unplausibel zum Ausdruck gebracht. Das Ensemble war durchgehend erstklassig. Relativieren muss man dieses Lob allerdings bei Ben Heppner (wie oft die berühmtesten Namen enttäuschen!). Er sang bis über die erste Hälfte hinaus sehr auf Sicherheit, um dann am Ende mit seinen Fähigkeiten zu glänzen. Das trübte diesen Opernabend jedoch nur leicht. 27. Juni 2007 Mumie von Hatshepsut gefunden? Sollte sich diese Meldung bestätigen, wäre das nicht nur für die Freunde des Alten Ägyptens eine kleine Sensation. Bibliothek: Neuzugänge Bis auf das Buch über den französischen Roman von Stackelberg (Antiquarisch), habe ich die Kunstbücher alle sehr günstig in München gekauft. Nur der Katalog über die Troja-Ausstellung war neu, doch der ist die 25 Euro auch wert: Sehr schön gemacht, detaillierte Abbildungen von vielen Vasen mit Themen des Trojanischen Krieges.
26. Juni 2007 Museen in München (3): Neue Pinakothek und Pinakothek der Moderne (10.6.) Der überwiegende Teil der Neuen Pinakothek war wegen der Vorbereitung einer großen Ausstellung geschlossen, so dass ich mir nur einen kleineren Teil der Sammlung ansehen konnte. Es handelte sich um Werke des späten 18. Jahrhunderts bis zu den Impressionisten. Der Bestand ist dem anderer Häuser sehr ähnlich: Ein Renoir hier, ein Cezanne dort ... Nicht zu vergessen natürlich Van Goghs berühmte Sonnenblumen. Die Pinakothek der Moderne eröffnete 2002 und vervollständigt damit den kunsthistorischen Parcours bis in die Gegenwart. Das Gebäude ist architekonisch durchaus ansprechend und schafft innen den Spagat zwischen überraschenden räumlichen Perspektiven und "langweiligen" Ausstellungsräumen überzeugend. Bewegt man sich zwischen den Teilen des Museums, drängt sich die interessante Architektur in den Vordergrund und wird damit Teil der Präsentation. Der Bestand wird aber in nüchternen Räumen gezeigt, so dass die Architektur nicht von der Kunst ablenkt. Kern der Sammlung sind Klassiker der Moderne (Kokoschka, Dix, Surrealisten). Aber auch "Brücke" und der "Blaue Reiter" sind vertreten. Die Kunst nach 1945 ist ebenfalls mit vielen bekannten Künstlern vertreten (Popart, Beuys, Kiefer, Polke, Richter...). Betrachtet man die Antikensammlung und die drei Pinakotheken zusammen, dann bietet München seinen Einwohnern und Besuchern einen kunstgeschichtlichen Überblick auf hohen Niveau. Nicht viele Städte sind hier statisfaktionsfähig. 23. Juni 2007 Museen in München (2): Alte Pinakothek (9.6.) In Sachen "Alte Meister" ist München ausgezeichnet versorgt. Speziell was die deutsche Malerei angeht (Dürer!) sind viele Hauptwerke zu sehen. Rubens setzt einen weiteren Schwerpunkt. Mit 700 ausgestellten Gemälden ist die Sammlung nicht so groß wie andere berühmte Museen, aber Quantität ist hier nicht das ausschlaggebende Kriterium. Das wird bei der Italienischen Malerei deutlich: Alleine Raffaels fesselnde "Die hl. Familie aus dem Hause Canigiani", ein Werk von unglaublicher formaler Perfektion & Präzision, wäre eine Reise nach München wert. Generell kann man feststellen, dass - bis auf Ausnahmen (Rubens!) - viele Künstler mit wenigen, dafür aber hochrangigen Produktionen vertreten sind (Tizian, El Greco, Velásquez...). Damit kann man sich einen guten Überblick über die Kunstgeschichte des 14.-18. Jahrhunderts verschaffen. Die Austellungsräume sind auch adäquat: Ein sympathisches Museum. Im Internet kann man einen virtuellen Rundgang unternehmen. Historische Romane von Experten Der Verlag Philipp von Zabern ist durch seine archäologischen und kulturgeschichtlichen Fachbücher bekannt. Auch die Zeitschrift "Antike Welt" stammt aus diesem Hause. Ab August 2007 betritt man in Mainz nun mit historischen Romanen Neuland, die quasi mit einem sachlichen Qualitätssiegel versehen sind:
21. Juni 2007 Robert Harris: Imperium. Novel (Random House Audiobooks) Prinzipiell ist mir der Gedanke sympathisch, dass man mit antiken Themen Bestseller schreiben kann. Die Thematik war auch ausschlaggebend, mir das Buch anzuhören. Seltsamerweise "stört" es mich weniger, Unterhaltungsliteratur zu hören als zu lesen. Das Thema des Romans ist die Karriere von Cicero, was im ersten Moment erfrischend exotisch wirkt. Man versteht aber schnell, dass Harris hier eine gute Buchidee hatte: Ciceros leben lässt sich ausgezeichnet als "Anwaltsroman" inszenieren. So jagt ein spannender Prozess den nächsten, garniert mit zahlreichen politischen Intrigen. Man verfolgt die Handlung sehr aufmerksam, auch wenn man bereits weiß, wie sich diese Angelegenheiten historisch entwickelten. Harris erzählt Ciceros Leben (bis zum Erreichen des Konsulats) aus der Ich-Perspektive seines Sekretärs Tiro. Literarisch ist der Roman nicht verdienstvoll: Er ist extrem konventionell erzählt (Dialoge, Beschreibungen), wenn auch handwerklich auf hohem Niveau. Inhaltlich scheint er gut recherchiert zu sein, soweit ich das beurteilen kann, ohne eine Experte für das römische Justizwesen zu sein. Trotzdem klingt es oft sehr nach einem amerikanischen Prozess, wenn von "jury" oder "cross examination" die Rede ist. Literarisch also keine Empfehlung. Wer aber ein paar Stunden gute Unterhaltung sucht und sich für die Antike interessiert, macht damit keinen Fehler. Mir zumindest hat der Roman große Lust darauf gemacht, wieder ein paar Reden Ciceros zu lesen. Andere Werke von ihm will ich mir eigentlich auch schon seit Jahren vornehmen ... 20. Juni 2007 Museen in München (1): Antikensammlung und Glyptothek (jeweils zwei Besuche am 08.06. und 10.06.) Die antiken Sammlungen waren der wichtigste Grund für eine kleine Reise nach München. Der Königsplatz in München ist tatsächlich ein hübsches städtebauliches Ensemble für eine Präsentation antiker Kunst. Berühmt ist vor allem die Münchner Sammlung antiker Vasen, die weltweit einen Spitzenplatz einnimmt. Deshalb ist es erstaunlich, dass in der Antikensammlung nur relativ wenige Stücke präsentiert werden, was für den gelegentlichen Besucher didaktisch wohl hilfreich ist. Wohnte ich in München, wäre mir die Auswahl aber zu gering. Die Gefäße werden chronologisch präsentiert, beginnend mit der mykenischen Zeit. Speziell bei den rotfigurigen Stücken sind einige sehr eindrucksvolle Motive dabei, etwa die gut getroffene Trauer aller Beteiligten wenn ein Soldat in den Krieg zieht. Keine Spur von Heldenethos: Ein betreten blickender junger Mann samt betroffene Eltern. Die Aufstellung der Vasen ist nicht sehr besucherfreundlich: Viele sind in zweistöckigen Vitrinen untergebracht, deren "erster Stock" nur knapp über den Fußboden angesiedelt ist, so dass eine ausführliche Besichtigung schwierig ist, will man nicht auf Knien herumrutschen. Das wurde in der neuen Wiener Antikensammlung deutlich besser gelöst, wo alles auf Augenhöhe ausgestellt ist. Im Untergeschoss gibt es noch eine vorzügliche Schmucksammlung zu sehen (darunter viel Etruskisches). Die aktuelle Sonderausstellung "Mythos Troia" setzt sich mit der Ikonographie des trojanischen Krieges auf der Keramik auseinander und ist unbedingt einen Besuch wert. Unser Bild dieses Mythos ist bekanntlich sehr einseitig, da "nur" die beiden Epen Homers überliefert sind. Diese stellen aber nur einen Bruchteil des Bildmaterials der Vasen. Man sieht sofort, dass das Geflecht des Mythos weitaus dichter war als viele heute annehmen. Nichts zu mäkeln gibt es an der optischen Präsentation der Skulpturen der Glyptothek. Der Besucher wird chronologisch von der archaischen bis zur spätrömischen Epoche geführt und bekommt einige repräsentative Stücke der verschiedenen Stile zu sehen: Skulpturen, Büsten, Grabreliefs und Sarkophage bilden den Schwerpunkt. Etwas mühsam ist das System der Beschriftungen: Auf den Exponaten findet sich meist nur eine Nummer die an einer Wandtafel erläutert wird. 19. Juni 2007 Etrusker: Hatte Herodot doch Recht? Neue genetische Untersuchen liefern Indizen, dass die Etrusker wie von Herodot beschrieben aus Anatolien zugewandert sein könnten. Mehr. 18. Juni 2007 Jacob Michael Reinhold Lenz Zu vermelden ist eine löbliche neue Edition seiner Moskauer Schriften durch Heribert Tommeck. 16. Juni 2007 Richard Dawkins: The God Delusion (Transworld Publishers) Seit einiger Zeit gibt es im angelsächsischen Raum eine Bewegung, die man in eine Schublade mit der Beschriftung "New Atheism" steckt. Die linke amerikanische Zeitschrift "The Nation" hat ihr die aktuelle Titelgeschichte gewidmet. Prominentester Vertreter der neuen Religionskritiker ist Richard Dawkins. Auch Sam Harris und Christopher Hitchens sind - neben anderen - mit entsprechenden Titel auf dem Buchmarkt vertreten. Ihre Kritiker sind schnell mit dem Vorwurf zur Hand, dass hier Atheismus selbst mit einem quasireligiösen Fanatismus betrieben wird. Darauf kann man mindestens Zweierlei entgegnen: Erstens ist speziell in den USA ein mediales Trommelfeuer der Bigotterie festzustellen, dem man mit höflichem Aufzeigen nicht medienwirksam entgegen treten kann. Zweitens ist die (polemische) Kritik von absurden Behauptungen und Theorien (wobei diese Gebilde meist dergestalt sind, dass sie die Bezeichnung "Theorie" keinswegs verdienen) von einer anderen Qualität als die Hervorbringungen dieser wirren Kopfgeburten. Dawkins fasst in "The God Delusion" prägnant und rhetorisch gewitzt die wichtigsten Argumente von uns Religionskritikern zusammen und kann deshalb jedem empfohlen werden, der sich einen Überblick darüber verschaffen will. Wer die Materie kennt, dem werden viele Gedankengänge bereits vertraut sein, etwa Dawkins Ausführungen rund um die Wahrscheinlichkeit Gottes versus der Wahrscheinlichkeit einer natürlichen Entstehung der Welt. Besonders überzeugend fand ich die Kapitel am Ende des Buches in denen er sich mit den potenziell katastrophalen Folgen von religiöser Erziehung beschäftigt, die er berechtigterweise als geistige Kindesmisshandlung qualifiziert. Jedes Kind solle das Recht haben, kritisches Denken und den aktuellen Stand der Wissenschaft zu erfahren, um sich dann eine eigenständige Weltanschauung bilden zu können. Dawkins verweist auch auf islamistische Terroristen als Beispiel einer fehlgeleiteten Religionserziehung. Das ist nicht von der Hand zu weisen, wenn man etwa an die Aktivitäten der Koranschulen in Pakistan und anderen Orten denkt. Es greift aber trotzdem zu kurz, da wir heute wissen, dass viele der "prominentesten" Terroristen Studenten / Akademiker waren, teilweise von technischen Studienrichtungen. Es handelt sich jedenfalls um eine lohnende Lektüre. Wobei ich das Buch nicht gelesen, sondern angehört habe. 3. Juni 2007 Complicite: A Disappearing Number (Wiener Festwochen 31.5.) Konzept und Inszenierung: Simon McBurney Musik: Nitin Sawhney Mit: David Annen, Firdous Bamji, Paul Bhattacharjee, Hiren Chate, Divya Kasturi, Simon Pandya, Saskia Reeves, Shane Shambhu Sehr gespannt ging ich in diese Produktion der britischen Theatergruppe Complicite (Leitung: Simon McBurney), sollte doch nichts weniger als Mathematik auf die Bühne gebracht werden. Thema des Abends war das Leben des indischen Mathematikers Srinivasa A. Ramanujan, den viele Kenner der Materie für einen der herausragendsten Köpfe seines Faches halten, und dessen abenteuerliche Biographie durchaus bühnentauglich ist. Der Abend beginnt denn auch mit einer fiktiven Mathematikvorlesung, die am Ende der Szene allerdings durch einen der Schauspieler witzig als Theater "entlarvt" wird. Dramaturgisch erinnerte das weniger an Brecht als an Monty Pythons "Flying Circus", wo Humor auch regelmäßig durch einen Schwenk auf die Metaebene hergestellt wird. Diese klassisch britische Ästethik wird aber nicht beibehalten: Die Regie setzt auf ein sehr avanciertes Illusionstheater wobei Mittel der TV- und Filmästhetik oft zum Einsatz kommen (schnelle Schnitte zwischen verschiedenen Erzählebenen, Videoprojektionen, "Filmmusik"). Die dadurch erreichten theatralischen Bildeffekte sind frappant. Die bis an die Grenzen geforderte Bühnentechnik wird mit einer Leichtigkeit und Präzision eingesetzt, von der sich alle Wiener Theater mehrere Scheiben abschneiden könnten. Nun hat diese Furiosität den Nachteil, dass die Vielzahl der (guten) Einfälle eine so hohe semantische Dichte erzeugen, dass man diese Inszenierung mehrmals sehen müsste, um ihr gerecht zu werden. Es regt sich auch der (leise) Verdacht, dass dieser Aufwand dazu dient, das Publikum angesichts der komplexen behandelten Themen bei Laune zu halten. Diese Form des Theater bewegt sich weit von der klassischen Ausprägung der Kunstform weg, wo man auf die Bühnenpräsenz einiger Schauspieler und das Wort vertraut. Dies wird aber so überzeugend praktiziert, dass man diese Inszenierung nur als sehr gelungen bezeichnen kann. BBC World auf Youtube Der Sender mit der besten internationalen Fernsehberichterstattung hat nun einen eigenen Kanal bei Youtube bekommen: BBC World News. 2. Juni 2007 Die Katastrophe Bush
(Jonathan Freedland: Bush's Amazing Achievement. NYRB 10/07) 28. Mai 2007 "Konstantin und seine Zeit" Die aktuelle Ausgabe 3/2007 der Antiken Welt widmet sich anläßlich der Ausstellung in Trier Konstantin dem Großen. Der einleitende Schwerpunktartikel ist erfreulicherweise online als PDF verfügbar und räumt mit einigen populären Vorstellungen über den Kaiser auf, dem wir maßgeblich das christliche Schlamassel zu verdanken haben. 27. Mai 2007 Reise-Notizen: China (4) Unsere Reiseroute führte automatisch zu einem Buddhismus-Schwerpunkt. Besser spräche man wohl allgemein von "Religion", da die in China gelebte Praxis des Mahayana-Buddhismus im Alltag mit unzähligen traditionellen Elementen kombiniert wird, vom Daoismus bis zum Ahnenkult. Mit der klassischen Lehre des Gautama hat dies naturgemäß nichts mehr zu tun. Eine der grundlegenden Ideen des Buddhismus ist bekanntlich, sich die Erlösung durch die Zähmung des Begehrens zu erarbeiten. In der chinesischen Tempelpraxis dagegen werden an die höheren Mächte begehrlich zahlreiche Wünsche herangetragen: Wie in allen anderen Religionen auch belästigt man die Vertreter der Transzendenz mit Wünschen nach Gesundheit, Kindern und einem langen Leben. Sind diese Grundbedürfnisse adäquat adressiert, darf es aber auch gerne eine Wohnung oder ein neues Auto sein, dessen beschleunigte Manifestation man sich durch ein gezieltes Opfer erhofft. An dieser Stelle sei kurz eingeflochten, dass ein junger, gut ausgebildeter Pekinger auf die Frage, was die größten Wünsche seiner Generation seien, folgende Einschätzung abgab: Erst eine Eigentumswohnung für die eigene Familie, danach einen Wagen (Mittelklasse sollte es schon sein) und schließlich eine Reise nach Europa. Ungezählte Tempel betrat ich in den drei Wochen. Die höchste Konzentration dieser Anlagen findet sich auf 2000 Meter Höhe in einem malerischen Bergtal am Wutaishan, einem buddhistischen Lourdes (Provinz Shanxi). Je nach Zählung findet man dort um die 40 Klöster, in denen sich noch kaum Europäer, dafür aber sehr viele asiatische Pilger tummeln. Herausgreifen möchte ich nur eines davon, das Nanshan Si (Kloster am Südberg). Wenig besucht liegt es idyllisch am Ende des Tales und eignet sich hervorragend, um den ungeheuren Eklektizismus der Religionsausübung zu illustrieren: Es finden sich Hallen nicht nur zu den üblichen Verdächtigen, nämlich vielen Bodhisattvas, die religionssoziologisch für die Chinesen eine ähnliche Rolle spielen, wie die Heiligen für die Katholiken. Zusätzlich existieren dort daoistische Hallen und - mein Lieblingsfundstück - eine Wandmalerei mit einer furiosen Höllendarstellung, die selbst Dante Freude gemacht hätte, aber im buddhistischen Kontext eigentlich nichts verloren hat. Vieles davon ist leider nicht frei zugänglich, aber dank sinologischer Begleitung brachten wir einen Mönch dazu, uns auch die für Touristen eigentlich geschlossenen Teile des Klosters zu zeigen (darunter die "Hölle"). Business Language aus Stuttgart? Wer das Vergnügen hat, die Phrasen des Wirtschaftslebens regelmäßig genießen zu können, weiß ob deren intellektueller und ästhetischer Qualität. Deshalb kann man nur den Kopf schütteln, wenn sich Reclam (Platon, Sophokles, Shakespeare, Goethe!) nun in die Untiefen der "Business-Ratgeber" verlaufen hat. Muss das wirklich sein? 26. Mai 2007 Notizen-FAQ 1. Gibt es einen RSS Feed?
http://www.koellerer.de/q2-2007.html#TTMMJJ Um auf den 26. Mai 2007 zu verlinken also: http://www.koellerer.de/q2-2007.html#260507
Claudia Ott (Hrsg.): Tausendundeine Nacht (2) (C.H. Beck) Mein hier beschriebener Lektüreeindruck hat sich beim Lesen der zweiten Hälfte des Buchs nicht wirklich verändert. Mit der Einschränkung vielleicht, dass der "Enthusiasmus" etwas nachgelassen hat. Denn nach einigen hundert Seiten ist man an die kunstvolle Technik der narrativen Verschachtelung bereits so gewöhnt, dass die formale Spannung nachlässt. Außerdem gibt es einige langatmige Liebesgeschichten ohne / mit wenigen fantastischen Elementen (an das Dekamerone erinnernd), die sich von den kurzweiligen und sehr kreativen anderen Texten negativ abheben. Damit ist meine Beschäftigung mit diesem Werk aber noch nicht beendet: Ich will noch einige der berühmten Erzählungen in der kürzlich erworbenen Übersetzung Enno Littmanns lesen, die in der von Claudia Ott übersetzten Handschrift nicht enthalten sind (Sindbad beispielsweise). Der Band wird durch ein sehr informatives Nachwort Otts abgeschlossen, in dem sie sich (völlig überflüssigerweise!) auch dafür rechtfertigt, eine weitere Übersetzung angefertigt zu haben. Die von mir gebundende Ausgabe ist auch als Buch sehr gelungen: schön gebunden, geschmackvoll gesetzt, Lesebändchen. 23. Mai 2007 Peter Handke: Spuren der Verirrten (Akademietheater 16.5.) Regie: Friederike Heller Mitwirkende: Philipp Hochmair Mitwirkende: Rudolf Melichar Mitwirkende: Jörg Ratjen Mitwirkende: Sachiko Hara Mitwirkende: Petra Morzé Mitwirkende: Bibiana Zeller Musik: KANTE Man mag zum Regietheater stehen wie man will: Theatertexte wie "Spuren der Verirrten" oder etwa jene der Elfriede Jelinek setzen eine starke Regie voraus, da sie "an sich" wenig theatralisch sind. So zieht auch diesmal Friederike Heller alle Register, um den Text in kurzweilige 120 Minuten zu verpacken. Dies geschieht durch schnelle Wechsel zwischen den Schauspielern, was einzelne Rollenfragmente angeht, sowie durch das ständige Changieren zwischen verschiedenen Ebenen: Mal verkörpert ein Schauspieler eine Figur, mal erzählt er über sie, mal kommentiert er. Körpereinsätze kommen ebenfalls nicht zu kurz: Es soll den Zusehern ja nicht langweilig werden. Der Gesamteindruck am Ende ist nicht negativ, es gab einiges Interessante zu hören und zu sehen. Man stellt sich beim Hinausgehen allerdings die Frage, welchen ästhetischen Zweck diese Art von Theater verfolgt. Beliebigkeit ist nicht jedermanns Sache. Tolstoj: Sämtliche Erzählungen Band 1 (Insel Taschenbuch) Tolstojs Erzählungskunst lernte ich bereits zu Beginn meiner Lesekarriere schätzen, speziell "Anna Karenina", das ich in absehbarer Zeit ein zweites Mal lesen will. Seine "großen" Erzählungen las ich bereits, will dieses Lektüre aber nun komplettieren. Dazu eignet sich die bei Insel erschienen fünfbändige Ausgabe vorzüglich. Der erste Band enthält das erzählerische Frühwerk, was sich vor allem daran zeigt, dass Tolstoj seine eigenen Kriegserlebnisse literarisch aufarbeitet. Dabei beschönigt er den Krieg in keiner Weise. Die Grausamkeit des Schlachtfeldes, die Langeweile des Wartens und die Eitelkeit des Soldatenstandes werden realistisch geschildert. Dazu passt auch die berühmte Formulierung am Ende der Erzählung "Sewastopol im Mai 1855":
[S. 216] 18. Mai 2007 Jonathan Spence: Mao Zedong. (Penguin Lives; Audiobook) Alles Leugnen wäre zwecklos: Das Chinathema lässt mich noch nicht los. Diese kleine Biographie gibt einen knappen, aber fundierten Überblick über das Leben eines der größten Massenmörder des 20. Jahrhunderts. Womit ich auch schon bei meinem Haupteinwand gegen das Buch wäre: Es ist mir etwas zu "neutral", was Maos Verbrechen angeht. Das bezieht sich weniger auf Beschönigungen irgendwelcher Art, sondern auf den Platz, den Spence diesem Aspekt widmet. Ansonsten eine solide Einführung. Bibliothek: Neuzugänge Mit diesen Neukäufen wird meine Bibliothek in Sachen 1001 Nacht vervollständigt. Die sechs Bände in der Übersetzung Enno Littmanns aus dem Jahr 1953 sind nicht nur sehr "komplett". Diese Ausgabe dürfte auch die bisher schönste deutsche Ausgabe sein (Leinen). Die eben gelesene neue Übersetzung von Claudia Ott umfasst ja nur einen Teil des Materials. Irwins Buch scheint eine brauchbare Monographie über diese Textsammlung zu sein.
17. Mai 2007 Wagner: Der fliegende Holländer (Staatsoper 14.5.) Dirigent:Seiji Ozawa Regie: Christine Mielitz Senta, seine Tochter: Nina Stemme Erik, ein Jäger: Klaus Florian Vogt Der Holländer: Alan Titus Oft habe ich mich hier schon über die lähmende Durchschnittlichkeit vieler Repertoireaufführungen in der Staatsoper beklagt. Kaum steht jedoch der Musikdirektor höchstselbst am Pult, geruht sich das Staatsopernorchester plötzlich zu entsinnen, dass es potenziell ein sehr guter Klangkörper ist. Kurz: Musikalisch war der Abend erstklassig. Auch vokal gab es nichts zu bemängeln, Nina Stemme und Alan Titus waren ebenfalls in Bestform. Ein so erfreulicher Opernabend wie schon lange nicht mehr. Die Vielschichtigkeit dieser Oper finde ich immer wieder anregend. Wagner lässt kongenial die Moderne (in Form des pragmatisch-geldgierigen Vaters) auf die "Märchenwelt" des "Fliegenden Holländer" treffen. Donizetti: Lucia di Lammermoor (Staatsoper 15.5.) Dirigent: Paolo Arrivabeni Regie: Boleslaw Barlog Enrico (Lord Henry Ashton): Lucio Gallo Lucia, seine Schwester: Edita Gruberova Edgardo (Sir Edgar Ravenswood): Keith Ikaia-Purdy Im Hinblick auf statistische Wahrscheinlichkeit war ich skeptisch, zwei gute Opernabende hintereinander zu erleben. Erfreulicherweise trog diese Erwartungshaltung. Italienische Oper ist meiner Meinung nach die einzige ästhetisch satisfaktionsfähige Form der Popmusik und "Lucia di Lammermoor" bekanntlich eine der gelungesten Aneinanderreihungen von aparten melodiösen Einfällen. Auf einer Schauergeschichte Walter Scotts basierend, ist das Libretto naturgemäß weniger subtil als beim "Fliegenden Holländer". Spätestens bei der ersten Arie der Gruberova trat der semantische Rahmen jedoch in den Hintergrund. Ihre Leistung war sanglich und schauspielerisch schlicht perfekt. Die männlichen Mitsänger schlugen sich ebenfalls tapfer. Ein gelungenes Popkonzert. 13. Mai 2007 Reise-Notizen: China (3) Die Perspektive des Mitteleuropäers kommt noch stärker zur Geltung, wenn es um die Kunstrezeption geht. Als ich vor dem knallbunten Himmelstempel samt Nebengebäuden in Peking stehe, kommt mir unweigerlich Disneyland in den Sinn. Das ist natürlich eine völlig inakzeptable Assoziation, sie stellt sich aber mit Hartnäckigkeit immer wieder ein. Auslöser dieses Eindrucks ist wohl unsere Gewohnheit, europäische antike Monumente meist in elegantem Weiß zu sehen. Es entbehrt selbstverständlich nicht der Ironie, dass auch sie im Original ähnlich knallbunt waren wie es die chinesische Architektur noch heute ist. Vor dem Hintergrund der in Europa zum Teil wütend geführten Debatten um die korrekte Restaurierung von Kunstwerken, man erinnere sich nur an die "Renovierung" der Sixtinischen Kapelle, verwundert es sehr, wenn man in China offenbar einfach fröhlich darauf los malt, sobald die Farben schwächer werden. Der Wert der Authentizität, der für uns zumindest bei der vormodernen Kunst einen so hohen Stellenwert einnimmt, spielt in Ostasien nur eine sehr untergeordnete Rolle. Ein Professor für klassische Malerei in Guilin erläuterte zwei Wochen später dazu passend, dass es bei der Ausbildung zum Maler, die sieben Jahre und länger dauert, das höchste Ziel sei, perfekte Kopien von Meisterwerken herzustellen. Diese nähmen in der Wertschätzung dann durchaus denselben Rang ein, wie die "Originale" selbst. Erst wenn man diese Kopiertechnik beherrscht, kann man sich dann durch subtile Feinheiten, etwa im Pinselstrich, einen Personalstil zulegen. Das ist nicht nur konträr zum abendländischen Konzept des Fortschritts und der Innovation in den Künsten, es dürfte auch die eine oder andere philosophische Theorie der Ästhetik in Verlegenheit bringen. "Editing theThe New York Review of Books" Ein aufschlussreicher Bericht hinter die Kulissen des von mir so geschätzten Periodikums. 10. Mai 2007 Thukydides über den Irak-Krieg "During seven days that Eurymedon stayed with his sixty ships, the Corcyraeans were engaged in butchering those of their fellow citizens whom they regarded as their enemies: and although the crime imputed was that of attempting to put down the democracy, some were slain also for private hatred, others by their debtors because of the moneys owed to them. Death thus raged in every shape; and, as usually happens at such times, there was no length to which violence did not go; sons were killed by their fathers, and suppliants dragged from the altar or slain upon it; while some were even walled up in the temple of Dionysus and died there. In peace there would have been neither the pretext nor the wish to make such an invitation; but in war, with an alliance always at the command of either faction for the hurt of their adversaries and their own corresponding advantage, opportunities for bringing in the foreigner were never wanting to the revolutionary parties. The sufferings which revolution entailed upon the cities were many and terrible, such as have occurred and always will occur, as long as the nature of mankind remains the same; though in a severer or milder form, and varying in their symptoms, according to the variety of the particular cases. In peace and prosperity, states and individuals have better sentiments, because they do not find themselves suddenly confronted with imperious necessities; but war takes away the easy supply of daily wants, and so proves a rough master, that brings most men's characters to a level with their fortunes. Revolution thus ran its course from city to city, and the places which it arrived at last, from having heard what had been done before, carried to a still greater excess the refinement of their inventions, as manifested in the cunning of their enterprises and the atrocity of their reprisals. Words had to change their ordinary meaning and to take that which was now given them. Reckless audacity came to be considered the courage of a loyal ally; prudent hesitation, specious cowardice; moderation was held to be a cloak for unmanliness; ability to see all sides of a question, inaptness to act on any. Frantic violence became the attribute of manliness; cautious plotting, a justifiable means of self-defence. The advocate of extreme measures was always trustworthy; his opponent a man to be suspected. To succeed in a plot was to have a shrewd head, to divine a plot a still shrewder; but to try to provide against having to do either was to break up your party and to be afraid of your adversaries. In fine, to forestall an intending criminal, or to suggest the idea of a crime where it was wanting, was equally commended until even blood became a weaker tie than party, from the superior readiness of those united by the latter to dare everything without reserve; for such associations had not in view the blessings derivable from established institutions but were formed by ambition for their overthrow; and the confidence of their members in each other rested less on any religious sanction than upon complicity in crime. The fair proposals of an adversary were met with jealous precautions by the stronger of the two, and not with a generous confidence. Revenge also was held of more account than self-preservation. Oaths of reconciliation, being only proffered on either side to meet an immediate difficulty, only held good so long as no other weapon was at hand; but when opportunity offered, he who first ventured to seize it and to take his enemy off his guard, thought this perfidious vengeance sweeter than an open one, since, considerations of safety apart, success by treachery won him the palm of superior intelligence. Indeed it is generally the case that men are readier to call rogues clever than simpletons honest, and are as ashamed of being the second as they are proud of being the first. The cause of all these evils was the lust for power arising from greed and ambition; and from these passions proceeded the violence of parties once engaged in contention." [The History of the Peloponnesian War; Chapter X] - Eines der klügsten Bücher, die ich kenne. Bibliothek: Neuzugänge Die beiden philosophischen Bücher verdanke ich dem von mir sehr geschätzen Salzburger Philosophen Georg Dorn. Auch die beiden Romane waren ein willkommenes Geschenk.
5. Mai 2007 Shakespeare: Maß für Maß (Burgtheater 1.5.) Regie: Karin Beier Vincentio: Tilo Werner Angelo: Nicholas Ofczarek Escalus: Michael Wittenborn Claudio: Simon Eckert Isabella: Christiane von Poelnitz Der Shakespeare-Zyklus des Burgtheaters ist bisher kein Glanzlicht der Theaterkunst und erreicht mit dieser Inszenierung einen neuen Tiefpunkt. Karin Beier, die Shakespeare in Interviews gerne ausrichten lässt, seine Werke hätten dramaturgische Schwächen, zu deren Überwindung sie aktiv beitragen müsse, hätte sich besser um ein grundlegendes Verständnis seiner Ästhetik bemüht. Dann wüßte sie nämlich, dass man die Ortsangaben in seinen Stücken (in diesem Fall: Vienna) auf keinen Fall wörtlich nehmen darf. Genau darauf (und nur darauf!) basiert ihr Regiekonzept: Die Rüpelszenen des Originals werden durch neu geschriebene Szenen aus dem Wiener Rotlichtmilieu ersetzt. Das ist durchaus witzig geworden und bietet dem (dankbaren!) Publikum eine seltene Gelegenheit, ihre Burgschauspieler hemmungslos beim Herumblödeln zuzusehen. Wie aus einem anderen Stück wirken dann Nicholas Ofczarek und Christine von Poelnitz, wenn die beiden wie große Tragöden den Haupthandlungsstrang von "Maß für Maß" spielen. Keine Klammer hält diese divergenten Bereiche zusammen. Ein unterhaltsamer Theaterflop für Freunde der höheren Blödelei. Anke Kausch: China. Die klassische Reise (Dumont Kunstreiseführer) Die von Dumont herausgegebene Reihe der Kunstreiseführer hat sich bei mir inzwischen zum unverzichtbaren Reisebegleiter entwickelt. So begleitete mich der Band über China ebenfalls dorthin. Die Informationen zu den einzelnen Stätten sind ausführlich und auf akademischem Niveau. Die sorgfältig ausgewählten Fotos und Pläne erfüllten ebenfalls ihren Zweck. Der allgemeine Teil fällt angesichts der Fülle des möglichen Stoffs naturgemäß zu knapp aus, weshalb man zusätzlich auf andere Bücher zurückgreifen sollte, von denen ich hier ja einige empfahl. 1. Mai 2007 Le monde diplomatique (Hrsg.): Atlas der Globalisierung Wie erkenntnisfördernd Karten sein können, zeigt die wöchentliche Arte Sendung "Mit offenen Karten". In etwa 10 Minuten wird eine überraschend große Menge an geographischen bzw. geopolitischen Informationen gepackt. In Buchform ist der Gehalt natürlich noch dichter und der Atlas der Globalisierung von Le Monde diplomatique setzt auf dieses Konzept. In mehreren großen Kapiteln (u.a. Die neue Geopolitik; Gewinner und Verlierer; Der Aufstieg Asiens) wird die aktuelle Lage der Welt analysiert. Jedes Thema wird auf einer Doppelseite mit viel Text abgehandelt und mit zahlreichen intelligent gezeichneten Karten von Philippe Rekacewicz veranschaulicht. Es dürfte derzeit auf dem Buchmarkt keine andere Möglichkeit geben, sich in dieser kompakten Fülle über die relevanten Vorgänge auf diesem Planten zu informieren. Eine uneingeschränkte Empfehlung zumal zu diesem Schnäppchenpreis (12 Euro). Reise-Notizen: China (2) Die in den westlichen Industrieländern so gefürchteten Niedriglöhne manifestieren sich dem Reisenden in Form einer Fülle von dienstleistenden Menschen. In jedem Hotel, in jedem Restaurant, in jedem Bus und jedem Zug, am Bahnhof und am Flughafen, gibt es unzählige Angestellte. Im Pekinger Capital Hotel, in dem sich die Aufzüge in Oxford-Englisch bei den Gästen nach jeder Fahrt bedanken, scheinen Menschen nur dazu angestellt zu sein, um den werten Reisenden etwa mit einem nachdrücklichen "Sir, please watch your step" vor den Gefahren einer tückischen Stufe zu warnen. Am zweiten Abend klopfte es an die Tür meines Hotelzimmers. Drei verlegene junge Männer standen vor mir und redeten gestikulierend auf mich ein. Nach einiger Zeit verstand ich deren Aufgabe: Sie ziehen jeden Abend zu Dritt von Zimmer zu Zimmer, um nichts anderes zu tun als die Vorhänge zu schließen und die Betten aufzudecken. Am Flughafen geht die Bordkarte statt durch eine durch mindestens drei Hände, nicht ohne jedes Mal abgestempelt oder abgerissen zu werden. In guten Restaurants stehen nicht nur junge Männer auf den Toiletten, um den Gästen Seife und Handtücher zu reichen, man findet auch bis zu vier junge Damen am Ausgang des Lokals, von denen nichts anderes verlangt wird, als die Gäste freundlich zu verabschieden. Kurz, man sieht die Verlängerung der Billiglöhne in den Fabriken auch auf Schritt und Tritt im Dienstleistungssektor. Durch die westliche Brille betrachtet, ist das extrem ineffizient, reduziert aber sicher effektiv die Arbeitslosigkeit (zu Hungerlöhnen, versteht sich). 23. April 2007 Claudia Ott (Hrsg.): Tausendundeine Nacht (1) (C.H. Beck) Im Rahmen meiner Bemühungen, die einflussreichsten Bücher der Weltliteratur zu lesen, stand diese berühmte arabische Märchensammlung seit langem auf meiner Wunschliste, zumal Claudia Otts neue Übersetzung der ältesten arabischen Handschrift (in der Ausgabe von Muhsin Mahdi) eine günstige Gelegenheit bietet. Nach Lektüre des halben Buches bietet sich ein Zwischenfazit an. Dieses fällt ausgesprochen positiv aus. Nicht nur ist die Lektüre der Geschichten in hohem Grad vergnüglich aufgrund deren Originalität und Einfallsreichtum. Auch das Wiedererkennen zahlreicher klassischer literarischer Motive (und Handlungsstrukturen) oder die erfrischende Buntheit des orientalischen Lebens reicht als Erklärung der erfreulichen Lektüre nicht aus. Faszinierend finde ich vor allem die Komplexität der narrativen Verschachtelung: Es gibt Geschichten innerhalb Geschichten von Geschichten, deren Ebenen virtuos miteinander kombiniert werden. In der europäischen Literatur müsste man um die Mitte des 15. Jahrhunderts lange (und vergeblich) suchen, um eine derartige erzählerische Kunstfertigkeit zu finden. Die zum Teil deutlich späteren frühneuhochdeutschen Prosaromane dagegen sind "handwerklich" plump angelegt, wobei man mit solchen interkulturellen Vergleichen natürlich vorsichtig sein muss. Diese Technik der Verklammerung in "Tausendundeine Nacht" ist außerordentlich und macht die Lektüre auch zu einem intellektuellen Vergnügen, da der formale Abwechslungsreichtum zur Unterhaltung beiträgt und man auf neue Varianten dieser Technik immer gespannt ist. Selbst wenn einmal vergleichsweise linear erzählt wird, steckt so viel Stoff in wenigen Seiten, dass man diese zu längeren Erzählungen (oder gar Romane) ausbauen könnte. Die 72. bis 101. Nacht umspannt etwa mehrere Generationen und wäre ein gutes Beispiel für diese Art der Verdichtung. 22. April 2007 Reise-Notizen: China (1) Man mag sich noch so ausführlich auf ein fremdes Land vorbereiten, viele Bücher und ungezählte Artikel lesen, sich mit Experten und "Experten" im Vorfeld austauschen, Dokumentationen ansehen und Recherchen betreiben: Man gewinnt medial selbst bei beachtlichem Aufwand kein Bild, das den Eindrücken vor Ort stand halten könnte. Meine knapp dreiwöchige Reise begann Anfang April in Peking, führte von dort in die Provinz Shanxi (Hauptstadt: Taiyuan) und endete nach den Stationen Xian und Guilin in Shanghai. Eine meiner vielen Erwartungen war, dass das totalitäre System in China direkt im Alltag der Menschen beobachtbar sein müsste. Weit gefehlt! Die Menschen nehmen auch bei politischen Fragen kein Blatt vor den Mund. Selbst bei klassischen Tabuthemen kommt anscheinend kaum jemand auf die Idee, seine Stimme zu senken, oder sich vorher umzusehen, wer gerade zuhört. So warf kurz nach meiner Ankunft in Peking bereits der lokale Guide am Tian'anmen-Platz meine Vorurteile über den Haufen, indem er offen von den Studentenprotesten und Falun Gong sprach. Ich bemerkte auch nur wenig Polizei und Militär auf der Straße. Sieht man allerdings wie fluchtartig ein kleiner Bettlerjunge, der sein Skateboard als Rollstuhl gebrauchte, verschwand, als ihm ein Polizist nur einen Blick zuwarf, wird der Respekt vor den "Ordnungskräften" am Detail offenbar. Auch die Sicherheitskontrollen bei der Ein- und Ausreise waren kaum zu bemerken, kein Vergleich zu den Schikanen wie ich sie in Israel oder den USA beobachten konnte. Vor dem Hintergrund der gut dokumentierten Verfolgung von Dissidenten diverser Couleur, spricht dies für eine sehr differenzierte Vorgehensweise der Sicherheitskräfte. Man schlägt zu, sobald es für die Machthaber gefährlich werden könnte, belästigt die Bevölkerung aber nicht mit einem enormen Spitzelapparat. Zusätzlich hatte ich bei meinen Gesprächen nicht den Eindruck, dass politische Rechte bei den Menschen eine große Rolle spielen. An erster Stelle stehen nach wie vor ein menschenwürdiger Lebensstandard und eine gesicherte Zukunft für die Kinder. 30. März 2007 In China unterwegs... ... bin ich etwa die nächsten drei Wochen. Es wird in dieser Zeit also keine Updates geben. Die gute Nachricht: Das Ende des China-Schwerpunkts hier ist absehbar :-) 24. März 2007 Shakespeare: Julius Caesar (Burgtheater 19.3.) Regie: Falk Richter Julius Caesar: Peter Simonischek Octavian, Triumvir nach Caesars Tod: Moritz Vierboom Marc Anton, Triumvir nach Caesars Tod: Michael Maertens Ämilius Lepidus, Triumvir nach Caesars Tod: Ronald K. Hein Marcus Brutus, Verschworener gegen Julius Caesar: Roland Koch Cassius, Verschworener gegen Julius Caesar: Ignaz Kirchner Casca, Verschworener gegen Julius Caesar: Cornelius Obonya Es ist nicht einfach, diese Inszenierung auf einen Nenner zu bringen. "Julius Caesar" gilt als notorisch schwieriges Bühnenstück, was mit der Konzeption des Dramas eng zusammenhängt: Es gibt eine Reihe von wichtigen Figuren, keine davon steht wirklich im Zentrum, auch Caesar nicht. Liest man das Stück, trägt diese Ambivalenz maßgeblich zur literarischen Qualität bei, speziell in Kombination mit der offenen Bewertung der Protagonisten. Shakespeare überzieht sein Drama mit vielen Grautönen: Weder ist Caesar als machtgieriger Tyrann dargestellt noch Brutus als strahlender Freiheitsheld. Die ethische und politische Komplexität des Themas wird so herausgearbeitet, dass es auch heute noch modern wirkt. Aus handwerklicher Sicht schränkt das aber ebenso die Bühnentauglichkeit ein wie die strukturell "losen" letzten beiden Akte nach den beiden Höhepunkten im dritten Akt: Die Ermordung Caesars und die demagogische Rede Marc Antons. Richter zieht in seiner Regie Analogien zur modernen Mediengesellschaft und deren negative Implikationen auf demokratische Verhältnisse. Nicht nur die alten Römer waren wankelmütig und leicht zu beeinflussen, auch der vermeintlich mündige Bürger heute lasse sich leicht von den Medien manipulieren. Das ist durchaus plaubsibel und Richter bringt das auch anschaulich auf die Bühne. Nur reicht dieses "schmalspurige" Konzept nicht aus, um durch das ganze Stück zu tragen. Die schauspielerische Leistung ist durchschnittlich, weder besonders inspiriert noch negativ auffallend, sieht man einmal vom Ende der Massenselbstmorde ab, das einen etwas schalen Nachgeschmack hinterlässt. Zusammenfassend keine Glanzleistung der Theaterkunst, aber ich würde auch nicht davon abraten, sich die Inzenierung anzusehen. Bibliothek: Neuzugänge Die "Wissen" Reihe von C.H. Beck ist ausgezeichnet fluggepäcksgewichtsbeschränkungskompatibel, was der Hauptgrund für den Kauf war. Morettis Methode mit Literatur umzugehen, wird von traditionellen Literaturwissenschaftlern immer wieder kritisiert: Grund genug, sich seine Arbeiten einmal genauer anzusehen.
12. März 2007 Sun Tsu: Über die Kriegskunst (marixverlag) Der chinesische General Sun Tsu schrieb im sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung dieses erste Traktat über die Kriegskunst und hätte sich wohl kaum träumen lassen, dass seine Schrift 2500 Jahre später einmal von karrierebesessenen Brokern an der Wallstreet gründlich missverstanden wird: Als Anleitung zur strategischen Bekämpfung des Gegners im Berufsleben nämlich. Liest man das Buch "richtig", nämlich als einen Klassiker, der in einem bestimmten historischen und kulturellen Kontext steht, dann bemerkt man schnell zweierlei: Die Komplexität des Kriegsthemas schlägt sich in einer Reihe von widersprüchlichen Empfehlungen nieder. Neben einigen konkreten Ratschlägen zum Thema Terrain und dergleichen, läuft es auf folgenden Punkt hinaus: Die Situation vor Ort kritisch zu analysieren und ohne Rücksicht auf vorgefasste Meinungen oder moralische Skrupel die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die Ratschläge sind denn auch oft so vage gehalten, dass man viel in sie hineininterpretieren kann. Das war und ist wohl ein Grund für den Erfolg dieses Buches. Vergleicht man den intellektuellen Gehalt mit anderen antiken Autoren, wie dem von mir sehr geschätzten Thukydides wird man enttäuscht sein. Dieser lebte zwar zwei Generationen später, ist Sun Tsu aber in jeglicher Hinsicht weit überlegen. 7. März 2007 Philosophie verständlich Es herrscht ja speziell im deutschsprachigen Raum in der Öffentlichkeit die Auffassung, Philosophie ist per se dunkel und unverständlich. Schlimmer noch, Dunkelheit wird oft mit geistiger Tiefe assoziert. Das ist ebenso falsch wie schädlich für die Philosophie, weshalb mir das Projekt Philosophie verständlich der Universität Bielefeld sehr sympathisch ist. Man sehe selbst. Bibliothek: Neuzugänge Strittmatters China-Buch wurde mir von mehreren Seiten empfohlen. "Der Vater" soll eine Dramen-Leselücke schließen und "Der Traum vom Leben" soll eines der besten Sachbücher über Afrika der letzten Zeit sein.
3. März 2007 Herrlee Glessner Creel: Chinese Thought from Confucius to Mao Tse Tung (Chicago University Press) Dieses Buch belegt die Behauptung, dass die neuesten Titel nicht immer die Besten sein müssen. Erschien es doch schon 1953 und läßt sich noch ausgezeichnet lesen. Wie so oft wurde ich auf diesen Titel durch die Literaturhinweise in der Britannica aufmerksam. Es handelt sich allerdings um kein akademisches Buch im engeren Sinn des Wortes, sondern um ein gut geschriebenes Sachbuch. Es zeichnet sich durch eine vergleichsweise klare Darstellung der chinesischen Geistesgeschichte aus, wobei auf 260 Seiten natürlich nur ein Überblick geboten werden kann. Der Schwerpunkt liegt auf Chinas klassischen Denkern und deren Rezeption bis ins 20. Jahrhundert hinein. Gemeinhin wird der Konfuzianismus als sehr konservativ und traditionsbestimmt beschrieben. Das ist nicht völlig verkehrt. Creel weist jedoch überraschend auf die Kehrseite dieser Medaille hin: Nachdem die Quellenlage über Chinas mythische Vorzeit immer schon schwierig war, diente diese als eine ideale Projektionsfläche. Regelmäßig wurden von Konfuzianern deshalb neue Ideen unter dem Deckmantel der Tradition eingeführt. Man benutzte diese angebliche Tradition als trojanisches Pferd um innovative Konzepte in eine konservative Gesellschaft einzuführen. Dieser Aspekt war mir ebenso neu wie einleuchtend, und taucht auch die aktuelle Debatte um den Einfluss des Konfuzianismus in China (vesus "westliche Werte") in ein interessantes skeptisches Licht. 25. Februar 2007 Empfehlungen (6): The Teaching Company Diese Entdeckung zähle ich zu meinen wichtigsten der letzten Jahre, gibt sie mir doch die Möglichkeit "nebenbei" einer Menge interessanter Dinge anzuhören oder Bekanntes aufzufrischen. Wie extensiv ich das inzwischen machen, sieht man an meiner Lese- und Hörliste. Die Teaching Company bietet als Geschäftsmodell Vorlesungen zum Kauf bzw. Laden an. Dazu werden didaktisch begabte amerikanische Professoren gebeten, über ihre Spezialgebiete zu sprechen. Viele dieser Kurse sind achtzehn Stunden und länger und erreichen damit die Länge einer "echten" Univeranstaltung. Inzwischen gibt es Hunderte von Themen, über die man sich am besten auf der Webseite der TTC einen Überblick verschafft. Der Schwerpunkt liegt auf klassischem Bildungsgut, weshalb erfreulicherweise auch die Antike nicht zu kurz kommt. Man hat die Wahl zwischen Audio/MP3 und DVD Versionen. Meist reicht Audio aus, nur bei Themen wie Kunstgeschichte oder Anatomie sollte man naturgemäß nicht im Dunkeln tappen. Die regulären Preise sind sehr hoch, es wird aber jeder Kurs einmal pro Jahr zum "Sales Price" angeboten und dadurch signifikant billiger. Im Gegensatz zu ihren deutschsprachigen Kollegen, sind angelsächsische Lehrende meist rhetorisch sehr begabt: Man hört ihnen gerne und mit Spannung zu. Ich höre diese Kurse meist nebenbei, auf dem Weg zur Arbeit, auf Reisen, bei diversen Routinetätigkeiten etwa, und komme so auf durchschnittlich eineinhalb Stunden pro Tag. Zu einigen der Lehrenden baut man regelrecht eine intellektuelle Beziehung auf. Brillant und geistreich ist etwa alles, was Robert Greenberg über Klassische Musik zu sagen hat. Bart Ehrman leuchtet gedankenreich und kritisch die Zeit des Neuen Testaments aus. Bob Brier ist ein erstklassiger Referent über das Alte Ägypten. Robert Hazen hat mit "Joy of Science" eine beachtliche Einführung in naturwissenschaftliches Denken vorgelegt. Bis auf wenige Ausnahmen ("Buddhism") sind mir bisher keine Kurse untergekommen, die nicht hörenswert gewesen wären. Wie so oft ist es sehr schade, dass es nichts Vergleichbares auf Deutsch gibt. 18. Februar 2007 Volker Zotz: Konfuzius (rororo monographie) Sehr viel Gesichertes ist über das Leben des Konfuzius nicht überliefert, weshalb Volker Zotz natürlich keine klassische Biographie schreiben konnte, sondern sich auf die wenigen bekannten Lebensfakten beschränkt. Umgekehrt ist es bei der Lehre des Philosophen: Hier überdeckt die ausufernde Überlieferung und Ausschmückung der nachfolgenden Jahrhunderte den historischen Kern des Konfuzianismus. Zotz beschränkt deshalb vor allem auf die Gespräche des Konfuzius und rekonstruiert dessen Lehre anhand diverser Themenkreise. Erwähnenswert aus moderner Sicht ist Konfuzius Drängen auf eine klare Terminologieverwendung, der ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Auch seine Ablehnung metaphysischer Spekulationen könnte man als eine skeptische Haltung interpretieren. Jedoch wäre es falsch, diese Seite zugunsten der konservativen Seite überzubewerten. So progressiv Konfuzius in manchen Annahmen zu sein scheint, so konservativ ist er, wenn er die Vergangenheit als Allheilmittel idealisiert. Zotz hat ein gut lesbares kleines Buch geschrieben, das sich ausgezeichnet als Einführung in die Materie eignet. Einziger Kritikpunkt: Man stößt auf einige kulturpessimistische Seitenhiebe auf den westlichen Lebenstil, die nicht immer passend erscheinen. 17. Februar 2007 Donizetti: La Favorite (Staatsoper 1.2.) Regie: John Dew Musikalische Leitung: Vjekoslav Sutej Léonor de Guzman: Luciana D'Intino Fernand: José Bros Alphonse XI: Eijiro Kai Balthazar: Ain Anger Die französische Urfassung dieser Oper wird selten gegeben, lange wurde vor allem die italienische Version des Stücks aufgeführt. Der Stoff war zur Entstehungszeit heikel: Ein Mönch verlässt aus Liebe das Kloster, nicht wissend dass die Auserwählte die Favoritin seines Königs ist. Enttäuscht kehrt er am Ende ins Kloster zurück, wo es zur großen Versöhnung kommt. Musikalisch wird hier vorzügliches Belcanto geboten, was auch für diese Aufführung gilt. Ein harmonisches Ensemble lieferte eine gute Leistung ab. Die Inszenierung läßt sich mit zurückhaltend modern beschreiben. Durchaus empfehlenswert. Bibliothek: Neuzugänge Auf Stewarts Buch über Leibniz und Spinoza wurde ich durch die "New York Times" aufmerksam. Robert Fisks Wälzer (1300 Seiten!) über den Nahen Osten löste eine große Kontroverse aus. "Buddha" und der Bildband über China dienen der Reisevorbereitung.
11. Februar 2007 Karl Philipp Moritz: Andreas Hartknopf. Eine Allegorie (Reclam) Zu Recht berühmt wurde Moritz durch sein autobiographisches Buch Anton Reiser, das sicher zu den interessantesten deutschen Romanen zählt. Ein früher psychologischer Roman, der die Entwicklung eines unterdrückten Kindes und jungen Mannes erzählt, samt den zahlreichen Demütigungen, denen sich ein mittelloser Intellektueller im 18. Jahrhundert ausgesetzt sah. "Anton Reiser" ist realistisch erzählt, mir einem starken Fokus auf die Psychologie der Figuren. "Andreas Hartknopf" und "Andreas Hartknopfs Predigerjahre" stammen etwa aus derselben Zeit, sind ästhetisch aber kaum vergleichbar. Statt eines frühen realistischen Erzählens, hat man hier eine Mischung aus sehr divergenten stofflichen Elementen vor sich, arrangiert in kurzen Abschnitten, die oft nur lose durch die Figuren zusammengehalten werden. Es ist (fast) alles an Motiven vorhanden, was dem 18. Jahrhundert gut und teuer war: Romantische (wilde Natur, Galgen, Klöster, Religion), Sturm und Drang (Freundschaftskult, Pathos) und Aufklärung (Pädagogik). Die Aufklärungspädagogik wird durch die Figur des Hagebuck karikiert. In Summe wirkt das bei der Lektüre vergleichsweise widersprüchlich, ohne dass in diesen Widersprüchen ein ästhetischer Mehrwert sichtbar wird. Trotzdem ist dieser Text schon alleine aufgrund seiner Ungewöhnlichkeit sehr interessant zu lesen. Wer das 18. Jahrhundert mag, sollte ihn sich nicht entgehen lassen. 4. Februar 2007 Empfehlungen (5): Committee for Skeptical Inquiry und Skeptical Inquirer Wer mit offenen Augen durchs Leben geht, kann sich der Tatsache nicht verschließen, dass der Aberglaube (weniger freundlich formuliert: die Dummheit) in allen seinen Formen immer noch fröhliche Urstände feiert. Erfreulicherweise findet das in Europa mehr im Privaten und nur noch selten im Staatlichen seinen Niederschlag. Das fängt bei der Esoterik in allen ihren Manifestionen an. Wundersteine verkaufende Esoterikläden, Regale mit Büchern über nicht-existierende Energiefelder oder Seminare zu den neuesten Psychomoden... Weiter geht es mit der sogenannten "Alternativmedizin", die im besten Fall mit Placebos nicht schadet und im schlimmsten Fall Menschen mit schweren Krankheiten mangels adäquater Therapie ums Leben bringt, nach Bezahlung der saftigen Rechnungen, versteht sich. Nimmt man doch die vergleichsweise harmlosen Hobbys wie "Ufologie", "Wahrsagerei" oder "Astrologie" hinzu, sollte man eine ausreichende Vorstellung von diesen die menschliche Intelligenz beleidigenden Aktivitäten haben. Meine Hochachtung galt immer schon jenen, die sich dieses Unsinns wissenschaftlich annehmen, um ihn zu widerlegen. Wer weiß, wie schnell eine dumme Behauptung aufgestellt ist, und wie langwierig es sein kann, diese nach den Regeln der Wissenschaft zu widerlegen, dem wird schnell der Mythos des Sisyphos in den Sinn kommen. Paul Kurtz gründete 1976 das "Committee for the Scientific Investigation of Claims of the Paranormal" in den USA. Dessen Ziel war es unter anderen, der unkritischen Wiedergabe von "paranormalen" Behauptungen in den Medien, eine kritische Perspektive gegenüber zu setzen. In den nachfolgenden Jahren konnten eine Reihe dieser populären Mythen widerlegt und/oder durch wissenschaftliche Erklärungen ersetzt werden. Mehr zur Geschichte des CSICOP findet sich im Wikipedia-Artikel (zumindest in der Fassung vom 4.2. 07 um 15:24 Uhr :-) Kürzlich benannte sich die Organisation in "Comittee for Skeptical Inquiry" (CSI) um. Es gibt auch eine deutsche Schwestergesellschaft, die "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften". CSI gibt nun eine zweimonatlich erscheinende Zeitschrift heraus, die ich speziell empfehlen will: Den "Skeptical Inquirer" mit dem sprechenden Untertitel "The Magazine of Science and Reason". Geboten werden neben kurzen Artikeln über die jüngsten Absurditäten der Esoterikzunft auch viele zu wissenschaftlichen Themen allgemein sowie zu wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Fragestellungen. Erfrischend ist, dass regelmäßig auch die eigene Weltanschauung skeptisch hinterfragt wird, etwa wenn vor den eingefahrenen Bahnen des Wissenschaftsbetriebs zuungunsten neuer Theorien gewarnt wird, oder Autoren darauf hinweisen, dass Poppers "Conjectures" einen ebenso wichtigen Stellenwert in dessen Erkenntnistheorie besitzen als die viel berühmteren "Refutations" (Falsifizierungen), um einen seiner Buchtitel zu zitieren. Der Skeptical Inquirer kann für wohlfeile 23 Euro (inklusive Porto nach Europa) abonniert werden. 21. Januar 2007 Thomas Mann: Joseph in Ägypten (Fischer TB) Wie hier zu lesen war, gefielen mir die ersten beiden Bände der Josephs-Tetralogie durchaus. In ihnen scheint sich Mann aber erst eingeschrieben zu haben, denn "Joseph in Ägypten" ist ein noch größerer Wurf. Das mag auch daran liegen, dass die Komplexität der fiktionalen Welt nun zunimmt. Joseph "betritt" die größte damalige Hochkultur samt ihrer unglaublichen Vielfalt in allen Belangen. Sehr geschickt bedient sich Mann auch eines gängigen Topos der großen Romane der Weltliteratur, nämlich dem Aufstieg eines ehrgeizigen jungen Mannes unter widrigen Umständen. Stendhals "Rot und Schwarz" wäre hier der Prototyp. Diese und andere literaturgeschichtlichen Analogien schwingen bei der Lektüre mit und geben ihr einen besonderen Reiz. Ein weiterer "klassischer" Topos findet sich ebenfalls im Roman, nämlich der des Außenseiters. Joseph kommt als Ausländer in eine zum Teil sehr konservative bis xenophobe Umgebung. Dass er sich trotzdem durchsetzt und zum Verwalter Peteprês wird, ein unwahrscheinlicher Aufstieg durch Josephs Charisma und rhetorisches Talent motiviert, trägt ein märchenhafte Züge. Mann schildert den ägyptischen Alltag detailreich und anschaulich. Er zeichnet ein großes Panorama und läßt die Erzählung in kleinen, aber stetigen Schritten voranschreiten. Voranschreiten bis zum Höhepunkt, der Konfrontation mit der Gattin seines Herren, die ihn letztlich ins Gefängnis bringt. Die sorgfältige Entwicklung dieser Beziehung vom Hass der Frau auf ihn wegen seiner Fremdheit zu ihrer kompletten Verfallenheit an den schönen Orientalen ist ein erzählerisches Meisterstück. Aber auch die teils skurrilen Nebenfiguren hätten eine ausführliche Würdigung verdient. Eine Lesevergnügen, vielleicht mit der Einschränkung, dass etwas Wissen über das Alte Ägypten bei der Lektüre hilfreich ist. Die mythologische Welt der Ägypter ist uns einerseits ziemlich fremd. Andererseits vergibt man sich so des Vergnügens zu sehen, was Thomas Mann aus dieser Überlieferung macht und wie intelligent er sie gestaltet. Jacques Gernet: Die chinesische Welt (Insel Verlag) Diese Buch begleitete mich mit Pausen die letzten drei Monate. Gernet bewältigt mit diesem Sachbuch eine scheinbar unmögliche Aufgabe: Die Geschichte Chinas in einem Buch abzuhandeln. Zugegebenermaßen ist es ein langes Buch mit mehr als 700 engbedruckten Seiten. Wer jedoch die Vielfalt und den Stoffreichtum der chinesischen Geschichte kennt, wird diese Leistung zu würdigen wissen. Das wäre freilich noch nicht ausreichend, um sich das Prädikat "brillant" zu verdienen. Ein Grund für dieses Urteil ist auch die Art der Vermittlung. Klugerweise setzt Gernet wenig Vorwissen voraus. Er nimmt den Leser von Anfang an mit, ohne jedoch im schlechten Sinne populär zu werden. So weit ich das beurteilen kann, ist "Die chinesische Welt" auf einem sehr soliden akademischen Fundament errichtet. Gernet vertritt durchaus eigenständige Thesen und weist auch immer wieder auf die Forschungslage hin. Es sei nur eine seiner (vielen) interessanten Thesen angeführt: Die Aufklärung im Europa des 18. Jahrhunderts verdanke wesentlich mehr dem chinesischen Einfluss (es gab damals eine Menge Bücher über China) als das in der traditionellen Geistesgeschichtsschreibung anerkannt werde. Das Buch ist didaktisch ausgezeichnet geliedert. Neben der chronologischen Vorgehensweise zielt Gernet immer vom Allgemeinen ins Spezielle. Er fängt mit einem einführenden Überblick an, und geht dann systematisch ins Detail. Dabei kommen klassische Themen wie Politik- und Wirtschaftsgeschichte nicht zu kurz, es wird aber auch ausdrücklicher Wert auf Wissenschaft, Technik, Kultur und Philosophie gelegt. Wie man die Sache nun dreht und wendet: Es ist ein ausgezeichnetes Sachbuch. Dass es bereits 20 Jahre alt ist, schadet nichts, denn der Schwerpunkt liegt auf der Geschichte von der Antike bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Wer sich speziell für die Geschichte der Volksrepublik interessiert, käme etwas zu kurz und greift besser zusätzlich zu anderen Titeln. 14. Januar 2007 Shakespeare: Ein Sommernachtstraum (Burgtheater 9.1.) Regie: Theu Boermans Theseus, Oberon: Peter Simonischek Egeus: Bernd Birkhahn Lysander: Philipp Hauß Demetrius: Patrick O. Beck Philostrat, Puck: Maria Happel Squenz: Johannes Terne Zettel, der Weber: Udo Samel Leider ging meine anläßlich von "Viel Lärm um Nichts" geäußerte Hoffnung, die nächsten Aufführungen mögen qualitativ diesen Auftakt fortsetzen, nicht in Erfüllung. Dieser "Sommernachtstraum" hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. Dabei wären die Voraussetzungen nicht so schlecht: Ein hervorragendes Ensemble, einige witzige Einfälle rund um Bühnebild, Kostüme und Besetzung (etwa die Elfen als alte Damen) böten eine gute Ausgangslage. Trotzdem hat man von Anfang an den Eindruck, der Aufführung einer ambitionierten Schauspielschule beizuwohnen. Szene nach Szene wird handwerklich solide abgenudelt, und zwar in einer erstaunlich geistlosen Form. Von einer übergreifenden Regieidee oder einer intellektuellen Durchdringung des Stoffes keine Spur. So kann man sich der Verwunderung der NZZ nur anschließen, dass sich das Burgtheater so viel Mittelmaß erlaubt. Der Shakespeare-Zyklus hat also unentschieden begonnen: Es kann nur besser werden. Thomas Mann: Der junge Joseph (Fischer TB) Nachdem der geschichtlich-mythologische Kontext in "Die Geschichten Jaakobs" gelegt wurde, wendet sich Thomas Mann nun ausführlich Joseph zu, der im Mittelpunkt der folgenden drei Romane steht. Es gilt die psychologischen Grundlagen für dessen "Karriere" zu legen, ohne den Balanceakt zwischen archaischer Welt und moderner Psychologisierung aufzugeben. Dafür greift der Autor zu zwei Mitteln: Zum einen verankert er das Gefühl des Auserwähltseins in der mythologisch-religiösen Sphäre. Zum anderen vermittelt er diesen vorgeblichen Sonderstatus vor allem mit dem Mittel des Traumes. Joseph erzählt seine Träume, die ihn in den Mittelpunkt stellen, seinen Brüdern ohne zu realisieren, wie anstößig diese "Gesichter" ihnen sein müssen. Hier wird nun der Bogen geschlagen zur psychologischen Motivierung der Katastrophe: Joseph merkt in seiner Naivität nichts davon und wird von seinen Brüdern letztendlich verkauft, weil sie ihn für diese Anmaßung hassen. Es schwingt das antike Konzept der Hybris mit. Thomas Mann ist ein hervorragender literarischer "Handwerker", was er mit diesem Roman einmal mehr unter Beweis stellt. 6. Januar 2007 Babel (Filmcasino 5.1.) Regie: Alejandro González Ińárritu Lange schon sah ich keinen Film mehr, der Aktualität und Kunstverstand so ausgezeichnet zu verbinden weiß wie "Babel". Ausgangspunkt der Handlung sind zwei marokkanische Hirtenjungen, die ein Gewehr ausprobieren, in dem sie aus großer Entfernung auf einen Touristenbus schießen. Eine Amerikanerin wird getroffen und das Skript "Terrorattentat" beginnt. Mit der Ästhetik des avancierten Episodenfilms bindet Ińárritu alle "Betroffenen" in seinen Film ein. Da ist der japanische Jagdtourist, der das Gewehr einem marokkanischen Guide schenkte und dessen taubstumme Tochter. Da ist die mexikanische Nanny der Kinder der Angeschossenen, die diese mit nach Mexiko auf eine Hochzeit nehmen muss. Eine Reise mit tragischen Folgen. Der Film zeigt die globalen Auswirkungen eines Jungenstreichs. Ińárritu bedient sich dabei raffinierter filmischer Erzähltechniken, die er furios einsetzt. Die Chronologie wird immer wieder unterbrochen. Bildmächtig bekommt der Betrachter die heutige Welt exemplarisch präsentiert: Die Sahara, die Stadtlandschaft Tokios, der mexikanische Hochzeitstrubel. Besser kann man das ausgelutschte Globalisierungsthema nicht umsetzen. Dabei verzichtet Ińárritu klugerweise darauf, dass "Terrorthema" zu sehr auszuschlachten. Die globale Medienhysterie wird nur am Rande angedeutet, Entscheidendes findet, wie so oft bei guter Kunst, im Kopf des Rezipienten statt. Diesen Film sollte man sich nicht entgehen lassen. 5. Januar 2007 Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt. Roman (Hörbuch, 5 CDs) Es gibt manche Bücher, die ich aus "Metainteresse" lese, weil so viel über sie geredet und geschrieben wird. Kehlmanns Roman zählt zu diesen, auch wenn ich ihn genaugenommen gehört habe. Kompetent gelesen von Ulrich Matthes. Wie wohl hinreichend bekannt, beschreibt das Buch die kontrastreichen Biographien von Alexander Humbold und Carl Friedrich Gauß. Beide herausragende Wissenschaftler mit einem großen Interesse an der "Vermessung der Welt". Gauß reiste als begegnadeter Mathematiker kaum, ein klassischer Stubengelehrter, wohingegen Humboldt als Weltreisender seiner wissenschaftlichen Leidenschaft nachgeht. Das ist eine nette Idee für einen historischen Roman und zu Beginn liest er sich auch durchaus unterhaltsam. Danach nahm mein Interesse aber aus zwei Gründen rapide ab. Erstens ist der Text künstlerisch nicht sehr ergiebig. Genau und unterhaltsam erzählt, ja, aber unter dieser glatten Oberfläche gibt es wenig ästhetische Substanz. Substanz gibt es auch nur wenig in intellektueller Hinsicht, womit der zweite Grund schon genannt ist. Brav zählt Kehlmann etwa die mathematischen Geniestreiche Gauß' auf, ohne sie jedoch ausreichend zu reflektieren. Man denke nur daran, welche geistigen Funken Robert Musil aus dem Thema der Mathematik geschlagen hat. Auch sonst wird der zeitgenössische Stoff brav vorhersehbar abgearbeitet. Sogar die vielzitierten Zahnschmerzen haben ihren Auftritt. Kein großes Kunstwerk also, aber ein doch ganz unterhaltsames Buch. Für richtige Leser nur bedingt geeignet. "Cicero" Dieses "Magazin für politische Kultur" wollte ich einmal näher unter die Lupe nehmen, nachdem es inzwischen in der deutschen Öffentlichkeit schon mehrmals Themen vorgegeben hat, und damit publizistisch große Beachtung genießt. Eine neue gute Zeitschrift auf den qualitativ bescheidenen deutschsprachigen Magazinmarkt? Drei Ausgabven mutete ich mir zu. Die Ernüchterung setzte gleich mit dem ersten Heft ein: Die Oktoberausgabe hatte einen Philosophieschwerpunkt und stellte wichtige junge Philosophen vor. Wie geht man das journalistisch am Besten an? Man könnte nun vermuten, man gebe dem Raum, was den Kern des Philosophierens ausmacht, nämlich der (präzisen) Sprache, mit der die Vertreter dieser Disziplin ihrem Handwerk nachgehen. Ausführliche Portraits samt Zusammenfassung der Denkansätze also? Weit gefehlt! Die meisten der buchstäblich von diesem Machwerk Betroffenen werden auf einer (!) Seite vorgestellt. Ein apartes Portraitfoto füllt Dreiviertel der Seite, während am Ende dieses Blattes etwa fünf inhaltliche Sätze zu finden sind. Eine großartige Leistung der Philosophieberichterstattung also, welche "Cicero" als ernszunehmendes Organ disqualifiziert. Ansonsten kleben die Mehrzahl der Artikel an Personen. Man lernt ja auf der Journalistenschule, dass "die Leser" gerne "menschliche" Geschichten wollen. Reflexion und Analyse kommen deshalb viel zu kurz. Naturgemäß gibt es auch einige sehr gute Artikel pro Heft, von denen ein Teil aus englischsprachigen Quellen stammt. Diese seltsame Mischung aus Stern und Geo (viele hübsche Fotos) kann man getrost liegen lassen. 3. Januar 2007 Marco Polo: Von Venedig nach China. Die größte Reise des 13. Jahrhunderts (Thienemann) Dieser Klassiker der Reiseliteratur steht schon lange in einem meiner Bücherregale. Der Anstoß, ihn jetzt zu lesen, war die für dieses Jahr geplante Chinareise. Von vielen berühmten Büchern, die man noch nicht las, hat man oft eine seltsam genaue Vorstellung. Meine Erwartungshaltung war, einen möglichst präzisen Eindruck vom mittelalterlichen China zu bekommen. Das trifft den Sachverhalt allerdings im besten Fall nur halb. Zwar ist Marco Polo eine der wichtigsten Quellen, aber ein guter Teil des Reiseberichts beschäftigt sich mit der Hin- und Abreise. Deshalb nehmen neben China auch andere geographische Regionen viel Platz in Anspruch. Genannt seien etwa Zentralasien, Indien und, in geringerem Maße, Japan. Für eine Publikation des 13. Jahrhunderts ist die Beschreibung erstaunlich objektiv. Dieses Urteil ist natürlich in Bezug auf den zeitgenössischen Referenzrahmen zu verstehen. Einige der mittelalterlichen Legenden von seltsamen Wesen in der Ferne schlichen sich auch bei Marco Polo ein. Vermutlich hat er sie von Kaufleuten vernommen, die oft aus eigennützigen Gründen die Konkurrenz durch Schreckgeschichten von lukrativen Handelsgegenden fernhalten wollten. Die Debatte, ob Marco Polo wirklich in China war, dauert immer noch an. Einige damals in Europa unbekannte "Details", so seine korrekte Beschreibung des Papiergeldwesens, sprechen jedoch sehr gegen eine Existenz als Schreibstubengelehrter. Bei der Lektüre drängen sich teilweise Parallelen zu Herodots Historien auf. Dahingehend nämlich, dass man auch bei Marco Polo das Balancieren zwischen "Wissenschaftlichkeit" und "Mythos" an einigen Stellen sehr anschaulich beobachten kann. Man findet ebenfalls Quellenverweise und expliziten Zweifel an Gehörtem. Allerdings ist Herodots Jahrtausendbuch kein fairer Vergleichsmaßstab für den Autor aus Vendig. Trotzdem findet man sehr hübsche Geschichten wie etwa über die Entstehung der Assassinen:
Die Ausgabe des Erdmann Verlags ist empfehlenswert. Es liest sich nicht nur die Übersetzung angenehm, sondern es sind in kursiver Schrift immer wieder Kommentare und Erläuterungen im Haupttext eingeschoben, was der Verständlichkeit sehr förderlich ist. Man denke nur daran, dass die meisten geographischen Namen nicht den heutigen entsprechen. Otto Emersleben: Marco Polo (rororo monographie) Diese kleine Monographie ist eine ausgezeichnete Begleitlektüre zu Marco Polos Reisebericht. Nützlich illustriert (Karten!) erhält man einen konzisen Einblick in den aktuellen Stand der Forschung. Auch die verwickelte philologische Situation wird beleuchtet, gibt es doch eine Menge von höchst divergiernden Textfassungen. Emersleben geht dabei überwiegend "chronologisch" vor, in dem er der beschriebenen Route Schritt für Schritt folgt. Uneingeschränkt empfehlenswert. 28. Dezember 2006 Bibliothek: Neuzugänge Bis auf die beiden Bücher der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, alle gebraucht gekauft. Die Bücher der Schiller-Gesellschaft werden Mitgliedern gratis zugeschickt.
17. Dezember 2006 Shakespeare: Viel Lärm um Nichts (Burgtheater 9.12.) Regie: Jan Bosse Don Pedro, Prinz von Arragon / Ein Mönch: Nicholas Ofczarek Leonato, Gouverneur von Messina: Martin Reinke Don John, Pedros Halbbruder: Jörg Ratjen Claudio, ein florentinischer Graf: Christian Nickel Benedict, ein Edelmann aus Padua: Joachim Meyerhoff Borachio, Don Juans Begleiter: Michael Masula Hero, Leonatos Tochter: Dorothee Hartinger Beatrice, Leonatos Nichte: Christiane von Poelnitz Etwa zwölf Shakespeare Stück hat Klaus Bachler für diese und nächste Saison auf den Spielplan setzen lassen, eine mir naturgemäß sympathische Entscheidung. Den gelungenen Auftakt gab Jan Bosse nun mit seiner Inszenierung von "Viel Lärm um Nichts". Die Burgtheater-Dramaturgie stutzte das Stück auf zwei Stunden zusammen. Nun bin ich kein Freund von Kürzungen, aber in diesem Fall wurde das Skalpell intelligent benutzt. Nur die Doppelbesetzungen, etwa Ofczarek als Don Pedro und Mönch, dürften auf die Nicht-Leser im Publikum etwas verwirrend wirken. Oberflächlich im besten Sinn des Wortes hat Jan Bosse seine Regie angelegt. Er setzt fast ausschließlich auf die komödiantische Intrigenhandlung sowie auf den "Bühnenknüller" Beatrice versus Benedict, die sich rhetorisch fulminant beflegeln. Erneut zeigt Meyerhoff sein grandioses komisches Talent. Die "Kreuzstruktur" des Stücks wird trotz aller Oberflächlichkeit sichtbar und damit das ästhetische Kernprinzip der Komödie. Das Bühnenbild witzig, die Kostüme geistreich, das Ensemble in Bestform: Was will man mehr? 10. Dezember 2006 Mozart: Die drei letzten Sinfonien (Theater an der Wien 6.12.) Wiener Philharmoniker Simon Rattle Eine höchst extravagante Interpretation der letzten Mozart-Sinfonien war am Mittwoch im Theater an der Wien zu hören. Offenbar wollte Rattle um jeden Preis etwas Originelles zu Gehör bringen. Bei der Es-Dur Symphonie ziselierte er jede Feinheit so gemächlich heraus, dass es wie eine seltsame Mischung der Stile von Harnoncourt und Celibidache klang. Rattle überdehnte den Tempobogen teilweise so stark, dass Mozart nicht mehr nach Mozart klang. Nun ist eine neue Hörperspektive auf das Repertoire durchaus zu begrüßen, wird man dadurch doch aus den gängigen Wahrnehmungsmustern gerissen. Außerdem bin ich generell ein Freund des künstlerischen Wagemuts: Spielt man auf Sicherheit, ergibt dies meist keine musikalischen Offenbarungen, während ästhetisches Risiko oft (nicht immer) belohnt wird. So weiß ich Rattles Versuch durchaus zu schätzen, obwohl er misslungen ist. Die beiden letzten Sinfonien waren weniger radikal interpretiert, die Jupiter-Sinfonie klang vergleichsweise traditionell. Durch diese Entwicklung bekam der Abend im Rückblick etwas Uneinheitliches. So viel ist sicher: Rattle hat "seinen" Mozart noch nicht gefunden und wird weiter daran arbeiten müssen. Brahms, Schönberg, Webern Artemis Quartett, Leif Ove Andsnes (Konzerthaus 8.12.) Johannes Brahms: Streichquartett Nr. 2 a-moll op. 51/2 (1873) Arnold Schönberg: Sechs kleine Klavierstücke op. 19 (1911) Anton Webern: Fünf Sätze für Streichquartett op. 5 (1909) Johannes Brahms: Klavierquintett f-moll op. 34 (1865) Brahms Kammermusik so furios gespielt, hörte ich bisher nur selten. Höhepunkt war selbstverständlich das Klavierquintett op. 34 dessen gewaltige Spannbreite von feiner Ziselierung bis hin zu Klangexplosionen sorgfältig (und ohne Angst vor Effekt) herausgearbeitet wurde. Neben Schuberts Forellenquintett sowie Schumanns Klavierquintett gehört es berechtigterweise zu den Glanzstücken des Repertoires. Die Stücke von Schönberg und Webern wurden abwechselnd gespielt (was Webern "erlaubt" hat). Das ergab so aparte Klangkombinationen, dass es heftigen Applaus gab. Das kommt selbst in Wien bei der zweiten Wiener Schule nicht immer vor :-) Ein höchst erfreulicher Konzertabend und Anlass, mir die Interpretationen des Artemis Quartetts einmal näher anzusehen. 3. Dezember 2006 René Pollesch: Das purpurne Muttermal (Akademietheater 28.11.) Regie: René Pollesch Mitwirkende: Sachiko Hara Mitwirkende: Caroline Peters Mitwirkende: Sophie Rois Mitwirkende: Daniel Jesch Mitwirkende: Hermann Scheidleder Mitwirkende: Stefan Wieland Mitwirkende: Martin Wuttke Seltsame Dinge gab René Pollesch vor der Premiere von sich. Er wolle (postmoderne) Theorien auf die Bühne bringen. Wer nun die plausible These vertritt, dass schlechtes Denken auf der Bühne zwangsläufig auch schlechtes Theater ergibt, sieht sich bei dieser Uraufführung eines besseren belehrt. Man wird mit einem furiosen Anspielsfeuerwerk konfrontiert, das sich auf mehreren Ebenen abspielt. Eine davon findet hinter der Bühnenkulisse in dort aufgestellten Filmsets statt, die via Leinwand dem Publikum zur Kenntnis gebracht werden. In elegantem Schwarzweiss, versteht sich. Auf mich wirkte das Ganze wie eine sehr komische Variante des absurden Theaters. Sollte Pollesch tatsächlich die Absicht haben, konkrete Inhalte zu vermitteln, wäre er gescheitert. Das Ensemble spielt glänzend, das Kamerateam hinter der Bühne leistet ebenfalls Erstaunliches. In dieser Saison wohl das bisher interessanteste Stück im Akademietheater. Stringtheorie unter Kritik Unter Physikern wird derzeit eine heftige Debatte ausgetragen: Man streitet sich über den Stellenwert der Stringtheorie. Kritiker werfen ihr zu wenig empirischen Gehalt und mangelnde Falszifizierbarkeit vor, was von den Anhängern dieser populären kosmologischen Lehre bestritten wird. Zugespitzt könnte man fragen: Ist die Stringtheorie eine pseudowissenschaftliche Theorie? Lee Smolin ist einer der führenden Kritiker und hat nun ein sehr diskussionswürdiges Buch vorgelegt: The Trouble with Physics 26. November 2006 Bellini: La Somnabula (Staatsoper 22.11.) Inszenierung: Marco Arturo Marelli Graf Rodolfo: Michele Pertusi Amina: Anna Netrebko Elvino: Antonino Siragusa Anna Netrebko singt die Amina: Die Aufregung derjenigen, die Opern mit Events verwechseln, war groß. Ich kannte sie bisher nur von Aufnahmen und konnte die bisherige Netrebko-Hysterie nicht nachvollziehen. Sie gehört ohne Zweifel zu den talentiertesten Sängerinnen ihrer Generation und hat eine ungewöhnliche Bühnenpräsenz. Sie deshalb zur neuen Callas zu stilisieren, basiert auf einem ähnlichen Kurzschluss mit dem alle einigermaßen geglückten Familienromane zu neuen "Buddenbrooks" erklärt werden. Netrebko stellte die eben beschriebenen Qualitäten auch in La Somnabula unter Beweis. Mit Antonio Siragusa hatte sie aber einen unglücklichen Partner an der Seite. Siragusa agierte wie ein gut funktionierender Gesangsroboter, der auf die Bühne rollt, seine Gesangsdateien ohne technischen Probleme abruft, um dann erleichtert wieder von dannen zu ziehen. Seine Kopfstimme ließ jegliches Gefühl vermissen, kurz ein Auftritt von beachtlicher Leblosigkeit. Da half auch Michele Pertusis überzeugender Graf Rodolfo nichts mehr: der Abend war extrem unausgewogen. Dass sich das Staatsopernorchester nicht mit ästhetischen Ruhm bekleckert, darauf braucht man regelmäßige Besucher der Staatsoper ja nicht mehr explizit hinzuweisen. Mozart: Cosi fan tutte (Theater an der Wien 25.11.) Musikalische Leitung; Daniel Harding Inszenierung: Patrice Chéreau Mahler Chamber Orchestra Arnold Schoenberg Chor (Ltg. Erwin Ortner) Fiordiligi: Erin Wall Dorabella: Hannah Esther Minutillo Guglielmo: Stéphane Degout Ferrando: Shawn Mathey Despina: Marie McLaughlin Don Alfonso; Ruggero Raimondi Vor knapp einem Jahr sah ich "Cosi fan tutte" in der Staatsoper Unter den Linden, witzig in die sechziger Jahre verlegt durch Doris Dörrie. Chéraus Regiestil dagegen ist klassisch: Vor einem vergleichsweise kahlen Bühnenbild, auf das die Requisten bei Bedarf von Statisten getragen werden, wird die Oper in zeitgenössischen Kostümen gegeben. Das klingt verzopfter als es ist, denn inszeniert ist es als "Schauspieler-Komödie" nach allen Regeln der Kunst. Das Libretto lebt auch ohne "orignelle" Regieeinfälle, was mit dieser Aufführung einmal mehr bewiesen ist. Diese Produktion war bereits während der Wiener Festwochen zu sehen und wurde mit dem Festival d'Aix-en-Provence koproduziert. Die Oper wird in der Langfassung mit allen Arien und Wiederholungen gegegeben, was im letzten Drittel etwas ermüdet. Das liegt naturgemäß nicht an Mozarts Musik, sondern hat dramaturgische Gründe: Das Stück schaltet für zu lange Zeit mehrere Gänge zurück, was bei einer temporeichen Komödie strukturell nicht ideal ist. Musikalisch gab es wenig auszusetzen. Erin Wall ließ vor Beginn Indisponiertheit verkünden, sang aber trotzdem passabel. Ebenso die beiden männlichen Protagonisten des Treuetests Degout und Mathey. McLaughlin als Despina war großartig, eine Ideale Kombination aus Gesangs- und Schauspielkunst. Letztere war für eine Oper ohnehin auf ungewöhnlich hohen Niveau. Das Mahler Chamber Orchestra gab sich Mühe, keinen 0815-Mozart aus dem Bühnengraben ertönen zu lassen. Sieht man von einigen Patzern der Bläser an "kammermusikalischen" Stellen ab, wurde auch hier überdurchschnittliches geboten. Sollte das Theater in der Wien in Zukunft regelmäßig Aufführungen auf diesem Niveau bieten, wäre das definitiv eine Bereicherung der Wiener Opernlandschaft. 21. November 2006 Bibliothek: Neuzugänge Wer die Titel ansieht, wird unschwer einen China-Schwerpunkt erkennen, der mit einer für das Frühjahr geplanten Studienreise zusammenhängt. Den Kunst-Reiseführer "stiftete" der Veranstalter, Sun Tsu und die rororo Monographien sind regulär erworben. Die beiden Paperbacks zur chinesischen Geistesgeschichte stammen aus amerikanischen Antiquariaten und waren trotz Porto vergleichsweise günstig. Der Band 6 der Wezel-Ausgabe war seit vielen Jahren überfällig, wohingegen Suhrkamp den neuen Bernhard-Band pünktlich auslieferte.
19. November 2006 Konfuzius: Gespräche (Marix) Für einen abendländisch sozialisierten Leser ist es nicht einfach, sich auf komplett fremdes Terrain zu begeben. Die Gefahr ist groß, dass man zu schnell europäische philosophische Konzepte über die chinesische Philosophie stülpt. Wenn man kein Chinesisch lesen kann, ist man auf Übersetzungen angewiesen. Die Übersetzer müssen mangels Alternativen auf europäische philosophische Begriffe zurückgreifen, die potenziell wieder falsche Vorstellungen vermitteln. Auf der anderen Seite sind auch unsere alten Bücher kulturell "fremd" in verschiedenen Graden, so das man als Freund alter Bücher eine gewisse Routine in Sachen Objektivierung mitbringt. Der Titel "Gespräche" ist insofern irreführend als es sich um keine längeren Dialoge handelt, wie man das beispielsweise von Platon kennt. Die kurzen Abschnitte sind mehr anekdotisch und beschränken sich oft auf die Beantwortung einer einzigen Frage. Umfangreichere Gedankengebäude können so naturgemäß nicht errichtet werden, auch wenn sich die vielen Teile implizit zu einem Gesamtbild formen lassen. Diese "Formung" hat die chinesischen Gelehrten über Jahrhunderte beschäftigt. Liest man nun Konfuzius mit europäischen Augen, tritt einem eine seltsame Mischung aus Vertrautem und Fremdem entgegen. Vertraut ist beispielsweise das Bildungsethos: Lernen und Bildung wird ständig gepriesen. Das Ziel der ethischen Vervollkommung ist uns ebenfalls bekannt. Dagegen wirkt der strikte Konservatismus ungewohnt: Konfuzius will die Welt "erlösen", indem Kultur & Rituale alter chinesischer Dynastien wieder belebt werden. Sein Blick ist ausschliesslich rückwärtsgewandt. Nimmt man noch die Hochschätzung sozialer Loyalitäten hinzu, speziell zur Familie und zum Herrscher, hat man eine sehr konservative Gesellschaftsvorstellung. Einschränkend sei hinzugefügt, dass die Loyalität zum Herrscher nur dann verpflichtend ist, wenn es sich um einen guten Vertreter der Spezies handelt. Regiert er schlecht, wird Rebellion zur Pflicht. Zahlreiche Aufstände in der chinesischen Geschichte belegen die Wirkung dieser Doktrin. Die europäische Absolutismusvorstellung, der König sei als Gottes Stellvertreter auf Erden immer und unter allen Umständen unantastbar, war deutlich rigider und weniger untertanenfreundlich. Nun könnte man einwenden, dass es auch in der antiken Philosophie extrem konservative Vorstellungen gab, etwa Platons unsympathischen Idealstaat mit dem verglichen die Utopie des Konfuzius' vergleichsweise "liberal" sei. Hier würde ich einwenden, dass man die Denkmethoden nicht vernachlässigen darf. Platon kommt zu seiner Staats"utopie" durch das rigorse rationale Durchspielen einer Reihe von Prämissen, die er bis zur letzten Konsequenz denkt. Man könnte es als "Denkexperiment" bezeichnen, das er zur Diskussion stellt. Dafür sprechen sowohl kritische Reflexionen innerhalb des "Staates" als auch die Korrektur vieler Positionen in den Dialogen über die Zeit hinweg. Platons Sokrates war ein Aufklärer, dessen ständiges Hinterfragen von allen gesellschaftlichen Grundlagen ihm schließlich "als Verderber der Jugend" den Schierlingsbecher eingebracht hat. Konfuzius hatte meinem Eindruck nach weniger im Sinn, seine Schüler zum freien Nachdenken anzuhalten, als sie zur "Entdeckung" seiner konservativen Wahrheiten zu bringen. Ethische Erkenntnisse vermutlich ausgenommen. Die Bibel in gerechter Sprache? Als ich zum ersten Mal von diesem Projekt vernahm, hielt ich es für einen schlechten Scherz. Ausgangsthese des Projekts ist die Behauptung, dass es einem guten Gott vor allem um Gerechtigkeit ginge, weshalb man die Bibel auch als einen gerechten Text verstehen müsse. Wer die Bibel kennt, sieht sofort, dass es sich hier um ein absurdes Anliegen handelt. Selbst wenn man davon absieht, dass man mit der Prämisse das Theodizee-Problem unreflektiert vom Tisch wischt, ist die Übertragung moderner politischer Konzepte qua Übersetzung auf alte Bücher hochgradig unverfroren: Der kompetente Leser wird durch philologisch falsche Übersetzungen entmündigt, der Laie wird durch sie bewusst in die Irre geführt. Also ob der Reiz der Bibellektüre nicht eben in der Disparatheit und Ferne der Texte liege. In der aktuellen NZZ bringt Ingolf D. Dalferth in einem ausführlichen Artikel eine Reihe von Beispielen für die Fragwürdigkeit der neuen Übersetzung. Aus religionskritischer Perspektive betrachtet, schneidet das Projekt nicht besser ab: Die unschönen Seiten der antiken Religionen und speziell des Christentums werden durch fragwürdige Übertragungen kaschiert: Das ist Gegenaufklärung par excellence. Die Damen und Herren könnten sich jetzt gleich den Koran vornehmen, und die Regeln der Scharia etwas "gerechter" übersetzen. Die Grausamkeit des islamischen Strafrechts muss ja nicht gleich ins Auge stechen ... Bei dieser Gelegenheit sei noch einmal auf die Neuausgabe der besten (weil "wörtlichsten) Bibelübersetzung hingewiesen, auf die Elberfelder Bibel. 12. November 2006 Reise-Notizen Paris (4): Musée Rodin und Musée Picasso Mit diesen zwei musealen Kleinoden ist die Zahl der besuchten Kunstetablissements in Paris komplett. Sie sind quasi das Gegenstück des ausufernden Louvre: überschaubar, monothematisch, charmant. Das Musée Rodin ist im Hotel Brion, einem schönen Rokokopalais untergebracht, in dem Rodin von 1908 bis zu seinem Tod 1917 im Erdgeschoss wohnte. Die beiden Stockwerke zeigen nicht nur ausgewählte Skulpturen des Künstlers, sondern informieren auch über den Entstehungsprozess durch die Ausstellung diverser Vorstufen. Selbst in die komplexe Technik des Bronzegießens wird man anschaulich eingeführt. Ästhetischer Höhepunkt ist allerdings der Park der Villa, in dem die berühmtesten Werke Rodins eine Bleibe gefunden haben: Die Bürger von Calais, Das Höllentor, Der Denker ... Rodin stellte die klassizistische Ästhetik der Skulptur auf den Kopf und erreicht trotzdem (besser: deshalb) eine unglaubliche Eindrücklichkeit. Im Marais ist ein weiteres "biographisches" Museum angesiedelt, das Musée Picasso. Das aus der Zeit Ludwig XIV. stammende Stadtpalais Hôtel Salé bietet - wie die Villa im Fall Rodins - ein ideales architektonisches Ambiente für die zahlreichen Werke Picassos. Vielleicht eine etwas zu labyrinthische Anlage, möchte man einwenden. Wobei die sehr unterschiedlichen Räumlichkeiten nicht so schlecht mit den sich in schneller Folge abwechselnden Stilen Picassos "harmonieren". Ein Eldorado für jeden Kunstfreund. Borodin Quartett (Konzerthaus 7.11.) Peter I. Tschaikowsky Streichquartett Nr. 1 D-Dur op. 11 (1871) Nikolai Jakovlewitsch Mjaskowski Streichquartett Nr. 13 Dmitri Schostakowitsch Streichquartett Nr. 1 C-Dur op. 49 (1938) Streichquartett Nr. 8 c-moll op. 110 (1960) Das ersten Konzert des Zyklus "Quartette international", der als Nachfolger der leider eingestellten Reihe des Alban Berg Quartetts fungiert. Zu Tschaikowsky und Mjaskowski kann ich wenig sagen, da beides erstmalige Hörerlebnisse waren. Schostakowitsch Streichquartette gehören dagegen zu meinen Lieblingsstücken und zählen berechtigterweise zum Kern der kammermusikalischen Kompositionen des letzten Jahrhunderts. Sie sind hochgradig expressiv und emotional und werden meist mit entsprechender Verve vorgetragen. Das Borodin Quartett wählte einen anderen Interpretationsansatz, den man wohl am besten als "klassisch" bezeichnet. Kurz, sie gingen die Angelegenheit eher zurückhaltend an. Das ist per se nicht schlecht, denn zu viel (platte) Emotion kann gerade bei Schostakowitsch kontraproduktiv wirken. Es kam sicher auch der Transparenz der musikalischen Strukturen zugute. Trotzdem ging diese Spielweise vor allem beim "schmerzlichen" Quartett Nr. 8 auf Kosten der Substanz der Komposition. Jedenfalls eine Interpretation, die zum Nachdenken anregt. 7. November 2006 Empfehlungen Die bisherigen Empfehlungen habe ich hier zusammengestellt. Das werden noch einige mehr werden. Notizen-FAQ 1. Kann man auf einzelne Tageseinträge verlinken?
http://www.koellerer.de/q2-2006.html#TTMMJJ Um auf den 14. April 2006 zu verlinken also: http://www.koellerer.de/q2-2006.html#140406
5. November 2006 Philip Roth: Jedermann (Hörbuch, 4 CDs) Der Tenor der Kritiken ließ nichts Gutes erwarten. Erfreulicherweise stellte sich das schnell als falsch heraus. Roth hat einen vorzüglichen kleinen Roman geschrieben, in dessen Mittelpunkt düstere Themen stehen: Alter, Tod und ein verpfuschtes Durchschnittsleben. "Das Alter ist ein Massaker" heißt es an einer Stelle und das könnte gut als Motto über den Buch stehen. Die Handlung setzt bei der Beerdigung des Protagonisten ein, um bald durch wohl komponierte Rückblenden prägende Lebensstationen dieses Antihelden zu beschreiben. Wenige Sätze reichen, um die Kindheit des Jungen plastisch vor dem Auge des Lesers entstehen zu lassen. In chirurgischen Schnitten ziehen diese Episoden an uns vorbei, in deren Mittelpunkt meist ein Krankheitserlebnis steht. Anstatt Maler zu werden, landet "Everyman" in der Werbebranche. Als er am Ende seines Lebens endlich zu malen beginnt, folgt die schmerzliche Erkenntnis, dass er ein unbegabter Dilettant ist. Roth zeigt das Leben als sinnlose, medizinische Abwärtsspirale, in dem kein Platz für Hoffnung oder dauerhafte Beziehungen bleibt. Kurz: Er rückt der menschlichen Existenz ohne metaphysische Verbrämungen auf den Leib. Diese Radikalität ist eine der großen Stärken des Textes, der einmal mehr bestätigt, dass Literatur ein prädestiniertes Medium ist um diese großen Fragen adäquat zu behandeln. Peter Fitz' Lesekunst bringt den Text vorbildlich zu Gehör. Paläolithische Kunst und Kreuzzüge Einen guten Überblick über die Debatte rund um die Höhlenmalerei gibt William H. McNeill in diesem Artikel in der New York Review of Books 16/2006. Nicht online zu finden ist dagegen die Rezension, welche ein neues Standardwerk zum Thema Kreuzüge vorstellt, auf das an dieser Stelle aber hingewiesen sei: Christopher Tyerman: God's War: A New History of the Crusades. Harvard University Press. 1024 Seiten. 1. November 2006 Nestroy: Höllenangst (Burgtheater 23.10.) Regie: Martin Kusej Adele von Stromberg: Alexandra Henkel Freiherr von Stromberg: Johannes Krisch Freiherr von Reichthal: Dietmar König Von Arnstedt: Denis Petkovic Von Thurming: Joachim Meyerhoff Pfrim: Martin Schwab Eva: Barbara Petritsch Wendelin: Nicholas Ofczarek Rosalie: Caroline Peters Die Theaterkritik feierte diese Inszenierung bereits nach der Premiere bei den Salzburger Festspielen: zu Recht! Martin Kusej ist derzeit wohl der einzige österreichische Regisseur von Weltrang. Persönlich bin ich kein Freund Nestroys und vertrete die häretische Ansicht, dass die ihm hier in Wien entgegen gebrachte Verehrung mehr mit Lokalpatriotismus statt mit validen ästhetischen Urteilen zu tun hat. Mehr als Kusej aus dieser Posse herausholt, ist nicht möglich. Er lässt sich (wie alle großen Regisseure) auf den Geist des Stückes ein, inszeniert es durchaus "nestroyianisch" und setzt trotzdem eine Menge witzige Kontrapunkte. Fulminant beispielsweise der Auftritt des "falschen Teufels", wo sich Kusej augenzwinkernd der Theatermaschinerie bedient: Licht, Sturmmaschine und Nebelwerfer begleiten sein Erscheinen. Diese treffende Mischung aus "Bühnenmittelironie" und Effekt zeigt, wie souverän dieser Regisseur sein Metier beherrscht. Schauspielerisch war der Abend durchweg vorzüglich. Martin Schwab als "Pfrim" ist grandios. Sehenswert ist die Aufführung ohne Zweifel. Man sollte Kusej endlich mal Gelegenheit geben, sich an einem der größeren Brocken des Repertoires zu versuchen. Neil LaBute: Some Girl(s) (Akademietheater 27.10.) Regie: Dieter Giesing Mann: Christian Nickel Sam: Sylvie Rohrer Tyler: Johanna Wokalek Lindsay: Petra Morzé Bobby: Mareike Sedl Ich ahnte es schon: Nach einem tollen "Reigen" und einer brillant inszenierten "Höllenangst" war es unwahrscheinlich, einen dritten vorzüglichen Theaterabend in Folge zu erleben. Diese statistische Überlegung war korrekt: Es war eine fade Angelegenheit. Wie meistens lag es nicht an den Schauspielern (besser: Schauspielerinnen). Die drei Damen des Abends boten eine beachtliche Leistung. Christian Nickel als intellektueller Exliebhaber verblasste vor dem Elan des weiblichen Ensembles. Aber das Stück! Man soll verschiedene Kunstformen ja nicht gegeneinander ausspielen, aber das Genre "New Yorker Intellektueller mit Beziehungsproblemen" zwingt einen zum Vergleich mit den besten Filmen Woody Allens, ein Vergleich bei dem Neil LaButes uninspiriertes Stück noch blasser wird als es bereits von Natur aus ist. Der "Mann" trifft in vier verschiedenen amerikanischen Städten Ex-Freundinnen zur Aussprache, angeblich um etwaige offene wunde Punkte aus der Vergangenheit zu klären, bevor er sich verheiratet. Die vier Begegnungen verlaufen naturgemäß anders als erwartet. Der Dialog wirft ein paar Pointen ab: Das wars. Während Woody Allen seine Arbeiten mit einer soliden intellektuellen Basis ausstattet, ist "Some Girl(s)" abgesehen von den Beziehungskisten frei von jeder geistigen Substanz. Das Ergebnis: überflüssiger Edel-Boulevard. Man kann Abende anregender verbringen. 26. Oktober 2006 Reise-Notizen Paris (3): Musée d'Orsay Nach dem Louvre das spektakulärste Museum der Stadt. Das liegt nicht nur an der imposanten impressionistischen Kunstsammlung des Haus, sondern auch am Gebäude. Der zur Weltausstellung 1900 errichtete Gare Décorative wurde in den siebziger Jahren von der Mailänder Architektin Gae Aulenti in ein Museum umgebaut. Schon beim Betreten erinnert die riesige Halle mehr an eine Kathedrale und damit einem der Kunst geweihten Sakralbau als einem bürgerlich nüchternen Museum. Das mag man kritisieren, der Eindruck ist jedenfalls grandios, und das von Licht durchflutete Bauwerk eignet sich vorzüglich zur Präsentation von Kunst (speziell auch von Skulpturen). Die Bilder hängen in überschaubaren Räumen, so dass die Architektur nicht in Konkurrenz zu ihnen tritt. Das Haus ist der vor allem Kunst des 19. Jahrhunderts gewidmet und präsentiert den Bestand chronologisch. Die Impressionisten kommen also erst am Ende an die Reihe, weshalb es sich aus Gründen der Aufmerksamkeitsökonomie empfiehlt erst konzertriert mit ihnen anzufangen und sich am Ende dem übrigen Künstlern zu widmen. Es gibt wohl kaum einen Ort, wo man sich mit der Geschichte des Impressionismus und dessen Vorläufern besser vertraut machen könnte. Die meisten Vertreter sind mit Hauptwerken vertreten. Arthur Schnitzler - Affären und Affekte (Theatermuseum 13.10.) Die neue Ausstellung im Theatermuseum widmet sich einigen Aspekten des Werks von Arthur Schnitzler. Im Mittelpunkt steht ein stimmungsvoll gestalter Raum zu "Leutnant Gustl", der das soziokulturelle Umfeld (z.B. das Duellthema) ausleuchtet, sowie ein weiterer zu "Fräulein Else" in dem u.a. Auszüge aus einer Verfilmung (Stummfilm) zu sehen sind. Die Vitrinen sind von kompetenter Hand und anschaulich gestaltet. Auch wenn man sich einen größeren Rahmen wünschen kann, ist die kleine Schau doch eine hübsche Ergänzung zur Wiederaufnahme des "Reigens" im Burgtheater. 22. Oktober 2006 Schnitzler: Reigen (Burgtheater 21.10.) Regie: Sven-Eric Bechtolf Die Dirne: Birgit Minichmayr Der Soldat: Cornelius Obonya Das Stubenmädchen: Tamara Metelka Der junge Herr: Dietmar König Die junge Frau: Regina Fritsch Der Ehemann: Robert Meyer Das süße Mädel: Stefanie Dvorak Der Dichter: Juergen Maurer Die Schauspielerin: Sabine Haupt Der Graf: Sven-Eric Bechtolf Schnitzlers berühmtestes Stück ist seit einigen Tagen wieder auf Wiens größter Bühne zu sehen. Premiere hatte es 1999 im Kasino, der Experimentierbühne des Burgtheaters, arbeitete sich 2002 zum Akademietheater vor und ist nun im großen Haus am Ring angekommen. Eigentlich eine Verlegenheitslösung, sollte doch im Oktober Andrea Breths lang erwarteter "Wallenstein" in zwei Teilen Premiere feiern. Die Unpässlichkeit der Regisseurin warf jedoch die Saisonplanung um, weshalb man den mit bisher 80 Abenden sehr erfolgreichen "Reigen" wieder ausgrub. Bechtolfs Regie bringt die Struktur des Stücks quasi "wörtlich" auf die Bühne: Alle Teilnehmer der Beischlafstaffel sind von Anfang an samt fahrbahren Betten auf der Szene und begeben sich für ihre Auftritt in den Vordergrund. Das Bühnenbild beschränkt sich ansonsten auf eine Feuermauer mit eindeutigen roten Lampen, die in großer Höhe montiert sind. Bechtold läßt wie die meisten Schauspieler-Regisseure seinen Kollegen viel Spielraum und setzt auf das Wienerische des Stücks. Ergebnis ist eine herausragende Leistung des Ensembles, die mit sichtlicher Freude ihre Rollen ausspielen. Während andere Inszenierungen gerne die öde Melancholie der Akte betonen, steht hier die komödiantische Seite im Mittelpunkt. Grandios komisch etwa Jürgen Maurer als Dichter oder Regina Fritsch als hysterische junge Frau. Prädikat wertvoll. 21. Oktober 2006 Ian Buruma: Murder in Amsterdam. The Death of Theo Van Gogh and the Limits of Tolerance (Atlantic Books) Ian Buruma muss man nicht vorstellen. Durch zahlreiche Bücher und Artikel, nicht zuletzt in der "New York Review of Books", etablierte er sich als intellektueller Publizist zum Thema Asien. Vater Niederländer, Mutter Engländerin, Studium in Tokio: Buruma darf sich mit dem Prädikat "multikulturell" schmücken. Diese Sensibilität prädestiniert ihn geradezu, ein Buch zum Thema Islam in Europa zu schreiben. In Zeiten des fröhlichen Schwarz-Weiss-Malens freut man sich über differenzierte Stimmen. Nach mehr als 25 Jahren Abwesenheit kehrte Buruma in die Niederlande zurück, um die Ermordung Theo Van Goghs durch Mohammed Bouvery journalistisch aufzuarbeiten. Er führte eine Fülle von Gesprächen mit dem Umfeld des Opfers und des Täters, mit Intellektuellen, mit Vertretern der islamischen Gemeinde, mit Politikern und vielen Niederländern. Das Ergebnis ist dichtes, gut lesbares Buch angesiedelt zwischen Reportage, Analyse und Reflexion. Der Autor hält sich mit expliziten Wertungen zurück, auch wenn er keinen Zweifel daran läßt, dass ihm Extremismen auf allen Seiten zuwider sind. Er plädiert allerdings stärker für Toleranz als andere in der laufenden Debatte:
(S. 31) Obwohl Buruma naturgemäß den Islamismus ablehnt, ist er doch skeptisch, was die Rolle "des Islam" bei den jüngsten Gewalttaten angeht. Immer wieder weist er auf die soziokulturellen Faktoren hin und stellt die Gewalt frustrierter junger Männer (leider ein zeitloses Phänomen) in diverse historische Kontexte. Die entscheidende Frage rund um den Tod Van Goghs ist für ihn:
[S. 192] 17. Oktober 2006 Bibliothek: Neuzugänge Den ersten Band zur literarischen Psychoanalyse Rezeption wurde mir freundlicherweise vom Herausgeber Oliver Pfohlmann zur Verfügung gestellt. Die beiden Museumsführer erwarb ich in Paris. Die Elberfelder Bibel ist in einer neuen Edition erschienen. Diese Bibelausgabe ist die wissenschaftlich beste Übersetzung und damit unverzichtbar. Schließlich noch zwei weitere der günstigen Könemann-Kunstbildbände.
16. Oktober 2006 Fjodor Dostojewskij: Die Brüder Karamasow [2.] (Fischer Taschenbuch) In meinen Bibliomanen Betrachtungen beschrieb ich die Veränderung meines Leseverhaltens hin zum Bewährten. Nach etwa zwanzig Jahren "erwachsener" Lektüre erscheint es mir an der Zeit, die literarischen Höhepunkte noch einmal aufzusuchen und alte Urteile zu überprüfen. Jeder Leser verklärt die "großen Lektüren" im Laufe der Zeit. Ein Freund und Vielleser meinte deshalb, er schrecke aus diesem Grund vor solchen Wiederlektüren zurück. Dostojewkij nimmt nun in meinen literarischen Pantheon einen besonderen Platz ein. Einige seiner Hauptwerke las ich bereits mehrmals. Zuletzt "Verbrechen und Strafe" (Schuld und Sühne) und war wohl vor allem ob meiner hohen Erwartung letztendlich enttäuscht. Anders "Böse Geiste" (Dämonen): die Zweitlektüre war ästhetisch mindestens so zufriedenstellend wie die erste. Wie würde es nun mit den "Brüdern Karamsow" sein, in meiner Erinnerung einer der besten Romane, die ich je las? Das liegt allerdings mindestens fünfzehn Jahre zurück. Skeptisch begann ich nicht zuletzt deshalb, weil ich mich inzwischen auch verstärkt mit Dostojewskijs kruder Weltanschauung auseinandergesetzt hatte. Man könnte sie auf den Nenner "naiver Religionskitsch" bringen, der mit einigen politischen Unappetitlichkeiten garniert wird. Bekanntlich sollte Moskau als drittes Rom mit der urwüchsigen Kraft des russischen Volks nicht weniger als die Welt durch eine neue religiöse Revolution erlösen. Nun spielt dieser Themenstrang in den "Brüdern Karamasow" tatsächlich eine wichtige Rolle auf vielen Ebenen, aber das verblüffende Resultat: er schadet dem Roman nicht. Die literarische Qualität des Romans "besiegt" die weltanschauliche Verquastheit. Das kommt in der Literatur nur ausgesprochen selten vor und ist ein Beleg für die herausragende Qualität des Buches. Worin diese besteht, läßt sich in einer kurzen Notiz nicht im Detail belegen. Sieht man sich aber die Art und Weise an, wie Dostojewksij sein Weltbild literarisch vermittelt, bekommt man erste Hinweise. Es sticht sofort die Polyphonie des Romans ins Auge. Gegenpositionen zur eigenen Position werden nicht nur zugelassen, sondern furios mit großer literarischer Wucht gestaltet. Nebenbei sei bemerkt, dass Robert Musil später im "Mann ohne Eigenschaften" das Prinzip perfektioniert, Weltanschauungen durch Romanfiguren zu repräsentieren. Als Beispiel bei Dostojewskij sei nur Iwans zurecht berühmte Erzählung vom "Großinquisitor" und Iwans (imaginäre?) Unterhaltung mit dem Teufel in bester faustischer Tradition angeführt. Ausgesprochen geschickt relativiert der Autor auch die Figur des idealisierten Mönchs Starez Sossima, in dem er seine Leiche nach dessen Ableben schnell einen Verwesungsgeruch ausströmen läßt. Diesen hätte es nach dem Volksglauben nicht geben dürfen. Er löst im Kloster Aufruhr aus und stürzt Aljoscha in Tiefe Zweifel. Ich bin versucht, hier von einer "Polyphonie" zweiter Stufe zu sprechen. Denn es stehen sich nicht nur grundsätzlich verschiedene Positionen polyphon gegenüber, sondern sogar innerhalb einzelner Positionen differenziert Dostojewsij diese weiter. Dieser Kunstverstand, der sich vom "religiösen Kleinhirn" nur bedingt verwirren ließ, ist bewundernswert. Über die Kunst Dostojewskijs, die menschliche Psyche seiner Figuren bis in die letzten Verästelungen zu ergründen, wurde bereits so viel geschrieben, dass ich hier kein weiteres Loblied anstimmen muss. Vielleicht noch wenige Worte zur Komposition: Der umsichtige Romanaufbau und die langsame Beschleunigung bis hin zur furiosen Kriminalhandung ab etwa der Mitte des Textes hat selten seinesgleichen. Ich kann allen nur dringend raten, sich dieser tausenddreihundertseitigen Romanwelt nicht zu verschließen. Abschließend sei noch vermerkt, dass konkreter Anlass der Lektüre die lang erwartete Taschenbuch-Ausgabe der Übersetzung Swetlana Geiers war. Da ich des Russischen nicht mächtig bin, kann ich nur unterschiedliche Übersetzungen vergleichen. Geiers Übertragung scheint Dostojewskijs ästhetischer Strategie sehr nahe zu kommen, speziell was die brillanten, langen Dialoge angeht. Die Übersetzungen Geiers sind eine literarische Großtat, die leider viel zu wenig gewürdigt wird. Die Renaissance in einer neuen Edition Auf die I Tatti Renaissance Library wurde an dieser Stelle schon einmal kurz hingewiesen. In einer editorischen Großtat publiziert die Harvard University Press wichtige Bücher dieser Epoche in neuen Editionen. Eine erste Bilanz der bisher erschienenen Bücher zieht Anthony Grafton nun in einem ausführlichen Artikel in der New York Review of Books. 15. Oktober 2006 Reise-Notizen Paris (2): Louvre Damit wäre gleich der Hauptgrund meiner Reise genannt, nämlich die Erkundung des größten Museums der Welt. Ich hatte Zeit für drei Besuche, deren jeder fünf bis sechs Stunden dauerte. Viel zu kurz naturgemäß, um alles mit der notwendigen Aufmerksamkeit anzusehen. Ausreichend aber, um mir einen Überblick über alle Sammlungen zu verschaffen, und wenige im Detail anzusehen. Leider war die Abteilung mit griechischer, etruskischer und römischer Kunst wegen Umbau geschlossen. Beginnen möchte ich aber mit ein paar praktischen Hinweisen. Wer nicht Schlange stehen will, sollte sich vor dem Besuch den Pariser Museumspass besorgen, den es mit unterschiedlicher Gültigkeitsdauer gibt. Damit kann man dann die beiden Seiteneingänge "Porte de Lion" oder "Richelieu-Passage" nutzen. Ich kam jedes Mal ohne zu warten hinein. Wer Gelegenheit hat, die Abendöffnungszeiten am Mittwoch und Freitag (bis 22 Uhr!) zu nutzen, sollte diese unbedingt wahrnehmen. Nach 19 Uhr ist es für Pariser Verhältnisse vergleichsweise ruhig im Museum. Besonderes Augenmerk richtet ich auf drei Abteilungen: Die orientalische Sammlung, die ägyptische Sammlung sowie den italienischen Teil der Gemäldegalerie. Mir war der Louvre vor allem als Gemäldegalerie bewusst, weshalb mich die Fülle und Qualität der orientalischen Exponate überraschte. Herausragend die die Palastausstattung des persischen Königs Dareios I. Monumentale Löwenreliefs auf hellblauer und beiger Keramik. Wer Herodot gerne liest, wird die Fülle an Anschauungsmaterialien aus dieser Zeit zu schätzen wissen. Die berühmte Stele des Hammurabi mit dem noch berühmteren Rechtscodex ist dort ebenfalls ausgestellt. Gewaltige assyrische Wandreliefs sind ein weiterer Höhepunkt. Aber auch die weniger spektakulären Exponate sind vom ersten Rang. So sieht man viel von den Erfindern des Alphabets und deren Handelsimperium, den Phöniziern. Die Levante ist aus "kolonialen Gründen" selbstverständlich ebenfalls gut vertreten. Die ägyptische Abteilung verteilt sich über dreißig zum Teil sehr große Räume. Die Anordnung ist teils chronologisch, teils thematisch. Napoleon hat bei seiner Plünderung der Kunstschätze jedenfalls einen guten Geschmack bewiesen (besser: sein Tross an Gelehrten), so dass man nun eine sehr repräsentative Sammlung besichtigen kann. Der lebensechte Realismus des "Hockenden Schreibers" lässt einen kaum vermuten, dass man hier eine 4500 Jahre alte Skultur vor sich hat. Eines der schönsten antiken Kunstwerke, die ich bisher sah. Die Gemäldegalerie ist ob ihrer Fülle kaum zu bewältigen. Speziell die französische Malerei vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert füllt ganze siebenundsiebzig Räume. Deshalb konzentrierte ich mich auf das 19. Jahrhundert, speziell die Klassizisten und Romantiker. Delacroix' Meisterwerk "Das Floß der Medusa" ist im Original viel dunkler als es die mir bekannten Reproduktionen vermuten ließen. Unmittelbar daneben hängt eines meiner Lieblingsbilder: Dante und Vergil in der Hölle. An derselben Wand die Revolutions-Ikone "Die Freiheit führt das Volk", mit dem Jungen auf der rechten Seite, der mich nun nach der Lektüre "Der Elenden" immer an den kleinen Gavroche denken läßt. Ein Raum vorher Davids "Eid der Horatier", kurz ein Meisterwerk reiht sich an das andere. Die "Mona Lisa" wurde nun so platziert, dass die Touristen sich davor nicht mehr zu Tode trampeln und man auch aus der Entfernung bzw. von der Seite das Bild noch gut erkennen kann. Vor dem Eingang zur "Mona Lisa" hängt ein schöner Raffael für den sich kaum jemand zu interessieren scheint. Der Louvre hängt voller hochkarätiger Gemälde, die der "Mona Lisa" ästhetisch in nichts nachstehen. Trotzdem rennen alle schnurstracks zu ihr. Einsame Vermeers, wenig besuchte Rembrandts sind die Folge, was für den echten Kunstfreund natürlich angenehm ist. So konnte ich mir Rembrandts faszinierende "Bathsheba" lange ungestört ansehen. Rembrandt wählte den Moment, wo Bathsheba die "Einladung" König Davids zum außerehelichen Geschlechtsverkehr gerade las, wohl bereits ahnend, dass ihr Gatte diese Begierde nicht überleben wird. Die psychologische Genauigkeit Rembrandts ist frappant! Die deutsche und niederländische Malerei ist in vielen Werken vertreten. Vermutlich gibt es keinen besseren Ort der Welt als Paris, um Kunstgeschichte zu studieren. Qualität & Quantität & Vielfalt werden wohl von keinem anderen Museum übertroffen. Eine gute Woche nach meinem letzten Besuch, wäre ich bereits gerne wieder dort. 14. Oktober 2006 Mozart: Die Zauberflöte (Theater an der Wien 13.10.) Musikalische Leitung Fabio Luisi Inszenierung, Bühnenbild & Licht Krystian Lupa Wiener Symphoniker Arnold Schoenberg Chor (Ltg: Erwin Ortner) Sarastro Franz-Josef Selig Tamino Pavol Breslik Sprecher / Zweiter Priester Andreas Schmidt Erster Priester Andreas Conrad Königin der Nacht Sen Guo Pamina Helena Juntunen Papageno Roman Trekel Kennen Sie schlechte Powerpoint-Präsentationen? Alle Elemente werden langweilig von links in die Folie "hineinanimiert" (Standard-Einstellung), die Auswahl der Farben ist degoutant und die Animationen haben keinerlei Bezug zum Inhalt. Wenn Sie diese Frage bejahen, haben Sie bereits eine sehr genaue Vorstellung von dieser missratenen Inszenierung. Statt von links wie bei Powerpoint, schwebt hier alles von oben ein: Die Königin der Nacht, die Knaben (mehrmals in einem lächerlichen Käfig) und einiges mehr. Mich erinnerte das sehr an eine groteske Zauberflöten-Aufführung des Passauer Stadttheaters zu Schulzeiten: so peinlich, dass es wieder komisch war. Die - wie sich in einem Gespräch vor Beginn herausstellte - opernkundige Dame neben mir, hielt diese Zumutung ziemlich genau eine Dreiviertelstunde durch, bevor sie sichtlich indigniert das Theater an der Wien verließ. Eine seltsame Mischung von Märchenkostümen, Regietheater-Elementen und unpassende Videoprojektionen runden diese grandiose Regieleistung ab. Musikalisch war die Aufführung, sieht man von einigen Ausrutschern und Fehlbesetzungen ab, durchschnittlich im schlechten Sinn. Die Wiener Symphoniker spielten ihren Mozart so langweilig als wollten sie sich dem Niveau der Inszenierung anpassen. Sen Guc als Königin der Nacht, war der Rolle hörbar nicht gewachsen. "Tamino" und "Papageno" konnten sich aber durchaus hören lassen. Roland Schimmelpfennig: Ende und Anfang. Dramatisches Gedicht (Akademietheater 9.10.) Regie: Nicolas Stemann Der Mann in der Küche, Peter: Sebastian Rudolph Der Verbrannte Gast, Frankie: Markus Hering Die Frau ohne Schlüssel, Isabel: Myriam Schröder Der Mann zwischen sechzig und siebzig: Rudolf Melichar Das schlaksige Mädchen, Dorothea: Stefanie Dvorak Der Vogelmann: Philipp Hochmair Der russische Tierpfleger, Pjotr Antónovitsch Rostov: Hermann Scheidleder Nicolas Stemann genießt berechtigterweise den Ruf, sogenannte "unspielbare" Stücke passabel auf die Bühne zu bringen. Texte Elfriede Jelineks beispielsweise brachte er kongenial auf die Bühne des Akademietheaters. Auch bei diesem neuen "dramatischen Gedicht" mühte er sich ebenso redlich wie das gut disponierte Ensemble. Allein der beste Regisseur und Weltklasse-Schauspieler helfen nichts, wenn das Stück schlecht ist. Verschiedene Handlungsstränge laufen lose assoziiert neben einander her, wobei Monologe der Protagonisten dominieren. Diese lose Form passt nicht wirklich zum "Inhalt", in deren Mittelpunkt gescheiterte bis seltsame Existenzen stehen. Es gibt ein paar gelungene Theatermomente, die sich Einfällen der Regie verdanken, aber das ist selbst für kurze fünfundsiebzig Theaterminuten zu wenig. Möge dieses Auftragswerk des Burgtheaters anderen Häusern erspart bleiben. 12. Oktober 2006 Wiener Ausstellungen im September: Picasso, Beuys, Deutsche Expressionisten Wider Erwarten war mein Kunstelan trotz der ausgiebigen Louvreerkundungen in Paris (mehr dazu später) nicht enden wollend, weshalb ich mir während dieser Woche einige Ausstellungen in Wien ansah. Den Auftakt machte Picasso. Malen gegen die Zeit in der Albertina (bis 7.1.), welche etwa 200 späte Werke nach 1961 präsentiert. Kunstkenner wissen mit welchem Furor und welcher Disziplin Picasso bis zu seinem Tod tätig war. Eine Vielzahl von oft sehr schnell geschaffenen Bildern und Zeichnungen entstand. Dieses Anmalen gegen den Tod ist einerseits beeindruckend, andererseits sind die Ergebnisse aufgrund vieler Ähnlichkeiten auch ermüdend. Man wünscht sich Bilder, für die sich Picasso mehr Zeit für die Gestaltung gelassen hätte. Von Altersweisheit im klassischen Sinn, also einer Auseinandersetzung mit dem Tod, die in Gelassenheit endet, keine Spur. Das empfundene Skandalon des Todes wird durch diese Schaffensweise augenscheinlich. Ein Besuch ist durchaus empfehlenswert. Das Museum Moderner Kunst zeigt eine Schau über Beuys (bis 29.10.). Eine wenig spektakuläre "Ausstellung" wird einem hier im Untergeschoss geboten, handelt es sich doch nur um ein Zusammenstellen der ohnehin im Bestand des Hauses vorhandenen Werke. Intendiert war eine Hommage zum zwanzigjährigen Todestag, größere kuratorische Ansprüche sollte man deshalb auch nicht stellen. Nicht versäumen darf man die Deutschen Expressionisten im Leopold Museum. Da viele der Leihgaben aus der Sammlung Thyssen-Bornemisza in Madrid einflog, die ich letztes Jahr besichtigte, war damit ein unerhofft schnelles Wiedersehen mit einigen dieser expressionistischen Meisterwerke verbunden. Die Ausstellung der rund 130 Gemälde ist überwiegend thematisch gegliedert (z.B. Stadtbilder, Landschaften) was ein interessantes Zusammen-Sehen ermöglicht. Persönlich steht mir die Auseinandersetzung mit urbanen Themen (speziell mit dem Berlin nach dem 1. Weltkrieg) näher als die esoterischen Tiermalerein eines Franc Marc, welcher im Voralpenland der animalischen Einheit mit der Natur nachtrauerte. Über das Erben einer Privatbibliothek ... ... schreibt Stefan Howald einen hübschen Artikel. 8. Oktober 2006 Reise-Notizen Paris (1): Atmosphärisches Die Franzosen gelten als kultivierte Leute. Ein Klischee gewiss, aber eines mit einem wahrem Kern. Gerade Kleinigkeiten verraten oft die feinen Unterschiede. Während man in Wien beispielsweise seinen Döner verzehrt, in dem man seinen Kopf quasi hineinsteckt und sich dann, wie auf dem Weg ins Schlaraffenland, langsam durchfrisst, was man leider auch gehäuft in der U-Bahn beobachten muss, isst man in Paris seinen Döner vornehm mit der Gabel, die man mit auf den Weg bekommt. Erst nachdem mit Hilfe dieses Essinstruments die Höhe des Fladens auf ein physiologisch verträgliches Maß reduziert wurde, wird hineingebissen. Vor achtzehn Jahren war ich letztes Mal an der Seine und erstaunt über eine Reihe von Veränderungen. Damit meine ich weniger die Stadt an sich, denn jede Metropole wandelt sich ständig. Zwanzig Jahre sind hier eine kleine Ewigkeit. Es scheint sich auch bei der Mentalität der Stadtbewohner einiges verändert zu haben. Das viel mir vor allem "sprachlich" auf. Englisch ist in Restaurants, Geschäften und auf der Straße viel präsenter. Bei meiner ersten Reise passierte es so gut wie nie, dass ich von Franzosen auf Englisch angesprochen wurde. Heute scheint es auch für Pariser eine Selbstverständlichkeit zu sein, dass man mit Fremden im neuen Weltidiom Kontakt aufnimmt, anstatt stolz Französischkenntnisse vorauszusetzen. Abgestiegen bin ich im Timhotel Le Louvre, ein unspektakuläres Zweisterne-Haus, das jedoch einen schönen Vorzug besitzt: Es liegt direkt beim Louvre, im Herzen von Paris, und ist damit der ideale Ausgangspunkt für Stadterkundungen. Dass in unmittelbarer Nähe eine Menge von kleinen Lokale mit unterschiedlichsten Küchen sind, schadet naturgemäß auch nichts. 29. September 2006 In Paris unterwegs ... ... bin ich nun für eine Woche. Daher keine neuen Notizen. 24. September 2006 Donizetti: Roberto Devereux (Staatsoper 16.9.) Regie: Silviu Purcarete Musikalische Leitung: Friedrich Haider Elisabetta I., Königin von England: Edita Gruberova Duca di Nottingham, Herzog von Nottingham: Roberto Frontali Sara, seine Frau: Sonia Ganassi Roberto Devereux, Graf von Essex; Joseph Calleja Seit einigen Jahren arbeite ich mich in Sachen Opernrepertoire von sogenannten "schweren" Stücken (Wagner, Richard Strauss, viel 20. Jahrhundert) zum italienischen Belcanto vor. Eine ausführliche Beschäftigung mit Verdi panierte den ästhetischen Weg zu "kulinarischeren" Belcanto-Opern. Ein musikalisch besonders gelungenes Exemplar dieser Gattung ist "Roberto Devereux", weniger bekannt als etwa "Lucia di Lammermoor", aber durchaus ebenbürtig (wenn nicht überlegen). Freunde delikater Melodien und italienischer Opernkunst kommen hier voll auf ihre Kosten. Speziell wenn die Besetzung so vorzüglich ist, wie in dieser Aufführung. Es gab vokal keine einzige Schwachstelle. Edita Gruberova überzeugte auch schauspielerisch in der artifiziellen Anlage ihrer Figur. Die Handlung braucht hier nicht nach erzählt werden und besteht im wesentlichen aus einer Klatschgeschichte aus dem britischen Königshaus. Die Inszenierung war dem Stück nicht gewachsen. Sie setzte keine Akzente, störte aber immerhin die Darbietung nicht. In Summe ein höchst erfreulicher Abend. 19. September 2006 Bibliothekstipp: Werke Baruch de Spinozas Der Felix Meiner Verlag, eine der besten deutschen Adressen für philosophische Klassiker, bringt eine preisgünstige dreibändige Werkausgabe heraus. Details finden sich hier. 17. September 2006 Peter Handke: Die Unvernünftigen sterben aus (Akademietheater 10.9.) Regie: Friederike Heller Hermann Quitt: Philipp Hochmair Hans, sein Vertrauter: Hermann Scheidleder Franz Kilb, Kleinaktionär: Michael Tregor Harald von Wullnow, Unternehmer: Rudolf Melichar Berthold Koerber-Kent, Unternehmer: Jörg Ratjen Karl-Heinz Lutz, Unternehmer: Markus Meyer Paula Tax, Unternehmerin: Dorothee Hartinger Quitts Frau: Sachiko Hara Es ist keine originelle Meinung, den frühen, experimentierfreudigen Handke dem späten raunenden vorzuziehen. Diese Stück aus dem Jahre 1973 bestätigt dieses Urteil aber einmal mehr. Handke bringt einen Unternehmer auf die Bühne, der eine Absprache mit seinen Konkurrenten in Sachen Marktaufteilung eingeht, seine Mitbewerber und Freunde danach aber trotzdem in den Ruin treibt. Das wird mit einigem Wortwitz auf die Bühne gebracht. Friedericke Heller entschied sich für ein abstraktes Bühnenbild mit Plexiglas-Wänden, das durchaus an moderne Büros erinnert, und durch Projektionen von urbanen Landschaften ergänzt wird. Wie schon ihre letzte Arbeit am Akademietheater, Handkes "Untertagblues", setzt sie Mikrophone gezielt zur Verstärkung ein und arbeitet mit sorgfältig arrangierten Figurenensembles. An der schauspielerischen gibt es ebensowenig wie an der inszenatorischen Leistung auszusetzen: eine Empfehlung also. 10. September 2006 Wagner: Die Meistersinger (Volksoper 9.9.) Regie: Christine Mielitz Musikalische Leitung: Leopold Hager Eva, Pogners Tochter: Barbara Haveman Hans Sachs, Schuster: Franz Hawlata Walther von Stolzing: Jeffrey Dowd Die Spezialität der Wiener Volksoper, neben Staatsoper und neuerdings dem Theater an der Wien das dritte Opernhaus der Stadt, ist eigentlich die leichte Muse. "Märchenhafte" Operninzensierungen und vor allem Operetten dominieren den Spielplan. Als man gestern nach fünfeinhalb Stunden Oper das Haus verließ, wurde man bereits durch Zigeunerbaron-Anschläge intellektuell belästigt. Ab und zu geben sie im Haus am Währinger Gürtel jedoch auch Hörenswertes. Dazu gehört diese Meistersinger Inszenierung von der an dieser Stelle vor knapp fünf Jahren schon einmal die Rede war. Eine solide Regiearbeit mit ironischen Untertönen, aber ohne moderne Elemente, wurde geboten. Musikalisch war der Abend (guter) Durchschnitt, speziell Jeffrey Dowd als Stolzing und Barbara Haveman waren gut bei Stimme. Auch die "kleineren" Rollen waren gut besetzt. Leider konnte Franz Haweltas Hans Sachs nicht immer mithalten. Im ersten Akt ging er stimmlich fast völlig unter, während er sich im "Kammerspiel" der folgenden Szenen besser bewährte. Das trübte den Hörgenuss doch deutlich. Die "Meistersinger" zählt als Stück eindeutig zu meinen Favoriten. Wagner verwendet eine raffinierte ästhetische Strategie: An der Oberfläche bietet er eine unterhaltsame bis witzige Handlung. Dahinter behandelt er eine Reihe von spannenden Kunstfragen. Tradition trifft auf Innovation, Regelästhetik auf Kreativität durch Abweichung. Diese Metaebene, die natürlich auch autobiographisch motiviert ist, gibt der "volkstümlichen" Handlung einen wohltuenden Kontrapunkt, ohne jedoch künstlich aufgesetzt zu wirken. Thomas Mann: Die Geschichten Jaakobs (Fischer Werkausgabe) Während ich die sogenannten "großen" Romane Thomas Manns, also "Buddenbrooks", "Zauberberg" und "Dr. Faustus" alle mehrmals las und sehr schätze, ließ ich die Josephs-Tetralogie bisher aus. Am Stoff lag es nicht, halte ich die Bibel doch für eines der spannendsten Bücher, immer vorausgesetzt man liest sie nicht mit einem religiösen Brett vor dem Kopf. Das Jahr meiner Israel-Reise erscheint nun aber eine passende Gelegenheit, dieses Versäumnis nachzuholen. Der erste Band beschäftigt sich mit der Vorgeschichte und erzählt das Leben Jaakobs bis zur Geburt des Joseph. Zwar wird dieser gleich zu Beginn in einer fulminanten Szene eingeführt, danach geht es chronologisch aber schnell in die Vergangenheit. Die Strukturierung der Handlung durch diverse Vor- und Rückblenden zeigt die handwerkliche Meisterschaft des Autors: Der "alte" Stil wird dadurch struktuell ausbalanciert. Ganz so als ergänzte man eine sanfte, auf die Dauer "langweilige" Melodie durch diverse abwechslungsreiche Rhythmen. Mann versuchte einen Stil zu finden, der an die Bibel erinnert und archaisierend wirkt, ohne aber diese Sprachwelt einfach zu kopieren. Etwas irrtierte mich zu Beginn die Verknüpfung dieser mythologischen Kunstsprache mit anscheinend aktuellen Erzählerkommentaren, welche mit dem religonsgeschichtlichen Wissenstand des 20. Jahrhunderts nicht geizen. Wie Mann es schafft, diese Welt kreativ zu vertiefen, ist interessant zu beobachten. Die Gradwanderung eines "intrinsischen" Verständnisses versus einer modernen Psychologisierung der Figuren ist freilich eine höchst heikle. Ein vielversprechender Auftakt für ein längeres Leseprojekt. 6. September 2006 Bibliothek: Neuzugänge Die bereits früher empfohlenen günstigen Kunstbände gibt es nicht nur bei Froelich & Kaufmann, sondern auch im regulären Buchhandel. 20 Euro pro Band.
3. September 2006
29. August 2006 |