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Notizen: Archiv

von Christian Köllerer



1. Quartal 2002



31. März 2002

Liste gelesener Bücher

Zwar sind diese Notizen auch eine annotierte Leseliste, als Ergänzung und Inhaltsverzeichnis hier noch meine Liste gelesener Bücher

Hartmut Lange

Porträtiert von Andreas Nentwich.

Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance. Ein Versuch
(Kröner)


Wenige gelehrte Bücher aus dem letzten Jahrhundert werden so oft herbeizitiert wie Burckhardts große Studie über die Renaissance. Ob Anthony Grafton oder Ingrid Rowland, alle verweisen regelmäßig auf den Begründer dieser historischen Disziplin, da viele seiner Thesen nach wie vor aktuelle Denkanstöße geben.
Burckhardt schrieb - unbeeindruckt von der damals üblichen Manier der Historiographie - nicht über politische Geschichte. Sein Interesse galt nicht der Abfolge von Herrscherdynastien und der diversen Kriege, sondern dem kulturellen Fundament der damaligen Zeit. Was heute selbstverständlich ist, war damals eine kleine Revolution. Es dürfte wenige Studien geben, die den Blick auf eine Epoche für viele Jahrzehnte so nachhaltig prägten. Erst seit relativ kurzer Zeit, setzt man den Beginn der Neuzeit teilweise schon Mittelalter an, um den progressiveren Denkströmungen des angeblich so dunklen Zeitalters Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Stilistisch ein Lesevergnügen, intellektuell von erfrischender Klarheit lohnt sich die Lektüre nach wie vor.

Heinrich Böll biographisch

Im Jahr 2000 erschien die erste "große" Biographie über Böll, verfasst von Heinrich Vormweg. Bernd Balzer stellt es in einer umfangreichen Rezension vor.


30. März 2002

Schiller: Die Jungfrau von Orleans
(Burgtheater 28.3.)
Regie: Karin Beier
Karoline Eichhorn, Nicholas Ofczarek, Barbara Petritsch, Peter Simonischek

Ein hysterisches Mädchen, das von göttlichen Eingebungen getrieben, patriotische Großtaten vollbringt, ist ein denkbar schlechter Stoff für ein gutes Drama. Kein Wunder also, dass es zu Lebzeiten Schillers ein Publikumsrenner war, gab der Autor doch seinem Werk zusätzlich noch einiges an Kolportage mit auf dem Weg.
Schillers Ausflug ins romantisch-religiöse scheitert kläglich. Eine Ursache dafür mag seine antiaufklärerische Intention gewesen sein, ein Gegenstück zu Voltaires "La Pucelle d'Orleans" zu schreiben. Der antireligiöse Spott empörte den guten Schiller, weshalb er den selben Stoff von religiös-erhabener Seite aufbereiten wollte.
Was bringt ein Theater dazu, das schlechteste Schillerstück im Jahr 2002 auf den Spielplan zu setzen? Die Inszenierung von Karin Beuer blieb eine Antwort auf diese Frage schuldig. Statt eine explizit kritische Lesart zu wählen, fand auf der Bühne ein mäßig ironisches Spiel statt. Eine Reihe von Szenen sind nett choreographiert, andere bringen hübsche Tableaux zustande. Wenn sich jemand Schiller am Burgtheater ansehen will, ist derzeit "Maria Stuart" eine wesentlich bessere Wahl.

The Royal Tennenbaums
(Filmcasino24.3.)
Regie: Wes Anderson


Ein groteskes und nicht unamüsantes Portrait einer seltsamen New Yorker Familie, kapitelweise erzählt. Sehenswert.

Naxos wird 15

Anfangs von den etablierten Klassik-Labels belächelt ist Naxos inzwischen aus dem Klassikmarkt nicht mehr wegzudenken. Waren die ersten Aufnahmen oft künstlerisch und klanglich zweitklassig, änderte sich das seit Anfang der Neunziger zunehmend. Viele Interpretationen konnten es mit den besten aufnehmen, etwa die Gesamteinspielung der Schostakowitsch-Streichquartette durch das Éder Quartett.
Durch die niedrigen Preise erschloss sich der klassischen Musik auch neue Käuferschichten, was nicht nur "bildungspolitisch" ein großes Lob verdient.

Wiener Dramengeschichte

Es ist eine Neuedition der Komödien von Philipp Hafner (1731-1764) zu vermelden.


24. März 2002

Wagenbach Verlag

Ein Portrait dieses bemerkenswerten Bücherschmiede.

Philip Roth: Der menschliche Makel. Roman
(Hanser)


Selten konnte man die deutschsprachige Literaturkritik so hysterisch erleben: "Meisterwerk", "grandios", "furios", "atemberaubend" und eine Fülle ähnlicher Attribute wurde über den neuen Roman von Philip Roth ausgeschüttet. Das Erstaunliche dabei: Diese Hymnen sind berechtigt, es handelt sich um einen brillanten Roman, der keine Vergleiche etwa mit Updikes Rabbit-Tetralogie zu scheuen braucht.
Worin liegen die spezifischen Qualitäten? Eines der klassischen Kriterien für einen guten realistischen Roman ist Welthaltigkeit. Der semantische Reichtum der fiktionalen Welt sollte so umfassend sein, dass ein repräsentatives Portrait des gewählten Wirklichkeitsauschnittes entsteht. Roth erschuf in "Der menschliche Makel" nun eine Welt von erstaunlicher Komplexität, die nicht nur die verschiedensten Gesellschaftsschichten einbezieht, sondern auch auf individualpsychologischer Ebene den Leser mit vielen authentischen Figuren bekannt macht. Manche beiläufig skizzierten Nebenfiguren entwickeln dabei eine größere Präsenz als viele Protagonisten in durchschnittlichen Romanen.
Teile des Inhalts sind durchaus heikel, knüpfen sie doch an den ebenso beliebten wie fragwürdigen Sport des Political-Correctness-Bashing an. Klischees vermeidet Roth allerdings unter anderem dadurch, dass er den durch Intrigen aus dem College vertriebenen Altphilologen Coleman eine Lebenslüge mit auf den Weg gibt: Als hellhäutiger Schwarzer ergriff er in seiner Jugend die karrierefördernde Gelegenheit, sich als weißen Juden auszugeben. In ausführlichen Rückblenden wird die Jugend Colemans beschrieben, die Demütigungen einer schwarzen Familie im rassistischen Nachkriegsamerika. Nie macht Roth den Fehler, polemisch-oberflächlich anzuklagen. Desto beklemmender wirkt seine realistische Erzählkunst, wenn er sich diesen tristen Themen widmet. Das gilt auch, um ein weiteres Beispiel herauszugreifen, für die Schilderung eines traumatisierten Vietnamveteranen.
Ästhetisch bedient sich der Autor vieler avancierter Mitteln der realistischen Erzählkunst. Souverän wechselt er zwischen Zeit und Raum, wobei viele inhaltliche und sprachliche Bezüge den Roman strukturell zusammenhalten. Die Erzählung und die Dialoge werden immer wieder durch lange erlebte Reden der Figuren unterbrochen. Zwar gibt es einige Kompromisse zugunsten der "Lesbarkeit", etwa wenn Figuren doppelt vorgestellt werden. Doch diese Kleinigkeiten vermögen die zahlreichen Qualitäten des Buches nicht zu schmälern.

Virtuelles Troia

Über die Visualisierungsbemühungen des historischen Troia berichtet Christiane Schulzki-Haddouti.

Michael Frayn: Kopenhagen
(Theater Drachengasse 23.3.)


Stücke über naturwissenschaftliche Themen sind sehr selten, deshalb verdient dieser Versuch eines britischen Schriftstellers ein gewisses Interesse. Der Zuschauer wird Zeuge einer viel diskutierten Begegnung zwischen Niels Bohr und Werner Heisenberg im Jahr 1941 (bzw. diverser Rekonstruktionen, die Beteiligten werden als Tote eingeführt). Heisenberg riskierte die Reise nach Kopenhagen, um mit Bohr zu sprechen. Das Gespräch endete im Bruch ihrer Freundschaft. Was genau geschah? Worüber sprachen die beiden? Wir wissen es auch heute noch nicht, doch dürfe mit großer Wahrscheinlichkeit der Bau von Atomwaffen zur Sprache gekommen sein. Wollte Heisenberg durch Bohr die Welt vor dem deutschen Nuklearprogramm warnen? Oder wollte der nur vom Wissen Bohrs dafür profitieren?
Frayn spielt in seinem Sprech-Drama - es treten nur Heisenberg, Bohr und dessen Frau Margarete auf - verschiedene Varianten durch. Der Stoff ist ausgesprochen dankbar, um ethische Probleme rund um die Naturwissenschaft zu diskutieren.
Am Ende verlässt man das Theater allerdings unbefriedigt. Teilweise ist das Drama sehr didaktisch, damit es keine physikalischen Kenntnisse voraussetzen muss. Es wird viel angerissen, nicht alles davon zu Ende gebracht. Der Schluss ist von einer unangenehmen Pathetik.
Das größte Verdienst ist wohl, dass Frayn die wissenschaftshistorische Debatte darüber neu anstieß. Teilweise wurde diese in der The New York Review of Books geführt. Angesichts der Aufmerksamkeit, die "Kopenhagen" in England und den USA erregte, ist es erstaunlich, dass im kleinen Theater Drachengasse eine Reihe von Plätzen leer blieb.


20. März 2002

Bücherfrühling 2002

Die Notizen-Reihe in einer eigenen Datei.

Daniel Breazeale: Fichte's Conception of Philosophy as a "Pragmatic History of the Human Mind" and the Contributions of Kant, Platner, and Maimon
(Journal of the History of Ideas 4/2001)


Im Zentrum des Aufsatzes steht die Analyse, was Fichte mit dem Ausdruck "pragmatische Geschichtsschreibung" meint, der grundlegend für sein frühes Philosophieverständnis ist. "Nebenbei" entsteht auch eine Skizze dieser Philosophieauffassung, die am Beginn des deutschen philosophischen Sonderweges steht und die Philosophie in eine idealistische (in der erkenntnistheoretischen und ontologischen Bedeutung des Begriffs) Sackgasse führte, in der sie teilweise heute noch steckt. Ein Beleg dafür ist die verständnislose Hilflosigkeit, mit der man den Naturwissenschaften gegenübersteht.
Interessant ist Breazeales kleiner Exkurs über Simon Maimon, der 1792 in seinem Aufsatz "Ueber den Progressen in der Philosophie" gelungene Überlegungen zur Methodik der Philosophiegeschichtsschreibung anstellte. Nicht die Wiedergabe des Inhalts diverser Systeme sei in das Zentrum zu stellen, sondern die philosophische Methodik mit deren Hilfe diese Systeme errichtet würden.

    To summarize, Fichte's history of the human mind is "pragmatic" in the sense that it is not a chronicle of past events nor a journalistic description of the empirical facts of consciousness: nor does it describe a series of self-constitutive acts theat are supposed to occur an sich. A pragmatic history of the I must be artfully constructed a priori for the specific task of explaining ordinary experience as a whole.
    [S. 701]

Verteidigung der evolutionären Psychologie

Von ihren Gegner heftig angefeindet, hat diese relativ neue Disziplin kompetente Verteidiger besonders nötig. Einer davon ist Robert Kurzban. Lesenswert zu diesem Themenkomplex ist auch dieser Artikel.

Frank Wedekind: Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie
(Akademietheater 17.3.)
Regie: Christina Paulhofer
Michele Cucioffo, David Rott, Lukas Miko uvm.

Im Jahr 1891 von Wedekind beendet, galt das Stück wegen angeblicher "Pornographie" lange als unaufführbar. Premiere hatte es erst am 20. November 1906, als es Max Reinhardt in den Berliner Kammerspielen inszenierte. Es ist überflüssig zu erwähnen, dass die als besonders anstößig geltenden Stellen fehlten.
Die Verbindung von avancierter Theaterästhetik mit dem zeitlosen Stoff der Pubertät ergibt ein nach wie sehr aktuelles Drama, vor allem wenn man es gegen zeitgenössische Stücke des deutschen Naturalismus hält. Die Inszenierung bot den jüngsten Mitgliedern des Burgtheaterensembles die sichtlich willkommene Gelegenheit, ihre Fähigkeiten zu zeigen. Die Inszenierung war erfrischend authentisch, eine klare Empfehlung!

The Times Literary Supplement

Seit hundert Jahren erscheint das TLS nun und zählt seit langem zu den wichtigsten Literatur- bzw. Buchzeitschriften der Welt. Durch den wöchentlichen Erscheinungstermin ist die Lektüre allerdings kaum zu bewältigen, wenn man auch noch das eine oder andere Buch lesen will :-)


19. März 2002

Neues aus der Kafka-Forschung

Hartmut Binder berichtet in der NZZ über die Aktualisierung der umfangreichsten Kafka-Bibliographie sowie über einen neuen Briefband bei S. Fischer und einen neuen Band der Faksimile-Edition bei Stroemfeld.

Neues von Stephen Jay Gould

Gould ist einer der bekanntesten Autoren zu naturgeschichtlichen Themen und ein wichtiger Proponent in der evolutionstheoretischen Debatte. Nun hat er mit "The Structure of Evolutionary Theorie" (1400 Seiten!) offenbar sein opus magnus vorgelegt.
In der New York Times hat sich sein Gegner Mark Ridley dieser Neuerscheinung angenommen:

    The centerpiece of Gould's system is the theory of punctuated equilibrium, published in 1972 by him and Niles Eldredge. In the history of life, new species often appear suddenly and then persist with little change until they go extinct. The sudden origin of species may reflect the incompleteness of the fossil record, but Gould suggests the pattern is real -- evolution is fast while new species originate, and then slows down. He may be right, and his vast new book, ''The Structure of Evolutionary Theory,'' includes a chapter on this matter that is as long as most books, and it has an extensive, if selective, review of the evidence. [...]

    But again, I do not see that species selection follows from either punctuated equilibrium or the individuality of species. Sexual species will take over from clonal species, whether they originate suddenly or gradually, and whether each species is a class or an individual. Gould argues that punctuated equilibrium means that species are individuals and that the individuality of species enables species selection to operate. I have no problem with the three factual claims -- of punctuated equilibrium, of the individuality of species, and of species selection. But I do not agree that the three are linked causally or conceptually. If they are not, Gould's system does not work. Orthodox Darwinism may have problems, but punctuated equilibrium is not one of them.

Varèse: Intégrales
Debussy: La mer
Franck: Symphonie d-Moll
Concertgebouworchester Amsterdam
Dirigent: Yan Pascal Tortelier
(Musikverein 16.3.)

Wie wenig das Wiener Musikvereinspublikum (leider!) noch an avantgardistische Musik gewöhnt ist, zeigte die Reaktion auf die energische Interpretation des Varèse-Werks durch das exzellent disponierte Concertgebouw Orchester: Viele Zuhörer verweigerten den Applaus.
Was dann bei "La mer" zu viel an Analytizität hörbar war, passte hervorragend zu Francks strukturell sehr komplex angelegter Symphonie. Insgesamt ein erfrischend abwechslungsreiches Programm.


16. März 2002

Umbau bei Random House

Große Aufregung in der deutschen Buchbranche verursachte der Personalumbau bei Random House in Deutschland. Hier gehts zu den Details.

Harald Frickes Kunstphilosophie

Als Literaturwissenschaftler zeigte Fricke, dass analytische Ansätze auch in dieser Wissenschaft vielen anderen Methoden überlegen sind. Seine in "Norm und Abweichung" vorgelegte Literaturtheorie gehört mit zum Besten, was zu diesem Thema in den letzten 15 Jahren publiziert wurde.
In seinem neuen Buch, "Gesetz und Freiheit", legte Fricke nun eine umfassende Theorie der Kunst vor. Uwe Spörl stellt es in einer umfangreichen Rezension vor.

Ingrid D. Rowland: Through a Glass, Darkly
(The New York Review of Books 3/2002)


In den letzten Jahren gibt es unter Kunsthistorikern verstärkt die Diskussion, inwieweit die alten Meister optische Hilfsmittel wie Linsen benutzten, um den fotorealistischen Effekt ihrer Gemälde zu verstärken. Propagiert wird diese These vor allem vom Künstler David Hockney in seinem Buch "Secret Knowledge. Rediscovering the Lost Techniques of the Old Masters".
Rowland nimmt u.a. diese Publikation zum Anlass, um sich mit diesem Thema im Detail auseinanderzusetzen. Besonders erhellend dabei ist der ausführliche Vergleich der Theorie Hockneys mit den Ausführungen Athanasius Kirchners, der sich in seinem Buch "Ars Magnae Lucis et Umbrae" (1646) ebenfalls mit diesen Fragen beschäftigte.

"Die kurze Geschichte der deutschen Literatur"

Es ist schon einige Zeit her, dass so heftig über eine literarhistorische Publikation debattiert wurde wie über das kleine Buch von Heinz Schlaffer. Auch die NZZ hat sich nun zu Wort gemeldet.

Hundstage
Regie: Ulrich Seidl
(Apollo Kino 6. März)


Seidl ist ein vielbeachteter österreichischer Filmemacher. "Hundstage" erhielt letztes Jahr den Großen Preis der Jury in Venedig. Daran wäre an sich nichts Bemerkenswertes, wäre nicht noch eine Kleinigkeit: Es ist ein grottenschlechter Film. Ästhetisch verbrämte Sozialpornographie, die sich als Kunstfilm tarnt.
Die Tarnung funktioniert allerdings mehr schlecht als recht, denn das Apollo ist ein Cineplex, das wie vergleichsweise Einrichtungen vor allem dem Mainstream frönt. Trotzdem war der Kinosaal bis auf den letzten Platz gefüllt und das Publikum genoss, was es an Demütigungen zu sehen bekam, egal was Seidl und die versammelte Filmkritik über die "kritischen" Qualitäten dieser Zelluloidverschwendung von sich geben.


10. März 2002

Nabokov: Das wahre Leben des Sebastian Knight. Roman
(rororo)


Mit dem zehnte Roman des Autors, im Dezember und Januar 1938/39 in Paris geschrieben, hat es eine besondere Bewandtnis: Er wurde zum ersten Mal direkt auf Englisch verfasst, Übersetzungen gab es bereits davor. Man kann es Nabokov also nicht verdenken, dass er seinen Erzähler spiegelbildlich anlegt, nämlich als einen im noch ungewohnten Idiom schreibenden Russen.
Das Werk wirkt auf den ersten Blick geradliniger und weniger komplex als andere seiner Bücher. Ohne Doppelbödigkeiten geht es freilich auch hier nicht: Am Schluss bleibt offen, was es mit Sebastian Knight wirklich auf sich hatte. Sicher kein Hauptwerk, aber trotzdem die Lektüre lohnend.

Der Kampf um Troja

Neuigkeiten vom aktuellen Streit der Gelehrten anläßlich zweier Neuerscheinungen.

Die Untiefen der "Wissenschaftssoziologie"

Bruno Latour gebührt die zweifelhafte Ehre, besonders dumme Dinge über die Naturwissenschaften geschrieben zu haben. Im Rahmen der Alan-Sokal-Debatte lieferte Latour dankbare Beispiele dieser speziellen Form geisteswissenschaftlicher Ignoranz. Auch sein neues Buch scheint eher eigenartige Thesen zu vertreten, was Jörg Lau ohne Mühe nachweisen kann.

Nachwuchsprobleme...

... sind aus der Verlagsbranche zu vermelden und wer könnte dies kompetenter analysieren als Joachim Güntner für die NZZ.


8. März 2002

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Philip Roth Der menschliche Makel. Roman Hanser Die Literaturkritik ist beinahe hysterisch ob der angeblichen Qualitäten des Romans
António Lobo Antunes Reigen der Verdammten. Roman dtv Übersetzerin: Maralde Meyer-Minnemann
Heimito von Doderer Die Merowinger oder Die totale Familie. Roman dtv 11. Auflage 2001
Lillian Herlands Hornstein (Editor) The Reader's Companion to World Literature New American Library 2. Auflage; mehr dazu später
Adolf Freiherr von Knigge Ausgewählte Werke in 10 Bänden Fackelträger Verlag siehe auch unter 24. Februar


5. März 2002

Noch keine Thomas-Mann-Ausgabe in Sicht

Angekündigt für Oktober 2001, wegen "technischer" Probleme auf den Februar verschoben, gibt es nun einen neuen Termin: Im Juni soll der Auftakt diesmal stattfinden ...

Flaubert: November. Erzählung
(insel taschenbuch 1865)


Ein 1910 postum veröffentlichtes Jugendwerk, das aus durchaus unterschiedlichen Gründen eine aufmerksame Lektüre verdient. Einerseits ist der 1842 abgeschlossene Text stilistisch und inhaltlich ungewöhnlich: Flaubert schildert in einem höchst expressiven Stil, dessen Bilderwelt an spätere expressionistische Texte erinnert, ziemlich freizügig die sexuellen Nöte eines Jugendlichen.
Andererseits macht sich beim einundzwanzigjährigen Autor schon dessen späteres, völlig andersgeartete sprachliche Ideal bemerkbar, der expressive Text wird gegen Ende als Aufzeichnung relativiert und ein vergleichsweise nüchterner Erzähler berichtet vom Ende des Helden, wobei auch Seitenhiebe auf den Stil des "Manuskripts" nicht fehlen.


3. März 2002

Robert Darnton: A Euro State of Mind
(The New York Review of Books 3/2002)


Es gibt eine Art von intellektueller Folklore, die darin besteht, gewisse Thesen gebetsmühlenartig zu wiederholen, Belege dafür aber schuldig zu bleiben. Eine Spielart davon ist eine undifferenzierte Aufklärungskritik: ohne zu präzisieren, was mit 'Aufklärung' eigentlich gemeint ist, wird diese für eine Reihe von Übeln auf der Welt verantwortlich gemacht, vom Waldsterben bis zu Konzentrationslagern.
Freilich führte bisher noch niemand den Nachweis, welche Ursachen genau dafür in Frage kommen und wie die Kausalkette im Detail aussieht, die von einer teilweise ziemlich heterogenen Denkhaltung im achtzehnten zu diversen Scheußlichkeiten im zwanzigsten Jahrhundert führen soll. Die Vorgehensweise von Adorno und Horkheimer in ihrer inzwischen oft belächelten "Dialektik der Aufklärung", den Aufklärungsbegriff semantisch so aufzublähen, dass von Homer bis zum Nationalsozialismus alles hineinpasst (vom bösen Jazz gar nicht zu reden), ist vom methodischen Denkansatz auch ohne diese inhaltlich absurden Thesen nicht ernst zu nehmen.
Desto erfrischender wirkt vor diesem Hintergrund der Essay Robert Darntons, der mit Verve für die Aufklärung eintritt und viel Vorbildhaftes für die Gegenwart herausarbeitet, etwa den sprichwörtlichen Kosmopolitismus unter den Gelehrten des 18. Jahrhunderts:

    The Enlightenment itself was a complex movement, full of contradictions and countercurrents. It never commanded the allegiance of a majority among the elite, and it cannot be equated with all of intellectual life in the eighteenth century. But it championed the values that lie at the heart of the European Community today, and it did so in a way that offers an alternative to nationalism - that is, it developed a pan-European mode of existence known at the time as cosmopolitanism.
    [S. 30]

Neues aus Leipzig

Markus Kolbeck hat, seine Leser werden es ihm danken, die verschiedenen bibliomanen Weblogs zu einem zusammengefasst. Außerdem wird die Bibliomaniac List wieder einmal einer Umstrukturierung unterzogen.

Zyklus Alban Berg Quartett: 3. Konzert
Mozart: Streichquartett D-Dur K 589
Rihm: Streichquartett Nr. 4
Beethoven: Streichquartett C-Dur op. 59/3
(Wiener Konzerthaus 2.3.)


Es ist immer wieder erstaunlich zu hören, wie das Ensemble zur Höchstform aufläuft, wenn Beethoven auf dem Programm steht, aber das ist ja auch diskographisch hinreichend dokumentiert.
Neu war für mich das 1979/81 entstandene vierte Streichquartett Wolfgang Rihms, das er dem Alban Berg Quartett gewidmet hatte und von diesem 1983 auch uraufgeführt wurde. Obwohl Rihm viele der klanglichen Möglichkeiten ausnutzt, welche die Neue Musik bietet, mutet das Werk vom Gesamteindruck beinahe "klassisch" an, zumal wenn es eingerahmt von Mozart und Beethoven präsentiert wird.

Private Literaturleidenschaften ...

... dokumentiert der vor allem als Theaterkritiker der SZ bekannte C. Bernd Sucher in seinem neuen Buch, das Daniela Strigl rezensiert hat.


27. Februar 2002

Ronald Dworkin: The Bush Threat
(The New York Review of Books 2/2002)


Die NYRB setzt erfreulicherweise ihre linksliberale Kritik am juristischen Amoklauf der US Regierung fort. Die Militärtribunale seien einer demokratischen Regierung unwürdig:

    [...] and the verdict might be reviewed only by the President, or the secretary of defense if the President so designates.. This is the kind of "trial" we associate with the most lawless of totalitarian dicatorships. If any American were tried by a foreign government in that way, let alone a capital crime, we would denounce that government itself criminal.
    [S. 44]
Es bleibt zu hoffen, dass sich diese Stimmen mehren. Dworkin beklagt sich berechtigterweise darüber, wie wenig Kritik an diesen beispiellosen "Antiterror-Maßnahmen" geübt wird.

Ein österreichisches Journal

Geschrieben von Karl-Markus Gauß, rezensiert von Ulrich Weinzierl.

343 amerikanische Autoren ...

... versammelt das neue Metzler-Lexikon amerikanischer Autoren. Laut Thomas Leuchtenmüller ein sehr lobenswertes Unterfangen.

Klassiker-Verlage (15): Felix Meiner

Die Philosophische Bibliothek ist wohl die wichtigste Editionsreihe philosophischer Texte im deutschsprachigen Raum. Das Anliegen blieb seit 1868 gleich, die Leser sollten mit sorgfältig editierten Texten versorgt werden. Möge ihr noch ein langes Leben beschert sein :-)


24. Februar 2002

Donald R. Kelley: Eclecticism and the History of Ideas
(Journal of the History of Ideas 4/2001)


Eklektizismus hat heute einen pejorativen Beigeschmack. Das ändert sich, wenn man eine geistesgeschichtliche Perspektive wählt, denn dann steht man vor einem vergleichsweise progressiven Phänomen. Seit der Antike wurde dieser Begriff als Gegenpol zu Schulmeinungen gebraucht. Statt sich den Theorien einer philosophischen Schule zu verschreiben, zog es der Eklektizist vor, sich das beste aus den verschiedenen Schulen auszusuchen, also plausible Erkenntnisse aus verschiedenen Schulen zu kombinieren. Historisch betrachtet, handelt es sich um eine progressive Denkrichtung, die verschiedene Systeme kritisch evaluierte und nur streng geprüfte Teile davon gelten ließ.
Kelley gibt in seinem Aufsatz einen Abriss der Geschichte des Eklektizismus. Dabei betont er vor allem die Bedeutung dieser Methode für die Entstehung eines neuen Faches, der Philosophiegeschichte.

    Thus the aim of Eclecticism was to join the old, unreflective doxographical tradition with scientific search for truth in order to give philosophical legitimacy to the practice of philosophy.
    [S. 583]
Dieser Konnex ist sehr erhellend, vor allem in Zusammenhang mit den Anfängen der Philosophiegeschichtsschreibung im Deutschland des 18. Jahrhundert, auf die Kelley ausführlich eingeht.
Weniger befriedigend an dem Text ist, dass der Autor mit keinem Wort auf die logischen Probleme des Eklektizismus eingeht, also auf die Frage, wie eine Kombination unterschiedlicher Theoriemodule aus verschiedenen Richtungen logisch kompatibel sein sollen. Hier hätten sich eine Reihe von sehr interessanten Betrachtungen anstellen lassen, beispielsweise welche minimalen logischen Kriterien solche eklektizistischen Systeme erfüllen müssen.

Adolf Freiherr von Knigge

Heute nur noch wenig gelesen und fälschlicherweise als Autor eines "Benimmbuchs" abqualifiziert, war er doch einer der wichtigeren deutschen Schriftsteller der Aufklärung. Die im Fackelträger-Verlag erschienene Werkausgabe wird derzeit bei Frölich&Kaufmann für 99 Euro verramscht.
Es handelt sich um zehn von Wolfgang Fenner herausgegebene, wohlgestaltete Bände, jeweils mit einem knappen Kommentar.

V.S. Naipaul: An der Biegung des großen Flusses. Roman
(dtv)


Mein erstes Buch von Naipaul, aber sicher nicht mein letztes. Nach den klassischen Kriterien für einen realistischen Roman ist das Werk gelungen: Scharf gezeichnete Figuren in einer lebendigen Umwelt. Der Ich-Erzähler übernimmt ein Geschäft in einer großen Stadt in Ost-Afrika und wird Zeuge des Auf und Ab der afrikanischen Politik, gespiegelt am Alltagsleben einer Stadt.
Gerade diese Schilderung der afrikanischen Lebenswelt ist - entsprechendes Interesse vorausgesetzt - ziemlich spannend. Literarisch ist der Roman gut gemacht, ein ästhetisches Aha-Erlebnis darf man jedoch nicht erwarten.


23. Februar 2002

Gramophone auf dem Weg zum Mainstream

Im Editorial der März-Ausgabe ist folgendes zu lesen, nachdem ein neues Design ab der nächsten Ausgabe angekündigt wurde:

    "Underlying our approach has been the acceptance that classical music is increasingly having to compete with other formas of music but also that a growing number of people have very broad musical sympathies. While our commitment to classical music remains paramount we're also going to take the opportunity to explore what we believe is 'good' music in other fields, particularly in areas where different genres meet und cross-pollinate."
Mit anderen Worten, Gramophone will in Zukunft ein besonderes Auge auf den Crossover-Schwachsinn werfen, von ästhetisch noch entsetzlicheren Dingen gar nicht zu reden ...

Journal of the History of Ideas 4/2001

Wie immer eine spannende Ausgabe: T.N. Rudavsky über Galileo and Spinoza, Jan C. Westerhoff über Baroque Pansemioticism, John Q. Yolton über Lockes's Man und Mark Jurdjevic über The Florentine Republican Movement u.a.

Thomas-Bernhard-Forschung

Oliver Jahraus bespricht zwei neue Bücher über den Autor, wovon sich eines ausführlich mit seinem Nachlass beschäftigt.


17. Februar 2002

Zitate aus Schiller-Briefen

Nachdem ich diese kleine Zitatenreihe nun beendete, hier alle Auszüge in einer Datei.

Günter Grass: Im Krebsgang. Novelle
(Steidl Verlag)


Endlich wieder ein lesbarer Grass! Nach dem verunglückten "Mein Jahrhundert" und dem nicht nur formal problematischen "Ein weites Feld" findet Grass wieder zu seinem alten Erzähltalent zurück. Durch zahlreiche Anspielungen nimmt er auf die Danziger Trilogie Bezug.
Uneingeschränkte Lesefreude will trotzdem nicht aufkommen. Zwar konnte Grass eine Reihe der literarischen Probleme lösen, die durch den schwer darstellbaren Gustloff-Stoff gegeben waren. So ermöglicht die Konstruktion eines Journalisten als durch ein alter ego von Günter Grass beauftragter Ghostwriter eine gewisse Distanz. Ferner wird der Vereinahmung des Buches durch Neonazis durch deren explizite Thematisierung vorgebeugt.
Allerdings ist das Buch keine Novelle, und mich verblüfft, dass dieses Gattungsproblem in den Feuilletons bis jetzt kaum thematisiert wurde. Man könnte zwar die historisch motivierte Ermordung eines sich fälschlicherweise als Juden ausgebenden Antifaschisten durch Konrad, dem in die rechte Szene abgedrifteten Sohn des Ich-Erzählers, als "unerhörte Begegebenheit" im Sinn der Novellentheorie gelten lassen. Die Erzählweise, die der Titel zurecht als Krebsgang ankündigt, und die auf diverse, nicht immer befriedigend zu Ende ausgeführte Digressionen setzt, widerspricht der Novellenform vom Prinzip her. Auch ein Leitmotiv (wie noch in Katz und Maus) ist nicht auszumachen. Die Bezeichnung wurde wohl deshalb gewählt, weil einige Handlungsstränge für einen Roman zu dünn geraten sind (etwa der über den russischen U-Boot-Kommandanten).
Trotzdem sehr lesenswert und das gelungenste Werk von Grass seit "Das Treffen in Telgte" (1979).

The Reader's Companion to World Literature

Ein 800-Seiten-Lexikon über die Weltliteratur für gut 18 Euro, da kann man nur wenig falsch machen. Habe es gerade bestellt und werde darüber berichten.

Klassiker-Verlage (14): Stroemfeld

Ein Verlag, der in den letzten Jahren das deutschsprachige Editionswesen maßgeblich prägte. Die Faksimile-Ausgabe der Werke Franz Kafkas beispielsweise ist immer noch der Anlass für heftige Debatten.
Eine Übersicht der von Stroemfeld veranstalteten Edition ist online zu finden.


16. Februar 2002

Schiller: Maria Stuart
(Burgtheater 13.2. 2002)
Regie: Andrea Breth
Elisabeth: Elisabeth Orth
Maria Stuart: Corinna Kirchhoff
Graf von Leicester: Michael König
Mortimer: Nicholas Ofczarek


Kompositorisch eines seiner besten Stücke, Privates und Öffentliches, Psychologisches und Politisches werden brillant ausbalanciert. Andrea Breth verläßt sich erfolgreich auf die Sprache Schillers und lieferte eine - im besten Sinn des Wortes - klassische Inszenzierung von Maria Stuart.
Eine der besten Burgtheater-Aufführungen der letzten zwei Jahre.

Rowohlt wird Goldmann!

Das schließe ich zumindest aus der neuen Taschenbuch-Vorschau: Bücher wie "Pure Lust. Sexuelle Phantasien der Deutschen" und "Feuer und Flamme. Eine erotisches Lesebuch" werden die Kassen sicher klingeln lassen.

Hermann Böhlaus Nachfolger in Weimar schließt

Der Weimarer Verlag wird ab sofort nur noch in Stuttgart residieren.

Klassiker-Verlage (13): Carl Hanser

Die auch von mir sehr geschätzte Münchner Goethe-Ausgabe zeigt, was Hanser beim Verlegen von Klassikern zu leisten vermag. Die unübliche chronologische Anordnung der Werke hat sich sehr bewährt, der Kommentar ist erstklassig, da er sachlich informiert und keiner germanistischen "Schule" anhängt.
Auch die zahlreichen anderen Editionen brauchen sich nicht zu verstecken, jüngeren Bücherkäufern durch die zahlreichen preisgünstigen Lizenzausgaben bekannt, die in den letzten Jahren bei Zweitausendundeins und in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienen sind.

Wagner: Der Ring der Nibelungen
(Georg Solti, Wiener Philharmoniker)


Je länger man sich mit dem Ring auseinandersetzt, desto faszinierter steht man der ungeheuerlichen, vielschichtigen Komplexität gegenüber. Musikalisch schon aufgrund der Länge von annähernd 15 Stunden nur schwer zu überblicken, inhaltlich so polyvalent, dass die üblichen Fronten im Wagner-Streit beinahe komisch wirken, wenn auf der Seite der Verehrer oder Verächter eindeutige Lesarten kanonisiert und eifrig verteidigt werden.
Es gibt in der Kulturgeschichte nur wenige Leistungen, die mit der monomanischen Wagners vergleichbar sind: Michelangelos Deckengemälde in der Sixtinische Kapelle beispielsweise, dessen große Fläche die semantische Komplexität ebenfalls exponentiell steigert, zieht man "normale" Gemälde zum Vergleich heran.
Ausschlaggebend ist hier natürlich nicht der Umfang des Werkes, sondern das durchgehaltene hohe Niveau der kreativen Leistung. Man bräuchte jeweils mehrere Monate Zeit, um sich adäquat mit ihnen zu beschäftigen.


12. Februar 2002

Platon über Konfliktmanagement

Immer noch bin ich mir unschlüssig darüber, ob es faszinierend oder doch eher deprimierend ist, wie wenig sich menschliche Verhaltensweisen in den - sagen wir einmal - letzten 2500 Jahren verändert haben. So passt folgende Empfehlung aus dem siebten Brief Platons erschreckend genau auf den Nahost-Konflikt:

[...] dann muss ein jeder, dem göttliche Gnade auch nur ein Fünkchen richtiger Einsicht beschieden hat, sich sagen, daß an ein Ende der unseligen Leiden für die an diesen Aufruhrbewegungen Beteiligten nicht zu denken ist, ehe nicht folgender Grundsatz zur Herrschaft gelangt:
Die in den Kämpfen obsiegende Partei muss sich lossagen von der leidigen Gewohnheit durch Verbannungen und Hinrichtungen ihren feindseligen Gefühlen Ausdruck zu geben und die Rache an den Feinden zu ihrer Aufgabe zu machen; vielmehr müssen die Sieger lernen sich selbst zu beherrschen und müssen Gesetze geben, die allen zugute kommen und nicht weniger den Interessen der Besiegten als dem eigenen Interesse dienen.
[Platon, Siebenter Brief 337 St.]

Natürlich wird diese Einsicht heute von Israels Regierenden ebensowenig beherzigt wie damals von Platons Landsleuten an die er diese Worte richtete. Das Zitat belegt auch, dass der explizite Verzicht auf Rache, nicht erst durch das Christentum vertreten wurde. Diese Form der rationalen Konfliktlösung durch Interessenausgleich ist dem naiven Kinderglauben des Neuen Testaments selbstverständlich vorzuziehen und zeigt wieder einmal die Regressivität des christlichen Denkens.

Goethe: Ästhetische Schriften
(Insel-Jubiläumsausgabe Band 6)


Diese Ausgabe basiert auf Text und Kommentar der Frankfurter Ausgabe und wurde von mir als Leseausgabe angeschafft. Der sechste Band versammelt u.a. auf etwa 200 Seiten (ohne Kommentar) zentrale ästhetische Schriften Goethes, die von einer klugen Auswahl zeugen und einen brauchbaren Überblick geben.
Der Kommentar erschien mir im Vergleich zur Münchner Ausgabe etwas knapp, aber durchaus nützlich. Sehr störend die Anpassung an die moderne Orthographie - ein generelles Ärgernis bei Ausgaben des Deutschen Klassikerverlags.
Es ist immer wieder beeindruckend sich vor Augen zu führen, auf welche Höhe die ästhetische Reflexion in Weimar angelangt war. Das ist im Falle Goethes als "formales" Lob zu verstehen, also als Aussage über das erfreulich hohe Abstraktionsniveau der diskutierten Fragen. Denn auch in Kunstfragen ging es Goethes Thesen nicht anders als mit denen über die Naturwissenschaften, er traf oft - auch für zeitgenössische Verhältnisse - am Kern der Sache vorbei.

Bücherfrühling (10): Metzler, Spektrum

Autor Titel Verlag Kommentar
Ludwig Finscher (Hrsg.) u.a. Europäische Musikgeschichte. 2 Bände Metzler 04/2002; 90 Euro
Bernd Feuchtner Dimitri Schostakowitsch Metzler 07/2002; 35 Euro
Bernhard Klausnitzer Wunderwelt der Käfer Spektrum 03/2002; 50 Euro; Bildband
Spektrum Verlag (Hrsg.) Physische Geographie kompakt Spektrum 01/02; 15 Euro
Arnold Hanslmeier Einführung in Astronomie und Astrophysik Spektrum 06/2002; 30 Euro


11. Februar 2002

Fontane: Grete Minde
(Aufbau TB)


Historische Novellen sind heikel, denn man muss eine adäquate Sprache dafür finden, ohne in manierierte Anachronismen zu verfallen. Fontane gelingt das in "Grete Minde" ausgezeichnet und er schuf damit einen Klassiker des Genres.

Bücherfrühling (9): Kröner, Reclam

Kröner bringt nur vier Novitäten, auf Reclam ist jedoch wie immer Verlass. So wird eine neue zwölfbändige Reihe innerhalb der Universal-Bibliothek über Epochen der Kunst erscheinen.

Autor Titel Verlag Kommentar
Thomas Koebner (Hrsg.) Reclams Sachlexikon des Films Reclam 03/02; 40 Euro; 730 Seiten
diverse Autoren Epochen der Kunst in 12 Bänden Reclam UB 04/02 (erster Band); je 7 Euro; vom Frühchristentum bis zur Gegenwart
Walahfrid Strabo De cultura hortorum / Über den Gartenbau Reclam UB 06/02; 3,60 Euro
Martin Opitz Buch von der Deutschen Poeterey Reclam UB 06/02; 5,10 Euro; neue Studienausgabe
Manfred Fuhrmann Bildung. Europas kulturelle Identität Reclam UB 04/02; 2,60 Euro
Augustinus Die christliche Bildung Reclam UB 08/02; 7,60 Euro
Wolfgang Röd Benedictus des Spinoza. Eine Einführung in sein Denken aus dem Geist der Geometrie Reclam UB 06/02; 9,60 Euro
Markus Kirchhoff Häuser des Buches. Bilder jüdischer Bibliotheken Reclam Leipzig 04/02; 25 Euro

Schiller über die Gegenwartsliteratur
Brief an Wilhelm von Humboldt vom 17. Februar 1803


Es ist jetzt ein so kläglicher Zustand in der ganzen Poesie, der Deutschen und Ausländer, daß alle Liebe und aller Glaube dazu gehört, um noch an ein Weiterstreben zu denken, und auf eine bessere Zeit zu hoffen. Die Schlegel und Tiekische Schule erscheint immer hohler und frazenhafter, während daß sich ihre Antipoden immer platter und erbärmlicher zeigen, und zwischen diesen beiden Formen schwankt nun das Publicum. An ein Zusammenhalten ist nicht zu denken, jeder steht für sich und muß sich seiner Haut wie im Naturstande wehren.
Es ist zu beklagen, dass Goethe sein Hinschlendern so überhand nehmen läßt und weil er abwechselnd alles treibt, sich auch nichts energisch concentriert.


10. Februar 2002

Wiener Bücherbörse

Alle zwei Monate findet sie statt und bringt zahlreiche Antiquare mit Bücherkäufern zusammen, nach eigenen Angaben werden ca. 100.000 Bücher angeboten, was mir etwas übertrieben erscheint. Es gibt dort eine Reihe von guten Gelegenheiten, meine Bibliothek ist wieder um sieben Bücher reicher:

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Fontenelle Philosophische Neuigkeiten für Leute von Welt und für Gelehrte. Ausgewählte Schriften Reclam Leipzig 1991
Alfred Döblin Wallenstein dtv München 1989
Hans Grimm Volk ohne Raum Albert Langen München 1934; für den Giftschrank
Hans J. Fröhlich Schubert eine Biographie rororo Reinbek 1988
Barbara Tuchman Die Torheit der Regierenden. Von Troja bis Vietnam Fischer TB Frankfurt 1991; viele handschriftliche "ha!"s des Vorbesitzers :-)
Iwan Turgenjew Briefe Aufbau Verlag Berlin 1994; gebunden
Iwan Turgenjew Literaturkritische und publizistische Schriften Aufbau Verlag Berlin 1994; gebunden
Prévost Manon Lescaut Aufbau Taschenbuch Neuerscheinung; regulärer Kauf

Aryeh Neier: The Military Tribunales on Trial
(The New York Review of Books 2/2002)


Oft wurde es konstatiert, aber man kann es nicht oft genug wiederholen: Durch die Aushöhlung der Menschenrechte innerhalb der USA spielt man den Terroristen direkt in die Hände, deren Taten als Vorwand herhalten müssen, um die "unteilbaren" Rechte in bequeme Stücke zu zergliedern.
Neier, Präsident des Open Society Institutes, nimmt die geplanten Militärtribunale zum Anlass, um die Vorgehensweise der amerikanischen Regierung einer heftigen Kritik zu unterziehen. Dabei bleibt er völlig sachlich, argumentiert zuerst instruktiv vom internationalen Recht ausgehend, um schließlich eine Reihe von politischen Argumenten anzuschließen. Ein wichtiger Beitrag zur Menschenrechtslage in den USA.

Rezensionen

Günter Franzen muss ein einflußreicher Kritiker sein, darf er doch seine Kritik der neuen Grassnovelle sowohl in der Literarischen Welt als auch in der ZEIT publizieren. Peinlich das :-)
Ebenfalls in der Literarischen Welt eine kritische Würdigung des kleinen Troja-Bandes von Michael Siebler.
Erwähnenswert ist auch noch das Porträt des Verlagers Jason Epsteins in der NZZ.

Goethe lobt die Übersetzer
(Aus: German Romance)

Wer die deutsche Sprache versteht und studiert, befindet sich auf dem Markte wo alle Nationen ihre Waren anbieten, er spielt den Dolmetscher, in dem er sich selbst bereichert.
Und so ist jeder Übersetzer anzusehen, daß er sich als Vermittler dieses allgemeinen geistigen Handels bemüht, und den Wechseltausch zu befördern sich zum Geschäft macht. Denn was man von der Unzulänglichkeit des Übersetzens sagen mag, so ist und bleibt es doch eines der wichtigsten und würdigsten Geschäfte in dem allgemeinen Weltverkehr.

Wieder online ...

... sind endlich die Autorenlinks von Boris Kalies.


9. Februar 2002

Tschechow: Die Möwe
(Akademietheater am 7.2. 2002)
Regie: Luc Bondy
Irina Nikolajewna Arkadina: Jutta Lampe
Konstantin Gawrilowitsch Trepljow: August Diehl
Pjotr Nikolajewitsch Sorin: Martin Schwab
Boris Alekajewitsch Trigorin: Gert Voss
Jewgeni Sergejewitsch Dorn: Ignaz Kircher


Es war nicht einfach, für diese notorisch ausverkaufte Inszenierung eine Karte zu bekommen, aber die Mühen wurden belohnt. Wie die Besetzungsliste bereits andeutet, wurde an schauspielerischer Kompetenz nicht gespart, herausragend besonders August Diehl als Sohn der Arkadina.
Luc Bondy betont etwas zu stark die pathologische Seite des Geschehens, ansonsten gibt es an seiner Arbeit nichts auszusetzen. Man fragt sich, warum die Stücke Tschechows so erfrischend aktuell wirken, obwohl deren Handlung auf den ersten Blick nichts mit der Gegenwart zu schaffen hat, während andere, jüngere Stücke wie die um besondere Didaktik bemühten von Brecht oder einige von Dürrenmatt schon reichlich patiniert wirken.
Eine naheliegende Antwort darauf wäre, dass Tschechows Stücke um allgemein-menschliche Probleme kreisen, eine andere, dass sie strukturell sehr klug konstruiert sind, ohne dass diese Strukturen sich dem Zuseher aufdrängen. Auch die ästhetische Reflexion innerhalb eines Dramas - wie in der Möwe rund um das Stück im Stück - zeugt von Souveränität.

Iwan Bunin: Der Sonnenstich. Erzählungen
(Reclam UB)


Dieser kleine Erzählungsband ist meine erste Bekanntschaft mit dem oft als Prosakünstler ersten Ranges gelobten Autor. Dass Bunin in der klassischen russischen (und damit europäischen) Erzähltradition steht, ist offensichtlich. Seine von der literarischen Moderne unberührten Texte sind bis ins Detail durchkomponiert. Man wird teilweise an Thomas Mann erinnert und es ist wohl kein Zufall, dass sich dieser über den russischen Kollegen wohlwollend äußerte.
Die frühe, das paternalistische Gutshofsleben verklärende Erzählung "Antonäpfel" ist von einer kaum erträglichen Süßlichkeit. Erfreulicherweise ist in seinen reifen Werken wie "Der Herr aus San Francisco" nichts mehr davon zu finden.

Klassiker-Verlage (12): Wissenschaftliche Buchgesellschaft

Eine ausgesprochen lobenswerte Rolle als Klassiker-Verlag spielt die WBG. Einerseits bringt sie regelmäßig günstige Lizenzausgaben von wichtigen Werkausgaben. Aktuell sind die für das erste Halbjahr angekündigten Editionen von Fontane (10 Leinenbände für 89.- Euro) sowie eine Gesamtausgabe der Romane und Erzählungen von Achim von Arnim (3 Bände für 30 Euro) zu nennen.
Andererseits verlegt die WBG wichtige, teils entlegene Texte in Eigenregie, etwa in der Reihe "Texte zur Forschung". Der von mir erworbene Reprint der "Summa Contra Gentiles" des Thomas von Aquin, wurde an dieser Stelle bereits erwähnt.

Schiller über Wallenstein
Brief an Wilhelm von Humboldt vom 21. März 1796


Was ich im letzten Aufsatz über den Realism gesagt, ist vom Wallenstein in höchstem Grade wahr. Er hat nichts Edles, er erscheint in keinem einzelnen LebensAkt groß, er hat wenig Würde und dergleichen, ich hoffe aber nichts destoweniger auf rein realistischem Wege einen dramatisch großen Charakter in ihm aufzustellen, der ein ächtes Lebensprincip in sich hat. Vordem habe ich im Posa und Carlos die fehlende Wahrheit durch schöne Idealität zu ersetzen gesucht, hier im Wallenstein will ich es probieren, und durch die bloße Wahrheit für die fehlende Idealitaet (die sentimentalische nämlich) entschädigen.


2. Februar 2002

Zyklus Alban Berg Quartett: 2. Konzert
Mozart: Streichquartett D-Dur K 575
Schostakowitsch: Streichquartett Nr. 7 fis-moll op. 108
Janácek: Streichquartett Nr. 2
(Wiener Konzerthaus 27.1.)


Durchsichtig Mozart, energisch-energiegeladen Schostakowitsch, brillant ausgewogen Janácek, so läßt sich kurz zusammengefasst das Konzert beschreiben. Die Zusammenstellung führte wieder einmal die ungeheure Spannweite der Ausdrucksmöglichkeiten dieses Ensembles vor Augen.

Thomas Nagel: Das letzte Wort
(Reclam)


Der New Yorker Philosoph nimmt in diesem kleinen Buch dezidiert Stellung zu den "culture war", denn er läßt keinen Zweifel daran, dass die Prinzipien der Vernunft im Erkenntnisprozess immer das letzte Wort haben müssen.
Dabei greift er einerseits klassische Argumente gegen den Relativismus auf (siehe Zitat), andererseits argumentiert Nagel intrinsisch, indem er zu zeigen versucht, dass bestimmte grundsätzliche Fragen logische Basis-Prinzipien bereits voraussetzen.
Wenig explizit geht er auf die ontologischen Implikationen seiner Erkenntnistheorie ein. So wird dem Leser schnell klar, dass er eine quasi-platonische Auffassung des Geistes vertritt. Diese wird aber immer nur indirekt gerechtfertigt, metaphysische Probleme werden kaum angesprochen. Trotzdem ein wichtiger, lesenswerter Beitrag zur laufenden Debatte.

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Baltasar Gracián Das Kritikon Amann Übersetzt und hrsg. von Hartmut Köhler
Raoul Schrott Gilgamesh WBG Heftig kritisierte Nachdichtung des Epos

S. Fischer neu

Leider nicht das Programm, sondern nur die Verlagsseiten im Web.


27. Januar 2002

Rolf Toman (Herausgeber): Wien. Kunst und Architektur
(Könemann)

Wirklich schade, dass der Könemann Verlag Konkurs anmelden musste, denn so schwergewichtige Kunstbände zu einem überschaubaren Preis bekommt man sonst nur selten.
Der Band präsentiert die Architektur- und Kunstgeschichte der Stadt in sich abwechselnden Kapiteln, das Niveau der Texte ist durchaus ansprechend. Ab und zu schleichen sich Fehler ein, so wird die Publikation des "Mann ohne Eigenschaften" um über ein Jahrzehnt nach vorne verlegt.
Die zahlreichen Fotos und Abbildungen sind ebenfalls von hinreichender Qualität, so dass der Band sehr empfehlenswert ist, nicht nur zur Vorbereitung von Spaziergängen in Wien :-) Wer Interesse hat, sollte ihn sofort kaufen (siehe oben).

Neuerscheinung: Steven Weinberg

Ein neues Buch dieses Physikers darf nicht unnotiert vorübergehen: Facing Up. Science and Its Cultural Adversaries.
Diese argumentative Unterstützung gegen die Feinde der Wissenschaft ist naturgemäß sehr willkommen, führt doch mangelndes naturwissenschaftliches Verständnis stets zu hartnäckig perpetuierten Zerrbildern in anderen Fächern.

Pankaj Mishra: The Afghan Tragedy
(The New York Review of Books 1/2002)


In einer sogar für NYRB ungewöhnlichen Länge beschreibt der Autor die aktuelle Lage in Afghanistan. Historische Erläuterungen kommen ebensowenig zu kurz, wie die Biographie Osama bin Ladens. Wer sich über Afghanistan informieren will, ist mit diesem Aufsatz sehr gut beraten.

Schiller über Gegenwartsliteratur und Homer
Brief an Wilhelm von Humboldt am 25. Dezember 1795


Um endlich auch die Erfahrung zu befragen, so werden Sie mir eingestehen, daß kein griechisches Trauerspiel dem Gehalt nach sich mit demjenigen messen kann, was in dieser Rücksicht von Neuern geleistet werden kann. Eine gewisse Armuth und Leerheit wird man immer daran zu tadeln finden, wenigstens ist dieß mein, immer gleichförmig wiederkehrendes Gefühl. Homers Werke haben zwar einen hohen subjectiven Gehalt, (sie geben dem Geist eine reiche Beschäftigung), aber keinen so hohen objectiven (sie erweitern den Geist ganz und gar nicht, sondern bewegen nur die Kräfte, wie sie wirklich sind). Seine Dichtungen haben eine unendliche Fläche, aber keine solche Tiefe. Was sie an Tiefe haben, das ist ein Effekt des Ganzen, nicht des einzelnen; die Natur im Ganzen ist immer unendlich und grundlos.


26. Januar 2002

Beethoven: 4 Klaviersonaten (Nr. 17, 21, 25, 26)
Maurizio Pollini (1989)
(DG 427 642-2)


Brillant und atemberaubend!

Christopher Marlowe: Der Jude von Malta
(Burgtheater 23.1. 2002)
Regie: Peter Zadek
Gert Voss, Paulus Manker, Mareike Sedl, Ignaz Kircher uva.


Rückblickend drängt sich hartnäckig das Wort harmlos auf, wenn man ein treffendes Adjektiv für die Inszenierung sucht. Zadek legte eine routinierte Regiearbeit ohne Überraschungen vor. Schauspielerisch gab es kaum etwas auszusetzen. Das Drama vom Rachefeldzug des reichen Juden hat naturgemäß antisemitische Untertöne, die durch die freizügig geübte Kritik am Christentum und Islam allerdings etwas relativiert werden. Dieser religionskritische Aspekt ist noch der interessanteste, reicht aber auch nicht aus, um die Aufnahme in einen aktuellen Spielplan zu rechtfertigen.

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Christopher Marlowe Der Jude von Malta Burgtheater Wien Programmheft mit Text; Übersetzung Elfriede Jelinek und Karin Rausch
Hartmut Lange Die Selbstverbrennung detebe modern antiquarisch erworben

Thomas Nagel über den Subjektivismus

Die These "Alles ist subjektiv" muß unsinnig sein, denn sie müßte ihrerseits entweder subjektiv oder objektiv sein. Objektiv kann sie aber nicht sein, denn sonst wäre sie im Falle der Wahrheit falsch. Subjektiv kann sie auch nicht sein, denn sonst würde sie keine objektive Behauptung ausschließen, unter anderem auch nicht die Behauptung, daß sie selbst objektiv falsch sei. Einige Subjektivisten, die sich womöglich als Pragmatisten gerieren, präsentieren ihren Subjektivismus vielleicht so, daß er sogar auf sie selbst zutrifft. Doch in diesem Fall bedarf der Subjektivismus keiner Erwiderung, denn er ist dann nichts weiter als eine Schilderung der dem Subjektivisten genehmen Äußerungen. Sollte uns der Subjektivist überdies auffordern, ihm beizupflichten, brauchen wir keinen Grund für unsere Ablehnung zu nennen, denn einen Grund beizupflichten hat er nicht genannt.
Diese Art von Einwänden ist uralt, aber dennoch scheint es stets von neuem nötig sein, sie zu wiederholen.
[Thomas Nagel: Das letzte Wort. Reclam UB. S. 24f.]

Uralt in der Tat, aber schön zusammengefasst.


22. Januar 2002

W.G. Sebald

So ungern ich einen Link auf das postmoderne Modeblättchen Literaturkritik.de setze, dieser Nachruf von Franz Loquai rechtfertigt eine Ausnahme von der Regel.

Laurence Sterne: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentlemen
(2001)
Übersetzer: Michael Walter


Höchste Zeit war es, den Roman zum zweiten Mal zu lesen, erstmals in der zurecht gelobten Übersetzung von Michael Walter. Ursprünglich wollte ich nur zwei, drei der neun Bücher lesen, schaffte es aber beim besten Willen nicht, vor dem Ende aufzuhören.
Die Souveränität, mit der Sterne über seine erzähltechnischen Mittel verfügt ist immer wieder frappierend. Noch heute sind die Nachwehen seiner Innovationen zu erkennen und es gibt nur wenige Bücher, welche die Romankunst so stark revolutionierten wie der "Tristram Shandy". Was den Humor angeht, haben einige Stellen inzwischen etwas Patina angesetzt, aber das schadet dem Werk nicht bzw. wird durch die immer noch treffenden philosophischen Digressionen wett gemacht.

Bücherfrühling 2002 (8) : Rowohlt

Schon der Begleitbrief ist erschreckend:

    Es gibt neue Verlags-Logos, es gibt ein vollkommen neues Vorschaukonzept. Betrachten Sie beides als Teil einer groß angelegten Offensive - für eine neue Übersichtlichkeit bei Rowohlt.
Das neue Programm ist in der Tat übersichtlich, ein überschaubarer Einheitsbrei an Büchern im neuen verschwommenen Einheitsdesign der Buchgestaltung. Nur wenige Titel ragen hervor, darunter ein paar "alte" Rowohlt-Autoren aus Amerika.

Autor Titel Verlag Kommentar
José Saramago Das Zentrum Rowohlt 3/2002; 23.- Euro
Paul Auster Das Buch der Illusionen Rowohlt 7/2002; 20.- Euro
Thomas Pynchon [Romane in neuer Ausstattung] rororo 5/2002
Christopher R. Browning Der Weg zur Endlösung. Entscheidungen und Täter rororo 6/2002; 9.- Euro
Michael Töteberg Rainer Werner Fassbinder rororo Monographie 5/2002; 8,50.- Euro
Veit Jakobus Dieterich Die Reformatoren rororo Monographie 10/2002; 8,50.- Euro
Heinrich Vormweg Günter Grass rororo Monographie 9/2002; 8,50.- Euro


20. Januar 2002

Reise nach Kandahar
(Filmcasino am 19.1.)
Regie: Moshen Makhmalbaf


Das Bedürfnis der Menschen zu verstehen, was in Afghanistan passiert, scheint groß zu sein. Anders läßt sich der große Andrang selbst zur Spätvorstellung nicht erklären. Der Film bietet nicht viel Neues, man weiß bereits, dass Frauenrechte inexistent sind, das Land vermint ist und manche Aspekte der afghanischen Kultur archaisch anmuten. Generell belegt er sehr schön, dass Religion(en) zu den größten Plagen der Menschheit gehören, aber das ist ebenfalls keine revolutionäre Erkenntnis.
Der Film vergrößert das Wissen um die dortige Situation also nur marginal. Auch formal überzeugt das Werk nur teilweise, emotional freilich verläßt man das Kino durchaus beeindruckt.

John G. Dunne: The Hardest War
(The New York Review of Books 20/2001)


Es gibt verschiedene publizistische Wege, sich kritisch mit dem Kriegsgeschehen in Afghanistan auseinanderzusetzen. Die NYRB bringt einen Artikel, der den Leser detailliert mit Kriegsgrausamkeiten konfrontiert, allerdings mit den wenig ins historische Bewusstsein gedrungenen Schlachten im Pazifik während des 2. Weltkriegs.
Es wird ausgiebig aus Memoiren von Soldaten zitiert, die teils unglaubliche Erlebnisse schildern. Dadurch öffnet sich ein Abgrund zwischen realem Kriegsgeschehen und wohlfeilem Patriotismus. Eine publizistische Glanzleistung.

Italienische Reisen
(Österreichische Gemäldegalerie im Belvedere


Die Wiener Kunstsammlungen sind meist in architektonisch ansprechenden Ambiente zu sehen, so auch die Österreichische Gemäldegalerie im Oberen Belvedere, erbaut von Lukas von Hildebrand 1721-23, und eine der schönsten Barockanlagen ihrer Art.
Die Ausstellung versammelt italienische Landschaftsbilder österreichischer und ungarischer Maler, die zwischen 1770 - 1830 entstanden sind. Die Anordnung der Bilder folgt verschiedenen Kriterien, meist hängen sie nach geographischen Gesichtspunkten (Rom, Venedig, Neapel). Seltener sind thematische Räume, wie der Saal mit den Vesuvausbrüchen, der allerdings in schönem Kontrast mit den Beginn der Ausstellung steht, an dem arkadische Naturidyllen gezeigt werden.

Literarische Welt

So ungenießbar "Die Welt" als Zeitung ist, die wöchentliche Literaturbeilage erweist sich als zuverlässiger Begleiter durch die Höhen und Tiefen des Literaturbetriebs. So verreisst Ulrich Weinzierl den neuen Roman von Peter Handke - "Von Botho Strauß zu Peter Handke ist's nur ein Gedankensprung, nicht weiter als vom anschwellenden zum geschwollenen Bocksgesang" -, portraitiert Wieland Freund die Verlegerin Antje Kunstmann und lobt Martin Ebel den Abschluss der neuen Brief-Edition von Clara und Robert Schumann.

Klassiker-Verlage (11): Hermann Böhlaus Nachfolger Weimar

Der Verlag mit dem eigenartigen Namen zeichnet sich auf dem Gebiet der Klassiker-Edition vor allem mit der großen Schiller "Nationalausgabe" aus. Wichtig auch die Ausgabe mit Goethes "Amtlichen Schriften", von der Neuauflage der Sophienausgabe gar nicht zu reden.
Viel Martin Luther bietet die derzeit für 3542 Euro erhältliche Sonderedition der Weimarer Ausgabe (120 Bände). Alles mehr für den Spezialisten denn für den durchschnittlichen Bücherkäufer gedacht.

Schiller über Karl Philipp Moritz
Brief an Charlotte von Lengefeld vom 3. Januar 1789


Sie wollten wißen, ob Moritz sich überhaupt für seinen Anton Reiser gehalten lassen will? Aus der Art, wie der davon spricht, sollte ichs fast glauben, und überhaupt ist er der Mensch nicht, der in solchen Dingen an sich hält. Es ist Philosoph und Weltbürger, dem es gar nicht einfällt, sein eigenes Ich zu schonen, wo es darauf ankömmt, der Wahrheit und Schönheit zu huldigen.


16. Januar 2002

Bücherfrühling 2002 (7) : Insel Verlag

Bemerkenswert ist die Büchner-Werkausgabe im Insel Taschenbuch Verlag, beruht sie doch auf den beiden, ein vielfaches kostenden Bände des Deutschen Klassiker Verlags. Man kann sich nur wünschen, dass in Zukunft mehr "DKV-Taschenbücher" bei Insel erscheinen. Leider gibt es sonst bei den Taschenbüchern nichts Bemerkenswertes mehr.

Autor Titel Verlag Kommentar
Thomas Brasch Shakespeare-Übersetzungen Insel 4/2002; 30.- Euro
Rose Unterberger Die Goethe-Chronik Insel 4/2002; 34.- Euro
Ralph Freedman Rainer Maria Rilke. 2. Band Insel Biographie; 5/2002; 30.- Euro
Johann Gottfried Seume Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802 Insel Leinen im Schuber; 2/2002; 33.- Euro
Ruth Rahmeyer Ottilie von Goethe. Eine Biographie Insel TB 9/2002; 10.- Euro
Georg Büchner Sämtliche Werke in zwei Bänden Insel TB Ausgabe des Deutschen Klassiker Verlags; 5/2002; 25.- Euro

Goethe über Bibliotheken und Bibliothekare
(Aus: Winckelmann und sein Jahrhundert)


Ein Bücherkenner ist überall willkommen und er war es in jener Zeit noch mehr, als die Lust merkwürdige und rare Bücher zu sammeln lebendiger, das bibliothekarische Geschäft noch mehr in sich selbst beschränkt war. Eine große deutsche Bibliothek sah einer römischen ähnlich. Sie konnten mit einander im Besitz der Bücher wetteifern. Der Bibliothekar eines deutschen Grafen war für einen Kardinal ein erwünschter Hausgenosse und konnte sich auch da gleich wieder als zu Hause finden. Die Bibliotheken waren wirkliche Schatzkammern, anstatt daß man sie jetzt, bei dem schnellen Fortschreiten der Wissenschaften, bei dem zweckmäßigen und zwecklosen Anhäufen der Druckschriften, mehr als nützliche Vorratskammern und zugleich als unnütze Gerümpelkammern anzusehen hat, so daß ein Bibliothekar, weit mehr als sonst, sich von dem Gange der Wissenschaft, von dem Wert und Unwert der Schriften zu unterrichten Ursache hat, und ein deutscher Bibliothekar Kenntnisse besitzen muss, die fürs Ausland verloren wären.

Rezension

Rölleke, Heinz (Hg.): Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. Kritische Ausgabe in Einzelbänden. Bd. 1: Briefwechsel zwischen Jacob und Wilhelm Grimm. Teil 1: Text. Stuttgart: S. Hirzel Verlag 2001. (Rezensiert von Rüdiger Nutt-Kofoth).


13. Januar 2002

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Klaus Wagenbach Franz Kafka rororo Monographien teilweise eine Neufassung; gerade erschienen
Wespenheft Nr. 125 Ernst Jandl Wespennest Auf den ersten Blick schön gemachte Jandl-Hommage

Klaus Wagenbach: Franz Kafka
(rororo Monographie)


Zwar kann ich mich an die alte Version dieser Monographie nur noch teilweise erinnern, allerdings scheint die Neufassung sehr stark auf der ursprünglichen Version zu beruhen. Selbstverständlich wurde sie an das neue Design der Reihe angepasst.
Von der Qualität her gehört Wagenbachs kleines Kafka-Buch sicher zu den besseren Monographien und eignet sich sehr gut für den ersten Einstieg in dessen Leben und Werk.

Don Bates: Machina Ex Deo: William Harvey and the Meaning of Instrument
(Journal of the History of Ideas 4/2000)


Die Wissenschaftsgeschichtsschreibung hat längst zu Tage gefördert, dass eine Reihe wissenschaftlicher Glanzleistungen auf "dubiose" Motive zurückgehen, etwa wenn Kopernikus das heliozentrische Weltbild auch damit rechtfertigte, dass die Sonne im Universum eine ähnliche Rolle spiele als Platons Idee des Guten im Reich der Ideen.
William Harvey ist durch die Entdeckung des Blutkreislaufs berühmt geworden, aber er hat auch sonst eine Menge an empirischen Studien betrieben. Trotzdem war er nach den Maßstäben des 16. Jahrhunderts ein konservativer Denker, konkret ein Aristoteliker, der mit dem neuen philosophischen Weltbild z.B. eines Francis Bacon nur wenig anfangen konnte.
Don Bates nimmt diese Situation zum Anlass, Harveys philosophische Auffassung des Instrumentalismus darzustellen, wozu er naheliegenderweise auf Aristoteles zurückgreift:
    In short, while it cannot be said from today's perspective that Aristotle's notion of instrument was far out at the mechanical end of the spectrum, neither was his user of the instrument out at the strictly psycho-social end.
    In fact, as has long been understood, explanations of the world in the thinking of the Ancient Greeks in general were not couched in dualistic terms that made the psycho-social and the mechanical mutually exclusive. Rather, they thought in terms of what might be characterized as a spectrum of explanations that ranged from the autonomous to the automatic, or from the actively self-governing to the merely self-moving.
    (S. 581)
Diese Frage, ob/inwieweit also zur Erklärung der Natur bzw. der Ursachen der natürlichen Phänomene auf instrumentelle Elemente zurückgegriffen werden muss, prägte das naturphilosophische Denken bis weit in die Neuzeit hinein.
Harvey schlägt sich in dieser Frage auf die Seite der Anhänger des Aristoteles:
    [...] Harvey's intuitions and motives were those of a natural philosopher, not a modern scientist. As such, he was striving for comprehensive, coherent, epistemologically defensible world view that would ultimately answer such fundamental questions as how man relates to creation. As an Aristotelian, this meant addressing some of the most puzzling and wondrous of all the phenomena of nature - fertilization, embryological development, and even simple growth. In fact, it was that larger picture [...] which was Harvey's life-long passion, the result of possibly thirty-five years empirical investigations
    (S. 588)

Bücherfrühling 2002 (6) : Suhrkamp Taschenbuch Verlag

Die Suhrkamp Taschenbücher lassen naturgemäß den 75. Geburtstag Martin Walsers am 24. März ebensowenig wie den 125. Geburtstag Hermann Hesses vorübergehen, ohne eine Reihe von Sonderausgaben "in besonderer" Ausstattung zu veröffentlichen.
Ebenfalls hübsch ein Buch Peter Sloterdijks: "Falls Europa erwacht". Falls Europa wirklich erwacht, wird es jedenfalls keine Sloterdijk-Bücher mehr lesen ... Dafür findet sich nur noch ein einziges Buch, das der analytischen Philosophie zugerechnet werden kann, der Lektoratswechsel bei stw macht sich nun - wie zu erwarten - sehr negativ bemerkbar.

Autor Titel Verlag Kommentar
Adolf Muschg Der rote Ritter Suhrkamp Taschenbuch 10/2002; 18.- Euro
Robert Walser Sämtliche Werke in 20 Bänden Suhrkamp Taschenbuch in neuer Ausstattung; 10/2002; 148.- Euro
Clarin Die Präsidentin Suhrkamp Taschenbuch 4/2002; 15.- Euro
Julija Bogoeva (Hrsg.) Srebrenica. Ein Prozeß. Dokumente und Materialien Suhrkamp Taschenbuch 8/2002; 10.- Euro
Moritz Schlick Fragen der Ethik suhrkamp taschenbuch wissenschaft 7/2002; 10.- Euro


10. Januar 2002

Bücherfrühling 2002 (5) : Deutscher Klassiker Verlag, Suhrkamp

Der Deutsche Klassiker Verlag bringt seine komplette Bibliothek (177 Bände) als Paket heraus. Die Abnahme aller Bände kostet 15.800.- Euro. Man kann auch ein Jahresabonnement bestellen, dann erhält man jährlich 20 Bände für 980.- Euro. Allerdings kann man sich die Bände nicht aussuchen. Damit nicht genug: Für den Herbst ebenfalls angekündigt werden die beiden Briefbände der Schiller-Ausgabe, auf die man nur gespannt sein kann.

Autor Titel Verlag Kommentar
Friedrich Schiller Briefe I Deutscher Klassiker Verlag 9/2002; 82.- Euro
Friedrich Schiller Briefe II Deutscher Klassiker Verlag 10/2002; 82.- Euro
Johann Gottfried Seume Briefe Deutscher Klassiker Verlag damit ist die Seume-Ausgabe komplett; 3/2002; 80.- Euro
Peter Handke Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos Suhrkamp der Vollständigkeit halber :-) 01/02; 29,90 Euro
Hans Magnus Enzensberger Die Elixiere der Wissenschaft. Seitenblicke in Poesie und Prosa Suhrkamp 3/2002; 20 Euro
Felix Hartlaub "In den eigenen Umriss gebannt". Kriegsaufzeichnungen, literarische Fragmente und Briefe aus den Jahren 1939 bis 1945 Suhrkamp 2 Bände; 1200 Seiten; 4/2002; 64 Euro
Dubravka Ugresic Lesen verboten Suhrkamp 3/2002; 22,90 Euro
John Dewey Logik. Theorie der Forschung Suhrkamp 5/2002; 34 Euro
Theodor W. Adorno; Thomas Mann Briefwechsel 1943-1955 Suhrkamp 5/2002; 25 Euro



5. Januar 2002

Bücherfrühling 2002 (4) : Otto Müller, Aufbau

Das Programm des Aufbau Verlags ist mehr deprimierend als inspirierend ...

Autor Titel Verlag Kommentar
Inge Morath New York Otto Müller Fotos aus fünf Jahrzehnten; 5/2002; 46 Euro
Anna Seghers Aufstand der Fischer von St. Barbara Aufbau Werkausgabe Band I/1.1; 4/2002; 22,50 Euro
Gotthard Erler Das Herz bleibt immer jung. Emilie Fontane. Eine Biographie Aufbau 2/2002; 25 Euro
Lion Feuchtwanger Josephus-Trilogie. 3 Bände Aufbau TB Nachauflage in neuer Ausstattung; 3/2002; 25 Euro
Wilhelm Bode Goethes Sohn Aufbau TB 5/2002; 8,95 Euro

Baltasar Gracián: Das Kritikon

Zwei lesenswerte Artikel über diese bemerkenswerte Ausgabe des Barockromans von Karl-Markus Gauß und Ralph Rainer Wuthenow.


1. Januar 2002

Goethe: Die natürliche Tochter
(Münchner Ausgabe)


Wohl das bekannteste der unbekannten seiner Dramen. Im Vergleich zu peinlichen Stücken wie dem "Bürgergeneral" hat seine geistige Auseinandersetzung mit der französischen Revolution mehr als 10 Jahre danach an Reife gewonnen. Das von Goethe als "dämonisch" wahrgenommene Geschehen wird mit einem strengen Formwillen klassisch komponiert, wie das dichte Gewebe der Motive und die präzis eingesetzte sprachliche Symbolik zeigt. Die Darstellung ist abstrakt, die Figuren bis auf die Protagonisten namenlos. Zweifellos ein sehr aufschlussreiches Werk.

Goethe über Literaturverfilmungen
Brief an Friedrich Schiller vom 23. Dezember 1797


Sie werden hundertmal gehört haben, daß man nach Lesung eines guten Romans gewünscht hat, den Gegenstand auf dem Theater zu sehen, und wie viel schlechte Dramen sind daher entstanden! Eben so wollen die Menschen jede interessante Situation gleich in Kupfer gestochen sehen; damit nur ja ihrer Imagination keine Tätigkeit übrig bleibe, so soll alles sinnlich wahr, vollkommen gegenwärtig, dramatisch sein und das Dramatische selbst soll sich dem wirklich Wahren völlig an die Seite stellen.
Diesen eigentlich kindischen, barbarischen, abgeschmackten Tendenzen sollte nun der Künstler aus allen Kräften widerstehen, Kunstwerk durch Kunstwerk durch undurchdringliche Zauberkreise sondern, jedes bei seiner Eigenschaft und seinen Eigenheiten erhalten, so wie es die Alten getan haben und dadurch eben solche Künstler wurden und waren. Aber wer kann sein Schiff von den Wellen sondern, auf denen es schwimmt? Gegen Strom und Wind legt man nur kleine Strecken zurück.

Die Horen - Reprint

Das Erscheinen dieser Ausgabe ging völlig an mir vorbei, passt aber gut zu den beiden letzten Einträgen: Der Reprint ist bei Metzler in sieben Bänden erschienen und kostet ca. 290 Euro.

Die Kladde

Das Lektüre-Weblog von Regina Dinter ist unbedingt eine Erwähnung wert, sind die guten doch sehr selten :-)



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