Übersicht --- Notizen --- Archiv --- 1. Quartal 2002
|
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Philip Roth | Der menschliche Makel. Roman | Hanser | Die Literaturkritik ist beinahe hysterisch ob der angeblichen Qualitäten des Romans |
| António Lobo Antunes | Reigen der Verdammten. Roman | dtv | Übersetzerin: Maralde Meyer-Minnemann |
| Heimito von Doderer | Die Merowinger oder Die totale Familie. Roman | dtv | 11. Auflage 2001 |
| Lillian Herlands Hornstein (Editor) | The Reader's Companion to World Literature | New American Library | 2. Auflage; mehr dazu später |
| Adolf Freiherr von Knigge | Ausgewählte Werke in 10 Bänden | Fackelträger Verlag | siehe auch unter 24. Februar |
5. März 2002
Noch keine Thomas-Mann-Ausgabe in Sicht
Angekündigt für Oktober 2001, wegen "technischer" Probleme auf den Februar verschoben, gibt es nun einen neuen Termin: Im Juni soll der Auftakt diesmal stattfinden ...
Flaubert: November. Erzählung
(insel taschenbuch 1865)
Ein 1910 postum veröffentlichtes Jugendwerk, das aus durchaus unterschiedlichen Gründen eine aufmerksame Lektüre verdient. Einerseits ist der 1842 abgeschlossene Text stilistisch und inhaltlich ungewöhnlich: Flaubert schildert in einem höchst expressiven Stil, dessen Bilderwelt an spätere expressionistische Texte erinnert, ziemlich freizügig die sexuellen Nöte eines Jugendlichen.
Andererseits macht sich beim einundzwanzigjährigen Autor schon dessen späteres, völlig andersgeartete sprachliche Ideal bemerkbar, der expressive Text wird gegen Ende als Aufzeichnung relativiert und ein vergleichsweise nüchterner Erzähler berichtet vom Ende des Helden, wobei auch Seitenhiebe auf den Stil des "Manuskripts" nicht fehlen.
3. März 2002
Robert Darnton: A Euro State of Mind
(The New York Review of Books 3/2002)
Es gibt eine Art von intellektueller Folklore, die darin besteht, gewisse Thesen gebetsmühlenartig zu wiederholen, Belege dafür aber schuldig zu bleiben. Eine Spielart davon ist eine undifferenzierte Aufklärungskritik: ohne zu präzisieren, was mit 'Aufklärung' eigentlich gemeint ist, wird diese für eine Reihe von Übeln auf der Welt verantwortlich gemacht, vom Waldsterben bis zu Konzentrationslagern.
Freilich führte bisher noch niemand den Nachweis, welche Ursachen genau dafür in Frage kommen und wie die Kausalkette im Detail aussieht, die von einer teilweise ziemlich heterogenen Denkhaltung im achtzehnten zu diversen Scheußlichkeiten im zwanzigsten Jahrhundert führen soll. Die Vorgehensweise von Adorno und Horkheimer in ihrer inzwischen oft belächelten "Dialektik der Aufklärung", den Aufklärungsbegriff semantisch so aufzublähen, dass von Homer bis zum Nationalsozialismus alles hineinpasst (vom bösen Jazz gar nicht zu reden), ist vom methodischen Denkansatz auch ohne diese inhaltlich absurden Thesen nicht ernst zu nehmen.
Desto erfrischender wirkt vor diesem Hintergrund der Essay Robert Darntons, der mit Verve für die Aufklärung eintritt und viel Vorbildhaftes für die Gegenwart herausarbeitet, etwa den sprichwörtlichen Kosmopolitismus unter den Gelehrten des 18. Jahrhunderts:
The Enlightenment itself was a complex movement, full of contradictions and countercurrents. It never commanded the allegiance of a majority among the elite, and it cannot be equated with all of intellectual life in the eighteenth century. But it championed the values that lie at the heart of the European Community today, and it did so in a way that offers an alternative to nationalism - that is, it developed a pan-European mode of existence known at the time as cosmopolitanism.
[S. 30]
Neues aus Leipzig
Markus Kolbeck hat, seine Leser werden es ihm danken, die verschiedenen bibliomanen Weblogs zu einem zusammengefasst. Außerdem wird die Bibliomaniac List wieder einmal einer Umstrukturierung unterzogen.
Zyklus Alban Berg Quartett: 3. Konzert
Mozart: Streichquartett D-Dur K 589
Rihm: Streichquartett Nr. 4
Beethoven: Streichquartett C-Dur op. 59/3
(Wiener Konzerthaus 2.3.)
Es ist immer wieder erstaunlich zu hören, wie das Ensemble zur Höchstform aufläuft, wenn Beethoven auf dem Programm steht, aber das ist ja auch diskographisch hinreichend dokumentiert.
Neu war für mich das 1979/81 entstandene vierte Streichquartett Wolfgang Rihms, das er dem Alban Berg Quartett gewidmet hatte und von diesem 1983 auch uraufgeführt wurde. Obwohl Rihm viele der klanglichen Möglichkeiten ausnutzt, welche die Neue Musik bietet, mutet das Werk vom Gesamteindruck beinahe "klassisch" an, zumal wenn es eingerahmt von Mozart und Beethoven präsentiert wird.
Private Literaturleidenschaften ...
... dokumentiert der vor allem als Theaterkritiker der SZ bekannte C. Bernd Sucher in seinem neuen Buch, das Daniela Strigl rezensiert hat.
27. Februar 2002
Ronald Dworkin: The Bush Threat
(The New York Review of Books 2/2002)
Die NYRB setzt erfreulicherweise ihre linksliberale Kritik am juristischen Amoklauf der US Regierung fort. Die Militärtribunale seien einer demokratischen Regierung unwürdig:
[...] and the verdict might be reviewed only by the President, or the secretary of defense if the President so designates.. This is the kind of "trial" we associate with the most lawless of totalitarian dicatorships. If any American were tried by a foreign government in that way, let alone a capital crime, we would denounce that government itself criminal.
Es bleibt zu hoffen, dass sich diese Stimmen mehren. Dworkin beklagt sich berechtigterweise darüber, wie wenig Kritik an diesen beispiellosen "Antiterror-Maßnahmen" geübt wird.
[S. 44]
Ein österreichisches Journal
Geschrieben von Karl-Markus Gauß, rezensiert von Ulrich Weinzierl.
343 amerikanische Autoren ...
... versammelt das neue Metzler-Lexikon amerikanischer Autoren. Laut Thomas Leuchtenmüller ein sehr lobenswertes Unterfangen.
Klassiker-Verlage (15): Felix Meiner
Die Philosophische Bibliothek ist wohl die wichtigste Editionsreihe philosophischer Texte im deutschsprachigen Raum. Das Anliegen blieb seit 1868 gleich, die Leser sollten mit sorgfältig editierten Texten versorgt werden. Möge ihr noch ein langes Leben beschert sein :-)
24. Februar 2002
Donald R. Kelley: Eclecticism and the History of Ideas
(Journal of the History of Ideas 4/2001)
Eklektizismus hat heute einen pejorativen Beigeschmack. Das ändert sich, wenn man eine geistesgeschichtliche Perspektive wählt, denn dann steht man vor einem vergleichsweise progressiven Phänomen. Seit der Antike wurde dieser Begriff als Gegenpol zu Schulmeinungen gebraucht. Statt sich den Theorien einer philosophischen Schule zu verschreiben, zog es der Eklektizist vor, sich das beste aus den verschiedenen Schulen auszusuchen, also plausible Erkenntnisse aus verschiedenen Schulen zu kombinieren. Historisch betrachtet, handelt es sich um eine progressive Denkrichtung, die verschiedene Systeme kritisch evaluierte und nur streng geprüfte Teile davon gelten ließ.
Kelley gibt in seinem Aufsatz einen Abriss der Geschichte des Eklektizismus. Dabei betont er vor allem die Bedeutung dieser Methode für die Entstehung eines neuen Faches, der Philosophiegeschichte.
Thus the aim of Eclecticism was to join the old, unreflective doxographical tradition with scientific search for truth in order to give philosophical legitimacy to the practice of philosophy.
Dieser Konnex ist sehr erhellend, vor allem in Zusammenhang mit den Anfängen der Philosophiegeschichtsschreibung im Deutschland des 18. Jahrhundert, auf die Kelley ausführlich eingeht.
[S. 583]
Weniger befriedigend an dem Text ist, dass der Autor mit keinem Wort auf die logischen Probleme des Eklektizismus eingeht, also auf die Frage, wie eine Kombination unterschiedlicher Theoriemodule aus verschiedenen Richtungen logisch kompatibel sein sollen. Hier hätten sich eine Reihe von sehr interessanten Betrachtungen anstellen lassen, beispielsweise welche minimalen logischen Kriterien solche eklektizistischen Systeme erfüllen müssen.
Adolf Freiherr von Knigge
Heute nur noch wenig gelesen und fälschlicherweise als Autor eines "Benimmbuchs" abqualifiziert, war er doch einer der wichtigeren deutschen Schriftsteller der Aufklärung. Die im Fackelträger-Verlag erschienene Werkausgabe wird derzeit bei Frölich&Kaufmann für 99 Euro verramscht.
Es handelt sich um zehn von Wolfgang Fenner herausgegebene, wohlgestaltete Bände, jeweils mit einem knappen Kommentar.
V.S. Naipaul: An der Biegung des großen Flusses. Roman
(dtv)
Mein erstes Buch von Naipaul, aber sicher nicht mein letztes. Nach den klassischen Kriterien für einen realistischen Roman ist das Werk gelungen: Scharf gezeichnete Figuren in einer lebendigen Umwelt. Der Ich-Erzähler übernimmt ein Geschäft in einer großen Stadt in Ost-Afrika und wird Zeuge des Auf und Ab der afrikanischen Politik, gespiegelt am Alltagsleben einer Stadt.
Gerade diese Schilderung der afrikanischen Lebenswelt ist - entsprechendes Interesse vorausgesetzt - ziemlich spannend. Literarisch ist der Roman gut gemacht, ein ästhetisches Aha-Erlebnis darf man jedoch nicht erwarten.
23. Februar 2002
Gramophone auf dem Weg zum Mainstream
Im Editorial der März-Ausgabe ist folgendes zu lesen, nachdem ein
neues Design ab der nächsten Ausgabe angekündigt wurde:
"Underlying our approach has been the acceptance that classical music is increasingly having to compete with other formas of music but also that a growing number of people have very broad musical sympathies. While our commitment to classical music remains paramount we're also going to take the opportunity to explore what we believe is 'good' music in other fields, particularly in areas where different genres meet und cross-pollinate."
Mit anderen Worten, Gramophone will in Zukunft ein besonderes Auge auf
den Crossover-Schwachsinn werfen, von ästhetisch noch entsetzlicheren
Dingen gar nicht zu reden ...
Journal of the History of Ideas 4/2001
Wie immer eine spannende Ausgabe: T.N. Rudavsky über Galileo and Spinoza, Jan C. Westerhoff über Baroque Pansemioticism, John Q. Yolton über Lockes's Man und Mark Jurdjevic über The Florentine Republican Movement u.a.
Thomas-Bernhard-Forschung
Oliver Jahraus bespricht zwei neue Bücher über den Autor, wovon sich eines ausführlich mit seinem Nachlass beschäftigt.
17. Februar 2002
Zitate aus Schiller-Briefen
Nachdem ich diese kleine Zitatenreihe nun beendete, hier alle Auszüge in einer Datei.
Günter Grass: Im Krebsgang. Novelle
(Steidl Verlag)
Endlich wieder ein lesbarer Grass! Nach dem verunglückten "Mein Jahrhundert" und dem nicht nur formal problematischen "Ein weites Feld" findet Grass wieder zu seinem alten Erzähltalent zurück. Durch zahlreiche Anspielungen nimmt er auf die Danziger Trilogie Bezug.
Uneingeschränkte Lesefreude will trotzdem nicht aufkommen. Zwar konnte Grass eine Reihe der literarischen Probleme lösen, die durch den schwer darstellbaren Gustloff-Stoff gegeben waren. So ermöglicht die Konstruktion eines Journalisten als durch ein alter ego von Günter Grass beauftragter Ghostwriter eine gewisse Distanz. Ferner wird der Vereinahmung des Buches durch Neonazis durch deren explizite Thematisierung vorgebeugt.
Allerdings ist das Buch keine Novelle, und mich verblüfft, dass dieses Gattungsproblem in den Feuilletons bis jetzt kaum thematisiert wurde. Man könnte zwar die historisch motivierte Ermordung eines sich fälschlicherweise als Juden ausgebenden Antifaschisten durch Konrad, dem in die rechte Szene abgedrifteten Sohn des Ich-Erzählers, als "unerhörte Begegebenheit" im Sinn der Novellentheorie gelten lassen. Die Erzählweise, die der Titel zurecht als Krebsgang ankündigt, und die auf diverse, nicht immer befriedigend zu Ende ausgeführte Digressionen setzt, widerspricht der Novellenform vom Prinzip her. Auch ein Leitmotiv (wie noch in Katz und Maus) ist nicht auszumachen. Die Bezeichnung wurde wohl deshalb gewählt, weil einige Handlungsstränge für einen Roman zu dünn geraten sind (etwa der über den russischen U-Boot-Kommandanten).
Trotzdem sehr lesenswert und das gelungenste Werk von Grass seit "Das Treffen in Telgte" (1979).
The Reader's Companion to World Literature
Ein 800-Seiten-Lexikon über die Weltliteratur für gut 18 Euro, da kann man nur wenig falsch machen. Habe es gerade bestellt und werde darüber berichten.
Klassiker-Verlage (14): Stroemfeld
Ein Verlag, der in den letzten Jahren das deutschsprachige Editionswesen maßgeblich prägte. Die Faksimile-Ausgabe der Werke Franz Kafkas beispielsweise ist immer noch der Anlass für heftige Debatten.
Eine Übersicht der von Stroemfeld veranstalteten Edition ist online zu finden.
16. Februar 2002
Schiller: Maria Stuart
(Burgtheater 13.2. 2002)
Regie: Andrea Breth
Elisabeth: Elisabeth Orth
Maria Stuart: Corinna Kirchhoff
Graf von Leicester: Michael König
Mortimer: Nicholas Ofczarek
Kompositorisch eines seiner besten Stücke, Privates und Öffentliches, Psychologisches und Politisches werden brillant ausbalanciert. Andrea Breth verläßt sich erfolgreich auf die Sprache Schillers und lieferte eine - im besten Sinn des Wortes - klassische Inszenzierung von Maria Stuart.
Eine der besten Burgtheater-Aufführungen der letzten zwei Jahre.
Rowohlt wird Goldmann!
Das schließe ich zumindest aus der neuen Taschenbuch-Vorschau: Bücher wie "Pure Lust. Sexuelle Phantasien der Deutschen" und "Feuer und Flamme. Eine erotisches Lesebuch" werden die Kassen sicher klingeln lassen.
Hermann Böhlaus Nachfolger in Weimar schließt
Der Weimarer Verlag wird ab sofort nur noch in Stuttgart residieren.
Klassiker-Verlage (13): Carl Hanser
Die auch von mir sehr geschätzte Münchner Goethe-Ausgabe zeigt, was Hanser beim Verlegen von Klassikern zu leisten vermag. Die unübliche chronologische Anordnung der Werke hat sich sehr bewährt, der Kommentar ist erstklassig, da er sachlich informiert und keiner germanistischen "Schule" anhängt.
Auch die zahlreichen anderen Editionen brauchen sich nicht zu verstecken, jüngeren Bücherkäufern durch die zahlreichen preisgünstigen Lizenzausgaben bekannt, die in den letzten Jahren bei Zweitausendundeins und in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienen sind.
Wagner: Der Ring der Nibelungen
(Georg Solti, Wiener Philharmoniker)
Je länger man sich mit dem Ring auseinandersetzt, desto faszinierter steht man der ungeheuerlichen, vielschichtigen Komplexität gegenüber. Musikalisch schon aufgrund der Länge von annähernd 15 Stunden nur schwer zu überblicken, inhaltlich so polyvalent, dass die üblichen Fronten im Wagner-Streit beinahe komisch wirken, wenn auf der Seite der Verehrer oder Verächter eindeutige Lesarten kanonisiert und eifrig verteidigt werden.
Es gibt in der Kulturgeschichte nur wenige Leistungen, die mit der monomanischen Wagners vergleichbar sind: Michelangelos Deckengemälde in der Sixtinische Kapelle beispielsweise, dessen große Fläche die semantische Komplexität ebenfalls exponentiell steigert, zieht man "normale" Gemälde zum Vergleich heran.
Ausschlaggebend ist hier natürlich nicht der Umfang des Werkes, sondern das durchgehaltene hohe Niveau der kreativen Leistung. Man bräuchte jeweils mehrere Monate Zeit, um sich adäquat mit ihnen zu beschäftigen.
12. Februar 2002
Platon über Konfliktmanagement
Immer noch bin ich mir unschlüssig darüber, ob es faszinierend oder doch eher deprimierend ist, wie wenig sich menschliche Verhaltensweisen in den - sagen wir einmal - letzten 2500 Jahren verändert haben. So passt folgende Empfehlung aus dem siebten Brief Platons erschreckend genau auf den Nahost-Konflikt:
[...] dann muss ein jeder, dem göttliche Gnade auch nur ein Fünkchen richtiger Einsicht beschieden hat, sich sagen, daß an ein Ende der unseligen Leiden für die an diesen Aufruhrbewegungen Beteiligten nicht zu denken ist, ehe nicht folgender Grundsatz zur Herrschaft gelangt:
Die in den Kämpfen obsiegende Partei muss sich lossagen von der leidigen Gewohnheit durch Verbannungen und Hinrichtungen ihren feindseligen Gefühlen Ausdruck zu geben und die Rache an den Feinden zu ihrer Aufgabe zu machen; vielmehr müssen die Sieger lernen sich selbst zu beherrschen und müssen Gesetze geben, die allen zugute kommen und nicht weniger den Interessen der Besiegten als dem eigenen Interesse dienen.
[Platon, Siebenter Brief 337 St.]
Natürlich wird diese Einsicht heute von Israels Regierenden ebensowenig beherzigt wie damals von Platons Landsleuten an die er diese Worte richtete. Das Zitat belegt auch, dass der explizite Verzicht auf Rache, nicht erst durch das Christentum vertreten wurde. Diese Form der rationalen Konfliktlösung durch Interessenausgleich ist dem naiven Kinderglauben des Neuen Testaments selbstverständlich vorzuziehen und zeigt wieder einmal die Regressivität des christlichen Denkens.
Goethe: Ästhetische Schriften
(Insel-Jubiläumsausgabe Band 6)
Diese Ausgabe basiert auf Text und Kommentar der Frankfurter Ausgabe und wurde von mir als Leseausgabe angeschafft. Der sechste Band versammelt u.a. auf etwa 200 Seiten (ohne Kommentar) zentrale ästhetische Schriften Goethes, die von einer klugen Auswahl zeugen und einen brauchbaren Überblick geben.
Der Kommentar erschien mir im Vergleich zur Münchner Ausgabe etwas knapp, aber durchaus nützlich. Sehr störend die Anpassung an die moderne Orthographie - ein generelles Ärgernis bei Ausgaben des Deutschen Klassikerverlags.
Es ist immer wieder beeindruckend sich vor Augen zu führen, auf welche Höhe die ästhetische Reflexion in Weimar angelangt war. Das ist im Falle Goethes als "formales" Lob zu verstehen, also als Aussage über das erfreulich hohe Abstraktionsniveau der diskutierten Fragen. Denn auch in Kunstfragen ging es Goethes Thesen nicht anders als mit denen über die Naturwissenschaften, er traf oft - auch für zeitgenössische Verhältnisse - am Kern der Sache vorbei.
Bücherfrühling (10): Metzler, Spektrum
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Ludwig Finscher (Hrsg.) u.a. | Europäische Musikgeschichte. 2 Bände | Metzler | 04/2002; 90 Euro |
| Bernd Feuchtner | Dimitri Schostakowitsch | Metzler | 07/2002; 35 Euro |
| Bernhard Klausnitzer | Wunderwelt der Käfer | Spektrum | 03/2002; 50 Euro; Bildband |
| Spektrum Verlag (Hrsg.) | Physische Geographie kompakt | Spektrum | 01/02; 15 Euro |
| Arnold Hanslmeier | Einführung in Astronomie und Astrophysik | Spektrum | 06/2002; 30 Euro |
11. Februar 2002
Fontane: Grete Minde
(Aufbau TB)
Historische Novellen sind heikel, denn man muss eine adäquate Sprache dafür finden, ohne in manierierte Anachronismen zu verfallen. Fontane gelingt das in "Grete Minde" ausgezeichnet und er schuf damit einen Klassiker des Genres.
Bücherfrühling (9): Kröner, Reclam
Kröner bringt nur vier Novitäten, auf Reclam ist jedoch wie immer Verlass. So wird eine neue zwölfbändige Reihe innerhalb der Universal-Bibliothek über Epochen der Kunst erscheinen.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Thomas Koebner (Hrsg.) | Reclams Sachlexikon des Films | Reclam | 03/02; 40 Euro; 730 Seiten |
| diverse Autoren | Epochen der Kunst in 12 Bänden | Reclam UB | 04/02 (erster Band); je 7 Euro; vom Frühchristentum bis zur Gegenwart |
| Walahfrid Strabo | De cultura hortorum / Über den Gartenbau | Reclam UB | 06/02; 3,60 Euro |
| Martin Opitz | Buch von der Deutschen Poeterey | Reclam UB | 06/02; 5,10 Euro; neue Studienausgabe |
| Manfred Fuhrmann | Bildung. Europas kulturelle Identität | Reclam UB | 04/02; 2,60 Euro |
| Augustinus | Die christliche Bildung | Reclam UB | 08/02; 7,60 Euro |
| Wolfgang Röd | Benedictus des Spinoza. Eine Einführung in sein Denken aus dem Geist der Geometrie | Reclam UB | 06/02; 9,60 Euro |
| Markus Kirchhoff | Häuser des Buches. Bilder jüdischer Bibliotheken | Reclam Leipzig | 04/02; 25 Euro |
10. Februar 2002
Wiener Bücherbörse
Alle zwei Monate findet sie statt und bringt zahlreiche Antiquare mit Bücherkäufern zusammen, nach eigenen Angaben werden ca. 100.000 Bücher angeboten, was mir etwas übertrieben erscheint. Es gibt dort eine Reihe von guten Gelegenheiten, meine Bibliothek ist wieder um sieben Bücher reicher:
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Fontenelle | Philosophische Neuigkeiten für Leute von Welt und für Gelehrte. Ausgewählte Schriften | Reclam Leipzig | 1991 |
| Alfred Döblin | Wallenstein | dtv | München 1989 |
| Hans Grimm | Volk ohne Raum | Albert Langen | München 1934; für den Giftschrank |
| Hans J. Fröhlich | Schubert eine Biographie | rororo | Reinbek 1988 |
| Barbara Tuchman | Die Torheit der Regierenden. Von Troja bis Vietnam | Fischer TB | Frankfurt 1991; viele handschriftliche "ha!"s des Vorbesitzers :-) |
| Iwan Turgenjew | Briefe | Aufbau Verlag | Berlin 1994; gebunden |
| Iwan Turgenjew | Literaturkritische und publizistische Schriften | Aufbau Verlag | Berlin 1994; gebunden |
| Prévost | Manon Lescaut | Aufbau Taschenbuch | Neuerscheinung; regulärer Kauf |
9. Februar 2002
Tschechow: Die Möwe
(Akademietheater am 7.2. 2002)
Regie: Luc Bondy
Irina Nikolajewna Arkadina: Jutta Lampe
Konstantin Gawrilowitsch Trepljow: August Diehl
Pjotr Nikolajewitsch Sorin: Martin Schwab
Boris Alekajewitsch Trigorin: Gert Voss
Jewgeni Sergejewitsch Dorn: Ignaz Kircher
Es war nicht einfach, für diese notorisch ausverkaufte Inszenierung eine Karte zu bekommen, aber die Mühen wurden belohnt. Wie die Besetzungsliste bereits andeutet, wurde an schauspielerischer Kompetenz nicht gespart, herausragend besonders August Diehl als Sohn der Arkadina.
Luc Bondy betont etwas zu stark die pathologische Seite des Geschehens, ansonsten gibt es an seiner Arbeit nichts auszusetzen. Man fragt sich, warum die Stücke Tschechows so erfrischend aktuell wirken, obwohl deren Handlung auf den ersten Blick nichts mit der Gegenwart zu schaffen hat, während andere, jüngere Stücke wie die um besondere Didaktik bemühten von Brecht oder einige von Dürrenmatt schon reichlich patiniert wirken.
Eine naheliegende Antwort darauf wäre, dass Tschechows Stücke um allgemein-menschliche Probleme kreisen, eine andere, dass sie strukturell sehr klug konstruiert sind, ohne dass diese Strukturen sich dem Zuseher aufdrängen. Auch die ästhetische Reflexion innerhalb eines Dramas - wie in der Möwe rund um das Stück im Stück - zeugt von Souveränität.
Iwan Bunin: Der Sonnenstich. Erzählungen
(Reclam UB)
Dieser kleine Erzählungsband ist meine erste Bekanntschaft mit dem oft als Prosakünstler ersten Ranges gelobten Autor. Dass Bunin in der klassischen russischen (und damit europäischen) Erzähltradition steht, ist offensichtlich. Seine von der literarischen Moderne unberührten Texte sind bis ins Detail durchkomponiert. Man wird teilweise an Thomas Mann erinnert und es ist wohl kein Zufall, dass sich dieser über den russischen Kollegen wohlwollend äußerte.
Die frühe, das paternalistische Gutshofsleben verklärende Erzählung "Antonäpfel" ist von einer kaum erträglichen Süßlichkeit. Erfreulicherweise ist in seinen reifen Werken wie "Der Herr aus San Francisco" nichts mehr davon zu finden.
Klassiker-Verlage (12): Wissenschaftliche Buchgesellschaft
Eine ausgesprochen lobenswerte Rolle als Klassiker-Verlag spielt die WBG. Einerseits bringt sie regelmäßig günstige Lizenzausgaben von wichtigen Werkausgaben. Aktuell sind die für das erste Halbjahr angekündigten Editionen von Fontane (10 Leinenbände für 89.- Euro) sowie eine Gesamtausgabe der Romane und Erzählungen von Achim von Arnim (3 Bände für 30 Euro) zu nennen.
Andererseits verlegt die WBG wichtige, teils entlegene Texte in Eigenregie, etwa in der Reihe "Texte zur Forschung". Der von mir erworbene Reprint der "Summa Contra Gentiles" des Thomas von Aquin, wurde an dieser Stelle bereits erwähnt.
Schiller über Wallenstein
Brief an Wilhelm von Humboldt vom 21. März 1796
Was ich im letzten Aufsatz über den Realism gesagt, ist vom Wallenstein in höchstem Grade wahr. Er hat nichts Edles, er erscheint in keinem einzelnen LebensAkt groß, er hat wenig Würde und dergleichen, ich hoffe aber nichts destoweniger auf rein realistischem Wege einen dramatisch großen Charakter in ihm aufzustellen, der ein ächtes Lebensprincip in sich hat. Vordem habe ich im Posa und Carlos die fehlende Wahrheit durch schöne Idealität zu ersetzen gesucht, hier im Wallenstein will ich es probieren, und durch die bloße Wahrheit für die fehlende Idealitaet (die sentimentalische nämlich) entschädigen.
2. Februar 2002
Zyklus Alban Berg Quartett: 2. Konzert
Mozart: Streichquartett D-Dur K 575
Schostakowitsch: Streichquartett Nr. 7 fis-moll op. 108
Janácek: Streichquartett Nr. 2
(Wiener Konzerthaus 27.1.)
Durchsichtig Mozart, energisch-energiegeladen Schostakowitsch, brillant ausgewogen Janácek, so läßt sich kurz zusammengefasst das Konzert beschreiben. Die Zusammenstellung führte wieder einmal die ungeheure Spannweite der Ausdrucksmöglichkeiten dieses Ensembles vor Augen.
Thomas Nagel: Das letzte Wort
(Reclam)
Der New Yorker Philosoph nimmt in diesem kleinen Buch dezidiert Stellung zu den "culture war", denn er läßt keinen Zweifel daran, dass die Prinzipien der Vernunft im Erkenntnisprozess immer das letzte Wort haben müssen.
Dabei greift er einerseits klassische Argumente gegen den Relativismus auf (siehe Zitat), andererseits argumentiert Nagel intrinsisch, indem er zu zeigen versucht, dass bestimmte grundsätzliche Fragen logische Basis-Prinzipien bereits voraussetzen.
Wenig explizit geht er auf die ontologischen Implikationen seiner Erkenntnistheorie ein. So wird dem Leser schnell klar, dass er eine quasi-platonische Auffassung des Geistes vertritt. Diese wird aber immer nur indirekt gerechtfertigt, metaphysische Probleme werden kaum angesprochen. Trotzdem ein wichtiger, lesenswerter Beitrag zur laufenden Debatte.
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Baltasar Gracián | Das Kritikon | Amann | Übersetzt und hrsg. von Hartmut Köhler |
| Raoul Schrott | Gilgamesh | WBG | Heftig kritisierte Nachdichtung des Epos |
27. Januar 2002
Rolf Toman (Herausgeber): Wien. Kunst und Architektur
(Könemann)
Wirklich schade, dass der Könemann Verlag Konkurs anmelden musste, denn so schwergewichtige Kunstbände zu einem überschaubaren Preis bekommt man sonst nur selten.
Der Band präsentiert die Architektur- und Kunstgeschichte der Stadt in sich abwechselnden Kapiteln, das Niveau der Texte ist durchaus ansprechend. Ab und zu schleichen sich Fehler ein, so wird die Publikation des "Mann ohne Eigenschaften" um über ein Jahrzehnt nach vorne verlegt.
Die zahlreichen Fotos und Abbildungen sind ebenfalls von hinreichender Qualität, so dass der Band sehr empfehlenswert ist, nicht nur zur Vorbereitung von Spaziergängen in Wien :-) Wer Interesse hat, sollte ihn sofort kaufen (siehe oben).
Neuerscheinung: Steven Weinberg
Ein neues Buch dieses Physikers darf nicht unnotiert vorübergehen: Facing Up. Science and Its Cultural Adversaries.
Diese argumentative Unterstützung gegen die Feinde der Wissenschaft ist naturgemäß sehr willkommen, führt doch mangelndes naturwissenschaftliches Verständnis stets zu hartnäckig perpetuierten Zerrbildern in anderen Fächern.
Pankaj Mishra: The Afghan Tragedy
(The New York Review of Books 1/2002)
In einer sogar für NYRB ungewöhnlichen Länge beschreibt der Autor die aktuelle Lage in Afghanistan. Historische Erläuterungen kommen ebensowenig zu kurz, wie die Biographie Osama bin Ladens. Wer sich über Afghanistan informieren will, ist mit diesem Aufsatz sehr gut beraten.
Schiller über Gegenwartsliteratur und Homer
Brief an Wilhelm von Humboldt am 25. Dezember 1795
Um endlich auch die Erfahrung zu befragen, so werden Sie mir eingestehen, daß kein griechisches Trauerspiel dem Gehalt nach sich mit demjenigen messen kann, was in dieser Rücksicht von Neuern geleistet werden kann. Eine gewisse Armuth und Leerheit wird man immer daran zu tadeln finden, wenigstens ist dieß mein, immer gleichförmig wiederkehrendes Gefühl. Homers Werke haben zwar einen hohen subjectiven Gehalt, (sie geben dem Geist eine reiche Beschäftigung), aber keinen so hohen objectiven (sie erweitern den Geist ganz und gar nicht, sondern bewegen nur die Kräfte, wie sie wirklich sind). Seine Dichtungen haben eine unendliche Fläche, aber keine solche Tiefe. Was sie an Tiefe haben, das ist ein Effekt des Ganzen, nicht des einzelnen; die Natur im Ganzen ist immer unendlich und grundlos.
26. Januar 2002
Beethoven: 4 Klaviersonaten (Nr. 17, 21, 25, 26)
Maurizio Pollini (1989)
(DG 427 642-2)
Brillant und atemberaubend!
Christopher Marlowe: Der Jude von Malta
(Burgtheater 23.1. 2002)
Regie: Peter Zadek
Gert Voss, Paulus Manker, Mareike Sedl, Ignaz Kircher uva.
Rückblickend drängt sich hartnäckig das Wort harmlos auf, wenn man ein treffendes Adjektiv für die Inszenierung sucht. Zadek legte eine routinierte Regiearbeit ohne Überraschungen vor. Schauspielerisch gab es kaum etwas auszusetzen. Das Drama vom Rachefeldzug des reichen Juden hat naturgemäß antisemitische Untertöne, die durch die freizügig geübte Kritik am Christentum und Islam allerdings etwas relativiert werden. Dieser religionskritische Aspekt ist noch der interessanteste, reicht aber auch nicht aus, um die Aufnahme in einen aktuellen Spielplan zu rechtfertigen.
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Christopher Marlowe | Der Jude von Malta | Burgtheater Wien | Programmheft mit Text; Übersetzung Elfriede Jelinek und Karin Rausch |
| Hartmut Lange | Die Selbstverbrennung | detebe | modern antiquarisch erworben |
22. Januar 2002
W.G. Sebald
So ungern ich einen Link auf das postmoderne Modeblättchen Literaturkritik.de setze, dieser Nachruf von Franz Loquai rechtfertigt eine Ausnahme von der Regel.
Laurence Sterne: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentlemen
(2001)
Übersetzer: Michael Walter
Höchste Zeit war es, den Roman zum zweiten Mal zu lesen, erstmals in der zurecht gelobten Übersetzung von Michael Walter. Ursprünglich wollte ich nur zwei, drei der neun Bücher lesen, schaffte es aber beim besten Willen nicht, vor dem Ende aufzuhören.
Die Souveränität, mit der Sterne über seine erzähltechnischen Mittel verfügt ist immer wieder frappierend. Noch heute sind die Nachwehen seiner Innovationen zu erkennen und es gibt nur wenige Bücher, welche die Romankunst so stark revolutionierten wie der "Tristram Shandy". Was den Humor angeht, haben einige Stellen inzwischen etwas Patina angesetzt, aber das schadet dem Werk nicht bzw. wird durch die immer noch treffenden philosophischen Digressionen wett gemacht.
Bücherfrühling 2002 (8) : Rowohlt
Schon der Begleitbrief ist erschreckend:
Es gibt neue Verlags-Logos, es gibt ein vollkommen neues Vorschaukonzept. Betrachten Sie beides als Teil einer groß angelegten Offensive - für eine neue Übersichtlichkeit bei Rowohlt.
Das neue Programm ist in der Tat übersichtlich, ein überschaubarer Einheitsbrei an Büchern im neuen verschwommenen Einheitsdesign der Buchgestaltung. Nur wenige Titel ragen hervor, darunter ein paar "alte" Rowohlt-Autoren aus Amerika.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| José Saramago | Das Zentrum | Rowohlt | 3/2002; 23.- Euro |
| Paul Auster | Das Buch der Illusionen | Rowohlt | 7/2002; 20.- Euro |
| Thomas Pynchon | [Romane in neuer Ausstattung] | rororo | 5/2002 |
| Christopher R. Browning | Der Weg zur Endlösung. Entscheidungen und Täter | rororo | 6/2002; 9.- Euro |
| Michael Töteberg | Rainer Werner Fassbinder | rororo Monographie | 5/2002; 8,50.- Euro |
| Veit Jakobus Dieterich | Die Reformatoren | rororo Monographie | 10/2002; 8,50.- Euro |
| Heinrich Vormweg | Günter Grass | rororo Monographie | 9/2002; 8,50.- Euro |
20. Januar 2002
Reise nach Kandahar
(Filmcasino am 19.1.)
Regie: Moshen Makhmalbaf
Das Bedürfnis der Menschen zu verstehen, was in Afghanistan passiert, scheint groß zu sein. Anders läßt sich der große Andrang selbst zur Spätvorstellung nicht erklären. Der Film bietet nicht viel Neues, man weiß bereits, dass Frauenrechte inexistent sind, das Land vermint ist und manche Aspekte der afghanischen Kultur archaisch anmuten. Generell belegt er sehr schön, dass Religion(en) zu den größten Plagen der Menschheit gehören, aber das ist ebenfalls keine revolutionäre Erkenntnis.
Der Film vergrößert das Wissen um die dortige Situation also nur marginal. Auch formal überzeugt das Werk nur teilweise, emotional freilich verläßt man das Kino durchaus beeindruckt.
John G. Dunne: The Hardest War
(The New York Review of Books 20/2001)
Es gibt verschiedene publizistische Wege, sich kritisch mit dem Kriegsgeschehen in Afghanistan auseinanderzusetzen. Die NYRB bringt einen Artikel, der den Leser detailliert mit Kriegsgrausamkeiten konfrontiert, allerdings mit den wenig ins historische Bewusstsein gedrungenen Schlachten im Pazifik während des 2. Weltkriegs.
Es wird ausgiebig aus Memoiren von Soldaten zitiert, die teils unglaubliche Erlebnisse schildern. Dadurch öffnet sich ein Abgrund zwischen realem Kriegsgeschehen und wohlfeilem Patriotismus. Eine publizistische Glanzleistung.
Italienische Reisen
(Österreichische Gemäldegalerie im Belvedere
Die Wiener Kunstsammlungen sind meist in architektonisch ansprechenden Ambiente zu sehen, so auch die Österreichische Gemäldegalerie im Oberen Belvedere, erbaut von Lukas von Hildebrand 1721-23, und eine der schönsten Barockanlagen ihrer Art.
Die Ausstellung versammelt italienische Landschaftsbilder österreichischer und ungarischer Maler, die zwischen 1770 - 1830 entstanden sind. Die Anordnung der Bilder folgt verschiedenen Kriterien, meist hängen sie nach geographischen Gesichtspunkten (Rom, Venedig, Neapel). Seltener sind thematische Räume, wie der Saal mit den Vesuvausbrüchen, der allerdings in schönem Kontrast mit den Beginn der Ausstellung steht, an dem arkadische Naturidyllen gezeigt werden.
Literarische Welt
So ungenießbar "Die Welt" als Zeitung ist, die wöchentliche Literaturbeilage erweist sich als zuverlässiger Begleiter durch die Höhen und Tiefen des Literaturbetriebs. So verreisst Ulrich Weinzierl den neuen Roman von Peter Handke - "Von Botho Strauß zu Peter Handke ist's nur ein Gedankensprung, nicht weiter als vom anschwellenden zum geschwollenen Bocksgesang" -, portraitiert Wieland Freund die Verlegerin Antje Kunstmann und lobt Martin Ebel den Abschluss der neuen Brief-Edition von Clara und Robert Schumann.
Klassiker-Verlage (11): Hermann Böhlaus Nachfolger Weimar
Der Verlag mit dem eigenartigen Namen zeichnet sich auf dem Gebiet der Klassiker-Edition vor allem mit der großen Schiller "Nationalausgabe" aus. Wichtig auch die Ausgabe mit Goethes "Amtlichen Schriften", von der Neuauflage der Sophienausgabe gar nicht zu reden.
Viel Martin Luther bietet die derzeit für 3542 Euro erhältliche Sonderedition der Weimarer Ausgabe (120 Bände). Alles mehr für den Spezialisten denn für den durchschnittlichen Bücherkäufer gedacht.
Schiller über Karl Philipp Moritz
Brief an Charlotte von Lengefeld vom 3. Januar 1789
Sie wollten wißen, ob Moritz sich überhaupt für seinen Anton Reiser gehalten lassen will? Aus der Art, wie der davon spricht, sollte ichs fast glauben, und überhaupt ist er der Mensch nicht, der in solchen Dingen an sich hält. Es ist Philosoph und Weltbürger, dem es gar nicht einfällt, sein eigenes Ich zu schonen, wo es darauf ankömmt, der Wahrheit und Schönheit zu huldigen.
16. Januar 2002
Bücherfrühling 2002 (7) : Insel Verlag
Bemerkenswert ist die Büchner-Werkausgabe im Insel Taschenbuch Verlag, beruht sie doch auf den beiden, ein vielfaches kostenden Bände des Deutschen Klassiker Verlags. Man kann sich nur wünschen, dass in Zukunft mehr "DKV-Taschenbücher" bei Insel erscheinen. Leider gibt es sonst bei den Taschenbüchern nichts Bemerkenswertes mehr.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Thomas Brasch | Shakespeare-Übersetzungen | Insel | 4/2002; 30.- Euro |
| Rose Unterberger | Die Goethe-Chronik | Insel | 4/2002; 34.- Euro |
| Ralph Freedman | Rainer Maria Rilke. 2. Band | Insel | Biographie; 5/2002; 30.- Euro |
| Johann Gottfried Seume | Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802 | Insel | Leinen im Schuber; 2/2002; 33.- Euro |
| Ruth Rahmeyer | Ottilie von Goethe. Eine Biographie | Insel TB | 9/2002; 10.- Euro |
| Georg Büchner | Sämtliche Werke in zwei Bänden | Insel TB | Ausgabe des Deutschen Klassiker Verlags; 5/2002; 25.- Euro |
13. Januar 2002
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Klaus Wagenbach | Franz Kafka | rororo Monographien | teilweise eine Neufassung; gerade erschienen |
| Wespenheft Nr. 125 | Ernst Jandl | Wespennest | Auf den ersten Blick schön gemachte Jandl-Hommage |
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Adolf Muschg | Der rote Ritter | Suhrkamp Taschenbuch | 10/2002; 18.- Euro |
| Robert Walser | Sämtliche Werke in 20 Bänden | Suhrkamp Taschenbuch | in neuer Ausstattung; 10/2002; 148.- Euro |
| Clarin | Die Präsidentin | Suhrkamp Taschenbuch | 4/2002; 15.- Euro |
| Julija Bogoeva (Hrsg.) | Srebrenica. Ein Prozeß. Dokumente und Materialien | Suhrkamp Taschenbuch | 8/2002; 10.- Euro |
| Moritz Schlick | Fragen der Ethik | suhrkamp taschenbuch wissenschaft | 7/2002; 10.- Euro |
10. Januar 2002
Bücherfrühling 2002 (5) : Deutscher Klassiker Verlag, Suhrkamp
Der Deutsche Klassiker Verlag bringt seine komplette Bibliothek (177 Bände) als Paket heraus. Die Abnahme aller Bände kostet 15.800.- Euro. Man kann auch ein Jahresabonnement bestellen, dann erhält man jährlich 20 Bände für 980.- Euro. Allerdings kann man sich die Bände nicht aussuchen. Damit nicht genug: Für den Herbst ebenfalls angekündigt werden die beiden Briefbände der Schiller-Ausgabe, auf die man nur gespannt sein kann.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Friedrich Schiller | Briefe I | Deutscher Klassiker Verlag | 9/2002; 82.- Euro |
| Friedrich Schiller | Briefe II | Deutscher Klassiker Verlag | 10/2002; 82.- Euro |
| Johann Gottfried Seume | Briefe | Deutscher Klassiker Verlag | damit ist die Seume-Ausgabe komplett; 3/2002; 80.- Euro |
| Peter Handke | Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos | Suhrkamp | der Vollständigkeit halber :-) 01/02; 29,90 Euro |
| Hans Magnus Enzensberger | Die Elixiere der Wissenschaft. Seitenblicke in Poesie und Prosa | Suhrkamp | 3/2002; 20 Euro |
| Felix Hartlaub | "In den eigenen Umriss gebannt". Kriegsaufzeichnungen, literarische Fragmente und Briefe aus den Jahren 1939 bis 1945 | Suhrkamp | 2 Bände; 1200 Seiten; 4/2002; 64 Euro |
| Dubravka Ugresic | Lesen verboten | Suhrkamp | 3/2002; 22,90 Euro |
| John Dewey | Logik. Theorie der Forschung | Suhrkamp | 5/2002; 34 Euro |
| Theodor W. Adorno; Thomas Mann | Briefwechsel 1943-1955 | Suhrkamp | 5/2002; 25 Euro |
5. Januar 2002
Bücherfrühling 2002 (4) : Otto Müller, Aufbau
Das Programm des Aufbau Verlags ist mehr deprimierend als inspirierend ...
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Inge Morath | New York | Otto Müller | Fotos aus fünf Jahrzehnten; 5/2002; 46 Euro |
| Anna Seghers | Aufstand der Fischer von St. Barbara | Aufbau | Werkausgabe Band I/1.1; 4/2002; 22,50 Euro |
| Gotthard Erler | Das Herz bleibt immer jung. Emilie Fontane. Eine Biographie | Aufbau | 2/2002; 25 Euro |
| Lion Feuchtwanger | Josephus-Trilogie. 3 Bände | Aufbau TB | Nachauflage in neuer Ausstattung; 3/2002; 25 Euro |
| Wilhelm Bode | Goethes Sohn | Aufbau TB | 5/2002; 8,95 Euro |
1. Januar 2002
Goethe: Die natürliche Tochter
(Münchner Ausgabe)
Wohl das bekannteste der unbekannten seiner Dramen. Im Vergleich zu peinlichen Stücken wie dem "Bürgergeneral" hat seine geistige Auseinandersetzung mit der französischen Revolution mehr als 10 Jahre danach an Reife gewonnen. Das von Goethe als "dämonisch" wahrgenommene Geschehen wird mit einem strengen Formwillen klassisch komponiert, wie das dichte Gewebe der Motive und die präzis eingesetzte sprachliche Symbolik zeigt. Die Darstellung ist abstrakt, die Figuren bis auf die Protagonisten namenlos. Zweifellos ein sehr aufschlussreiches Werk.
Goethe über Literaturverfilmungen
Brief an Friedrich Schiller vom 23. Dezember 1797
Sie werden hundertmal gehört haben, daß man nach Lesung eines guten Romans gewünscht hat, den Gegenstand auf dem Theater zu sehen, und wie viel schlechte Dramen sind daher entstanden! Eben so wollen die Menschen jede interessante Situation gleich in Kupfer gestochen sehen; damit nur ja ihrer Imagination keine Tätigkeit übrig bleibe, so soll alles sinnlich wahr, vollkommen gegenwärtig, dramatisch sein und das Dramatische selbst soll sich dem wirklich Wahren völlig an die Seite stellen.
Diesen eigentlich kindischen, barbarischen, abgeschmackten Tendenzen sollte nun der Künstler aus allen Kräften widerstehen, Kunstwerk durch Kunstwerk durch undurchdringliche Zauberkreise sondern, jedes bei seiner Eigenschaft und seinen Eigenheiten erhalten, so wie es die Alten getan haben und dadurch eben solche Künstler wurden und waren. Aber wer kann sein Schiff von den Wellen sondern, auf denen es schwimmt? Gegen Strom und Wind legt man nur kleine Strecken zurück.
Die Horen - Reprint
Das Erscheinen dieser Ausgabe ging völlig an mir vorbei, passt aber gut zu den beiden letzten Einträgen: Der Reprint ist bei Metzler in sieben Bänden erschienen und kostet ca. 290 Euro.
Die Kladde
Das Lektüre-Weblog von Regina Dinter ist unbedingt eine Erwähnung wert, sind die guten doch sehr selten :-)