Übersicht --- Notizen --- Archiv --- 1. Quartal 2003

Notizen: Archiv

von Christian Köllerer



1. Quartal 2003



30. März 2003

Reise-Notizen Sizilien (2): Der Dom von Monreale

Im 12. Jahrhundert aus politischen Motiven in der Nähe Palermos errichtet, gelang ein Bauwerk von beeindruckender Symbolik. Außen in der Art eines normannischen Wehrdoms gehalten, innen geschmückt mit einer kaum zu überschaubaren Fülle kunstvoller byzantinischer Mosaiken(zyklen), die Szenen aus dem alten und neuen Testament nacherzählen, und von der Kirche (auch) zu pädagogischen Zwecken verwendet wurden. Die Mosaiken laufen reihenweise um das komplette Kirchenschiff und sind ungemein detailreich ausgeführt, man bräuchte viele Stunden, um sie in Ruhe anzusehen.
Angefangen vom Grundriss des Doms über die mit biblischen Motiven verzierten Türen bis hin zum Chor, der zwei Throne enthält, einen für den Bischof, einen höheren für den Kaiser, wird hier (in Kombination mit den Mosaiken) das mittelalterliche Weltbild symbolisch in ein monumentales Bauwerk gegossen. Sollte man sich ansehen, wenn man in der Nähe ist :-)

Religion und Fortschritt

Viel spricht für die These, dass Religion dem Fortschritt mehr schadet als nützt, zählen Kleriker doch meist zu den konservativsten Gesellschaftsgruppen. Einen Beleg dafür liefern neue archäologische Entdeckungen und darauf aufbauende Theorien, über die Dirk Krausse in Spektrum der Wissenschaft 2/2003 berichtet. Thema des Artikel ist die Romanisierung der Kelten im Anschluss an den gallischen Krieg.
Krausse schildert ausführlich den zivilisatorischen Mehrwert dieses Prozesses, brachten die Römer doch viele neue Kulturtechniken mit. Wer sträubte sich wohl am meisten dagegen? Richtig, die Druiden:

    Es ist denkbar, dass die keltische Priesterschaft, die offensichtlich als einzige gesellschaftliche Gruppe aktiven Widerstand gegen die fortschreitende kulturelle Assimilation leistete, eine entscheidende Rolle in den Aufständen der Jahre 69/70 n.Chr. spielte.


29. März 2003

Schnitzler: Fink und Fliederbusch
(Theater in der Josefstadt 26.3.)
Regie und Bearbeitung: Jürgen Kaizig
Fink/Fliederbusch: Michael Dangl
Graf Niederhof: Peter Scholz
u.v.m.


Das selten gespielte "Tendenzstück" Artur Schnitzlers, 1917 in Wien uraufgeführt, knöpft sich die Journalistenzunft vor, deren Opportunismus komödiantisch auf die Bühne gebracht wird. Die komische Grundidee: Ein Journalist schreibt jeweils unter Pseudonym in einer liberalen und einer reaktionären Zeitungen polemische Artikel gegen sich selbst. En passant werden diverse schreibende Typen karikiert und Probleme thematisiert, die nach wie vor aktuell sind. Etwa überflüssige Klatschartikel, Gefälligkeitsrezensionen oder das Ausgeliefertsein von Journalisten an ihr Medium. Gute Arbeitsplätze für Journalisten dürften in Österreich heute noch seltener sein, als vor 90 Jahren.
Da ich das Stück nicht las, und es für die Aufführung von Jürgen Kaizig bearbeitet wurde, möchte ich kein endgültiges Urteil darüber abgeben. Im Ganzen wirkt es etwas konstruiert (wie die Handlung insgesamt). Es gibt einige sehr intelligente Dialoge. Wenn Graf Niederhof dem erstaunten Fink eloquent sein Weltbild erläutert, weiß man nicht, was überwiegt: Abgeklärtheit gegenüber der politischen Welt oder doch nur Opportunismus und Geschäftssinn.
Der Schluss läuft (in der Bearbeitung?) auf ein ziemlich einfältiges happy end hinaus, was vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges doch sehr eigenartig wirkt. Es lohnt sich jedenfalls die Aufführung anzusehen und sich mit dem Schnitzlerschen Nebenwerk etwas ausführlicher zu beschäftigen.

Unbekannte Fragmente des Nibelungenliedes?

Wie der Standard vermeldet, sollen im Stift Zwettel zahlreiche neue Fragmente gefunden worden sein. Sollte sich die Zuordnung dieser Funde bestätigen, wäre das eine wichtige mediävistische Neuigkeit.

Gotthold Ephraim Lessing

Beschäftigt erfreulicherweise Germanisten und Publizisten. Tanja Reinlein referiert ausführlich über zwei (mehr oder weniger) neue Bücher.


23. März 2003

Ausbruch der Dummheit

Kriegsausbrüche sind immer auch Dummheitsausbrüche und ein Lackmus-Test nicht nur für die intellektuelle Zunft. Sieht man sich die zahllosen Wortspenden zum Thema an, ist die Durchfallquote erstaunlich hoch. Fängt man mit jenen an, die für das Denken bezahlt werden, streiten sich auf der Dummheitsskala wie so oft Vertreter der postmoderne Fraktion um die besten Plätze. So gibt Thomas Mießgang im Format Nr. 12 zum Besten:

    An der sogenannten "vierten Front", wie sie vom Philosophen [sic!] Paul Virilio genannt wird, der Medienfront, tobt längst ein Weltkrieg, der an globaler Zerstörungskraft größere Wucht entfaltet als selbst die raffiniertesten High-Tech-Kriegswerkzeuge. Bewaffnete Auseinandersetzungen sind heute vor allem Bilderkriege. [S. 30]
Mein Vorschlag wäre ein empirischer Test: Herr Mießgang möge sich ein paar Stunden mit 50 Fernsehgeräten in einen Palast Saddam Husseins einschließen und die Zerstörungskraft dieser Medienfront genau beobachten, und sie dann mit einer der in den Palast einschlagenden Tomahawks vergleichen ...
Bei den denkenden Laien sieht es naturgemäß nicht besser aus, dazu reicht ein kurzer Blick in diverse Foren oder Newsgroups. Die Naivität der Weltbilder ist beeindruckend, die kognitive Leistung der Komplexitätsreduktion auf allen Ebenen brillant, manche scheinen sogar noch den Schlichtheitsgrad der Realitätswahrnehmung von George Bush jun. unterbieten zu wollen. Besonders schätze ich die Meinungen, die den Massenmörder Hussein und seine Helfershelfer als verfolgte Unschuld hinstellen.

John Updike: Auf der Farm. Roman
(rororo)


Bereits 1965 erschienen, bezeichnet man diesen Roman am besten als nicht unambitioniertes Nebenwerk Updikes. Es liest sich gut und Updike öffnet durch intelligent eingesetzte Rückblenden auf 150 Seiten einen vergleichsweise großen fiktionalen Raum.
Ein Akademiker aus New York fährt mit seiner neuen Gattin samt Stiefsohn auf die Farm seiner Mutter in die Provinz. Das durch eine lange Vorgeschichte getrübte Mutter-Sohn-Verhältnis nimmt erwartungsgemäß seinen unschönen Lauf, und es wird ein komplexbeladenes Wochenende.


20. März 2003

Reise-Notizen Sizilien (1)

Bereist man Sizilien vor allem wegen des Interesses an den griechischen Altertümern, macht man eine interessante Entdeckung: Es gibt viel mehr zu sehen als auf dem griechischen Festland, die Akropolis einmal ausgenommen. Natürlich ist der Boden nicht so "klassisch" wie auf den Peloponnes, auch fallen die sizilianischen Griechen mit einigen ästhetischen Seltsamkeiten auf, das ändert aber nichts am Gesamteindruck. Das mag teilweise an der spektakulären Landschaft liegen: viele Tempel liegen auf Plateaus unmittelbar überhalb der Küste.
Sieht man über den antiken Tellerrand hinaus, wird man durch nicht wenige architektonische Sehenswürdigkeiten überrascht, wobei hier sehens-würdig nicht notwendigerweise ein positives Prädikat ist. So ist der Dom von Palermo wohl das wunderlichste kirchliche Bauwerk, das ich bis jetzt sah. Das Gebäude ist im normanisch-gothischen Stil gehalten (naturgemäß fehlen auch ein paar arabische Elemente nicht). Auf diese Längsschiff wurde nun im 18. Jahrhundert eine Barockkupel aufgepfropft, die Wirkung ist buchstäblich unbeschreiblich ...

Dichter dran

Höchste Zeit auf das von Markus Kolbeck ins Leben gerufene Gemeinschaftsweblog hinzuweisen, das inzwischen zahlreiche Mitarbeiter gefunden hat.

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
o.N. Syrakus. Kunst - Geschichte - Natur o.V. in Syrakus gekauft
Giuseppe Schiro Der Dom von Moreale Mistretta in Palermo gekauft
Arnd Morkel Die Universität muss sich wehren. Ein Plädoyer für ihre Erneuerung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Geschenk der WBG


7. März 2003

In Sizilien unterwegs

Bin bis 16.3. in Sizilien unterwegs. Auf dem Programm stehen u.a. Palermo, Segesta, Marsala, Selinunt, Agrigent, Enna, Syrakus und Catania.

Klassizismus in Wien und die Kunst des Steinschnitts
(2.3.)

Zwei interessante Ausstellungsbesuche. Zuerst Antike in Wien - Die Akademie und der Klassizismus um 1800 in der Gemäldegalerie am Schillerplatz. Gemälde und ausgewählte Skulpturen geben einen guten Überblick über die klassizistische Bewegung in Wien. Dominierend sind (wenig überraschend) Gemälde mit mythologischen Motiven, es finden sich aber auch zahlreiche Selbstportraits der Beteiligten. Eine gute Gelegenheit, sich ins Gedächtnis zu rufen, welches antiseptische Antikenbild von der deutschen Klassik vertreten wurde.
Im Kunsthistorischen Museum sind Höhepunkte der Steinschneidekunst zu bewundern. Erstaunliche Werke aus Bergkristall, mit dem Auge von Glas kaum zu unterscheiden. Wer weiß, dass diese Steine härter als Stahl sind, kann sich nicht erklären, welche filigranen Arbeiten hier möglich sind. Sehr sehenswert!


1. März 2003

Wie Esoteriker abstimmen

"All those who believe in psychokinesis, raise my hand."

Thukydides und die Fahrt der Griechen nach Sizilien

Als Vorbereitung für die in einer Woche beginnende Sizilien-Studienreise las ich die Bücher VI bis VIII des "Peloponnesischen Krieges" zum zweiten Mal, die den Untergang eines riesigen griechischen Heeres bei Syrakus schildern und damit den Beginn des Endes der Großmacht Athen.
Ich kenne keinen antiken Autor, der so intelligente Prosa schreiben kann. Die Schilderung der Ereignisse ist präzise, geschickt auf Spannung hin konstruiert, im richtigen Maße abstrahierend und bewertend, kurzum ein literarisches Meisterwerk. Bedenkt man, dass Thukydides dieses Genre quasi erfunden hat, wird diese Leistung noch rätselhafter.

Neue Briefe Franz Kafkas entdeckt

Unveröffentlichte Korrespondenz publizierte das Wiener Antiquariat Inlibris, wie der Standard berichtet.

Darwinian Storytelling

Der epistemologisch Vorbelastete weiß, es gibt nichts erkenntnisfördernderes als fundierte Kritik von Theorien, die einem interessant erscheinen, wie etwa die neuen von der Evolutionstheorie ausgehenden psychologischen Modelle.
Das moderne Evolutionskonzept bietet tatsächlich eine Fülle von Einsichten in verschiedene Fragestellungen. Steven Pinker stellte diese in den Mittelpunkt seines neuen Buchs, "The Blank Slate: The Modern Denial of Human Nature". Er schadet seine Sache eher als er ihr nützt, meint H. Allen Orr in seinem ausgezeichneten Artikel in der The New York Review of Books Nr. 3/2003. Seine Kritik ist im besten Sinne analytisch, hier ein Beispiel:

    Take this statement: "History and culture, then, can be grounded in psychology, which can be grounded in computation, neuroscience, genetics, and evolution." This is one of Pinker's big conclusions. But it might mean several very different things. One is that culture is made from minds which are made from neurons which are made by genes. This is undeniable. Another is that culture is made from minds that have been hardwired by genes to have certain contents—to think certain thoughts, say—a stronger claim. Yet another is that culture is made from minds that have been shaped by natural selection to think certain thoughts because those thoughts maximized the number of children ancestral thinkers had on the savanna and so gave them an evolutionary advantage over those who did not think such thoughts. This claim is stronger still.
    This ambiguity comes in handy. If Pinker senses doubt about a strong version of his claims, he can adroitly slip into a defense of a weak version. Are you feeling uneasy about the notion that culture can be reduced to neurons and genes? But surely you admit that "culture relies on neural circuitry that accomplishes the feat we call learning"? Surely you acknowledge that "culture could not exist without mental faculties that allow humans to create and learn." Well, of course you do.

Space Station 3D
(IMAX Wien 25.2.)


Mein (vor)letzter Besuch eines IMAX-Kinos dürfte 10 Jahre her sein, und ich war sehr erstaunt, welche Fortschritte die 3D-Technik inzwischen gemacht hat. Die Bilddarstellung wirkte viel realer als erwartet und war technisch ausgesprochen beeindruckend.
Der Film über die Space Station vermittelte einen realistischen Eindruck über die Enge der Station und die Weiten des Weltraums. Das Pathos war triefend, offenbar hat die NASA den größten Teil des Projekts finanziert, zumindest wirkt es wie ein gut gelungener Werbefilm. Trotzdem sehenswert.


22. Februar 2003

Lob der Großstadt

    Wenn ich auf dem Land bin und keinerlei Anregung habe, verkümmert mein Denken, weil mein ganzer Kopf verkümmert, in der Großstadt gibt es diese katastrophalen Erfahrungen nicht. Die Menschen, die aus der Großstadt weggehen und die auf dem Land ihren Geistesstandard halten wollen, wie der Paul sagte, müssen schon mit einem ungeheuren Potential und also mit einem unglaublichen Vorrat an Gehirnsubstanz ausgestattet sein, aber auch sie stagnieren über kurz oder lang und verkümmern und meistens ist es dann, wenn sie diesen Verkümmerungsprozeß zur Kenntnis genommen haben, für ihre Zwecke schon zu spät [...]
    Einem Geistesmenschen nimmt das Land alles und gibt ihm (fast) nichts, während die Großstadt ununterbrochen gibt, man muß es nur sehen und naturgemäß fühlen, aber die wenigsten sehen das und sie fühlen es auch nicht und so zieht es sie auf die abstoßend sentimentale Weise auf das Land, wo sie in jedem Fall geistig in der kürzesten Zeit ausgesaugt, ja ausgepumpt und schließlich und endlich zugrunde gerichtet werden. Auf dem Land kann sich der Geist niemals entwickeln, nur in der Großstadt, aber heute laufen sie alle aus der Großstadt hinaus auf das Land, weil sie im Grunde zum Gebrauch ihres in der Großstadt natürlich radikal geforderten Kopfes zu bequem sind, das ist die Wahrheit und lieber in der Natur, die sie, ohne sie zu kennen, in ihrer stumpfsinnigen Blindheit sentimentalistisch bewundern, eingehen, als die ungeheuren sich mit der Zeit und ihrer Geschichte auf das wunderbarste vergrößernden und vermehrenden Vorteile der Großstadt und vor allem der heutigen Großstadt in Anspruch zu nehmen, wozu sie wahrscheinlich aber gar nicht imstande sind. Ich kenne das tödliche Land und fliehe es, wann ich nur kann [...]
    [Thomas Bernhard, Wittgensteins Neffe. Frankfurt 1985]

Gangs of New York
(English Cinema Haydn, 21.2.)
Regie: Martin Scorsese


Wenn es stimmt, was die Marketing Abteilung von Miramax verbreiten läßt, nämlich dass Scorsese dreißig Jahre lang an diesem Film gearbeitet hat, möchte man ihm den zugegebenermaßen verspäteten Ratschlag geben, sich Zeit zu lassen, und vielleicht noch einmal 30 oder 60 Jahre anzuhängen. In der Kunst soll man ja nichts überstürzen.
Von "Kunst" im eigentlichen Sinn kann freilich auch nicht die Rede sein, angesichts dieses gewaltverherrlichenden Mainstreamspektakels. Welchen Zweck die perfekt choreografierten Gewaltszenen und die farblich überzeugend arrangierten Blutszenen haben, bleibt im Dunkeln. Avanciertere Mittel der Filmästhetik vermisst man, nicht hingegen zahllose Anspielungen auf Filmklassiker (den Berichten von Cineasten nach zu schließen).
Das Beste an dieser faszinierenden Geldverschwendung (100 Millionen Dollar), ist die schauspielerische Leistung. Herausragend Daniel Day-Lewis als Bill the Butcher, dessen ungewöhnliche Figur einen Kinobesuch teilweise lohnt. DiCaprio versucht tapfer, gegen sein Image anzuspielen, nicht unerfolgreich alles in allem.
Der kitschig-reaktionäre Schluss ist sehr aufschlussreich, wenn man sich für die kommerzielle Prostitution von Pop"musikern" interessiert (was ich eigentlich nicht tue). Aber wer den Welterfolg einer irisch-katholischen Zumutung wie U2 verstehen will, sehe sich das Ende von "Gangs of New York" an. Geboten wird eine musikalische Analogie zur Kronenzeitung: Eine Mischung aus politischer Dummheit, Kitsch und hohlem Pathos. Die nächsten Grammys sind ihnen also sicher.

Bush-Karikaturen ...

... gibt es derzeit unzählige. Eine der Besten findet sich hier.


19. Februar 2003

Alban Berg Quartett
Haydn: Streichquartett C-Dur Hob. III/77
Janàcek: Streichquartett Nr. 1
Beethoven: Streichquartett f-moll op. 95
(Konzerthaus 16.2.)

Wie das auf das ABQ zugeschnittene Programm schon vermutet läßt: Es war ein großartiges Konzert, und ich fürchte das mir langsam die positiven Adjektive dafür ausgehen. Besonders gut in Form Gerhard Schulz (2. Violine), der energischer als sonst an die Stücke heranging.

Encyclopaedia Britannica: Historische Artikel

In der letzten Zeit lese ich wieder verstärkt in der Britannica, die sich als Enzyklopädie vom großen Brockhaus unter anderem dadurch unterscheidet, dass man in der Macropaedia viele Artikel in Buchlänge zu buchstäblich allen Wissensgebieten findet.
Die Britannica ersetzt also eine kleine Bibliothek. Der kürzlich von mir gelesene Artikel über die "Roman Civilization", entspricht etwa 250 Buchseiten und ist von einer Qualität, die man zwischen zwei Buchdeckeln erst nach längerem Suchen finden würde. Geschrieben von mehreren Spezialisten wirkt er stilistisch trotzdem einheitlich und erweist sich (im Gegensatz zum "normalen" Lexikonartikel) als hervorragend lesbar.
Es ist nicht in erster Linie die Sachkompetenz der Verfasser, auf welche die außergewöhnliche Qualität dieser Artikel beruhen, sondern der regelmäßige Wechsel der Perspektiven. Kondensierte erzählte Geschichte, oft wohltuend pointiert wiedergegeben, wechselt mit abstrakter Einordnung des Geschehens in weltgeschichtliche Zusammenhänge, wobei kulturelle und ökonomische Faktoren nicht zu kurz kommen.
Als dritte Ebene kommt noch die Forschungsperspektive hinzu. Anstatt eine Theorie zu vertreten, werden divergierende Forschungsauffassungen präsentiert, womit der Leser en passent einen Einblick in die Kontroversen des Fachgebiets erhält.
Es dürfte also kaum bessere Möglichkeiten geben, sich mit den historischen Grundlagen einer Epoche oder eines Landes vertraut zu machen, als die Macropaedia. Das gilt selbstverständlich auch für viele andere Wissensgebiete, weshalb die Britannica in keiner Bibliothek fehlen sollte!
Erwähnt sei noch, dass der Artikel über "Greek Civilization" etwa 90 Buchseiten länger ist als der über die römische, eine plausible Schwerpunktsetzung, wie ich meine.


16. Februar 2003

John Osborne: Der Entertainer
(Burgtheater 13.2.)
Regie: Karin Beier
Billy Rice: Martin Schwab
Jean Rice: Alexandra Henkel
Archie Rice: Karlheinz Hackl

Die passionierten Theatergänger wissen es: Selbst in einer Theaterstadt wie Wien sind von zehn Aufführungen fünf (im guten Sinn) mittelmäßig, vielleicht drei gut oder sehr gut, und zwei katastrophal schlecht. In die letzte Kategorie fällt diese Inszenierung, nach deren erster Hälfte ich das Burgtheater fluchtartig verlassen habe.
Karin Beier, die am Burgtheater schon Schillers ohnehin fragwürdige "Jungfrau von Orleans" ruinieren durfte, stellt Osbornes einst höchst erfolgreiches Stück in einer peinlichen Oberflächlichkeit auf die Bühne, die dem Drama jegliche psychologische Substanz entzieht.
Nach dem unsäglichen "Cyrano de Bergerac" war das bereits der zweite ästhetische "Aussetzer" des Burgtheaters in dieser Saison, und man fragt sich, ob Direktor Klaus Bachler die Theaterkatastrophen eigentlich kennt, die er in seinem Haus geschehen läßt.
Das Ärgerlichste dabei ist - zumindest beim "Entertainer" - die unglaubliche Verschwendung schauspielerischer Fähigkeiten. Karlheinz Hackl und Martin Schwab hätten wahrlich besseres verdient, als ihre Fähigkeiten offenkundig unbegabten Regie"talenten" opfern zu müssen.

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Hans Wolfgang Müller; Eberhard Thiem Die Schätze der Pharaonen Weltbild Für 8 Euro ein schöner Bildband
Ingrid Nowel Berlin. Die neue Hauptstadt. Architektur und Kunst, Geschichte und Literatur Dumont Kunstreiseführer Als Vorbereitung für eine Berlin-Reise gedacht

Die Geschichte der Kindheit

In den sechziger Jahren vertrat Philippe Ariès sehr erfolgreich die These, dass die Kindheit eine moderne Erfindung sei, frühestens seit dem 17. Jahrhundert nachweisbar. Diese Auffassung wurde schnell historischer common sense, obwohl man die "Falschheits-Wahrscheinlichkeit" so undifferenzierter Behauptungen schon damals hätte erkennen können.
Eamon Duffy beschäftigt sich in der The New York Review of Books Nr. 20/2002 mit mehreren aktuellen Büchern, die diese These durch eine Fülle von Material widerlegen, etwa "Medieval Children" von Nicholas Orme (Yale University Press):
    All of Ariès's central contentions about medieval children, Orme thinks, are demonstrably false, from the alleged lack of affection between medieval parents and children to the absence of a distinctive culture of childhood, with special games, literature, clothing and toys [...] the book is an almost overwhelming refution of Ariès, demonstrating by the use of a wide range of the surviving medieval material the deep continuities of the human experience of youth and growth.
Worauf Duffy in seinem Aufsatz nicht eingeht, was aber eine Erwähnung verdient, ist die Tatsache, dass die Verbreitung einer so fragwürdigen These wie die des Ariès nur in einer geisteswissenschaftlichen Kultur möglich ist, welche die Ergebnisse der Naturwissenschaften völlig ignoriert. Die Evolutionsbiologie weiß seit langem um die Besonderheit der Eltern-Kind-Beziehung, weshalb die Theorie des französischen Historikers schon auf biologischer Ebene unhaltbar ist.


15. Februar 2003

Verdi: Rigoletto
(Staatsoper 8.2.)
Regie: Sandro Sequi
Dirigent: Vjekoslav Sutej
Rigoletto: Franz Grundheber
Herzog von Mantua: Roberto Aronica
Gilda: Stefania Bonfadelli


Zwar zähle ich mich nicht zu den großen Freunden der italienischen Oper, sondern bevorzuge die deutschsprachige Spielart der Gattung (von Mozart über Wagner und Richard Strauss zu Alban Berg). Trotzdem setze ich mich ab und zu gerne dem Belcanto-Spektakel aus, das an der Wiener Staatsoper auf hohem Niveau geboten wird.
Franz Grundheber gab einen stimmlich sehr souveränen Rigoletto samt aller notwendigen emotionalen Schattierungen. Das Orchester der Wiener Staatsoper (=Wiener Philharmoniker) spielte ungewöhnlich übermütig und der Chor der Wiener Staatsoper war mindestens so gut in Form wie der hervorragend disponierte Chor der Wiener Stadthuster.
Die Inszenierung war konservativ auf hohem Niveau, d.h. Bühnenbild und Kostüme waren mit dem üblichen großen Aufwand "realistisch" wiedergegeben. Ein musikalisch sehr erfreulicher Abend.

Über das Verhalten von Großmächten -
Ein Kommentar zum Irak-Konflikt


Toward the end of the 5th century, while Rome and the Latins were still defending themselves against the Volsci and the Aequi the Romans began to expand at the expense of the Etruscan states. Rome's incessant warfare and expansion during the republic has spawned modern debate about the nature of Roman imperialism. Ancient Roman historians, who were often patriotic senators, believed that Rome always waged just wars in self-defense, and they wrote their accounts accordingly, distorting or suppressing facts that did not fit this view.
The modern thesis of Roman defensive imperalism, which followed the ancient bias, is now largely discredited. Only the fighting in the 5th century BC and the later wars against the Gauls can clearly be so characterized. Rome's relentless expansion was more often responsible for provoking its neighbors to fight in self-defense. Roman consuls, who led the legions into battle, often advocated war because victory gained them personal glory [...]
Though the Romans did not wage wars for religious ends they often used religious means to assist their war effort. The fetial priests were used for the solemn official declaration of war. According to fetial law, Rome could enjoy divine favour only if it waged just wars - that is, wars of self-defense. In later practice, this often simply meant that Rome maneuvered other states into declaring war upon it. Then Rome followed with its declaration, acting technically in self-defense; this strategy had the effect of boosting Roman morale and sometimes swaying international public opinion.
[Britannica, Volume 20, Greek and Roman Civilizations, S. 285f.]


8. Februar 2003

Tennessee Williams: Die Nacht des Leguan
(Akademietheater 6.2.)
Regie: Peter Zadek
Maxine Faulk: Eva Mattes
Shannon: Ulrich Tukur
Hannah Jelkes: Angela Winkler


Man sollte meinen, knapp vier Stunden Theater seien genug, um sich ein Urteil über ein Stück zu bilden. Weit gefehlt. Im Viertelstundenrhythmus änderte sich mein Eindruck. Fest steht jedenfalls: Das Werk trägt keine vier Stunden Theater. Außerdem ist es "mittelmäßig", was weniger negativ gemeint ist, als es klingt.
Die Schwächen des Stücks sind ziemlich offensichtlich: Die auf der Bühne zur Sprache kommende Psychologie und "Philosophie" ist erstaunlich platt, die dazu gehörige Symbolik (etwa der Leguan) von einer enervierenden Aufdringlichkeit. Je abstrakter die Dialoge werden, desto dümmer die Inhalte.
Trotzdem sind die Figuren, wenn sie sich nicht gerade gegenseitig analysieren, psychologisch interessant. Man kann Williams nicht vorwerfen, er verstünde es nicht, komplexe Charaktere auf die Bühne zu stellen.
An der Inszenierung gibt es wenig auszusetzen. Peter Zadek hat eine ziemlich realistische Urwaldhütte auf die Bühne stellen lassen. Schauspielerisch war sie von einer Qualität, wie man es sich im Burgtheater immer wünschte.
Fazit: Ein mittelmäßiges Stück in einer sehr guten Aufführung. Es war mein erster Kontakt mit Tennessee Williams und derzeit verspüre ich kein Bedürfnis, diese Bekanntschaft zu vertiefen.

Avicenna

Zufällig oder nicht: Es ist durchaus ein Signal, wenn in "Spektrum der Wissenschaft" (1/03) in Zeiten, in denen der Islam gerne mit fanatischer Dummheit gleichgesetzt wird (so als sei das Christentum als Religion weniger idiotisch), ein ausführlicher Artikel über den arabischen Gelehrten Avicenna (980-1037) zu lesen ist. Damals stand die arabische Kultur in hoher Blüte, während die Europäer einen vergleichsweise barbarischen Eindruck abgaben.
Autor des Beitrags ist Gotthard Strohmaier, der auch ein Buch über Avicenna schrieb.


2. Februar 2003

Museum für moderne Kunst

Gerade aus dem Wiener Mumok zurückkommend, frage ich mich, ob die 9 Euro wirklich gut investiert waren. Zwar hat das Museum einige sehr schöne Werke vorzuweisen (2 Skulpturen Giocomettis etwa, auch andere "große" Namen fehlen nicht), die jedoch angesichts der heterogenen Sammlung etwas verloren wirken. Überhaupt sind die Exponante im Besitz des Hauses nicht dazu geeignet, eine Entwicklung der modernen Kunst zu dokumentieren, dazu bräuchte es einen wesentlich größeren Bestand. Eine Ausnahme stellt der Wiener Aktionismus dar, der (mehr oder weniger) repräsentativ vertreten ist.
Eine Sonderaustellung würdigt derzeit Heimo Zobernig, dessen Werke so heterogen sind, dass sie ironischerweise gut zur permanenten Ausstellung passen.

Klangforum Wien
Anton Weber: Fünf Stücke für Orchster op. 10 (1911-13)
Salvatore Sciarrino: Introduzione all'oscurio (1981)
Anton Webern: Symphonie op. 21 (1928)
Olga Neuwirth: torsion: transparent variation
Anton Webern: Sechs Orchesterstücke op. 6 (1909/1920)
(Konzerthaus 29.1.)


Es war durchaus nicht das erste Mal, dass ich Werke Weberns im Konzert hörte, so erinnere ich mich (hoffentlich richtig) an eine Aufführung während der Salzburger Festspiele (Wiener Philharmoniker / Pierre Boulez).
So hingebungsvoll wie das Klangforum Wien spielten sie damals jedenfalls nicht, die Interpretation war extrem präzise und enthusiastisch zu gleich, eine Kombination die dem Minimalismus Weberns entgegen kommt. Das neue Stück von Olga Neuwirth war klanglich sehr interessant, wie alle Kompostionen von ihr, die mir bisher zu Ohren kamen. Für ein solideres Urteil müsste man das Stück allerdings mehrmals hören.

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Hans Koepff Bildwörterbuch der Architektur Kröner Dem ersten Durchblättern nach sehr nützlich
Hans Lebert Die Wolfshaut Fischer TB via Booklooker
Amos Elon Nachrichten aus Jerusalem. 1968-1994 Büchergilde Gutenberg via Jokers


1. Februar 2003

Alban Berg Quartett
Schnittke: Streichquartett Nr. 4 (1989)
Beethoven: Streichquartett cis-moll op. 131
(Konzerthaus 27.1.)

Schnittke komponierte sein viertes Streichquartett für das Alban Berg Quartett, und es gehört zum Abgründigsten, was ich von Schnittke bisher hörte. Die Stimmung des Werkes ist düster, und schöpft die Möglichkeiten an Dynamik und Klangfarben eines Streichquartetts bis in Extreme aus.
Wenn das ABQ Beethoven spielt, gehört das regelmäßig zu den Höhepunkten des Wiener Konzertlebens. Auch diesmal ließ die Interpretation nichts zu wünschen übrig, auffallend allerdings, dass sich die Furiosität der vier Musiker in der zweiten Hälfte noch einmal deutlich steigerte.

Eberhard Horst: Friedrich der Staufer. Die Biographie
(Econ Taschenbuch)


Es wäre übertrieben, zu behaupten, dieses Buch sei eine Glanzleistung der historischen Biographie. Es ist ein nützliches und solides Buch, das angesichts des nichtakademischen Anspruchs mit umfangreichen Anmerkungen und einer ausführlichen Bibliographie überrascht.
Friedrich gehört zu den erstaunlichsten europäischen Herrscherfiguren, die so gar nicht ins Mittelalter passen will. Seine naturwissenschaftlichen Interessen, seine moslemischen gelehrten Freunde, die Sarazennen seines Hofstaates, sein orientalischer Lebenstil wirkten auf seine Zeitgenössen höchst befremdlich, nicht zuletzt deshalb wurde er von mehreren Päpsten mit schon krankhaftem Hass verfolgt. In einer Zeit, in der die meisten Adligen noch Analphabeten waren, beherrschte Friedrich Arabisch und Latein in Wort und Schrift.
Trotz der aufgeklärten Züge Friedrichs, war er eine ausgesprochen schillernde Figur. Sein christlich-totalitäres Staatsverständnis war sogar für zeitgenössische Massstäbe ungewöhnlich konservativ. Jähzorn und diverse Grausamkeiten sind ausführlich bezeugt. Dieses ungewöhnliche Konglomerat an guten und schlechten Eigenschaften, ist wohl ein Grund für die diversen Mythen, die um diesen Kaiser entstanden sind.
Horsts Buch eignet sich gut, einen ersten Überblick über das widersprüchliche Leben Friedrichs zu gewinnen, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Jules Verne in neuen Übersetzungen

Artemis & Winkler hat sich entschlossen, Jules Verne in ihre Klassiker-Reihe aufzunehmen und veröffentlich im Februar die erste einer Reihe von Neuübersetzungen.


26. Januar 2003

Schiller: Kabale und Liebe
(Volkstheater 22.1.)
Regie: Martin Schulze
Ferdinand: Florian Teichtmeister
Luise: Chris Pichler
Präseident von Walter: Toni Böhm
Miller: Thomas Stolzetti
Wurm: Christoph Zadra


Das Wiener Volkstheater betrete ich gewöhnlich mit einer sehr mäßigen Erwartungshaltung, desto angenehmer überraschte mich die Inszenierung. In reduziertem, modernen Ambiente nahmen die Kabalen samt Liebestragödie ihren Lauf. Weder übertriebenes Pathos, noch artifizielle Unterkühlung waren vorherrschend. Schauspielerisch war wenig auszusetzen.
Die Bühnenwirksamkeit des Stücks ist erstaunlich, zumal mich die vierte Lektüre des Dramas distanzierter zurückgelassen hatte, als die früheren Leseerlebnisse. Eine solide, unspektakuläre Schiller-Inszenierung. Das Theater war erstaunlich schlecht besucht. Das sollte sich ändern.

Empirismus im Mittelalter

Das Mittelalter gehört zu den Epochen, die in der Öffentlichkeit am Undifferenziertestem behandelt werden, was schon am gerne verwendeten Attribut "dunkel" zum Ausdruck kommt. Dabei gab es im Mittelalter eine Reihe von "modernen" Denkern, Roger Bacon etwa, oder William von Ockham.
Eine Ausnahmeerscheinung ebenfalls Friedrich der Staufer (1194-1250), dessen empirischer Wissensfuror weit über seine Zeit hinauswies. Während die kolportierten (zum Teil ziemlich grausamen) Experimente mit Menschen nicht nachweisbar sind und vermutlich auf kaiserfeindliche Greuelpropaganda zurückgehen, liegt mit Friedrichs Falkenbuch ein höchst erstaunliches wissenschaftshistorisches Dokument vor: vermutlich die erste empirische wissenschaftliche Publikation in Europa, die diese Bezeichnung berechtigterweise trägt.
Während die Traditionsgläubigkeit (fast) das komplette geistige Leben beherrscht, kritisiert Friedrich die zoologischen Untersuchungsmethoden des Aristoteles:

    Beim Schreiben sind Wir auch, wenn es erforderlich war, dem Aristoteles gefolgt; in manchen Dingen scheint er jedoch, wie Wir aus Erfahrung lernten, besonders bezüglich der Natur bestimmter Vögel, von der Wahrheit abzuweichen. Deshalb folgen Wir dem Fürsten der Philosophen nicht in allem; denn selten oder niemals hat er Jagd mit Vögeln ausgeübt. Wir aber haben sie immer geliebt und immer betrieben. Bei vielem aber, was er in seinem Buche über die Tiere erzählt, sagt er, so hätten es andere berichtet; das aber, was andere so sagten, sah er weder selbst, noch haben es seine Gewährsmänner gesehen; eine sichere Gewißheit erlangt man nicht durch Hörensagen (durch das Ohr).
    (nach: Eberhard Horst, Friedrich der Staufer. S. 196)

19. Januar 2003

Molière: Der Menschenfeind
(Theater in der Josefstadt 18.1.)
Regie: Günter Krämer
Alceste: Helmut Lohner
Philinte: Michael Dangl

Eine für die Josefstadt "avantgardistische" Inszenierung: Zusammengeschnittene Szenen, eine kühle Bar auf der Bühne, künstlich stilisierte Sprechakrobatik, weit aufgerissene Augen durch monokelähnliche Augen-Aufsätze.
Ein ambitioniertes Motiv: Die szenische Spiegelung der Menschenfeindlikeit des Alceste. Schwer zu sagen, warum die Aufführung dennoch völlig missglückt. Die Zerstörung des Komödienhaften dürfte ausschlaggebend sein. Molières delikate Balance zwischen Lächerlichkeit und Tragik wird zulasten des Komischen verschoben. Die Bitterkeit des letzten Auftritts des Helmut Lohner ist verblüffend. Trotzdem kann man sich einen Besuch der Aufführung getrost sparen.

Friedrich Hartau: Molière
(rororo bildmonographie)


Vorbereitend las ich Hartaus kleine Monographie zum zweiten Mal. Über 25 Jahre alt, gehört sie dennoch zu den lesenswerteren Büchern der Reihe. Hartau findet einen guten Mittelweg zwischen Lebens- und Werkbeschreibung und bedient sich eines wohltuend zurückhaltenden Stils. Er berichtet bei zweifelhaften Überlieferungen auch immer wieder von der spärlichen Quellenlage. Sollte man lesen, wenn man sich für die französische Klassik interessiert.

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Marius Fränzel "Dies wundersame Gemisch." Eine Einführung in das erzählerische Werk Arno Schmidts Ludwig Geschenk des Autors!
Eberhard Horst Friedrich der Staufer. Die Biographie Econ TB Antiquarisch erworben


9. Januar 2003

Neues bei Suhrkamp und Co.

Die neuen Verlagsvorschauen sind angekommen. Wer Mischkalkulation verstehen will, findet kaum ein geeigneteres Studienobjekt. Cash cow "Hermann Hesse" wird in allen denkbaren Varianten den Buchmarkt penetrieren. Das "Wissenschafts"programm auf der anderen Seite wird inzwischen von Irrationalisten der diversen Fraktionen dominiert. Der geistige Weichspüler Hesse finanziert damit die intellektuellen Esoteriker der Gegenwart. Also wenn das keine brillante Verlagsstrategie ist!
Ansonsten erscheinen die Romane des Robert Walser anläßlich seines 125. Geburtstages im April in sehr günstigen, gebundenen Sonderausgaben. Erwähnenswert auch, dass Insel eine fünfbändige Taschenbuch-Ausgabe mit "Sämtlichen Erzählungen" von Lew. N. Tolstoj ankündigt (10/03; 35 Euro).

Bibliothek: Neuzugänge

Neun Bücher für ca. 30 Euro, man muss nur wissen, wo man sie kauft (die ersten sieben hier bei Jokers, die nächsten beiden bei Booklooker, die restlichen vier (Reclam und rororo schließlich regulär).

Autor Titel Verlag Kommentar
Mary W. Shelley Frankenstein oder Der neue Prometheus Hanser Gebunden
E.H. Lenneberg Biologische Grundlagen der Sprache suhrkamp taschenbuch wissenschaft Standardwerk
Felix Gilbert Venedig, der Papst und sein Bankier Campus Studie über den Bankier Agostino Chigi und Papst Julius II.
David Ewing Duncan Der Kalender. Auf der Suche nach der richtigen Zeit Heyne Halten einige für Standardwerk :-)
Francis Haskell Maler und Auftraggeber. Kunst und Gesellschaft im italienischen Barock Dumont Klassische kunsthistorische Studie
Franz Dornseiff Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen de Gruyter gebunden; 922 Seiten
Petr Wittlich Prag. Fin de Siecle Evergreen / Taschen schöner Bildband
Heimito von Doderer Ein Mord den jeder begeht. Roman dtv via Booklooker
John Updike Ehepaare. Roman rororo via Booklooker
Giuseppe Verdi La Traviata Reclam UB zweisprachig
Giuseppe Verdi Rigoletto Reclam UB zweisprachig
Giuseppe Verdi Othello Reclam UB zweisprachig
Herbert Nette Friedrich II. von Hohenstaufen rororo monographie Reinbek 1975


6. Januar 2003

Gustav Klimt und Franz Xaver Messerschmidt

Gleich zwei außergewöhnliche Ausstellungen sind im Belvedere zu sehen. Der Andrang zu den Landschaftsbildern des Gustav Klimt ist enorm. Während ich mit Klimts Hauptwerken verhältnismäßig wenig anfangen kann, sind viele seiner Landschaftsgemälde sehr faszinierend: Das Oszillieren zwischen Figürlichem und Abstraktem, die leuchtenden Farben sowie die pointillistische Harmonie vieler Kompositionen hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck.
Fassungslos machte mich der Audioguide. Die (durchaus guten) Erläuterungen der Exponate wurde teilweise durch "Musik" hinterlegt (oft Mahler), was angesichts der akustischen Qualität dieser Geräte klang, als würde auf einer kaputten Drehorgel klassische Musik karikiert. Wem fallen solche ästhetische Grausamkeiten ein?
Im Unteren Belevedere ist eine umfassende Skulpturenschau des Franz Xaver Messerschmidt (1736-1783), einem der bekanntesten Bildhauer des Wiener Spätbarock. Berühmt vor allem durch seine grotesken Charakterköpfe, mit denen er die unterschiedlichsten Charaktere und Emotionen zeigen wollte. "Wollte" deshalb, weil in den meisten Fällen die Mimik nur ansatzweise zur Beschreibung passt. Viele Köpfe grinsen mehr oder weniger plausibel vor sich hin. So liegt die Leistung dieser eigenartigen Arbeiten weniger im von Messerschmidt intendierten enzyklopädischen Charakter seiner Serie, sondern in der individuellen skurrilen und grotesken Qualität der einzelnen Skulpturen.

Reise-Skizzen New York (3)

Wie fast alle Touristen besuchte ich Ellis Island. Die Sicherheitskontrollen waren enorm. Bevor man die Fähre betreten durfte wurde man durchleuchtet, sogar die Gürtel mussten ausgezogen werden. Hatte man diese Prozedur geschafft und die Freiheitsstatue umschifft, landete man, wie viele Millionen Einwanderer in der Vergangenheit, auf Ellis Island, auf dem ein umfangreiches Museum untergebracht ist.
Die Dauerausstellung dort versucht eine Balance zu finden zwischen Kritik an den Zuständen einerseits und der Zurschaustellung amerikanischer Ideologeme andererseits. Zweifelsfrei handelte es sich um eine Massenabfertigung, die zahlreiche unmenschliche Züge trug. Trotzdem dauerte die Abwicklung in den meisten Fällen nicht länger als einen Tag und die zukünftigen Amerikaner wurden ziemlich korrekt behandelt. Zurückgewiesen wurde nur ein äußerst geringer Prozentsatz. Kranke wurden kostenlos in einem angeschlossenen Krankenhaus gesund gepflegt. Gerade aus europäischer Perspektive, wo ein Land wie Deutschland nicht in der Lage ist, ein rationales Einwanderungsgesetz zu verabschieden, wirkt die amerikanische Einwanderungspolitik vorbildlich. Die meisten Immigranten waren unterprivilegiert und schlecht ausgebildet und bekamen trotzdem ihre Chance. Ein wenig dieser Einstellung würde Europa in diesen Tagen sehr gut tun.


5. Januar 2003

War die Gruppe 47 antisemitisch?

Klaus Briegleb schrieb eine Streitschrift zu diesem Thema, die in der ZEIT von Dorothea Dieckmann fulminant verrissen wird:

    Doch der Literaturwissenschaftler behält als „Historiker“ nicht nur den penetranten Urteilsjargon permanent wertender moralischer Subjektivität bei; er präsentiert zudem sein Material in einer undurchschaubaren Mischung aus Theorieabwehr, verquasten methodischen Volten und Anleihen an die Lacansche Psychoanalyse, die Aussagen als pathologische Symptome liest. Der Beweis einer „bewußten Täuschung“ etwa sei „in der Tat im Subtext … den hier gelesenen Dokumenten … eingeschrieben“ – und zwar als „Auslassung, Lücke, Deckbild“. Gemeint ist hier Richters Diktum vom „moralischen, geistigen und literarischen Massaker“ der Jahre bis 1945, das Briegleb als Verleugnung des physischen Massakers an den Juden gilt.

Die Geschichte der Juden in Deutschland

Diesem Thema widmet der von mir sehr geschätzte Amos Elon sein neues Buch, das unter dem Titel "The Pity of it All: A History of Jews in Germany. 1743-1933" bei Metropolitan erschienen ist.

Philip Roth: The Dying Animal
(Vintage Paperback)


Das Buch trägt keine Gattungsbezeichnung und ist für einen Roman auch nicht umfangreich genug. Roth setzt sich in der Erzählung mit seinem bevorzugten Themenkreis auseinander: Sex, Alter, Krankheit, Tod. Er macht das in der üblichen Brillanz: David Kepesh, ein siebzigjähriger renommierter Literatur- und Kunstkritiker in New York, berichtet über seine sexuellen Obsessionen, in deren Mittelpunkt eine vierundzwanzigjährige (Ex)studentin steht. Diese monomanische Passion schildert Roth mit Verve, immer wieder unterbrochen von Rückblenden auf das Leben des David Kepesh. Lesenswert.


4. Januar 2003

Norbert Schneider: Porträtmalerei. Hauptwerke europäischer Bildniskunst 1420-1670
(Taschen)


Der Autor ist Professor für Kunstgeschichte in Karlsruhe und nähert sich seinem Gegenstand aus mentalitätsgeschichtlicher Perspektive. Nach einem einleitenden Kapitel, das sehr plausibel die zahlreichen Probleme thematisiert, die mit dem Verständnis historischer Porträts verbunden sind, folgen zahlreiche Einzelinterpretationen von Gemälden.
Das Gliederungsprinzip (neben der Chronologie) ist typologisch: Frauenporträts, Herrscherporträts, Humanistenporträts usw.
Die einzelnen Interpretationen sind wohltuend zurückhaltend und beziehen die aktuelle Forschung kritisch ein. Die Abbildungen erweisen sich für einen so preisgünstigen Bildband (15.-) von akzeptabler Qualität. Eine Empfehlung.

Reise-Skizzen New York (2)

Nach meinem Besuch im Metropolitan Museum of Art suchte ich (nicht nur, aber auch aus Gründen der intellektuellen Gerechtigkeit :-) das American Museum of Natural History auf sowie das daran angeschlossene Haydn Planetarium. Während der zoologische Teil weitgehend mit anderen Naturkunde-Museen vergleichbar ist, sind die Erd- und Himmelswissenschaften didaktisch hervorragend aufbereitet. Damit nicht genug: Es drehen Damen und Herren ihre Runden, die durch ein Schild als "Sky and Earth Explainer" ausgewiesen sind, und für Erläuterungen zur Verfügung stehen. Mir wurde so die geologische Beschaffenheit der Insel Manhattan näher gebracht.
Das Planetarium ist angeblich das modernste der Welt. Diese Gelegenheit wollte ich nutzen, um mir die aktuelle Space Show anzusehen: Nach ein paar Minuten gab es einen veritablen Tonausfall, der innerhalb einer halben Stunde nicht repariert werden konnte, so dass ich auf die Vorführung schließlich verzichtete.


1. Januar 2003

Administrative Kleinigkeiten

Zum Jahreswechsel gibt es nicht nur die übliche Quartals-Datei, sondern auch ein Gesamt-Archiv (650 KB), das vor allem das (Durch)suchen erleichtern soll. Außerdem habe ich die Erläuterungen zu diesem Projekt etwas überarbeitet.

Haltbarkeit von CDs

Viele Musikfreunde fragen sich angesichts der zahlreichen widersprüchlichen Informationen, wie haltbar CDs wirklich sind. Einen informativen Artikel dazu gab es in der August-Ausgabe von Gramophone. Hier der Scan (Grafik-Datei).

Opern für Anfänger

In die Intelligenz von Klassik-CD-Käufern scheinen die großen Labels kein übermäßig großes Vertrauen mehr zu setzen. Der "Unique Listening Guide", den Decca auf ihren Midprice-Opernaufnahmen anpreist, enthält einen Abschnitt "In aller Kürze". Verdis Otello wird - in aller Kürze - so zusammengefasst:

    Der Bösewicht Jago bringt seinen Freund Otello so weit, daß er an der Treue seiner Frau Desdemona zweifelt. Aus Eifersucht tötet er sie. Nachdem die Lügen Jagos aufgedeckt wurden, bringt sich Otello aus Verzweiflung über seine Tat um.
Fontane: Irrungen, Wirrungen
(WGB Werkausgabe)


1887 erschienen, löste der Roman einen kleinen Skandal aus, wagte er es doch affirmativ eine nicht standesgemäße Liebesbeziehung zwischen einem Baron und einem kleinbürgerlichen Mädchen zu erzählen. Das pragmatische Ende - Baron von Rienäcker heiratet ebenso comme il faut wie Lene Nimptsch - ist eine der Stärken des Buches, wirkt es doch gesellschaftskritischer als ein tragisches Ende, von einem happy end gar nicht zu reden.

Die armen Römer und die Kirche

Peter Brown gehört zu den besten Kennern der römischen Spätantike. Manche gehen so weit, zu behaupten, Brown habe dieses Forschungsfeld überhaupt erst auf der akademischen Landkarte positioniert. In seinem neuen Buch setzt er sich mit der Armutsproblematik auseinander: "Poverty and Leadership in the Later Roman Empire" (University Press of New England).
Brent D. Shaw, der das Buch in der The New York Review of Books Nr. 19/2002 rezensiert, sieht darin einen wichtigen Forschungsbeitrag. Brown geht insbesondere auf die Instrumentalisierung der "Armenfrage" durch die Kirche ein. Wie auch heute noch, wurde schon damals sorgfältig ausgewählt, wer in den Genuss von Hilfen kam:
    While it is true that Christian boundaries and perspectives were wider than before, they were still subject to exclusionary principles. The categories of peaople, such as slaves, who did not qualify as poor were policed with such firmness precisely in order to define and delimit the field of aid.


29. Dezember 2002

Hans Memling & die griechische Kunst in Wien

Das Kunsthistorische Museum zeigt anläßlich einer Sonderausstellung "Schatzkammer Polen" als Höhepunkt das 1471 vollendete Gemälde (dreiflügeliges Altarbild) "Das jüngste Gericht" (1471) des Hans Memling, das man normalerweise nur im Nationalmuseum Danzig besichtigen kann. Die Ausdruckskraft der Figuren ist ebenso beeindruckend wie die über die drei Flügel gehende elliptische Konstruktion. Wer die Gelegenheit dazu hat, sollte es unbedingt ansehen!
Ich nahm die Gelegenheit wahr, um mich über den Fortgang der Restaurierungsarbeiten rund um die seit etwa 2 Jahren geschlossene Antikensammlung zu erkundigen. Von einer Wiederöffnung Anfang des nächsten Jahres ist keine Rede mehr, angeblich weil zwei der beteiligten Firmen in Konkurs gegangen seien. Die griechisch-römische "kunstlose" Zeit in Wien wird also noch eine Weile dauern ...

Was lesen Kamikaze-Piloten?

Nicht alle wissen, dass die Ehre, mit einem Flugzeug als lebende Bombe auf amerikanische Kriegsschiffe zu rasen, vor allem japanischen Eliteabsolventen vorbehalten war. Bevorzugt wurden Geisteswissenschaftler:

    It was also typical that he was a humanties student. Engineers and the like were deemed to be less expendable in a country at war and thus not asked to volunteer for an early death.
Die Rede ist von Sasaki Hachiro, einem der Piloten, von dem Ian Buruma in seinem Artikel "Suicide for the Empire" anläßlich wichtiger Neuerscheinungen dazu berichtet (The New York Review of Books Nr. 18/2002The New York Review of Books Nr. 18/2002). Wir erfahren auch, womit sich der junge Japaner beschäftigte, bevor er diesen sinnlosen Tod starb:
    Sasaki was a keen reader of, among others, Engels, Marx, Schopenhauer, Bentham, Mill, Rousseau, Plato, Fichte, Carlyle, Tolstoy, Romain Rolland, Erich Maria Remarque, Weber, Chekhov, Wilde, Mann, Goethe, Shakespeare, Tanizaki, Kawabata and Natsume Soseki. This short list was not unusual for a Tokkotai [=Kamikaze-Auserwählter]. Ohnuki-Tierney mentions a suicide pilot who read not only as widely, but in English, French, German, Italian, and Sanskrit, too. Others wrote their wills in French and German. Certain authors - Heidegger, Fichte, Hesse - come up in most of the young pilots' reading lists, which reveal a common taste for German idealism.
Vielleicht hätten sie weniger Fichte und Heidegger, sondern mehr Hume und Frege lesen sollen. Nachzutragen bleibt noch der Titel des Buches von Emiko Ohnuki-Tierney, der diese Thematik erschöpfend behandelt: Kamikaze, Cherry Blosoms, and Nationalists: The Militarization of Aesthetics in Japanese History (University of Chicago Press). An dem Buch ist laut Ian Buruma nichts auszusetzen, wenn man von den zu vielen Bourdieu-Zitaten absähe.



Übersicht --- Notizen --- Archiv --- 1. Quartal 2003