Übersicht --- Notizen --- Archiv --- 1. Quartal 2004
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| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Michael Cook | Der Koran. Eine Einführung. | Reclam UB | vielgepriesene Einführung für gut 5 Euro |
| Claudia Ott (Übersetzerin) | Tausendundeine Nacht | C.H. Beck | druckfrische Neuübersetzung der ältesten arabischen Handschrift |
| Jean-Jacques Rousseau | Bekenntnisse | Insel Verlag | antiquarisch erwoben, gebunden, Frankfurt 1971 |
| Andrea Groys | Istanbul | Dumont TB | Köln 2003 |
| Erica Wünsche | Türkei: Südküste | ADAC | 2003 |
| Andrea Wörle (Herausgeber) | Türkische Erzählungen | dtv | antiquarisch erworben, München 1989 |
22. Februar 2004
Islamische Aufklärung
Den positiven Einfluss des griechischen Denkens auf die Geistesgeschichte zeigt sich auch in der frühen islamischen Philosophie, die mehrere aufgeklärte Denker hervorgebracht hat. Im 9. Jahrhundert ist dies alleine schon bemerkenswert. In der Britannica lässt sich das schön nachlesen:
al-Kindi
Die Welt sähe besser aus, würde sich die islamische Geisteswelt auf diese Linie ihrer intellektuellen Vorfahren berufen.
He insisted that that a purely human knowledge of all thinks is possible, through the use of scientific devices, learning such things as mathematics and logic, and assimilating the contributions of earlier thinkers.
Abu Bakr ar-Razi
[...] he was totally opposed to authority in matters of knowledge, believed in the progress of arts and sciences, and held that all reasonable men are equally able to look after their own affairs, equally inspired and able to know the truth of what earlier man had taught, and equally able to improve upon it. Isma'ili theologians were incensed, in particular by his wholesale rejection of prophecy, particular revelation, and divine laws. They were likewise opposed to his criticisms of religion in general as a device employed by evil men and a kind of tyranny over men that exploits their innocence and credulity, perpetuates ignorance, and leads to conflicts and wars.
(Britannica 1997, Volume 22, page 24/25)
20. Februar 2004
Bergman: Schande (1968)
(Fimmuseum 17.2.)
Ein Musikerehepaar erlebt auf einer Insel einen mysteriösen Krieg, den Bergman völlig apolitisch zeigt. Der Zuseher weiß nicht, wer gegen wen um was kämpft. Mehr als einige Platitüden auf allen Seiten erfährt man nicht. Der Film ist hochgradig artifiziell, was dem Kriegsthema nicht wirklich bekommt. Die Authentizität bleibt auf der Stecke, was angesichts der Intention, die Schrecken des Krieges zu zeigen (einschließlich malerisch in der Landschaft liegenden Leichen), nicht wirklich überzeugt. Ein extremes Werk, das auch im künstlerischen Scheitern noch interessant bleibt.
Georg Ostrogorsky: Byzantinische Geschichte. 324-1453
(C.H. Beck Historische Bibliothek)
Überblickt man die tausendjährige Geschichte des Byzantinischen Reiches, drängt sich einem die Absurdität bestimmter weltgeschichtlicher Vorgänge besonders auf. Ständige Kriege verschieben die Machtkonstellation der verschiedenen Mächte. Wenn man sich nicht gerade gegenseitig bekämpft hat das zwei Gründe: Entweder ein taktischer oder aufgezwungener Friedensschluss oder interne Machtkämpfe. Bei allen Beteiligten lenken interne Machtkämpfe regelmäßig von externen Aggressionen ab. Sobald sich jedoch eine interne Fraktion durchgesetzt hat, geht man wieder auf den Nachbarn los. Diese kriegerischen Abwicklungen beschreibt O. in seinem Standardwerk ziemlich detailliert, so dass man diese zum Teil doch sehr seltsam anmutenden Ereignisse ausführlich geschildert bekommt. O. betreibt klassische Geschichtsschreibung auf hohem Niveau. Er konzentriert sich auch auf die traditionellen Themen (Kaiser-, Diplomatie- und Militägeschichte), was zu einem Verständis der weltgeschichtlichen Bedeutung der byzantinischen Geschichte auch notwendig ist. Sprachlich ist das Buch ebenfalls in dieser Sparte angesiedelt, was in regelmäßigen Abständen zu unschönen Bildern führt (z.B. Überflutungs-Metaphorik).
An zweiter Stelle stehen wirtschaftsgeschichtliche und soziale Elemente. O. beschreibt sehr ausführlich die ökonomische Basis der byzantinischen Gesellschaft. Stütze war über Jahrhunderte das System der Stratioten (=Soldatenbauern), die als Gegenleistung für militärische Dienstleistungen ein Bauerngut zugewiesen bekamen. Im Laufe der Zeit wich diese effiziente Struktur einem klassischen feudalistischen System. Schließlich nahm der Großgrundbesitz immer zu, ebenso wie die Steuerprivilegien der reichsten Schicht. Die Staatsausgaben wurden immer geringer, womit nicht nur das ökonomische Ende des Reiches eingeleitet wurde.
Es scheint eine Art historisches Gesetz zu sein, dass sich unter gewissen Rahmenbedingungen (signifikante wirtschaftliche Macht von Landbesitzern), ein Prozess in Gang setzt, während dem kleine Bauerngüter von den Großgrundbesitzern einverleibt werden. Einige Zeit gab es in Byzanz eine strikte Gesetzgebung gegen diese Vorgänge, genutzt hat das freilich längerfristig nichts. Die Kulturgeschichte Byzanz' kommt leider deutlich zu kurz. Zwar streift O. immer wieder kulturelle Aspekte, das reicht aber bei weitem nicht aus, um einen verlässlichen Eindruck von der geistesgeschichtlichen Bedeutung dieses Großreiches zu gewinnen.
Primaries in Österreich
Nun bin ich kein Spezialist, was das amerikanische Wahlsystem angeht. Das Ritual der primaries scheint mir jedoch ein deutliches Demokratiedefizit aufzuweisen. Man startet in immer denselben Bundesstaaten mit relativ vielen Kandidaten. Nach einer Handvoll primaries ist die Kandidatenzahl deutlich kleiner, bald sind nur noch zwei Bewerber übrig. Die Konsquenz: Bundesstaaten, die später an der Reihe sind, haben kaum mehr eine Auswahl zwischen unterschiedlichen Kandidaten, was das demokratische Prinzip ad absurdum führt.
Man stelle sich dieses System in Österreich vor: Es starten 5 Kandidaten in Bregenz. Der erste progressive Politiker fliegt raus. Danach Tirol, ein Liberaler weg, danach Salzburg, ein Sozialdemokrat weg, schließlich Oberösterreich, ein liberaler Konservativer fliegt chancenlos hinaus. Bis die Wahlen nach Wien kämen, wären im besten Fall noch zwei reaktionäre Kandidaten übrig, da liberale Persönlichkeit bekanntlich in der österreichischen Provinz keine Chance haben. Tolles System, diese primaries ...
Bergman: Gefängnis (1949)
(Filmmuseum 18.2.)
Wohl das Frühwerk, das am meisten avantgardistisch anmutet. Grund ist die verschachtelte Handlungsführung, die hohe Aufmerksamkeit erfordert, wenn man alle Ebenen auseinander halten will. Der interessanteste Aspekt ist die
Autoreflexivität: Die einzelnen Episoden werden als Filmepisoden gezeigt, man wird mit den Filmproduktionsbedingungen konfrontiert, da Teile in einem Filmstudio spielen etc.
Bergman: Sehnsucht der Frauen (1952)
(Filmmuseum 19.2.)
Ein für Bergman ungewöhnlicher Episodenfilm, da er auch komödiantische Elemente enthält. Es werden drei Geschichten in unterschiedlicher Tonlage geschildert. In der letzten Episode verbringt ein Ehepaar zwangsweise eine Nacht in einem Lift, was sehr amüsant geschildert wird. Bergman hätte also auch mehr gute Komödien machen können, wenn er nur gewollt hätte.
14. Februar 2004
"Der neue Streit um Troia"
Der von Christoph Ulf herausgegebene Sammelband trägt den Untertitel "Eine Bilanz" und soll Licht in die Debatte der letzten Jahre bringen.
Friedrich Schiller im Deutschen Klassiker Verlag
Der Verlag hat inzischen seine Schiller-Ausgabe abgeschlossen. Zwölf Bände kosten stolze 980.- Euro.
Dostojewskij: Onkelchens Traum. Roman
(2001 Werkausgabe)
Mit diesem frühen Roman legte Dostojewskij bereits ein fulminantes Stück Literatur vor. Eine tief ironische Intrigengeschichte rund um einen altersschwachen Fürsten und dessen potenziellem Erbe.
Die "gute" Gesellschaft einer Kleinstadt tritt vor den Vorhang und Dostojewskij schildert die provinzielle Geistlosigkeit mit amüsanter Bissigkeit. Wunderbare Lektüre!
Bergman: Wie in einem Spiegel (1961)
(Filmmuseum 11.2.)
Ein klassischer Bergman-Plot auf hohem Niveau: Lebenskrisen auf einer Insel, einschließlich Schriftsteller, der seine Familie seiner Kunst opfert; einer fulminanten psychischen Krankheit und einem am Leben verzweifelnden Siebzehnjährigen.
Thomas Bernhard: Elisabeth II. (2.)
(Burgtheater 12.2.)
Herrenstein: Gert Voss
Richard: Ignaz Kirchner
Regie: Thomas Langhoff
Eine Aufführung anlässlich des 15. Todestag des Autors. Als ich die Inszenierung zum ersten Mal sah, war ich eher enttäuscht. Diesmal gefiel sie mir deutlich besser, was wohl auch mit der besonders inspirierten schauspielerischen Leistung von Voss und Kirchner zu tun hat. Ansehen lohnt sich!
8. Februar 2004
Die Habsburger und ihre Untertanen
Eine sehr bezeichnende Episode zu diesem Thema gibt Michael Tomasky in der The New York Review of Books 2/2004 wieder, und zwar in einem Artikel über den New Yorker Bürgermeister La Guardia:
During the great wave of emigration at the turn of the century, it was an occasional diversion for members of the European aristocracy to gather at various ports to watch the sweaty surge of human cargo boarding ship for America. In the spring of 1904, the Austro-Hungarian imperial archduchess Maria-Josepha was visiting Fiume, where she made known to the local constables her desire to observe the crowd of emigrants embarking for the New World. The SS Panonia was to sail on Saturday, but the archduchess would be in Fiume on Wednesday only. To accommodate her, the local Cunard agent, the port director, and Count Szapari, the provincial governor general, agreed that the emigrants would be boarded that day. This meant that they would be spending three days in the steerage hold before sailing—cramped and dark, a virtual petri dish of bacteria and viruses. Many passengers had contracted diseases there that prevented them from being allowed entry at Ellis Island, and they had been sent back on the next boat.
But the resident US consular officer in Fiume who was responsible for signing the certificate of medical clearance required of any ship before it left for America protested that such treatment stood in contravention of both the law and standards of decency. In an attempt to mollify him, local officials invited him to tea with her highness to view the embarkation at her side. The officer's refusal was considered an insult to the Hapsburg crown. Washington, the consul was assured, would hear of this. "I told them," Fiorello La Guardia would later write in his memoirs, "to tell their precious Archduchess that maybe she could boss her people around but she couldn't boss the American consul." The embarkation did not take place on Wednesday; the archduchess returned to Vienna disappointed.
Was lesen bei 39,5 Grad Fieber?
Eine Frage, die ich mir leider aus aktuellem Anlass stellen musste. Am ersten Tag: gar nichts. Schließlich wollte ich es mit dem hierzulande vielgelobten und -gekauften Krimimatador Wolf Haas versuchen, und zwar mit "Komm, süßer Tod". Seinen flapsigen Plapperstil hielt ich allerdings nur 25 Seiten aus. Gerettet hat mich dann Hartmut Langes Novellenband "Schnitzlers Würgeengel", dessen sanfte Rätselhaftigkeit angenehm zu fiebrigen Bewusstseinszuständen passt.
Ausfallen mussten auch zweimal Bergman (werden erfreulicherweise nochmal wiederholt) und einmal Akademietheater.
Ein Gespräch über den Sammelwahn ...
... gibt es im Der Standard zu lesen, und zwar mit Philipp Blom über dessen Szenenfolge "Sammlerwunder, Sammlerwahn".
1. Februar 2004
Christoph Hein: Landnahme. Roman
(Suhrkamp)
Am Freitag holte ich mir den neuen Roman von Hein und begann sofort zu lesen. Wie fast alle Bücher Heins ist auch "Landnahme" von einer sehr soliden Qualität. Literarisch nicht übermäßig aufregend, trotzdem eine anregende Lektüre.
Im Mittelpunkt steht Bernhard Haber, der Sohn von Vertriebenen, die nach dem Krieg in eine sächsische Kleinstadt eingewiesen werden, wo ihnen Hass und Ressentiment entgegen schlagen. Die Handlung spielt überwiegend in den fünfziger und sechziger Jahren und zeichnet ein wenig schmeichelhaftes Bild einer DDR Provinzstadt. Bernhard Zeit in der Schule, in der er sich als durchsetzungsstarker Außenseiter profiliert, wird ausführlich geschildert.
An dieser Stelle, eine Bitte an den Suhrkamp Verlag: Wäre es möglich, dass die "Klappentexter", das Buch lesen, das ihr Opfer wird? Im Klappentext liest sich die Schulzeit so: "Dem Jungen begegnet man in der Schule nicht viel besser, sich durchbeißen und immer wiedere [sic!] Schläge einstecken - das erkennt er rasch als einzigen Weg."
Doch Hein schildert Bernhard nicht klischeehaft als klassisches Opfer, der in der Schule ständig Prügel einstecken muss, sondern es ist im Gegenteil so, dass Bernhard bei Bedarf seine Mitschüler vermöbelt, wenn diese ihre Vorurteile artikulieren. Er wird nicht geliebt, ist aber respektiert und gefürchtet. Selbst gegenüber dem Schuldirektor kann er sich durchsetzen.
Das Leben des Bernhard Haber wird von fünf verschiedenen Ich-Erzählern gespiegelt, die in verschiedenen Rollen mit ihm zu tun hatten. Hein ist ein Meister der Ich-Perspektive, was seit "Drachenblut" kein Geheimnis mehr ist. Ein etwas größerer formaler Zusammenhalt zwischen den fünf Kapiteln wäre zwar wünschenswert gewesen, dessen Fehlen schadet dem Roman aber nicht.
Zyklus Alban Berg Quarett: 2. Konzert
Viola: Tabea Zimmermann
Mozart: Streichqunitett C-Dur K 515
Erich Urbanner: Streichquartett: Nr. 3 (1972)
Mozart: Streichqunitett g-moll K 516
(Konzerthaus 29.1.)
Die klassische Sandwich-Taktik: Zehn fulminante Minuten neue Musik des anwesenden Erich Urbanner in der Mitte, umrahmt von den zwei wunderbaren späten Mozart Streichquintetten. Ein hervorragender Konzertabend.
Bergman: Sommer mit Monika (1953)
(Filmmuseum 30.1.)
Sicher einer der besten Filme von Bermans Frühphase. Ein junges Liebespaar flieht mit einem Boot aus Stockholm und verbringt einen wunderbaren Sommer, dessen Poesie der Regisseur in gelungenen Bildern einfängt.
Dem Sommer folgt der düstere Beziehungsalltag: Der Film endet ohne happy end.
Bergman: Abend der Gaukler (1953)
(Filmmuseum 31.1.)
Ort des Beziehungsgeschehens ist diesmal ein heruntergekommener Zirkus, in der ein Eifersuchtsdrama seinen Lauf nimmt. Am Ende geht es wie am Anfang weiter. Statt Zirkusromantik, wird das Elend realistisch geschildert.
Bibliothek: Neuzugänge
In der Wiener Landstraße (3. Bezirk) gibt es einen neuen Buchladen, der sich auf Restposten und Mängelexemplare spezialisiert hat. Die Bücher sind nicht wirklich preiswert (50% vom Neupreis), dafür ist das Angebot vergleichsweise groß. Folgende Bücher nahm ich dort mit.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Dieter Neubauer | Demokrit läßt grüßen. Eine andere Einführung in die anorganische Chemie | rororo science | Restposten |
| James Cleugh | Die Medici. Macht und Glanz einer europäischen Familie | Serie Piper | Restposten |
| Hartmut Lange | Schnitzlers Würgeengel. Vier Novellen | detebe | Restposten |
| Robert Ferguson | Knut Hamsun. Biographie | dtv | Restposten |
28. Januar 2004
Seltsame Statistiken
Laut meinem Webprovider gab es auf diese Seiten seit Bestehen mehr als 250.000 Zugriffe. Meinen Dank also an alle "regulars" :-)
Noch einmal: Gerhard Amanshauser
Am 31.12. schrieb ich, dass bedauerlicherweise kaum Bücher von Gerhard Amanshauser lieferbar sind: ein Ergebnis schlampiger Recherchen.
Viele seiner Bücher sind lieferbar, allerdings nur bei einem österreichischen Kleinverlag, der z.B. von Amazon nicht vertrieben wird. Ein Lob an den Verlag Bibliothek der Provinz.
Shakespeare: Hamlet
(Burgtheater)
Regie: Klaus-Maria Brandauer
Hamlet: Michael Maertens
Ophelia: Birgit Minichmayr
Claudius: Robert Meyer
Eines kann man der Burgtheater Dramaturgie nicht vorwerfen: Mangelnde Kohärenz. Nachdem Klaus-Marie Brandauer in "Cyrano de Bergerac" zeigen konnte, was ein schlechter Schauspieler ist, durfte er nun als Regisseur ein komplettes Stück ruinieren. Nicht irgendeines selbstverständlich, nein, ausgerechnet "Hamlet" musste es sein.
Bar jeder plausiblen Regieidee, scheint sich Brandauers Tätigkeit darauf beschränkt zu haben, den Schauspielern jede Schauspielkunst auszutreiben. Es braucht auch einen so hervorragenden Künstler wie Michael Maertens, um Hamlets Text so herunterzuleiern, dass das selbst Passauer Stadttheater vor Neid erblasste.
Mit diesen erstklassigen Schauspielern eines der besten Stücke der Weltliteratur zu ruinieren, ist eine Leistung, die ob ihrer Ungewöhnlichkeit großen Respekt verdient.
Bergman: Die Jungfrauenquelle (1960)
(Filmmuseum 26.1.)
Unter dem Mittelalteraspekt betrachtet, ist dieser Film wesentlich gelungener als "Das siebte Siegel", da die geistigen Epochengrenzen kaum überschritten werden. Bergman inszeniert ein schicksalhaftes Rachedrama (garniert mit Hiob-Motiven) in gelungen Bildern. Max von Sydow rächt als Bauer die Vergewaltigung und Ermordung seiner Tochter.
Bergman: Schreie und Flüstern (1972)
(Filmmuseum 26.1.)
Bergman geht hier aufs Ganze, in dem er die Darstellung seiner klassischen Themen Krankheit, Tod, Leiden, Hass weiter radikalsiert. Dem Film tut das nicht immer gut: Es besteht an mehreren Stellen die Gefahr, vom Tragischen ins Komische abzugleiten, etwa wenn die an Krebs gestorbene Agnes, sich plötzlich als Untote betätigt.
Man lernt daraus, dass überzeugende ästhetische Mittel nicht in beliebig hohen Dosen eingesetzt werden können. Visuell ist das Werk bemerkenswert, eine Symphonie aus Rot, Weiß und Schwarz.
25. Januar 2004
Die flämische Landschaftsmalerei
(Kunsthistorisches Museum 24.1.)
Nach der beeindruckenden Francis Bacon Schau, nun also ein vergleichsweise akademisches Ausstellungsthema, dessen kunsthistorische Relevanz allerdings hochgradig spannend ist: die Entstehung der Landschaftsmalerei in der europäischen Kunst.
Beschränkte man sich im Mittelalter auf dekorative Hintergründe, rückte man in Flandern sukkzessive die Landschaft selbst in den Mittelpunkt. Zu Beginn brauchte man noch biblische Themen, um formal hoch stilisierte Weltlandschaften zu zeigen. Schnell emanzipierte sich die Malerei aber vor diesen Themen, was im Kunsthistorischen Museum durch eine Mischung von chronologischer und thematischer Anordnung der Werke gezeigt wird. So kann man buchstäblich sehen, wie die Landschaft die Bühne der Kunst betritt.
Bergman: Eine Passion (1969)
(Filmmuseum 23.1.)
Bergman wird dann am besten, wenn er seinem Pessimismus freien Lauf lässt. Dieses Inseldrama um eine Handvoll verzweifelter Menschen zeigt dies paradigmatisch. Die Düsterkeit ist so radikal, dass tröstende Faktoren (Kunst und Religion werden thematisiert) angesichts des unvermeidlichen menschlichen Leidens chancenlos sind.
Die scheinbare Inselidylle entpuppt sich als Hort des Bösen, inklusive Grausamkeiten gegenüber Tieren. Am Ende wird ein Außenseiter in den Selbstmord getrieben.
Fontane: Unterm Birnbaum
(AtV)
In einem Dorf im Oderbruch verschwindet ein Handelsreisender spurlos, nachdem er bei dem Wirt des Fleckens abgestiegen ist. Fontane führt den Leser langsam hinein ins scheinbare kriminalistische Geschehen. Die Schilderungen des dörflichen Geschehens und des dörflichen Personals sind ironisch pointiert und sehr vergnüglich zu lesen. Zurecht eine seiner bekanntesten Erzählungen.
24. Januar 2004
Manfred Geier: Kants Welt. Eine Biographie
(Rowohlt)
Gekauft habe ich das Buch, weil Manfred Geier zwei hervorragende rororo monographien über Karl Popper und den Wiener Kreis publiziert hat (beide unbedingt lesen!) und nun sehr gespannt war, was er über Kant zu sagen hat.
Vorneweg: Das Buch ist eine Einführung. Wer sich schon einmal mit Kant beschäftigt hat, wird wenig Neues erfahren. Nun ist es selbstverständlich sehr verdienstvoll, ein gut zu lesendes Buch über Kant für ein breiteres, philosophieinteressiertes Publikum zu schreiben. Der Untertitel ist etwas irreführend. Zwar geht Geier auch auf die wichtigen Lebensstationen ein und zitiert aus den bekannten Lebenszeugnissen. Im Mittelpunkt steht aber Kants Philosophie, die dem Leser konzise nahe gebracht wird.
Bergman: Das siebte Siegel
(Filmmuseum 20.1.)
Je öfter ich diesen Film sehe, desto weniger gefällt er mir. Bergman reiht viele hervorragende Szenen aneinander, ein kohärentes Kunstwerk entsteht dadurch aber nicht. Das Hauptproblem liegt in der Darstellung des Mittelalters. Einerseits versucht Bergman nicht nur visuell das Mittelalter so authentisch wie möglich wiederzugeben. Dies gelingt ihm an verschiedenen Stellen (der Zug der Flagellanten!) ausgezeichnet. Andererseits passen die zahlreichen diskutierten existenziellen Probleme überhaupt nicht in dieses Zeitalter. Nicht die Sinnsuche und der Gotteszweifel des Protagonisten, und schon gar nicht die Figur des Knappen, ein ironisch-intellektueller und zum Nihilismus neigender Sancho Pansa, der Nietzsche und Sartre lesend ins 20. Jahrhundert passte, keinesfalls jedoch ins 14. Jahrhundert.
22. Januar 2004
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Michael Wersin | CD-Führer Klassik | Reclam UB | 150 Werke in Interpretationen |
| Manfred Geier | Kants Welt. Eine Biographie | Rowohlt | Neuerscheinung; 25 Euro |
| Denis Dutton | Philosophie and Literature 2/2003 | John Hopkins University Press | Die aktuelle Ausgabe einer der besten litw. Zeitschriften |
18. Januar 2004
Ingmar Bergman Retrospektive
Inzwischen bezweifle ich, ob es der geistigen Gesundheit wirklich förderlich ist, sich jeden zweiten Tag einen Film von Bergman anzusehen. Man fängt langsam an, sich in dieser düsteren Kunstwelt zu Hause zu fühlen ...
Bergman: Das Gesicht (1958)
(Filmmuseum 10.1.)
Von den bisher gesehen Filmen der Tiefpunkt, weil von einem aufdringlichen antiaufklärischen Impetus. Der Wissenschaftler Vergerus wird zum dämonisierten, wissenschaftsfeindlichen Antihumanisten stilisiert. In der zweiten Hälfte wird der Magier Dr. Vogler als das entlarvt, was er ist, nämlich ein Scharlatan. Das gibt dem Film etwas an Balance zurück, kann ihn aber nicht retten.
Bergman: Hafenstadt (1948)
(Filmmuseum 12.1.)
Bergman versucht sich hier im Genre des gesellschaftskritischen Realismus. Die Handlung spielt im Milieu der Hafenarbeiter und zerrütteter Kleinbürgerfamilien. Durchaus sehenswert, allerdings hat der Regisseur seine Filmsprache noch nicht gefunden.
Bergman: Einen Sommer lang (1951)
(Filmmuseum 15.1.)
Formal sehr kunstvoll, was das Einsetzen von Rückblenden angeht. Eine Tänzerin erinnert sich an einen unbeschwerten Inselsommer. Eine Liebesgeschichte, mit tragischem Ausgang. Das happy end schadet dem Film etwas.
Bergman: Die Stunde des Wolfes (1968)
(Filmmuseum 17.1.)
Das radikalste Werk bisher. Ein Künstler-Ehepaar auf einer Insel. Eine beklemmendes, psychotisch-apokalyptisches Geschehen nimmt seinen Lauf. Düster gestimmt verlässt man das Kino ...
Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg
(Staatsoper 11.1.)
Dirigent: Peter Schneider
Inszenierung: Otto Schenk
Hans Sachs: Wolfgang Brendel
Veit Pogner: Kurt Rydell
Beckmesser: Hans-Joachim Ketelsen
Stolzing: Jeffrey Dowd
Eva: Anja Harteros
Es ist immer wieder hochgradig faszinierend, wie mühelos die Wiener Philharmoniker Wagner spielen! Mit der Ausnahme des Staatsopern-Debütanten Jeffrey Dowd, dessen Stimme im Vergleich mit seinen Künstlerkollegen so dünn klang, dass er das Orchester kaum übertönen konnte, war das Ensemble ausgezeichnet. Vor allem Wolfgang Brendel gab einen hervorragend disponierten Hans Sachs. Ketelsens Beckmesser war von einer brillanten Komik.
Künstlerisch ist die Oper sehr interessant: Wagner schafft es auf musikalisch höchstem Niveau und in einer (mehr oder weniger) volkstümlichen Rahmenhandlung, komplexe ästhetische Probleme (Stichwort: Abweichungs- versus Regelästhetik) auf die Bühne zu bringen. Schade, dass das Werk am Ende durch den nationalistischen Kunstkitsch eine üble Wendung nimmt.
Theater in der Josefstadt: Es ist vorbei!
Hans Gratzer wird Ende der Saison den Direktorensessel räumen und interimistisch für Helmut Lohner Platz machen. Möge dieses Kapitel der theatralischen Unfähigkeit eine einmalige Episode in der Geschichte dieses Theaters bleiben.
Balzac: Ein Junggesellenheim
(insel taschenbuch)
Ein selbst für Balzacs Verhältnisse ungewöhnlich inhaltsreicher Roman, dessen erste Hälfte in Paris und dessen zweite in einer Provinzstadt spielt, wo nicht nur ehemalige Offiziere der napoleonischen Armee ihr Unwesen treiben, sondern auch eine fulminant geschilderte Erbschaftsintrige im Gang ist.
Balzac zieht hier so gekonnt sämtliche epischen Register, dass man ihm seine bekannten Schwächen - das Balancieren auf der Grenze zur Kolportage an manchen Stellen - gerne nachsieht. Der Protagonist Philippe Bridau gehört jedenfalls in die Ehrenliga der Bösewichte der Weltliteratur.
Eine Kulturgeschichte der Datscha
Geschrieben von Stephen Lowell: "Summerfolk: A History of the Dacha, 1710-2000". Rezensiert von Orlando Figes in der New York Review of Books 1/2004:
Lovell is particularly good at highlighting the interactions between social practice and literary representation. As he demonstrates, the dacha's social informality made it something of an ideal scene for nineteenth-century novels and stories—allowing as it did for the unexpected visits and encounters that were so essential for the plot development of socially complex works like those of Dostoevsky and Chekhov. The dacha setting of Part 2 of The Idiot, for example, was perfect for Dostoevsky to recreate the intense, almost claustrophobic, atmosphere in which Myshkin, having come for rest to recover from his epileptic fit, finds no peace from scores of impromptu visitors.
10. Januar 2004
Eckhard Weise: Ingmar Bergman
(rororo monographie)
Sehr positiv überrascht war ich von diesem kleinen Buch über Bergman. Weise beschreibt unprätentiös und in (mehr oder weniger) chronologischer Reihenfolge die Filme des Regisseurs, wobei er jeweils andere Akzente setzt. Dadurch ergibt sich eine solide Beschreibung der Bergmanschen Ästhetik. Weise übernimmt nicht unreflektiert die gängigen Urteile, sondern kritisiert manche Ikonen durchaus plausibel. Im "Siebten Siegel" vermisst er beispielsweise symbolische Stimmigkeit ebenso wie historische Akuratheit.
Bergman: Wilde Erdbeeren (1957)
(Filmmuseum 8.1.)
Welcher Notbehelf das Fernsehen für eine adäquate ästhetische Wahrnehmung von Filmen ist, zeigt sich, wenn man herausragende Klassiker zum ersten Mal auf einer Kinoleinwand erlebt. So faszinierte mich die düstere Stimmigkeit dieses Films viel mehr als beim ersten Kennenlernen mit Hilfe einer DVD.
Bergmans kompromisslose formale und inhaltliche Konzeption ist auch dann sehr ansprechend, wenn man seine gefühlsbetonte Weltanschauung nicht zu teilen vermag. Die Reise des Arztes Isaak in seine Vergangenheit, vermag es jedenfalls künstlerisch mit den "Sinnsuchern" anderer Kunstgattungen durchaus aufzunehmen.
Bergman: Musik im Dunkeln (1948)
(Filmmuseum 9.1.)
Das Frühwerk des Regisseurs ist bekanntlich sehr uneinheitlich. Mit "Musik im Dunkeln" versucht sich Bergman im melodramatischen Fach, kombiniert mit einer, freilich noch an der Oberfläche bleibenden Thematisierung der Künstlerproblematik.
Filmgeschichtlich interessant, kann man es als Kunstwerk nicht ernst nehmen: zu viel falsches Pathos. Trotzdem einige formale Elemente des späteren Bergman, wie zahlreiche Großaufnahmen von Gesichtern.
4. Januar 2004
Bücher und Bibliotheken der Antike
Mit diesem Thema beschäftigt sich Lionel Casson ausführlich in seiner Studie "Bibliotheken der Antike", die Eckhard Meyer-Zwiffelhoffer hier rezensiert.
Ingmar Bergman: Szenen einer Ehe (1973)
(Filmmuseum 2.1.)
Das Wiener Filmmuseum zeigt eine zwei Monate lang dauernde, umfassende Retrospektive Ingmar Bergmans. "Szenen einer Ehe" sah ich zum ersten Mal und konnte den internationalen Erfolg des Films durchaus nachvollziehen. Psychologisch ebenso brisant wie radikal seziert Bergman den Irrationalismus des menschlichen Beziehungswesens. Die drei Stunden vergingen schneller als von diversen Bekannten angedroht, zumal das Werk auch formal sehr interessant ist, und durch die vielen CloseUps auf die beiden Gesichter der Beteiligten einem buchstäblich nahe geht.
Werde die Gelegenheit der Retrospektive nutzen, mich ausführlicher mit Bergman zu beschäftigen. Fünf weitere Filme für Januar sind bereits "gebucht".
1. Januar 2004
Es ist vollbracht!
Fast fünf Monate hat es (wegen diverser Pausen) gedauert, doch nun stehen die Bücher in meiner neuen Bibliothek so, wie es sein soll. Klassiker und Belletristik sind chronologisch nach Geburtsjahren der Autoren sortiert, ein Riesenaufwand. Hier die neue Liste.
Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders
(Kiepenheuer & Witsch)
In diesem kleinen autobiographischen Buch setzt sich Uwe Timm mit seiner Familiengeschichte auseinander, speziell mit seinem Bruder, der sich freiwillig zu einer SS-Totenkopfdivision meldete, und mit 19 Jahren an einer schweren Verwundung starb. Er schrieb verbotenerweise eine Fronttagebuch, aus dem Timm ausführlich zitiert.
Das Buch ist der gelungene Versuch einer persönlichen Vergangenheitsbewältigung. Timms Sprache ist einfach, aber präzise.
Kops
(Filmcasino 30.12.)
Regie: Josef Fares
Eine schräge schwedische Komödie. In einer schwedischen Kleinstadt soll die Polizeistation mangels Kriminalität geschlossen werden, weshalb die Polizisten dort der Statistik etwas auf die Sprünge helfen wollen...
Der "eigenartige" Humor funktioniert ebenso gut, wie die Parodien einschlägiger Mainstream Genres. Keine cineastische Großtat, aber auf intelligente Weise amüsant.