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Notizen: Archiv

von Christian Köllerer



1. Quartal 2005



27. März 2005

Reise-Notizen Ägypten (2): Moloch Kairo
(Februar 2005)


Kairo ist mit 20 Millionen Einwohner eine Mega City und entsprechend turbulent und chaotisch geht es dort zu. Mehrspurig hupende Fahrzeugkolonnen (darunter fahrbare Untersätze, über deren Fähigkeit sich noch fortzubewegen man überrascht ist). Menschenmassen, die sich auf den Gehsteigen drängeln, überfüllte Busse ...
Hatte mir Kairo deutlich turbulenter als Istanbul vorgestellt, das war aber ein Irrtum. Die Unterschied sind nur graduell. Die einzelnen Stadtviertel sind höchst divergent und reichen von Gegenden mit schönen Villen aus der Kolonialzeit bis hin zu verslumten Gegenden ohne Müllabfuhr.
Das Ägyptische Museum ist bis an den Rand vollgestopft mit Kunstwerken, ein Alptraum für jeden Museumsdidaktiker. Man wird erschlagen von der Fülle an hochwertigen Kunstwerken und bräuchte eine halbe Woche, um sich einen fundierten Überblick zu verschaffen. Einige der Skulpturen sind von faszinierender Lebendigkeit, etwa die Schreiberbüste im Erdgeschoss.
Wer sich (wie ich) die berühmte Cheopspyramide majestätisch in einer Wüstenlandschaft thronend vorstellt, weil er Machfus gelesen oder "Tod auf dem Nil" gesehen hat, wird schnell eines besseren belehrt. Der Moloch Kairo (genauer: Gizah) ist inzwischen unmittelbar an die Pyramiden herangewachsen, so dass die Stadt unmittelbar vor dem Plateau aufhört. Optisch beeindruckender als der berühmte Grabbau des Cheops ist Djosers Stufenpyramide in Sakkara. Auch archäologisch Interessantes gibt es dort mehr zu sehen.
Leider hatte ich kaum Gelegenheit, mir das moslemische Kairo näher anzusehen, von einem Spaziergang durch die Altstadt einmal abgesehen. Ein zweiter Besuch ist also dringend notwendig.

Don Quijote sekundär

In der Oxford University Press ist ein neuer Sammelband mit Aufsätzen über dieses großartige Buch erschienen, für den Juni auch als Paperback angekündigt.


26. März 2005

Reise-Notizen Ägypten (1): "No bomb, Sir?"
(Februar 2005)


War ich mir auf dem Flug nach Kairo noch unschlüssig, ob es tatsächlich diesen vielzitierten Unterschied zwischen abendländischer und morgenländischer Mentalität gäbe, bekam ich am Ende des Fluges eine erste Demonstration orientalischer Gelassenheit. Minuten vor dem Landeanflug wurden die kleinen rosa farbigen Formulare verteilt, von denen dutzende Millionen ausgefüllt in ägyptischen Ämtern lagern müssen und welche man für die Einreise auszufüllen hat. Nun will ich nicht darauf hinaus, dass man diesen Dienst an der ägyptischen Bürokratie nicht hätte früher leisten können, immerhin war man seit über drei Stunden in der Luft. Das späte Ansinnen der ägyptischen Obrigkeit veranlasste jedoch eine ältere Dame auf der Suche nach einem Schreibgerät wenige Minuten vor der Landung aufzustehen, das Gepäckfach über ihr zu öffnen und ihre Taschen nach einem Stift zu durchwühlen. Ähnliches erlebte ich vor Jahren auf einem Flug der British Airways, wo sich sofort zwei Stewards laut in schönstem Britisch schreiend auf den Betroffenen stürzten und ihn mit sanfter Gewalt in seinen Sitz zurückbefördeten, nicht ohne weiterhin lautstark auf die Veletzung des strengen Landeanflugprotokolls hinzuweisen und ihm die Lebensgefahr vorzuhalten, der er gerade entgangen sei.
Ihre ägyptischen Kollegen? Beide saßen seelenruhig ein paar Meter angeschnallt auf ihren Crewsitzen und sahen der Dame gelangweilt zu, während das Flugzeug sanft landete. Willkommen im Orient.
Müßte ich ein repräsentatives Geräusch für meine erste Ägyptenreise wählen, so wäre es das ubiquitäre hochfrequente Piepsen der Metalldetektoren. Überall sind sie zufinden: An Hoteleingängen und vor Geschäften, vor Museen und auf den Nilschiffen. Die Touristen laufen brav hindurch, und es piepst jedesmal, weshalb man im halben Land von einem Dauerpiepsen umgeben ist. Aber die Sicherheitsvorschriften müssen ja eingehalten werden. Einigen Sicherheitsbeamten scheint die Absurdität dieser Maßnahmen jedoch bewusst zu sein, gleich zwei mal im Verlauf meiner Reise wurde ich, nach dem Verlassen der piepsenden Schleuse höflich gefragt: "No bomb, Sir"?

Elfriede Jelinek: Babel
(Akademietheater 20.3.)
Regie: Nicolas Stemann
Mitwirkende: Sachiko Hara, Barbara Petritsch, Myriam Schröder, Philipp Hauß, Markus Hering, Philipp Hochmair, Rudolf Melchiar, Hermann Scheidleder

Nach dem großen Erfolg von "Das Werk", durfte Nicolas Steman auch das neue Stück von Elfriede Jelinek uraufführen. Skeptisch ging ich in die Aufführung, war doch eine große Abrechnung mit dem Irakkrieg und sonstigen aktuellen Widerwärtigkeiten angekündigt. Kann das ein Theaterabend leisten?
Die Antwort müßte ein klares "Nein" sein, versuchte man diese Intention mit realistischen Mitteln umzusetzen. Nun fließt zwar auch in "Babel" nicht wenig Theaterblut, jeder naturalistische Ansatz wird aber durch Jelineks Ästhetik relativiert, die fulminant mit den semantischen Möglichkeiten der Sprache spielt. Diese Sprachmacht ist es auch, welche den Abend trägt und die Basis für Stemanns inszenatorische Fantasie bildet. Jelineks Monologe sind faszinierend und man frägt sich, wie diese gelungenen "Sprachregister-Übergänge" zwischen Witz/Ironie/Satire und Pathos/Emotion/Empathie funktionieren. Wie in einem perfekt proportionierten Musikstück gibt es mehrere Themen, die variiert, auf verschiedene Weise durchgeführt werden und trotzdem immer einen Bezug zum Gesamtwerk haben.
Die alten Herren in Stockholm hatten einen lichten Augenblick, als sie diese Sprachkönnerschaft mit dem Nobelpreis auszeichneten.


20. März 2005

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon. Roman
(Hanser)


Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich der (analytische) Philosoph Peter Bieri. Eigentlich war das die Hauptmotivation, diesen fünfhundert Seiten dicken Roman zu lesen. Kann ein analytischer Philosoph gute Prosa schreiben? Wenn ja, versprach ich mir ein höheres intellektuelles Reflexionsniveau als man es sonst bei Autoren der Gegenwartsliteratur voraussetzen kann.
Der Altphilologe Gregorius, ein solider Gelehrter und klassischer Büchermensch, bricht nach dreißig Jahren plötzlich von einem Tag auf dem anderen von seinem Berner Lehreralltag aus und reist nach Lissabon. Dort geht er den Spuren des (fiktiven) Amadeu Prado nach, dessen Buch er zufällig in einer Buchhandlung in die Hand bekam, und dessen essayistische Brillanz ihn beeindruckt. Außerdem gibt es zu Beginn des Buches noch eine geheimnisvolle Portugisin, die später keine Rolle mehr spielt, was der Architektur des Buches schadet.
Prado ist ein hochintelligenter Geistesmensch, dessen Leben Gregorius in Lissabon nach und nach rekonstruiert. Immer wieder werden ausführliche "Übersetzungen" aus den Aufzeichnungen des portugiesischen Arztes eingeschoben. Fernando Pessoa und dessen "Buch der Unruhe" scheint diese Figur inspiriert zu haben.
Mercier versucht ein großes Thema literarisch zu behandeln: Wie soll man leben? Gregorius Lebenskrise, Prados Texte und seine komplexe Biographie (portugiesischer Widerstand) beleuchten diese Frage aus verschiedenen Perspektiven.
Die Texte Prados sind am besten gelungen. Gregorius ist auch eine interessante Figur, allerdings ist der Handlungsablauf des Romans sehr schematisch. Während Mercier bei einzelnen Szenen immer wieder literarische Könnerschaft beweist, überzeugt die Konstruktion des Werks nicht. Die einzelnen Szenen reihen sich vorhersehbar wie umstürzende Dominosteine aneinander. Ein Hinweis hier, ein Gespräch da, der nächste Hinweis dort, das nächste Treffen da ...
Das ermüdet gegen Ende des Romans! Es fehlen inhaltliche und ästhetische Überraschungen. Trotzdem las ich das Buch nicht ungern, man kann es auch als Bibliomanikum lesen, in dem viele alte Bücher und einige schrullige Büchermenschen vorkommen.

Elfriede Jelinek

    Bühne: Was hat sich geändert für Sie nach dem Nobelpreis? Sind Sie glücklich über diese Auszeichnung, um die Sie alle Schriftstellerinnen beneiden?
    Jelinek: Ich bin kein sehr freudebereiter Mensch, ich neige eher zur Melancholia und Depression, abgelöst anfallsartig ab und zu vom lieben alten Sarkasmus. Ich muß zwanghaft sofort alles ironisieren, daher nehme ich all das auch nicht allzu ernst. Aber natürlich habe ich mich gefreut, allerdings habe ich auch sehr stark das Gefühl, das alles nicht zu verdienen.
    Aber wer bekommt schon, was er verdient?

Nestroy: Kampl oder Das Mädchen mit Millionen und die Nähterin
(Theater in der Josefstadt 19.9.)
Regie: Herbert Föttinger
Kampl: Helmuth Lohner
Gabriel Brunner: Otto Schenk
uvm.

"Kampl" ist eine Kömodie um Ehe- und Erbschaftsintrigen, die jedem Volkstheater Ehre machte, wäre sie nicht mit Nestroys subversiven Sprachwitz angereichert, den vom Hochadel bis zum Schlosser alle Beteiligten zu spüren bekommen.
Föttingers Inszenierung ist so brav, wie das angesichts der Starbesetzung zu erwarten war. Helmut Lohner und Otto Schenk zieren die Aufführung mit adäquater schauspielerischer Solidität. Unterhaltsam anzusehen.


15. März 2005

Lotte in Weimar

Axel Schmitt ist von der neuen Edition in der Frankfurter Ausgabe hingerissen.

Istanbul

In Wien hängen derzeit FPÖ Plakete mit dem hirnrissigen Slogan, Wien dürfe nicht Istanbul werden. Orhan Pamuks Liebeserklärung an diese Stadt setzt einen schönen Kontrapunkt.

Der neue Woody-Allen-Film ...

"Melinda and Melinda" wird im New Yorker rezensiert.


13. März 2005

Hans Poser: René Descartes. Eine Einführung
(Reclam UB)


Man kann nicht oft genug darauf hinweisen, dass der Reclam Verlag in seiner Universalbibliothek nicht nur Klassiker, sondern auch viele gute Sach- und Fachbücher verlegt.Ich verwende diese immer als "Unterwegsbücher", weil sie optimal in jede Tasche passen.
So las ich auch Posers kluge Einführung in die Philosophie Descartes größtenteils "on the road". Seine Leistung besteht vor allem darin, einerseits nicht allzuviel vorauszusetzen und andererseits trotzdem keine unnötige Komplexitätsreduktion zu betreiben. So kommen auch unterschiedliche Forschungspositionen nicht zu kurz.
Schwerpunkte der Darstellung sind die Methode der Analyse und Synthese, der Aufbau der Erkenntnis nach Descartes sowie die einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen, in denen sich der Philosoph hervortat.

Benjamin Britten: Peter Grimes
(Staatsoper 11.3.)
Regie: Christine Mielitz
Dirigentin: Simone Young
Peter Grimes: Gabriel Sadé
Ellen Orford: Melanie Diener

Als ich am Freitag routinemäßig in die Oper ging und eine routinemäßige Aufführung erwartete, war die Verblüffung groß als es ein großartiger Opernabend wurde. So musikalisch inspiriert erlebte ich das Wiener Staatsopernorchester schon lange nicht mehr. Vielleicht lag es ja daran, dass dieser Männermusikantenbund von einer Frau dirigiert wurde und sich niemand eine Blöße geben wollte?
"Peter Grimes" kannte ich bisher nur flüchtig. Es dürfte aber auch kunstspartenübergreifend wenige Werke geben, die Verzweiflung und Trostlosigkeit ästhetisch so überzeugend umsetzen. Man kann es förmlich hören, dass dieses Werk am Ende des zweiten Weltkriegs komponiert wurde. Sadés sang Grimes emotional höchst ergreifend. Die Inszenierung war für Staatsopernverhältnisse erfreulich staublos. Tolle Leistung aller Beteiligten.


6. März 2005

Foucault demystifiziert

Mir schien der akademische Kniefall vor Michael Foucaults Schriften immer schon ein besonders gelungenes Symptom kollektiver Denkschwäche zu sein. Bestätigt wird das von einem instruktiven Aufsatz Jörg Laus, der ausführlich die Bewunderung des originellen Meisters für die iranische Revolution analysiert:

    Der Analytiker der Macht verwandelt sich in den Apologeten einer Machtergreifung, die ihren langen Schatten bis in unsere Gegenwart fallen läßt. Foucault, der Alleszermalmer, der die heiligen Worte der westlichen politischen Philosophie – Demokratie, Fortschritt, Humanität, Freiheit – zertrümmert hat, besingt den Auftritt des Islamismus auf der Bühne der Weltpolitik als »einen Versuch, der Politik eine spirituelle Dimension zu verleihen«. Man sollte meinen, daß das Schauspiel dieser Konversion – vom »Zerstörer der Evidenzen« zum Vorbeter des Gottesstaates – unter den zahlreichen Foucault-Exegeten einiges Interesse erregt hätte. Denn die Liste der Tyrannophilen unter den Intellektuellen des letzten Jahrhunderts ist zwar lang. Aber die strategische Allianz dieses Meisterdenkers mit dem Ajatollah ist selbst unter all den traurigen Geschichten des letzten Jahrhunderts etwas Besonderes.

Zyklus Alban Berg Quartett: 3. Konzert
Franz Schubert: Streichquartett Es-Dur D 87
Roman Haubenstock-Ramati: Streichquartett Nr. 2 (1977)
Franz Schubert: Streichquartett G-Dur D 887
(Konzerthaus 3.3.)


Sehr reizvoll die Gegenüberstellung des frühreifen mit dem meisterhaften späten Schubert. Das Alban Berg Quartett zeigte sich in Hochform. Auch das moderne Werk Haubenstock-Ramatis konnte sich hören lassen: führte es doch die unglaubliche Klangvielfalt vor, die man einem Streichensemble entlocken kann.


27. Februar 2005

Stendhal: Rot und Schwarz. Chronik aus dem 19. Jahrhundert [2.]
(Hanser/Wissenschaftliche Buchgesellschaft)


Elisbeth Edl als Herausgeberin und Übersetzerin ist diese in jeder Hinsicht vorbildliche neue Ausgabe des großen Romans zu verdanken. Die neue Übertragung liest sich ausgezeichnet. Das ausführliche Nachwort ist höchst informativ und unprätentios geschrieben. Der Stellenkommentar ist nützlich und auf eine Zusammenstellung der Äußerungen Stendhals über sein Buch braucht man ebenfalls nicht zu verzichten. Kurz: Der Hanser Verlag versteht es nach wie vor, ausgezeichnete Klassikerausgaben herauszubringen. Mögen noch viele folgen.
"Rot und Schwarz" nimmt in meinem Privatkanon einen wichtigen Platz ein. Heute liest sich der Roman wie einer der vielen realistischen Romane des vorletzten Jahrhunderts. Deshalb muss man sich vor Augen führen, dass 1830 diese nüchterne Ästhetik des kalten Blicks höchst ungewöhnlich war. Die Kritik konnte diese psychologisch sezierende Vorgehensweise nicht ertragen und bemängelte die Kälte und Unwahrscheinlichkeit der Figuren.
Wenn man sich die Restaurationszeit vor Augen führt, in welcher der junge und zynische Julien Sorel seine Erfahrungen mit der französischen Gesellschaft macht, spiegelt sein Scheitern authentisch das reaktionär-klerikale Klima des Landes. Sozialer Aufstieg war kaum möglich.
Im Vergleich zu Balzac gibt es weniger Ausrutscher in Richtung Kolportage. Während Balzac seine Romane mit einem weiten Spektrum an Figuren ausstaffiert, die bis zu den Nebenfiguren quicklebendig wirken, konzentriert sich Stendhals Erzählkunst auf wenige Protagonisten. Das Umfeld bleibt ab und zu blaß, Paris als Schauplatz ist seltsam unpräsent. Das schadet dem Roman aber kaum.

Hans-Günter Semsek: Ägypten und Sinai. Pharaonische Tempel und islamische Traditionen
(Dumont Kunstreiseführer)

Barbara Kreißl: Ägypten
(ADAC Reiseführer)


Auf die Kunstreiseführer des Dumont Verlags ist in der Regel Verlass. Auch der Band über Ägypten ist gut gelungen. Wissend, dass man dieses Land und seine Altertümer nur dann verstehen kann, wenn man viel Vorwissen mitbringt, ist fast die Hälfte des Buches allgemeinen Themen gewidmet. Geschichte, Alltag, Religion, Architektur, Kunst, Literatur des alten Ägypten. Auch die Gegenwart und der Islam kommt nicht zu kurz.
Diese plausible Vorgehensweise hat aber einen Nachteil: Es bleibt verhältnismäßig wenig Platz für die Schilderung der Altertümer. Vor allem Detailbeschreibungen kommen zu kurz, so wünschte man sich oft eine genauere Beschreibungen der Reliefe. Abu Simbel etwa wird viel zu knapp dargestellt.
Der ADAC Reiseführer kann hier naturgemäß nicht mithalten, bietet aber für fünf Euro einen guten Überblick. Die Sehenswürdigkeiten werden kompetent und informativ beschrieben.


26. Februar 2005

Fouad Allam: Der Islam in einer globalen Welt
(Wagenbach Taschenbuch)


Fouad Allam ist gebürtiger Algerier und arbeitet als Soziologe an der Universität Triest. Seine Studie ist der ambitionierte Versuch, einen Überblick über die aktuelle politische Diskussion innerhalb der islamischen Gelehrtenwelt zu geben, wobei historische und geistesgeschichtliche Exkurse nicht zu kurz kommen.
Die Oberflächlichkeit der durch die politische Diskussion konstruierten Fronten zwischen dem Islam und den Rest der Welt entlarvt Allam, in dem er die geistesgeschichtlichen Einflüsse europäischer Denkschulen auf Vertreter des islamischen Fundamentalismus zeigt. So freundete sich der einflussreiche Mohammed Iqbal (und andere Intellektuelle seiner Generation) schnell mit der Philosophie Heideggers und Bergsons an. Irrationale Geistesverwandschaften.
Doch nicht nur Allams interkulturelle Analysen sind scharfsichtig. Er legt seine Finger auch auf die offenen Wunden der fundamentalistischen Bewegung. Während diese in Anspruch nähme, den "wahren Islam" zu vertreten, sei sie doch weit entfernt von den historischen und kulturellen Wurzeln dieser Kultur:

    Der Begriff "zeitgenössischer Islam" macht es möglich, eine Bruchlinie zu ziehen zwischen dem historischen, anthropologischen Islam und einem neofundamentalistischen Islam, der das paradoxe Ergebnis des Akkulturations- und Modernisierungsprozesses der muslimischen Gesellschaften ist. Er merzt die Dimension der Kultur aus der religiösen islamischen Identität aus, er trennt sie von ihrer historischen, theologischen und philosophischen Überlieferung und macht sie zu einem abstrakten und ideologischen Konstrukt.
    [S. 88f.]
Ein selten kluges Buch zum Thema.

Hermann A. Schlögel: Das Alte Ägypten
(C.H. Beck Wissen)


Die handlichen Bände der "Wissen"-Reihe von C.H. Beck eigenen sich perfekt als Reisebegleiter, weshalb ich Schlögels kurzen Abriss der altägyptischen Geschichte mit an den Nil und nach Nubien nahm.
Schlögels hilfreiche Darstellung ist konzentriert und sehr gut lesbar. Nichts daran auszusetzen.


24. Februar 2005

Der Papst ...

... weiß also, dass er im Zentrum eines großen Religionsbetrugs steht. Warum sonst würde er sich so stark ans Leben klammern?

Flaubert: Reise in den Orient
(insel taschenbuch)


Flauberts Reiseaufzeichnungen sind naturgemäß die ideale Begleitlektüre für eine Ägyptenreise. Das liegt nicht nur daran, weil es immer eine Freude ist, von Flauberts präziser Beobachtungsgabe zu profitieren. Spannend ist es vor allem, seine 155 Jahre alten Beschreibungen der ägyptischen Altertümer mit dem aktuellen Erhaltungszustand zu vergleichen.
So war der Tempel in Abu Simbel damals noch teilweise mit Sand verschüttet. Der Band des Insel Verlages enthält auch die Fotographien, welche Flauberts Reisegefährte Maxime Du Camp aufnahm. So erhält man auch einen guten optischen Eindruck.
Ansonsten ist noch zu sagen, dass die Aufzeichnungen sehr heterogen sind. Von ausgefeilten und durchkomponierten Prosaskizzen bis hin zu kurzen Notizen als Gedächtnisstütze reicht das Spektrum.

Neue Klassikerreihe

Der Buchhändler Barnes & Noble bietet neuerdings eine Library of Essential Reading an. Die Bücher sind vergleichsweise preiswert. Wäre interessant zu wissen, in welcher Qualität sie gedruckt und gebunden sind. Bisher gibt es 135 Titel.


11. Februar 2005

In Ägypten unterwegs ...

... bin ich studienreisend die nächsten 12 Tage, daher keine Updates.


6. Februar 2005

Nagib Machfus: Zuckergäßchen. Roman
(2001 Ausgabe)


Der Abschlussband der Kairotrilogie ist mit knapp 300 Seiten vergleichsweise kurz. Deshalb ist das Erzähltempo schneller, die Kapitel kürzer. Nach der epischen Breite des ersten Teils ist das ein formal wohltuender Kontrast.
Kamal ist nun in den Dreißigern und führt das Leben eines Lehrers, der sich abends mit Philosophie beschäftigt und regelmäßig Artikel für eine progressive Zeitschrift schreibt. Sowohl sein privates als auch sein intellektuelles Leben sind von Unentschiedenheit geprägt. Machfus versucht in diesem Buch erneut, die geistige Situation der Zeit einzufangen. Fouad Allam, dessen Studie "Der Islam in einer globalen Welt" ich gerade lese, beschreibt sie so:

    Der Gegensatz zwischen dem Islam und dem Westen hat die muslimischen Gesellschaften während des 20. Jahrhunderts von innen heraus zerfressen, und er hat Ideologien und politische Theorien hervorgebracht, die dem historischen Unterlegenheitskomplex abhelfen wollen.
    [S. 87]
Wie stellt der Autor diesen Konflikt da? Er läßt in der Familie austragen. Die beiden Neffen Kamals sind inzwischen junge Männer geworden. Einer wird Kommunist, der andere Muslimbruder. Diverse Diskussionen und Auseinandersetzungen sind damit vorprogammiert. Am Ende werden beide gleichzeitig verhaftet.
Die Kairo-Trilogie gehört mit zum besten, was ich seit längerer Zeit las, und Machfus ist für mich die literarische Entdeckung des letzten Jahres, und (nebenbei bemerkt) eine vorzügliche Reisevorbereitung für Ägypten.

Zyklus Alban Berg Quartett: 2. Konzert
Alban Berg: Lyrische Suite
Franz Schubert: Der Tod und das Mädchen. D 810
(Konzerthaus 30.1.)


Man könnte meinen, dass der Interpretationsstil des ABQ mit dem Alter abgeklärter und "analytischer" würde. Weit gefehlt! Schuberts Streichquartettklassiker wurde mit Verve und überschäumender Expressivität gegeben. ABQ und Schubert sind nach wie vor eine ideale Kombination.
Bergs Stück, das zwischen Zwölftonmusik und Atonalität wechselt, klang kaum noch revolutionär. Die Lyrik des Werks trat offen zu Tage, kurz: Es war überraschend schön.


5. Februar 2005

Albert Ostermaier: Nach den Klippen
(Akademietheater 3.2.)
Regie: Andrea Breth
Circe: Elisabeth Orth


Viele hunderte Abende verbrachte ich in vielen Theatern, doch an eine so langeweilige und lähmende Vorstellung kann ich mich nicht erinnern. Sollte es eine platonische Idee der Langeweile geben, so dürfte man ihr mit diesem Abend so nahe wie selten gekommen sein.
Ostermaier schrieb einen mäandernden Monolog für Circe, der zwischen zahlreichen modernen Bezügen immer wieder um die Geschichte(n) in der Odyssee kreist. Nun gehört Homers Buch zu meinen Favoriten, weshalb es an Interesse am Stoff nicht mangelte. Ostermaiers Text ist jedoch viel zu schwach, um einen ganzen Theaterabend zu tragen. Er mag einige poetische Stellen haben, ansonsten zeugt er nur von ästhetischer Unentschiedenheit.
Nun könnte man einwenden: Aus avantgardistischer Perspektive hätte Hermetik doch ihren Reiz. Stimmt, das funktioniert aber nur, wenn das Sprachmaterial dem entgegen kommt. Auf Sprachwitz, Ironie und ähnlichen Register wartet man jedoch vergebens. Andrea Breth versucht dieses literarische Vakuum mit Aktionismus auf der Bühne zu überspielen: umsonst.
Einen Besuch der Aufführung kann ich nur dann empfehlen, wenn jemand persönlich nachvollziehen will, warum die Langeweile im Existenzialismus einen so großen Stellenwert einnimmt.

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Erik Hornung Das Tal der Könige C.H. Beck Wissen Reisebegleiter
Hermann A. Schögel Das Alte Ägypten C.H. Beck Wissen Reisebegleiter
Anselm von Canterbury Proslogion / Anrede Reclam UB zweisprachig; enthält ontologischen Gottesbeweis
Jurek Becker Bronsteins Kinder SZ Bibliothek 45 München 2004


30. Januar 2005

Nagib Machfus: Palast der Sehnsucht. Roman
(2001 Ausgabe)

Der zweite Teil der Trilogie schließt unmittelbar an "Zwischen den Palästen" an. Allerdings sind inzwischen einige Jahre verflossen und Kamal, der kleine Junge des ersten Romans, ist nun ein junger Mann geworden. Er tritt uns als idealistischer Intellektueller entgegen, der sich t sich mit westlicher Philosophie und den Naturwissenschaften beschäftigt. Man ahnt es schon: Islam und Darwin passen nur schlecht zusammen, ein klassischer Konflikt entsteht. Die konservativ-religiöse Familie bringt keinerlei Verständnis für die geistigen Ambitionen Kamals auf. Die intellektuellen Wünsche des Sohnes prallen in einem ausführlichen Gespräch auf die kaufmännische Weltsicht des Vaters:

    Wie konnte der Vater nur solche erhabene Dinge auf dieses niedere Niveau hinunterziehen? Trost fand er nur in dem, was ihm zur Verteidigung der großen Denker durch den Kopf schoß, was er in ihren Werken über das Denken und seine heilige Aufgabe gelesen hatte. Auch sie hatten sich gegenüber den unwissenden Toren wehren müssen, die alles Wissen aus reinem Nützlichkeitssinn der gesellschaftlicher Normiertheit verachteten.
    [S. 547]
Aufgeklärte Moderne trifft auch den traditionellen Orient. Nicht nur von der Konfliktstruktur her fühlt man sich an große russische Romane aus dem 19. Jahrhundert erinnert, auch Machfus psychologischer Realismus rechtfertigt diese literaturgeschichtliches Assoziation.
Ein weiteres Thema des Romans ist Kamals erste große Liebe. Das Objekt der Begierde ist die für ihn schon aus Klassenunterschieden unerreichbare Schwester seines besten Freundes. Langwierige emotionale Verwicklungen sind die Folge.
Obwohl Kamal im Mittelpunkt des Romanes steht, werden auch die anderen Handlungsstränge rund um die Familie weitergetrieben. Manchmal hat man bei der Lektüre den Eindruck, dass die Konstruktion etwas zu wenig ausgewogen ist: Die Kamalhandlung bekommt ein zu starkes Schwergewicht und man verliert die anderen Figuren immer wieder aus den Augen. Das stört das erfreuliche Leseerlebnis aber kaum. Man sollte die Trilogie aber in der chronologisch korrekten Reihenfolge lesen.

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Fouad Allam Der Islam in einer globalen Welt Wagenbach TB Berlin 2004
John Steinbeck Tortilla Flat SZ Bibliothek 40 München 2004
Julien Green Leviathan SZ Bibliothek 43 München 2004


23. Januar 2005

Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie. Paradies
(Faber & Faber)


Schon am Ende des Purgatorio zeigte sich ein zunehmender Abstraktionsgrad. Die Gesänge des Paradieses sind durchsetzt mit theologischen Erörterungen. Angesichts der zahlreichen Kirchenväter, Heiligen, Kreuzritter und biblischen Gestalten kann das nicht weiter überraschen: Worüber sonst sollten sie reden?
Das künstlerische Wagnis, welches Dante mit diesem Teil eingeht, beschäftigt ihn an verschiedenen Stellen. So klagt er immer wieder über die mangelnde Fähigkeit, das Erfahrene in passende Worte zu kleiden. Seltsam mutet in diesem Zusammenhang das Anrufen antiker Götter (!) an, die ihm literarisch im christlichen Paradies beistehen sollen:

    O mein Apoll, zum letzten Meisterstück
    schenk mir von deiner Kraft so viel, daß ich
    bei dir des Lorbeerpreises würdig werde.
    [1. Gesang]
Lorbeer ist ein wichtiges Stichwort, Dante verspricht sich nämlich eine politische Wirkung seines Meisterwerks: die Rückkehr nach Florenz:
    und will als Dichter dort den Kranz empfangen
    [25. Gesang]
Überblickt man die Gesamtkonstruktion der Commedia, ist die Hypothese naheliegend, dass Dante die "Abgehobenheit" des letzten Teil als ästehtisches Mittel benutzte, um die geistige Entfernung des Irdischen vom Göttlichen auszudrücken.
Diese Entfernung hinderte ihn aber nicht daran, saftige Moralpredigen einzubauen:
    Unsinnige Verstrickung irdischer Sorgen,
    wie mangelhaft eure Gedankenkünste,
    daß ihr die Flügel kaum vom Boden hebt!
    In Rechtsgeschäfte, in Gesundheitslehre,
    in Pfründenwesen, in Regierungsssachen
    verfangen mit Gewalt und Klügelei [...]
    [11. Gesang]
Neben dem allgemeinen Publikum kommen vor allem korrupte Kleriker zum Handkuss. Die Gründer der großen Ordnen klagen über die Dekadenz. Als Beispiel Benedikt:
    Die Mauern, die ein Kloster waren, sind
    nun Diebeshöhlen, und die Kutte ist
    ein voller Sack mit faulem Mehl geworden.
    [22. Gesang]
Petrus empört sich über seine päpstlichen Nachfolger:
    die Stätte meines Grabs hat er entweiht
    zu einem Pfuhl des Blutes und Gestankes
    dem Abgefallenen zum Trost dort unten.
    [27. Gesang]
Für den heutigen Leser bildet diese Kirchenkritik einen wichtigen Gegenpol zur allgemeinen Christentumsvergötterung Dantes. Zumal die Kritik so scharf ist, dass sie an Luther erinnert. Sogar der Ablasshandel kommt explizit zur Sprache.
Dante streut immer wieder autobiographische Bezüge ein, so sein berühmte Klage über das Exil:
    Wirst alles Liebe, wirst dein Teuerstes
    verlassen müssen: dieses ist die erste
    von der Verbannung dir geschlagne Wunde;
    und wirst erfahren, wie das Brot der Fremde
    so salzig schmeckt, und wie die fremden Treppen
    hinab hinan ein hartes Steigen ist.
    [17. Gesang]
Die Geographie des Himmels orientiert sich an den damals bekannten "Sternen" (Planeten). Die Bewohner sind Lichtgestalten und die Licht- und Feuermetaphorik dient Dante als wichtigstes Mittel zur Beschreibung des Paradieses und dessen Bewohner. Manchmal bilden die Lichter Symbole nach (einen Adler und eine Leiter beispielsweise). Göttliche Neonreklame.
Was den theologischen Gehalt angeht, orientiert sich Dante weitgehend an der klassischen Scholastik. Leider erreicht er oft nicht logische Klarheit eines Thomas von Aquin. Ein komprimierteres Weltbild des Mittelalters wird man jedenfalls schwerlich finden.
Das gilt für die "Commedia" insgesamt, weshalb ich sehr froh bin, mich in den letzten Monaten ausführlich mit dem Buch beschäftigt zu haben: Es lohnt sich. Allerdings reicht ein Lesedurchgang bei weitem nicht aus. Früher oder später wird eine zweite Runde folgen.

Europa und Amerika

In der aktuellen The New York Review of Books 2/2005 ist eine kluge Analyse Tony Judts über die aktuellen Beziehungen zwischen den USA und Europa zu lesen.


16. Januar 2005

Willem de Kooning
(Kunstforum 16.1.
)

Angeblich war es aufgrund des "Streubesitzes" schwierig, die Ausstellung zu organisieren. Die Zahl der Bilder hält sich auch in Grenzen, ist aber ausreichend, damit man sich einen Überblick über de Koonings Entwicklung verschaffen kann.
Persönlich haben es mir besonders die abstrakten Landschaftsbilder angetan. Natur wird so weit abstrahiert, dass außer ein paar möglichen Assoziationen nichts mehr übrig bleibt. Die großformatigen Gemälde sind buchstäblich beeindruckend. Sie wirken sehr spontan gemalt und man ist überrascht zu erfahren, dass de Kooning teilweise Monate an ihnen gearbeitet hat.
Ein Raum ist der Wirkungsgeschichte gewidmet (u.a. Gerhard Richter).

John Philoponus (490-530) -
Der letzte Naturwissenschaftler der Antike?

    He argued brillantly against Aristotle's world-picture and on several important matters in physics he took up positions which are commonly thought not to have been espoused until Galileo's day. For example, Philoponus attacked Aristotle's theory that the earth andthe heavens are separate realms which need radically different physical principles to explain them. Philoponus denied that stars were eternal and unchangeable and this rejected the whole basis of what was to become standard medieval cosmology.
    He carefully demolished Aristotle's arguments, showing that they did not make sense in themselves andmoreover that they contradicted other things which Aristotle had said. Most significantly, Philoponus made extensive use of personal observation and even experiment to support his own physical theories [...]
    Philoponus' own theory of falling bodies was not quite right, but the experiment he describes here (which does at least refute Aristotle's view) was heralded as momentous scientific breakthrough when it was repeated in the seventeenth century [...]
    Philoponus was the last of his kind: as far as one can tell, nobody in Western Europe practised his sort of analysis of nature again until the fourteenth century.

    [Anthony Gottlieb: The Dream of Reason. A History of Philosophy from the Greeks to the Renaissance. New York 2000. S. 385f.]

Geschichte der analytischen Philosophie

Scott Soames legt eine 900seitige Geschichte der analytischen Philosophie in zwei Bänden vor, eine sehr erfreuliche Anstrengung, die von Richard Rorty besprochen wird.


8. Januar 2005

Alfred Schnittke: Gesualdo
(Staatsoper 26.12.)
Regie: Cesare Lievi
Dirigent: Jun Märkl
Don Carlo Gesualdo: Peter Weber
Donna Maria Gesualdo: Nadia Krasteva
Don Fabrizio Caraffa: Jon Dickie

Das Libretto erzählt den "Ehrenmord" des Komponisten Gesualdo (1560-1613) an seiner Gattin und deren Liebhaber. Ein klassischer Opernstoff also, der durch den Beruf des Protagonisten noch durch die Künstlerthematik ergänzt wird.
Zusätzlich erhält der Polystilist Schnittke die Gelegenheit, sich von Gesualdos Musik anregen zu lassen. Musikalisch ist die Oper denn auch sehr komplex, da sich Schnittke aus einem reichen musikhistorischen Fundus bedient, und (im Gegensatz zu anderen zeitgenössischen Opernkomponisten) auch keine Anleihen bei der klassischen Opernästhetik scheut.
Szenisch ist die Aufführung rasant, die schnellen Szenenwechsel erinnern nicht selten an Filmschnitte. Sehr schön, dass die Staatsoper auch solche Werke auf dem Spielplan hat. Sie könnten allerdings öfters angesetzt werden, doch das würde ja der Auslastungsstatistik schaden.

Leibniz als Historiker

In einer (nach allem, was man hört) sehr lobenswerten Edition liegen nun in einem Band, der mehr als tausend Seiten umfasst, die historischen Arbeiten des Gottfried Wilhelm Leibniz vor.

Lubitsch: To Be or Not to Be
(Filmmuseum 3.1.)
Drehbuch: Edwin Justus Meyer
Kamera: Rudolf Maté
Musik: Werner R. Heymann
Darsteller: Carole Lombard, Jack Benny, Robert Stack, Felix Bressart, Lionel Atwill
1942
s/w

Fünf Lubitschfilme wurden mir speziell empfohlen, von denen "To Be or not to Be" der beeindruckendste war. Ob es an dem ernsten Hintergrund des Filmes lag (Warschau kurz nach Kriegsbeginn) oder an den besonders inspiriert wirkenden Pointen, ist schwer zu sagen. Abgesehen von Chaplins "Great Dictator" ist mir jedenfalls kein Film bekannt, der so geistreich die gefährliche Stupidität der Nazis entlarvte. Wer die Gelegenheit hat, möge ihn unbedingt ansehen.


2. Januar 2005

Nagib Machfus: Zwischen den Palästen. Roman
(2001)


Längerer Zeit schon stand die "Kairo Trilogie" in der ziegelartigen und handgelenksgefährdenden 2001-Ausgabe im Regal. Anstoß für den Lektürebeginn war nun die für Februar geplante Ägyptenreise. Ist man es gewöhnt, Literatur vor allem ästhetisch motiviert zu lesen, wird einem angesichts eines so wirklichkeitsprallen Romans wieder bewusst, dass der Kunstaspekt der Literatur (so wichtig er ist) nur ein Aspekt der Romankunst ist. Der zweite läßt sich wohl am besten als humaner "Wissensspeicher" beschreiben: Lebensentwürfe, Weltanschauungen, Räume aller Art werden durch Literatur in einer einzigartigen Weise festgehalten.
Nachdem mein Wissen über den orientalischen Alltag naturgemäß beschränkt ist, trat bei der Lektüre von "Zwischen den Palästen" dieser semantische Aspekt stark in den Vordergrund. Der Leser erfährt eine Menge über das Leben in Ägypten zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Im Mittelpunkt steht eine wohlhabende Händlerfamilie in Kairo. Der Vater ist ein Familientyrann reinster Prägung und versetzt Gattin und Kinder regelmäßig und absichtlich in Furcht und Schrecken. Die Rolle der Frau beschränkt sich auf demütige Unterordnung. Kurz: Machfus zeichnet ein ausgesprochen düsteres Bild. Rechtfertigung des Vaters ist - wie könnte es anders sein - die Religion. Dass der Vater - allen der Familie gepredigten Grundsätzen entgegen - ein Doppelleben (Weib, Wein, Gesang) führt, macht ihn als Figur noch unsympathischer.
Es gibt hier interessante interkulturelle Zusammenhänge zur deutschsprachigen Literatur. So erinnert das abstoßende Patriarchat des ägyptischen Familienoberhaupts an entsprechende Figuren der kritischen Heimatliteratur: Innerhofers "Schöne Tage" beispielsweise. Das Unterdrückungspotenzial des Katholizismus ist selbstverständlich nicht geringer als das des Islam.
Machfus Werk steht in bester europäischer Tradition des Familienromans. Der Autor hat seine ausgesprochen lebendigen Figuren ebenso im Griff wie die diversen Handlungssträge. Die ägyptische Politik (Unabhängigkeitsbewegung) spielt etwas zu plötzlich nach der Mitte des Romans eine entscheidende Rolle im Familienleben, wird dann aber schnell "organisch" mit der Handlung verwoben.
Soweit man das nach einem Buch sagen kann: Machfus scheint den Nobelpreis, im Gegensatz zu manchem anderen, durchaus verdient zu haben.

Das "Don Quijote Jahr 2005" ...

... stellt der ORF vor.


1. Januar 2005

Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie. Fegefeuer
(Faber & Faber)


In vieler Hinsicht setzt das Purgatorio die Hölle fort: Während die Höllenkreise trichterförmig ins Erdinnere verlaufen, sind die sieben Kreise des Fegefeuers spiegelbildlich auf einem Berg angeordnet. Das eigentliche Purgatorio beginnt bei der Hälfte des Berges, den der Held immer noch in Begleitung Vergils besteigt. In der unteren Hälfte befindet sich das Antipurgatorio, in dem Sünder, die aus diversen Gründen zu spät bereuten, auf den Einlass ins Fegefeuer warten.
Die Läuterung der Sünder erinnert ebenfalls an die Hölle. Zugegeben, die Strafen sind cum grano salis weniger brutal. Dazu kommt eine - in der ewigen Verdammnis unnötige - didaktische Komponente: Den Büßenden werden Beispiele tugendhaften Verhaltens vor Augen geführt, passend zur eigenen Lasterkategorie versteht sich. Die Stolzen etwa dürfen sich an Marmorbildern (die bildende Kunst hält Einzug!) ergötzen, die Szenen der Demut zeigen. Die Zornigen werden mit Sanftmutsvisionen geplagt ...
In den sieben Kreise des Purgatorio trifft unser metaphysischer Bergsteiger auf die Stolzen, die Neider, die Zornigen, die Trägen, die Geizhälse und Verschwender, die Schlemmer und schließlich die Wollüstigen.
Die letzten Gesänge des Fegefeuers spielen bereits im irdischen Paradies und die lang ersehnte Beatrice hat ihren Auftritt. Der Abstraktionsgrad des Textes nimmt signifikant zu. Theologische Themen und Allegorien treten in den Vordergrund und kündigen bereits den dritten Teil der Commedia inhaltlich an. Ohne Thomas von Aquin bei der Hand zu haben, dürfte sich die Ergiebigkeit der Lektüre in Grenzen halten.

Gerhart Hauptmann: Vor Sonnenaufgang
(Burgtheater 22.12.)
Regie: Nicolas Stemann
Hoffmann: Philipp Hochmair
Loth: Philipp Hauß
Helene: Caroline Peters
Martha: Johanna Eiworth


In bester Manier des Regietheaters ging Stemann mit Hauptmanns Text sehr frei um. So läßt er die Figuren in guter (und trotzdem antiquiert wirkender) epischer Tradition aus den Rollen heraustreten und Regieanweisungen rezitieren.
Viele Regieeinfälle sind durchaus gelungen, allerdings geht der strukturelle Zusammenhalt oft nicht über assoziative Verkettungen hinaus. Manches (Flüchtlingschor) schrammt nur knapp an der Peinlichkeitsgrenze vorbei. Trotzdem ein durchaus anregender und interessanter Theaterabend.

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