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Notizen: Archiv

von Christian Köllerer



1. Quartal 2006




31. März 2006

Lob des Hörbuchs

Vor mehr als einem Jahr fing ich an, mich regelmäßig Hörbüchern zuzuwenden. Als Abspielgerät verwende ich mein Mobiltelefon mit integriertem MP3 Player (512 MB), d.h. ich höre vor allem unterwegs und in anderen "Leerlaufzeiten". Im Sommer letzten Jahres entdeckte ich dann die hier schon mehrmals gepriesene Teaching Company, die im großen Stil vorzüglich gemachte Vorlesungen auch als "Hörbucher" anbietet. Themen sind überwiegend im klassischen Bildungskanon angesiedelt, aber es gibt auch Natur- und Wirtschaftswissenschaftliches. Die einzelnen Vorlesungen sind zwischen sechs und zweiundvierzig Stunden lang und in einzelne "Lectures" von dreißig oder fünfundvierzig Minuten aufgeteilt.
Im Moment höre ich beispielsweise die zweiundvierzig Stunden lange, von mehreren Professoren gehaltene VL über die History of the United States, wo ich bisher rund um das 19. Jahrhundert einiges Neue erfahren konnte.
Mein Alltag wurde dadurch gewissermaßen revolutioniert. Meine Geduld ist inzwischen grenzenlos. Es spielt keine Rolle, ob der Bus gerade vor der Nase wegfährt, die Schlange an der Kasse bis zum Kühlregal reicht oder das Wartezimmer besonders voll ist: Es läßt mich kalt. Ich nutze die Gelegenheit, um eine Viertelstunde länger eine Lecture über Plato, biblische Textkritik oder jüdische Geistesgeschichte zu hören. Hörzeit pro Tag sind durch Arbeitsweg und andere unverzichtbare Tätigkeit mindestens neunzig Minuten pro Tag (abgerundet also 500h pro Jahr). Da sage noch jemand, neue Technologie ließen sich nicht sinnvoll nutzen.

Harnoncourt über Popmusik

    Bühne: Und die Massenproduktion moderner Popmusik ... Harnoncourt: ... ist totaler Dreck, grauenhaft. Wir können ja nicht leben ohne Musik und lassen uns ständig berieseln. Aber da kommt es nicht auf Qualität an, sondern auf Konsumation. Die Plattenproduzenten können leicht irgendwelche blöden, halbbegabten Teenager aufpumpen, daß sie den Ohren der Gleichaltrigen wichtig erscheinen. Und wenn sie damm ausgelutscht sind, schmeißt man sie halt weg.
    [Bühne 3/06 S. 27]


24. März 2006

Bibliothek: Neuzugänge

Zwei neue Bände kann die Thomas-Bernhard-Ausgabe vorweisen. Seit zwei Wochen beschäftige ich mich ausführlicher mit Montaigne, ein großes Vergnügen, das in den Notizen noch ihren Niederschlag finden wird. Als Begleitlektüre dazu dienen mir der neue Cambridge Companion sowie die in der Britannica empfohlene Biographie von Donald M. Frame, die nur noch antiquarisch zu bekommen ist.
Die beiden Altgriechisch-Lehrbücher werden bereits zum vorgesehenen Zweck von mir benutzt.

Autor Titel Verlag Kommentar
Ulrich Langer (Editor) The Cambridge Companion to Montaigne Cambridge University Press 2005 erschienen
Donald M. Frame Montaigne: A Biography Hamish Hamilton London 1965
Rivka Gonen Biblical Holy Places. An illustrated guide Palphit Publication In Jerusalem gekauft
Thomas Bernhard Beton Suhrkamp Werkausgabe Band 5
Thomas Bernhard Ungenach; Watten; Gehen Suhrkamp Werkausgabe Band 12
Otto Leggewie (Hrsg.) ARS GRAECA Ferdinand Schöningh "Lehr und Übungsbuch für den griechischen Anfangsunterricht"
Werner Stoy u.a. Bibelgriechisch leichtgemacht Brunnen Verlag 5. Auflage 2001


21. März 2006

Die Wiener und die Kunst

Finden in Wien sogenannte "Blockbuster"-Ausstellungen statt (Rubens, El Greco und Co.) brechen hysterische Besucherströme über die Veranstalter herein. Schlendert man aber an einem gewöhnlichen Sonntag Nachmittag durch die Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museum, hängen viele Meisterwerke wie Vermeers "Malkunst" oder Rembrandts "Selbstbildnisse" einsam in ihren großen Räumen. Schön für den Kunstfreund, aber ein Armutszeugnis für das Kunstinteresse der Wiener, die sich offenbar nur im Rahmen von "Events" für Alte Meister interessieren.

Birgit Harreß: Dostojewkijs Romane
(Reclam UB)

Die Reihe "Interpretationen" in Reclams Universalbibliothek ist durchaus empfehlenswert. Die einzelnen Werkkapitel liefern in der Regel solide grundlegende Informationen zum Werkverständnis, ohne sich in hermeneutische und poststrukturalistische Eskapaden zu ergehen. Das trifft auch über den Band über die fünf großen Roman Dostojewskijs zu (Schuld und Sühne; Idiot; Dämonen; Jünglich; Brüder Karamasow). Jedes Werk wird anhand der wichtigsten Aspekte prägnant vorgestellt. Für meinen Geschmack hätten die einzelnen Aufsätze durchaus umfangreicher sein und die Forschungslage ausführlicher referiert werden können. Trotzdem für Freunde Dostojewksijs empfehlenswert.


19. März 2006

Goethe: Die Wahlverwandtschaften [4.]
(Münchner Ausgabe)


Dieser Roman gehört zweifellos zu meinen Favoriten und die vierte oder fünfte Lektüre änderte nichts an diesem Urteil, ganz im Gegenteil. Es ist ein makelloses Kunstwerk (soweit das möglich ist) und verdient eine ausführliche Beschäftigung. Goethes Kunstsprache ist brillant. Sie hält eine delikate Balance zwischen Künstlichkeit und Realismus. Dem Leser bleibt angesichts dieser elegant dahin fließenden Sätze immer bewusst, dass er es mit einem künstlichen Gebilde zu tun hat. Das trübt aber keinesfalls den realistischen Gehalt des Romans. Diese gelungene Kombination zwischen einem en detail konstruierten Werk auf der einen Seite und dem gesellschaftlichen Inhalt auf der anderen Seite, ist wohl Goethes größter ästhetischer Verdienst.
Das Buch gehört zweifellos zu den durchgeformtesten Werken Goethes und steht in dieser Hinsicht auch in der gesamten deutschsprachigen Romanliteratur ziemlich einsam da. Die perfekt komponierten großen Romane Thomas Manns kommen einem noch in den Sinn oder einige Romane Thomas Bernhards, der freilich eine völlig andere Ästhetik pflegt, und deshalb kein adäquater Vergleich ist.
Goethe selbst hat in seiner bescheidenen Art betont, "Die Wahlverwandschaften" müsse man mindestens dreimal lesen. Um damit zu einem guten Verständnis zu gelangen, muss man aber schon ein geübter Leser sein, würde ich hinzufügen. Es gibt kein Detail im Buch ohne ästhetischen Mehrwert. Wer den Roman zum ersten Mal liest, möge sich darüber bewusst sein, dass jede Kleinigkeit seine ästhetische Funktion erfüllt. Es gibt eine Fülle von symbolischen und inhaltlichen Vor- und Rückverweisen ("Isotopien" wie Literaturwissenschaftler gerne sagen). Thomas Mann hat Goethes Technik sehr genau verstanden und diese dann zu seiner Leitmotivtechnik weiterentwickelt. Auch die Romanräume und deren Durchgestaltung, man denke nur an die Umgestaltung des Parks, ist keine unwichtigte Szenerie. Generell gibt es eine Menge an Anspielungen an mythologische, ikonographische und literarische Themen.
Beschreibt man die "Die Wahlverwandschaften" formal jemanden, der das Buch nicht kennt, müsste dieser Zuhörer denken, er hätte es mit l'art pour l'art zu tun. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Die Rezeption des 1809 erschienen Buches zeigt, dass man es nicht als gelungene, aber harmlose ästhetische Spielerei auffasste, sondern als Skandalroman. Besonders der novellistische Höhepunkte (Goethe plante ursprünglich eine Novelle für die "Wanderjahre"), nämlich der geistige Ehebruch von Charlotte und Eduard (beide schlafen miteinander imaginieren aber den Hauptmann bzw. Ottilie) schockierte die Zeitgenossen. Das Kind aus dieser Nacht hatte dann auch eine erstaunliche Ähnlichkeit mit den beiden Abwesenden.
Das Portrait, welches Goethe vom damaligen Landadel zeichnet, den Eduard als Prototyp verkörpert, ist wenig schmeichelhaft. Diese Gesellschaftsschicht war damals nicht nur ökonomisch in einer Abwärtsspirale begriffen, was im Roman auch sehr deutlich wird (Verkäufe von Besitz, strenges Haushalten von Charlotte etc.). Der Leser sieht eine Klasse kurz vor ihrem endgültigen Untergang, der bald durch die industrielle Revolution und die Aufhebung feudaler Privilegien eingeleitet werden wird.
Als sei das alles noch nicht ausreichend, packt Goethe eine weitere Ebene dazu: Die naturwissenschaftliche Analogie wie sie im Titel zum Ausdruck kommt. Er geht auf die 1785 erschienene deutsche Übersetzung des schwedischen Werks
Tobern Bergman zurück: "Wahlverwandschaften" (original "De attractionibus electivis"). Dieser Brückenschlag zwischen Literatur und Naturwissenschaften war damals ein ziemlich avantgardistisches Unterfangen und zeigt Goethes Ablehnung jeglichen Schubladendenkens. Dass Goethe, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auf naturwissenschaftlichem Feld ein sturer Dilettant war, ändert nichts daran.
Diese kurzen Andeutungen, warum mich dieses Buch immer wieder fasziniert, mögen an dieser Stelle genügen. Wer den Roman aufmerksam liest, wird eine Fülle weiterer Aspekte finden.

Über den Tod kleiner Buchhandlungen ...

... durch den Branchenriesen Thalia schrieb Uwe Wittstock einen ausführlichen Artikel.


18. März 2006

Reise-Notizen Israel (4): Moscheen und Wüste

Jerusalem gilt im Islam (nach Mekka und Medina) als die drittheiligste Stadt und ist damit selbstverständlich auch das religiöse Zentrum der Muslime in Israel. Den Tempelberg mit dem Felsendom und der Al Aqsa Moschee sollte man auf keinem Fall versäumen, auch wenn man letztere seit Ausbruch der zweiten Intifada nicht mehr besichtigen kann. Man sieht aber auch sonst viele Moscheen im Land. Auf den ersten und zweiten Blick wirkt es so, als lebten Juden und Moslems im Kernland durchaus friedlich miteinander. Die größte arabische Stadt ist Nazareth mit knapp 65.000 Einwohner, von denen etwa ein Drittel Christen sind. Es gab einige Initiativen, Araber mit israelischen Pässen eine Umsiedlung in die Palästinesergebiete schmackhaft zu machen. Die Resonanz war denkbar gering. Wer vertauscht schon freiwillig ein Leben in (nach Maßstäben der Region) Freiheit und Wohlstand mit dem in einem "Entwicklungsland" wie dem Gazastreifen?
Israel ist ein kleines Land. Keine 400km lang und an höchstens 60km breit. In sechs Stunden kann mal also unter Einhaltung des Tempolimits von 90 km/h vom nördlichsten zum südlichsten Punkt fahren. Kurz, Israel ist geographisch belanglos und seine Größe indirekt proportional zur Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Zu allem Überfluss werden sechzig Prozent der Fläche auch noch von der Negev Wüste eingenommen, in der nur zehn Prozent der Bevölkerung lebt. Trotz diverser Bemühungen, diese Landschaft ökonomisch zu nutzen, bleibt sie weitgehend der Armee vorbehalten, nebst Touristen versteht sich. Angesichts der Schönheit dieser Wüste, ist es sicher ein kluger Schachzug, auf Wüstentourismus zu setzen. Persönlich zählt dieser Landschaftstyp zu meinen Favoriten, gaukelt er doch weniger als andere die Natur als antiurbane Utopie vor. Rousseau in der Wüste spazierend und vom edlen Naturmenschen träumend ist schwer vorstellbar. Gleichzeitig bieten sich neben der Weite eine Fülle von bizzaren geologischen Formationen, manche eine halbe Milliarde Jahre alt.
Der Timna Park kurz vor Eilat wäre so ein Beispiel, wo man gut ausgeschildert seine geologischen Kenntnisse auffrischen kann oder einfach die Ästhetik der erdgeschichtlichen Verwerfungen genießen. In Timna betrieben die Ägypter vor 3500 Jahren Kupferbergwerke, von denen sich einige archäologische Überreste finden. Der Versuch des modernen Israel, die Kupfervorkommen auszubeuten, musste man mangels Rentabilität schnell wieder eingestellen. Der Badeort Eilat am Roten Meer eignet sich nur für eine Übernachtung bei einer Fahrt durch die Wüste: Ein Tourismusort der schlimmsten Art.
Richtung Norden liegt ein weitere spektakulärer Wüstenort: Makthesch Ramon, der Ramonkrater. Ein riesiges in Millionen von Jahren durch Erosion entstandenes Tal, in dem ein geologischer Höhepunkt den nächsten jagt. Oberhalb liegt die Wüstenstadt Mizpe Ramon, soweit man bei 5000 Einwohnern von "Stadt" sprechen will. Die Bewohner sind überwiegend konservative Juden, die in schön angelegten Siedlungen leben und sich vom Leben in der Wüste offenbar die Laune nicht verderben lassen. Leider konnte ich nicht in Erfahrung bringen, womit diese Haushalte ihren Lebensunterhalt bestreiten. Unwahrscheinlich, dass Israel dort 1500 Geologen beschäftigt :-)
Wer nach Israel fährt sollte sich unbedingt drei Tage Zeit für den Negev nehmen.

Daniel Ehrmann: Sagen und Legenden aus Talmud und Midrasch
(Marix Verlag)


Die Hälfte dieser Sammlung las ich noch vor meiner Reise, konnte die Lektüre aber nicht mehr abschließen. Dieser preiswerte Band versammelt eine Auswahl von jüdischen Sagen, Legenden, Fabeln, Gleichnissen, Bibelauslegungen und diversen Sprüchen. Man erhält dadurch einen vertiefenden Einblick in die klassische jüdische Kultur, einschließlich der unschöneren Seiten des Chauvinismus und der Misogynie. Hier unterscheidet sich die jüdische leider nicht vorteilhaft von den anderen Religionen.
Sehr beliebt ist die Gattung des Gleichnisses, das in verschiedenen Veriationen immer wieder vorkommt. Auffällig ist auch die Selbstverklärung der klerikalen Kaste (Rabbiner und Schriftgelehrte).


12. März 2006

Reise-Notizen Israel (3): Das Land der Klagemauer

Wie nimmt man den Nachwuchs als religiöses Vollmitglied auf? Die jungen Katholiken erhalten von ihrem Bischof eine symbolische Ohrfeige, damit kein Zweifel über die Autoritätsverhältnisse besteht. Eine Bar Mizwa dagegen läuft dagegen als fröhliches Fest ab. Ich hatte in Jerusalem die Gelegenheit, zwei dieser Initiationsriten an der Klagemauer zu beobachten. Die Stimmung war fröhlich und ausgelassen. Der Junge wurde lachend von Verwandten auf den Schultern getragen. Andere ließen Süßigkeiten auf die Feiernden herabregnen. Ein erfrischender Kontrast zum verklemmten katholischen Ritual.
Auch sonst war der Betrieb an der Klagemauer beeindruckend. Viele Juden in diversen orthodoxen Trachten gingen ihren religiösen Pflichten nach, während im Hintergrund nicht nur die erwähnte Bar Mizwa ihren Lauf nahm. Männer sind, wie in den meisten Synagogen, von den Frauen getrennt, hier konkret durch eine im rechten Winkel verlaufende Wand. Wer die patriachalischen Tendenzen der monotheistischen Religionen kennt, wird nicht überrascht sein, dass den Frauen deutlich weniger Platz zugestanden wird. Über der Klagemauer erhebt sich der Tempelberg. Ein Schild des Rabbinats beim Aufgang weist darauf hin, dass es für Juden verboten ist, den Berg zu betreten.
Der Synagogenbau ist sehr vielfältig (inklusive Innenausstattungen) und in der Jerusalemer Altstadt sind höchst unterschiedliche Formen zu besichtigen. Im Israel Museum in Jerusalem sind zusätzlich noch drei historisch rekonstruierte zu sehen (Indien, Italien, Bayern).
Bei einer Reise quer durch Israel wird schnell deutlich, dass Religion im Alltag eine zentrale Rolle spielt. Mag auch die große Mehrheit der Israeli säkular sein, und die konservativen und gar orthodoxen Juden eine kleine Minderheit darstellen, scheint es doch einen Konsens über die Einhaltung der kulturellen Spielregeln zu geben. So ist mir in den knapp zwei Wochen nur koscheres Essen begegnet (in den Hotels, in den Supermärkten), sogar Chipspackungen werden mit den entsprechenden Referenzen versehen. Hotels betreiben am Sabbath sogenannte Sabbathaufzüge. Diese laufen dann wie eine Art Paternoster und bleiben auf jedem Stockwerk automatisch stehen. Der Strenggläubige darf ja nicht arbeiten, und damit wird er dem Drücken der Liftknöpfe enthoben.
Wer Wert darauf legt, säkular zu leben, ohne ständig von religiösen Ritualen belästigt zu werden, sollte Israel nicht zu seinem Wohnort wählen.

Brokeback Mountain
(Filmcasino 11.3.)
Regie: Ang Lee


Dass diese traurige Geschichte über schwule Cowboys im bigotten amerikanischen Mittelwesten provoziert, überrascht nicht. Die Begleitberichterstattung der letzten Wochen rief einem ausführlich die teilweise gewaltätige Homophobie der amerikanischen Provinz vor Augen.
Thematisch hat sich Ang Lee mit diesem Mainstreamfilm also durchaus Verdienste erworben, auch wenn er dort, wo er aufklärisch wirken könnte, meist nicht gesehen werden kann. Für meinen urbanen Geschmack gibt es allerdings deutlich zu viele Lagerfeuer, Flüsse, Schafe, Berge, Gewitter und andere romantische Ingredienzien, welche Lee (zugegebenermaßen) visuell hübsch ins Bild bringt. Die schauspielerische Leistung ist durchgehend auf hohem Niveau.

Gute naturwissenschaftliche Bücher ...

... finden sich auf der Shortlist für den diesjährigen Aventis Prize.


11. März 2006

Mozart: Lucio Silla
(Theater an der Wien 6.3.)
Musikalische Leitung: Nikolaus Harnoncourt
Concentus Musicus Wien
Arnold Schoenberg Chor
Inszenierung: Claus Guth
Lucio Silla: Michael Schade
Giunia: Patricia Petibon
Cecilio: Bernarda Fink

Nach der fürchterlichen Mittelmäßigkeit des "Idomeneo", zeigte die zweite Oper im Theater an der Wien diesmal, dass man dort Musikkunst auf höchstem Niveau präsentieren kann. Es passte alles: Harnoncourt sorgte für einen lebendigen Rahmen, und der Originalklang verhinderte erfreulicherweise jegliches Abgleiten ins "Schönspielen", der Hauptverfehlung schlechter Mozartinterpreten.
Die Sänger sangen durchwegs auf hohem Niveau und zeigten auch darstellerisch Talent. Der Arnold Schoenberg Chor war erwartungsgemäß ausgezeichnet. Claus Guth führte vor, wie kluges Regietheater aussehen kann. Starke Bilder, plausible Choreographie, intelligentes Bühnenbild (Drehbühne, die viele überraschende Räume schuf), keine billigen Effekte.
Die Oper selbst gibt dem Zuhörer eine Reihe von produktionsästhetischen Rätseln auf. Wie kann ein Jugendlicher mit beschränkter Lebenserfahrung eine emotional so reife Musik komponieren? Mozarts Sonderstatus wird selten deutlicher als im Frühwerk, das man leider viel zu selten spielt.
Nach diesem Abend sehe ich den weiteren Mozartopern an der Wienzeile optimistischer entgegen.

Bernard Lewis: Stern, Kreuz und Halbmond. 2000 Jahre Geschichte des Nahen Ostens
(Piper)


Lewis gilt als Kenner des Nahen Ostens, weshalb ich mich bei meiner Buchauswahl für ihn entschied. Auf gut 500 Seiten eine Geschichte dieses ereignisreichen geographischen Raums zu verfassen, ist ein mutiges Unterfangen. Eine rein chronologische Abhandlung vorzulegen, wäre die naheliegende Vorgehensweise gewesen. Lewis entschied sich jedoch für unterschiedliche Darstellungsformen und gliederte sein Buch in vier große Teile:
Die "Vorgeschichte" liefert den historischen Rahmen vor Christentum und Islam. Daran schließen die "Anfänge und Höhepunkte des Islams" an, wobei die Frühgeschichte nicht zu kurz kommt. Dem folgen Lewis' "Querschnitte" (Staat, Wirtschaft, Eliten, Volk, Religion und Gesetz, Kultur). "Die Herausforderung der Moderne" ist der Titel des letzten Teils und führt (fast) bis an die Gegenwart.
Der Leser erhält auf diese Weise einen umfangreichen Einblick in den Nahen Osten. Der Autor führt den Interessierten von der Blüte der islamischen Kultur und Gelehrsamkeit bis hin zum langsamen, aber stetigen Niedergang des osmanischen Reiches. Einen der Hauptgründe für den Untergang sieht Lewis im mangelnden Interesse für Europa. Was sollten diese Ungläubigen schon zu bieten haben? Mit dieser Einstellung bekam man kaum etwas von der wissenschaftlichen Revolution im 17. Jahrhundert oder der späteren industriellen Umwälzung mit. Als durch verlorene Kriege nach und nach der technische Rückstand augenscheinlich wurde, war es für ein eigenständiges Aufholen zu spät. Bis in die Gegenwart sind diese Mängel ja zu beobachten, etwa fehlende herausragende naturwissenschaftliche Leistungen in dieser Weltgegend.
Interessant fand ich einen Teilaspekt der Erklärung, warum der Islam im Mittelalter Europa weit überlegen war. Lewis weist auf die große Bedeutung der Pilgerreise nach Mekka hin. Während in Europa die meisten Normalsterblichen selten ihr Dorf oder ihre Stadt verließen, brachen unzählige Muslime jedes Jahr zu einer langen Reise nach Mekka auf. Nun haben Reisen bekanntlich eine Reihe von intellektuellen Nebenwirkungen: Man lernt andere Kulturen kennen, trifft sich auf andere Menschen, fördert den Handel, kurz man erweitert den Horizont. Reiche Pilger pflegten übrigens auf die Reise eine Reihe von Sklaven mitzunehmen, die sie dann unterwegs zur Befüllung ihrer Reisekasse nach und nach verkauften: Sklaven als mittelalterliche traveller checks.
Das Buch liefert willkommene Hintergrundinformationen für die aktuellen Debatten und ist nicht nur deshalb der Lektüre wert.

Die Frage der genetischen Reproduktion

    Der größte und gesündeste Teil der Menschen hält es für ein großes Glück, viele Kinder zu haben; ich und einige andre für ein ebenso großes, keine zu haben. Als man den Thales fragte, warum er nicht heirate, antwortete er, er liebe es nicht, Nachkommen zu hinterlassen.
    [Montaigne, "Ob wir etwas als Wohltat oder Übel empfinden"]


5. März 2006

Reise-Notizen Israel (2): Von Pilgern, Predigern und Petrus

Ist man auf den Spuren untergegangener Kulturen unterwegs, sagen wir der ägyptischen oder altgriechischen, hat das einen klaren Vorteil: Man begegnet in den Kultstätten keinen Vertretern dieser Religionen mehr und kann sich auf die Besichtigung konzentrieren.
Anders bei den christlichen Stätten in Israel, wo man immer Gefahr läuft, von ekstatischen Nonnen oder exzentrischen Laien überrannt zu werden. Nicht zu reden von herumpilgernden Bischöfen samt Anhang und anderen von der klerikalen Hierarchie bevorzugten Würdenträgern. Es gibt keine christliche Splittergruppe, die nicht vor Ort wäre. Man sieht alle denkbaren Trachten, vom Bischofsornat bis zur malerischen Uniform der Malteser Ritter (die gibt es tatsächlich noch).
Kurz, es ist mindestens ebenso interessant, die Pilger zu beobachten wie die antiken Stätten. Zumal viele der geographischen Referenzpunkte archäologisch nicht belegt sind. Nehmen wir beispielsweise die angebliche Stelle im Jordan, wo Jesus von Johannes getauft wurde. Diese liegt sehr günstig in der Nähe der Hotels beim See Genezareth und, wie es die göttliche Vorsehung wollte, auch an wichtigen Durchfahrtsstraßen. Naturgemäß weiß man nicht, wo (das ob sei einmal ausgeklammert) sich Jesus dieser Prozedur unterzog. Weshalb also nicht eine logistisch günstige Stelle nehmen? Vor Ort kann man sich dann gegen eine moderate Gebühr ein weißes Kleid ausleihen und sich in der schmutzigen Brühe des Jordans neu taufen lassen. Dieser berühmte Fluss gleicht, en passant bemerkt, mehr einem Bach als einem würdigen Strom, und dürfte für Semantiker ein problematisches Exempel der Abgrenzung zwischen "Fluss" und "Bach" darstellen. Man kann also die Enttäuschung Mark Twains nachvollziehen, der einen zweiten Mississipi erwartete und ein Rinnsal vorfand.
Rund um den See gibt es in Kafarnaum (Kefar Nahum) eine sehenswerte Ausgrabungsstätte. Es handelt sich um ein Fischerdorf aus neutestamentlicher Zeit. Die Strukturen der Wohnhäuser sind gut erkennbar. Daneben das (angebliche) Haus des Petrus, der bekanntlich sofort die Gelegenheit ergriff, seinen mühseligen Fischerberuf samt Familie zu verlassen, und sich aufs bequemere aposteln verlegte. Erwähnenswert auch die Überreste der alten Synagoge des Ortes, die als der älteste erhaltene Sakralbau dieser Art gilt.
Unweit davon, auf dem Hügel Schech' Ali (Berg der Seligpreisungen), dem legendären Ort der Bergpredigt, befindet sich die in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts von Antonio Baluzzi errichtete elegante Kirche. Innen sang, genauer schrie eine vermutlich südkoreanische Pilgergruppe, offenbar in der Annahme, im Himmel gäbe es keine Hörgeräte.
An Nazaret läßt sich schön eines der Prinzipien der historischen Jesusforschung zeigen. Es besagt, dass Überlieferungen, für deren Erfindung es keinen guten Grund gibt, mit höherer Wahrscheinlichkeit authentisch sind, als andere. Nazareth war zu Zeiten Jesus ein unbedeutendes Dorf, das im Alten Testament nicht erwähnt wird. Es gab also keinen ideologisch plausiblen Grund, Jesus ausgerechnet in diesem Kaff aufwachsen zu lassen. Zu sehen gibt es in Nazaret eine Reihe von Kirchen, die alle jüngeren Datums sind. So die große Verkündigungskirche, die 1969 von Giovanni Muzio fertiggestellt wurde.


4. März 2006

Reise-Notizen Israel (1): "Any weapon"?

Angesichts der angespannten Lage im Nahen Osten ist Israel sicher kein klassisches Reiseziel. Überraschend war es aber trotzdem, in Tel Aviv vom Bordpersonal der Austrian Airlines nach der Landung mit einem "have a safe journey" hinauskomplimentiert zu werden, anstatt dem gewohnten "pleasant" als Adjektiv. Die Sicherheitskontrolle bei der Einreise war unerwartet kurz.
Subjektiv fühlte ich mich die gesamte Reise lang sehr sicher, die mich von Tel Aviv zu den Golanhöhen im Norden führte, nahe der libanesischen und syrischen Grenze. Danach ging es mit einigen Zwischenstationen nach Eilat, dem südlichsten Punkt des Landes, von dem man neben Jordanien und Ägypten auch Saudi Arabien erspähen kann. Reiseabschluss schließlich in Jerusalem.
Dem persönliche Sicherheitsgefühl widersprachen allerdings die Kontrollen in Hotels und Museen. Sogar beim Besuch eines Dorflokals bei Jerusalem in En Kerem durchsuchte ein junger Bursche die Taschen der Besucher und fuchtelte gewichtig mit einem Metalldetektor herum. Fährt man mit dem Taxi vor einem Museum vor, wird routinemäßig der Kofferraum inspiziert. Schließlich sieht man in ganz Israel immer wieder rundbäuchige Stahlbehälter herumstehen, welche der Bombenentschärfung dienen.
Diese Kombination vielfältiger Maßnahmen scheint aber effektiv zu sein: Die Zahl der Anschläge hält sich seit einiger Zeit in Grenzen, wozu auch die umstrittene neue Grenzmauer ihren Beitrag leistet.
Am Auffälligsten für den Durchschnittseuropäer ist aber die Vielzahl an Waffen im öffentlichen Leben. Bekanntlich rücken nach der Schule junge Männer für drei Jahre (Mädchen für zwei) in die IDF (Israel Defense Force) ein. Die Armee zählt zu den (auch sozial) wichtigsten Einrichtungen des Landes, was einen nicht verwundert, wenn man weiß, wie sehr Israels Existenzrecht angefeindet wird. Die Wehrpflichtigen laufen nun vollständig bewaffnet durchs Leben, d.h. mit ihrem Sturmgewehr auf dem Rücken. In meinem Hotel in Mizpe Ramon, einer Kleinstadt mitten in der Negevwüste, kamen zwei junge Soldaten selbst zum Frühstücksbuffet mit umgehängten M16. Während der Reise begegnet man immer wieder voll bewaffneten Soldatengruppen auf Ausflügen oder Rundgängen. Man kann sich vorstellen, wie sich Araber in Ostjerusalem fühlen, wenn 20 junge Israelis in voller Montur durch den arabischen Teil der Altstadt "spazieren".
Apropos Ostjerusalem. Angesichts der medialen Hysterie rund um die Mohammed-Karikaturen, war ich natürlich gespannt, ob sich diese Spannung im Umgang mit Arabern irgendwie bemerkbar machte. Diesen Gedanken im Hinterkopf begann ich meinen ersten ausführlichen Spaziergang durch Ostjerusalem und schon bald kam mir eine Gruppe von palästinesischen Jugendlichen entgegen, die mich interessiert musterten. Sie kamen langsam näher, um mich dann mit einem herzlichen "Welcome in Jerusalem" zu begrüßen.
Die Sicherheitskontrollen bei der Ausreise waren extensiv. Man wurde ausführlich über die Reiseroute befragt, mit der deutlichen Intention einen in Widersprüche zu verwickeln. Der Koffer wurde sowohl nach Sprengstoff durchleuchtet als auch manuell durchsucht. Besonders Interesse erweckte auch meine letztjährige Reise nach Ägypten. Wann? Warum? Wohin? Mit wem? ...
Israel ist ohne Zweifel ein Polizeistaat, was aus europäischer Perspektive zwar einen schlimmen Beigeschmack hat, wofür man vor Ort angesichts der Bedrohungslage jedoch auch sehr viel Verständnis aufbringt. Wer sieht, wie dieses unwahrscheinliche Experiment eines neuen Staates in den letzten 60 Jahren reüssierte und welche gewaltige Aufbau- und Integrationsleistung (Einwanderer aus mehr als 100 Ländern mit 80 unterschiedlichen Sprachen!) die Israelis zustande brachten, sollte sich mit voreiligen Verurteilungen zurück halten.


18. Februar 2006

In Israel unterwegs

Bin bis Anfang März studienreisend in Israel unterwegs. Werde vorsichtig sein, wenn ich am See Genezareth übers Wasser gehe ;-)


17. Februar 2006

Klerikale Kinderquäler

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die "Erziehungsmethoden" in katholischen und evangelischen Kinderheimen in den Nachkriegsjahrzehnten (und natürlich auch früher), nur mit dem Prädikat Kindesmisshandlung bezeichnet werden können. Unter dem Vorwand der Nächstenliebe wurde geprügelt und gedemütigt. Zur Verantwortung wurde bisher niemand gezogen.
Sehr zu begrüßen daher das neue Buch Peter Wensierskis, das diesen klerikalen Sadismen nachgeht. Passender Titel: Schläge im Namen des Herrn.


13. Februar 2006

Welchen Heiligen Krieg hätten Sie denn gerne?

Beim Begriff "Heiliger Krieg" denken alle immer zuerst an die islamische Variante. Aber auch im Alten Testament fällt man gerne strukturiert über die Heiden her. Während es das AT gebietet, dass alle Heiden abgeschlachtet werden (speziell auch Frauen und Kinder), verbietet der Koran das ausdrücklich. Es gibt also selbst bei derartig gruseligen Konzepten eine Art moralischen Fortschritt, weshalb die religiösen Fanatiker vielleicht in weiteren 1500 Jahren soweit sind, dass sie es bei verbaler Gewalt belassen.


12. Februar 2006

Mozart: Idomeneo
Dramma per Musica in drei Akten, KV 366 (1781)
Libretto von Gianbattista Varesco
nach Antoine Danchet
(Theater an der Wien 31.1.)
Musikalische Leitung Peter Schneider
Inszenierung Willy Decker
Szenische Mitarbeit Karin Voykowitsch
Ausstattung John Macfarlane
Orchester der Wiener Staatsoper
Arnold Schoenberg Chor (Ltg. Erwin Ortner)
Idomeneo: Neil Shicoff
Idamante: Angelika Kirchschlager
Elettra: Barbara Frittoli
Ilia: Genia Kühmeier

Die erste reguläre Oper im "Theater an der Wien", aus dem man nun erfreulicherweise das Musical zugunsten ästhetisch Anspruchsvollerem verbannte. Szenisch war die Inszenierung durchaus gelungen, speziell die Choreographie war erfreulich intelligent. Musikalisch hingegen herrschte so trostloses Mittelmaß, dass ich es nur bis zur Pause ausgehalten habe. Das Prädikat "Startenor" muss sich Shicoff bereits vor längerer Zeit verdient haben, er sang ständig angestrengt an der Grenze seiner Möglichkeiten.
Die einzige rühmliche Ausnahme: Der brillante Arnold Schoenberg Chor. Es bleibt zu hoffen, dass es bei den nächsten Opernproduktionen musikalisch steil bergauf geht. Ich werde berichten.

Bibliothek: Neuzugänge

Alles regulär gekauft, trotzdem zu erfreulichen Preisen. Die Elberfelder Bibel gilt als die wortgetreuste Übersetzung aus dem Hebräischen.

Autor Titel Verlag Kommentar
Bibel Elberfelder Taschenbibel R. Brockhaus Gebunden; Schnäppchenpreis
Albrecht Dihle Die Griechen und die Fremden C.H. Beck gebundene günstige Sonderausgabe
Pierre Loti Jerusalem dtv 2005
Maxim Gorki Nachtasyl Reclam UB


11. Februar 2006

Altes Testament: Bücher Samuel
(Bibelgesellschaft; modifizierte Lutherübersetzung)


Traditionell nahm man an, die Bücher Samuel wurden von Samuel selbst geschrieben. Diese Verwechslung von genitivus objectivus und subjectivus konnte man bereits beim Pentateuch beobachten "Bücher Mose" kann selbstverständlich ebenso "Bücher über Mose" als "Bücher von Mose" bedeuten. In Zeiten vor der Bibelkritik wurde letzte Bedeutung als Selbstvertständlichkeit angesehen.
Die philologische Lage ist bei diesen beiden Schriften leider nicht so eindeutig wie bei anderen des AT. Die diversen Widersprüche deuten auf einen langen und komplexen Entstehungsprozess hin. Als Beispiel möge dienen, dass die Monarchie sowohl gelobt als auch kritisiert wird. Samuels Kritik ist zitierenswert:

    Eure Söhne wird er nehmen für seine Wagen und seine Gespanne, und daß sie vor seinem Wagen her laufen [...] Eure Töchter aber wird er nehmen, daß sie Salben bereiten, kochen und backen. Eure besten Weinberge und Ölgärten wird er nehmen und seinen Großen geben. Dazu von euren Kornfeldern und Weinbergen wird der den Zehnten nehmen und seinen Kämmerern und Großen geben [...]
    [1Sam 8,11ff.]
Das spiegelt das seit Jahrtausenden im Nahen Osten herrschende Misstrauen der unabhängigen Nomadenstämme gegen feste staatliche Strukturen. Kein Hindernis für Samuel allerdings, kurz darauf Saul zum ersten israelischen König zu salben, "der war ein junger schöner Mann, und es war niemand unter den Israeliten so schön wie er, eines Hauptes länger als alles Volk." [1Sam 9,2] Eine weitere Qualifikation wird nicht genannt. Es folgen die üblichen heroischen Eroberungen.
Nun tritt eine weitere prominente literarische Figur auf: David. Als Samuel auf Anordnung Gottes die Söhne des Isai aus Bethlehem zur Musterung antreten läßt, muss der kleine David erst vom Schafehüten geholt werden. Wir wissen ja seit Kain und Abel, dass Gott eine Schwäche für nomadischen Lebenswandel hat. David wird als Belohnung für seine Siege über die Philister (der heimtückische "Sniper"-Mord an Goliath!) am Hof Sauls aufgenommen. Aufgrund der irrationalen Eifersüchteleien des Königs bricht ein Konflikt zwischen den beiden aus. David soll mehrmals ermordet werden und schenkt dafür als "Belohnung" mehrmals Saul sein Leben.
Im zweiten Buch Samuel erobert David als König Jerusalem und läßt die Bundeslade dorthin bringen, womit diese Stadt zum ersten Mal als Zentrum der jüdischen Religion beschrieben wird. Nach den ersten Schlachten, scheint David kurzfristig das Interesse für diese Beschäftigung zu verlieren, was sich so liest:
    Und als das Jahr um war, zur Zeit, da die Könige ins Feld zu ziehen pflegen, sandte Joab und seine Männer mit ihm und ganz Israel, damit sie das Land der Ammoniter verheerten und Raaba belagerten. David blieb in Jerusalem.
    [2Sam 11,1ff.]
Damit nicht genug. Nicht nur, dass er als König in Jerusalem bleibt, wo es doch seine Berufsobliegenheit wäre, um diese Jahreszeit wie alle tüchtigen Monarchen ins Feld zu ziehen. Er verbringt seine Zeit statt dessen im Bett mit Batseba, was ihm anscheinend so gut gefällt, dass er ihren Ehemann elegant auf den Schlachtfeld ermorden läßt. Selbstverständlich gibt es eine Art moralisches "happy end": Nach einer literarischen Strafpredigt seines Propheten Nathan wird anständig bereut.


5. Februar 2006

Altes Testament: Buch Josua, Buch der Richter, Buch Rut
(Bibelgesellschaft; modifizierte Lutherübersetzung)


Die dieses Wochenende brennenden europäischen Botschaften in Beirut und Damaskus bestärken mich einmal mehr in der Auffassung, dass Religionen als Dummheitskatalysatoren bisher unübertroffen sind. Nachdem das Religionsbedürfnis aber anthropologisch ein solides Fundament aufzuweisen scheint, ist ein Ende dieser Emanationen geistiger Schlichtheit leider nicht absehbar.
Ein Grund mehr, sich adäquat mit religiösen Texten zu beschäftigen. Das kann nur heißen sie kritisch als literarische Werke zu verstehen, die auch einen gewissen historischen Quellenwert besitzen. Letzterer ist im Buch Josua und im Buch der Richter allerdings vergleichsweise bescheiden. Man bekommt einen literarischen Eroberungsmythos präsentieren, der mit den tatsächlichen Ereignissen nur wenige Grundzüge gemein hat. So besteht ein weitgehender Konsens in der Gelehrtenwelt, dass die Israeliten langsam nach Palästina eingewandert sind. Eine heroische Eroberung des Landes gab es nicht, nur eine langsame nomadische Diffusion. Dafür gibt es auch in der Bibel Indizien, etwa wenn nach der angeblichen Eroberung des Landes eine Reihe von Städten aufgezählt werden, die noch in Heidenhand sind. Dass die gut befestigten Städte die eigentlich Machtzentren waren, versteht sich von selbst. Archäologische Untersuchungen ergaben, dass Jericho zum Zeitpunkt der angeblichen Einnahme bereits lange Zeit unbewohnt war. Die zweite Eroberungsgeschichte betrifft Ai. Der Name läßt sich frei mit "Ruinenstadt" übersetzen.
Selbstverständlich hält Josua die Gesetze des Heiligen Krieges ein, und läßt jeweils die gesamte Bevölkerung im Auftrag Gottes niedermetzeln. Das Buch Josua wird übrigens wie die folgenden dem Deuteronomisten (Quelle D) zugeschrieben, der die Geschichte Israels nach 586 v.u.Z rekonstruiert habe.
Im Buch der Richter wird dieser mythologischer Eroberungsfeldzug fortgeführt. "Richter" waren militärische Führer, die zum Teil in rascher Abfolge wechselten. Am bekanntesten wohl Simson, dessen seltsam unkluges Verhalten man beinahe als Satire auf andere Heldengeschichte lesen könnte. Gegen Ende findet man eine der brutalsten Stellen des Alten Testaments. Es mag manchen überraschen, aber in dieser heiligen Schrift werden Frauenleichen zerstückelt und per antiker Post verschickt:

    Als er nun heimkam, nahm er ein Messer, faßte seine Nebenfrau und zerstückelte sie Glied für Glied in zwölf Stücke und sandte sie in das ganze Gebiet Israels.
    [Richter, 19,29]
Es sei ergänzt, dass ein wesentliches Motiv dieses Buches darin besteht, das vormonarchische Chaos des Landes zu beschreiben. Damit wird rhetorisch der Grundstein für die entstehende Monarchie gelegt.

Verteidigung der Religionskritik

Es war ein langer und schmerzlicher Prozess bis in Europa das Christentum "straflos" kritisiert werden konnte. Einer der größten Erfolge der Aufklärung. Deshalb wäre es völlig inakzeptabel, sich nun dem Druck von moslemischer Seite zu beugen, und von satirischer Religionskritik abzusehen. Selbst wenn die betreffenden Karikaturen teilweise geschmacklos sind, sollte man sie aus prinzipiellen Gründen zeigen. Es sind auch wirklich gute darunter:



28. Januar 2006

Bernard Wasserstein: Jerusalem. Der Kampf um die heilige Stadt
(C.H. Beck)

Die große Rolle ist bekannt, die Jerusalem in der internationalen Politik der letzten 150 Jahre spielte. Eine "Diplomatiegeschichte" darüber zu schreiben, ist also nahe liegend. Wasserstein stellt sich dieser Aufgabe und gibt einen ausführlichen Überblick über die Jerusalemfrage. Der Schwerpunkt liegt auf dem 20. Jahrhundert, aber auch das 19. kommt nicht zu kurz. Die Westmächte setzten das gesschwächte Osmanische Reich nach allen Regeln der Kunst unter Druck, um das beste für ihre Klientel in der Stadt herauszuholen. Nach der Gründung des Staates Israel und der Besetzung Ostjerusalems beschreibt der Historiker umfassend die daraus resultierende diplomatische Krise.
Wasserstein läßt auch die Rivalitäten der einzelnen Religionsgruppen Revue passieren. Immer wieder überlagern die Feindseligkeiten der christlichen Konfessionen untereinander jene der zwischen Juden, Moslems und Christen. In guter Erinnerung ist mir eine Prügelei zwischen katholischen und orthodoxen Mönchen.
Man wünscht sich bei der Lektüre des öfteren, dass Wasserstein expliziter auf die symbolische Bedeutung der Stadt zu sprechen kommt und die Angelegenheit aus kultureller Perspektive betrachtet, zumal er das in der Einleitung ankündigt. Alles in allem eine solide, lesenswerte, aber uninspirierte Abhandlung zu diesem interessanten Thema.


22. Januar 2006

Klassiker-Verlage (25): Marixverlag

Der Verlag bietet eine Reihe von sehr preisgünstigen Lizenzausgaben von Klassikern aller Art an, die in keiner soliden Privatbibliothek fehlen sollten. Erwähnt seien an dieser Stelle exemplarisch Die Edda, Der Jüdische Krieg des Flavius Josephus oder die Geographica des Strabo.


21. Januar 2006

Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis. Roman
(Suhrkamp Verlag)

Vermutlich ist es eine Premiere, dass ich die Autobiographie eines Schriftsteller las, ohne vorher auch nur ein Buch von ihm zu kennen. Nachdem ich aber israelische Gegenwartsliteratur lesen wollte, und man diesen Titel mit großem Lob bedachte, entschied ich mich trotzdem dafür. Eine gute Entscheidung wie sich schnell herausstellte.
Oz schreibt eine ungewöhnlich anschauliche Prosa. Man glaubt das Jerusalem der dreißiger bis fünfziger Jahre buchstäblich vor Augen zu haben. Im Mittelpunkt steht die Beschreibung seiner Kindheit und Jugend in Jerusalem. Darin wiederum die Beziehung zur Mutter, die ihrem Leben selbst eine Ende setzt, der tragischer Kulminationspunkt seiner Jugend. Ausgiebig wird auch die intellektuelle Szene der Stadt geschildert, war sein Vater doch ein (brotloser) vielsprachiger Gelehrter, der seinen Unterhalt mit einem armseligen Bibliotheksjob verdiente und am Abend gelehrte Bücher schrieb. Seine Hoffnung auf eine Universitätsstelle ging nicht in Erfüllung. An einer Stelle heißt es, im Jerusalem dieser Zeit hätte es mehr Literaturdozenten als Literaturstudenten gegeben ...
Wer nun erwartet, dass Oz seine Kindheit chronologisch abnudelt, wird positiv enttäuscht. Es gibt viele intelligent komponierte Vor- und Rückblenden. In längeren "Exkursen" wird die osteuropäische Familiengeschichte der Klausners vorgestellt. Wenige Passagen spielen auch in der Gegenwart (2001) und reflektieren Oz' Schreibprozess.
Erwähnenswert sind noch zahlreiche bibliomane Passagen. Vater und Mutter sind Büchermenschen, weshalb Bücher im Leben des kleinen Amos und seinen Eltern eine große Rolle spielen. Ein ausgesprochen erfreuliche Lektüre.

Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen
(Staatsoper 7.1., 8.1. 13.1., 15.1.)
Dirigent: Adam Fischer
Inszenierung: Adolf Dresen
Bühnenbild und Kostüme: Herbert Kapplmüller
Siegmund/Siegfried: Christian Franz
Hunding/Hagen: Kurt Rydl
Wotan: Jukka Rasilainen (Walküre)
Sieglinde: Michaela Schuster
Brünnhilde: Deborah Polaski
Fricka: Mihoko Fujimura
Alberich: Georg Tichy
Mime: Herwig Pecoraro

Über mein Erleiden dieser Inszenierung berichtete ich an dieser Stelle schon mehrmals. Im Laufe der Jahre wurde sie noch schäbiger und dieser Ring glänzte zusätzlich durch einige Pannen, so wollte sich die Walhalla am Ende von "Rheingold" partout nicht enthüllen lassen. Hörte man zu Beginn das Wiener Staatsopern Orchester, drängte sich die Vermutung auf, die Musiker hätten anstatt "Vorspiel" für den ersten Teil versehentlich "Einspiel" gelesen. Vor allem die Bläser spielten teilweise wie die ambitionierte Blaskapelle eines oberösterreichischen Kurorts. Die Leistung wurde aber sukzessive besser und nach fünfzehnstündigen Übens vor Publikum, gelang "Die Götterdämmerung" dann ganz passabel. Über eine anständige Durchschnittlichkeit kam man aber nie hinaus und man wünschte sich mehr als einmal einen neuen Gustav Mahler in der Wiener Staatsoper, der kompromisslose Qualitätsstandards für jede Aufführung anlegte. Nicht zuletzt wohl deshalb, weil er sich am Anfang seiner Karriere mit einem echten Kurorchester in Bad Hall abgeben musste.
Das singende Ensemble war deutlich besser disponiert, vor allem die ersten beiden Akte der "Walküre" wären hier zu nennen. Insgesamt einigermaßen hinreichend, um mein Wagnerbedürfnis für absehbare Zeit zu stillen. Erfreulicherweise wird diese Inszenierung nun auf den Sperrmüll geworfen und eine neue angegangen.


14. Januar 2006

Altes Testament: Pentateuch
(Bibelgesellschaft; modifizierte Lutherübersetzung)


Konkreter Anlass, mir (endlich) die Bibel wieder vorzunehmen, ist einmal mehr die bevorstehende Israel-Reise. Ziel ist es, zumindest die Geschichtsbücher des AT durchzuarbeiten. Was den Pentateuch angeht, handelte es sich teilweise um die dritte Lektüre. Zwei Perspektiven stehen bei meiner Lektüre im Mittelpunkt: die literarische und kultur/religionsgeschichtliche.
Literarisch hat gerade der Pentateuch meiner Meinung nach sehr viel zu bieten. Bibelwissenschaftler unterscheiden drei verschiedene Quellen für diese fünf Bücher, die im Text auszumachen sind: J, D und P. J ist dabei der "Literat", der für die meisten "klassischen" Geschichten verantwortlich ist. Gott tritt bei ihm in einer mehr oder weniger personifizierten Form auf, die an andere antike Götter erinnert. Ich halte den Gott des AT überhaupt für eine der brillantesten bösen Figuren der Weltliteratur. Die Kombination der beschrieben Eigenschaften Gottes (Bosheit, Rachsucht, Gehässigkeit, Sadismus, Rechthaberei, Brutalität, Gewissenlosigkeit) wie er sich an vielen Stellen zeigt, läßt viele Bösewichte bei Shakespeare als blutige Anfänger erscheinen. Die einzelnen Episoden sind oft plausibel kombiniert, und die häufige Verwendung von typologischen Szenen (etwa Mann begegnet Frau an Brunnen) geben der Lektüre einen interessanten Rhythmus. Harold Bloom hat übrigens der J Quelle in seinem "The Book of J" ein eigenes Buch gewidmet.
Die Historizität des Pentateuch hält sich in engen Grenzen. Während viele Szenen offenbar mythologischer Natur sind (Paradies etc.) gibt es bisher für die anderen Erzählungen (Stammväter, Exodus etc.) keine plausiblen archäologischen Belege. Immerhin scheinen einige Grundzüge auf einer historischen Basis zu beruhen. So gehen die meisten Fachleute heute davon aus, dass die alten Israeliten aus Mesopotamien nach Palästina eingewandert sind. Das würde zur Reisetätigkeit Abrahams passen.
Kulturgeschichtlich ausgesprochen interessant sind die langen Gesetzespassagen, der Kern der jüdischen Tora. Diese werden der P-Quelle zugeschrieben, wobei "P" hier für Priester steht. Weiß man, dass diese Passagen von Priestern bzw. ihnen nahe stehenden Kreisen geschrieben wurden, stellt man verblüfft fest: Man kann sehr vieles durch deren Eigeninteressen erklären. Wenige Beispiele mögen das erläutern: Die Einrichtung des Tempels, Arbeitsplatz und Wohnung der Gottesarbeiter, muss nicht nur mit den edelsten Materialien ausgestattet werden, sondern auch die gewünschten Kunsthandwerker werden genannt. Die vorgeschriebene Kleidung für Priester wird auf mehreren Seiten beschrieben, auch alles am oberen Ende der Skala der altorientalischen Kleiderordnung. Für Wohnung und Kleidung ist also auf höchstem Niveau gesorgt. Es fehlen noch passende Nahrungsmittel. Für einen ständigen Zufluss von Feinkost sorgen die Opfervorschriften. Wie bei den Griechen werden bevorzugt die weniger genießbaren Teile geopfert, der Rest diente als Verpflegung. Es wird explizit verlangt, dass Schenkel und Brust der Tiere die Priester bekommen. Weite Teile der Gesetze lassen sich also als großes Wohlfühprogramm für die israelische Priesterklasse verstehen. Bei den Ägyptern und Griechen war das nicht viel anders.
Die aktuelle (modifizierte) Lutherübersetzung ist gut lesbar, verschleiert aber oft spachliche Metainformationen, welche das hebräische Original bietet. Das läßt sich gut an am Verkauf des Erstgeburtsrecht Esaus an Jakob demonstrieren. Esau verwendet im Dialog ausschließlich "primitive" Vokabeln etwa (wörtlich überzeugt) "rotes Zeug" für das Gericht, während sich Jakob höfisch-juristischer Termini wie "Erstgeburtsrecht" bedient. Das hebräische Original bedient sich also sprachlicher Charaktisierungsmittel, die in den meisten Übersetzungen verloren gehen. (Dieses Beispiel stammt von der Bibelwissenschaftlerin Amy-Jill Levine.)


11. Januar 2006

Zitat zur Literatur

    Elfriede Jelinek konnte ihren Literaturnobelpreis heuer leider nicht verteidigen.
    (Wolfgang Kralicek, Theaterkritiker des "Falter")


Bibliothek: Neuzugänge

Die UTB-Titel werden derzeit vergleichsweise günstig bei Amazon verramscht. Die gesammelten Libretti der Opern Mozarts zählt zu den bisher sinnvollsten Veröffentlichungen im Mozartjahr. Allerdings sind nur deutsche Übersetzungen enthalten. Eissfeldts Buch über das Alte Testament gilt als wichtiges klassisches Werk zum Thema. Der Roman des Nobelpreisträgers Agnon wird ebenfalls bei Amazon "verschenkt".

Autor Titel Verlag Kommentar
Wolfgang Amadeus Mozart Sämtliche Opernlibretti Reclam Gebunden, Neuerscheinung
Daniel Ehrmann (Hrsg.) Sagen und Legenden aus Talmud und Midrasch Marix Verlag Gebunden; 2004 nach der Wiener Ausgabe 1880
Otto Eissfeldt Einleitung in das Alte Testament J.C.B. Mohr Tübingen 1956; 3. Auflage
Dietrich Weber Erzählliteratur UTB Göttingen 1998
Kurt Erlemann Endzeiterwartungen im frühen Christentum Francke Tübingen 1996
Erika Fischer-Lichte u.a. (Hrsg.) Theater seit den 60er Jahren Francke Tübingen 1998
Birgit Stolt Martin Luthers Rhetorik des Herzens Mohr Siebeck Tübigen 2000
S.J. Agnon Gestern, vorgestern Jüdischer Verlag Gebunden; Frankfurt 1996


8. Januar 2006

Gorki: Die Kleinbürger
(Akademietheater 2.1.)
Regie: Karin Beier
Wassilij Wassiljew Bessemjonow, wohlhabender Kleinbürger, Meister der Malerzunft: Martin Schwab
Akulina Iwanowna, seine Frau: Kitty Speiser
Pjotr, ehemaliger Student : Dietmar König
Tatjana, Lehrerin, Tochter: Christiane von Poelnitz
Nil, Bessemjonows Pflegesohn, Lokomotivführer: Christian Nickel
Pertachichin, ferner Verwandter Bessemjonows, Vogelhändler: Urs Hefti
Birkhahn, eigentlich Terentij Chrissanfowitsch Bogoslowskij, Kirchensänger: Joachim Meyerhoff

Der zentrale Konflikt des Stücks ist ein Klassiker: Alt gegen Jung. Ausschließlich im Hause des Kleinbürgers Bessemjonow spielend, wird der Zuseher mit den deprimierenden Auseinandersetzungen innerhalb dieser Familie (samt Untermietern als Beteiligte) konfrontiert. Es herrscht Verständnislosigkeit in diversen Abstufungen. Als prärevolutionäre Lichtgestalt tritt der Stiefsohn Nils auf, der mir schon während der vorbereitende Lektüre mehr als Kunstfigur denn als glaubwürdige Bühnengestalt erschien. Allgemein ist zu sagen, dass "Die Kleinbürger" qualitativ mit den Stücken Tschechows nicht wirklich mithalten können. Während Tschechows Vielschichtigkeit fasziniert, wirkt Gorkis Ästhetik im Vergleich dazu ziemlich schlicht.
Karin Beier inszeniert das Stück vergleichsweise zurückhaltend und deutlich gekürzt auf einer (fast) leeren Bühne. Schauspielerisch ist die Aufführung sehr gelungen. Herausragend Christiane von Poelnitz als frustrierte Lehrerin samt furios-ironischer Selbstmordszene. Neben Martin Schwab erwähnenswert ist Joachim Mayerhoff als zynischer Philosoph. Das Gesamturteil lautet "sehenswert".

EU und Türkei

Wer noch daran zweifelt, dass der EU Beitritt ein Motor der Modernisierung für die Türkei sein könnte, der lese den NYRB-Artikel von Stephen Kinzer, der in der Osttürkei unterwegs war:

    The European Union has been one of the most effective peacemaking institutions of the modern era. It eased transitions from dictatorship to democracy in Spain, Portugal, and Greece. More recently, it helped manage the peaceable breakup of the Soviet empire. Now, although torn by internal problems, the EU is the main factor drawing Turkey toward democracy, and perhaps even toward resolving the seemingly intractable Kurdish problem [...]
    Later that day, I walked past city hall and saw a large banner advertising a conference that was being held inside. Its subject was "The European Union Accession Process and the Kurdish Problem." When I walked into the packed hall, a local politician was delivering a passionate harangue.
    "For so many years, the Turkish state called us criminals, saying that it was not possible to have dialogue with us and that we had to be crushed," he told the rapt crowd. "This is the repeated tragedy that created the Kurdish problem. The only reason Kurds were forced to begin armed struggle was the way the Turkish state has treated Kurds at every stage in the history of this country."
    These would have been highly dangerous words a couple of years ago. Even now, police agents monitor and videotape conferences like this one. Their presence, however, did nothing to intimidate the speakers in Diyarbakir. "They watch us just like before, but they can't do anything to us anymore," one man told me. "This is a democracy now. We're becoming European. The state can't touch us."


3. Januar 2006

2005: 120.000 Besucher

Der Jahreswechsel lädt zu einem kurzen statistischen Rückblick ein. Die Notizen (samt Begleitseiten) konnte sich im vergangenen Jahr über 119.378 Besucher (visits, keine page impressions) freuen. Das ist angesichts vergleichsweise "esoterischer" Themen (Dante, Chaucer, Augustinus etc.) doch sehr erfreulich und bestärkt mich in der Meinung, dass es für diese Themen ein großes Interesse gibt. Nebenbei sei bemerkt, dass ich mich über Kommentare per Mail freue und diese auch beantworte :-)

Woody Allen: Match Point
(Filmcasino 29.12.)

Es ist lange her, dass ein neuer Film von Woody Allen so einhellig gelobt wurde. Sein bestes Werk seit fünfzehn Jahren sei es und unterscheide sich deutlich von seinen anderen Filmen. Dem kann ich nur bedingt zustimmen. Sein bester Film seit "Deconstructing Harry" (1997) ist er ohne Zweifel. Auch ist die Stimmung düsterer als in seinen Komödien, allerdings übersehen viele Kritiker, dass sich das umfangreichen Oeuvre des Regisseurs nicht auf Komödien beschränkt. Man denke beispielsweise "Another Woman" (1988). Andererseits beschäftigte die "Schuld und Sühne" Thematik Woody Allen bereits in vielen Filmen, am bekanntesten in dem ausgezeichneten "Crimes and Misdemeanors" (1989).
Literarisches Leitmotiv von "Match Point" ist Dostojewksijs berühmter Roman über Schuld und Sühne. Er wird an mehreren Stellen auch explizit zitiert. Auch sonst gibt es eine Reihe von literarischen Anspielungen und schon der Handlungsrahmen, ein armer Tennislehrer aus der Provinz landet in der High Society samt erotischen Verwicklungen, erinnert an Balzac oder Stendhal. Im Gegensatz zu Dostojewskij gibt es bei Allen jedoch kein "happy end", was den Film sehr pessimistisch enden läßt.
Die musikalische Hintermalung ist noch einer Erwähnung wert. Sehr passend bedient sich Allen hier Opernmusik um die Leidenschaften auf der Leinwand zu illustrieren. Darunter viele historische Aufnahmen (Caruso!). Eine stimmige Angelegenheit.

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