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1. Quartal 2007
30. März 2007
In China unterwegs...
... bin ich etwa die nächsten drei Wochen. Es wird in dieser Zeit also keine Updates geben. Die gute Nachricht: Das Ende des China-Schwerpunkts hier ist absehbar :-)
24. März 2007
Shakespeare: Julius Caesar
(Burgtheater 19.3.)
Regie: Falk Richter
Julius Caesar: Peter Simonischek
Octavian, Triumvir nach Caesars Tod: Moritz Vierboom
Marc Anton, Triumvir nach Caesars Tod: Michael Maertens
Ämilius Lepidus, Triumvir nach Caesars Tod: Ronald K. Hein
Marcus Brutus, Verschworener gegen Julius Caesar: Roland Koch
Cassius, Verschworener gegen Julius Caesar: Ignaz Kirchner
Casca, Verschworener gegen Julius Caesar: Cornelius Obonya
Es ist nicht einfach, diese Inszenierung auf einen Nenner zu bringen. "Julius Caesar" gilt als notorisch schwieriges Bühnenstück, was mit der Konzeption des Dramas eng zusammenhängt: Es gibt eine Reihe von wichtigen Figuren, keine davon steht wirklich im Zentrum, auch Caesar nicht. Liest man das Stück, trägt diese Ambivalenz maßgeblich zur literarischen Qualität bei, speziell in Kombination mit der offenen Bewertung der Protagonisten. Shakespeare überzieht sein Drama mit vielen Grautönen: Weder ist Caesar als machtgieriger Tyrann dargestellt noch Brutus als strahlender Freiheitsheld. Die ethische und politische Komplexität des Themas wird so herausgearbeitet, dass es auch heute noch modern wirkt. Aus handwerklicher Sicht schränkt das aber ebenso die Bühnentauglichkeit ein wie die strukturell "losen" letzten beiden Akte nach den beiden Höhepunkten im dritten Akt: Die Ermordung Caesars und die demagogische Rede Marc Antons.
Richter zieht in seiner Regie Analogien zur modernen Mediengesellschaft und deren negative Implikationen auf demokratische Verhältnisse. Nicht nur die alten Römer waren wankelmütig und leicht zu beeinflussen, auch der vermeintlich mündige Bürger heute lasse sich leicht von den Medien manipulieren. Das ist durchaus plaubsibel und Richter bringt das auch anschaulich auf die Bühne. Nur reicht dieses "schmalspurige" Konzept nicht aus, um durch das ganze Stück zu tragen.
Die schauspielerische Leistung ist durchschnittlich, weder besonders inspiriert noch negativ auffallend, sieht man einmal vom Ende der Massenselbstmorde ab, das einen etwas schalen Nachgeschmack hinterlässt.
Zusammenfassend keine Glanzleistung der Theaterkunst, aber ich würde auch nicht davon abraten, sich die Inzenierung anzusehen.
Bibliothek: Neuzugänge
Die "Wissen" Reihe von C.H. Beck ist ausgezeichnet fluggepäcksgewichtsbeschränkungskompatibel, was der Hauptgrund für den Kauf war. Morettis Methode mit Literatur umzugehen, wird von traditionellen Literaturwissenschaftlern immer wieder kritisiert: Grund genug, sich seine Arbeiten einmal genauer anzusehen.
12. März 2007
Sun Tsu: Über die Kriegskunst
(marixverlag)
Der chinesische General Sun Tsu schrieb im sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung dieses erste Traktat über die Kriegskunst und hätte sich wohl kaum träumen lassen, dass seine Schrift 2500 Jahre später einmal von karrierebesessenen Brokern an der Wallstreet gründlich missverstanden wird: Als Anleitung zur strategischen Bekämpfung des Gegners im Berufsleben nämlich.
Liest man das Buch "richtig", nämlich als einen Klassiker, der in einem bestimmten historischen und kulturellen Kontext steht, dann bemerkt man schnell zweierlei: Die Komplexität des Kriegsthemas schlägt sich in einer Reihe von widersprüchlichen Empfehlungen nieder. Neben einigen konkreten Ratschlägen zum Thema Terrain und dergleichen, läuft es auf folgenden Punkt hinaus: Die Situation vor Ort kritisch zu analysieren und ohne Rücksicht auf vorgefasste Meinungen oder moralische Skrupel die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die Ratschläge sind denn auch oft so vage gehalten, dass man viel in sie hineininterpretieren kann. Das war und ist wohl ein Grund für den Erfolg dieses Buches.
Vergleicht man den intellektuellen Gehalt mit anderen antiken Autoren, wie dem von mir sehr geschätzten Thukydides wird man enttäuscht sein. Dieser lebte zwar zwei Generationen später, ist Sun Tsu aber in jeglicher Hinsicht weit überlegen.
7. März 2007
Philosophie verständlich
Es herrscht ja speziell im deutschsprachigen Raum in der Öffentlichkeit die Auffassung, Philosophie ist per se dunkel und unverständlich. Schlimmer noch, Dunkelheit wird oft mit geistiger Tiefe assoziert. Das ist ebenso falsch wie schädlich für die Philosophie, weshalb mir das Projekt Philosophie verständlich der Universität Bielefeld sehr sympathisch ist. Man sehe selbst.
Bibliothek: Neuzugänge
Strittmatters China-Buch wurde mir von mehreren Seiten empfohlen. "Der Vater" soll eine Dramen-Leselücke schließen und "Der Traum vom Leben" soll eines der besten Sachbücher über Afrika der letzten Zeit sein.
3. März 2007
Herrlee Glessner Creel: Chinese Thought from Confucius to Mao Tse Tung
(Chicago University Press)
Dieses Buch belegt die Behauptung, dass die neuesten Titel nicht immer die Besten sein müssen. Erschien es doch schon 1953 und läßt sich noch ausgezeichnet lesen. Wie so oft wurde ich auf diesen Titel durch die Literaturhinweise in der Britannica aufmerksam.
Es handelt sich allerdings um kein akademisches Buch im engeren Sinn des Wortes, sondern um ein gut geschriebenes Sachbuch. Es zeichnet sich durch eine vergleichsweise klare Darstellung der chinesischen Geistesgeschichte aus, wobei auf 260 Seiten natürlich nur ein Überblick geboten werden kann. Der Schwerpunkt liegt auf Chinas klassischen Denkern und deren Rezeption bis ins 20. Jahrhundert hinein.
Gemeinhin wird der Konfuzianismus als sehr konservativ und traditionsbestimmt beschrieben. Das ist nicht völlig verkehrt. Creel weist jedoch überraschend auf die Kehrseite dieser Medaille hin: Nachdem die Quellenlage über Chinas mythische Vorzeit immer schon schwierig war, diente diese als eine ideale Projektionsfläche. Regelmäßig wurden von Konfuzianern deshalb neue Ideen unter dem Deckmantel der Tradition eingeführt. Man benutzte diese angebliche Tradition als trojanisches Pferd um innovative Konzepte in eine konservative Gesellschaft einzuführen. Dieser Aspekt war mir ebenso neu wie einleuchtend, und taucht auch die aktuelle Debatte um den Einfluss des Konfuzianismus in China (vesus "westliche Werte") in ein interessantes skeptisches Licht.
25. Februar 2007
Empfehlungen (6): The Teaching Company
Diese Entdeckung zähle ich zu meinen wichtigsten der letzten Jahre, gibt sie mir doch die Möglichkeit "nebenbei" einer Menge interessanter Dinge anzuhören oder Bekanntes aufzufrischen. Wie extensiv ich das inzwischen machen, sieht man an meiner Lese- und Hörliste.
Die Teaching Company bietet als Geschäftsmodell Vorlesungen zum Kauf bzw. Laden an. Dazu werden didaktisch begabte amerikanische Professoren gebeten, über ihre Spezialgebiete zu sprechen. Viele dieser Kurse sind achtzehn Stunden und länger und erreichen damit die Länge einer "echten" Univeranstaltung.
Inzwischen gibt es Hunderte von Themen, über die man sich am besten auf der Webseite der TTC einen Überblick verschafft. Der Schwerpunkt liegt auf klassischem Bildungsgut, weshalb erfreulicherweise auch die Antike nicht zu kurz kommt. Man hat die Wahl zwischen Audio/MP3 und DVD Versionen. Meist reicht Audio aus, nur bei Themen wie Kunstgeschichte oder Anatomie sollte man naturgemäß nicht im Dunkeln tappen. Die regulären Preise sind sehr hoch, es wird aber jeder Kurs einmal pro Jahr zum "Sales Price" angeboten und dadurch signifikant billiger.
Im Gegensatz zu ihren deutschsprachigen Kollegen, sind angelsächsische Lehrende meist rhetorisch sehr begabt: Man hört ihnen gerne und mit Spannung zu. Ich höre diese Kurse meist nebenbei, auf dem Weg zur Arbeit, auf Reisen, bei diversen Routinetätigkeiten etwa, und komme so auf durchschnittlich eineinhalb Stunden pro Tag.
Zu einigen der Lehrenden baut man regelrecht eine intellektuelle Beziehung auf. Brillant und geistreich ist etwa alles, was Robert Greenberg über Klassische Musik zu sagen hat. Bart Ehrman leuchtet gedankenreich und kritisch die Zeit des Neuen Testaments aus. Bob Brier ist ein erstklassiger Referent über das Alte Ägypten. Robert Hazen hat mit "Joy of Science" eine beachtliche Einführung in naturwissenschaftliches Denken vorgelegt.
Bis auf wenige Ausnahmen ("Buddhism") sind mir bisher keine Kurse untergekommen, die nicht hörenswert gewesen wären. Wie so oft ist es sehr schade, dass es nichts Vergleichbares auf Deutsch gibt.
18. Februar 2007
Volker Zotz: Konfuzius
(rororo monographie)
Sehr viel Gesichertes ist über das Leben des Konfuzius nicht überliefert, weshalb Volker Zotz natürlich keine klassische Biographie schreiben konnte, sondern sich auf die wenigen bekannten Lebensfakten beschränkt. Umgekehrt ist es bei der Lehre des Philosophen: Hier überdeckt die ausufernde Überlieferung und Ausschmückung der nachfolgenden Jahrhunderte den historischen Kern des Konfuzianismus.
Zotz beschränkt deshalb vor allem auf die Gespräche des Konfuzius und rekonstruiert dessen Lehre anhand diverser Themenkreise. Erwähnenswert aus moderner Sicht ist Konfuzius Drängen auf eine klare Terminologieverwendung, der ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Auch seine Ablehnung metaphysischer Spekulationen könnte man als eine skeptische Haltung interpretieren. Jedoch wäre es falsch, diese Seite zugunsten der konservativen Seite überzubewerten. So progressiv Konfuzius in manchen Annahmen zu sein scheint, so konservativ ist er, wenn er die Vergangenheit als Allheilmittel idealisiert.
Zotz hat ein gut lesbares kleines Buch geschrieben, das sich ausgezeichnet als Einführung in die Materie eignet. Einziger Kritikpunkt: Man stößt auf einige kulturpessimistische Seitenhiebe auf den westlichen Lebenstil, die nicht immer passend erscheinen.
17. Februar 2007
Donizetti: La Favorite
(Staatsoper 1.2.)
Regie: John Dew
Musikalische Leitung: Vjekoslav Sutej
Léonor de Guzman: Luciana D'Intino
Fernand: José Bros
Alphonse XI: Eijiro Kai
Balthazar: Ain Anger
Die französische Urfassung dieser Oper wird selten gegeben, lange wurde vor allem die italienische Version des Stücks aufgeführt. Der Stoff war zur Entstehungszeit heikel: Ein Mönch verlässt aus Liebe das Kloster, nicht wissend dass die Auserwählte die Favoritin seines Königs ist. Enttäuscht kehrt er am Ende ins Kloster zurück, wo es zur großen Versöhnung kommt.
Musikalisch wird hier vorzügliches Belcanto geboten, was auch für diese Aufführung gilt. Ein harmonisches Ensemble lieferte eine gute Leistung ab. Die Inszenierung läßt sich mit zurückhaltend modern beschreiben. Durchaus empfehlenswert.
Bibliothek: Neuzugänge
Auf Stewarts Buch über Leibniz und Spinoza wurde ich durch die "New York Times" aufmerksam. Robert Fisks Wälzer (1300 Seiten!) über den Nahen Osten löste eine große Kontroverse aus. "Buddha" und der Bildband über China dienen der Reisevorbereitung.
| Autor |
Titel |
Verlag |
Kommentar |
| Matthew Stewart |
The Courtier and the Heretic Leibniz, Spinoza, and the Fate of God in the Modern World |
W.W. Norton |
Paperback
|
| Robert Fisk |
The Great War for Civilisation. The Conquest of the Middle East |
Harper Perennial |
Paperback
|
| Volker Zotz |
Buddha |
rororo monographie |
2005
|
| Peter Gutmann (Hrsg.) |
China. Faszination Erde |
Kunth Verlag |
Bildband
|
11. Februar 2007
Karl Philipp Moritz: Andreas Hartknopf. Eine Allegorie
(Reclam)
Zu Recht berühmt wurde Moritz durch sein autobiographisches Buch Anton Reiser, das sicher zu den interessantesten deutschen Romanen zählt. Ein früher psychologischer Roman, der die Entwicklung eines unterdrückten Kindes und jungen Mannes erzählt, samt den zahlreichen Demütigungen, denen sich ein mittelloser Intellektueller im 18. Jahrhundert ausgesetzt sah.
"Anton Reiser" ist realistisch erzählt, mir einem starken Fokus auf die Psychologie der Figuren. "Andreas Hartknopf" und "Andreas Hartknopfs Predigerjahre" stammen etwa aus derselben Zeit, sind ästhetisch aber kaum vergleichbar.
Statt eines frühen realistischen Erzählens, hat man hier eine Mischung aus sehr divergenten stofflichen Elementen vor sich, arrangiert in kurzen Abschnitten, die oft nur lose durch die Figuren zusammengehalten werden. Es ist (fast) alles an Motiven vorhanden, was dem 18. Jahrhundert gut und teuer war: Romantische (wilde Natur, Galgen, Klöster, Religion), Sturm und Drang (Freundschaftskult, Pathos) und Aufklärung (Pädagogik). Die Aufklärungspädagogik wird durch die Figur des Hagebuck karikiert.
In Summe wirkt das bei der Lektüre vergleichsweise widersprüchlich, ohne dass in diesen Widersprüchen ein ästhetischer Mehrwert sichtbar wird. Trotzdem ist dieser Text schon alleine aufgrund seiner Ungewöhnlichkeit sehr interessant zu lesen. Wer das 18. Jahrhundert mag, sollte ihn sich nicht entgehen lassen.
4. Februar 2007
Empfehlungen (5): Committee for Skeptical Inquiry und Skeptical Inquirer
Wer mit offenen Augen durchs Leben geht, kann sich der Tatsache nicht verschließen, dass der Aberglaube (weniger freundlich formuliert: die Dummheit) in allen seinen Formen immer noch fröhliche Urstände feiert. Erfreulicherweise findet das in Europa mehr im Privaten und nur noch selten im Staatlichen seinen Niederschlag. Das fängt bei der Esoterik in allen ihren Manifestionen an. Wundersteine verkaufende Esoterikläden, Regale mit Büchern über nicht-existierende Energiefelder oder Seminare zu den neuesten Psychomoden... Weiter geht es mit der sogenannten "Alternativmedizin", die im besten Fall mit Placebos nicht schadet und im schlimmsten Fall Menschen mit schweren Krankheiten mangels adäquater Therapie ums Leben bringt, nach Bezahlung der saftigen Rechnungen, versteht sich.
Nimmt man doch die vergleichsweise harmlosen Hobbys wie "Ufologie", "Wahrsagerei" oder "Astrologie" hinzu, sollte man eine ausreichende Vorstellung von diesen die menschliche Intelligenz beleidigenden Aktivitäten haben.
Meine Hochachtung galt immer schon jenen, die sich dieses Unsinns wissenschaftlich annehmen, um ihn zu widerlegen. Wer weiß, wie schnell eine dumme Behauptung aufgestellt ist, und wie langwierig es sein kann, diese nach den Regeln der Wissenschaft zu widerlegen, dem wird schnell der Mythos des Sisyphos in den Sinn kommen.
Paul Kurtz gründete 1976 das "Committee for the Scientific Investigation of Claims of the Paranormal" in den USA. Dessen Ziel war es unter anderen, der unkritischen Wiedergabe von "paranormalen" Behauptungen in den Medien, eine kritische Perspektive gegenüber zu setzen. In den nachfolgenden Jahren konnten eine Reihe dieser populären Mythen widerlegt und/oder durch wissenschaftliche Erklärungen ersetzt werden. Mehr zur Geschichte des CSICOP findet sich im Wikipedia-Artikel (zumindest in der Fassung vom 4.2. 07 um 15:24 Uhr :-) Kürzlich benannte sich die Organisation in "Comittee for Skeptical Inquiry" (CSI) um. Es gibt auch eine deutsche Schwestergesellschaft, die "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften".
CSI gibt nun eine zweimonatlich erscheinende Zeitschrift heraus, die ich speziell empfehlen will: Den "Skeptical Inquirer" mit dem sprechenden Untertitel "The Magazine of Science and Reason". Geboten werden neben kurzen Artikeln über die jüngsten Absurditäten der Esoterikzunft auch viele zu wissenschaftlichen Themen allgemein sowie zu wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Fragestellungen. Erfrischend ist, dass regelmäßig auch die eigene Weltanschauung skeptisch hinterfragt wird, etwa wenn vor den eingefahrenen Bahnen des Wissenschaftsbetriebs zuungunsten neuer Theorien gewarnt wird, oder Autoren darauf hinweisen, dass Poppers "Conjectures" einen ebenso wichtigen Stellenwert in dessen Erkenntnistheorie besitzen als die viel berühmteren "Refutations" (Falsifizierungen), um einen seiner Buchtitel zu zitieren.
Der Skeptical Inquirer kann für wohlfeile 23 Euro (inklusive Porto nach Europa) abonniert werden.
21. Januar 2007
Thomas Mann: Joseph in Ägypten
(Fischer TB)
Wie hier zu lesen war, gefielen mir die ersten beiden Bände der Josephs-Tetralogie durchaus. In ihnen scheint sich Mann aber erst eingeschrieben zu haben, denn "Joseph in Ägypten" ist ein noch größerer Wurf. Das mag auch daran liegen, dass die Komplexität der fiktionalen Welt nun zunimmt. Joseph "betritt" die größte damalige Hochkultur samt ihrer unglaublichen Vielfalt in allen Belangen.
Sehr geschickt bedient sich Mann auch eines gängigen Topos der großen Romane der Weltliteratur, nämlich dem Aufstieg eines ehrgeizigen jungen Mannes unter widrigen Umständen. Stendhals "Rot und Schwarz" wäre hier der Prototyp. Diese und andere literaturgeschichtlichen Analogien schwingen bei der Lektüre mit und geben ihr einen besonderen Reiz.
Ein weiterer "klassischer" Topos findet sich ebenfalls im Roman, nämlich der des Außenseiters. Joseph kommt als Ausländer in eine zum Teil sehr konservative bis xenophobe Umgebung. Dass er sich trotzdem durchsetzt und zum Verwalter Peteprês wird, ein unwahrscheinlicher Aufstieg durch Josephs Charisma und rhetorisches Talent motiviert, trägt ein märchenhafte Züge.
Mann schildert den ägyptischen Alltag detailreich und anschaulich. Er zeichnet ein großes Panorama und läßt die Erzählung in kleinen, aber stetigen Schritten voranschreiten. Voranschreiten bis zum Höhepunkt, der Konfrontation mit der Gattin seines Herren, die ihn letztlich ins Gefängnis bringt.
Die sorgfältige Entwicklung dieser Beziehung vom Hass der Frau auf ihn wegen seiner Fremdheit zu ihrer kompletten Verfallenheit an den schönen Orientalen ist ein erzählerisches Meisterstück. Aber auch die teils skurrilen Nebenfiguren hätten eine ausführliche Würdigung verdient.
Eine Lesevergnügen, vielleicht mit der Einschränkung, dass etwas Wissen über das Alte Ägypten bei der Lektüre hilfreich ist. Die mythologische Welt der Ägypter ist uns einerseits ziemlich fremd. Andererseits vergibt man sich so des Vergnügens zu sehen, was Thomas Mann aus dieser Überlieferung macht und wie intelligent er sie gestaltet.
Jacques Gernet: Die chinesische Welt
(Insel Verlag)
Diese Buch begleitete mich mit Pausen die letzten drei Monate. Gernet bewältigt mit diesem Sachbuch eine scheinbar unmögliche Aufgabe: Die Geschichte Chinas in einem Buch abzuhandeln. Zugegebenermaßen ist es ein langes Buch mit mehr als 700 engbedruckten Seiten. Wer jedoch die Vielfalt und den Stoffreichtum der chinesischen Geschichte kennt, wird diese Leistung zu würdigen wissen.
Das wäre freilich noch nicht ausreichend, um sich das Prädikat "brillant" zu verdienen. Ein Grund für dieses Urteil ist auch die Art der Vermittlung. Klugerweise setzt Gernet wenig Vorwissen voraus. Er nimmt den Leser von Anfang an mit, ohne jedoch im schlechten Sinne populär zu werden. So weit ich das beurteilen kann, ist "Die chinesische Welt" auf einem sehr soliden akademischen Fundament errichtet. Gernet vertritt durchaus eigenständige Thesen und weist auch immer wieder auf die Forschungslage hin.
Es sei nur eine seiner (vielen) interessanten Thesen angeführt: Die Aufklärung im Europa des 18. Jahrhunderts verdanke wesentlich mehr dem chinesischen Einfluss (es gab damals eine Menge Bücher über China) als das in der traditionellen Geistesgeschichtsschreibung anerkannt werde.
Das Buch ist didaktisch ausgezeichnet geliedert. Neben der chronologischen Vorgehensweise zielt Gernet immer vom Allgemeinen ins Spezielle. Er fängt mit einem einführenden Überblick an, und geht dann systematisch ins Detail. Dabei kommen klassische Themen wie Politik- und Wirtschaftsgeschichte nicht zu kurz, es wird aber auch ausdrücklicher Wert auf Wissenschaft, Technik, Kultur und Philosophie gelegt.
Wie man die Sache nun dreht und wendet: Es ist ein ausgezeichnetes Sachbuch. Dass es bereits 20 Jahre alt ist, schadet nichts, denn der Schwerpunkt liegt auf der Geschichte von der Antike bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Wer sich speziell für die Geschichte der Volksrepublik interessiert, käme etwas zu kurz und greift besser zusätzlich zu anderen Titeln.
14. Januar 2007
Shakespeare: Ein Sommernachtstraum
(Burgtheater 9.1.)
Regie: Theu Boermans
Theseus, Oberon: Peter Simonischek
Egeus: Bernd Birkhahn
Lysander: Philipp Hauß
Demetrius: Patrick O. Beck
Philostrat, Puck: Maria Happel
Squenz: Johannes Terne
Zettel, der Weber: Udo Samel
Leider ging meine anläßlich von "Viel Lärm um Nichts" geäußerte Hoffnung, die nächsten Aufführungen mögen qualitativ diesen Auftakt fortsetzen, nicht in Erfüllung. Dieser "Sommernachtstraum" hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. Dabei wären die Voraussetzungen nicht so schlecht: Ein hervorragendes Ensemble, einige witzige Einfälle rund um Bühnebild, Kostüme und Besetzung (etwa die Elfen als alte Damen) böten eine gute Ausgangslage.
Trotzdem hat man von Anfang an den Eindruck, der Aufführung einer ambitionierten Schauspielschule beizuwohnen. Szene nach Szene wird handwerklich solide abgenudelt, und zwar in einer erstaunlich geistlosen Form. Von einer übergreifenden Regieidee oder einer intellektuellen Durchdringung des Stoffes keine Spur. So kann man sich der Verwunderung der NZZ nur anschließen, dass sich das Burgtheater so viel Mittelmaß erlaubt.
Der Shakespeare-Zyklus hat also unentschieden begonnen: Es kann nur besser werden.
Thomas Mann: Der junge Joseph
(Fischer TB)
Nachdem der geschichtlich-mythologische Kontext in "Die Geschichten Jaakobs" gelegt wurde, wendet sich Thomas Mann nun ausführlich Joseph zu, der im Mittelpunkt der folgenden drei Romane steht. Es gilt die psychologischen Grundlagen für dessen "Karriere" zu legen, ohne den Balanceakt zwischen archaischer Welt und moderner Psychologisierung aufzugeben.
Dafür greift der Autor zu zwei Mitteln: Zum einen verankert er das Gefühl des Auserwähltseins in der mythologisch-religiösen Sphäre. Zum anderen vermittelt er diesen vorgeblichen Sonderstatus vor allem mit dem Mittel des Traumes. Joseph erzählt seine Träume, die ihn in den Mittelpunkt stellen, seinen Brüdern ohne zu realisieren, wie anstößig diese "Gesichter" ihnen sein müssen. Hier wird nun der Bogen geschlagen zur psychologischen Motivierung der Katastrophe: Joseph merkt in seiner Naivität nichts davon und wird von seinen Brüdern letztendlich verkauft, weil sie ihn für diese Anmaßung hassen. Es schwingt das antike Konzept der Hybris mit.
Thomas Mann ist ein hervorragender literarischer "Handwerker", was er mit diesem Roman einmal mehr unter Beweis stellt.
6. Januar 2007
Babel
(Filmcasino 5.1.)
Regie: Alejandro González Ińárritu
Lange schon sah ich keinen Film mehr, der Aktualität und Kunstverstand so ausgezeichnet zu verbinden weiß wie "Babel". Ausgangspunkt der Handlung sind zwei marokkanische Hirtenjungen, die ein Gewehr ausprobieren, in dem sie aus großer Entfernung auf einen Touristenbus schießen. Eine Amerikanerin wird getroffen und das Skript "Terrorattentat" beginnt. Mit der Ästhetik des avancierten Episodenfilms bindet Ińárritu alle "Betroffenen" in seinen Film ein. Da ist der japanische Jagdtourist, der das Gewehr einem marokkanischen Guide schenkte und dessen taubstumme Tochter. Da ist die mexikanische Nanny der Kinder der Angeschossenen, die diese mit nach Mexiko auf eine Hochzeit nehmen muss. Eine Reise mit tragischen Folgen.
Der Film zeigt die globalen Auswirkungen eines Jungenstreichs. Ińárritu bedient sich dabei raffinierter filmischer Erzähltechniken, die er furios einsetzt. Die Chronologie wird immer wieder unterbrochen. Bildmächtig bekommt der Betrachter die heutige Welt exemplarisch präsentiert: Die Sahara, die Stadtlandschaft Tokios, der mexikanische Hochzeitstrubel.
Besser kann man das ausgelutschte Globalisierungsthema nicht umsetzen. Dabei verzichtet Ińárritu klugerweise darauf, dass "Terrorthema" zu sehr auszuschlachten. Die globale Medienhysterie wird nur am Rande angedeutet, Entscheidendes findet, wie so oft bei guter Kunst, im Kopf des Rezipienten statt. Diesen Film sollte man sich nicht entgehen lassen.
5. Januar 2007
Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt. Roman
(Hörbuch, 5 CDs)
Es gibt manche Bücher, die ich aus "Metainteresse" lese, weil so viel über sie geredet und geschrieben wird. Kehlmanns Roman zählt zu diesen, auch wenn ich ihn genaugenommen gehört habe. Kompetent gelesen von Ulrich Matthes.
Wie wohl hinreichend bekannt, beschreibt das Buch die kontrastreichen Biographien von Alexander Humbold und Carl Friedrich Gauß. Beide herausragende Wissenschaftler mit einem großen Interesse an der "Vermessung der Welt". Gauß reiste als begegnadeter Mathematiker kaum, ein klassischer Stubengelehrter, wohingegen Humboldt als Weltreisender seiner wissenschaftlichen Leidenschaft nachgeht.
Das ist eine nette Idee für einen historischen Roman und zu Beginn liest er sich auch durchaus unterhaltsam. Danach nahm mein Interesse aber aus zwei Gründen rapide ab. Erstens ist der Text künstlerisch nicht sehr ergiebig. Genau und unterhaltsam erzählt, ja, aber unter dieser glatten Oberfläche gibt es wenig ästhetische Substanz. Substanz gibt es auch nur wenig in intellektueller Hinsicht, womit der zweite Grund schon genannt ist. Brav zählt Kehlmann etwa die mathematischen Geniestreiche Gauß' auf, ohne sie jedoch ausreichend zu reflektieren. Man denke nur daran, welche geistigen Funken Robert Musil aus dem Thema der Mathematik geschlagen hat. Auch sonst wird der zeitgenössische Stoff brav vorhersehbar abgearbeitet. Sogar die vielzitierten Zahnschmerzen haben ihren Auftritt.
Kein großes Kunstwerk also, aber ein doch ganz unterhaltsames Buch. Für richtige Leser nur bedingt geeignet.
"Cicero"
Dieses "Magazin für politische Kultur" wollte ich einmal näher unter die Lupe nehmen, nachdem es inzwischen in der deutschen Öffentlichkeit schon mehrmals Themen vorgegeben hat, und damit publizistisch große Beachtung genießt. Eine neue gute Zeitschrift auf den qualitativ bescheidenen deutschsprachigen Magazinmarkt? Drei Ausgabven mutete ich mir zu.
Die Ernüchterung setzte gleich mit dem ersten Heft ein: Die Oktoberausgabe hatte einen Philosophieschwerpunkt und stellte wichtige junge Philosophen vor. Wie geht man das journalistisch am Besten an? Man könnte nun vermuten, man gebe dem Raum, was den Kern des Philosophierens ausmacht, nämlich der (präzisen) Sprache, mit der die Vertreter dieser Disziplin ihrem Handwerk nachgehen. Ausführliche Portraits samt Zusammenfassung der Denkansätze also? Weit gefehlt! Die meisten der buchstäblich von diesem Machwerk Betroffenen werden auf einer (!) Seite vorgestellt. Ein apartes Portraitfoto füllt Dreiviertel der Seite, während am Ende dieses Blattes etwa fünf inhaltliche Sätze zu finden sind.
Eine großartige Leistung der Philosophieberichterstattung also, welche "Cicero" als ernszunehmendes Organ disqualifiziert. Ansonsten kleben die Mehrzahl der Artikel an Personen. Man lernt ja auf der Journalistenschule, dass "die Leser" gerne "menschliche" Geschichten wollen. Reflexion und Analyse kommen deshalb viel zu kurz. Naturgemäß gibt es auch einige sehr gute Artikel pro Heft, von denen ein Teil aus englischsprachigen Quellen stammt. Diese seltsame Mischung aus Stern und Geo (viele hübsche Fotos) kann man getrost liegen lassen.
3. Januar 2007
Marco Polo: Von Venedig nach China. Die größte Reise des 13. Jahrhunderts
(Thienemann)
Dieser Klassiker der Reiseliteratur steht schon lange in einem meiner Bücherregale. Der Anstoß, ihn jetzt zu lesen, war die für dieses Jahr geplante Chinareise. Von vielen berühmten Büchern, die man noch nicht las, hat man oft eine seltsam genaue Vorstellung. Meine Erwartungshaltung war, einen möglichst präzisen Eindruck vom mittelalterlichen China zu bekommen. Das trifft den Sachverhalt allerdings im besten Fall nur halb. Zwar ist Marco Polo eine der wichtigsten Quellen, aber ein guter Teil des Reiseberichts beschäftigt sich mit der Hin- und Abreise. Deshalb nehmen neben China auch andere geographische Regionen viel Platz in Anspruch. Genannt seien etwa Zentralasien, Indien und, in geringerem Maße, Japan.
Für eine Publikation des 13. Jahrhunderts ist die Beschreibung erstaunlich objektiv. Dieses Urteil ist natürlich in Bezug auf den zeitgenössischen Referenzrahmen zu verstehen. Einige der mittelalterlichen Legenden von seltsamen Wesen in der Ferne schlichen sich auch bei Marco Polo ein. Vermutlich hat er sie von Kaufleuten vernommen, die oft aus eigennützigen Gründen die Konkurrenz durch Schreckgeschichten von lukrativen Handelsgegenden fernhalten wollten.
Die Debatte, ob Marco Polo wirklich in China war, dauert immer noch an. Einige damals in Europa unbekannte "Details", so seine korrekte Beschreibung des Papiergeldwesens, sprechen jedoch sehr gegen eine Existenz als Schreibstubengelehrter. Bei der Lektüre drängen sich teilweise Parallelen zu Herodots Historien auf. Dahingehend nämlich, dass man auch bei Marco Polo das Balancieren zwischen "Wissenschaftlichkeit" und "Mythos" an einigen Stellen sehr anschaulich beobachten kann. Man findet ebenfalls Quellenverweise und expliziten Zweifel an Gehörtem. Allerdings ist Herodots Jahrtausendbuch kein fairer Vergleichsmaßstab für den Autor aus Vendig.
Trotzdem findet man sehr hübsche Geschichten wie etwa über die Entstehung der Assassinen:
Auch hielt der Fürst an seinem Hof eine Anzahl zwölf- bis zwanzigjähriger Jünglinge, die er aus denjenigen Einwohnern der benachtbarten Gebirge ausgewählt hatte, die kriegerisch veranlagt waren und besonders verwegen zu sein schienen. Diesen erzählte er täglich von dem vom Propheten verkündigten Paradies und von seiner Macht, sie in dasselbe einzuführen: Von Zeit zu Zeit aber ließ er ihnen dann ein Schlafmittel einflößen und sie, wenn sie in todesähnlichen Schlaf waren, in die verschiedenen Paläste seines Gartens bringen. Wenn sie nun aus ihrem tiefen Schlummer erwachten, waren sie wie berauscht von all den Herrlichkeiten [...] ein jeder sah sich von lieblichen Mädchen umgeben, die sangen, spielten und sich durch die bezauberndsten Liebkosungen angenehm machten [...]
Man kann sich denken, wie es weiter geht: Den Jungen wird der Eingang ins Paradies in Aussicht gestellt, wenn Sie sich für ihren Herrn aufopfern, was sie unter diesen Umständen gerne tun. Das Prinzip dieser Rekrutierungsmethode scheint sich in den letzten 700 Jahren nicht verändert zu haben.
Die Ausgabe des Erdmann Verlags ist empfehlenswert. Es liest sich nicht nur die Übersetzung angenehm, sondern es sind in kursiver Schrift immer wieder Kommentare und Erläuterungen im Haupttext eingeschoben, was der Verständlichkeit sehr förderlich ist. Man denke nur daran, dass die meisten geographischen Namen nicht den heutigen entsprechen.
Otto Emersleben: Marco Polo
(rororo monographie)
Diese kleine Monographie ist eine ausgezeichnete Begleitlektüre zu Marco Polos Reisebericht. Nützlich illustriert (Karten!) erhält man einen konzisen Einblick in den aktuellen Stand der Forschung. Auch die verwickelte philologische Situation wird beleuchtet, gibt es doch eine Menge von höchst divergiernden Textfassungen. Emersleben geht dabei überwiegend "chronologisch" vor, in dem er der beschriebenen Route Schritt für Schritt folgt. Uneingeschränkt empfehlenswert.
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