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Notizen: Archiv

von Christian Köllerer



2. Quartal 2001





30. Juni 2001

Frank Kermode: Art Among the Ruins
(The New York Review of Books 11/2001)


Der Artikel setzt sich ausführlich mit dem sogenannten New Historicism auseinander, einer literatur"wissenschaftlichen" Methode, die in den achtziger Jahren von Stephen Greenblatt ins Leben gerufen wurde und eine Variante der postmodernen "Methoden"bildung darstellt.
Die Grundthese dieser Richtung besagt, dass alle historischen Phänomene einer Zeit mit allen anderen in Beziehung stehen und dass es deshalb sinnvoll sei, scheinbar disparate Bereiche so zu verbinden, dass ein Erkenntnisgewinn entsteht. Dass historisch alles mit allem "irgendwie" in Verbindung steht, ist banal. Aber es war immer schon eine bewährte Strategie postmoderner Theoriebildung, Banales mit Absurden zu verbinden, um den Eindruck der Originalität zu erzielen. Originialität als Ziel der Wissenschaft hat in diesen Kreisen längst das viel langweiligere Ziel der Wahrheit abgelöst.
Frank Kermode diskutiert diese Schule anhand zweier neuer Bücher: Einen von Catherine Gallagher und Stephen Greenblatt herausgegebenen Sammelband mit dem Titel "Practicing New Historicism" (University of Chicago Press) und "Shakespeare After Theory" von David Scott Kastan, der nichts weniger will als einen neuen post-New Historicism einzuführen. Der Rezensent geht ausführlich auf repräsentative Analysen ein, betont deren Originalität, kann jedoch immer fundamentale Argumentations- und Denkfehler nachweisen. Wie so oft ist eine Ursache für die wissenschaftlichen Mängel das selbstverliebte Ausblenden von Tatsachen, die der eigenen Interpretation entgegenstehen. Deshalb zieht Kermode folgendes Fazit:

    Kastan remarks that orthodox historians—historians de métier—find it hard to take the New Historicism seriously, and it seems unlikely that they will bother much about this post-New Historicism. An interest in fact is admirable, but theory has given it perhaps too much license, for all fact is now somehow interrelated; text and context are “imbricated” (i.e., overlapping, as with fish scales) so that one can say almost anything and claim its relevance to whatever is being talked about. Much intelligence and much scholarly labor is thus thrown away; while the plays themselves, puritanically denied “aesthetic” attention, are, like the theaters in 1642, declared off-limits.


Web-Tipp: IASL - Neue Rezensionen

Juergen Daiber: "Experimentalphysik des Geistes" – Novalis und das romantische Experiment. Goettingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2001. (Rezensiert fuer IASLonline von Ursula Regener, Augsburg)

Kay Kufeke: Himmel und Hoelle in Neapel. Mentalität und diskursive Praxis deutscher Neapelreisender um 1800. (Italien in der Moderne 5) Koeln: SH-Verlag 1999. (Rezensiert fuer IASLonline von Claudia Albert, Berlin)


27. Juni 2001

Antike im Web (2): The Ancient City of Athens

Prof. Kevin T. Glowacki und Prof. Nancy L. Klein von der Idiana University haben für ihre Studenten die eigenen Foto-Archive für das Web aufbereitet. Die kommentierten Aufnahmen zeigen alle wichtigen antiken Denkmäler Athens aus den verschiedensten Perspektiven.
Besonders erwähnenswert ist der kurze, aber prägnante Artikel Topography & Monuments of Athens.


Bücherherbst (11): Böhlau, Spektrum

Autor Titel Verlag Kommentar
Peter C. Hartmann Kulturgeschichte des Heiligen Römischen Reiches 1648 bis 1806 Böhlau Herbst 2001; DM 88.-
Primoz Kuret Mahler in Laibach. Ljubljana 1881-1882 Böhlau Herbst 2001; DM 47.-
Harvey Lodish et.al. Molekulare Zellbiologie
Spektrum 10/2001; DM 160.-; Neuausgabe des Standardwerks
Ralf Klabunde et.al. Computerlinguistik und Sprachtechnologie. Eine Einführung
Spektrum 10/2001; DM 80.-


24. Juni 2001

Antike im Web (1): Ancient Greece

Inzwischen findet man viele wertvolle Informationen über die Antike im Web. In dieser neuen Reihe will ich ausgewählte Seiten kurz vorstellen. Ziel ist die Erstellung einer kleinen, aber gehaltvollen Web-Bibliothek zum Thema.
"Ancient Greece" eignet sich hervorragend als Auftakt, handelt es sich doch um ein gut kommentiertes Angebot zu vielen wichtigen Aspekten des alten Griechenland. Dem Besucher wird eine gelungene Mischung aus aufbereiteten Informationen und ausführlich kommentierten Links präsentiert.

John Updike: Hasenherz
(rororo)

Updikes Rabbit-Tetralogie steht seit Jahren auf meiner mentalen Leseliste, über "Hasenherz" kam ich bis jetzt aber nicht hinaus. Einen neuen Anlauf startend las ich den Roman nun zum zweiten Mal. Updikes Kunst besteht vor allem darin, moderne erzähltechnische Methoden der Bewusstseinsdarstellung souverän zu benutzen, um damit subtile psychologische Portraits zu zeichnen.
Auffallend ist sein Blick für Details aller Art, die zur Atmosphäre des Romangeschehens maßgeblich beitragen, ohne - wie sonst so oft - in ästhetisch funktionslosen Schilderungen zu münden. Updike gehört nicht zu den Autoren, die durch wenige Striche eine fiktionale Welt entstehen lassen. Er ist zeichnet seine Welt mit präzisem Realismus, ohne den Leser damit zu ermüden.

Bücher: Anschaffungen

Autor Titel Verlag Kommentar
Uwe Neumann Platon rororo Monographie Neuausgabe 2001
Marion Giebel Das Orakel von Delphi. Geschichte und Texte Reclam UB Stuttgart 2001; zweisprachig
Raymond Carver Short Cuts. Selected Stories
Reclam UB Stuttgart 2001; Originalsprache


21. Juni 2001

Web-Tipp: Zweitausendeins

Das neue Merkheft Nr. 172 ist online

Bücherherbst (10): Rowohlt

Der Versuch von Holzbrinck, Rowohlt als angesehenen Verlag zu ruinieren, indem für diese Branche atypische Gewinnspannen eingefordert werden, zeitigt erste Ergebnisse: Ein wichtiger neuer Pfeiler der Sachbuch-Reihe des Hauses ist "Man's Health":

    Unsere stetig wachsende Men's Health Reihe weist Männern, die mehr aus sich machen wollen, den rechten Weg: vom Bodystylen bis zum Knopfnähen.
Die einzelnen Titel versprechen Interessantes: "Know-how für Helden" wird geboten, so wie der unverzichtbare Ratgeber "So macht Mann brave Mädchen wild".
Es versteht sich, dass bei solchen editorischen Glanzleistungen keine Zeit mehr bleibt, etwa Robert Musils "Essays" neu aufzulegen oder eine preiswerte Ausgabe seiner Briefe anzugehen, aber das beklagte ich ja bereits an anderer Stelle.
Das Programm des Rowohlt Berlin Verlages ist nicht mehr erwähnenswert.

Autor Titel Verlag Kommentar
John Updike Gertrude und Claudius. Roman Rowohlt 9/2001; DM 39.-
Peter Rühmkorf Schachtelhalme. Schriften zur Poetik und Literatur. Rowohlt 9/2001; DM 39.-
Karlheinz Deschner Kriminalgeschichte des Christentums Band 7: 13./14. Jahrhundert Steidl 9/2001; DM 52.-;
Elfriede Jelinek Gier rororo 1/2002; DM 19.-
John Keegan Der Erste Weltkrieg. Eine europäische Tragödie rororo 2/2002; DM 27.-
Richard Dawkins Der entzauberte Regenbogen rororo 1/2002; DM 23.-
Klaus Wagenbach Franz Kafka rororo Monographie 2/2002; DM 16.-; Neufassung
Otto Emersleben Marco Polo rororo Monographie 2/2002; DM 16.-
Anne Hardy; Lore Sexi Lise Meitner rororo Monographie 3/2002; DM 16.-
Claudia Pilling; Diana Schilling; Mirjam Springer Friedrich Schiller rororo Monographie 4/2001; DM 16.-; Neufassung


17. Juni 2001

Web-Tipp: World History

Enthält unter anderem grafisch aufbereitete Informationen über die Weltgeschichte. Nützlich als chronologisches Nachschlagewerk.

Web-Tipp: Science

Virtuelle Experimente aus Naturwissenschaft und Technik. Benötigt ein Shockwave-Plugin für die Animationen.


16. Juni 2001

El Greco
(Kunsthistorisches Museum Wien)


Bei meinem vierten Besuch gestern ist es mir zum zweiten Mal gelungen, ein paar Gemälde in Ruhe zu betrachten, was angesichts des erstaunlichen Besucheransturms nur selten möglich ist. Besonderes Augenmerk richtete ich auf die vier Portraits an, von denen das des Fray Hortensio Félix Paravicino zurecht am berühmtesten ist. Paravicino war ein mit El Greco befreundeter Gelehrter, der von dem Bild so beeindruckt war, dass er ein Dankgedicht verfasste, das in der Ausstellung ebenfalls zu lesen ist.
Spannend ebenfalls das Toledo-Bild, weil hier die Modernität des Stils El Grecos offensichtlich wird. Die digitalen Reproduktion hier dienen nur der lexikalischen Illustration, Farben und Helligkeit unterscheiden sich deutlich von den Originalen.
Schließlich noch das (vermutliche) Selbstportrait. Dieser zurückhaltend wirkende Mann, der einem hier entgegentritt, steht in einem seltsamen Kontrast zur Strahlkraft seiner Gemälde. Ich musste an Bruckner denken, dessen monumentale Symphonien ebenfalls nur wenig zum zögerlichen Charakter des Komponisten zu passen scheinen.

Web-Tipp: Biologie

Ein Online-Lehrbuch für Biologiestudenten. Bietet zahlreiche einführende Texte an, u.a. zur Zellbiologie, Genetik und Biochemie.

Bücherherbst (9): Stroemfeld, Steidl, Karl Blessing, text+kritik. J.B. Metzler

Autor Titel Verlag Kommentar
Heinrich von Kleist Die Familie Schroffenstein Stroemfeld Brandenburger Ausgabe
Friederich Hölderlin Gesänge I/II Stroemfeld 2 Bände; Frankfurter Ausgabe
Jorge Luis Borges Die Bibliothek von Babel Steidl 9/2001; DM 58.-; Band 4 der Typographischen Bibliothek
Caspar Winternmans Lord Alfred Douglas. Ein Leben im Schatten von Oscar Wilde Karl Blessing 9/2001; DM 42.-
text+kritik 152 Digitale Literatur text+kritik 10/2001; DM 26.-
Johann Kreuzer (Hrsg.) Hölderlin-Handbuch J.B. Metzler 10/2001; DM 80.-
Joachim Schulte Wittgenstein Handbuch J.B. Metzler 10/2001; DM 80.-
A.A. Long (Hrsg.) Handbuch Frühe Griechische Philosophie J.B. Metzler 9/2001; DM 80.-
Kevin Bazzana Glenn Gould oder die Kunst der Interpretation J.B. Metzler 10/2001; DM 70.-
Bernd Witte (Hrsg.) Goethe-Handbuch. 6 (Teil)Bände J.B. Metzler Sonderausgabe: DM 600.- statt 1000.-


14. Juni 2001

Bücherherbst (8): Suhrkamp und Co.

Suhrkamp ist auch nicht mehr, was es nie war. Der Verlust der Wissenschaftslektoren Friedhelm Herborth und Horst Brühmann vor drei Jahren wird immer mehr im Programm sichtbar: Die Postmoderne und andere irrationale Ideologien breiten sich immer ungenierter im Verlagsprogramm aus.
Es nimmt inzwischen schon skurrile Züge an, ich staunte nicht schlecht als ich beim Durchblättern auf eine Seite stieß, die sich nur philosophisch gefestigte Gemüter (vorzugsweise Stoiker) ansehen sollten: hier ist sie. Man braucht also seinem Gehirn nur regelmäßig und systematisch den Sauerstoff zu entziehen, indem man auf den höchsten geologischen Formationen dieses Planeten herumkriecht, um von Suhrkamp zum Philosophen befördert zu werden ...
Die Laune hebt sich nicht wirklich, wenn man auf die Seite daneben blickt, wo einen Jacques Derrida, der seit über 30 Jahren Unsinn mit Tiefsinn verwechselt, und Peter Sloterdijk, der hier eigentlich gar nicht erwähnt werden dürfte, mit ihren neuen Büchern belästigen. Jede Zeit hat die Philosophen, die sie verdient.

Autor Titel Verlag Kommentar
Josef Winkler Natura morta. Eine römische Novelle Suhrkamp 7/2001; DM 32.-
Friedericke Mayröcker Gesammelte Prosa Suhrkamp 10/2001; DM 248.-
Paul Celan Briefwechsel mit Hanne und Hermann Lenz Suhrkamp 8/2001; DM 40.-;
Ludwig Wittgenstein Philosophische Untersuchungen Suhrkamp 10/2001; DM 168.-; Kritisch-genetische Edition
Gerhard Roth Fühlen, Denken, Handeln. Die neurobiologischen Grundlagen des menschlichen Verhaltens Suhrkamp 10/2001; DM 58.-
Christoph Hein Willenbrock Suhrkamp TB 11/2001; DM 20.-
Ödon von Horvath Gesammelte Werke Suhrkamp 10/2001; DM 198.-
W.V.O. Quine Theorien und Dinge Suhrkamp TB 3/2002; DM 22.-
Rainer Maria Rilke Gesammelte Werke in neun Bänden Insel TB 10/2001; DM 98.-
Johann N. Nestroy Komödien Insel TB ?/2001; DM 20.-


11. Juni 2001

Aktualisiert: Neu aufgenommen in die Linkliste

Germanistik im Internet (2)
Die "Erlanger Liste" ist eine der umfangreichsten Linksammlungen zum Thema.

Internationales Archiv für Sozialgeschichte der Literatur
Online-Ausgabe einer der angesehensten Fachzeitschriften. Besonders hervorzuheben sind die zahlreichen Rezensionen.

Literaturwissenschaftliche Rezensionen
"'Literaturwissenschaftliche Rezensionen (Lirez)' ist ein Portal, das dem Zugriff auf Fachrezensionen im Volltext dient. Die Rezensionen entstammen eigenständigen Fachorganen und unterschiedlichen Anbietern."

Bücherherbst (7): C.H. Beck, Hanser
Heute sind gleich drei wichtige Verlagsvorschauen eingetroffen. Außer C.H. Beck und Hanser noch Suhrkamp, über letztere werde ich in den nächsten Tagen berichten. C.H. Beck bringt wieder eine Reihe spannender Sach- und Fachbücher, während Hanser vielversprechende Belletristik publiziert, darunter den zweiten Roman von Norbert Niemann, der eines der besten Romandebuts der letzten Jahre vorgelegt hat. Auf sein zweites Buch darf man sehr gespannt sein.

Autor Titel Verlag Kommentar
Norbert Niemann Schule der Gewalt. Roman Hanser 8/2001; DM 40.-
Raoul Schrott (Übersetzer) Gilgamesch Hanser 9/2001; DM 50.-
Hermann Melville Moby-Dick Hanser 9/2001; DM 68.-; Neuübersetzung von Matthias Jendis
Justus Möser Politische und juristische Schriften C.H. Beck 10/2001; DM 78.-; Wichtige Publikation zur Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts
Hubert Schleichert Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren beck'sche reihe 10/2001; DM 18.-; "Ratgeber" eines Philosophen
Werner Schneider (Hrsg.) Lexikon der Aufklärung beck'sche reihe 10/2001; DM 32.-
Martin Carrier Nikolaus Kopernikus beck'sche reihe 10/2001; DM 23.-
Heinz-Dieter Heimann Die Habsburger beck'sche reihe 10/2001; DM 15.-


10. Juni 2001

Web-Tipp: IASL - Neue Rezensionen

Uwe Neddermeyer: Von der Handschrift zum gedruckten Buch. Schriftlichkeit und Leseinteresse im Mittelalter und in der fruehen Neuzeit. Quantitative und Qualitative Aspekte. (Buchwissenschaftliche Beitraege aus dem Deutschen Bucharchiv Muenchen 61) 2 Teile. Wiesbaden: Harrassowitz 1998.

Piotr Bukowski: Ordnungsschwund – Ordnungswandel. Paer Lagerkvist und der deutsche Expressionismus. (Texte und Untersuchungen zur Germanistik und Skandinavistik 43) Frankfurt/M. u.a.: Lang 2000.

Jochen Hengst: Ansaetze zu einer Archaeologie der Literatur. Mit einem Versuch über Jahnns Prosa. (M&P Schriftenreihe für Wissenschaft und Forschung) Stuttgart, Weimar: J.B. Metzler 2000.


Bücherherbst (6): Arche, Alexander Fest

Autor Titel Verlag Kommentar
Constantin Floros Alban Berg und Hanna Fuchs Arche 8/2001; DM 44.-; Neuedition der Briefe-
Manfred Clauss Das alte Ägypten Alexander Fest 9/2001; DM 60.-


5. Juni 2001

Sokrates enzyklopädisch

Es ist ein leider weit verbreitetes Vorurteil, dass sich die besten enzyklopädischen Artikel immer in der aktuellsten Auflage eines Lexikons befinden. Das mag für naturwissenschaftliche und aktuelle technische Themen zutreffend sein, nicht zwangsläufig aber für (geistes)geschichtliche, wie ein Vergleich mehrerer Einträge zum Stichwort Sokrates einmal mehr belegt.

1. Meyer's neues Konversations-Lexikon. Zweite Auflage 1861
Der anonyme Autor gibt einen durchaus brauchbaren Überblick. Die Parteinahme für Sokrates ist nicht zu übersehen, alles in allem wird das klassische Sokrates-Bild vermittelt. Kritiker werden mit erfrischender Polemik bedacht. So gab es schon im 19. Jahrhundert die Meinung, der Philosoph sei zurecht verurteilt worden, worüber sich der Verfasser erbost:

    Diese ungenirte Rechtfertigung eines Aktes, der ganz einfach das Ergebniß sophistischer und demagogischer Ränke war und die sittliche Korruption bekundete, ist selbst als ein Zeugnis moderner sophistischer Zersetzung zu betrachten. Die große Bedeutung des S. ist in der Anregung zu suchen, die er durch sein Leben und noch mehr durch seinen Tod gab. Die ganze platonische und aristotelische Philosophie würden nicht das geworden sein, was sie sind, wenn der Gedanke an die Persönlichkeit des S. nicht der sophistischen Zersetzung des damaligen Denkens in einigen edleren Geistern die Wage gehalten und gleichsam als moralischer Rückhalt und Trost gedient hätte.
    [Band 14, S. 705]
2. Meyers Großes Konversationslexikon. Sechste Auflage 1907ff.
Knapp 50 Jahre später, wird der ältere Artikel als Basis herangezogen, eine Reihe von Passagen werden trotz einer allgemeinen Überarbeitung wörtlich übernommen. Auch der Tenor ist derselbe, allerdings ist der Text "technischer", d.h. es wird deutliche mehr philosophische Fachterminologie ins Spiel gebracht (Induktion, Definition):
    Das eigentlich Neue in der Kunst des S. bestand (nach Aristoteles) darin, einerseits von der Betrachtung des Besonderen zum Allgemeinen aufzusteigen (Induktion), andererseits durch Ausscheidung des Unwesentlichen und Ungehörigen wie durch Zusammenfassung des Wesentlichen und Unentbehrlichen zum Begriff zu gelangen (Definition), welch letzterer, weil er der Sache selbst entspricht, immer derselbe bleibt, während das Allgemeine, weil es aus dem Besonderen gewonnen worden ist, dieses letztere sämtlich in sich begreift.
    [Band 18, S. 573]
3. The Encyclopaedia Britannica. Eleventh Edition 1911
Dieser ausführliche Artikel - schätzungsweise knapp 30 normale Buchseiten - gehört zum Besten, was ich bisher über Sokrates las. Der fast zeitgleich verfasste Meyer-Beitrag bleibt im Vergleich damit qualititativ und quantitativ zurück.
Geschrieben von dem mir bis dato unbekannten Prof. Henry Jackson geht er ausführlich auf die diversen Probleme der Sokrates-Forschung ein, präsentiert bei Bedarf aber auch eigenständige Lösungsvorschläge. So etwa auf die Frage, warum Sokrates zum Tode verurteilt wurde. Adams argumentiert hier plausibel unter Bezugnahme auf eine gemäßigt-oligarchische Partei, von der in der bisher von mir ausgewerteten Literatur nirgends die Rede war. Ein weiteres Beispiel ist die Behandlung des sokratischen "Daimons". Der Verfasser zählt analytisch sechs mögliche Interpretationen auf, bewertet sie und übernimmt, etwas modifiziert, die beste.
Der Artikel ist stilistisch hervorragend geschrieben, etwas wenn in einem treffenden Nebensatz die Glaubwürdigkeit Xenophons als Zeugen folgendermaßen begründet wird: "Xenophon, having no philosophical views of his own to develop, and no imagination to lead him astray - being, in fact, to Socrates what Boswell was to Johnson - is an excellent witness." [Band 25, S. 332]
Da mir bewusst ist, dass die elfte Britannica-Auflage im deutschsprachigen Raum ziemlich selten ist, der Text aber weite Verbreitung verdient, habe ich diesen Artikel digitalisiert und biete ihn hier als Download an. Es handelt sich um acht JPG-Grafiken als ZIP-File (ca. 2,6 MB).

4. Encyclopaedia Britannica. Fifteenth Edition 1997

5. Der Brockhaus - Die Enzyklopädie (1996?)
Der Artikel wurde von mir digital über Xipolis.net besorgt, weshalb ich mangels Quellenangaben nicht sicher bin, aus welcher Auflage des Lexikons er stammt, vermutlich aus der aktuellen 20.
Wie dem auch sei: Der Artikel behandelt Sokrates auf denkbar knappem Raum, und schafft es hervorragend, oberflächlich die wichtigsten Informationen zu geben, ohne auch nur ansatzweise auf interessante Probleme einzugehen. Hier ist man schon mit dem Meyer Artikel aus dem Jahr 1861 wesentlich besser bedient. Apropos: Eine kritische Rezension des aktuellen großen Brockhaus sei auch noch erwähnt.

Mehr Notizen zu Sokrates: Martens und Stone


4. Juni 2001

Martin Geck: Ludwig van Beethoven
(rororo monographie)


1996 erschienen gibt Gecks kleine Monographie einen soliden Überblick über das Leben & Werk Beethovens. Das Buch ist denkbar unspektakulär, was angesichts der Menge an verklärender Beethoven-Literatur durchaus als Kompliment gemeint ist. Erwähnenswert ist das kurze rezeptionsgeschichtliche Kapitel. Da viele Sinfoniker des 19. Jahrhunderts musikalisch-strukturell weniger wagemutig gewesen seien als Beethoven - Geck nennt als Beispiel die vergleichsweise traditionellen Durchführungen bei Mendelssohn und Schumann - zieht er folgende Schlussfolgerung:

    Vielleicht sind Gustav Mahler und Dimitrij Schostakowitsch die einzigen gewesen, welche den phantastisch-romantischen Beethoven auch innerhalb des sinfonischen Genres haben weiterleben lassen. (S. 133)


Web-Tipp: Karl-Popper-Sammlung

Hier wird seit 1995 der Nachlass Karl Poppers verwaltet, darunter auch Poppers Arbeitsbibliothek, die 7000 Bände umfasst. Es gibt eine online abrufbare Datenbank, die aber im Moment nicht zur Verfügung steht. Die Sammlung wird von der Universitätsbibliothek Klagenfurt verwaltet.


1. Juni 2001

Antonio Lobo Antunes: Das Handbuch der Inquisitoren
(Büchergilde)


Manche Bücher stehen eindeutig zu lange ungelesen im Regal. Hätte ich gewusst, wie souverän Antunes die Möglichkeiten moderner Erzähltechniken einzusetzen weiß, hätte ich es längst gelesen. Der Roman ist aus der Perspektive verschiedenster Figuren erzählt, die wiederum auf knappem Raum ihre Vorgeschichte schildern. Der Wechsel zwischen den Zeitebenen erfolgt oft quasi-musikalisch von einem Satz zum anderen, ohne dass der Leser deshalb die chronologische Orientierung verlöre. Dazu tragen gezielt eingesetzte Wiederholungen bei, manchmal werden halbe Absätze wiederholt, einige Motive ziehen sich durch den gesamten Roman.
Diese Ästhetik bewirkt auch, dass der politische Gehalt des Buches, die Kritik an Salazars Diktatur in Portugal, gespiegelt an den Ereignissen rund um das Landgut eines Ministers und dessen Bewohner, nie auch nur in die Nähe von Tendenzliteratur gerät.

Bücherherbst (5): Haffmans Verlag

Zuletzt durch Finanznöte und eine illegale Arno-Schmidt-Lizenzausgabe bei Zweitausendeins im Gerede, weist der Verlag mit einem literarischen Zitat auf dem Umschlag der Herbst-Vorschau auf die Misere hin:

    In den Anfangsjahren seines Bestehens befand sich der Verlag Lilley & Chase im Zustand einer Dauerfinanzkrise. Statt mit den andern Verlagsvertretern gemeinsam jedes Jahr zur Frankfurter Buchmesse zu fliegen, fuhr man mit dem Auto: Sam und Richard saßen vorne in dem Volvo-Kombiwagen, Baujahr 1960, auf der Rückbank quetschten sich drei Lektoren, dazu im Kofferraum fünf Reisetaschen, diverse Manuskripte und Kartons mit Vorabexemplaren. Sam und Richard stiegen im Frankfurter Hof ab, um den Schein zu wahren, die anderen teilten sich ein Zimmer in einer Pension unweit der Amüsiermeile hinterm Bahnhof.
    (aus: Lilly & Chase von Tim Waterstone)

Autor Titel Verlag Kommentar
Gustave Flaubert Madame Bovary Haffmans Neuübersetzung von Caroline Vollmann; DM 59.-
Park Honan Shakespeare. Sein Leben Haffmans steht hier leider seit längerer Zeit ungelesen in der Originalausgabe; DM 78.-
William Shakespeare Theatralische Werke in einem Band Haffmans Wieland-Übersetzung; DM 98.-


29. Mai 2001

Web-Tipp: Kulturzeit Literatur

Die 3sat-Sendung Kulturzeit bringt ziemlich regelmäßig Beiträge über Literatur. Hier findet man eine Auswahl der Buchvorstellungen, teilweise im Realvideo-Format. Könnte allerdings regelmäßiger aktualisiert werden.

Bücherherbst (4): Aufbau Verlag

Eines fällt schmerzlich auf: Von der Aufbau Bibliothek ist keine Rede mehr. In ihr erschien Weltliteratur in schönen TB-Ausgaben, die auf den reichen Rechte-Bestand aus DDR-Zeiten zurückgriff. Offenbar "rentieren" sich Klassiker der Weltliteratur nicht mehr hinreichend, um eine eigene Reihe zu rechtfertigen. Ein paar Klassiker-Neuerscheinungen gibt es aber trotzdem zu vermelden.

Autor Titel Verlag Kommentar
Alfred Kerr Wo liegt Berlin?
Warum fließt der Rhein nicht durch Berlin?
Aufbau Die beiden Bände als Sonderausgabe für (jeweils) DM 29,90.-
Theodor Fontane Der Stechlin Aufbau als neuer Band in der Brandburger Ausgabe; 09/2001; DM 60.-
Abbe Prevost Manon Lescaut Aufbau TB 02/2002


27. Mai 2001

Ekkehard Martens: Die Sache des Sokrates
(Reclam UB)

Als Gegenstück zum polemischen Buch von I.F. Stone (siehe "The Trial of Socrates") las ich nun die kleine gelehrte Monographie von Ekkehard Martens, der das Sokrates-Problem wesentlich distanzierter angeht, und einige kluge Dinge zum Thema zu sagen hat. Beispielsweise rückt er einige Klischees zurecht, auf die Stone ziemlich hemmungslos zurückgreift, wie das des "unwissenden Sokrates".
Im siebten Kapitel, "Sokratisches Wissen und Lebenskunst", trägt Martens eine Reihe von Text-Belegen zusammen, die Sokrates' Wissen veranschaulichen, beispielsweise, dass für ihn ein "ungeprüftes Leben nicht lebenswert" (Apologie 38a) sei. Martens zieht das Fazit:

    Dreht man dagegen das übliche Sokrates-Bild um und liest die platonischen Dialoge aus der Sicht des wissenden Sokrates, erscheint die Sache in einem neuen Licht und macht erst Sokrates' Faszination auf die Athener und seine fortwährende Wirkung begreifbar. (S. 131)

Weniger überzeugend ist Martens Versuch, Platons radikale Dichtungs- und Literaturkritik im "Staat" durch den Hinweis abzuschwächen, diese bezöge sich ausschließlich auf sophistische Dichter, nicht auf die Dichtkunst im allgemeinen. Ansonsten sind seine Ausführungen über "Mündlichkeit und Schriftlichkeit" (Kapitel 3) eine Wohltat, verglichen mit dem Unsinn, das im Anschluss an Derridas Grammatologie über diesen Themenkomplex verbreitet wird.

Bücherherbst (3): Friedenauer Presse

Autor Titel Verlag Kommentar
Emmanuel Bove Colette Salmand Friedenauer Presse Herbst 2001; DM 36.-
Anton Chechov Drei kleine Romane Friedenauer Presse bereits lieferbar; neu übersetzt von Peter Urban; gebunden nur DM 29,80.-
Ivan Turgenev Letzte Liebe. Zwei Erzählungen
Friedenauer Presse Herbst 2001; DM 28.-


26. Mai 2001

Bücher-Tipp: The I Tatti Renaissance Library

Bereits in dem kleinen Artikel über meine Privatbibliothek beklagte ich mich darüber, dass wichtige geistesgeschichtliche Publikationen von deutschsprachigen Verlagen selten veröffentlicht werden, sieht man einmal von den bekanntesten Namen ab. Erfreulicherweise schafft das englischsprachige Verlagswesen hier einen Ausgleich, so auch in diesem Fall. Die Harvard University Press startete im April eine Bibliothek der Renaissance.
Die ersten drei Publikationen sind Giovanni Boccaccios "Famous Women", Leonardo Brunis "History of the Florentine People. Volume 1" und besonders bemerkenswert: Marsilio Ficinos "Platonic Theology", ein bedeutendes Werk des Platonismus. Die Bände sind zweisprachig gehalten.

Bücherherbst (2): Goldmann

Goldmann?! Der Verlag hätte auf diesen Seiten nichts verloren, wenn ich nicht zufällig auf die symptomatische Ankündigung gestoßen wäre, dass Dietrich Schwanitz' vorletztes Machwerk als Goldmann Taschenbuch publiziert wird. Nun wird man gerne zugeben, dass Schwanitz' ungebildetes "Bildungs"buch hier in bester Gesellschaft ist, und mit verblüffender Offenheit in einer Reihe erscheint mit Alberto Villoldos "Das geheime Wissen der Schamanen. Wie wir uns selbst und andere mit Energiemedizin heilen können" oder Sylvia Brownes "Jenseits-Leben. Berichte eines Mediums aus der geistigen Welt". Jeder Autor findet den Verlag, dessen "geistiges" Umfeld er verdient, und das ist doch einmal eine gute Nachricht.


25. Mai 2001

Karl Schönherr: Glaube und Heimat
(Burgtheater am 25. März 2001)
Regie: Martin Kusej
Werner Wölbern, Michael Peter, Martin Schwab, Sylvie Rohrer u.a.


Gerade aus dem Burgtheater kommend, stehen zwei Dinge fest (einmal abgesehen davon, dass man Kinder nicht zum Theatergehen zwingen soll, weil sie dann ständig herumquengelnd neben mir sitzen): 1. Das Stück ist drittklassig. 2. Besser als Martin Kusej hätte man es nicht inszenieren können. Der Bühnenboden verwandelt sich nach und nach in eine Kloake, Massenszenen sind eindrucksvoll choreografiert, für viele Szenen findet Kusej starke theatralische Bilder. Die Einladung zum Berliner Theatertreffen ist durchaus verständlich.
Es drängt sich jedoch eine Frage: Warum zwingt man einen der besten zeitgenössischen Regisseure, Tiroler Bauerntheater für Fortgeschrittene zu inszenieren? Trotz mehrerer literaturkritischer Rettungsversuche, einige davon finden sich naturgemäß im Programmheft, haftet dem Stück ein widerlicher Geruch nach Scholle an, kein Wunder, dass es vor 60 Jahren ohne viele Umstände in den Blut-und-Boden-Kanon integriert werden konnte.
Ein Talent wie Kusej sollte Gelegenheit bekommen mit den besten Schauspielern Sophokles, Shakespeare, Schiller, Ibsen oder Beckett auf die Bühne zu bringen, anstatt ihn zur "Rettung" von Stücken zu missbrauchen, die besser dort bleiben, wo sie bisher waren: In Vergessenheit.


24. Mai 2001

Web-Tipp: Deutsche Verlagslandschaft

Rainer Groothuis in der ZEIT über die zunehmende Verwechselbarkeit deutscher Verlage: Nur Profil macht Profit :

    Wenn Jörg Albrecht in der ZEIT schreibt, "Fünf von sechs Romanen kommen heute mit demselben Umschlag daher: Frau lehnt träumend gegen Birke (oder umgekehrt)", dann ist dies zwar etwas übertrieben, vorbei aber ist's mit der individuellen Gestaltung. Die programmatischen Profile sind ausgefranst. Was heißt heute "Suhrkamp/Fischer/List/und so weiter-Culture"? Viele Verlage drängen in die "Mitte", und dort herrscht klaustrophobische Enge. Verlage ohne Profil: Wer nicht auffällt, hat nichts zu sagen. Wer nichts zu sagen hat, ist nicht eigenwillig. Wer nicht eigenwillig ist, wird überflüssig. "Großes neurotisches Potenzial in angenehmer Ausformung", so befindet ein Verleger über die Buchbranche [...]


23. Mai 2001

Neuerscheinungen Herbst 2001

Seit einigen Wochen bereits verschicken die Verlage ihre Vorschauen für das Herbst-Programm. Da meine Adresse in vielen Presse-Verteilern eingetragen ist, füllt sich mein Briefkasten immer mehr. Anlass genug, in den nächsten Wochen eine kleine Informations-Reihe mit wichtigen Neuerscheinungen zu unternehmen. Naturgemäß ist die Auswahl höchst subjektiv, aufgenommen werden nur Bücher, die mir besonders interessant und wichtig erscheinen. Berücksichtigt werden auch erwähnenswerte Taschenbuch-Neuerscheinungen.

Bücherherbst (1): Diogenes, Berlin Verlag

Autor Titel Verlag Kommentar
Anton Chechov Gesammelte Humoresken und Satiren Diogenes 10/2001; DM 70.-
Bernhard Schlink Selbs Mord Diogenes 09/2001; DM 40.-
Bernhard Schlink Liebesfluchten
Diogenes 10/2001 als TB
Peter Esterhazy Harmonia Caelestis
Berlin 9/2001
Peter Wapnewski Der traurige Gott. Richard Wagner und seine Helden
Berlin 8/2001; Neuauflage der Originalausgabe von 1978
Jan Peter Bremer Feuersalamander
Berliner TB 2/2002 neu als TB


Web-Tipp: IASL - Neue Rezensionen

Herbert Uerlings (Hg.): "Bluethenstaub". Rezeption und Wirkung des Werkes von Novalis. Tuebingen: Niemeyer 2000. (Rezensiert fuer IASLonline von Ulrich Stadler, Zürich)

Klaus Ziermann: Der deutsche Buch- und Taschenbuchmarkt 1945 - 1995. Berlin: Wissenschaftsverlag Volker Spiess 2000. (Rezensiert fuer IASLonline von Thomas Keiderling, Leipzig)

Thomas Eder / Klaus Kastberger (Hg.): Schluss mit dem Abendland! Der lange Atem der oesterreichischen Avantgarde. (Profile Bd. 5/3) Wien: Paul Zsolnay 2000. (Rezensiert fuer IASLonline von Thomas Dreher, Muenchen)


21. Mai 2001

Eingetroffen: Schreibheft Nr. 56

Schon das Durchblättern der neuen Ausgabe reicht aus, um den besonderen Rang dieser Zeitschrift bestätigt zu finden. Ein Schwerpunkt ist diesmal das Verhältnis von Literatur und Wissenschaft. Als Beispiel seien nur Jan Kjaerstads "Die Spaltung des Romans. Literatur und Quantenphysik" sowie Svend Age Madsens "Der Gen-Spiegel" genannt.

Fundstück: Österreich - ein Land der Wissenschaft

    öS 200.- Telefonbudget für Professoren
    Die Zustände an den österreichischen Universitäten nehmen immer groteskere Ausmaße an. International renommierte Spitzenwissenschaftler wie die Politologen Anton Pelinka und Fritz Plasser dürfen an ihrem Institut nur noch für 200 Schilling [= DM 29.-] telefonieren. Jeder Schilling mehr wird vom Gehalt abgezogen. Pelinka nimmt es locker: "Ich schreibe halt mehr Mails."
    (Format 21/2001)


20. Mai 2001

Ibsen: Rosmersholm
(3 SAT, Burgtheater Wien)

Seit Monaten versuche ich für diese Inszenierung im Wiener Akademietheater Karten zu bekommen - vergeblich. Gestern schließlich eine Aufzeichnung im Fernsehen. Peter Zadek inszeniert zurückhaltend, läßt sich ruhig auf die Dialoge ein, verläßt sich auf die Gestaltungskraft der Schauspieler Gert Voss (Johannes Rosmer), Angela Winkler (Rebecca) und Peter Fitz (Dr. Kroll). Ein Beleg dafür, wie spannend "klassische" Inszenierungen auch in Zeiten des Regietheaters sein können. Beide Inszenierungesstile ergänzen sich optimal, das Gegenwartstheater braucht beide Varianten.

Web-Tipp: NOVA

Eine der erfolgreichsten Wissenschafts-Sendungen der Welt, naturgemäß etwas populärwissenschaftlich. Immerhin findet man dort im Realvideo- bzw. im Quicktime-Format eine Reihe von Sendungen online, darunter auch eine zweistündige Sendereihe über das menschliche Genom.


19. Mai 2001

Grillparzer: Selbstbiographie
(Bibliothek Deutscher Klassiker, Band 1)

Sicher einer der interessantesten autobiographischen Texte der deutschsprachigen Literatur. 1853 entstanden, unvollendet im Nachlass aufgefunden und 1872 erstmals publiziert. Grillparzer legt einen Schwerpunkt auf seine Kinder- und Jugendzeit, wohl auch um die Entwicklung seines komplexen Charakters zu veranschaulichen. Einerseits ist er ständig von Unsicherheit und Selbstzweifel geplagt, andererseits ist er sich seiner Bedeutung als Schriftsteller durchaus bewusst, weshalb er sich oft unverstanden und zurückgesetzt fühlt, eine emotionale Reaktion, wie sie bei Literaten nicht selten ist, man denke nur an Musil.
Weitere Schwerpunkte sind ästhetische Reflexionen über die Entstehung seiner Werke und das literaturgeschichtliche Umfeld sowie seine Deutschlandreise, während der er nicht nur mit Goethe, Tieck und Hegel zusammentrifft.

Bücher: Anschaffungen
Autor Titel Verlag Kommentar
Hans-Georg Gadamer Wege zu Plato Reclam UB Stuttgart 2001
Michael Siebler Troia. Mythos und Wirklichkeit Reclam UB Stuttgart 2001
Donald R. Kelley (Editor) Journal of the History of Ideas 1/2001
John Hopkins University Press "An International Quarterly Devoted to Intellectual History"


15. Mai 2001

Eingetroffen: Journal of the History of Ideas
(January 2001)


Wohl die beste und vermutlich auch älteste Zeitschrift zum Themenkreis Geistesgeschichte. Die aktuelle Ausgabe enthält unter anderen Beiträge über "The Plot of History" (Eric MacPhail), "Late Antiquity and the Florentine Renaissance" (Christopher S. Celenza), "Gersonides" (Steven Nadler), "Money and Sovereignity in Early Modern France" (Jotham Parsons) und "William Gilbert's Experimental Method" (John Henry).
Im Gegensatz zu vielen deutschsprachigen Zeitschriften ist das JHI auch relativ günstig, ein Abonnement kann ich nur empfehlen: Subscription Information


13. Mai 2001

Agota Kristof: Das große Heft
(Rotbuch Verlag)


Eine literarische Entdeckung. In knapper, eigenwilliger Prosa beschreibt Kristof die ruinösen psychologischen und moralischen Auswirkungen des 2. Weltkrieges auf zwei intelligente Jungen, Zwillinge. Der präzise Roman erzählt die Geschehnisse aus der Sicht der beiden (Wir-Roman), wie ich es in dieser Form noch nie gelesen habe.

Fundstück: Bücher für das deutsche Kanzleramt

Nun ist ja bekannt, dass die deutsche Kulturpolitik bis jetzt nicht auf die Idee gekommen ist, anspruchsvolle Verlage bzw. wichtige Bücher zu fördern. Dass Bundesbehörden aber nicht einmal in der Lage sind, Bücher selbst zu kaufen, sondern sich auf die Großzügigkeit der Verlage verlassen, erscheint mir sehr bezeichnend für das neue Deutschland zu sein. Im Börsenblatt ist zu lesen:

    Am Vorabend des Jahrestags der Bücherverbrennung (10.Mai) hat Börsenvereinsvorsteher Roland Ulmer mehr als 800 Bücher an Bundeskanzler Gerhard Schörder übergeben, die von deutschen Verlagen gestiftet wurden. Die Sammlung ist im Büro des Bundeskanzlers und weiteren Dienst- und Repräsentationsräumen des neuen Bundeskanzleramts aufgestellt. Die Buchauswahl erweitert die traditionelle Fachbibliothek des Kanzleramts. Schwerpunkte der neuen Büchersammlung bilden die Literatur des 20. Jahrhunderts sowie grundlegende Darstellungen zu den Bereichen Religion, Soziologie, Geschichte, Zeitgeschichte, Politik, Philosophie und Kunst.


12. Mai 2001

James Joyce: Ein Porträt des Künstlers als junger Mann
(Bibliothek Suhrkamp)


Die Lektüre von Klassikern der Moderne hat auf mich nicht selten einen eigenartigen Effekt: Die Gegenwartsliteratur wirkt dagegen vergleichsweise schlicht. Das ist selbstverständlich vereinfachend und ungerecht, trotzdem ist es erstaunlich, wie wenig heute Mainstream-Literaten von den erzähltechnischen Möglichkeiten Gebrauch machen, die Autoren wie Joyce, Woolf, Kafka oder Döblin zur Perfektion brachten.

Neuerscheinungen
Autor Titel Verlag Kommentar
Harold C. Goddard The Meaning of Shakespeare The University of Chicago Press 2 Bände
Juliet Floyd; Sanford Shieh (Hrsg.) The Analytic Tradition in Twentieth Century Philosophy Oxford University Press Mai 2001


11. Mai 2001

Bücher: Anschaffungen
Autor Titel Verlag Kommentar
Agota Kristof Das große Heft Rotbuch gebunden; Rotbuch Verlag; DM 20.-
Dringende Empfehlung von Markus Kolbeck
Stefan Andres El Greco malt den Großinquisitor Reclam UB Stuttgart 1994
Helmut Erlenkötter C - Programmieren von Anfang an
rororo Computer Angeblich eine sehr gute Einführung


10. Mai 2001

Web-Tipp: Colin McGinn

Wie auf so viele bin ich auf McGinn durch die NYRB aufmerksam geworden, für die er in den letzten Jahren einige Artikel schrieb. Er gehört sicher zu den interessantesten zeitgenössischen analytischen Philosophen. Sein jüngstes Buch ist nun bei C.H. Beck auf Deutsch erschienen: Wie kommt der Geist in die Materie? Das Rätsel des Bewußtseins. Auf der Seite des C.H. Beck Verlags findet man eine umfangreiche Leseprobe als PDF-Datei.
Besonders gerne erinnere ich mich an seine fulminante Psychoanalyse-Kritik.

Links:

Colin McGinn: Sign Language


8. Mai 2001

The New York Review of Books Nr. 8/2001

Die heute eingetroffene neue Ausgabe zeigt einen der vielen Vorzüge dieser Zeitschrift: die fundierte politische Berichterstattung. Kluge, ausführliche Analysen komplexer Sachverhalte anstatt der gängigen Oberflächenberichterstattung.
Einer der regelmäßigen Autoren über die Ereignisse auf dem Balkan ist Tim Judah, der sich in The Greater Albania mit den neuesten Entwicklungen dort auseinandersetzt. Timothy Garden Ash braucht man als einen der bekanntesten politischen Publizisten eigentlich nicht mehr vorzustellen, im deutschsprachigen Raum ist er z.B. durch regelmäßige Beiträge in der SZ vertreten. In The European Orchestra beschäftigt er sich auf mehreren Seiten mit europapolitischen Fragen. Schließlich:

Avishai Margalit: The Middle East: Snakes & Ladders

Margalit schrieb in der NYRB schon mehrere gelungene Analysen zum sogenannten "Nah-Ost-Konflikt". Seine Texte sind sehr differenziert, bemüht die Ursachen der Konflikte offen zu legen. Als in Jerusalem lebender Philosophieprofessor steht ihm sowohl das notwendige gedankliche Werkzeug zur Verfügung als auch das alltägliche Erleben des Konflikts. Vermutlich ist es diese Kombination, die Margalits Artikel so lesenswert machen.

Links:

Margalit: The Odds against Barak
Margalit: Why Barak Won


6. Mai 2001

Britannica: Socrates
(Macropaedia Nr. 27, S. 436 (1997))

Der Artikel ist ein schönes Beispiel dafür, dass Qualität sogar auf enzyklopädischem Gebiet eine gewisse Dauerhaftigkeit garantiert, starb doch dessen Verfasser Alfred Edward Taylor bereits 1945. Trotzdem findet man seinen Beitrag auch noch in der Britannica-Ausgabe des Jahres 1997.
Wie nicht anders zu erwarten, bieten (umgerechnet) ca. 16 Buchseiten einen fundierten Einblick in die sokratische Problematik. Taylor hat eine wesentlich ausgewogenere Sicht auf die Ursachen von Sokrates' Verurteilung als die Polemik von I.F. Stone. Trotzdem weist er - Jahrzehnte vor Stone - bereits auf den entsprechenden politischen Kontext hin:

    But it is natural that he should have had to suffer for the crimes of both men [Alkibiades und Kritias], the more so because he had been an unsparing critic of democracy and of the famous democratic leaders and, furthermore, had not, like the advanced democrats, withdrawn from Athens during the "terror".
Warum Taylor terror hier in Anführungszeichen setzt, mag sein Geheimnis bleiben. Wichtiger ist, dass er einerseits auf die Absurdität hinweist, den Lehrer für spätere Aktionen seiner Schüler direkt verantwortlich zu machen. Andererseits ist es lexikalisch erfrischend, dass Taylor die umstrittene Frage aufwirft, ob die Ideenlehre nicht doch direkt auf Sokrates zurückgeht, anstatt auf Platon, was der herrschenden Lehrmeinung widerspricht. Es wäre interessant, diesen Argumenten einmal in den Publikationen Taylors nachzugehen, die allerdings, wenig überraschend, vergriffen sind. Sollte ich in der Wiener Nationalbibliothek fündig werden, gelegentlich mehr dazu.

Schostakowitsch: Symphonie Nr. 1 f-Moll
Bernard Haitink / London Philharmonic Orchestra
(Decca 444 431-2)

Meinem Eindruck nach gibt es cum grano salis zwei Arten, wie sich der Individualstil eines Künstlers entwickelt: Er entwickelt über eine Reihe von Jahren seinen persönlichen Stil, oder er tritt früh mit einem Werk an die Öffentlichkeit, das bereits viele Merkmale eines unverkennbaren persönlichen Stils enthält.
In die erste Schublade würde ich beispielsweise Musil stecken, in die zweite Schostakowitsch, zumindest was seine orchestralen Werke angeht. Seine erste Symphonie hat er als Achtzehnjähriger als Diplomarbeit komponiert, und in ihr finden sich bereits viele Elemente, die auch die übrigen 14 Symphonien prägen.
Bleibt noch zu ergänzen, dass die Haitink-Interpretation handwerklich solide ist. Sie klingt für mich nicht übermäßig inspiriert, meidet aber andererseits emotionale Übertreibungen, die bei Schostakowitsch so nahe liegen.


4. Mai 2001

Das "Literarische" Quartett

Seit heute wissen wir es endlich, warum MRR, der größte aller großen Literaturkenner, ambitionierte Romane verabscheut: In ihnen fehle bei Dialogen oft "Er sagt" und "Sie sagt", weshalb man sich nicht auskenne, belehrte er sein Publikum. Liebe Autoren, warum müsst Ihr es denn Euren Lesern SO schwer machen? ;-)
Aber man muss den Mut des ZDF selbstverständlich loben, so anspruchsvolle erzähltheoretische Debatten in sein Programm aufzunehmen ...

Jack Flam: Space Man
"Paths to the Absolute: Mondrian, Malevich, Kandinsky, Pollock, Newman, Rothko, and Still" by John Golding
(The New York Review of Books 7/2001)


Der Kunsthistoriker Jack Flam stellt die neue Studie über abstrakte Kunst vor. Sein positives Urteil begründet er nicht zuletzt mit der genauen Darstellung des geistigen Kontextes der sieben Künstler. Erstaunlicherweise waren vor allem die europäischen Maler von mystisch-esoterischen Gedankengut starkt beeinflusst. Ausgerechnet die Theosophie fiel bei allen drei auf sehr fruchtbaren Boden:

    The apocalyptic thinking and color theories of of the German Theosophical Society, deeply affected Kandinsky from the time he heard Steiner speak in 1909. Mondrian was particulary attracted to the Theosophist's idea that all life is directed toward evolution and that progress toward the ultimate revelation of reality could be achieved through the balancing and reconciliation of opposing forces, a concept that informed his painting until the end of his life. Malevich, who was obsessed by the scientific an mystical properties of geometry, was devoted to the works of P.D. Uspensky, a follower of Madame Blavathsky, the founder of the Theosophical Society.


1. Mai 2001

Simon Blackburn: Königsberg Confidential
(The New Republic vom 23.04. 2001)

Ein ausführlicher Artikel, inspiriert durch die Kant-Biographie von Manfred Kuehn, "the distinguished German scholar". Blackburn ist Philosophieprofessor in Cambridge und hat einiges über die Kantianische Moralphilosophie zu sagen. Von einer "Rezension" zu sprechen wäre allerdings übertrieben, da es offenbar Blackburns Intention war, eine kleine Einführung in die Philosophie des Königsbergers zu schreiben, statt ausführlicher auf das Buch von Kühn einzugehen. Immerhin erfährt der Leser, dass Kühn einige der Kant-Klischees zu entkräften weiß, die seit 200 Jahren regelmäßig kolportiert werden.
Ich konnte bei meinen Online-Recherchen keine deutsche Ausgabe des Buches finden, offenbar handelt es sich um eine Originalausgabe für die Cambridge University Press. Da man die Werke (und Zitate) eines Philosophen möglichst in der Originalsprache lesen sollte, erscheint mir das eine etwas eigenartige Vorgehensweise zu sein, und ich bin mir nicht sicher, ob der Vorteil des größeren Lesepublikums diesen Nachteil aufwiegt.

Links:

Kant on the Web


30. April 2001

I.F. Stone: The Trial of
Socrates
(Anchor Books)

Das Buch erschien ursprünglich 1988 in den USA und wurde ein erstaunlicher Verkaufserfolg. Eine Ursache des Erfolgs dürfte darin liegen, dass Stone kein Fachgelehrter, sondern ein angesehener Journalist war, der sein Handwerk verstand.
Nach der Lektüre bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück. Kenntnis der Materie kann man Stone sicher nicht absprechen, er hat ausführlich recherchiert. Ab und zu bringt er auch philologische Argumente, indem er sich mit einzelnen griechischen Begriffen und deren adäquater Übersetzung beschäftigt. Einige Kapitel sind besonders gelungen, etwa der Themenkomplex Homer und Socrates. Stone zieht interessante Rückschlüsse auf Sokrates' politische Anschauungen durch die Analyse von dessen Aussagen über Figuren aus der Illias.
Ärgerlich dagegen sind zahlreiche Vereinfachungen und mangelnde Differenzierungen. Methodisch muss man Stone zum Vorwurf machen, dass er nur sehr selten zwischen den philosophischen Auffassungen des Sokrates, die wir nur aus Berichten kennen, und den Theorien Platons unterscheidet, der Sokrates bekanntlich oft nur als Sprachrohr benutzt. Philosophisch ist die Argumentation erstaunlich undifferenziert. Sokrates' Methode des Philosophierens als semantischen Nonsense zu verspotten, zeugt nicht wirklich von einem umfassendes Verständnis der Materie. Deshalb kann Stone seine provozierende Hauptthese auch nicht hinreichend plausibel machen: Sokrates wurde seiner Meinung nach von den Athenern zu Recht zum Tode verurteilt, weil er ein gefährlicher Gegner der Demokratie war.
Das heißt nicht, dass Stone nicht eine Reihe von interessanten Belegen für Sokrates autoritäres politisches Verständnis zusammenträgt. Nur übersieht er einen zentralen Aspekt: Die politische Beurteilung des Sokrates läßt sich nicht auf die - immer nur aus zweiter Hand erschlossenen - Inhalte seiner politischen Anschauungen reduzieren. Ein vollständiges Bild ergibt sich nur, wenn man auch die innovative Methode des Sokratischen Denkens berücksichtigt. Seine radikale Vorgehensweise, (fast) alles kritisch zu hinterfragen und auch auf die Analyse scheinbar klarer Sachverhalte zu bestehen, ist als Denkfigur ausgesprochen progressiv. Sokrates war - gemeinsam mit den ionischen Naturphilosophen - ein Begründer des skeptisch-rationalen Denkens.

Links:

Jürgen Malitz: Sokrates im Athen der Nachkriegszeit
The Last Days of Socrates
Socrates (Oxford Companion of Philosophy)


29. April 2001

Alban Berg Quartett
Alban Berg: Lyrische Suite für Streichquartett
Beethoven: Streichquartett a-moll op. 132
(Wiener Konzerthaus am 27. April 2001)


Der Abschluss des diesjährigen Konzertzyklus mit dem Alban Berg Quartett. Das erforderliche breite Spektrum an Klangfarben in der Lyrischen Suite wurde ebenso brillant gemeistert, wie die zahlreichen musikalischen Herausforderung des letzten Beethoven-Streichquartetts. Als Zugabe ein langsamer Satz aus einem Haydn-Streichquartett. Offenbar ist die Zeit immer noch nicht reif eine Zugabe, die einem Werk des 20. Jahrhunderts entnommen wäre ...

Bücher: Anschaffungen
Autor Titel Verlag Kommentar
Ekkehard Martens Die Sache des Sokrates Reclam UB erschienen 1992
Gottfried Martin Sokrates rororo monographie erschienen 1967
Günter Grass Fünf Jahrzehnte.
Ein Werkstattbericht
editionWelttag (Steidl) Schöne gebundene Originalausgabe für DM 10.-


25. April 2001

Michel Houllebeqc: Ausweitung der Kampfzone
(rororo)


Ein Informatiker schreibt ein Buch und löst in Frankreich eine heftige Literaturdebatte aus. Der zynische Blick des Protagonisten, der sich von einem kalt-distanzierten im Laufe des Romans in einen verzweifelt-distanzierten verwandelt, ist handwerklich solide konzipiert. Die aus der Innenperspektive kolportierten Klischees passen gut zur Figur und runden das psychologische Portrait glaubwürdig ab. Das Formale passt zum Inhaltlichen: Es ist nicht übermäßig aufregend. Trotzdem ist die Lektüre keine Zeitverschwendung, weshalb ich gelegentlich noch andere Bücher des Autors lesen werde, um mir ein endgültiges Urteil zu bilden.

KlassikAkzente Nr. 2/2001

Verzweifelt muss sie sein, die klassische Plattenindustrie, angesichts der eigenartigen Versuche, die Verkaufszahlen zu heben. Der Titel der KlassikAkzente - das Werbemagazin von Universal Classics (DGG, Decca, Philips) - preist die neue Crossover-CD der Deutschen Grammophon an, nämlich eine Gemeinschaftsproduktion von Anne Sofie von Otter und Elvis Costello:

    Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen Elvis Costello, dem intellektuellen Postpunk-Barden mit hochkulturellen Absichten, und Anne Sofie von Otter, der klaren Stimme aus dem Norden.
Frau von Otter über ihre ästhetische Strategie:
    Ich musste die ganze klassische Ausbildung außen vor lassen ... und mich quasi in die Situation versetzen, wenn ich zu Hause bin. Da stehe ich auch nicht in der Küche und schmettere mit meiner Opernstimme.
Das ist sicher ein spannendes Hörerlebnis, Postpunk-Barde und Küchenstimme ...


21. April 2001

Schubert: Winterreise (Thomas Quasthoff / Charles Spencer)

Meine elfte Interpretation des Werkes und zweifellos eine der besten. Ich hatte Quasthoff vor ein paar Jahren in Salzburg mit der Winterreise gehört, und mir nun - mit eigentlich kaum entschuldbarer Verspätung - die CD besorgt. Besonders faszinierend ist Quasthoffs differenzierter Gebrauch der stimmlichen Dynamik. Ich kenne kaum einen Sänger, der mit einem Wechsel der Lautstärke so viele Ausdrucksnuancen verbinden kann. Im Vergleich zu dieser berührenden Aufnahme wirken anderen Aufnahmen ziemlich steril (wie die von Thomas Hampson).

J.S. Marcus: Shadows on the Danube
(The New York Review of Books 6/2001)


Eine ausgezeichnete Einführung in die österreichische Problematik nicht nur des unappetitlichen letzten Jahres, sondern auch in die historische Entwicklung der letzten Jahrzehnte, die nun in der schwarz-blauen Regierung ihren Tiefpunkt gefunden hat. Als Aufhänger des Aufsatzes dienen zwei Bücher: ein englischsprachiger Auswahlband mit den Memoiren Bruno Kreiskys und Christa Zöchlings Haider: Licht und Schatten einer Karriere.
Marcus erweist sich als ausgezeichneter Kenner der hiesigen Innenpolitik, nicht nur weil er die ehemalige Sozialministerin Elisabeth Sickl treffend als "dramatically underqualified" bezeichnet, und die internationale Leserschaft mit einer ihrer bleibenden Errungenschaften bekannt macht, nämlich mit ihrer Antwort auf vielfache Kritik: "God grants abilities to those who pray for him".


20. April 2001

Merkheft Nr. 171

Das neue Merkheft steht zum Download bereit und bietet neben den bei Zweitausendeins üblichen Skurrilitäten - Gefühle und der Sinn des Lebens. Wer sich von Gefühlen leiten läßt, gehorcht in Wahrheit seiner Vernunft - auch wieder Interessantes, beispielsweise:

    Arno Schmidt: Das erzählerische Werk bis 1970 für DM 29.- (statt unlizenziert DM 320.- bei Haffmans

    Cervantes: Gesamtausgabe 4 Bände diesmal für DM 35.-

Das Durchblättern des Merkheftes ist wie immer amüsant, so wird Short Cuts 4 von Gilles Deleuzes unter dem Titel "Kleine Bücher großer Denker" angepriesen, anstatt korrekt unter "Angeblich große Bücher kleiner Denker". Der geneigte 2001-Kunde bekommt auch einen kleinen Vorgeschmack:
    Philosophie ist eine schöpferische Kunst, nicht weniger als Malerei und Musik. Sie erschafft Begriffe. Begriffe sind keine Allgemeinheiten, nicht einmal Wahrheiten. Sie haben mit dem Singulären zu tun, mit dem Neuen, mit dem, was einen trifft.
Natürlich sind Begriffe per definitionem Allgemeinheiten und natürlich wird hier die formal-logische Revolution der letzten 100 Jahre furios ignoriert, aber das kennt man ja aus dieser geistigen Ecke :-)


17. April 2001

Robert Darnton: The Great Book Massacre
"Double Fold: Libraries and the Assault on Paper" by Nicholson Baker
(The New York Review of Books 7/2001)


Nicholson Baker, eigenlich Romancier, hat eine Philippika gegen das Vernichten von Büchern und Zeitungen in amerikanischen Bibliotheken geschrieben. Wortgewaltig prangert er die Praxis an, Gedrucktes auf Mikrofilm zu bannen, und die Originale anschließend zu entsorgen. Richard Darnton, eigentlich ein auf das 18. Jahrhundert spezialisierter Historiker, rekonstruiert Bakers Argumente. Etwa dass die Prognosen des Buchzerfalls durch säurehaltiges Papier wissenschaftlich kaum fundiert, und Mikrofilme wesentlich schlechter haltbar seien als die "klassischen" Materialien.
Darnton weist auf Bakers ziemlich undifferenziertes Geschichtsverständnis und dessen oft unnötige Polemik hin, stimmt ihm aber cum grano salis zu. Jetzt wäre es natürlich interessant zu wissen, wie gängig diese Buch-Vernichtungspraktiken auch in europäischen Bibliotheken sind. In den USA kommt man inzwischen erfreulicherweise wieder davon ab.


16. April 2001

James M. McPherson: Southern Comfort
(The New York Review of Books 6/2001)


Geschichtslügen scheinen eine solide anthropologische Basis zu besitzen, offenbar gibt es kaum eine Gesellschaft, die ohne sie auskäme. Ein mir bis heute unbekanntes Beispiel ist die Lost-Cause-Ideologie in der Folge des amerikanischen Bürgerkriegs. McPherson bespricht einige Neuerscheinungen zu diesem Thema. Bereits kurz nach dem Krieg begannen Südstaatler die eigentliche Kriegsursache zu leugnen: Nicht die Abschaffung der Sklaverei sei ursächlich gewesen, sondern der Kampf für "states' rights", also Verfassungsangelegenheiten. Diese Geschichtsverfälschung ist in gewissen Kreisen der USA immer noch sehr populär, so bei den Sons of Confederate Veterans. Eigenartige Vereine scheint es nicht nur in Österreich und Deutschland zu geben :-)
Ansonsten erfährt man so manches darüber, wie komfortabel sich die Sklavenbesitzer vor der Wahl Abraham Lincols in den amerikanischen Verfassungsinstitutionen eingenistet hatten.

Ian Buruma: The Emperor's Secrets
"Hirohito and the Making of Modern Japan" by Herbert P. Bix
(The New York Review of Books 5/2001)


Vergangenheitsbewältigung auf Japanisch; Ian Buruma diskutiert anläßlich des neuen Buches von Bix, inwieweit Hirohito Schuld an der Beteiligung Japans am zweiten Weltkrieg trägt. Buruma lehnt zwar radikale "Verschwörungstheorien" ab, weist aber auf diverse Verlogenheiten der Nachkriegszeit hin, auch auf die unrühmliche Rolle der amerikanischen Japanpolitik nach dem Krieg. Interessant ebenfalls die Passagen über Hirohitos eigenartiges Selbstverständnis, die japanische Monarchie und Religion wissenschaftlich legitimieren zu können. Es ist doch immer wieder bezeichnend, wie eng sich Ideologien an die Wissenschaft anzulehnen versuchen.

22. April: Inzwischen wurde bekannt, dass Herbert P. Bix für sein Buch einen der diesjährigen Pulitzer-Preise erhält.


15. April 2001

Bernard Williams: Philosophy as Humanistic Discipline
(Zum Artikel - The Threepenny Review, Spring 2001)


Lesenswerter Aufsatz über die Frage, was Philosophie als Disziplin heute leisten soll. Williams argumentiert für eine Verstärkung des historischen Ansatzes, der von analytischen Philosophen vernachlässigt würde. Auch wenn seine Kritik an der "szientistischen" Philosophie nicht immer überzeugen kann, so legt er doch den Finger auf die richtige Stelle: Philosophiegeschichte zugunsten systematischen Philosophierens zu vernachlässigen, führt nicht nur bei der Ausbildung zu einer Schieflage.
Williams Kritik ist vor allem deshalb überzeugend, weil er die Leistungen der analytischen Philosophie sehr genau einschätzen kann. Ein Teil des Artikels setzt sich mit Putnams Gifford Lectures auseinander. Williams fühlt sich von Putnam falsch interpretiert, das soll auch innerhalb der Analytischen Philosophie vorkommen :-)

Gordon S. Wood: The Greatest Generation
(The New York Review of Books 5/2001)


Besprechung mehrerer Neuerscheinungen über die Väter der amerikanischen Verfassung. Besonders hervorgehoben wird das Buch von Joseph J. Ellis, den Wood als wichtigsten zeitgenössischen Historiker zu diesem Themenkomplex bezeichnet: Founding Brothers: The Revolutionary Generation.
Wood stellt einen Bezug zu allgemeinen Tendenzen in der Geschichtswissenschaft her und kritisiert das gängige "bashing" der Gründerväter als ahistorisch, ohne eine undifferenzierte positive Sichtweise einzunehmen.

22. April: Inzwischen wurde bekannt, dass Joseph J. Ellis für sein Buch einen der diesjährigen Pulitzer-Preise erhält.


14. April 2001

Goethe: Wilhelm Meisters Wanderjahre (1821)
(Münchner Goethe-Ausgabe Band 17)


Die Erstfassung von 1821 ist nur halb so lang wie die zweite und endgültige Fassung der Wanderjahre, die acht Jahre später erschienen ist. Nicht zuletzt deshalb wirkt der Roman auf heutige Leser moderner, weil disparater. Eigenartige Mischung aus Elementen der Aufklärung, wie das Plädoyer für ein humanes Justizsystem und der herausgehoben Rolle des Handwerker-Standes, und konservativen Anschauungen, wie die Religionsphilosophie der pädagogischen Provinz. Rezeptionsgeschichtlich scheint es nur Anhänger oder Gegner des Romans (wenn es denn einer ist) zu geben. Ich bin noch unschlüssig, für welche Fraktion ich mich entscheiden werde, vorher will ich mich noch ausführlicher mit der Fassung aus dem Jahr 1829 auseinandersetzen.

22. April: Man stößt auch auf eine bemerkenswerte Stelle über das Theater. Nach der Schmährede eines Pädagogen (der Pädagogischen Provinz) auf das Theater, die an Platons Ablehnung der Dichtung erinnert, distanziert sich der Erzähler (sprich Goethe) davon:

    [...] denn das Drama setzt eine müßige Menge voraus, vielleicht gar einen Pöbel voraus, dergleichen sich bei uns nicht findet, denn solches Gelichter wird, wenn es nicht selbst sich unwillig entfernt, über die Grenze gebracht [...] Wer unter unseren Zöglingen mit erlogener Heiterkeit, oder geheucheltem Schmerz, ein unwahres, dem Augenblick nicht angehöriges Gefühl in der Masse zu erregen, um dadurch ein immer mißliches Gefallen abwechselnd hervorzubringen? Solche Gaukeleien fanden wir durchaus gefährlich und konnten sie mit unserm ernsten Zweck nicht vereinen.
    [...] Gewissenlos wird der Schauspieler was ihm Kunst und Leben darbietet zu seinen flüchtigen Zwecken verbrauchen und mit nicht geringem Gewinn. [usw.]
    Mag doch der Redakteur dieser Bogen hier selbst gestehen: daß er mit einigem Unwillen diese wunderliche Stelle durchgehen läßt. Hat er nicht auch in vielfachem Sinn mehr Leben und Kräfte als billig dem Theater zugewendet? und könnte man ihn wohl überzeugen, daß dies ein unverzeihlicher Irrtum, eine fruchtlose Bemühung gewesen?
    [Münchner Ausgabe Band 17, S. 145f.]

Colin McGinn: Can You Believe It?
"The Threefold Cord: Mind, Body and World" by Hilary Putnam
(The New York Review of Books 6/2001)


Der Artikel läßt sich nur als Verriss bezeichnen. McGinn zerpflückt genüßlich die wichtigsten Argumente Putnams und hält ihm seinen Postionswechsel zum ontologischen Realismus vor, den er (wie ich) natürlich begrüßt.


11. April 2001

Albert Schlögel: Herodot
(rororo monographie 1998)


Eine der besten Monographien der Reihe. Umfassendes Eingehen auf geistesgeschichtliche Bezüge ebenso wie kritische Auseinandersetzung mit vorherrschenden Positionen der Herodot-Forschung. Vertretene Minderheitenmeinungen werden als solche gekennzeichnet und durch schlüssige Argumente plausibel gemacht. Schlögel schließt sich beispielsweise der Meinung an, dass viele Quellenangaben bei Herodot fingiert sind, was nach wie vor von vielen Kollegen als "Tabubruch" gewertet wird. Höchste Zeit die "Historien" einmal komplett zu lesen.

Helen Epstein: Time of Indifference
(The New York Review of Books 6/2001)


Sammelrezension von Bänden, die sich mit dem globalen Gesundheitswesen auseinandersetzen. Epstein ist wohl eine der besten Journalistinnen, die sich mit (sozial)medizinischen Themen auseinandersetzen. Sie schreibt jährlich mehrere Aufsätze in der NYRB. Dass die Lektüre des Artikels ziemlich deprimierend ist, wird angesichts des Themas niemanden überraschen ...


10. April 2001

Neue Bücher

- Stephan Reimert: Woody Allen. Eine Biographie (rororo)

- David Edmonds; John Eidinow: Wittgenstein's Poker. The story of a ten-minute argument between two great philosophers (faber and faber)
[Über das berühmte Zusammentreffen von Wittgenstein und Popper]

- Mittermayer, Manfred u.a. (Hrsg.): Thomas Bernhard und seine Lebensmenschen. Der Nachlaß
[Ausstellungskatalog]

- Houllebecq: Ausweitung der Kampfzone (rororo)

Rezensionsexemplare
- Günther Schwarberg: Es war einmal ein Zauberberg. Thomas Mann in Davos - Eine Spurensuche (Steidl)
- Jeanne Benay (Hrsg.): Österreich und andere Katastrophen. Thomas Bernhard in memoriam (Röhrig)

Zweitausendundeins
- Schreibheft-Reprint
- Rolf Toman: Wien. Kunst und Architektur (Könemann)

Wissenschaftliche Buchgesellschaft
- Günther Binding: Was ist Gotik?
- Hartwig Schmidt: Archäologische Denkmäler in Deutschland


9. April 2001

Thomas Bernhard und seine Lebensmenschen - Der Nachlass
Ausstellung in der Wiener Nationalbibliothek


Viele interessante Dokumente aus dem Nachlass, nicht zuletzt die bis jetzt nur ansatzweise transkribierten Notizbücher und Korrespondenzen seines Großvaters, Johannes Freumbichler. Darunter befindet sich einiges auch literarhistorisch aufschlussreiches, so ein Brief des Wiener Paul Zsolnay Verlags vom 25. Juni 1938 über ein eingesandtes Manuskript:

    Zwar ist man sich wie das bei Ihnen, hochverehrter Freumbichler, ja selbstverständlich ist, völlig einig über die literarische Bedeutung und die stilistischen Schönheiten Ihres neuen Werkes. Doch glauben wir eine ganze Reihe von Stellen, die uns in einer Zeit wie der heutigen, in der man von jedem Schriftsteller gewisse Stellungnahmen zu weltanschaulichen Problemen als abwegig betrachtet, als für den Vertrieb des Werkes schädlich ansehen zu müssen. Wenn z.B. gesagt wird "dass aus der Vermischung der Rassen nicht nur die intelligentesten sondern auch die apartesten Menschenkinder hervorzugehen pflegen" so ist das zweifellos eine Stellungnahme zu einem Thema über das im heutigen Deutschland nicht mehr diskutiert werden kann.
[Zitiert nach dem Faksimile des Ausstellungskatalogs, S. 51]

Ansonsten viele klug ausgewählte Fotos und eine sehenswerte Dokumentation, die aus chronologisch zusammengeschnittenen Ausschnitte aus Porträts und Lesungen des Autor besteht. Alles in allem eine der besten Literatur-Ausstellungen, die ich sah. Der Katalog ist eine wichtige eigenständige Publlikation zur Biographie Thomas Bernhards. Als Herausgeber fungieren Martin Huber, Manfred Mittermayer und Peter Karlhuber.


8. April 2001

Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull
(Fischer Taschenbuch Verlag 1990)


Nach 10 Jahren längst fällige Zweitlektüre. Die Suche nach direkten Anspielungen zu Goethes Wilhelm Meister war weniger ergiebig, der Bezug zum Genre des Bildungsromans desto mehr. Mit besonderem Interesse gelesen: Das Gespräch zwischen Krull und Prof. Kuckuck über naturhistorische und -wissenschaftliche Themen.


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