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Notizen: Archiv

von Christian Köllerer



2. Quartal 2002



29. Juni 2002

Thomas Bernhard: Elisabeth II.
(Burgtheater 26.6.)
Herrenstein: Gert Voss
Richard: Ignaz Kirchner
Regie: Thomas Langhoff


Eine späte österreichische Erstaufführung. Auf den ersten Blick stimmt die Inszenierung: Gert Voss gibt sein Bestens (was bekanntlich viel ist), Ignaz Kircher ergänzt ihn (wie immer) ausgezeichnet. Das Bühnenbild erinnert an Peymanns legendären "Heldenplatz".
Trotzdem ergeben viele gelungene Einzelheiten kein stimmiges Ganzes. Man sieht sich das Stück an und denkt: solide Burgtheater-Arbeit (was nicht wenig ist). Ästhetischer Mehrwert wird ebensowenig geboten wie ein tiefere intellektuelle Auseinandersetzung mit Bernhard. Das Burgtheater gibt sich auf hohem Niveau geistig bewegungslos.

Die Jammerbranche

So bezeichnet Veit Heinichen den Buchhandel. Seine in der ZEIT publizierte Analyse geht von einer These aus: Die Krise ist hausgemacht.
Eine Ursache des Umsatzrückgangs sehe ich in der Preispolitik der Verlage. Taschenbücher sind in den letzten Jahre von Jahr zu Jahr teurer geworden, die Preisdifferenz zu gebundenen Bücher schwindet immer mehr. Bei mir führt das dazu, dass ich weniger Taschenbücher kaufe, öfters zu gebundenen Ausgaben greife, und mehr als früher auf den antiquarischen Buchmarkt ausweiche. Ein Beispiel sind die Rowohlt Monographien, die vor einem Jahr noch DM 12,90 kosteten und nun für 8,50 Euro zu haben sind. Früher sammelte ich fast alle Neuerscheinungen, heute wähle ich sehr genau aus.

Arthur Schnitzler: Erzählungen
(Fischer TB, Sonderausgabe)


Was soll man über Schnitzler schreiben? Seine Erzählungen sind sprachlich und psychologisch von ungebrochener Frische, die besonders auffällt, wenn man sie mit anderen zeitgenössischen Hervorbringungen vergleicht (etwa von Stefan Zweig).
Anne-Catherine Simon veröffentlichte kürzlich Schnitzlers Wien (ISBN 3-85431-278-4; 14,90.-), das sich mit den wichtigen biographischen und literarischen Orten des Autors auseinandersetzt.

Karl Popper

Zum 100. Geburtstag gibt es eine Reihe von Aktivitäten, so einen Kongress in Wien und Sonderausgaben seines Verlages. Seine Bedeutung als Philosoph wird von vielen Geisteswissenschaftlern nach wie vor unterschätzt. Das hängt zu einem guten Teil mit dem mangelnden Verständnis der modernen Naturwissenschaften zu zusammen, auf der Poppers wohl größte Leistung, seine Anfang der dreißiger Jahre formulierte Wissenschaftstheorie aufbaut. Dass auch die ins Absurde verzerrte "Interpretation" seiner Philosophie durch die Frankfurter Schule eine Rolle spielt, versteht sich von selbst.


22. Juni 2002

Die ersten Bände der neuen Thomas-Mann-Ausgabe

Von meiner lokalen Buchhandlung informiert, holte ich die ersten fünf Bände ab (Buddenbrooks Text- und Kommentarband; Essays I 1893-1914 und Kommentarband; Briefe I 1889-1913 mit integriertem Kommentar).
Der erste Eindruck ist ein sehr solider, man muss MRR hier zustimmen. Die Verarbeitung ist hervorragend, was sich natürlich im Preis niederschlägt. Mehr nach Lektüre der Bände, ich werde wohl mit dem Briefband anfangen, da das einen aufschlussreichen Vergleich mit den eben gelesenen Kafka-Briefen aus dem gleichen Zeitraum ermöglicht.

Das Ende der Bestenliste

Gemeint ist nicht die Liste als Liste, sondern die dazugehörige Sendung des SWR, Die Bestenliste, wohl die beste Literatursendung. Zwar sind immer wieder einmal Beiträge und Autoreninterviews misslungen, dafür garantierte die Bestenliste eine hochkarätige Buchauswahl. Ab Herbst wird es eine neue Sendung geben:

    Sehr geehrter Herr Koellerer,

    die monatliche Bücher-Bestenliste des SWR bleibt bestehen. Die gleichnamige Sendung wird durch ein zweiwöchiges Buchmagazin ersetzt. Wir haben im Juli und August Sendepause und werden die Zeit nutzen, ein neues Konzept umzusetzen, das dann ab September ausgestrahlt werden wird. Einzelheiten kann ich Ihnen noch nicht nennen, dafür bitte ich um Verständnis. In jedem Fall wird die monatliche Bücher-Bestenliste in der neuen Sendung ihren Platz haben, das Angebot soll aber erweitert werden: so sollen auch Sachbücher, eventuell Hörbücher besprochen werden oder z. B. neue Literaturverfilmungen.
    In der 25jährigen Geschichte der Literatursendungen im SWR hat es immer wieder Wechsel in der Konzeption gegeben. Das Wichtigste jedoch ist, dass weiterhin ein Platz für die Literatur im Fernsehen bestehen wird.

    Mit freundlichen Grüßen
    Ute Bergmann
    SÜDWESTRUNDFUNK/FS Akt. Kultur

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Thomas Mann Buddenbrooks S. Fischer
Große Frankfurter kommentierte Ausgabe (GFKA); 2 Bände
Thomas Mann Essays I 1893-1914 S. Fischer
GFKA; 2 Bände
Thomas Mann Briefe I 1889-1913 S. Fischer
GFKA; 2 Bände
Vladimir Nabokov Lushins Verteidigung. Roman rororo Übersetzer: Dieter E. Zimmer
Lambert Schneider Peloponnes. Mykenische Paläste, antike Heiligtümer und venzianische Kastelle in Griechenlands Süden Dumont Kunstreiseführer Köln 2001
Heinz Schlaffer Die kurze Geschichte der deutschen Literatur Hanser Kauf war leider unvermeidlich :-)


17. Juni 2002

Mozart: Symphonie C-Dur, KV 338
Mahler: Symphonie Nr. 6 a-Moll
(Wiener Musikverein 16.6.)
Münchner Philharmoniker
James Levine


Ich weiß nicht, was mich mehr ärgern soll, die alles in allem sehr effekthascherische Mahler-Interpretation Levines oder meine Reaktion darauf: ich fand sie mitreissend. Mag man auch denken, Pierre Boulez' Herangehensweise sei "ästhetisch korrekter", mag man das Übertreiben ins Dämonische erkennen, mag man schließlich der Auffassung sein, Mahlers Werke seien auch ohne interpretatorische Überspitzung wirkungsmächtig genug, der Abend war trotzdem fulminant.
Seit Dezember beschäftige ich mich nicht selten mit Celibidache und den Münchner Philharmonikern, ein Orchester das ich bis dahin sträflich unterschätzte. Im Konzert hörte ich sie gestern zum ersten Mal und fand meine Einschätzung bestätigt, nämlich dass sie definitiv in die erste Reihe der orchestralen Klangkunst gehören. Selten habe ich ein Orchester so enthusiastisch gesehen, freilich sitze ich auch selten in der ersten Parterreloge, wo man einen ausgezeichneten Blick auf das Geschehen hat. Levine trieb das Orchester mit seinen gemurmelten "wonderfuls" offenbar tatsächlich zu Höchstleistungen an.
Die sechste Symphonie, 1904 entstanden, gehört zu den düstersten Kompositionen Mahlers. Pessimismus und Verzweiflung dominieren. Man stellt sich die Frage, warum in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg viele Werke geschaffen wurden, die man heute gerne als "prophetisch" bezeichnet. Kafkas Texte wären ein weiteres Beispiel, oder Musils "Törleß". Darauf eine Antwort geben zu wollen, erscheint aussichtslos, vermutlich hängt es aber mit einem adäquaten Verständnis der menschlichen Natur zusammen.


15. Juni 2002

Bruckner: Symphonie Nr. 8
(Wiener Musikverein 9.6.)
Cleveland Symphony Orchestra
Christoph von Dohnany


Obwohl ich (vor allem bei den Salzburger Festspielen) schon viele amerikanische Orchester hörte, erstaunt mich immer wieder deren technische Perfektion. Das Cleveland SO bildet hier keine Ausnahme. Bruckners monumentale Achte wurde makellos dargeboten: differenzierte Streicher, höchst präzise Blechbläser. Die Interpretation fand einen gelungenen Kompromiss zwischen Analytizität und Emotionalität. Abgesehen von zwei (!) spontanen Handyeinsätzen, ein gelungener Konzertabend.

Franz Kafka: Briefe 1900-1912
(S. Fischer)


Eine vorbildliche Briefedition. Sorgfältig kommentiert, mit einer Reihe von Faksimiles versehen (etwa von Kafka verschickten Ansichtskarten), außerdem handwerklich gut verarbeitet, so dass die 50 Euro pro Band gut angelegt sind.
Viele der Briefe kennt man schon, es finden ja immer wieder die selben berühmten Zitate Eingang in Monographien und Biographien. Während die erste Hälfte des Buches einen ziemlich großen Zeitraum abdeckt, wird der zweite Teil mit den Briefen aus dem Herbst und Winter 1912 bestritten. Monomanisch beschickt Kafka Felice Bauer mit Briefen, oft mehrere mehrseitige Schreiben pro Tag. Das Lesen dieser Ergüsse verlangt einem einiges an Geduld ab, sehr viele Zeilen beschäftigen sich damit, wann welcher Brief angekommen ist (oder nicht), wann wer welche Briefe schreiben soll usw.
Ästhetisch spannend dagegen die Passagen, die sich mit Kafkas literarischer Arbeit beschäftigen. Nur wenige Autoren der Weltliteratur dürften dem Schreibzwang als Kunstzwang so verfallen gewesen sein. Wer sich für die psychologische Seite des Kunstschaffens interessiert, wird kaum ergiebigere Quellen finden als Kafkas Briefwechsel.

Kairo, Menschenrechte und Iran

Wer sich analytisch kompetent und abseits des oberflächlichen Mediengeschehens über das Weltgeschehen informieren will, kommt an der The New York Review of Books nicht vorbei. Drei aktuelle Beispiele:
In der Ausgabe 10/2002 beschreibt Caroline Moorehead ("Lost in Cairo") das Elend afrikanischer Flüchtlinge in Kairo und eine völlig überforderte UNHCR-Bürokratie. Setzt man die zwei, drei ausführlich geschilderten Schicksale in Bezug auf die Millionen Betroffenen und die fast völlige Ignoranz der "Ersten Welt", liegt es auf der Hand, dass hier politisch (und ökonomisch!) radikale Maßnahmen notwendig wären.
Im selben Heft zieht Michael Ignatieff anläßlich von drei Neuerscheinungen eine zeitgeschichtliche Bilanz der Menschenrechtsbewegung ("The Rights Stuff"). Angesichts des Anti-Terror-Kriegs sieht diese naturgemäß düster aus. Er räumt auch mit dem Mythos auf, die Amerikaner seien in der Vergangenheit die treibende Kraft in Sachen "human rights" gewesen:

    America reticence about human rights must be emphasized, because it is so often argued that the modern ascendancy of human rights is inseparable from the rise of American global hegemony. "Human Rights and the End of Empire", Brian Simpson's long and extremely thorough account of the emergence of the European Convention of Human Rights - the most effective rights enforcement regime in the world - makes the same point: Americans were bystanders.
Christopher de Bellaigue schließlich, dessen Artikel ("Who Rules Iran?") im Gegensatz zu den beiden anderen online zu finden ist, zeigt anhand der islamischen Kaderschmiede des Shia Seminars in Qom, wie das klerikale Regime für seinen Nachwuchs sorgt. Auch sonst erfährt man einiges über das politische Innenleben Irans.


8. Juni 2002

Martin Walser: Tod eines Kritikers. Roman
(Manuskript)


Wann las ich zuletzt ein so abstoßend schlechtes Buch? Als "Referenz" fallen mir nur die Werke des unsäglichen Robert Schneider ein, den unvergesslichen Schöpfer von "Kunigunde, der Hirschkuh".
Walsers Roman ist buchstäblich auf allen Ebenen missglückt, ein beeindruckendes Kunstwerk des schlechten Geschmacks. Man ist bei der Lektüre hin und her gerissen, ob man sich auf die stupende literarische Unfähigkeit des Autors konzentrieren oder das Augenmerk doch lieber auf die in dem Text enthaltenden kläglichen "Geistes"ergießungen richten soll, die sich auf einem Niveau des Stumpfsinns bewegen, das man in Deutschland lange nicht mehr lesen konnte.
Thomas Assheuer versucht in der ZEIT eine Analyse dieses "geistigen" Gehalts:

    Denn Der Tod eines Kritikers ist die konsequente Durchführung eines ästhetischen und politischen Programms, aus dem Walser nie einen Hehl gemacht hat und dessen Mischung aus Friedrich Nietzsche und dem französischen Rechtsintellektuellen Alain de Benoît seit langem im Vollbild vorliegt. Welche geistigen Wahlverwandtschaften darüber hinaus noch bestehen, ist keine Entdeckung, von der man der Welt erst heute Mitteilung machen müsste. Denn auch für Ernst Jünger war der "Monotheismus eine tausendjährige Inzucht", und auch er wollte den gordischen Knoten der jüdisch-christlichen Moral durchschlagen, damit Deutschland erhobenen Hauptes den Fesseln der westlichen Schuldmoral entsteige. Damals hatte Frank Schirrmacher den alten Ernst Jünger wie einen Halbgott verehrt; doch was Jüngers Antijudaismus angeht, wird er die Differenz zu Walser mit der Lupe nicht finden. Es gibt sie nicht.
So gelungen der Assheuer-Artikel in vieler Hinsicht ist, Walser in einem Atemzug etwa mit Ernst Jünger zu nennen, wäre als wollte man einen schlammigen Moorsee mit einem Meer vergleichen. Eine passendere Vergleichskategorie sind "Kolbenheyer, Grimm und Johst" auf die Assheuer ebenfalls zu sprechen kommt. Walsers Roman fischt in den trübsten Gewässern der deutschen Geistesgeschichte, daran besteht kein Zweifel.
Das wäre nun zwar bedauerlich, aber nicht weiter überraschend, denn es fanden und finden sich immer Autoren, die diesen publizistischen Markt bedienen. Der eigentlich Skandal besteht darin, dass dieses Buch eine Reihe von Verteidigern gefunden hat. Das Buch gehört mit zu den inhumansten Werken meiner Lesegeschichte. Ehrl-König wird nicht als Mensch dargestellt, sondern in einer monströsen Weise stilisiert, ein macht- und sexbesessenes Monster, das unterstützt von New Yorker Intellektuellen der tiefen deutschen Literatur den Dolch in den Rücken stößt. Ein Un-Mensch ganz in der Tradition der antisemitischen Propaganda. Selbstverständlich wird in diesen Zusammenhängen auch die "Aufklärung" denunziert, wussten wir doch schon immer, dass das Weltjudentum für diesen Verrat an der bodenwüchsigen deutschen Kultur verantwortlich ist.


6. Juni 2002

Was geschah in Camp David?

Wies Arafat im Sommer 2000 tatsächlich ein ungemein großzügiges Angebot Baraks zurück und verschuldete dadurch die Zuspitzung des Konflikts? Oder war die Offerte gar nicht so generös, wie heute ständig behauptet wird?
Dieser Frage widmet sich die ausführliche Debatte in der The New York Review of Books. Erfreulicherweise entschloss sich die Redaktion, alle Beiträge online zu stellen. Es begann mit dem langen, skeptischen Aufsatz Camp David von Hussein Agha und Robert Malley (der im US Team am Verhandlungsort war) und wird in der aktuellen Ausgabe (10/2002) mit einem von Benny Morris kommentierten Barak-Intervew fortgesetzt. Auch eine A Reply to Ehud Barak findet man dort. Eine Weiterführung der Debatte ist angekündigt.

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Adolf H. Borbein (Hrsg.) Das alte Griechenland. Kunst und Geschichte der Hellenen Bertelsmann opulenter Bildband; 25 Euro; sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis
Leon Battista Alberti The Use and Abuse of Books Waveland Ein Buch-Traktat aus der Renaissance (De Commodis litterarum atque incommodis)
Philip Roth The Dying Animal Vintage Paperback
Brockhaus B. in einem Band B. 2002; Werbegeschenk

Enthusiastisches über Paulus Hochgatterer

Franz Haas ist völlig hingerissen von Über Raben, dem neuen Roman des Autors. Dieser schreibe "Literatur, die in Österreich zum Besten der letzten Jahre zählt", ein Urteil, das durchaus diskussionswürdig ist.


2. Juni 2002

Noch einmal: Alberti

Graftons Monographie wird in der aktuellen "Literatur und Kunst" - Beilage der NZZ vorgestellt.

Bibliothek: Neuzugänge

Ein schweres Zweitausendeins-Paket ist angekommen, darunter auch das Reclam-Paket (50 UBs), auf das ich später separat eingehen werde. Hier einmal die "normalen" Bücher, darunter viele Okkasionen, obwohl es schade ist, dass Manesses Bibliothek der Weltgeschichte verramscht werden muss...

Autor Titel Verlag Kommentar
Gustave Flaubert Das Wörterbuch der Gemeinplätze Haffmans Nachwort von Julian Barnes
Philip Roth Mein Mann, der Kommunist Hanser Gebunden
Henry Louis La Grange (Herausgeber) Ein Glück ohne Ruh'. Die Briefe Gustav Mahlers an Alma Siedler Gebunden; erste Gesamtausgabe
Harold Bloom Shakespeare. Die Erfindung des Menschlichen Berlin Gebunden; fast 1100 Seiten
Niccolo Machiavelli Geschichte von Florenz Manesse Bibliothek der Weltgeschichte Gebunden
Katharina die Große; Voltaire Monsieur - Madame. Der Briefwechsel zwischen der Zarin und dem Philosophen Manesse Bibliothek der Weltgeschichte Gebunden
Theodor Herzl Der Judenstaat Manesse Bücherei Gebunden


30. Mai 2002

Goethes Tagebücher

Band II der historisch-kritischen Ausgabe, rezensiert von Ursula Homann.

Fontane: Graf Petöfy. Roman

Gemeinhin zählt man dieses Buch nicht zu Fontanes größten literarischen Leistungen, und man tut gut daran. Einige zentrale Handlungselemente wie der Ehebruch wirken vergleichsweise "unterdeterminiert", gerade im Vergleich zu ähnlichen Motiven in "Effi Briest".
"Graf Petöfy" ist der einzige Roman des Autors, der teilweise in Wien spielt. Ein siebzigjähriger Graf und Theaternarr heiratet eine junge Schauspielerin. Das Unheil nimmt erwartungsgemäß seinen Lauf. Die Lektüre lohnt sich durchaus, so gibt es einige hervorragende Dialoge zu entdecken. Außerdem kann man von Fehlern guter Autoren einiges lernen :-)

Klassiker-Verlage (20): Great Mind Series

Diese Reihe erscheint bei Prometheus Books und hält eine Reihe von wichtigen Titeln vor, die in keiner Privatbibliothek fehlen sollten und normalerweise nicht so leicht zu bekommen sind. Darunter auch naturwissenschaftliche Klassiker wie "On the Revolutions of Heavenly Spheres" des Nicolaus Copernicus oder die "Germ Theory and Its Applications to Medicine" von Louis Pasteur und Joseph Lister.


25. Mai 2002

Kanonisierte Romane

Eine Kanon-Bibliothek soll es werden, deren ersten Teil Reich-Ranicki kürzlich vorstellte. Zwanzig deutschsprachige Romane für "an Literatur interessentierte" Menschen habe er ausgewählt. Wie sieht seine Liste aus?

    Johann Wolfgang von Goethe: "Die Leiden des jungen Werther"
    Johann Wolfgang von Goethe: "Die Wahlverwandtschaften"
    E.T.A. Hoffmann: "Die Elixiere des Teufels"
    Gottfried Keller: "Der grüne Heinrich"
    Theodor Fontane: "Frau Jenny Treibel"
    Theodor Fontane: "Effi Briest"
    Thomas Mann: "Die Buddenbrooks"
    Thomas Mann: "Der Zauberberg"
    Heinrich Mann: "Professor Unrat"
    Hermann Hesse: "Unterm Rad"
    Robert Musil: "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß"
    Franz Kafka:"Der Proceß"
    Alfred Döblin: "Berlin Alexanderplatz"
    Joseph Roth: "Radetzkymarsch"
    Anna Seghers: "Das siebte Kreuz"
    Heimito von Doderer: "Die Strudlhofstiege"
    Wolfgang Koeppen: "Tauben im Gras"
    Günter Grass: "Die Blechtrommel"
    Max Frisch: "Montauk"
    Thomas Bernhard: "Holzfällen"

Selbstverständlich ist es absurd, zwanzig repräsentative Romane auszuwählen, aber da Bibliomanie ohne Absurditäten nicht auskommt, stelle ich dieser Liste meine eigene entgegen. Naturgemäß gibt es Überschneidungen:

Gottfried von Strassburg: "Tristan"
Grimmelshausen: "Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch"
Karl Philipp Moritz: "Anton Reiser"
Johann Wolfgang von Goethe: "Die Leiden des jungen Werther"
Johann Wolfgang von Goethe: "Die Wahlverwandtschaften"
Jean Paul: "Siebenkäs"
Wilhelm Raabe: "Stopfkuchen"
Theodor Fontane: "Effi Briest"
Thomas Mann: "Die Buddenbrooks"
Heinrich Mann: "Der Untertan"
Franz Kafka:"Der Proceß"
Alfred Döblin: "Berlin Alexanderplatz"
Joseph Roth: "Radetzkymarsch"
Robert Musil: "Der Mann ohne Eigenschaften"
Anna Seghers: "Das siebte Kreuz"
Heimito von Doderer: "Die Strudlhofstiege"
Wolfgang Koeppen: "Tauben im Gras"
Günter Grass: "Die Blechtrommel"
Thomas Bernhard: "Auslöschung"
Wolfgang Hilbig: "Das Provisorium"

Anthony Grafton: Leon Battista Alberti. Baumeister der Renaissance
(Berlin Verlag)


Der Autor war mir bisher nur durch seine durchwegs lesenswerten Beiträge in der The New York Review of Books bekannt. Höchste Zeit also, dachte ich, einmal ein Buch von ihm zu lesen, und griff zu seiner gut sechshundert Seiten umfassenden Alberti-Monographie.
Seit Jacob Burckhardt in seiner klassischen Renaissance-Studie Alberti als paradigmatischen Menschen dieses Zeitalters pries, war das Interesse der Gelehrten geweckt. An Forschungsliteratur gibt es keinen Mangel, die Meinungen über ihn gehen jedoch weit auseinander. Vom hoffnungslosen Dilettanten ist ebenso die Rede wie vom begnadeten Vorläufer Leonardo da Vincis.
Grafton, Geschichtsprofessor an der Princeton University, wagt den Versuch einer Synthese. Baumeister bzw. "master builder" im Original ist mehrdeutig. Wer die Biographie eines Architekten erwartet, wird enttäuscht werden. Alberti war ein Multitalent: Altphilologe, Archäologe, Ingenieur, Kunstphilosoph- und kritiker, Stadtplaner, humanistischer Bücherschreiber. Die neun Kapitel des Buches nehmen sich jeweils eines Themas an, und Grafton ist sehr bemüht, am Beispiel seines Helden dem Leser den kulturgeschichtlichen Kontext nahe zu bringen. Besonders gelungen sind die Abschnitte über Albertis neue Ästhetik und seine Architekturtheorie. Hier stellt Grafton einen fulminanten Vergleich mit den Schriften Vitruvs her, dem antiken Standardwerk in Sachen Baukunst. Die Fülle an spannenden Details sei an einem Beispiel demonstriert. Wer glaubt, gewisse avantgardistische Maltechniken seien erst im 20. Jahrhundert entstanden, wird (wie ich) über folgende Passage sehr erstaunt sein:
    Autoren aus antiker Zeit, vor allem Plinius, hatten die Existenz von "zufällig entstandenen Bildnissen" vermerkt. Angeblich haben sich einige Maler der Renaissance, etwa Leonardo, zuweilen durch eine aleatorische Praxis inspirieren lassen, die die Natur imitierte: Beispielsweise warf man einen Schwamm an die Wand, um dann an den durch das Aufklatschen entstandenen Zufallsbildern und -ähnlichkeiten weiterzuarbeiten.
    [S. 475]
Wer immer an Kulturgeschichte, Renaissance, Architektur(theorie), Kunstgeschichte, Ästhetik, der Antike oder Städtebau Interesse hat: read it :-)


20. Mai 2002

Dostojewskij biographisch

Joseph Frank hat den fünften Band seiner monumentalen Biographie beendet. Scott McLemee ist voll des Lobs:

    Dostoevsky: The Mantle of the Prophet, 1871-1881 brings to its conclusion a project that has occupied Mr. Frank for nearly half a century. Beginning with the first volume, in 1976, reviewers have habitually used the words "authoritative" and "definitive" to describe his reconstruction of the novelist's turbulent life, which he situates in the context of 19th-century Russian and European intellectual history. With the final installment now complete, the expression "masterpiece" seems more or less inevitable.

Flaubert: Bouvard und Pécuchet
(insel tb)


Dieses Romanfragment läßt einen etwas ratlos zurück. Flaubert hat zur Vorbereitung der enzyklopädischen Besessenheit seiner beiden Helden etwa 1500 Bücher herangezogen. Anhand des Buches kann man es nicht wirklich bestätigen, da die zitierten Werke überschaubar sind. Die Handlung ist schnell zusammengefasst: Bouvard und Pécuchet ziehen sich dank einer Erbschaft als Geistesmenschen auf das Land zurück und stürzen sich sukzessive in diverse Wissensgebiete (Landwirtschaft, Anatomie, Geologie, Philosophie, Pädagogik uvm.), stellen sich in den meisten Fällen ausgesprochen dämlich an, weshalb tiefe Enttäuschung schnell den anfänglichen Enthusiasmus ablöst.
Ästhetisch gibt es zahlreiche offenkundige Mängel, so sind die einzelnen Kapitel sehr mechanisch aneinandergereiht, die Wiederkehr des Immergleichen, nur die Wissensgebiete variieren. Es wäre aber zu undifferenziert, in dem Buch nur eine Denunziation der Dummheit auf unterschiedlichen Ebenen zu sehen. Dazu sind die intelligenteren Äußerungen der beiden Autodidakten zu zahlreich. Diese Polyvalenz gehört ebenso zu den Stärken des Buches wie die Entlarvung vieler zeitgenössischen Dummheiten. Liest man, was die damaligen Esoteriker und Alternativmediziner an "Theorien" produzierten, sieht man sehr schön, wie zeitlos manche Beleidigungen der menschlichen Intelligenz sind.
Flaubert scheiterte also mit seinem Versuch, einen großen Ideenroman der Moderne zu schreiben. Erst einige Jahrzehnte später erschienen zwei Meisterwerke dieses Genres: Manns "Der Zauberberg" und Musils unübertroffener "Mann ohne Eigenschaften".

Klassiker-Verlage (19): Dover Classics of Science and Mathematics

Auf diese Reihe wurde ich vor ein paar Jahren durch meine Suche nach einer erschwinglichen Ausgabe von William Gilberts berühmter Studie "De Magnete" (1600) aufmerksam, ein bahnbrechendes Werk über Magnetismus und Elektrizität.
Aber auch die anderen Titel können sich sehen lassen. Von Acricolas "De Re Metallica" über Lavoisiers "Elements of Chemistry" bis Einsteins "The Principle of Relativity" reicht das Spektrum.


18. Mai 2002

Burgtheater 2002/2003

Seit gestern liegt der neue Spielplan auf dem Tisch. Scheint eine spannende Saison zu werden.

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Anthony Grafton Cardanos Kosmos. Die Welten und Werke eines Renaissance-Astrologen Berlin antiquarisch erwobene, gebundene Ausgabe
Johann Karl Wezel Versuch über die Kenntniss des Menschen; Rezensionen; Schriften zur Pädagogik Mattes Verlag Seit Jahren überfällig, der zweite Band der Gesamtausgabe

Balzac: Die alte Junger. Roman
(insel tb)


Schlecht kommt sie weg, die Provinz samt den dort ansässigen "Spießbürger[n], welche auf der ausgetretenen Landstraße der Vorurteile einhertrotten" und "wo das Geistesleben von einer brutalen Gleichgültigkeit verfolgt wird". Im Zentrum des Romans steht eine Frau, fromm, reich und dumm, um deren Hand sich drei höchst unterschiedliche Bewerber bemühen, die es alle drei auf ihr Geld abgesehen haben. Der unwürdigste zieht das große Los und ruiniert das Lebensglück seiner Gattin.
Alle Tugenden des Balzacschen Talents sind zu bewundern, von der treffend-bissigen Schilderungen der Figuren über die psychologische Treffsicherheit seiner Beobachtungen. Glänzend wird der Zusammenhang zwischen Frömmigkeit und Dummheit beschrieben.
Leider sind auch Balzacs bekannte Schwächen nicht zu übersehen. Der kleine Roman erschien im Herbst 1836 in Fortsetzungen, was sich ziemlich direkt in einem blockartigen Aufbau niederschlägt. So werden die drei Bewerber nacheinander in einer Art beschreibenden "Aufzählung" eingeführt, eine ästhetisch wenig elegante Vorgehensweise.
Mehr über Balzac.

António Lobo Antunes: Ein Werkstattbericht

Wieland Freund hat den Autor in Lissabon besucht und ihn besonders über seine Schreibgewohnheiten befragt. Auch Reflexionen über die Lektüre seiner Bücher fehlen nicht:
    Nicht umsonst erntet Antunes mit seinen Büchern entweder helle Begeisterung oder ein hilfloses Schulterzucken. Wer Antunes liest, ist Fan; wer kein Fan ist, liest ihn nicht. Mit dem Bleistift hinter dem Ohr kommt man Antunes' Texten kaum bei, die Bastler unter den Kritikern runzeln die Stirn, und wer Gewissheit sucht in der Lektüre, wird von Antunes gewiss im Stich gelassen. Wer spricht? Was geschieht? Wo sind wir? Und wann? - das alles sind Fragen, die zweitrangig sind im Erzähluniversum des Portugiesen, und vielleicht "liest" man ihn besser gar nicht, sondern geht einfach mit, taucht ein in den Strom der Rede, lässt sich treiben und an ein Ufer spülen zum Schluss, erschöpft und nass und mit sausenden Ohren. "Ich möchte nicht gelesen werden", sagt Antunes. "Ich möchte, dass mein Buch eine Art Krankheit ist. Als litte man an einem Fieber."


12. Mai 2002

Leon Battista Alberti (1404-1472) und die Kunsttheorie

Seine kleine Schrift "Über die Malkunst" ist aus einer Reihe von Gründen bemerkenswert. Wie man als Maler die u.a. von Brunelleschi entdeckte Technik der Perspektive in der Praxis einsetzen kann, wird darin konzis beschrieben. Wirkungsmächtiger aber wurde die Ästhetik der Malerei, die Alberti durchaus normativ von den zeitgenössischen Künstlern einforderte. Effekte lehnte er strikt ab, auf Blattgold müsse ebenso verzichtet werden wie auf "blendende" Farben. Oberste Priorität hatte für ihn die Natürlichkeit der Darstellung, die nur durch das Studium der Natur zu erzielen sei. Anatomische Grundkenntnisse gehörten für ihn ebenso zum unabdingbaren Handwerkszeug wie die Beherrschung der Perspektive.
Was heute als Binsenwahrheit innerhalb der Ästhetik der klassischen Malerei erscheint, war im Florenz um 1430 durchaus revolutionär, zumal Alberti sich nicht auf abstrakte normative Vorgaben beschränkte, sondern zugunsten der Qualität eines Kunstwerks eine Zusammenarbeit von Maler und Betrachter verlangt, um möglichst perfekte Ergebnisse zu erzielen.
Anthony Grafton hebt in seiner Alberti-Monographie einen Aspekt besonders hervor, nämlich den der Intellektualisierung der Malerei, die man überwiegend noch als Handwerk auffasste. Der handwerkliche Aspekte ist für Alberti zwar wichtig, aber zweitrangig. Entscheidend sei die Invention, die Konzeption des Werkes. Ist erst ein passender Stoff gefunden, und die Struktur des Gemäldes durch das Verfertigen von Entwürfen klar, ist der Entstehungsprozess praktisch abgeschlossen. Der Akt der Malerei sorgt nur für die Sichtbarmachung desselben. Das sind Thesen, die frappierend an die moderne philosophische Ästhetiken erinnern, wo ein ästhetischer Gegenstand ebenfalls als type (z.B. eine Partitur) und als token (z.B. eine konkrete Aufführung einer Partitur) verstanden wird.

Dostojewskij: Verbrechen und Strafe. Roman
(Fischer TB)

Es dürfte etwa 12 Jahre her sein als ich diesen Roman erstmals las und die erneute Lektüre zeigte zumindest eines: Das Lesegedächtnis ist trügerisch. In meiner Erinnerung war der Roman monumentaler, die Auseinandersetzung von Raskolnikow und Petrowitsch deutlich umfangreicher, während der "showdown" der beiden sich im wesentlichen auf zwei große Begegnungen beschränkt.
Mein Urteil bleibt allerdings dasselbe, der Roman wird berechtigterweise zu den besten der Weltliteratur gezählt. Dostojewskijs Hang zur Sentimentalität fiel mehr etwas unangenehmer auf als beim ersten Mal, seine psychologische Darstellungskunst finde ich immer noch frappierend.
Gespannt war ich besonders auf die vielgelobte Übersetzung von Swetlana Geier. Sie hat hier sicher Bleibendes geleistet, allerdings bin ich kein Freund davon, deutsche Dialekte zu verwenden, um fremde Idiome auszudrücken. Ab und zu "berlinert" es, nicht sehr oft, hier wäre mir eine "künstliche" Umgangssprache bzw. ein Kunstdialekt adäquater erschienen.

Werner Heisenberg - Ein Widerstandskämpfer?

Es kommt selten vor, dass Dramatiker einen konkreten Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte leisten. Michael Frayn gebührt diese Ehre, da sein Stück "Kopenhagen" eine heftige Debatte auslöste und nun zur Publikation neuer Materialien führte. Der Gelehrtenstreit spielte sich vor allem in der "New York Review of Books" ab, zuletzt in der Ausgabe 5/2002. Das Niels Bohr Archiv veröffentlichte vor ein paar Monaten überraschend unbekannte Briefe Bohrs, die das ominöse Treffen zwischen ihm und Heisenberg zum Thema haben. Nun ziehen Michael Frayn und Thomas Powers eine Bilanz der Diskussion. Powers ist einer der heftigsten Verteidiger von Heisenberg und vertritt die These, der Physiker habe bewusst den Bau einer Atombombe verhindert. Die Mehrheit der Experten weist diese Ansicht strikt zurück, so Gerald Holton und Jonothan Logan in ihren ausführlichen Repliken in Nr. 6/2002.

Klassiker-Verlage (18): Oxford World's Classics

Eine kleine, aber feine Weltliteratur-Reihe verlegt die Oxford University Press. Man findet keine Überraschungen, aber doch eine Reihe von soliden und preiswerten Ausgaben. Alles in allem ein kleiner Bruder der Penguin Classics.


10. Mai 2002

Wagner: Die Walküre
(Wiener Staatsoper 9.5.)
Regie: Adolf Dresen
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Siegmund: Clifton Forbis
Hunding: Kurt Rydll
Wotan: John Tomlinson
Sieglinde: Deborah Polaski
Brünnhilde: Luana DeVol

Der erste Aufzug war etwas schwach: Clifton Forbis hatte sein Debüt an der Staatsoper, war entsprechend nervös und sang (daher?) für einen Wagner-Tenor zu kraftlos. Brillant dagegen fast alle anderen, insbesondere der auch schauspielerisch beachtliche John Tomlinson (Wotan) und Luana DeVol (Brünnhilde), die ein atemberaubendes Finale sangen. Das Staatsopernorchester brauchte auch eine Stunde Zeit, bis es zur Höchstform auflief. Ein ästhetisch sehr ansprechender Opernabend. Ach ja, die Inszenierung war nicht weiter störend :-)

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Pedro Calderon de la Barca Ausgewählte Schauspiele C.H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung München 1928; schöne gebundene Ausgabe
Martin Kersting Alte Bücher sammeln. Ein praktischer Leitfaden durch die Buchgeschichte und die Welt der Antiquariate Battenberg Augsburg 1999; privat gekauft


Über den Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaften...

... wird hier diskutiert.


8. Mai 2002

Ein hoffnungsloser Fall

Es ist ein Lehrstück an politischer Dummheit und Inhumanität, was sich derzeit im Nahen Osten abspielt. Amos Elon zieht in der aktuellen New York Review of Books (9/2002) eine deprimierende Bilanz des gegenseitigen Versagens. Die Politik Israels wird von ihm scharf verurteilt:

    The large-scale, punitive "incursion" of Israeli tanks and armored troop carriers into Palestinian cities and refugee camps in April—ostensibly to crush the "infrastructure of terror"—is likely to intensify the prevailing rage and eventually to increase the attacks by shahids. The incursions have resulted in hundreds of dead and thousands of wounded and homeless Palestinian men, women, and children, mostly children—potential shahids of tomorrow. The Israeli attacks have spread havoc everywhere and caused huge material destruction from Ramallah to Bethlehem and Hebron, aimed, it would seem, at smashing not only the "infrastructure of terror," as Sharon has claimed, but the emerging Palestinian state. The purely civilian ministries of agriculture and education and the central office of statistics were maliciously damaged. According to B'tzelem, the Israeli human rights group, the Israeli soldiers committed wanton vandalism in many places. Roads, water lines, and sewer pipes were damaged, trees uprooted, automobiles smashed, and houses razed. Military discipline seems to have sunk to an all-time low. In some places soldiers tried to break into cash drawers and automatic teller machines; they smashed with impunity clocks and artworks as well as furniture, television sets, washing machines, and computers. The pattern of vandalism was too widespread to excuse these cases as exceptions. In Ramallah soldiers broke into the Palestinian television station and started broadcasting pornographic films they claimed to have found in a drawer there. Combat helicopters hovered overhead indiscriminately firing machine guns and missiles into homes and offices.

Wie wird es weitergehen? "In view of the frozen attitudes of practically everyone involved, it is hard to see any other prospect but more bloodshed."

Warum läuft Herr R. Amok?

Nein, es soll hier nicht von der Wiener Fassbinder-Retrospektive die Rede sein, sondern von Reich-Ranicki, der gestern im ZDF "solo" seiner literarischen Beschränktheit freien Lauf ließ, und Robert Musil zu seinem Thema erkor. Nun weiß man es, dass R.-R. auch schon in der Blüte seiner Jugend nicht in der Lage war, den intellektuellen Gehalt des "Mann ohne Eigenschaften" zu erfassen, und nicht alle Menschen werden im Alter weiser. So ließ er sich gestern zwar ausführlich in die Kamera schniefend über die rührende Liebe von alten Männern zu jungen Mädchen aus, während er Musil in ein paar Sätzen abkanzelte, deren geistige Flachheit sich indirekt proportional zur ästhetischen Qualität des MoE verhält.


7. Mai 2002

Bibliothek: Neuzugänge

Urlaubszeit heißt für mich immer auch Antiquariatszeit. Es gibt ein paar ausgezeichnete Antiquariate in Wien, wo man für wenig Geld sehr gute Büchern bekommen kann. Anderere sind sich offenbar des Internetzeitalters noch nicht bewusst, so verlangte ein Verkäufer für den 1928 bei Beck erschienen Titel "Ausgewählte Schauspiele" von Calderon 42 Euro. Via ZVAB habe ich dieses Buch nun für 12,50 (inkl. Porto) bekommen.

Autor Titel Verlag Kommentar
Hugo von Hofmannsthal Komödien Büchergilde Frankfurt 1974
Ian McEwan Der Zementgarten. Roman Diogenes gebunden; Zürich 1980
Hanspeter Krellmann Anton Webern rororo monographie Reinbek 1991
Michael Babits Geschichte der europäischen Literatur Büchergilde Frankfurt 1949. 630 Seiten
Samuel Johnson Vorwort zum Werk Shakespeares Reclam UB Stuttgart 1987
Edith Wharton Römisches Fieber. Erzählungen Reclam UB Stuttgart 1987
António Lobo Antunes Die Vögel kommen zurück. Roman dtv München 1996
Ian Buruma Erbschaft der Schuld. Vergangenheitsbewältigung in Deutschland und Japan rororo Reinbek 1996; Buruma schreibt regelmäßig hervorragende Artikel für die NYRB
Samuel Butler Der Weg allen Fleisches. Roman dtv klassik München 1991
Stefan Zweig Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam Fischer TB Frankfurt 1992
Christian von Faber-Castell Alte Bücher Heyne Antiquitäten München 1980; viele Informationen rund ums Buch
Baedeker Deutschland Baedeker regulär gekauft; Sonderausgabe für 10.-
Peter Berling Die 13 Jahre des Rainer Werner Fassbinder Bastei Lübbe Bergisch Gladbach 1995


Helene Hanff: 84 Charing Cross Road. Eine Freundschaft in Briefen
(Hoffmann und Campe)


Ziemlich genau 30 Jahre hat es gedauert, bis dieses bibliomane Kleinod den Weg in deutsche Buchhandlungen fand. Die Schriftstellerin Helene Hanff, damals in sehr bescheidenen Verhältnissen in New York wohnend, stößt bei ihrer Suche nach einer günstigen Bücherquelle auf das Londoner Antiquariat "Marks & Co.". Aus einer ersten Bestellung (5. Oktober 1949) entsteht ein berührender, freundschaftlicher Briefwechsel. Es ist von den Versorgungsproblemen in London die Rede, aber selbstverständlich immer wieder von Büchern:
    Ich besitze nur drei Bücherregale und nur noch sehr wenige Bücher, die ich wegwerfen kann. Jedes Jahr im Frühjahr mache ich Bücher-Großputz und werfe die hinaus, die ich nie wieder lesen werde, so wie ich alte Kleider, die ich nie wieder tragen werde, wegwerfe. Alle Welt ist darüber schockiert. Meine Freunde sind komisch mit Büchern. Sie lesen alle Bestseller, und das so schnell wie möglich, ich glaube sie überspringen viel. Und sie lesen nie etwas zwei Mal, weshalb sie sich ein Jahr später an kein einziges Wort mehr erinnern können. Aber sie sind tief schockiert, wenn ich ein Buch in den Papierkorb werfe oder es fortgebe. Wie sie mich dabei ansehen: Man kauft ein Buch, man liest es, man stellt es ins Regal, man öffnet es nie weider im ganzen Leben, aber MAN WIRFT ES NICHT WEG! NICHT WENN ES EIN GEBUNDENES BUCH IST! Warum nicht? Ich für meine Person kann mir nichts weniger Heiliges vorstellen als ein schlechtes oder auch ein mittelmäßiges Buch.
    [S. 87f.]

Beethoven: Symphonien Nr. 2 und Nr. 5
(Wiener Musikverein 5.5.)
Wiener Philharmoniker
Dirigent: Simon Rattle


Es gibt eine für mich unerklärliche Scheu innerhalb des klassischen Konzertbetriebs, Beethovens Fünfte zu spielen. Mahlers Fünfte wird sehr viel öfter gegeben, sogar eine Reihe von Raritäten kann man regelmäßiger hören als eine der wichtigsten Werke der Symphoniegeschichte.
Von einer "Abnutzung" des Werks (oder welche abstrusen Anschauungen auch immer diesem Verhalten zugrunde liegen) kann keine Rede sein, das bewies Rattles Interpretation mit Nachdruck. Mit etwas Fantasie konnte man sich gut vorstellen, als wie un-erhört dieses Werk von Beethovens Zeitgenossen empfunden werden musste.


4. Mai 2002

Chaucer zweisprachig

Jetzt werde ich den Goldmann-Verlag doch noch einen Platz in der Reihe "Klassiker-Verlage" einräumen müssen: 2000 Seiten Canterbury-Erzählungen in drei Bänden für nur 30 Euro, zweisprachig und kommentiert, sind eine lobenswerte verlegerische Tat. Die Übersetzung stammt von Fritz Kemmler. In der "Literatur und Kunst" - Beilage der NZZ gibt es eine Rezension dazu.

John Updike: Rabbit in Ruhe. Roman
(rororo)


Knapp 2000 Seiten umfassen die vier Romane der Rabbit Tetralogie. Man sieht als Leser der Hauptfigur 40 Jahre lang über die Schulter und blickt auf ein ziemlich durchschnittliches amerikanisches Leben. Als "Zugabe" gibt es en passant einen Überblick über prägende Ereignisse der amerikanischen Nachkriegsgeschichte.
Viele Autoren gibt es nicht, die einen so wirklichkeitsreichen und psychologisch dicht gewebten fiktionalen Kosmos über eine so lange Strecke entwerfen können. Man fühlt sich unwillkürlich an die großen realistischen Romane des 19. Jahrhunderts erinnert, auch wenn Updikes Erzähltechniken deutlich avancierter sind.
Der letzte Roman bildet jedenfalls einen fulminanten Abschluss der Tetralogie, zahlreiche motivische und strukturelle Bezüge verweisen auf die drei vorangegangenen Bände. Um sie alle zu erkennen, müsste man die vier Romane am Stück lesen, nicht wie ich im Abstand von jeweils einem halben Jahr. Updike hat sich damit einen dauerhaften Platz in der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts erschrieben.

Beethoven: Symphonien Nr. 1 und Nr. 3
(Wiener Musikverein 1.5.)
Wiener Philharmoniker
Dirigent: Simon Rattle


Eines der herausragendsten Konzertereignisse in diesem Frühling ist die Aufführung aller Symphonien Beethovens mit den Wiener Philharmonikern unter Simon Rattle. Die Konzerte werden erstmals alle live auf Ö1 zu hören sein, darüberhinaus dienen die Aufnahmen als Basis für eine CD-Gesamteinspielung bei EMI.
Der Auftakt war viel versprechend, Rattles Interpretation baut teilweise auf den Erkenntnissen der Originalklangbewegung auf, ohne die Wiener Philharmoniker klanglich künstlich zu beschneiden. Das Ergebnis ist eine brillante, dynamisch fein schattierte Interpretation, die das Publikum berechtigterweise in helle Begeisterung versetzte. Morgen höre ich live noch das zweite Konzert, danach bin ich ebenfalls auf das Radio angewiesen.

Angst essen Seele auf
(Filmmuseum 1.5.)
D 1973
Regie: Rainer Werner Fassbinder


Das Wiener Filmmuseum widmet sich im Mai dem Kontinent Fassbinder. Es werden nicht zur zahlreiche Hauptwerke gezeigt, sondern auch Filme von Regisseuren, die Fassbinder geprägt haben (z.B. Godard) bzw. von Fassbinder beeinflusst wurden (z.B. Schlingensief, Aki Kaurismäki).
"Angst essen Seele auf" ist einer seiner besten Filme. Die Differenziertheit der Wirklichkeitsdarstellung ist unübertroffen, und die Feinheit der Abstufungen, mit der Fassbinder die Reaktion der Umwelt auf die Beziehung einer sechzigjährigen deutschen Putzfrau (Brigitta Mira) mit einem viel jüngeren Marokkaner (El Hedi ben Salem) zeigt, ist nicht nur vor dem Hintergrund der sonstigen Hollywood-Plattheiten eine Wohltat.
Fassbinder vermeidet alle Klischees. In einer Art strukturellen Spiegelung lebt sich das ungewöhnliche Liebespaar genau dann langsam auseinander als ihre kleinbürgerliche Umwelt beginnt, sich an die beiden zu gewöhnen. Zu groß sind die gesellschaftlichen Verletzungen und auch Emmi kann trotz ihrer Gutmütigkeit nicht umhin, Ali ihren Kolleginnen wie ein Tier vorzuführen als sich diese entschließen, sie wieder zu besuchen. Dass die beiden Polizisten, von empörten ausländerfeindlichen Nachbarn gerufen, zu den wenigen toleranten Menschen des Films gehören, ist ein kleines, aber präzises Detail, das Fassbinders brillanten Realismus (inhaltlich, nicht formal gemeint) belegt.


2. Mai 2002

In "Über die Vorzüge und Nachteile der Literatur" ...

... schreibt Leon Battista Alberti 1428 folgendes über den Gelehrtenstand:

    Wir sehen sie, vom Knabenalter an der Literatur ergeben, an die Lektüre von Manuskripten gekettet und zu Einzelhaft verurteilt: Derart zermürbt von der Regel und von ihren Lehrern, von der Mühsal des Lernens, dem unablässigen Lesen und Wiederlesen und Arbeiten, dass sie völlig erschöpft sind. Oftmals scheinen sie von kälterem Blut, als es bei Buben normal ist. Dann kommt die Jugendzeit: Ihre Gesichter werden dir zeigen, wie schön und freudvoll sie die finden. Sieh dir an, wie bleich sie sind, wie schlaff ihre Leiber, und wie niedergeschlagen sie wirken, wenn sie aus ihrer langen Haft im Gefängnis ihrer Schulen und Bibliotheken herauskommen.

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Anthony Grafton Leon Battista Alberti. Baumeister der Renaissance Berlin Grafton schreibt regelmäßig für die New York Review of Books
Helene Hanff 84 Charing Cross Road Hoffmann und Campe vielgelobtes Bibliomanikum
Joachim Unseld Franz Kafka. Ein Schriftstellerleben Fischer TB Schwerpunkt liegt auf dem Verhältnis zwischen Kafka und dem Literaturbetrieb
Paulus Hochgatterer Wildwasser rororo 3. Auflage
Fjodor Dostojewskij Verbrechen und Strafe Fischer TB In der Übersetzung Swetlana Geiers
John Steinbeck Jenseits von Eden Buchclub Ausgabe Übersetzer: Harry Kahn


1. Mai 2002

Klatsch aus dem literarischen Leben

Am 5. August 1792 heiratete Karl Philipp Moritz Christiane Friederike Matzdorff. Bereits im Dezember kam es zur Scheidung, die Dame war nämlich von ihrem Liebhaber entführt worden (bekanntlich ein stürmisches Jahrhundert, das Achtzehnte):

    Moritz eilte den Flüchtigen nach, und kam ihnen endlich auf die Spur. In einem Dorfe oder Städtchen angekommen, erfährt er auf Nachfrage im Gasthofe, daß der Herr, welchen er bezeichnet, sich im Hause befinde, und man deutet ihm an, daß er bei Moritzens Ankunft sich unter einem umgestülpten Fasse versteckt habe. Moritz tritt an das Faß, steckt die Mündung eines Pistols in das Spundloch und ruft: "Meine Frau mir herausgeben, oder ich schieße!". - Der geängstete Entführer giebt den Versteck der Frau an, denn er weiß nicht, daß das Pistol nicht geladen ist.
    [Aus: Henriette Herz, Ihr Leben und ihre Erinnerungen. Berlin 1850, S. 133f]

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers
(Büchergilde Gutenberg)


Zweig wird - ähnlich wie später Heinrich Böll - gerne in die Schublade "moralisch lobenswert, ästhetisch uninteressant" gesteckt, weshalb heute von professionellen Lesern vor allem noch seine Autobiographie gelesen wird, weniger die Novellen und Erzählungen, die sich bei einer breiten Leserschaft nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen.
In der Tat schreibt Zweig oft sehr manieriert, seine nicht nur mit Adjektiven vollgepackten Sätze können einem leicht auf die Nerven gehen. Andererseits ist er ein guter Beobachter, und er entwirft ein teilweise fulminantes Porträt seiner Zeit. Besonders geschickt arbeitet er mit diversen konstrastierenden Motiven.
Ein ausgewogenes, objektives Bild seiner Zeit hat Zweig nicht anzubieten, aber die ihm bekannte Sphäre des jüdischen Bürgertums in Wien, die Kunstbesessenheit seiner Schulfreunde, die moralische Verlogenheit der Zeit, seine intellektuellen Freunde werden mit großem Schwung beschrieben. Über das Elend der Arbeiterschaft im Wien der Jahrhundertwende ist demgegenüber kaum etwas zu lesen, aber woher sollte der junge, aus wohlhabender Familie stammende Zweig es kennen?
Die Qualität des Buches liegt in der Kombination des meist geglückten Zeitporträts mit Zweigs tragischer Lebensgeschichte. Als einer der wenigen liberalen, europäisch eingestellten Intellektuellen hat er auch zu Beginn des ersten Weltkriegs nicht den Kopf verloren. Sein Weg vom höchst erfolgreichen Schriftsteller ins Exil und in den Freitod dürfte manchen nachdenklicher stimmen als die Lektüre eines historischen Werkes.

Zyklus Alban Berg Quartett: 4. Konzert
Hugo Wolf: Italienische Serenade G-Dur
Robert Schumann: Streichquartett A-Dur op. 41/3
Béla Bartók: Streichquartett Nr. 4
(Wiener Konzerthaus 29.4.)


Nun beginnt skandalöserweise wieder die Alban-Berg-Quartett-lose Zeit des Jahres, das nächste Konzert gibt es erst im Januar. Der Abschluss des Zyklus war hervorragend, vor allem Günter Pichler (1. Violine) war so in Hochform, dass es ihn kaum auf seinem Stuhl gehalten hat. Bei Bartók wurde jede denkbare Klangnuance ausgeschöpft, von den leisesten, kaum hörbaren Tönen bis zum furiosen nur gezupften Satz.

Samuel Beckett: Glückliche Tage
(Akademietheater 30.4.)
Regie: Edith Clever
Winnie: Jutta Lampe
Willie: Urs Hefti


Nach dem beeindruckenden Konzert am Montag, folgte gestern ein höchst mittelmäßiger Theaterabend. Mag man Edith Clever als Schauspielerin auch schätzen, diese Regiearbeit zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass auf Einfälle völlig verzichtet wurde, eine Regie bar jeder Regieidee.
Das Ergebnis war eine museale Beckett-Inszenierung, die im Erdhaufen steckende Jutta Lampe zwar durchaus sehenswert, aber man hätte sich doch mehr erwartet. Immerhin wurde deutlich, dass Becketts dramatische Arbeiten wesentlich haltbarer sind als vieles, was vor vierzig Jahren entstand: Die biederen Lehrstücke eines Max Frisch etwa, werden längst zur Theatergeschichte zählen, wenn Beckett auf der Bühne immer noch zu faszinieren vermögen wird.


24. April 2002

Arts and Letters Daily

Jetzt hat auch die ZEIT bemerkt, dass es sich hierbei um eine der besten Seiten im Netz handelt.

Sibylle Berg: Hund Frau Mann
(Kasino/Burgtheater 18.4.)
Regie: Stephan Müller
Sabine Haupt, Edmund Telgenkämper, Hanspeter Müller


Die Geschichte klingt banal: Männlicher Single trifft auf weiblichen Single, eine Beziehung bricht über die beiden herein, die üblichen Probleme beginnen. Das Originelle kommt mit dem Hund ins Spiel, aus dessen Perspektive die Handlung erzählt wird.
Über die Qualität des kurzen Textes kann ich mangels Lektüre nichts sagen, die Inszenierung war aber sehr furios. Dreh- und Angelpunkt war eine riesige Videoprojektionsfläche im Hintergrund auf die mit Hilfe von Handkameras nicht nur Großaufnahmen der Gesichter projiziert wurden. Habe bisher kaum einen so gelungenen Einsatz von Videotechnik auf der Bühne gesehen. Offen bleibt jedoch, ob das Stück auch ohne solche "Bühnentricks" tragfähig wäre. Ein überzeugender Theaterabend, so viel ist sicher.

Streit im Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Eine Reihe von Buchhandlungen wehren sich gegen unfaire Praktiken von Großverlagen. Gerhard Beckmann berichtet über die jüngsten Entwicklungen.


20. April 2002

Euripides: Alkestis; Medea
(dtv Artemis)


Robert Musil hat Euripides sehr geschätzt, und man mag zu seinen Gunsten annehmen, dass diese Wertschätzung aufgrund des aufgeklärten Blickes des antiken Autors zustande kam, den dieser auf die menschlichen Leidenschaften seiner Zeit warf, nicht dadurch, dass Euripides zu Lebzeiten von den Athenern schmählich unterschätzt wurde und keine Glanzrolle wie Aischylos oder Sophokles spielte - was Musil wohl unschwer an seine eigene Rolle im Literaturbetrieb erinnerte.
Das Beiwort "aufgeklärt" wird Euripides beinahe automatisch zugeschrieben, und könnte zu dem Mißverständnis führen, als hätte er Vorläuferdramen zu "Nathan" geschrieben. "Medea" beispielsweise könnte gegensätzlicher kaum sein, läßt es doch den wildesten Gefühlen freien Lauf. Das spezifisch Aufklärerische an den Stücken des Euripides ist sein vorurteilsloser Blick auf die Misere des menschlichen Lebens:

    Ich weiß, was ich zu tun gewillt, ist böse.
    Doch stärker als Vernunft ist Leidenschaft.
    Aus ihr entstehn der Menschen schwerste Leiden.
    [Medea, 1078ff.]
Feindschaft gegen Intellektualität gab es auch im alten Athen, wie sich hier ebenfalls en passant nachlesen läßt:
    Wer Einsicht hat, der meidet, seine Kinder
    Zu auserles'ner Weisheit zu erziehn,
    Weil das dem tät'gen Leben sie entfremdet
    Und bei dem Volk Mißtrau'n und Haß erregt.
    Trägst du dem Flachkopf tiefe Weisheit vor,
    So hält er dich für einen Sonderling
    Und nicht für weise. Zeigst Du überlegen
    Dich denen, die 'was recht's zu wissen glauben,
    Wird die Gesellschaft bald dich lästig finden.
    Ach! Davon weiß auch ich ein Lied zu singen.
    [Medea, 295ff.]
Nicht nur Medea, auch Euripides wird davon ein Lied zu singen gehabt haben, drängt sich als Vermutung bei der Lektüre dieser Zeilen auf.
An "Alkestis" interessierte mich - wie so oft - ein geistesgeschichtlicher Aspekt. Die Protagonistin erklärt sich freiwillig bereit, für ihren Gatten Admetos in den Tod zu gehen, um dessen Leben zu verlängern. Das freiwillige Opfern des eigenen Lebens aus selbstloser Liebe ist nun ein Verhalten, das gemeinhin dem Christentum als ethische "Erfindung" angerechnet wird, Jesus wird üblicherweise als Erfinder kolportiert. In Wahrheit wurden nicht selten alte Motive aufgegriffen und rhetorisch etwas zugespitzt, um diesen aufpolierten Fundus dann Bauern und Fischern als neue Religion zu verkaufen.

Ironielose Postmoderne

Wer Woody Allens "Deconstructing Harry" sah, wird sich daran erinnern, mit welch feinen Ironie er am Ende diese "Denk"-"Methode" behandelt: In Wahrheit seien Harrys Romanfiguren ja alle sehr lustig (statt des Gegenteils) merkt eine Studentin altklug an, sie habe das bei der Dekonstruktion seiner Bücher festgestellt.
Ironie ist offenbar eine Kategorie, die man innerhalb der postmodernen Geisteswissenschaft auf alles anwendet, nur nicht auf die eigenen akademischen Arbeiten, sonst könnte diese Anzeige eines neuen Buches schwerlich ernst gemeint sein: "Deconstructing Woody Allen" wählte Angelika Janssen als Titel für ihr von uns schon lange erwartetes Buch denn: "Dekonstruktion ist eine bei der Interpretation und in der Kritik von Woody Allens filmischem Werk bisher zu wenig berücksichtigte Kategorie."
Zweifelsohne ist die Wissenschaftlichkeit eine bei der postmodernen Interpretation bisher zu wenig berücksichtigte Kategorie. Der Peter Lang Verlag druckt offenbar immer noch alles, wenn der Druckkostenzuschuss stimmt.

Dr. Faustus

Interessantes über die Entstehung des Romans weiß Ulrich Weinzierl anläßlich des eben erschienenen Briefwechsels zwischen Thomas Mann und Theodor W. Adorno zu berichten.

Paulus Hochgatterer: Caretta Caretta. Roman
(rororo)


Erlaubt man sich einen simplifizierenden Blick auf die österreichische Gegenwartsliteratur, so lassen sich unschwer zwei Richtungen ausmachen: Gelungenes sprachlich-experimentelles, also "materialbewusstes" Schreiben (Jelinek, Franzobel, Fian und wie sie alle heißen) auf der einen, gut gemeintes (Menasse) langweiliges (Köhlmeier), schlicht schlechtes (Martin Amanshauser) oder schmerzhaft peinliches (Robert Schneider, der "Kunigunde die Hirschkuh" zur unvergesslichen Heldin machte) "Erzählen" auf der anderen Seite.
Hochgatterer nun ist hier eine Ausnahme: Er schreibt nicht experimentell und legt doch literarisch spannende Werke vor. Dabei schöpft er aus dem Fundus seiner Erfahrung als in Wien tätiger Kinder- und Jugendpsychiater. Der Held von "Caretta Caretta" ein Wiener Strichjunge, der aus seinem Alltag ausbricht und einen todkranken "Klienten" in die Türkei begleitet. Nach dem Erscheinen des Buches war sofort von "Entwicklungsroman" die Rede, ein klassischer Pawlowscher Reflex der deutschsprachigen Literaturkritik, obwohl es Hochgatterer wohlweislich am Ende offen läßt, ob Dominiks Leben eine positive Wende nehmen wird.
Die literarische Kunst Hochgatteres läßt sich an zwei Punkten festmachen: Er beherrscht die Technik des Aussparens perfekt. Gerade die traumatischen Erlebnisse des Jungen leuchten immer nur kurz aber eindrücklich auf, die "Leerstellen" sind virtuos gesetzt. Hinzukommt das erstaunlich genaue Treffen des Tons, denn der Roman ist aus der Ich-Perspektive des Protagonisten erzählt, bekanntlich ein heikles Unterfangen. Bis auf ein paar Ausrutscher gelingt es Hochgatterer, die Erzählsituation plausibel zu gestalten. Eine Empfehlung.


14. April 2002

Neues zur Erkenntnistheorie

Es gibt sie immer noch, jene monomanen Philosophen, die unbeeindruckt von akademischen Gewohnheiten ihren Forschungen nachgehen. Einer davon ist Brian O'Shaughnessy, der mit "Consciousness and the World" (Oxford University Press) 700 engbedruckte Seite zu diesem Thema vorlegt. Thomas Nagel hat es für die The New York Review of Books (5/2002) rezensiert, zeigt sich vom Detailreichtum der Studie beeindruckt und rät potenziellen Interessenten dringend, sich nicht von dem Umfang des Buches abschrecken zu lassen:

    [...] because the book offers a great deal of insight about the most conspicuous and least thing in the universe - ourselves.
    If we are to make progress over the long term in understanding how mind fits into the world, it will take detailed phenomenological investigations like O'Saughnessy's as well as research on the brain and on behavior.

Michael Siebler: Troia. Mythos und Wirklichkeit
(Reclam UB)


Es ist kein kleines Kunststück in einem schmalen Band einen Überblick über die Troia-Forschung zu geben. Siebler fasst nicht nur die archäologische Geschichte der Ausgrabungen auf Hisarlik zusammen, sondern liefert auch einen kurzen, aber prägnanten Überblick über die Homer-Forschung. Schon bald wird klar, dass er in dem aktuellen Streit auf der Seite Manfred Korfmanns steht, dessen Forschungsarbeit er - durchaus nachvollziehbar - sehr positiv bewertet, indem er die wichtigsten Ergebnisse derselben präsentiert.

Klassiker-Verlage (17): Pengiun Classics

Sechzehn deutschsprachige Verlage waren es, die in nennenswertem Umfang "klassische" Bücher verlegen. Die Penguin Classics sind das Aushängeschild der angelsächsischen Verlagszene, was die Veröffentlichung von "great books" angeht. Quantitativ gehört sie mit 1600 Titeln zu den umfangreichsten Klassiker-Reihen. Die Editionsqualität ist in der Regel ebenso solide wie die Übersetzungen. Eine vergleichbare Reihe auf Deutsch machte den hiesigen Buchmarkt bei weitem attraktiver.


13. April 2002

Ernst Pawel: Das Leben Franz Kafkas. Eine Biographie
(rororo)


Kafka hasste seinen Vater und nahm zeitlebens seine Mahlzeiten mit der Familie ein. Er war höchst lärmempfindlich, klagte ständig eloquent darüber, und bewohnte viele Jahre lang ein Durchgangszimmer (!) in der elterlichen Wohnung, obwohl er sich dank seines Brotberufs jederzeit eine eigene ruhige Wohnung hätte leisten können. Oft fällt es schwer, Kafkas Verhalten verstehen.
Die Lebensgeschichte Kafkas zu schreiben, gehört sich zu den größeren Herausforderungen der Biographenzunft. Der in Berlin geborene und 1933 in die USA emigrierte Ernst Pawel wagte den Versuch und legte das Ergebnis 1984 vor: "The Nightmare of Reason. The Life of Franz Kafka". Den Kennern sei es gleich gesagt: Neue Erkenntnisse sind in dem Buch nicht zu finden. Wer sich jedoch mit einer ausführlichen (500 eng bedruckte Seiten), in weiten Teilen soliden und gut lesbaren Biographie zufrieden gibt, wird nicht enttäuscht werden.
Der historische Kontext, der Freundeskreis, Prag (...) werden kompetent und prägnant beschrieben. Vergebens sucht man dagegen viele Klischees, etwa das des lebensfremden, blind durch das Leben stolpernden Dichters. Diese Einschätzung wird üblicherweise den Briefen und Tagebüchern entnommen, und Kafka hat sich selbst tatsächlich so beurteilt. Pawel stellt diesen zermürbenenden Selbstzweifeln eine objektive Sicht entgegen: Kafka leistete als Beamter der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt hervorragende Arbeit, bekam ausgezeichnete Zeugnisse, wurde regelmäßig befördert und mit immer wichtigeren Aufgaben betraut. Von praktischer Lebensunfähigkeit im Beruf also keine Spur.
Erfrischend auch Pawels mangelnde Ehrfurcht vor der akademischen Kafka Forschung. Abwegige Interpretation weist er zurück, hält sich lieber an das Werk als an von außen an den Text herangetragene Theorien. Allerdings geschieht dieses Zurückweisen mehr aus Instinkt denn als theoretischer Einsicht, was für das Buch insgesamt gilt. Die einzige Theorie, auf die Pawel (erfreulicherweise sehr selten) zurückgreift ist die Psychoanalyse, wenn es um Kafkas Familienkonstellation geht. Manchmal neigt Pawel auch zu wenig nachvollziehbaren Pauschalurteilen, was der Klappentext wohl mit dem Adjektiv "meinungsfreudig" zu kaschieren versucht.
Fazit: "Das Leben Franz Kafkas" ist ein gelungenes Beispiel für das angloamerikanische Genre der Biographie. Sie eignet sich nicht nur für Literaturinteressierte, die aus unbegreiflichen Gründen die Welt Kafkas noch nicht betreten haben, sondern lohnt die Lektüre auch für dezidierte Kafka-Leser.

David Hume (1711-1776)

Die Philosophie der Aufklärung war und ist eine höchst komplexe Angelegenheit, was von den Verächtern derselben gerne übersehen wird, da sich auf imaginäre Konstruktionen besser einschlägt als auf eine in ihrer Heterogenität durchaus gemeinsame Züge aufweisende Denkrichtung.
Einer der herausragendsten Denker der Aufklärung war der Schotte David Hume, dessen Bedeutung in der Entwicklung der empiristischen Philosophie gar nicht überschätzt werden kann. Bewertet man philosophische Leistungen ist nicht immer nur das konkrete Ergebnis in Form von Theorien entscheidend (auch hier hat Hume Beachtliches geleistet), sondern auch die Art und Weise, wie diese Erkenntnisse gewonnen werden, die Methode des Denkens. Es klingt wie eine Binsenweisheit, ein Philosoph müsse ohne Vor-Urteile sine ira et studio seiner Tätigkeit nachgehen. Die Philosophiegeschichte zeigt jedoch, dass diese Herangehensweise nicht immer wie wünschenswert befolgt wurde.
Bei Hume war sie weit ausgeprägt, und sein Versuch, eine empirische Erkenntnistheorie von Grund auf zu erstellen, gehört zu seinen größten Verdiensten. Das Ergebnis seiner Bemühungen ist in "An Enquiry in Human Understanding" nachzulesen. Schritt für Schritt setzte er das menschliche Erkenntnisvermögen basierend auf "impressions" (Sinneswahrnehmungen) und "ideas" zusammen, ließ nur gelten, was sich evidenterweise herleiten ließ. Diese "Sturheit" beeindruckte nicht nur Kant ungemein - Hume gab Kant den Anstoß zur Entwicklung seiner kritischen Philosophie -, sondern führte ihn zu einer seiner größten intellektuellen Leistungen: der Analyse der Induktion und der Kauslität. Hume zeigt so Schritt für Schritt die logische Unzulässigkeit von Schlüssen, die von vergangenen Erfahrungen auf zukünftige schließen (das berühmte Induktionsproblem). Er konnte ebenso nachweisen, dass von empirischen Prämissen ausgehend, das Prinzip der Kausalität nicht (im strengen logischen Sinn) beweisbar ist.
Beides ein (bis heute nachwirkender) schwerer Schlag für die Wissenschaft und einer von vielen Belegen dafür, dass der Kurzschluss "Aufklärung - Wissenschaft - viele Übel der Menschheit" von einer ebenso beeindruckenden wie hartnäckigen Kurzsichtigkeit zeugt. Die besten und kompetentesten Kritiker der rationalen Weltanschauung bedienten sich selbst rationaler und empirischer Methoden - und trugen dadurch maßgeblich zum geistigen Fortschritt bei.
Humes Erkenntnistheorie eignet sich auch zur Veranschaulichung einer weiteren Leistung: Er hatte keine Scheu vor anthropologischen Überlegungen. So schädlich prinzipiell die Vermengung von psychologischen und philosophischen Fragestellungen ist, so progressiv war sie geistesgeschichtlich zur Zeit Humes. Es seien zwei Beispiele genannt: 1. Hume führte die globale, unreflektierte Anerkennung des Kausalitätsprinzips auf psychologische Mechanismen zurück (was knapp 200 Jahre später die Experimente der Gestaltpsycholgen belegten). 2. Er lehnte ("Of the Original Contract") die damals von Locke und anderen vertretenen sozialphilosophischen "Vertragstheorien" als nicht nur historisch falsch und naiv ab, sondern setzte ihnen plausible anthropologische Erklärungsversuche - die Entstehung von höher entwickelten Gesellschaften aus der Keimzelle der Familie - gegenüber.
Hume folgte seinen skeptischen Gedanken, wohin sie ihn führten, auch wenn die Ergebnisse aus Sicht (s)eines empirisch-aufgeklärten Weltbildes oft wenig erfreulich waren. Kant hat Humes Denkschärfe berechtigterweise bewundert. Die Beschäftigung mit seinen Werken eignete sich hervorragend als Einstieg in die Philosophie der Aufklärung.


11. April 2002

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Baedeker Österreich Baedeker 9. Auflage 2000
Franz Kafka Briefe 1900-1912 S. Fischer kommentierte Ausgabe; 50 Euro
Klaus Wagenbach Kafkas Prag. Ein Reiselesebuch. Wagenbach SALTO sehr schöne Ausgabe
Klaus Wagenbach Franz Kafka. Bilder aus seinem Leben. Wagenbach Paperback; antiquarisch erworben
Samuel Beckett Glückliche Tage suhrkamp taschenbuch dreisprachige Ausgabe

The New York Review of Books und die Religion

Die Ausgabe 5 der NYRB hat einen ungewöhnlichen Schwerpunkt: Religion. Freeman J. Dyson beschäftigt sich mit den seltsamen Endzeitvisionen des John Polkinghorne und dessen argumentativen Verrenkungen:
    The way a scientific argument goes is typically as follows: We have a number of theories to explain what we have observed. Most of the theories are probably wrong or irrelevant. Then somebody does a new experiment or a new calculation that proves that Theory A is wrong. As a result, Theory B now has a better chance of being right. The way a theological argument goes is the other way round. We have a number of theories to explain what we believe. Different theologians have different theories. Then somebody, in this case Polkinghorne, declares that Theory A is right. As a result, Theory B now has a better chance of being wrong.
Die weltlichen Eskapaden eines amerikanischen ZEN Gurus schildert Frederick Crews anhand des Buches von Michael Downing: "Shoes Outside the Door. Desire, Devotion, and Excess at San Francisco Zen Center". Erhellende Einblicke für an Religionspathologie Interessierte sind gewährleistet.
Erfreuliches hat auch Beinahe-Jesuit Garry Wills über den Niedergang des Jesuiten-Ordens zu berichten. Es gäbe kaum mehr Nachwuchs, weshalb immer mehr weltliche Lehrer eingestellt werden müssten.
Die unrühmliche Rolle des Vatikans bei der Entstehung des modernen Antisemitismus schließlich steht im Mittelpunkt des Aufsatzes von Owen Chadwick. David I. Kertzer schrieb ein materialreiches Sachbuch zum Thema: "The Popes Against the Jews: The Vatican's Role in the Rise of Modern Anti-Semitism".


10. April 2002

Kirch Media ist pleite!

Die gute Nachricht für alle Kulturpessimisten: Audiovisueller Müll garantiert keine florierenden Firmen.

Der österreichische PEN Club

Er spielte keine unwichtige Rolle im österreichischen literarischen Leben, weshalb das anzuzeigende umfangreiche Buch von Roman Rocek über den Club eine wichtige Lücke schließt.

Pulitzer Preise 2002

Die New York Times hat eine nützliche Übersichtsseite zusammengestellt, auf der sich auch Links zu den Rezensionen der ausgezeichneten Bücher befinden.

Grass, Schlink und Co.

Die peinlichen Versuche, aus Grass einen Revisionisten zu machen und Schlinks außergewöhnlichen Roman "Der Vorleser" aus der Literatur zu verbannen kommentiert Volker Hage in einem ausführlichen Artikel.

Astronomisches

Eine der spannendsten wissenschaftlichen Unternehmungen der letzten Jahre ist die Suche nach Planeten außerhalb des Sonnensystems, von denen man inzwischen ca. 100 nachweisen kann. BBC Online berichtet über neue Erkenntnisse durch Simulationen.


8. April 2002

Gesucht: Lukas von Hildebrandt

Er hat mehrere der schönsten Gebäude in Wien errichtet, das Belvedere etwa oder die Piaristenkirche, weshalb man ihn geheimhin zu den wichtigsten Architekten des Barock zählt. Desto erstaunlicher: Es war mir nicht möglich, auch nur ein Buch über von Hildebrandt zu finden (die üblichen Datenbanken wurden naturgemäß befragt).

Doderer: Die Merowinger oder Die totale Familie. Roman
(dtv)

Ein eigenartiges Lektüreerlebnis. Ich kann mich an keinen Roman erinnern, bei dem meine Bewertung so oft zwischen Extremen schwankte. Sehr positiven Urteile (skurril, einfallsreich, höchst originell, singulär...) standen abwechselnd negative (langatmig, an den Haaren herbeigezogen, überladen, zu viele Wiederholungen...) gegenüber.
Ein endgültiges Verdikt soll auch an dieser Stelle auch nicht gesprochen werden. "Die Merowinger" stehen in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur jedenfalls ziemlich einmalig da, was an sich schon für eine große kreative Leistung spricht. Die Art des Humors erinnert stellenweise frappierend an Monty Python. Bereue es nicht, das Buch gelesen zu haben.

Shakespeare: Viel Lärm um Nichts
(Theater an der Josefstadt am 7.4.)
Regie: Marcello de Nardo
Michael Dangl, Valentin Schreyer, Sandra Cervik, Herbert Föttinger


Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie eine 400 Jahre alte Komödie ein heutiges Theaterpublikum in den Bann zu ziehen vermag. Voraussetzung sind natürlich ausgezeichnete Schauspieler und eine plausible Inszenierung. Das Bühnenbild war vergleichsweise abstrakt (eine Art Rampe mit zwei Ebenen, ideal auch zum Herumturnen). Marcello de Nardo siedelte die Handlung im Mafiamilieu an, ohne seine Inszenzierung penetrant darauf aufzubauen. Musikalisch sorgten Liebesschnulzen diverser Musiksparten regelmäßig für ironische Distanz.

Hans Magnus Enzensberger und die Naturwissenschaften

Nicht immer klingt es hohl, wenn das schöne Wort auf die exakten Wissenschaften trifft. Dieter E. Zimmer rezensiert den neuen Essayband des Autors:

    Keinen Augenblick lang hört HME auf die verwirrenden Sirenengesänge der wissenschaftskritischen Postmodernisten, die den Naturwissenschaften genau diese ihre tendenziell objektive Gültigkeit absprechen und jede wissenschaftliche Erkenntnis am liebsten für ein subjektives sozialpsychologisches Konstrukt halten würden, einen Text mehr, an dem sie ihre akrobatischen Dekonstruktionskünste auslassen können.


6. April 2002

Wolfgang Beck und sein Verlag

Porträtiert von Wieland Freund.

Kafka und Bücher
(Aus: Pawel, Das Leben Franz Kafkas. S. 184f.)


Es wahrte eine innere Distanz zu seinen Mitmenschen, war aber dennoch selten allein: man muß immer wieder die Rolle der Lektüre in Kafkas Leben betonen. Bücher waren seine wahren Lehrer, seine intimsten Freunde, manchmal allerdings auch seine gefährlichsten Feinde. "Manches Buch wirkt wie ein Schlüssel zu fremden Sälen des eigenen Schlosses", schrieb er 1903 an Oskar Pollak.
Er liebte Bücher, liebte es, sie anzufassen oder sie einem Schaufenster ausgestellt zu sehen. Brod berichtet, daß Kafka seines Wissens nach niemals Bücher aus der reichhaltigen Bibliothek der "Lesehalle" ausgeliehen habe, aber die alten kleinen staubigen Buchhandlungen der Stadt gehörten zu seinen liebsten Aufenthaltsorten, und sein ganzes Leben lang suchte er in Verlagsprospekten nach Lektüre, die ihn interessieren konnte. In anderer Beziehung sparsam, manchmal sogar ausgesprochen geizig, ließ er sich zu Extravaganzen hinreißen, wenn es um Bücher ging - und er hatte kein schlechtes Gewissen dabei [beneidenswert :-); CK]. Seinen Freunden gegenüber war er ausgesprochen großzügig; er überreichte ihnen gerne einen mit Bedacht ausgewählten Roman oder einen Band Gedichte als Geschenk. Aber er war kein Sammler, seine Gier wurde nicht durch antiquarische Raritäten oder schöne Einbände geweckt, sondern durch den Text, der sich zwischen den Buchdeckeln fand. Er kaufte die Bücher nicht nur, er las sie auch. [...]
Brod zählt einige von Kafkas frühen Lieblingsautoren auf: Goethe, Thomas Mann, Hesse und Flaubert, dazu eine Reihe von deutschen Klassikern des neunzehnten Jahrhunderts, Hebbel zum Beispiel, Fontane und Stifter [...] Selbstverständlich wandelte sich Kafkas Geschmack im Laufe seines Lebens und seine Leidenschaft für Schriftsteller wie Flaubert, Hofmannsthal, Dickens, Dostojewkski, später Goethe, Kleist und Kierkegaard, bezeugt sein geistiges Wachstum.

António Lobo Antunes

In der aktuellen ZEIT-Literaturbeilage hat Martin Lüdke anläßlich zweier neuer Übersetzungen ("Fado Alexandrino", "Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht") einiges Interessante über Antunes zu sagen:

    Hut ab! Das ist Weltliteratur. Eine portugiesische comédie humaine, mit den Mitteln des späten 20. Jahrhunderts erzählt, kompromisslos mit Rücksicht nur auf das, was erzählt werden muss. Aber rücksichtslos gegen den Leser [...]
    António Lobe Antunes hat sich einmal dafür entschuldigt, dass er "nicht undeutlicher geworden" sei. Diese Unschärfe ist also nicht nur gewollt, sondern das präzise Resultat seines umständlichen Verfahrens. Nicht nur Menschen und Schicksale gehen auf diese Weise in die Erinnerung des Lesers ein, sonder weit mehr.


2. April 2002

Fanpost

Ekkehard Knörer, der gerade auf dem Nachttisch mit Heidegger das Denken lernt, interessante Hypothesen über die semantische Codierung meiner neuronalen Netze aufstellt & seinen Urlaub diese Woche lobenswerterweise in Wien verbringt, hat nicht nur meine gestrigen Notizen, sondern auch einen halben Antunes-Roman gelesen. Mehr ist anscheinend nicht notwendig, um vor einem der besten europäischen Autoren zu warnen. Mein Ratschlag an alle Mitlesenden: Kauft Euch das "Handbuch der Inquisitoren" und urteilt selbst.

Das flämische Stillleben
(Kunsthistorisches Museum im Palais Harrach; 2.4.)


Eine eindrucksvolle Sammlung an niederländischer Malerei hat das KHM für diese Ausstellung zusammengetragen. Wer sich einen Überblick über dieses Genre verschaffen will, sollte unbedingt einen Besuch einplanen. Die Exponante sind teilweise thematisch (z.B. Prunkstillleben, memento mori), teilweise nach den herausragendsten Künstlern (z.B. Jan Brueghel d. Jüngeren) angeordnet.
Die technische Perfektion ist meist ebenso beeindruckend wie die frappierende botanische und zoologische Präzision. Das Spiel zwischen buntem Alltag und allegorischen Symbolen übt einen eigenartigen Reiz auf den Betrachter aus.
Das Palais Harrach wäre alleine schon einen Besuch wert, nicht nur weil es als Vorlage für das Palais Leinsdorf im "Mann ohne Eigenschaften" diente.

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Paulus Hochgatterer Caretta, Caretta. Roman rororo in den letzten Jahren vielgelobter öster. Autor
Bertelsmann Bertelsmann Weltaltlas. Das neue Bild der Erde Bertelsmann Werbegeschenk
Gianluca Ranzini Atlas des Universums. Sonnensysteme, Galaxien, Sternenbilder Bertelsmann Werbegeschenk
Roman Sandgruber Illustrierte Geschichte Österreichs Pichler Werbegeschenk; bunt und populär

Newton in Begleitung

Nun gibt es auch einen "The Cambridge Companion to Newton" (ISBN 0521656966; 22$). Wurde höchste Zeit!

Klassiker-Verlage (16): Suhrkamp

Auch wenn Suhrkamp nur teilweise zu den bisher behandelten 15 Verlagen passt, verdient er wegen der zahlreichen Werkausgaben (von Hegel über Kraus bis Adorno) eine besondere Erwähnung. Nach der Pleite von Haffman wird auch das Werk Arno Schmidts von Frankfurt aus betreut.


1. April 2002

Die Notizen des 1. Quartal 2002 ...

... wurden wie gewohnt in einer eigenen Datei archiviert.

António Lobo Antunes: Reigen der Verdammten. Roman
(dtv)


"Das Handbuch der Inquisitoren", mein erster Roman von Antunes, steckte die Erwartungen hoch. Sein innovatives, bildmächtiges, dichtes Erzählen war eine Entdeckung. Der "Reigen der Verdammten" enttäuschte nicht, auch wenn er etwas weniger abgerundet als das später erschienene Werk anmutet.
Lesemüde Kritiker, die an ein Buch nicht mehr Ansprüche stellen als an einen durchschnittlichen Hollywood-Film, und ständig lamentierend "Unterhaltsamkeit" einfordern, werden von Antunes erfreulicherweise ignoriert. Warum sollte er auch auf die ästhetischen Mittel der modernen Erzählkunst verzichten? Der literarischen "Unterhaltungswert" erreicht dadurch Höhen, die sanft-realistisches Dahinplätschern kaum je erreichen wird. Naturgemäß muss von Antunes alles gelesen werden :-)

Musik- und Naturwissenschaft

Eine seltsame Zusammenstellung in der Tat, und ausgesprochen peinlich, wenn ein Musikwissenschaftler meint, in einem Programmheft des Wiener Musikvereins über etwas zu schreiben, was er für Naturwissenschaft hält:

    Viele Kompositionen des Meister entstanden auf Grund außermusikalischer, meist naturwissenschaftlicher Anregungen [...] Damals beschäftigte sich Varese häufig mit den Schriften des Paracelsus, insbesondere mit dessen "hermetischer Alchimie" [...]

Die Alchimie als eine Naturwissenschaft des 20. Jahrhunderts, o.Univ.-Prof. Mag. Hartmut Krones mein Kompliment für Ihren Interdisziplinären Scharfsinn!



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