Übersicht --- Notizen --- Archiv --- 2. Quartal 2003
|
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Franz Werfel | Verdi. Roman der Oper | Aufbau | 1986; via Booklooker |
| Sabine A. Döring | Ästhetische Erfahrung als Erkenntnis des Ethischen. Die Kunsttheorie Robert Musils und die analytische Philosophie | mentis | Erschienen in der von Harald Fricke hrsg. Reihe Explicatio; via Booklooker |
| Journal of the History of Ideas | 1/2003 | John Hopkins University Press | Schwerpunkt: Early Modern Information Overload; Freedom and Autonomy in Schiller; Pieter Bruegel |
| Musil Forum | 23./24. Jhg. | Int. Robert-Musil-Gesellschaft | diverse Aufsätze, Musil-Biographie |
29. Mai 2003
Verdi: Otello
(Staatsoper 28.5.)
Regie: Peter Wood
Dirigent: Marcello Viotti
Otello: Clifton Forbis
Jago: Renato Bruson
Desdemona: Miriam Gauci
Musikalisch hervorragenden, szenisch erzkonservativ, also eine "klassische Staatsopern-Oper". Die Sänger und Sängerinnen waren alle sehr gut disponiert, vor allem Clifton Forbis' Otello war differenziert und wohlklingend.
Die Inszenierung war gewohnt aufwändig, was Bühnenbild, Kostüme und Statisten angeht. Opernästhetisch besteht allerdings gewaltiger Nachholbedarf in Wien. Das musikalische Niveau dagegen dürfte nur von wenigen Häusern weltweit zu überbieten sein.
Anthropologische Differenzen
Die BBC berichtet über eine Debatte unter Anthropologen, die durch eine (angeblich) 400.000 Jahre alte Skulptur ausgelöst wurde.
Die Brüder Karamasow
Viele warten auf die neue Übersetzung dieses Romans durch Swetlana Geier, nun ist es bald so weit. Laut Ammann Verlag erscheint sie im September. Zwei Leinenbände im Schuber werden 78 Euro kosten.
25. Mai 2003
Über die Gefahren der "Alternativ"medizin
Zahlreiche seltsame "Therapien" finden sich im Angebot. Immer mehr Ärzte bieten aufgrund der Nachfrage immer seltsamere "Heilverfahren" an, obwohl sie hinreichend gut ausgebildet sein sollten, um die Wirkungslosigkeit dieser esoterischen Angebote verstehen zu können.
Nun könnte man die Meinung vertreten, dass es jedem Kranken freisteht, sich durch Heilungsverfahren zu schädigen, die schon aus naturgesetzlichen Gründen gar nicht wirken können (wie die Homöpathie). Ein kurzer Blick auf die Medizingeschichte zeigt ohnehin, dass Patienten zu den seltsamsten Verhaltensweisen neigen.
Leider ist es nicht ganz so einfach, was sich am Beispiel des Impfverhaltens zeigt. Die Impfraten sinken aufgrund der (statistisch leicht widerlegbaren) Propaganda von Alternativ"medizinern" immer mehr. Zahlreiche Eltern sind so verantwortungslos und lassen ihre Kinder nicht mehr impfen. Sie schaden damit nicht nur ihrem eigenen Nachwuchs, sondern gefährden durch diese irrationale Kurzsichtigkeit auch ihre Mitmenschen. So traten nun nach mehreren Jahren wieder Fälle von Kinderlähmung in Europa auf. Ein Beleg dafür, dass die Alternativmedizin, nicht nur nichts nützt, sondern gravierende Schäden anrichtet.
(vgl. Spektrum der Wissenschaft 4/2003, Editorial)
Doderer: Ein Mord den jeder begeht. Roman
(dtv)
Doderer hat dieses 1939 erschienene Buch zu seinen Jugendwerken gezählt. Der Titel deutet einen Kriminalroman an, aber schon die ausführlich geschilderte Kindheit des Conrad Castiletz in Wien spricht gegen diese Rubrizierung.
Daran ändert auch nichts, dass eine kriminalistische Pointe im Zentrum der Entwicklung des "Helden" steht. Ein Held ist er nicht, der junge Castiletz, vielmehr ein klassischer Mitläufer mit einem gewissen Hang zum Sadismus. Zu dieser politischen Note trägt auch die eigenartig negative Atmosphäre bei, die den Roman durchzieht.
Doderers Erzählkunst zeigt sich aber vor allem in der seiner sprachlich treffenden Schilderung des Innenlebens seines Helden. Sein Stil ist reich an unorthodoxen, aber trotzdem genauen Bildern und Vergleichen. Wirklich schade, dass Doderer nicht mehr als eine Handvoll Romane schrieb ...
Tom Stoppard: Das einzig Wahre
(Theater in der Josefstadt 24.5.)
Regie: Beverly Blankenship
Diess Theateraufführung läßt sich ausgezeichnet mit einem Adjektiv beschreiben: lähmend. Von den acht von mir besuchten, meist beachtlichen Inszenierungen dieser Spielzeit war das der absolute josefstädter Tiefpunkt , was alles in allem ja ein akzeptabler Schnitt ist. Über das Stück zu urteilen fällt mir schwer, vermutlich wäre es mit einer gelungenen Regie akzeptabel, auch wenn die Dialoge und Pointen nur selten das Niveau der besseren Woody-Allen-Filme erreichen, die in etwa im selben intellektuellen Milieu spielen. Die lähmende Wirkung stand übrigens in einem erstaunlichen Gegensatz zur Umtriebigkeit auf der Bühne. Keinesfalls ansehen!
21. Mai 2003
Reise-Notizen Sizilien
Zu finden nun kompakt in einer Datei.
Alexander Ostrowskij: Der Wald
(Burgtheater 8.5.)
Regie: Tamás Ascher
Kirsten Dene, Sven-Eric Bechtolf, Martin Schwab u.a.
Diese russische Komödie aus dem Jahr 1871 gibt der Burgtheater-Prominenz die Möglichkeit, sich schauspielerisch auszutoben. Bechtolf spielt hervorragend einen drittklassigen Schauspieler, Martin Schwab einen kaum besseren Komiker, während Kirsten Dene als geizige Gutsbesitzerin brillieren darf.
Das Stück selbst ist eine passable Komödie, angereichert durch handfeste Sozialkritik. Es ist allerdings weit von der psychologischen Subtilität, die Tschechow zwanzig Jahre später auf die Bühne brachte.
Kindesmisshandlungen und Katholizismus
Man glaubt zu wissen, wie es in katholischen Internaten zuging. Wer seine Kenntnisse über diese Form der praktizierten Nächstenliebe auffrischen will, kann dies hier tun.
Moderne Erzähltheorie
So heisst ein bei UTB publizierter Aufsatzband, der von Stefan Schmitzer rezensiert wird.
Vorsicht Literaturwissenschaft!
Dass in der Literaturwissenschaft anstatt seriöser Erkenntnisse oft originelle Spektakel angesagt sind, zeigt die Arbeit eines Siegener Literaturwissenschaftlers, der die Karl-May-Lektüre Hitlers für Hitlers Osteuropa-Pläne verantwortlich macht.
20. Mai 2003
Reise-Notizen Berlin (1): Theater
Drei Theaterabende mussten genügen, um einen kleinen Eindruck vom Berliner Theaterleben zu erhalten. Ich wählte dazu klassische Repertoireaufführungen aus, die mehr über die alltägliche Theaterkultur verraten, als irgendwelche speziellen Veranstaltungen.
Sophokles: Antigone (Kammerspiele des Deutschen Theaters am 1.5.)
Der erste Theaterbesuch setzte hohe Maßstäbe: Die Inszenierung von Peter Wittenberg traf genau den Punkt zwischen Modernität und Werktreue, die einer antiken Tragödie angemessen ist. Der Chor wurde durch die Schauspieler selbst gesprochen, die durchgehend sehr gute Leistungen erbrachten, besonders Inka Friedrich als Antigone und David Rott als Haimon.
Sophokles Werk halte ich für eines der besten Dramen überhaupt, dessen Zeitlosigkeit mich bei jeder Lektüre oder Aufführung erneut verblüfft. Ein Höhepunkt der Weltliteratur, man möge mir diese Phrase verzeihen.
Tschechow: Die Möwe (Gorki Theater am 2.5.)
Die klassisch-psychologische Inszenierung von Luc Bondy (Wiener Akademietheater) noch in guter Erinnerung, war der Kontrast besonders reizvoll. Katharina Thalbach lieferte solides Regietheater ab, garniert mit zahlreichen (mehr oder weniger) witzigen Einfällen und einigen gelungenen Theaterbildern. Schauspielerisch gab es nichts auszusetzen.
Eine Entscheidung zwischen beiden Regiestilen zu treffen, fiele mir schwer. Beide Varianten haben ihre Berechtigung. Die Theaterästhetik kann von einer pluralistischen Herangehensweise nur profitieren. Das beliebte Ausspielen von Regietheater gegen "literarische" Inszenierungen führt zu nichts und sollte deshalb tunlichst unterlassen werden.
Noch ein Wort zum Publikum: Die Berliner scheinen "modernen" Inszenierungen wesentlich aufgeschlossener gegenüber zu stehen als die Wiener, gemurrt wurde kaum. Die allgemeine "Theaterkompetenz" scheint jedoch nicht größer zu sein. Zumindest war es ein hartes Stück Arbeit, ein Berliner Ehepaar, nach eigener Aussage regelmäßige Theaterbesucher, davon zu überzeugen, dass "Die Möwe" mit dem 3. Akt (Pause) noch nicht zu Ende war ...
Goethe: Stella (Deutsches Theater am 3.5.)
Der einzige theatralische Reinfall in Berlin. Stephan Kimmings völlig überdrehte Regie setzt auf eine Mischung von Slapstick und Übertreibungen. Diese Lächerlichkeit wird dem Stück keineswegs gerecht. Ein Musterbeispiel für schlechtes Regietheater.
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Schreibheft Nr. 60 | Leave us alone - Generationen des Erzählens | Rigodon Verlag | Richard Powers, David Foster Wallace u.a. |
| Polyglott | Die schönsten Reiseziele: Italien | Polyglott | Sonderausgabe für 10 Euro |
18. Mai 2003
Johann Heinrich Meyer und Bücher über Bücher
Drei lesenswerte Rezensionen sind anzuzeigen. Klaus Hübner stellt hier die erste Biographie über den Goethefreund Johann Heinrich Meyer vor. Zwei neue Nachschlagewerke über Bücher werden in Lirez vorgestellt, nämlich das "Wörterbuch des Buches" sowie "Reclams Sachlexikon des Buches".
Über Wahrheit
Diesem Thema nimmt sich Bernard Williams in seinem neuen Buch "Truth and Truthfulness: An Essay in Genealogy" an. Colin McGinn wiederum rezensiert es in der The New York Review of Books Nr. 6/2002. Da heutzutage kaum ein Begriff mehr missverstanden wird als 'Wahrheit' sei McGinns kurze Zusammenfassung zitiert:
Williams argues that truth is both indispensable to responsible discourse and unscathed by recent "postmodernist" critiques (such as Richard Rorty's). Such critiques "depend on the remarkable assumption that the sociology of knowledge is in a better position to deliver truth about science than science is to deliver truth about the world." But his main concern with what he calls [...] "the virtues of truth", which he divides into two, labeled Accuracy and Sincerity.
Accuracy is the disposition to take care that in acquiring our beliefs we do our utmost (within reasonable limits) to ensure that wie have the best evidence possible, that we weigh it impartially and thoroughly, and that we remain always ready for counter-evidence [...]
Sincerity is related to communication between people: speaking the truth, expressing what one really believes, avoiding deception.
Alban Berg Quartett
Per Arne Glorvigen (Bandoneon)
(Konzerthaus 17.5.)
Mozart: Streichquartett Es-Dur K421b
Kurt Schwertsik: Adieu Satie op. 86 (2002)
Astor Piazolla: Tango Sensations
Smetana: Streichquartett Nr. 1 e-moll
Das letzte Konzert des ABQ in dieser Saison zeichnete sich durch zwei Dinge aus: Die ungewöhnliche Länge (mehr als zweieinhalb Stunden) sowie die noch ungewöhnlichere Popularität des Programms. Die beiden Stücke von Schwertsik und Piazolla für Streichquartett und Bandoneon waren rhythmische Feuerwerke, sehr zur Freude des Publikums, das offenbar jederzeit auf subtilere ästhetische Herangehensweisen zu verzichten bereit ist.
17. Mai 2003
HTML-Seltsamkeiten
Nach dem Umstieg auf Internet Explorer 6 stellte ich fest, dass diese Notizen nun alle zeilenweise zentriert erscheinen. Intendiert wäre eine geblockte Darstellung in der Mitte. Als nicht sehr schöne Übergangslösung werde ich den schuldigen tag entfernen, was zu einer linksbündigen Darstellung führt. Dauerhafte Lösung wird gesucht.
Nicholas Boyle: Goethe. Band I. 1749-1790
(C.H.Beck)
Es bedurfte zweier Anläufe, dieses umfangreiche Buch zu beenden. Die erste Hälfte las ich im Sommer letzten Jahres, den Rest in den letzten Wochen. Ein eindeutiges Urteil ist nicht möglich. Boyle hat eine ungeheure Fleißarbeit vorgelegt, seine biographische Darstellung gehört zu den umfangreichsten der letzten Jahrzehnte. Man findet darin durchaus inspirierte Schilderungen des berühmten Lebens, teilweise liest es sich aber auch wie eine Pflichtübung. Boyle wechselt kapitelweise zwischen Lebens- und Werkbeschreibungen. Letztere sind der größte Schwachpunkt des Buches.
Methodisch gesprochen verwendet der englische Germanist eine unreflektierte hermeneutische Herangehensweise, mit biographischem Einschlag, versteht sich. Seine Interpretationen schließen lange Inhaltsangaben mit ein, was bei den vielen entlegenen Werken, die er bespricht, nicht verdienstlos ist. Ab und zu verfällt Boyle in wildes Spekulieren, etwa wenn er sich darüber Gedanken macht, wie nicht-fortgesetzte Werke wohl beendet worden wären, oder wie eine verlorene erste Fassung ausgesehen haben mag. Spätestens an solchen Stellen, wären einige explizite Hinweise über die eigene Arbeitsweise angebracht, Boyle bleibt jedoch immer "naiv". Andere Forschungsliteratur erwähnt er kaum, überhaupt fehlt eine Auseinandersetzung mit der Goethe-Forschung.
Die nahe liegende Rechtfertigung, dieses Buch sei in erster Linie für den interessierten Laien geschrieben, ist wenig stichhaltig. So sehr ich es mir wünschte: diese achthundert, eng bedruckten Seiten werden nicht sehr viele "normale" Leser finden, weshalb ein Blick auf die germanistische Zielgruppe durchaus angebracht gewesen wäre.
Die Lektüre lohnt sich durchaus, man erfährt viel Detailliertes aus Goethes Leben. Meine Prognose ist allerdings, dass dieses mehrbändige Werk, in erster Linie als Nachschlagewerk dienen wird, einen Zweck, den es durchaus erfüllt, kritische Leser vorausgesetzt.
8. Mai 2003
Reise-Notizen Sizilien (5): Agrigent und Syracus
Agrigent ist für den Graecophilen nach Selinunt ein weiterer Höhepunkt. Der seltsamerweise "Tal der Tempel" genannte Ort - es handelt sich um eine Anhöhe - ist architektonisch ungemein interessant. Der Concordiatempel zählt zu den drei besterhaltenen dorischen Tempeln und gibt eine eindrückliche Vorstellung von dieser spezifischen Form der Ästhetik. Aus größerer Entfernung wirkt er quasi intakt (das Dach und die fehlenden Farben einmal ausgenommen). Eines der schönsten Bauwerke, die ich bisher sah.
Über Syracus muss man nicht viele Worte verlieren, aber es ist schon eigenartig, auf einem der Hügel über der Stadt zu stehen und auf die topologisch kaum veränderte Bucht zu blicken, in der am Ende des peloponnesischen Krieges die verhängnisvolle Seeschlacht stattfand, die den Untergang der Großmacht Athen einleitete. Bei Thukydides ist das brillant geschildert nachzulesen. Ansonsten gibt es noch ein leidlich gut erhaltenenes griechisches Theater zu sehen sowie eines der besten Museen Siziliens. Herausragend auch der Dom der Stadt: Ein Bauwerk, dass als griechischer Tempel begann, diverse Umbauten erlebte, und seit der Antike permanent genutzt wurde. Wer wollte nicht schon mal einen in eine Kirche umgebauten griechischen Tempel sehen? :-)
Ingrid Nowel: Berlin. Die neue Hauptstadt. Architektur und Kunst, Geschichte und Literatur
(Dumont Kunstreiseführer)
Wie immer begleitete mich ein Kunstreiseführer aus dem Hause Dumont während meiner Reise. Die praktische Bewährungsprobe hat er durchaus bestanden. Allerdings ist der allgemeine Teil weniger geglückt als bei anderen Bänden, da er sich historisch auf eine umfangreiche Chronologie sowie Kurzportraits der preussischen Herscher beschränkt. Gemeint ist damit die politische Geschichte, Architektur- und Kulturgeschichte wird umfangreicher gewürdigt, teilweise muss man sich diese Informationen aber aus dem Hauptteil des Bandes, der sich nach den Berliner Bezirken orientiert, zusammensuchen. Die Literatur kommt viel zu kurz, als dass sie eine Erwähnung im Untertitel verdiente.
Sehr erfreulich ist, dass auf die architektonischen Hinterlassenschaften des sozialistischen Bauwesens relativ ausführlich eingegangen wird. Ansonsten sind die Hinweise so umfangreich, dass man in sechs Tagen nur einen kleinen Teil des Empfohlenen sehen kann. Ein verläßlicher Begleiter für den Kulturtouristen.
Bibliothek: Neuzugänge
In Berlin antiquarisch erworben.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| John Updike | Gott und die Wilmots | rororo | Übersetzt von Maria Carlsson |
| António Lobo Antunes | Anweisungen and die Krokodile | rororo | Übersetzt von Maralde Meyer-Minnemann |
| José Saramago | Das Memorial | rororo | Übersetzt von Andreas Klotsch |
29. April 2003
In Berlin unterwegs ...
... bin ich in den nächsten Tagen, daher keine Updates.
27. April 2003
Reise-Notizen Sizilien (4): Selinunt
Die Überreste der griechischen Stadt Selinunt sind einer der vielen Höhepunkte, wenn man Sizilien aus Interesse an der Antike bereist. 650 v.C. gegründet, entwickelte sich die Stadt zu einer der reichsten auf der Insel.
Acht Tempelruinen sind noch zu besichtigen, einige davon in einem zufriedenstellenden Zustand. Die Akropolis liegt auf einem hohen Plateau über der Küste, die man von dort hervorragend überblickt. Der Tempel G, auf dem Osthügel gelegen, war mit 50,10 x 110,10m der größte je gebaute dorische Tempel. Auf Sizilien gab es damals einen megalomanen Wettbewerb, was Größe und Pracht der Sakralbauten anging.
Jahrzehntelang lebte man in gutem Einverständnis mit den Kathargern auf der Insel, deshalb kann man den Überfall Hannibals (Sohn des Giskon) im Jahr 409 v.C. bis heute nicht plausibel erklären. Das ungeheure Gemetzel jedoch ist überliefert: 16.000 Selinuntiner wurden auf der Agora hingerichtet, 5400 als Sklaven verkauft. 3000 gelang die Flucht nach Syrakus.
Dostojewskij
Lange hat es gedauert, doch nun hat Joseph Frank den fünften, abschließenden Band seiner großangelegten Biographie vorgelegt. Sie beschäftigt sich mit seinen letzten, ideologisch verwirrten Jahren als er sich publizistisch als Antisemit und slawisch-messianischer Fanatiker betätigte (und gleichzeitig die wunderbaren "Brüder Karamasow" schrieb!). Die dunkle Seite des Autors kommt Aileen Kelly in ihrer Rezension in der The New York Review of Books 5/2003 trotzdem zu kurz, weshalb sie diese zusammenfasst und danach Bezüge zur Gegenwart herstellt:
With hindsight, Dostoevsky's version of the Russian idea now appears as a pioneering form of a messianic anti-Westernism whose generic characteristics include religious and moral condemnation of the materialism and egoistic self-interest to which the economic and political ascendancy is ascribed: rejection of cultural and political pluralism in favor of a view of the state as a vehicle of collective salvation in the name of a single set of truths; a tendency to project responsibility for failures onto scapegoats and to demonize those who are ideologically or ethnically outside the community of believers; and the dream of a purifying "holy war".
Erstaunlich wie sich religiös motivierte politische Allmachtsfantasien gleichen, die Religion im Hintergrund ist austauschbar.
26. April 2003
Swetlana Geier
Den 80. Geburtstag der hervorragenden Dostojewskij-Übersetzerin würdigte am 24. April eine Sendung des Büchermarkts, wie immer als MP3-Datei (5,5 MB) zu laden.
Bibliothek: Neuzugänge
Es ist immer wieder ein Trauerspiel zu sehen, welche hervorragenden Bücher verramscht werden, weil sie nicht genügend Käufer fanden. So gibt es derzeit bei Jokers die sehr schöne Ausgabe von Rousseaus "Von der Ungleichheit unter den Menschen" in der Übersetzung von Moses Mendelssohn, verlegt bei Hermann Böhlaus Nachfolger (Weimar). Bis auf den Rembrandt-Band wurden alle weiteren Bücher ebenfalls günstig bei Jokers erstanden.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Jean-Jacques Rousseau | Von der Ungleichheit unter den Menschen. | Hermann Böhlaus Nachfolger | Übersetzung von Moses Mendelssohn. Hrsg. von Ursula Goldenbaum |
| Iris Radisch (Hrsg.) | Mein Jahrhundertbuch | ZEIT-Buch (Hermann Böhlaus Nachfolger) | "51 namhafte Autoren stellen ihr Lieblingswerk vor" |
| Kate Dobson | Französisch Basiswissen: Wortschatz | Berlitz | Konkreter Beleg, meiner Französisch-Vorsätze :-) |
| Alan Moys | Französisch Basiswissen: Grammatik | Berlitz | 1999 |
| Kate Dobson | Französisch Basiswissen: Verben | Berlitz | 1998 |
| Emmanuel Waegemans | Geschichte der russischen Literatur, von Peter dem Großen bis zur Gegenwart | UVK | Konstanz 1993 |
| Fred und Gabriele Oberhauser | Literarischer Führer durch Deutschland. Ein Insel-Reiselexikon | insel taschenbuch | mit knapp 900 Seiten sehr nützliches Nachschlagewerk |
| Hans Joachim Budeit, Wolfgang Günter Lerch | Türkei. Von der Antike zum Islam | Hirmer | sehr schöner Bildband im Schuber, 20 Euro |
| Émile Mâle | Die Gotik. Die französische Kathedrale als Gesamtkunstwerk | Belser | gebunden, großformatig, 13 Euro |
| Christopf Wetzel (Hrsg.) | Rembrandts Selbstbildnisse | Belser | Ausstellungskatalog, im Museumsshop der Albertina erworben |
21. April 2003
Reise-Notizen Sizilien (3): Segesta
Die wichtigste antike Stätte im Osten Siziliens. Zu sehen gibt es dort einen griechischen Tempel und ein Theater, wobei "griechisch" dahin gehend modifiziert werden muss, dass Segesta von Elymern bewohnt wurde, einem Volk aus Kleinasien. Kulturellen Einflüssen sehr aufgeschlossen unterhielten die Segestaner sowohl Beziehungen mit den Karthagern als auch mit den Griechen.
Zum Konflikt kam es, als die griechische Kolonie Selinunt ihr Territorium zu Ungunsten von Segesta ausdehen wollte. Die Details kann man bei Thukydides nachlesen: Durch ein geschicktes Täuschungsmanöver konnten die Segestaner die Athener von ihrem "Reichtum" überzeugen. Ein Bündnis war die Folge, einer der Gründe für die verheerende Sizilienexpedition der Athener.
Der Tempel in Segesta (Mitte 5. Jhd.) wurde nie fertig gestellt, es fehlten Cella und Dach, so dass nur die Ruine einer Baustelle zu besichtigen ist. Immerhin wurde die Ringhalle aufgerichtet, auch wenn einige Säulen noch die als Transportschutz gedachte Steinummantelung tragen. So ist der architektonische Gesamteindruck - vor allem aus der Entfernung - durchaus fesselnd.
Zu sehen gibt es weiters ein kleineres griechisches Theater (3. Jhd) mit einem grandiosen Blick über sizilianische Landschaft. Erhalten sind nur 20 Sitzreihen, trotzdem lohnt sich ein Besuch sehr.
Bach: h-moll Messe
(Musikverein 13.4.)
Wiener Philharmoniker
Dirigent: Semyon Bychkov
Hat man die Wiener Philharmoniker schon mehrmals in Bestform erlebt, war dieses Konzert nicht wirklich befriedigend. Selbstverständlich war es eine Aufführung auf hohem Niveau, aber es fehlt der ästhetische "Mehrwert", den man von einem Spitzenorchester erwarten darf.
Semyon Bychkov konnte sich offenbar nicht entscheiden, wie er die Messe interpretieren wollte. Für eine "klassische" Aufführung war die Besetzung deutlich zu klein, für eine an der historischen Aufführungspraxis angelehnte Interpretation spielten die Wiener wiederum zu brav. Schade eigentlich.
Protestantismus oder Nationalismus?
Eine nach wie vor geschätzte Theorie über die Entstehung des modernen Kapitalismus ist jene Max Webers, der viele Schlüsselprozesse dieser Entwicklung auf den Einfluss des Protestantismus zurückführt.
Eine alternative Erklärung schlägt Liah Greenfeld in "The Spirit of Capitalism: Nationalism and Economic Growth" vor: Der Nationalismus sei die treibende Kraft gewesen. Robert Skidelsky vergleicht diese beiden Erklärungsansätze in der Nr. 4/2003 der The New York Review of Books und zeigt die Schwächen von Greenfelds Überlegungen auf. Sein erstes Argument sei zitiert:
First, it is far from clear how nationalism is supposed to produce the individual behavior necessary for economic growth. Weber's theory of the Protestant ethic postulates a functional relationship between frugality (self-denial) and capital accumulation [...]
Why should nationalism make people more systematically frugal or, for that matter, enterprising - as opposed to more systematically warlike? Greenfeld herself admits it does not have to.
13. April 2003
Neue Klassiker-Ausgaben
Schön, dass sich ab und zu doch Neues tut. Zu vermelden sind zwei neue Übersetzungen: Thukydides "Der peloponnesische Krieg" und eine neue Auswahl aus Pierre Bayles "Historischem und Kritischem Wörterbuch", einem zentralen Werk der Frühaufklärung.
Klangforum Wien
(Konzerthaus 8.4.)
Dirigent: Hans Zender
John Cage: Ryoanji (1983-85)
Hans Zender: Cabaret Voltaire (2001/02)
Roman Haubenstock-Ramati: Credentials or "Think, Think Lucky" (1960)
Olivier Messiaen: Couleurs de la cité céleste (1963)
Kommt man aus dem vergleichsweise absurden Berufsleben direkt in den Konzertsaal, fällt der Übergang zu einer Vertonung von dadaistischen Gedichten nicht schwer. Hans Zender setzte sechs "sinnlose" Gedichte Hugo Wolfs in Töne, und machte dies ebenso souverän wie die heikle Bearbeitung von Schuberts "Winterreise", die ich vor einigen Jahren in Salzburg hörte.
Dazu hervorragend passend Haubenstock-Ramatis Vertonung des berühmten Monologs von Lucky aus "Warten auf Godot". Salome Kammer setzte ihre Stimme beeindruckend flexibel und differenziert ein. Ein ausgesprochen gelungener Abschluss dieses Konzertzyklus.
Edvard Munch
(Albertina 12.4.)
Die kürzlich nach jahrelangen Umbauarbeiten neu eröffnete Albertina hat nun genügend Platz für große Sonderausstellungen und stellt dies eindrucksvoll mit einer großen Munch-Ausstellung unter Beweis. Die Museen in Oslo müssen fast leer geräumt sein, angesichts der Fülle wichtiger Bilder.
"Der Schrei" ist im Original so beeindruckend, dass er sich seinen Ikonenstatus redlich verdient hat. Wer kunsthistorisches Lehrbuchwissen überprüfen möchte, erhält ausreichend Gelegenheit. Die Ähnlichkeiten mit späteren expressionistischen Malern sind frappant, einige der Portraits könnte ebenso Kokoschka gemalt haben.
Das Konzept der Ausstellung ist ebenso überzeugend, wie die neuen Räumlichkeiten. Wer Munch noch nicht in Oslo gesehen hat, sollte diese Gelegenheit unbedingt wahrnehmen!
Massenkultur an der Universität
Einer der Auswege aus dem literaturwissenschaftlichen Methodenchaos scheint vielen ein bewusster Pluralismus zu sein: Man nehme möglichst viele widersprüchliche Theorien, und verwende eklektizistisch, was gerade passend erscheint.
Robert Scholes folgt in seinem neuen Buch, "The Crafty Reader" genau diesem Prinzip und wird Mark Bauerlein in Philosophy and Literature 2/2002 entsprechend kritisiert.
Vorher jedoch schildert Bauerlein ausführlich seine theoretischen Erlebnisse in den achtziger Jahren, womit wir beim Titel dieser Notiz wären:
Allied with the political attacks on theory, and esteemed even lower, were critiques of the humanities as a bastion of high culture. Polemics such as Andrew Ross's "No Respect: Intellectuals and Popular Culture" treated literature departments as conservative enclaves blind to the cultural realities of the public sphere. Humanities professors guarded a narrow white-male canon with spurious notions of taste and truth, they argued, while popular culture did the real work of social progress. In the "voices emerging from popular culture and voices articulating political thoughts and feelings of all sorts" as one book puts it, lay the genuine force of critique and the academic ideology that excluded them on high culture grounds was but another reactionary strategy [...]
To speak of academia as a repressive society in relation to mass culture was absurdly disproportionate. Mass culture was an elephantine monster, the humanities a shrinking refuge. Every year students entered our composition classes with less book learning and more MTV/ESPN savvy. To object to literature departements keeping sitcoms and romance ficton from the curriculum was to give in to the trend. Ross and others acted as if they were leading a lonely fight against the monolithic power of the Establishment, but in truth they were backed by a tidal wave of media and consumerism. We came to graduate school to escape the onslaught. The only reason they pushed mass culture on an hemmed-on university, we decided, was that they preferred watching television to reading books, but wanted to retain the prestige and comfort of academic life.
9. April 2003
Verdi: La Traviata
(Wiener Staatsoper 5.4.)
Musikalische Leitung: Arco Armiliato
Inszenierung: Oto Schenk
Violetta Valéry: Anna Netrebko
Giorgio Germont: Dalibor Jenis
Alfredo Germont: Tito Beltrán
Konservative Operninszenierung sind in Wien die Regel. Wer daran zweifelt, möge einen Blick auf die Spieldauer dieser "La Traviata" Aufführung werfen, ich besuchte die 236. Vorstellung. Sieht man davon ab (aber wer kann das schon), gab es wenig daran auszusetzen.
Musikalisch kann man das nicht behaupten, erkrankte doch Michael Schade kurzfristig und wurde durch Tito Beltrán als Alfredo ersetzt, der so deutlich unter dem Niveau der anderen Beteiligten sang, dass man beinahe schon Mitleid mit ihm bekommen konnte. Glänzend das Wiener Debut von Anna Netrebko als Violetta, herausragend die Duette zwischen ihr und Dalibor Jenis im zweiten Akt.
Balzac: Pierette. Roman
(insel taschenbuch
Man kann der Trivialliteratur vieles vorwerfen, das Größte ihrer Verbrechen ist zweifellos, dass sie das Talent von Balzac beeinträchtigt hat: Das jahrelange Schreiben von Dutzendware hat sich auf viele seiner Werke durchgeschlagen.
In "Pierette" beispielsweise wird die Grenze zur Sentimentalität, diplomatisch formuliert, gelegentlich gestreift. Eine durchdachte Romankonstruktion gibt es kaum, der Roman setzt in mehreren langen, linearen Rückblenden an, um die Vorgeschichte zu erzählen. Ziemlich spät erst, wird das eigentliche Thema des Buches begonnen.
Das ungeheure Talent Balzacs zeigt sich daran, dass er trotz allem ein lesenswertes Buch geschrieben hat. Sein psychologisches Einfühlungsvermögen, die Schärfe seiner Figurenzeichnung, und schließlich das realistische, unsentimentale Ende, der Tod des misshandelten Kindes Pierettes, belegen das mehr als genug.
Unbekannte Fragmente des Nibelungenliedes? (2)
Inzwischen ist eine heftige Diskussion darum entbrannt, der aktuelle Stand läßt sich hier nachlesen. Auch Faksimiles sind inzwischen online.