Übersicht --- Notizen --- Archiv --- 2. Quartal 2004
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| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Heinz-Joachim Fischer | Rom. Zweieinhalb Jahrtausende Geschichte, Kunst und Kultur der Ewigen Stadt | Dumont Kunstreiseführer | Für eine Reise im Oktober |
| Peter Handke | Die Angst des Tormanns beim Elfmeter | Süddeutsche Bibliothek 13 | ersetzt ein TB |
| Journal of the History of Ideas | 1/2004 | Johns Hopkins University Press | Locke, Leibniz, Carl Schmitt ... |
26. Juni 2004
Experimente in den Wirtschaftswissenschaften
Wissenschaftstheoretisch betrachtet spielt das Experimente eine kaum zu überschätzende Rolle, um Theorien empirisch zu stützen bzw. zu falsifizieren. Deshalb leiden Disziplinen, die nur sehr eingeschränkt experimentieren können, an einem erheblichen methodologischen Nachteil. Wer nun an die Geisteswissenschaften denkt, liegt nicht verkehrt, aber es gibt auch eine Fülle von naturwissenschaftlichen Fächern, die zentrale Hypothesen nicht im Labor überprüfen können. Man denke nur an die Astrophysik, die Geologie oder die Meterologie.
Die Wirtschaftswissenschaften werden nach wie vor zu den Wissensgebieten gezählt, die aufgrund der Komplexität und der Vielzahl der beteiligten Faktoren, keine hinreichende Komplexitätsreduktion erlauben - die Voraussetzung jedes Experiments. Hier zeichnet sich nun ein neue Entwicklung ab. Im Spektrum der Wissenschaft 5/04 berichtet Bernhard Ruffieux von mehreren Experimenten, die Märkte simulieren, und bereits zu interessanten Ergebnissen führten, etwa dass man bei normalen Tauschgeschäften (Warenmärkte) das Einhalten von Regeln konstatieren kann, während dies für Finanzmärkte ganz und gar nicht zutrifft. Dies liege daran, dass man die Effizienz eines Wertpapiermarkts nicht an der Wertschöpfung messen könne. Der Nutzen bei Wertpapieren läge immer nur im Geldwert und sei damit bei allen Marktteilnehmern gleich.
Wer Sachgüter handelt, weiß genau, welchen Nutzen er ihnen zuschreibt. Im Fall von Wertpapieren kennen einige oder gar alle Beteiligten diese Größe nicht. Überdies gibt es auf Finanzmärkten Insider, die über den Wert der Handelsobjekte besser informiert sind als die übrigen Teilnehmer. (S. 66)
Bei im Labor simulierten Finanzmärkten (mit Menschen als Teilnehmern, es sind also keine Computersimulationen) treten deshalb regelmäßig Spekulationsblasen auf. Das Ergebnis dieser Experimente ist also negativ: Man kann bei Finanzmärkten regelmäßig die Nichteinhalten von üblichen Marktregeln belegen.
Alternative "Medizin"
Sogenannte nicht-schulmedizinische Heilverfahren erblicken meist auf höchst seltsamen Wegen das Licht der Öffentlichkeit, und das empirische Fundament, auf dem sie stehen, ist normalerweise die leicht zu verifizierende skrupellose Geldgier ihrer Erfinder. Ein millionenschweres Geschäft mit Angst und Leichtgläubigkeit.
Im besten Fall wird den Kranken kein zusätzlicher Schaden zufügt, nicht selten jedoch werden die Leiden noch verschlimmert. Die WHO hat kürzlich auf wieder einmal davor gewarnt. Ehrenwert, aber nutzlos, fürchte ich.
20. Juni 2004
Hugo von Hofmannsthal: Der Unbestechliche
(Burgtheater 17.6.)
Regie: Thomas Langhoff
Die Baronin: Libgart Schwarz
Jaromir: Johannes Krisch
Anna: Regina Fritsch
Theodor: Peter Simonischek
Links und rechts zwei plattenbautenähnliche Hochhäuser als Foto, in der Mitte ein schiefer, wild bemalter Kasten mit Glastüren. Vor dieser Kulisse läßt Thomas Langhoff Hofmannsthals Lustspiel geben. Johannes Krisch war in seiner Rolle als Schwerenöter nicht immer glaubwürdig, ansonsten wurde das Stück als solide Komödie mit ein paar dunklen Einsprengseln gegeben. An Peter Simonischek in der Titelrolle gab es nichts auszusetzen, so dass ein akzeptabler Theaterabend zu vermelden ist. Angesichts der in dieser Saison in Wien stattgefundenen Theaterkatastrophen, muss man dafür ja schon dankbar sein.
Die Tücken der Literaturtheorie
Joachim Eberhardt hat eine vorzügliche Besprechung von Achims Geisenhanslückes "Einführung in die Literaturtheorie" (WBG) geschrieben. Hervorzuheben ist besonders, dass Eberhardt auch die wichtigen Diskussionsbeiträge der analytischen Philosophie dazu kennt, was nach wie vor die große Ausnahme und leider immer noch nicht die Regel ist.
19. Juni 2004
Karl Corino: Robert Musil. Eine Biographie
(Rowohlt)
Eine Beurteilung der mehr als 2000 Seiten umfassenden Biographie ist schwierig. Auf der einen Seite sind darin die spannenden Ergebnisse einer peniblen Recherchearbeit zu finden, die der Autor über mehrere Jahrzehnte zusammentrug, zum Teil in mühsamer detektivischer Kleinarbeit. Man möchte gar nicht wissen, wie viel Zeit in einzelne Fußnoten gesteckt wurde. Noch nie zuvor konnte man sich so ausführlich über das Leben Robert Musils informieren, bis hin zu entlegenen biographischen Details von Freunden und Verwandten. Man fühlt sich an den Faktenenthusiasmus des literaturwissenschaftlichen Positivismus im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erinnert. Auf der anderen Seite ist ein grundsätzliches Problem im Umgang mit den literarischen Quellen festzustellen (s.u.).
Musil betreffend ist ein enzyklopädischer Ansatz durchaus lobenswert, gab es doch vorher keine umfangreicheren Lebensbeschreibungen. Man stellt sich aber manchmal die Frage, ob die vielen ausführlichen biographischen Abrisse von Personen, die Musils Lebensweg kreuzen, in jeden Fall notwendig sind. Fällt ein neuer Name, setzt Corino regelmäßig zu einem ausführlichen Exkurs über den oder die Betreffende an, so als sei der komplette Lebensweg von Menschen nur deshalb interessant, weil sie einmal kurz mit Musil zusammentrafen.
Problematisch jedoch wird es, wenn Corino diesen positivistischen Ansatz so weit treibt, dass er Musils literarische Texte als biographische Quellen zitiert, so als hätte Literatur exakt denselben Stellenwert wie Briefe, Tagebücher oder diverse Zeitzeugnisse. Eine wie auch immer geartete Differenz, sei es philosophisch (ontologisch, ästhetisch), sei es sprachlich (literaturtheoretisch, pragmatisch) wird implizit nicht anerkannt, anderenfalls wäre das umstandslose Zitieren von literarischen Texten als biographische Belege undenkbar. Kennt man die literaturtheoretische Diskussion seit der Antike, die Komplexität des Themas und die kaum noch zu überschauende Forschungsliteratur dazu, mutet das vergleichsweise befremdlich an.
Im neunten Kapitel beschäftigt sich Corino beispielsweise mit dem schwierigen Verhältnis Musils zu Herma Dietz. Als biographische Quelle (!) wird immer wieder die Novelle (!) "Tonka" zitiert:
"Durch die Krise mit Herma veränderte sich auch Musils Verhältnis zu seiner Mutter. Er kam nicht darum herum, Vergleiche zwischen Hermine I und Hermine II zu ziehen." (281)
Der Beleg dafür?
Er stellte für seinen Helden fest, auch "die Mutter war einmal ein Mädchen, das mehr noch als Tonka [!] zu ihm gepasst hätte." (281)
Herma, die Freundin, und Tonka, eine literarische Figur, werden im gesamten Kapitel als semantisch identisch verwendet.
Stellenweise fühlt man sich sogar an Platons Idealstaat erinnert, aus dem der Philosoph alle Dichter verbannt wissen wollte, weil diese die Realität durch Lügen entstellten. Als Corino auf die Möglichkeit zu sprechen kommt, dass Musil Herma mit Syphilis infiziert haben könnte, reagiert er sogar empört, dass der männliche Held in "Tonka" nicht krank ist:
[...] zeigen, wie heftig Musil versuchte, den Verdacht gegen sich herunterzuspielen, - lässt er sich in der Novelle über Tonka doch sogar zu der (die Aporie des Lesers steigendern Behauptung) hinreißen [!], die Ärzte hätten an seinem Helden "ja nie eine Krankheit finden können" (P 303).
Corino macht Musil den moralischen Vorwurf, dass er in einem literarischen Werk von einem biographischem Faktum abweiche, so als sei eine Novelle eine eidesstattliche Erklärung.
Diese mangelnde Differenzierung zwischen literarischen und anderen Dokumenten wird immer dann virulent, wenn Corino wenig andere Materialien hat, es aber nicht übers Herz bringt, größere Lücken in seiner Darstellung zu erlauben. Liegen genügend nicht-literarische Quellen vor, was erfreulicherweise die Regel ist, findet man in Corino einen hervorragenden Ausleger und Darsteller, der seinem "Forschungsobjekt" auch mit hinreichender Distanz begegnet. Das Buch ist ein kaum mehr zu übertreffender Meilenstein in der biographischen Musilforschung, dessen Lektüre unbedingt lohnt.
18. Juni 2004
Die amerikanischen Medien und der Irakkrieg
Michael Massing schrieb im Februar einen aufsehenerregenden Artikel in der The New York Review of Books 3/2004, in dem er detailliert das Versagen der amerikanischen Presse, speziell der New York Times und der Washington Post, nachwies. Sie hätten wichtige regierungskritische Informationen bewusst ihren Lesern vorenthalten.
In der New York Times immerhin hatte man die Größe, diese Fehler anzusprechen, so am 26. Mai in einer ausführlichen redaktionellen Stellungnahme. Massing setzt in der aktuellen Ausgabe der NYRB seine Berichterstattung fort und zählt erneut eine Reihe von Versäumnissen auf. Interessant ist ein Ergebnis seiner Analyse, nämlich dass man heute besser zur Washington Post als zur New York Times greift, wenn man möglichst objektive Informationen beziehen will:
The leisureliness of the Times's coverage is especially apparent when compared to that of its top competitor. In recent months, The Washington Post has stood out among US news organizations for its sharp and insightful reporting, in both Washington and Baghdad. Hardly a day goes by that the Post does not publish some revealing story about conflicts within the Bush administration, debates within the intelligence world, Coalition policies in Iraq, and the relations among that country's ethnic, religious, and tribal groups. During the prison scandal, the Post ran an eye-opening three-part series ("The Road to Abu Ghraib") on the abuses that had occurred not only in Iraq but also in Guantánamo, Afghanistan, and Qatar—part of a "worldwide constellation" of secret US detention centers.
Erwähnt sei noch, dass in der selben NYRB-Ausgabe Mark Danner seine Artikelserie über die amerikanischen Folterpraktiken fortsetzt und plausibel nachweist, dass hier von Einzelfällen keine Rede sein kann.
When it comes to Iraq, the rivalry between the Times and the Post has become "A Tale of Two Papers," the one late and lethargic, the other astute and aggressive.
13. Juni 2004
Dmitry Shostakovich, ein Dissident?
Solomon Volkovs 1979 erschienenes Buch "Testimony. The Memoirs of Dmitry Shostakovich" versuchte, den Komponisten zu einem Dissidenten zu stilisieren, und wird auch heute noch gerne in Programmheften zitiert. Inzwischen hat sich aber der Verdacht erhärtet, dass es Volkov mit der Wahrheit nicht sehr genau nahm. Vieles scheint übrhaupt frei erfunden zu sein. Den Tatbestand erläutert Orlando Figes, dessen umfangreiche Kulturgeschichte Russlands - "Natasha's Dance. A Cultural History of Russia" - hier leider immer noch ungelesen herumliegt, in der The New York Review of Books 10/2004:
The most devastating critique of Volkov is contained in the scholarly research of Laurel Fay, whose findings make up the first part of the Casebook. Fay is the author of a recent and authoritative biography of Shostakovich which is distinguished by its careful scholarship.[9] In November 1979 the critic Simon Karlinsky published a review of Testimony in The Nation, in which he pointed out that two long passages of Volkov's book— which was said to derive entirely from interviews with the composer—had previously appeared in Soviet publications under Shostakovich's name. Fay dug deeper and found five other paragraphs in Volkov's book where, almost word for word, the reported speech of Shostakovich was identical to passages of previously published articles by the composer. She revealed her findings in an article in The Russian Review in 1980. Most disturbingly, all these "borrowed reminscences" appear at the start of the chapters in Volkov's book—on the first and only page of each chapter which Shostakovich signed with the words "Have read [chital]. D. Shostakovich"—after which the text of Testimony begins to diverge, sometimes quite dramatically, from the tone and content of the first page.
Shostakovich' Musik gehört zum Besten, was im 20. Jahrhundert komponiert wurde, sie bedarf also keiner politischen Ehrenrettung. Von einigen Auftragskompositonen einmal abgesehen. Figes kommt in seinem Artikel auf die Fünfte Symphonie zu sprechen, die Shostakovich komponiert hatte, nachdem ein für ihn lebensgefährlicher Hetzartikel in der Pravda erschienen war. Sie wurde im November 1937 mit großem Erfolg in Leningrad uraufgeführt. Ich nahm dies zum Anlass, das Werk gestern wieder einmal anzuhören, in einer soliden, wenn auch zu braven, zu undämonischen Interpretation von Bernard Haitink und dem London Philharmonic Orchestra. Es stimmt, dass die Symphonie "melodischer" ist als frühere Werke und damit formal konservativer. Shostakovich setzt diese Mittel aber zu einem sehr düsteren musikalischen Panorama zusammen. Mahlers Sechste Symphonie kommt einem in den Sinn, deren existenzielle Abgründigkeit an manchen Stellen noch übertroffen wird.
So ging der Komponist formal einen Kompromiss ein, ohne die ästhetische Substanz seiner musikalischen Botschaft zu verraten - eine Formel, die auch zu seinem Leben passt.
11. Juni 2004
Kauft Schiller!
Nachdem ich heute, anstatt im Büro zu sitzen, erfreulicherweise die Gelegenheit hatte, in der Innenstadt Galerien, Buchhandlungen und Antiquariate zu durchstöbern, stieß ich im empfehlenswerten Antiquariat Schaden (Sonnenfelsgasse 4) auf einen ansehnlichen Bestand an Büchern von und über Schiller und nahm drei mit (siehe unten).
Die Antiquarin war sehr erstaunt und meinte, sie striche sich diesen Tag im Kalender an, da sonst niemand mehr Schiller kaufe. Goethe sehr wenig, Schiller nie. Immerhin: Musil oft, auch die Jelinek. Die mangelnde Nachfrage schlägt sich, es lebe die Marktwirtschaft, in erfreulichen Preisen nieder. Enttäuscht über die Wiener Schillervernachlässigung verließ ich das Geschäft, um in meinem (wie man hier so sagt:) Stammbeisl zu Mittag zu essen. Am Nebentisch unterhielt sich eine Runde aus drei Damen über Schillers Don Karlos im Burgtheater - ein kleiner Trost immerhin.
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Friedrich Schiller | Der Briefwechsel zwischen Friedrich Schiller und Wilhelm von Humboldt. 2 Bände | Aufbau Verlag | Berlin 1962 |
| Pörnbacher, Karl (Hrsg.) | Briefe des jungen Schiller | Kösel-Verlag | München 1969 |
| Karlheinz Rossbacher | Literatur und Bürgertum. Fünf Wiener jüdische Familien von der liberalen Ära zum Fin des Siècle | Böhlau | Wien 2004; Rezensionsexemplar |
10. Juni 2004
Reise-Notizen West-Türkei (8): Milet, Didyma, Priene
Wer mit vorsokratischer Vorfreude die antiken Stätten Milets besichtigen will, wird enttäuscht. Der Geburtsort des abendländischen säkularen Denkens (Thales, Anaximander, Anaximenes, Hippodamus!) wurde bisher nicht ausgegraben. Das römische Milet dagegen wurde frei gelegt, darunter ein spektakuläres Theater. Bilder (Roland Hauk)
In Didyma kann man die Überreste des bedeutendsten Orakels Kleinasiens besichtigen, welche die größte (und größenwahnsinnigste) griechische Tempelanlage beinhaltet (51x110m). Drei der zwanzig Meter hohen Säulen stehen noch und man frägt sich wie diese gewaltigen Gewichte damals bewegt worden sind, auch wenn man über die antike Bautechnik ganz passabel Bescheid weiß. Bilder (Roland Hauk)
Die Ruinen Prienes zeichnen sich nicht nur durch deren reizvolle Lage oberhalb der Mäanderebene aus, sondern vor allem durch die unverfälschte griechische Bausubstanz. Zu sehen sind u.a. die Überreste eines kleinen Theaters, eines Athenatempels sowie von Wohnhäusern. Bilder (Roland Hauk)
Was die Welt im Innersten zusammenhält...
... ist auch nach dem letzten, von erstaunlichen physikalischen Innovationen und "Revolutionen" gekennzeichneten Jahrhundert unter theoretischen Physikern stark umstritten. Freeman Dyson schrieb für die The New York Review of Books 8/2004 einen lesenswerten Artikel zum Thema, in dem er sich mit dem neuen Buch von Brian Greene, einem Proponenten der Stringtheorie, beschäftigt: "The Fabric of the Cosmos: Space, Time, and the Texture of Reality". Diese Theorie ist zumindest mathematisch in der Lage, eines der größten physikalischen Probleme unserer Zeit zu lösen, nämlich die Inkonsistenz zwischen Relativitäts- und Quantentheorie. Greene kann das sehr schön erläutern:
Superstring theory tells a different story. It does not deny the key role played by electrons, quarks, and the other particle species revealed by experiment, but it does claim that these particles are not dots. Instead, according to superstring theory, every particle is composed of a tiny filament of energy, some hundred billion billion times smaller than a single atomic nucleus (much smaller than we can currently probe), which is shaped like a little string. And just as a violin string can vibrate in different patterns, each of which produces a different musical tone, the filaments of superstring theory can also vibrate in different patterns. But these vibrations don't produce different musical notes; remarkably, the theory claims that they produce different particle properties. A tiny string vibrating in one pattern would have the mass and the electric charge of an electron; according to the theory, such a vibrating string would be what we have traditionally called an electron. A tiny string vibrating in a different pattern would have the requisite properties to identify it as a quark, a neutrino, or any other kind of particle. All species of particles are unified in superstring theory since each arises from a different vibrational pattern executed by the same underlying entity.
Leider hat dieser elegante Ansatz einen großen Haken, der mit der Art und Weise zu tun hat, wie Naturwissenschaften funktionieren, nämlich dass kein Experiment denkbar ist, das fundamentale Aussagen über den Wahrheitsgehalt der Stringtheorie erwarten lässt: Sie ist empirisch nicht testbar. Ähnliches gilt für den Nachweis von Gravitonen (den postulierten Schwerkraft-Teilchen):
I propose as a hypothesis to be tested that it is impossible in principle to observe the existence of individual gravitons. I do not claim that this hypothesis is true, only that I can find no evidence against it. If it is true, quantum gravity is physically meaningless. If individual gravitons cannot be observed in any conceivable experiment, then they have no physical reality and we might as well consider them non-existent. They are like the ether, the elastic solid medium which nineteenth-century physicists imagined filling space. Electric and magnetic fields were supposed to be tensions in the ether, and light was supposed to be a vibration of the ether. Einstein built his theory of relativity without the ether, and showed that the ether would be unobservable if it existed. He was happy to get rid of the ether, and I feel the same way about gravitons.
Das ist ein Grund, warum Dyson auf dem unorthodoxen Standpunkt beharrt, dass Relativitäts- und Quantentheorie gut nebeneinander existieren können, und man nicht krampfhaft nach einer vereinheitlichenden Theorie suchen müsse.
8. Juni 2004
Ein neuer Roman von Markus Werner!
Lange, viel zu lange mussten wir darauf warten. Nun wurde für Juli endlich ein neues Buch mit dem Titel "Am Hang" vom Verlag angekündigt (PDF!).
Wilhelm Genazino: Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz. Roman
(rororo)
Der ausgezeichnete Beginn des Buches steht einige Zeilen weiter unten. Um es gleich zu sagen: Dieses Niveau kann der Roman nicht immer halten, trotzdem handelt es sich erneut um wunderbar luzide Beobachtungsprosa.
Im Vergleich mit "Ein Regenschirm für diesen Tag" ist der Text fragmentarischer gehalten, manche Abschnitte sind nur wenige Zeilen lang, so dass der formale Zusammenhalt nicht selten nur noch an einem sehr dünnen Faden hängt. Das ändert aber nichts am Lesevergnügen und am Vorsatz noch viel Genanzino zu lesen.
Woran erkennt man schlechte "Philosophie"?
Beispielsweise an Sätzen wie diesen:
Am Onanieüberdruss findet die autokongratulatorische Lebensform ihre Grenze.
Mit welcher Methode kommt man zu solchen sagenhaft komischen Sätzen?
Ich funktioniere eher wie ein Schriftsteller, der sich einen Denker ausdenkt, dem immer wieder andere Gedanken zustoßen.
Wer hält hier die Öffentlichkeit sehr erfolgreich zum Narren?
Peter Sloterdijk (zitiert nach dem Falter 23/04 S. 22f.)
6. Juni 2004
Bibliothek: Neuzugänge
Eine Reihe von Büchern, die ich bei Booklooker & Co. bestelle, lasse ich mir an eine deutsche Versandadresse liefern, so dass ich dann immer mit vielen Büchern zurück nach Wien reise:
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Ulrich Schreiber | Die Kunst der Oper. Geschichte des Musiktheaters Band III: Das 20. Jahrhundert | Büchergilde Gutenberg | in jeder Hinsicht ein Schwergewicht |
| Jean-Jacques Rousseau | Emil oder Über die Erziehung | UTB | Paderborn 1975 |
| John Irving | Das Hotel New Hampshire | SZ Bibliothek Band 10 | München 2004 |
| Alexander Demandt | Sternstunden der Geschichte | becksche reihe | München 2003 |
| Manfred Clauss | Das Alte Ägypten | Alexander Fest | 2001, gebunden; sehr schönes Buch |
| A.L. Kennedy | Gleissendes Glück | Wagenbach | Quartbuch 2001 |
| Per Olov Enquist | Der Besuch des Leibarztes | Knaur TB | 2003 |
| Ernst Schulin | Die Französische Revolution | C.H. Beck | 1989, angeblich ein Standardwerk |
3. Juni 2004
Bibliotheken in Prag
Abgesehen von Kafka Stätten, suchte ich in Prag natürlich sehenswerte Bibliotheken auf. Einerseits die Klosterbibliothek Strahov (noch ein Bild), andererseits die barocken Bibliothekssaal im Klementinum. Ein schlechtes Bild davon hier.
Beide Säle sind ästhetisch sehr ansprechend, allerdings kann man in die beiden Räume der Klosterbibliothek nur hinein sehen. Ein Besuch lohnt sich unbedingt, wenn man in Prag ist.
Wahlen in den USA
Vor den letzten Präsidentschaftswahlen behaupteten sich für besonders aufgeklärt haltende Zeitgenossen, es sei egal, wer Präsident würde. Die Unterschiede seien ohnehin nur marginal. Wer die deprimierenden Ereignisse der letzten vier Jahre Revue passieren lässt, erkennt sofort, wie naiv diese Behauptung war. Dies ist bei dem nächsten Urnengang nicht anders, was Elizabeth Drew in der The New York Review of Books sehr prägnant zusammenfasst:
Bush has told people that he wants a "mandate" in this election to carry out his deepest wishes. If he receives one, or believes that he has received one, it is altogether likely that the environment will be further damaged, civil liberties will be further threatened, the Supreme Court will likely be set in a radically conservative direction for many years to come, and there will be a greater effort to privatize or cut social programs. The President is likely to feel that he has an even freer hand in foreign policy and in the use of military power, and less need to be accountable to Congress. For these reasons—and probably some that we can't yet imagine—this is the most consequential election in decades.
30. Mai 2004
Anna Gmeyner: Automatenbüfett
(Theater an der Josefstadt 29.5.)
Regie: Hans-Ulrich Becker
Auf das zweifelhafte Vergnügen, Zeitzeuge einer der schlechtesten Saisonen dieses Theaters seit langem zu sein, hätte ich gerne verzichtet. Auch das Ausgraben des 1932 uraufgeführten Stücks hätte man sich sparen können. Laue, gut gemeinte Satire von bald vorhersehbarer Mittelmäßigkeit. Ja, das deutsche Vereinswesen ist lächerlich und Provinzstädtchen von unerträglicher Borniertheit. Nach zeitgenössischen statirischen Maßstäben gemessen (Tucholsky etwa) ist das Stück im besten Falle flau. Höchstens für Menschen mit ausgeprägtem literaturgeschichtlichem Interesse sehenswert. Die Inszenierung ist so gut, wie es der zweifelhafte Text zulässt. Ein Trost: Im Theater an der Josefstadt kann es nächste Saison nur aufwärts gehen.
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Wilhelm Genazino | Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz | rororo | Reinbek 2004 |
| Juan Carlos Onetti | Das kurze Leben | SZ Bibliothek Band 11 | München 2004 |
| John Irving | Das Hotel New Hampshire | SZ Bibliothek Band 10 | München 2004 |
| Thomas Bernhard | Werke 11: In der Höhe. Amras. Der Italiener. Der Kulterer | Suhrkamp | Frankfurt 2004 |
| Thomas Bernhard | Werke 15: Dramen 1 | Suhrkamp | Frankfurt 2004 |
29. Mai 2004
Kafka und Prag
In Salzburg kann man hautnah miterleben, wie man den Salzburgkritiker Mozart in eine verkitschte Gelddruckmaschine verwandelt hat. Ein paar Jahre in Salzburg lebend, konnte ich diese Kombination aus fulminanter Geschmacklosigkeit und schlecht getarnter Geldgier fast täglich erleben, es genügte ja ein Gang durch die Altstadt.
Nachdem Prag sich nun seit einiger Zeit dem Segen des Kapitalismus erfreuen darf, erwartete ich dort Ähnliches zu sehen, nur eben mit Kafka statt Mozart in der Hauptrolle. Weit gefehlt. Ja, es gibt Franz-Kafka-Restaurants und es gibt Franz-Kafka-Kaffeehäuser. Auch an einigen zweifelhaften Souveniren fehlt es nicht. Trotzdem ist der Umgang der Prager mit ihrem berühmten Bürger vergleichsweise dezent.
Zu dezent? Mein Erstaunen war groß als ich nur das Geburtshaus mit einer Gedenktafel versehen fand. Weder den Wohnungen Kafkas, noch seine Schule(n) oder Arbeitsstätten ist von außen anzusehen, dass es sich um wichtige literarische Orte handelt. Offenbar bestehen von tschechischer Seite noch Vorbehalte, sich im öffentlichen Raum mit dem jüdisch-deutschen Schriftsteller auseinanderzusetzen.
Unterwegs war ich mit dem vorzüglichen Band "Kafkas Prag. Ein Reiselesebuch" von Klaus Wagenbach, das seinen Zweck nicht besser hätte erfüllen könnte. Auf den Umschlagseiten jeweils ein alter und ein aktueller Stadtplan, in denen alle Stätten penibel eingetragen sind. Im Text werden die jeweiligen Orte ausführlich beschrieben und mit Zitaten ergänzt. Besonders hilfreich und ansprechend sind die zahlreichen Fotos aus dem alten Prag, so dass man auf einen Blick erkennt, ob ein Gebäude noch im ursprünglichen Zustand ist. Der perfekte literarische Reiseführer.
Jonathan Bloom; Sheila Blair: Islamic Arts [A]
(Phaidon Art & Ideas)
Etwa die Hälfte dieses Buches las ich als Vor- und Nachbereitung meiner Türkei-Reise. Erschienen in der ausgezeichneten Reihe "Art & Ideas" teilt es deren Vorzüge: Beschreibung des historischen und geistesgeschichtlichen Kontextes, hervorragende Abbildungen, jargonfreier Stil. Kurz: eine Freude für den kunsthistorisch Interessierten.
Angesichts der geographischen und stilistischen Vielfalt der islamischen Kunst konnte sich bisher in der Forschung keine historische und/oder systematische Einteilung des Themengebiets durchsetzen. Bloom und Blair wählen deshalb einen pragmatischen Ansatz. Das Buch gliedert sich in drei Teile: 1. "The Rise of Islam 600-900 AD"; 2. "Regional Centers and Local Powers 900-1500 AD"; 3. "The Great Empires 1500-1800 AD".
Innerhalb dieser Blöcke werden nacheinander die verschiedenen Kunstgattungen behandelt: Architektur, Malerei, Kunsthandwerk, Textilkunst etc., jeweils mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen. Einen großen Raum nimmt die Buchkunst ein (wunderschöne Abbildungen!). Nicht nur für Reisende ist dieser Band empfehlenswert, sondern auch für alle, die sich derzeit mit guten Gründen für ein besseres Verständnis der islamischen Welt bemühen.
28. Mai 2004
Thomas-Bernhard-Werkausgabe
Zwei neue Bände dieser schönen Ausgabe sind gerade erschienen:
Band 11: In der Höhe. Amras. Der Italiener. Der Kulterer.
Band 15: Dramen 1
Neuerscheinungen
Im Insel Verlag erscheinen im Herbst einige erwähnenswerte Bücher: Sigrid Damm veröffentlicht "Das Leben des Friedrich Schiller. Eine Wanderung" (August). Als insel taschenbücher erscheinen die ersten beiden Bände von Nicolas Boyle ausführlicher Goethe-Biographie. "Band 1: 1749-1790" und "Band 2: 1790-1803" (beide im November). Angesichts der Preise der Leinenausgabe (40 bzw. 45 Euro) eine erfreuliche Entwicklung.
Wilhelm Genazino: Ein Regenschirm für diesen Tag. Roman
(dtv)
Seit den Büchern von Markus Werner habe ich selten Gegenwartsliteratur mit so großem Vergnügen gelesen, wie dieses kleine Buch von Wilhelm Genazino. Präzise und intelligente Alltagsbeobachtungen und -reflexionen. Stilistisch nicht nur einwandfrei geschrieben, sondern von einer beachtlichen sprachlichen Treffsicherheit. Ein Roman der "Lebensmerkwürdigkeiten".
25. Mai 2004
The Rebirth of the NYRB
Scott Sherman hat einen sehr instruktiven Artikel über die New York Review of Books geschrieben. Wer die NYRB nicht liest, hat keine Ahnung, wie gut Publizistik sein kann, schon gar nicht, wenn man sich auf deutschsprachige beschränkt :-)
Gustav Meyrink: Der Golem. Roman
(Ullstein TB)
Anstoß für die Lektüre gab die Pragreise, und dieser Aspekt ist noch der Interessanteste des Buches. Meyrink fängt die Atmosphäre des jüdischen Ghettos ein, allerdings spielt die Golemsage eine geringere Rolle als der Titel verspricht.
Meyrinks Faible für Okkultes und Esoterisches passt einigermaßen zur Golemthematik, wenn man nicht mehr als eine märchenhafte Geschichte erwartet. Ansonsten ist die geistige Substanz ziemlich dünn, und die Ernsthaftigkeit, mit der seltsame Theorien ausgebreitet werden, nicht immer erfreulich. Ein nettes Pragbuch also.
21. Mai 2004
Prag-Reise
Bin in den nächsten Tagen in Prag unterwegs.
20. Mai 2004
Reise-Notizen West-Türkei (6): Pergamon
Attalos I. machte Pergamon im dritten vorchristlichen Jahrhundert zu einem intellektuellen Zentrum. Die Reste der berühmten Bibliothek, damals eine ernsthafte "Konkurrenz" zur Büchersammlung in Alexandria, sind auf dem Burgberg noch zu sehen. Den faszinierenden Zeusaltar kann man zwar nur im Berliner Pergamonmuseum bewundern, aber alleine den ursprünglichen Ort hoch über der Ebene zu sehen, wäre eine Reise wert. Die Ruinen auf dem Berg sind teilweise in einem sehr guten Zustand und geben einen guten Eindruck über die ursprüngliche Anlage der Stadt. Beeindruckend ebenfalls die Überreste römischer Ingenieurskunst, etwa die Hochdruck-Wasserleitung, welche die Stadt mit frischem Quellwasser versorgte. Blei war damals das einzige zu diesem Zweck geeignete Material, weshalb die Einwohner Pergamons an einer permanenten Bleivergiftung litten.
In der Ebene kann man noch das Asklepieion besichtigen, eine der renommiertesten zeitgenössischen Heilstätten. Entsprechend groß ist die Anlage. Nicht nur für Freunde der Medizingeschichte sehr sehenswert.
Bilder (Roland Hauk)
15. Mai 2004
Bibliothek: Neuzugänge
Da in letzter Zeit öfters ADAC Reiseführer in der Liste auftauchen, ein Wort dazu: Sie sind nicht perfekt, bieten für 5 Euro jedoch einen hinreichenden Informationsumfang, mit ausreichender Betonung auf kulturellen Themen.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| ADAC Reiseführer | Rom | ADAC | München 2003 |
| ADAC Reiseführer | Österreich | ADAC | München o.J. |
| Martin Walser | Ehen in Philippsburg | SZ Bibliothek Band 9 | München 2004 |
| Edward M. Forster | Wiedersehen in Howards End | SZ Bibliothek Band 8 | München 2004 |
| Florian Holzer | Wiener Szenelokale | Falter Citywalks 3 | Wien 2004 |
| Erich Klein | Denkwürdiges Wien 5 | Falter Citywalks | Wien 2004 |
9. Mai 2004
Wassily Kandinsky: Der Klang der Farbe 1900-1921
(Kunstforum 9.5.)
Die Entdeckung der abstrakten Malerei gehört mit zu den spannendsten Momenten der Kunstgeschichte. Die Ausstellung im Kunstforum lässt einen den Schritt vom Figürlichen ins Abstrakte anhand des Schaffens Kandinskys schön nachvollziehen. Von seinen frühen "gegenständlichen" Werken der Murnauer Zeit über eine weitgehend abstrahierende Behandlung gerade noch erkennbarer Gegenstände, bis hin zur "absoluten" Abstraktion finden sich jeweils zahlreiche Beispiele.
Das letzte Mal als ich Bilder Kandinskys in München sah, liegt mehr als 10 Jahre zurück, und ich hatte ihre Wirkungsmächtigkeit völlig vergessen. Der Maler verglich seine Arbeiten immer wieder mit musikalischen Formen und diese Analogie drängt sich förmlich auf. Bei einigen seiner wohlkomponierten Farbexplosionen musste ich an Strawinsky denken, dessen Musik eine ähnliche Kombination aus wilder Rhythmik und formaler Begrenzung auszeichnet. Eine tolle Ausstellung!
Schiller: Erzählungen
(WBG Sämtliche Werke Band 5)
Die Prosawerke Schillers fristen an allen Fronten ein Schattendasein. Magere 220 Seiten belegt diese Sparte in der Werkausgabe. Gelesen werden sie heute nur noch selten, selbst die Forschung darüber ist (im Gegensatz zu anderen "klassischen" Themen) überschaubar.
Ein Grund dafür dürfte in ihrer Zwischenstellung zwischen den moralischen Erzählungen der Aufklärung und den poetologisch reiferen der Romantik zu suchen sein. Die kürzeren Werke pendeln eigenartig zwischen diesen Polen hin und her.
Das Romanfragment "Der Geisterseher" nimmt mit etwa 100 Seiten den größten Raum ein. Schiller hat sich mehrmals höchst abfällig darüber geäußert und sich über die Zeitverschwendung beklagt, die ihm der Zwang, die "Thalia" mit Stoff zu versorgen, auferlegte. Dabei gibt es durchaus ein paar bemerkenswerte Aspekte, etwa die differenzierte Auseinandersetzung mit der Aufklärungsthematik (Aberglaube versus akzeptable versus "zersetzende" Aufklärung).
Wer sich für Schiller interessiert, mag das lesen. Wer keine vollständige Lektüre seiner Werke anstrebt, sollte sich an die Dramen und die theoretischen Schriften halten.
8. Mai 2004
Die Fragilität des Theaters
Wolfgang Kralicek, wohl der beste österreichische Theaterkritiker, schreibt in der aktuellen Ausgabe des "Falter" ein paar sehr treffende Worte über das Theater:
Eine Theateraufführung ist eine höchst fragile, komplexe Veranstaltung, die an allen Ecken und Enden vom Scheitern bedroht ist - und entsprechend selten wirklich gelingt. Es gibt wohl keine Sparte, in der die "Ausfallsquote" so groß ist wie im Theater. Soll heißen: Besucht man eine x-beliebige Theatervorstellung, dann ist sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gut [...]
Zugegeben: Nichts ist so schlecht, wie schlechtes Theater. Umgekehrt ist tolles Theater dafür mitreißend wie kaum sonst etwas. Typen wie ich [wir! :-)] respektieren deshalb sogar schlechtes Theater, weil es die Voraussetzung für gutes Theater ist.
"Shakespeare, Stage or Page?"
So der Titel des Aufsatzes von James Fenton in der The New York Review of Books 6/2004, in dem er einen Überblick über den aktuellen Stand dieser Debatte gibt.
The opposite view became well entrenched by the end of the twentieth century. No longer was it an open question whether certain of Shakespeare's plays were performable: all were performable in principle, and all were indeed, with varying degrees of frequency, performed. Performance itself became the criterion for interpretation: "We must allow Shakespeare himself to decide what must be studied. Throw out those learned introductions to the text. We are to learn by doing, and the insights of actors are more likely to be right than those of scholars." "A play has to be seen and heard in order to be understood." "The stage expanding before an audience is the source of all valid discovery."
This seems to derive from a stage-struck scholarship, or from a critical orthodoxy that conveniently forgets how much a modern production of Shakespeare depends on scholarly and critical guidance. Actors are taught by directors, and directors are taught at universities. And if they happen not to be, it remains true that without scholarly editions neither actor nor director would have the foggiest notion of what crucial passages in the plays mean.
7. Mai 2004
Sergi Belbel: Die Zeit der Plancks
(Burgtheater 6.5.)
Regie: Philip Tiedemann
Planck: Peter Simonischek
Sara: Kirsten Dene
Laura: Regina Fritsch
Rosa: Sylvie Rohrer
Anna: Nicola Kirsch
Maria: Maria Happel
Max: Johannes Krisch
Ein Stück zu beurteilen, das man nicht gelesen hat, ist immer schwierig. Belbel versucht, in einer Mischung aus Realismus und poetisch gruselig-grotesker Überhöhung, die Situation einer Familie zu schildern als das Familienoberhaupt (grandios: Simonischek!) stirbt.
Die wichtigste symbolische Bezugsebene nimmt Belbel aus der Physik, konkret die Planck-Zeit. Nun ist niemand erfreuter als ich, wenn sich Literatur und Naturwissenschaft nicht, wie sonst immer, mit gegenseitiger Verachtung strafen. Nur bin ich mir in diesem Fall nicht sicher, ob diese semantische Ebene wirklich funktioniert, d.h. gut mit dem Rest des Stücks zusammenpasst.
Die Inszenierung setzt sehr auf Musik (vier Musiker spielen mit) und verdient das Prädikat "originell": Ein riesiges Bett auf der Bühne, von ebenso riesigen schwarzen Türen umrahmt, alles höchst beweglich installiert. Ein paar vorsichtige Schockeffekte, ein paar gute Regieeinfälle. Ein akzeptabler Theaterabend.
4. Mai 2004
Karl-Markus Gauß: Die Hundeesser von Svinia
(Zsolnay Verlag)
Das schmale Buch trägt keine Gattungsbezeichnung. Es bietet sich an: Reiseliteratur bzw. präziser: Reisereportage. Mit fließenden Übergängen zur soziologischen (oder doch: anthropologischen?) Feldstudie versteht sich sowie dem historisch-politischen Essay.
Eines läßt sich jedenfalls feststellen: Der Text ist glänzend geschrieben. Laut der Buchhändlerin meines Vetrauens verkauft sich das Buch gut, so dass zu hoffen ist, dass Gauss stilistische Meisterschaft endlich auch einem größeren Publikum bekannt wird.
Die vom Autor beschriebene Reise führt in durch die Ostslowakei. Sein Interesse gilt diesmal den slowakischen Roma, deren Siedlungen er an verschiedenen Orten besucht. Man braucht nicht zu erwähnen, dass dies bei den slowakischen Nachbarn der Roma auf eine Mischung von Erstaunen und Unverständnis stößt, wohnen sie doch meist seit Jahren unmittelbar nebenan, ohne je einen Fuß in diese Slums gesetzt zu haben.
Gauß großes Verdienst ist es, einmal mehr mit großer Behutsamkeit die Ränder Europas ins Zentrum zu rücken.
3. Mai 2004
Fischerkirche in Rust
(2.5.)
Der idyllische kleine Ort am Neusiedler See kann mit einer kunstgeschichtlichen Attraktion aufwarten. Die Fresken der kleinen Fischerkirche wurden fünfzig Jahre lang restauriert und sind nun in einem erstaunlich guten Zustand zu bewundern. Die am besten erhaltenen stammen aus dem 15. Jahrhundert. Die Farben sind frisch, die Motive größtenteils noch gut erkennbar. Die bunte Dekoration der Decke ist ausgesprochen beeindruckend.
Römersteinbruch St. Margareten
(2.5.)
Nur ein paar Kilometer von Rust entfernt, ist einer der ältesten Steinbrüche Europas zu besichtigen. Das Gelände ist imposant, nicht zuletzt die Freilicht-Bühne, auf der regelmäßig Opern zu sehen sind, die aber auch zu Passionsspielen missbraucht wird: "Die Kreuzigung findet links auf dem Hügel statt" wird man von einer Schautafel unterrichtet ...
Nicht nur die Römer bezogen hier ihre Steine, auch viele berühmte Wiener Gebäude wurden mit Hilfe der burgenländischen Steine errichtet: Stephansdom, Karlskirche, Burgtheater u.v.m.
Paradigmenwechsel in der Genetik?
Seit vielen Jahrzehnten ist es eine gängige Auffassung in der Genetik, dass auf den Chromsomen überwiegend Überflüssiges zu finden ist: semantisch leerer Genmüll, ein evolutionärer Schrottplatz.
Nur etwa zwei Prozent der DNA wurde als relevant eingestuft. Ursache dafür war in erster Linie, dass man nur die Proteinsynthese für wichtig hielt. Diese Lehrmeinung gerät zunehmend ins Wanken, wie in zwei höchst aufschlussreichen Spektrum-der-Wissenschaft-Artikeln nachzulesen ist (Februar und März 2004). Inzwischen hat man nämlich erkannt, dass auch Gene, die "nur" RNA ausprägen von kaum zu überschätzender Wichtigkeit für das Erbgut und den Vererbungsprozess sind. Doch damit nicht genug: Sogar Informationen außerhalb der DNA Sequenz, sogenannte epigenetische Informationen, spielen eine wichtige Rolle.
Die im Jahr 2003 gefeierte komplette Entschlüsselung des menschlichen Genoms war also sehr voreilig. Die entzifferten 2% dürften nur einen kleinen Teil des semantischen Gehalts ausmachen. Sollte sich das bestätigen, ist das der größte Paradigmenwechsel in der Vererbungslehre seit einem halben Jahrhundert. Eine spannende Sache, diese Wissenschaft.
2. Mai 2004
Mark Twains Haushälterin...
... hieß Kate Leary und hatte tiefe Einsichten ins Landleben:
The country was pretty enough, but you can't live on country [...] but oh! [...] It was dull, I tell you dull!
[zitiert nach NYRB 6/2004, S. 29]
1. Mai 2004
Alban Berg Quartett
(Konzerthaus 29.4.)
Haydn: Streichquartett B-Dur Hob III/78
Schostakowitsch: Streichquartett Nr. 11 f-moll op. 122
Brahms: Streichquartett Nr. 1 c-moll op. 51/1
Für den erkrankten Thomas Kakuska sprang dessen Schülerin Isabel Charisius an der Viola ein, hörbar eine gute Wahl. Haydn und Brahms spielte das Ensemble wie gewohnt in makelloser Brillanz. Etwas ratlos dagegen lies mich die Interpretation des Schostakowitsch Quartetts zurück. Etwas schien zu fehlen. Nachdem ich mir nun gerade die Einspielung dieses Werks durch das Eder Quartett zum Vergleich anhörte, wurde es schnell deutlich. Die schwebende Eindringlichkeit des Werks, die leise Schmerzhaftigkeit fehlte über weite Strecken, vor allem am Anfang. Eine zurückhaltende Spielweise verträgt sich schlecht mit dem energiegeladenen musikalischen Temperament des Russen.
Das nächste Konzert des ABQ wird es erst Ende November geben, eine trostlos lange Sommerpause.
Reise-Notizen West-Türkei (5): Assos
Hoch über der Küste und mit einem abwechslungsreichen Blick auf das dunkelblaue Meer und die Insel Lesbos liegen die Ruinen der griechischen Stadt Assos. Ein kleines Bergdorf trägt diesen Namen immer noch. Die Stadt wurde ca. im 8. Jahrhundert von Lesbos aus besiedelt und entwickelte sich binnen der nächsten 400 Jahre zum intellektuellen Zentrum der Region. Dies ist dem Fürst Hermias zu verdanken, einem Schüler Platos, der Aristoteles einlud, in Assos eine philosophische Schule zu gründen. Drei Jahre lang blieb der Philosoph in der Stadt. Im Jahr 58 trieb dort auch Apostel Paulus sein Unwesen, bevor der Verfall der Stadt begann. In byzantinischer Zeit war nur noch ein Dorf übrig.
Ausgesprochen sehenswert sind die Überreste des Athenatempels, der wie immer an der schönsten Stelle errichtet war. Obwohl viele Überreste über diverse Museen der Welt verstreut sind, kann man sich nach wie vor einen guten Überblick über diese Tempelanlage verschaffen. Bilder (Roland Hauk)
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30. April 2004
Bibliothek: Neuzugänge
Eine Reihe von neuen Büchern zu vergleichsweise günstigen Preisen.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Fjodor Dostojewskij | Böse Geister. Roman | Fischer TB | Übersetzt von Swetlana Geier |
| Wilhelm Genazino | Ein Regenschirm für diesen Tag. Roman | dtv | München 2003 |
| ADAC Reiseführer | London | ADAC | München 2003 |
| Elias Canetti | Die Stimmen von Marrakesch. Aufzeichnungen nach einer Reise | SZ Bibliothek Band 7 | München 2004 |
| Sabine Herre | Prag | Polyglott Sonderausgabe | München 2002 |
| Christiane Nüsslein-Volhard | Von Genen und Embryonen | Reclam UB | Solide Genetik für 2,50 Euro |
| Judith Swaddling | Die Olympischen Spiele der Antike | Reclam UB | Neuerscheinung |
| Heinrich Laag | Kleines Wörterbuch der frühchristlichen Kunst und Archäologie | Reclam UB | Stuttgart 2001 |
| Anthony Gottlieb | The Dream of Reason | Norton Paperback | A History of Philosophy from the Greeks ro the Renaissance |
| Kunstforum Wien | Wassily Kandinsky: Der Klang der Farbe 1900-1921 | Wien 2004 | Katalog zur Wiener Ausstellung; Geschenk |
| Norbert Wehr (Hrsg.) | Schreibheft Nr. 62 | Rigodon | "Göttliche Monster" - Eine Literatur aus Belgien |
26. April 2004
Römische und keltische Ausgrabungen
(Archäologischer Park St. Magdalensberg 24.4.)
Das Kärnter Freilichtmuseum liegt etwa 25km von Klagenfurt entfernt und lohnt durchaus einen Besuch. Zu sehen sind die Überreste einer Bergarbeitersiedlung. Zur Zeit der Römer und Kelten wurde dort erstklassiges Erz abgebaut und weiterverarbeitet.
Freigelegt wurden die Grundrisse einiger Häuser und Werkstätten, des Tempels und des "Vergnügungsgebäudes" (Bad & Küche). In diversen Freilichtvitrinen ist Keramik und Werkzeug zu sehen. Die Keramik ist in einem vergleichsweise schlechten Zustand, herausragend ein kleiner Krug mit Verzierungen an dem man deutlich die unterschiedlichen kunsthandwerklichen Fähigkeiten zwischen Kelten und den südlichen Zivilisationen erkennen kann. Bemerkenswert ist auch die Mischarchitektur zwischen Römern und Kelten. Der Tempel bestand aus ungewöhnlich dicken Mauern und hatte eine für klassische römische Tempeln unübliche Raumeinteilung.
Das "Management" des Bergwerks hat offenbar sehr schön gelebt. Leider erinnert dort nichts an die Minensklaven. In einer Mine zu arbeiten war, neben Galeere und Zirkus, das Übelste, was einem Sklaven passieren konnte. Die Lebenserwartung betrug oft nur noch wenige Jahre.
Burg Hochosterwitz
(24.4.)
Unweit von St. Magdalensberg liegt auf einem hochaufragenden Hügel die Burg Hochosterwitz. Das Gebäude ist gut erhalten. Im Burgmuseum liegt der Schwerpunkt auf Waffenkunde. Vor allem die Entwicklung des Gewehrs und der kleinen Artillerie wird ausführlich geschildert. Die Burg verfügt über sehr beeindruckende defensive Anlagen. Vierzehn Tore trennten potenzielle Angreifer von der Burg, die meisten davon mit diversen Verteidigungssystem ausgestattet: Hightech der frühen Neuzeit. Vieles der sichtbaren Bausubstanz geht auf das 16. Jahrhundert zurück.
Michael Cook: Der Koran. Eine kurze Einführung
(Reclam UB)
Ein neues Beispiel für das ausgezeichnete kleine Sachbuchprogramm des Reclam Verlags. Auf knapp 200 Seiten fasst Michael Cook viel Wissenswertes über den Koran und dessen Kontext zusammen. Kenntnisse werden nicht vorausgesetzt. Trotzdem geht der Autor erstaunlich in die Tiefe, und zwar dank seiner "Zoom-Technik": Immer wieder diskutiert Cook philologische oder linguistische Probleme anhand eines Beispiels so detailliert, dass man einen ausgezeichneten Eindruck über den Stand der Koranforschung bekommt. Zwar ist die Kompilationsgeschichte des Textes nicht mit der langwierigen der Bibel zu vergleichen. Trotzdem gibt es hier textgeschichtlich so viele offene Fragen und Inkonsistenzen, dass sich im arabischen Raum eine korankritische Diskussion auf Dauer nicht vermeiden lassen wird. Was die kritische Bibelforschung zwischen 1750 und 1850 geleistet hat - und die Breitenwirkung dieser Erkenntnisse - wäre auch dem Koran dringend zu wünschen.
18. April 2004
Virtuelles Aufräumen
Das erste Quartal der Notizen ist ab sofort im Archiv zu finden.
Bibliothek: Neuzugänge
Über die SZ Bibliothek war bereits viel zu lesen. Ich nutze das günstige Angebot, 5 Euro für einen gebundenes Buch, um viele Taschenbücher zu ersetzen.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| F. Scott Fitzgerald | Der große Gatsby | SZ Bibliothek Band 4 | angesichts des Preises von 5.- sehr solide gemacht |
| Karl-Markus Gauß | Die Hundeesser von Svinia | Zsolnay | Wien 2004 |
17. April 2004
Klassiker-Preise
Die Preisspannen für Bücher sind oft extrem. Aktuelles Beispiel: Die neue Übersetzung der "Brüder Karamasow" von Swetlana Geier kostet 78 Euro, ein selbst für große Klassikerfreunde prohibitiver Preis. Ihre Übertragung von "Böse Geister" dagegen ist für wohlfeile 6 Euro als Fischer TB zu haben.
Wilkie Collins: Die Frau in Weiß. Roman. Deutsch von Arno Schmidt
(Fischer TB)
Kurz zögerte ich, einen neunhundertseitigen Roman zu beginnen. Schließlich sagte ich mir: Wenn Arno Schmidt sich die Zeit nimmt, diesen Schmöker zu übersetzen, habe ich mir gefälligst die Zeit für die Lektüre zu nehmen.
Eine gute Entscheidung, denn das Buch stellte sich schnell als hervorragend zu lesender Roman heraus, mit vielen klassischen Ingredienzien des viktorianischen Romans (angereichert mit Elementen der gothic novel). Prall gezeichnete Figuren bevölkern die Handlung rund um eine raffinierte Erbschaftsintrige. Besonders gelungen ist Graf Fosco, der den brillanten Bösewicht gibt. Zur Qualität des Buches trägt bei, dass Collins viktorianische Klischees souverän hinter sich lässt: Marian Halcombe als engagierte und selbständig handelnde Frau entspricht so ganz und gar nicht dem Frauenbild der Zeit.
Arno Schmidts Übersetzung zu lesen ist eine Freude, und man frägt sich, ob es sich hier nicht um einen der seltenen Fälle handelt, wo die Übersetzung besser als das Original ist.
Reise-Notizen West-Türkei (4): Bursa, Troia
Bursa, eine Stadt mit bald zwei Millionen Einwohnern, zeichnet sich kulturhistorisch vor allem dadurch aus, dass sie die Osmanen zu ihrer ersten Hauptstadt machten. Während in Istanbul die großen Moscheen alle nach dem klassizistischen Stil erbaut sind, finden sich in Bursa frühosmanische Gotteshäuser, die erkennbar weniger von christlichen Kirchen beeinflusst sind, als die späteren Bauwerke. Sehr sehenswert sind außerdem die zahlreichen Sultansgräber. Sarkophage stehen in Türben (Grabbauten), die wie gestauchte Türme aussehen, und innen höchst unterschiedlich prächtig geschmückt sind. Bursa wirkt trotz der Größe vergleichsweise provinziell, aber vielleicht war an diesem Eindruck nur der Kontrast zum turbulenten Istanbul schuld. Bilder (R. Hauk).
In allen Reiseführern wird so ausgiebig von "Millionen enttäuschter Besucher" berichtet, dass man erstaunt ist, wie viel dort noch zu sehen ist. Freilich schadet es nichts, einiges über die Grabungen zu wissen, und einen guten Archäologen als Erläuternden zu haben. Ist man an der kitschigen Reproduktion eines trojanischen Pferdes vorbei, das - Überraschung! - von Amerikanern gestiftet wurde, sieht man die beeindruckenden Überreste der Stadtmauer. Anschließend gibt es diverse Ausgrabungen aus den unterschiedlichen Schichten zu sehen, darunter auch Spektakuläres wie ein altes von Korfmann freigelegtes Haus. Bilder (R. Hauk).
15. April 2004
Reise-Notizen West-Türkei (3): Bilder
Selbst fotografiere ich nicht. Dafür aber Mit-Studienreisende. Hier die Fotos von Roland Hauk.
13. April 2004
Giorgione. Mythos und Enigma
(Kunsthistorisches Museum 12.4.)
Es gibt ja - entgegen zahlreicher populärer und gelehrter Vorurteile - eine Reihe von Kriterien, um ästhetische Qualität zu beurteilen. Wenn beispielsweise Hermeneutiker heftig zu streiten beginnen, wie ein Werk nun richtig interpretiert werden muss, zeigt das nicht nur, dass die Betreffenden wenig Ahnung vom polyvalenten Wesen der Kunst (Literatur, Musik) haben, sondern deutet in der Regel auf spannende ästhetische Eigenschaften hin.
Giorgones Werke etwa werden höchst kontrovers gedeutet, so als sei ein Künstler von vorneherein verpflichtet nach den gängigen historischen Schablonen zu malen. Dass der mit zweiunddreißig Jahren verstorbene Maler dies ziemlich konsquent verweigert, kann man sich in einer hochkarätigen kleinen Ausstellung im Kunsthistorischen Museum ansehen. Erstmals ist dort auch "La Tempesta" außerhalb Venedigs zu sehen, eine in nicht nur farblich ausgesprochen spannende Komposition.
Wer sich für kunsthistorische Methodologie interessiert, kommt ebenfalls auf seine Kosten. Es sind enige Infrarot und Röntgenaufnahmen ausgestellter Bilder zu sehen, so dass man auch als Laie die Bildentstehung bzw. Übermalungen genau verfolgen kann. So auch bei einem meiner Lieblingsbilder, den drei Philosophen.
12. April 2004
Religiöser Fundamentalismus
Dass der christliche Fundamentalismus ein ebenso widerliches Phänomen wie der Islamismus ist, droht im Moment in Vergessenheit zu geraten. Der unermüdliche Garry Wills beschäftigt sich in einem umfangreichen Artikel in der The New York Review of Books 6/2004 nicht nur mit Gibsons erfolgreichem SM-Porno "The Passion of the Christ", sondern setzt sich auch ausführlich mit der ultrakonservativen "Legion of Christ" auseinander, deren noch lebender Gründer Marcial Maviel Degollado sich von den Mühen des religiösen Fanatismus gerne mit seinen jungen Schülern entspannte. Trotz zahlreicher glaubwürdiger Anschuldigungen blieb der Vatikan untätig. Wills zieht folgendes Fazit:
Even if the accusers of Maciel are wrong, the treatment of their complaints by the Vatican and the weak arguments offered by the Legion are disturbing in themselves. The accusations against Maciel deserved serious investigation, but seem to have received none, beginning with the list of twenty names sent by Bishop McGann in 1976. As McGann's canonist said, "It's a substantive allegation that should have been acted on." That is troubling, apart even from any judgment that might have been reached in the matter. But if the men are telling the truth, that raises a far more dismaying prospect. If they are right, if Maciel is in fact a pedophile protected by the Vatican itself, then there is a black hole at the center of the institutional Catholic Church.
Reise-Notizen West-Türkei (2): Istanbul
Kreatives Chaos auf kulturträchtigem Boden. Ein höchst spannendes urbanes Experiment. Wer wird langfristig die Oberhand gewinnen, Orient oder Okzident? Eine Antwort darauf ist im Moment völlig unmöglich. Je nach Stadtteil sieht man ein völlig anderes Gesicht der Stadt. Eine europäische Metropole rund um den Taksim-Platz, eine orientalische Welt in der Altstadt. Der Kontrast zwischen Reichtum und Armut ist überall präsent.
Vier Tage Istanbul sind eigentlich zu wenig, man schafft gerade das Wichtigste. Die architektonisch seltsam zerstückelte Topkapi-Palastanlage mit der Schatzkammer, deren Werke farblich viel geschmackvoller komponiert sind als die in Wien zu sehenden überladenen Gegenstände des habsburgischen Kunsthandwerks. Die klassizistischen osmanischen Moscheen, deren gelungeste meiner Meinung nach die Suleymaniye ist. Die grandiose Hagia Sophia, deren Raumeindruck seit über 10 Jahren leider von einem riesigen Gerüst unter der Kuppel arg beeinträchtigt wird. Die hervorragend erhaltene römische unterirdische Zisterne mit mehr als 100 wild zusammengetragenen Säulen. Schließlich die Chorakirche mit gut erhaltenen Mosaiken, die viele spannende illusionistische Details aufweisen (z.B. Berücksichtung der Windrichtung).
11. April 2004
Reise-Notizen West-Türkei (1): Europäisches
Spricht man mit türkischen Städtern über die aktuelle Situation ihres Landes, treten fast alle vehement für einen schnellen EU Beitritt ein. Das scheint zumindest die überwiegende Meinung unter Akademikern zu sein, konkret unterhielt ich mich mit einem Dipl.Ing., einem Betriebswirt sowie mit einem klassischen Archäologen. Junge Hotelangestellte versicherten mir ebenfalls, dass sie große Hoffnung auf den EU-Beitritt setzten.
Die Motive dafür sind in erster Linie wirtschaftlicher Natur. Dass die Türkei nach wie vor enorme ökonomische Probleme hat, ist kein Geheimnis. Aber auch kulturelle Beweggründe sind ein wichtiger Faktor. So hörte ich sowohl in Istanbul als auch in Izmir, dass sich die Städte durch die Millionen von Landflüchtigen in den letzten 20 Jahren sehr negativ entwickelt hätten. Urbaner Lebensstil und Toleranz würden durch die hartnäckig beibehaltenen kulturellen Traditionen beeinträchtigt. Als Beispiel wurde von einem Gesprächspartner eine Familie angeführt, die sechzehnköpfig (Mann mit zwei Frauen und insgesamt dreizehn Kinder), die in eine kleine Stadtwohnung gezogen sei. Das sei kein Einzelfall.
Die in Städten häufig anzutreffende Kinderarbeit - siebenjährige Kinder als Straßenverkäufer - sei zu einem großen Teil darauf zurückzuführen, dass viele Landflüchtlinge ohne Rücksicht auf ihre ökonomische Situation, unzählige Kinder in die Welt setzten.
Interessant an diesen Meinungen ist, dass man vieles davon ebenfalls in Westeuropa hören kann. Mehrfach betonte ein Gesprächspartner, dass man Istanbul mindestens dieselben Integrationsprobleme hätte, wie in europäischen Großstädten.
Obwohl sich die Türkei ideologisch an allen Ecken und Enden mit ihrem laizistischen System schmückt, fällt sofort auf, dass die Religion im Alltag quer durch alle Schichten und Altersgruppen einen für den Durchschnitts-Europäer überproportional hohen Stellenwert hat. In den Moscheen findet man rund um die Uhr betende Menschen, darunter auch viele Junge. Für Touristen bietet sich hier ein pittoreskes Bild, dessen Bedenklichkeit einem erst dann bewusst wird, wenn man über die politischen Implikationen dieser Religiosität nachdenkt.
Wissenschaftliche Buchgesellschaft
Die WBG bot immer schon ein spannendes Buchprogramm. Trotzdem habe ich von Magazin zu Magazin den Eindruck, dass die Auswahl immer besser wird. Das mag mit meinem gestiegenen Interesse für Alte Geschichte und Archäologie zusammenhängen, denn hier ist das Angebot neuer Titel besonders vielfältig. Auf dem deutschsprachigen Buchmarkt gibt es nur wenig vergleichbares (etwa den C.H. Beck Verlag).
7. April 2004
Eitelkeiten
Abstreiten wäre zwecklos: Es ist schön, ausgerechnet von der NZZ gelobt zu werden:
Weit gespannt ist die im Netz zu findende Bandbreite dieser Kritik. Sie reicht von Nachwuchskritikern wie Nico Haase, der als 15-Jähriger seine Website buchtips.de.vu online gestellt hat und inzwischen nach nur einem Jahr und mit Unterstützung eines kleinen Teams 900 Buchtipps offeriert, bis zu promovierten Germanisten wie dem Österreicher Christian Köllerer, der in seinem faszinierenden «Notizen»-Projekt für einen wachsenden Kreis Interessierter frei von allen Aktualitäts- oder Wissenschaftszwängen fortlaufend Bücher und Filme rezensiert oder über die Neuzugänge seiner Privatbibliothek informiert (koellerer.at).
(NZZ vom 6. April 2004)
Richard Miklin: Wien. Literarische Spaziergänge durch Vergangenheit und Gegenwart
(Klett Cotta)
An diesem Buch habe ich ein knappes Jahr gelesen bzw. präziser: Ich unternahm, das Buch in der Hand, alle literarischen Spaziergänge, die Miklin vorschlägt. Zwar sind die wichtigsten Wiener Sehenswürdigkeiten enthalten, trotzdem werden diese gut mit Entlegenerem gemischt, so dass auch Kenner Wiens noch davon profitieren können.
Angereichert ist das Buch mit einer Menge von einschlägigen Zitaten. Die elf Spaziergänge dauern jeweils zwei Stunden. Eine durchaus hilfreiche Angelegenheit.
6. April 2004
Rembrandt
(Albertina 6.4.)
Derzeit sind in Wien eine Reihe von spannenden Ausstellungen zu sehen: Hauptwerke Kandinskys im Kunstforum, Giorgione im Kunsthistorischen Museum, Stimmungsimpressionismus im Belvedere sowie das eben neu eröffnete Palais Lichtenstein mit der berühmten Sammlung dieser Familie.
Die Rembrandt-Ausstellung in der Albertina zeigt die Werke des Niederländers nach dessen Lebensphasen geordnet. Schwerpunkt sind Radierungen und Zeichnungen, unter denen in Wien einige Hauptwerke zu sehen sind, wie der grandiose "Sündenfall". Adam und Eva werden - analog zu anderen radierten Portraits, die Bettler oder Handwerker zeigen - in einem "unschönen" Realismus dargestellt. Gemälde sind deutlich weniger zu sehen, trotzdem kann man sich einen guten Überblick über die Maltechnik Rembrandts verschaffen. Zu Beginn bevorzugte er "Feinmalerei", arbeitete so präzise wie möglich. Im Laufe der Zeit wurde der Pinselstrich immer unbekümmerter und grobkörniger. Im Spätwerk schließlich ist vieles malerisch nur noch angedeutet. Diese Entwicklung lässt sich auch bei den Radierungen und Zeichnungen verfolgen. Das gilt ebenso für die zunehmende Meisterschaft der Lichtführung.
Wer sich für die berühmten Selbstportraits Rembrandts interessiert, wird enttäuscht sein. Es finden sich nur wenige in der Albertina, und die vorhandenen stammen aus dem Kunsthistorischen Museum. Immer wenn ich Werke Rembrandts z.B. in New York oder Berlin sah, übten diese eine große Faszination auf mich aus, ganz im Gegensatz etwa zu denen Rubens, die ich zwar kunstgeschichtlich interessant finde, die mich aber ansonsten ziemlich kalt lassen.
5. April 2004
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Lew N. Tolstoj | Sämtliche Erzählungen in 5 Bänden | dtv | Sehr lobenswerte Neuauflage |
| Ilhan Aksit | Pamukkale. Hierapolis | o.V. | in der Türkei gekauft |
| Alfred Polgar | Taschenspiegel | Löcker Verlag | 1979; auf dem Flohmarkt gekauft |
| Journal of the History of Ideas | 4/2003 | Hopkins University Press | wie immer gefüllt mit spannenden Aufsätzen |
| Peter Handke; Adolf Haslinger | Einige Anmerkungen zum Da- und zum Dort-Sein | Jung und Jung | Geschenk der Uni Salzburg |
| Martin Mosebach | Das Grab der Pulcinellen | dtv | Geschenk |