Übersicht --- Notizen --- Archiv --- 2. Quartal 2005
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| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Josef Neuner; Heinrich Roos | Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung | Friedrich Pustet | Regensburg 1948 |
| Jared Diamond | Collapse. How Societies choose to fail or succeed | Viking | New York 2005 |
18. Juni 2005
Victor Klemperer: Tagebücher 1918 bis 1959
(Hörbuch, 12 CDs)
Nach dem Hören (oder Lesen) dieser Tagebücher fragt man sich, ob der Misanthrop nicht doch die adäquateste Einstellung zu seinen Artgenossen hat. Klemperers "Karriere" während der dreißiger Jahre vom Ordinarius zum von der Gestapo schikanierten, rechtlosen Nicht-Arier führt plastisch die Brutalität des nazistischen Unrechtsstaat vor Augen. Klemperer beschreibt in seinem Tagebuch die sukzessiven juristischen Einschränkungen deren Perfidie nun hinreichend bekannt ist. Die bürokratische Effizienz mit der dieser Katalog der Grausamkeiten jedoch exekutiert wurde, wirkt am konkreten Beispiel noch abstoßender als die Lektüre dieser Verordnungen.
Beklemmend auch die Einstellungsänderung einiger Mitmenschen ab 1944. Eine neue Sympathie fällt auf. Die Klügeren erkannten, dass der Krieg verloren ist, und sichern ihre Zukunft durch besondere "Judenfreundlichkeit". Viel lässt sich hier über diverse Ausprägungen des Opportunismus lernen.
Wer die deutsche Geschichte zwischen 1918 und 1959 verstehen will, hält mit diesen Tagebüchern eine sehr anschauliche Quelle in der Hand. Sehr erfreulich deshalb, dass sie auch in Buchform in mehreren Ausgaben günstig zu haben sind.
Volltreffer!
Was könnte passender sein, als den überschäumenden Philosophenprätendenten Sloterdijk mit einem Preis auszuzeichnen, der nach dem großen Pseudowissenschaftler Sigmund Freud benannt ist?
Reise-Notizen Ägypten (7): Abu Simbel, Nassersee
Höhepunkt jeder Ägyptenreise ist bekanntlich der Felstempel von Abu Simbel, den man von Assuan bequem mit einem kurzen Flug erreicht. Die Versetzung des Tempels, die 42 Millionen Dollar kostete und für die man das Bauwerk in ca. 1000 bis zu dreißig Tonnen schwere Blöcke zerlegte, scheint ihm nicht geschadet zu haben. Die vier Kolossalstatuen vor dem Großen Tempel von Ramses II. verfehlen auch heute ihre Wirkung nicht. Die Innenausstattung wird wieder von der Lieblingspropagandalüge des Pharao dominiert: der Schlacht von Kadesch.
Nur 150 Meter vom Tempel entfernt erwartete uns die MS Nubian Sea für die Rückfahrt nach Assuan. Die letzten drei Tage der Reise waren nur von ein paar kurzen Ausflügen in die nubische Wüste unterbrochen, wo es noch ein paar kleinere Tempel zu sehen gab. Ich kann allen Ägyptenreisenden nur empfehlen nach dem massentouristischen Niltrubel noch ein paar Tage auf und um den Nassersee anzuhängen. Dieser ersten Reise zum Nil werden sicher noch weitere folgen.
Theodor Gottlieb von Hippel (1741-96)...
... fand erfreulicherweise einen Biographen.
12. Juni 2005
Emile Male: Die Gotik. Die französische Kathedrale als Gesamtkunstwerk
(Belser)
Wann werden wir endlich begreifen, daß Frankreich auf dem Gebiet der Kunst nie etwas Größeres geschaffen hat als seine Kathedralen?
[S. 344]
Mit dieser Frage beendet Emile Male seine fulminante Studie. Der Weg dorthin führt den Leser zu der Einsicht, dass diese Kirchenbauten aus dem Hochmittelalter Kunstwerke von einer semantischen Dichte sind, denen man kunsthistorisch wohl nur wenig an die Seite stellen kann. Male bezieht in seine Argumentation das gelehrte Schrifttum des Mittelalterls in extenso ein. So gelingt es ihm nicht nur die Ikonographie plausibel zu machen.
Dies schlägt sich bis in die Struktur der Studie nieder. Leitfaden derselben ist der "Spiegel" des Vincentius von Beauvais, einer Enzyklopädie des Mittelalters. Das Mittelalter war von Wissenskompilationen dieser Art bekanntlich sehr angetan, was auch die zahlreichen "Summen" zeigen. Das Werk des Beauvais gliedert sich in vier Teile: Spiegel der Natur, Spiegel der Wissenschaft, Spiegel der Moral und Spiegel der Geschichte. Die zentralen Kapitel von "Die Gotik" stellen an diesen Linien entlang das klassische Bildprogramm der Kathedralen vor.
Das "Natur" und "Wissenschaft" in der mittelalterlichen Bedeutung der Begriffe gebraucht werden, braucht nicht betont zu werden. So ist der "Spiegel der Natur" anhand der Schöpfungstage aufgebaut.
Male argumentiert sehr vorsichtig und analytisch. Gäbe es analog zur Analytischen Literaturwissenschaft eine ebensolche Kunstwissenschaft, wäre er ein Kandidat par exellence. So lehnt er nicht belegbare "Totalsemantisierungen" des Bildmaterials ab. Während andere Kunsthistoriker versuchen, noch jedes Blatt symbolisch zu verstehen, beschränkt sich Male ikonographisch auf nachweisbare Bezüge. Eine ausgezeichnetes Buch, nach dessen Lektüre man gotische Bauwerke mit ganz anderen Augen sieht.
11. Juni 2005
Wiener Philharmoniker
(Konzerthaus 5.6.)
Konzert für Klavier und Orchester op. 42 (1942)
Bruckner: Sinfonie Nr. 7 E-Dur
Klavier: Daniel Barenboim
Dirigent: Pierre Boulez
Nach der Pause verstrichen einige Takte, bis die Wiener Philharmoniker zur gewohnten Form fanden. Boulez wählte zügige Tempi und interpretierte Bruckners Siebte deutlich weniger transparent als erwartet.
Schönbergs Klavierkonzert spielte Barenboim sehr geschmeidig, so als wolle er das Hörerlebnis so einfach wie möglich machen. Didaktisch vielleicht ein plausibler Ansatz. Es drängt sich aber die Frage auf, ob er aber Schönbergs Ästhetik gerecht wird.
Bastian Sick: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod
(2 CDs, Hörbuch)
Sprachkritik ist eine heikle Angelegenheit. Die Erfolge der Linguistik der letzten Jahrzehnte verdanken sich ihrem empirischen Ansatz: Der Sprachgebrauch wird untersucht, analysiert und beschrieben. Normatives Vorgehen wird mit guten Gründen schon aus methodischen Gründen zurückgewiesen.
Die Tätigkeit des Sprachkritikers, der Hohn und Spott über den vermeintlichen Verfall der Sprache ausschüttet, ist wissenschaftlich also nicht fundiert. Was heute den Unmut eines Sprachpolizisten auf sich zieht, kann zehn Jahre später anerkannte Sprachregel sein gegen deren Verstöße ein zukünftiger Kollege erneut tätig wird. Besonders offensichtlich ist dies bei der Kritik am Verwenden von "Fremdwörtern". Heute richtet sich die Empörung auf Angliszismen. Vor hundert Jahren waren es Entlehnungen aus dem Französischen.
Bastian Sick bewegt sich mit seinem erhobenen Zeigefinger also auf gefährlichem Gelände. Trotzdem gelingen ihm eine Reihe von amüsanten Beobachtungen. Manche plausibel (der titelgebende Genitiv, gesteigerte Superlative), andere fragwürdig, etwa wenn er "Sinn machen" als sachlich inadäquat kritisiert, so als sei eine platonische Sinnontologie eine Selbstverständlichkeit.
Bibliothek: Neuzugänge
"Creative Advertising" ist ein Geschenk von meinem Arbeitgeber. Der "Russische Formalismus" wurde ebenso wie der Marco Polo günstig antiquarisch erstanden.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Marco Polo | Von Venedig nach China. Die größte Reise des 13. Jahrhunderts | Edition Erbmann | Stuttgart 1983, Leinen |
| Birgit Harreß (Hrsg.) | Interpretationen Dostojewskijs Romane | Reclam | Neuerscheinung |
| Udo Sautter | Die 101 wichtigsten Persionen der Weltgeschichte | C.H. Beck Wissen | 3. Auflage 2004 |
| J. Striedter | Russischer Formalismus. Texte zur allgemeinen Literaturtheorie | UTB / W.Fink | München 1994 |
| Mario Pricken | Creative Advertising. Ideas and Techniques from the World's Best Campaigns | Thames & Hudson | Paperback |
4. Juni 2005
Wolfgang Riehle: Geoffrey Chaucer
(rororo monographie)
Dieses vorzügliche kleine Buch über Chaucer erschien 1994 und ist im Moment in den einschlägigen Ramschbuchläden zu finden. Riehle informiert selbstverständlich über die bekannten Fakten zu Chaucers Werk, im Mittelpunkt stehen jedoch die Werke. Von "Das Parlament der Vögel" über "Troilus und Criseyde" zu den "Canterbury Tales", für die berechtigterweise fast das halbe Buch reserviert ist.
Riehle gelingt es ausgezeichnet die ästhetischen Verdienste Chaucers herauszuarbeiten und seine exponierte Stellung zwischen Mittelalter und Renaissance zu beschreiben. Ohne Einschränkung empfehlenswert!
Geoffrey Chaucer: Die Canterbury Erzählungen (5)
(Insel TB)
Für die märchenhafte Erzählung von Knappen gibt es laut Martin Lehnert kein bekanntes Vorbild, auch wenn ein solches anzunehmen sei. Aufgefallen ist mir der Versuch, den Zauberspiegel rational zu erklären:
Drauf meint ein anderer, ganz natürlich gehe
Das zu, nur durch die Winkelkonstruktion
Und klug berechnete Reflexion,
Genau so einer sei in Rom zu sehen.
[V. 363ff.]Was man nicht kennt, könne magisch wirken:
Hübsch gesagt, nur im Märchenkontext eigentlich sehr unpassend.
So wundert mancher sich beim Donner sehr,
Bei Nebel, Spinngewebe, Ebbe, Flut,
Bis er den Grund erfährt, dann ist es gut.
[V. 256ff.]
Die Erzählung des Gutsbesitzers strotzt nun wieder mit Didaktik und steht in einem auffälligen Kontrast zu den früheren negativen Ehegeschichten. Hier wird dem Leser nach gerade ein Musterbeispiel ehelicher Tugend vorgeführt, samt happy end. Ansprechend allerdings, dass Gott der Konfusion bezichtigt wird:
"Ewiger Gott, der du mit Vorbedacht
Die Notizen über Dante...
Die Welt uns lenkst durch deine große Macht,
Unnützerweise schufst du nichts am Ende.
Doch diese grausig schwarzen Felsenwände
Sind wohl Gebilde der Verwirrung nur,
Kein schönes Werk, an welchem wir die Spur
Von deiner weisen Schöpferhand gewahren,
Wie konntest du so unbedacht verfahren? [...]"
[V. 865ff.]
... finden sich nun komprimiert hier.
3. Juni 2005
DKV Taschenbuch
An dieses Kürzel werden sich Klassikerfreunde wohl schnell gewöhnen, wenn im Herbst der Insel Verlag mit seiner neuen Reihe "Deutscher Klassikerverlag im Taschenbuch" beginnt. Die ersten sechs Bände stehen fest:
Goethe: Faust (Albrecht Schöne) für 25.-
Schiller: Wallenstein für 18.-
Hölderlin: Sämtliche Gedichte für 18.-
Kleist: Sämtliche Erzählungen für 18.-
Grimmelshausen: Simplicissimus für 18.-
Deutsche Lyrik des Mittelalters (Hrsg.: Ingrid Kasten) für 18.-
28. Mai 2005
Bibliothek: Neuzugänge
Wieder zwei Bände der schönen Bernhard-Werkausgabe! Außerdem ein schweres Handbuch zur Weltgeschichte mit fast 500 Karten, das ich in einem Wiener Antiquariat fand.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Thomas Bernhard | Werke 4: Korrektur | Suhrkamp | druckfrisch |
| Thomas Bernhard | Werke 16: Dramen 2 | Suhrkamp | druckfrisch |
| Hans-Joachim Braun | Die 101 wichtigsten Erfindungen der Weltgeschichte | C.H. Beck Wissen | Sonderausgabe 5 Euro |
| Hochleitner, Rupert | Mineralien | Gondrom | gebunden & preiswert |
| Hermann Kinder; Werner Hilgemann | Das große Buch der Weltgeschichte in Karten, Daten und Bildern | Deutscher Bücherbund | Stuttgart 1970 |
26. Mai 2005
Wir Büchermenschen
Selbst von Nachbarn, die Du fast
Zunächst der Haustür wohnen hast,
Hörst du nicht die noch das; denn ist,
Dein Tagewerk vollbracht und bist
Mit Deinem Rechnen fertig Du,
Suchst Du Zerstreung nicht, noch Ruh;
Nein, gehst zu Haus, und wie ein Stein
Sitzes Du stumm für Dich allein
Und nimmst ein andres Buch zur Hand
Und trübst dir Augen und Verstand,
Lebst wie ein Klausner, hältst du gern
Dich auch vom strengen Fasten fern.
[Chaucer, Das Haus der Fama]
Bibliothek: Neuzugänge
Alle Bücher wurden sehr günstig über das Internet gekauft (Booklooker, Elbe-Team, Amazon Marketplace). Ausnahme ist das erste in der Liste. Diese von der Britannica empfohlene Studie über die Entdeckungsfahrten der Renaissance entdeckte ich in einem amerikanischen Antiquariat zum wohlfreilen Preis von 10 Euro.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Boies Penrose | Travel and Discovery in the Renaissance. 1420-1620 | Atheneum | New York 1962 |
| Günter de Bruyn | Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter | Mitteldeutscher Verlag | Saale 1975 |
| Kurt Rothmann | Kleine Geschichte der deutschen Literatur | Reclam UB | Stuttgart 2000 |
| Geoffrey R. Elton | Europa im Zeitalter der Reformation | C.H. Beck | München 1982 |
| Otto A. Böhmer | Sternstunden der Literatur. Von Dante bis Kafka | Beck'sche Reihe | München 2003 |
| Thomas Wharton | Salamander. Roman | dtv premium | Bibliomanikum |
| Monthy Python | Monthy Python's Flying Circus. Just the Words | Methuen | London |
| Wolfgang Benz | Geschichte des dritten Reiches | C.H. Beck | München 2000 |
24. Mai 2005
Geoffrey Chaucer: Die Canterbury Erzählungen (4)
(Insel TB)
Die Erzählung des Ordensbruders las ich gerne, bürgen auftretende Teufel doch oft für ausgezeichnete literarische Qualität. Nett, dass die Teufel auf die Macht Gottes angewiesen sind:
Zuweilen werden wir in Gottes Hand
Die Erzählung des Kirchenbüttels ist eine nette Retourkutsche, und die fulminante Darstellung eines gierigen Klerikers ist ja gerade in diesen Tagen ein wohltuender Kontrapunkt zur allgegenwärtigen medialen Heuchelei. Ein solider Derbheitsgrad wie auch schon bei früheren Texten der Sammlung.
Als Werkzeug seines Willens wohl verwandt
Zu manchem Zweck, in mancherlei Gestalten
Will grad er so mit den Geschöpfen walten.
Wir haben ohne ihn in dieser Welt
Nicht Macht, wenn er sich uns entgegenstellt.
(V. 1483ff.)
Der Scholar schließlich erzählt die bekannte Griseldis-Geschichte, die selbst für spätmittelalterliche Verhältnisse so bieder ist, dass Chaucer nachher einen relativierenden Kommentar einfügt:
Die Sage lehre nicht, die Frauen sollten
Er deutet die Aussage also in eine allgemeine Empfehlung um: man möge stoisch sein. Eine so blinde und demütige Liebe im Angesicht von Brutalität und Ungerechtigkeit ist an sich schon schwer erträglich. Das happy end macht es naturgemäß nicht besser.
Nicht, dass es nicht schöne Stellen gäbe:
Griseldis folgen in Ergebenheit,
Nicht tragbar wäre das, auch wenn sie wollten;
Vielmehr daß jedermann zu seiner Zeit
Ausharren soll in Widerwärtigkeit
Gleichwie Griseldis
(V. 1142ff.)
Doch solche Leute trifft man oft im Leben,
Populismus-Kritik:
Die, wenn sie einen Vorsatz erst gefaßt,
Daran mit solchem Starsinn kleben,
Als ob sie gleichsam fest an einen Mast
Gebunden wären.
(V. 701ff.)
"O windiges Volk! So haltlos, ungetreu!
Die Erzählung des Kaufmanns schildert eine missglückte Ehe zwischen einem Greis und einer jungen Frau. Dessen Predigten über die Tugenden der Ehe stehen in krassem Gegensatz zu seinem Verhalten, was erzähltechnisch raffiniert durchgeführt ist. Das Eingreifen Plutos und Proserpinas fügt auch noch eine mythologische Ebene hinzu. Kurz die kunstvollste Geschichte seit der des Ritters.
Unstet und wechselnd wie ein Wetterhahn!
Du freust dich jedes Rummels, ist er neu,
Du schwillst wie der Mond bald ab, bald an,
stets schwatzend, doch kein Deutwert ist daran!
Falsch ist dein Urteil, schwankend, niemals fest;
Der ist ein Narr, wer sich auf dich verläßt."
(V. 995ff.)
Dietrich Schwanitz: Bildung. Die Geschichte Europas
(3 CDs, Hörbuch)
Angesichts der hohen Verkaufszahlen dieses Machwerks kam mir beim Anhören der drei Stunden regelmäßig das Gruseln. Im besten Fall reiht Schwanitz Klischees und Gemeinplätze aneinander und gibt eine Art historischen Märchenonkel, der über keinerlei kritische Reflexionsfähigkeiten verfügt. Es versteht sich, dass diese Vorgehensweise schon jeder Bildung Hohn spricht, besteht diese doch vor allem auch im qualifizierten Hinterfragen von angeblichen Selbstverständlichkeiten. Fehler finden sich eine ganze Menge, von Industriebetrieben im Mittelalter bis zu Platon, der die Metaphysik erfunden habe. Hochgradig peinlich der Abschnitt über den Holocaust, wo eine Linie zwischen dem angeblichen Gottesmord der Juden und den Genozid der Deutschen gezogen wird.
19. Mai 2005
Sportliches
Das Lieblingsspielzeug des erwachsenen Niederländers aber ist jenes, das er seit der Geburt besitzt: der eigene Körper. Damit kann man Sport treiben. Beim Sport jagt man dem eigenen Schwanz nach oder dem eines anderen. Einen runden Schwanz nennt man Ball. Sonntags rennen die Leute selber hinter Bällen her oder schauen anderen beim Geballe zu. Wo früher Tempel und Kirchen standen, ragen jetzt Stadien in den Himmel; Sportler werden wie Priester verehrt und wie Kaiser bezahlt. In Sportschulen und Fitness-Studios trainieren die Leute ihre Körper nicht, um schneller zu rennen oder höher zu springen, sondern um des Trainings willen. Der Mensch ist sein eigener Ball geworden. Mit der Stärkung der Gesundheit hat Sport nur wenig zu tun. Es hat noch keiner beweisen können, dass man durch Sport gesund wird. Dass man sich dabei verletzen kann, ist allerdings erwiesen: Allein in den Niederlanden passiert das eine Million mal pro Jahr. Normale Bewegung ist zweifellos sinnvoll, doch im Spitzensport bringen die Leute durch Doping und Training ihr Leben in Gefahr. Warum verstecken sich Sportler dann aber hinter der Gesundheit? Man legt doch auch kein Puzzle oder liest ein Buch, um seinen Cholesterinspiegel zu senken. Warum geben sie nicht zu, dass es einfach schön ist, zu spielen wie ein Kind, und am liebsten, wie beim Sport, in Kinderkleidern: kurze Hosen, Kniestrümpfen, dämlichen Mützen und karierten Röckchen. Puzzeln und Lesen geschieht aber nach wie vor in langen Hosen.
[Dekkers, Von Larven und Puppen. S. 271f.]
18. Mai 2005
Wiener Theater
In einer nervenaufreibenden "copy-and-paste" - Aktion habe ich nun alle Theater-Kurzkritiken der Notizen auf einer Seite zusammengefasst.
Schiller: Die Räuber [5.]
(WBG Werkausgabe)
Angesichts der erfreulichen Medienpräsenz von Schiller und angesichts einer Menge neuer Bücher zum Schillerjahr, las ich nach längerer Zeit "Die Räuber" wieder. Anfangs durch das Sturm-und-Drang-Pathos mehr irritiert als erwartet, war ich schnell wieder von der Sprachmacht des Dramas fasziniert. Wie ungewöhnlich der bildreiche und expressive Stil ist, sieht man, wenn man ihn mit Goethes "Goetz von Berlichingen" vergleicht.
Die bühnenwirksame Kolportageelemente werden überzeugend durch die weltanschauliche Analyse (wenn man das so nennen mag) ausgeglichen. Für einen Zwanzigjährigen eine tolle Leistung.
Midas Dekkers: Von Larven und Puppen. Soll man Kinder wie Menschen behandeln?
(Blessing)
Angesichts der Heftigkeit, mit der das Kinderthema derzeit gesellschaftlich diskutiert wird, ist Dekkers polemisches Buch eine Wohltat. Führt man sich vor Augen, dass die Überbevölkerung und der steigende Ressourcenverbrauch derzeit wohl das größte Problem der Menschheit ist, muten die öffentlichen Fortpflanzungsaufrufe grotesk an.
Midas Dekkers ist ein in den Niederlanden sehr bekannter Biologe und nimmt sich unseres Nachwuchses aus biologischer Perspektive an. Er räumt dabei in erfrischender Weise mit zahlreichen Klischees auf und vertritt die provozierende These, dass der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen ähnlich groß ist wie zwischen einer Larve und einem Schmetterling:
Wir wollen die Larve also als ein Jugendstadium definieren, das sich in Bau, Verhalten und Lebensmilieu stark vom Erwachsenenstadium unterscheidet, in das es abrupt übergeht. Dieser Übergang ist die Metamorphose.
Der Beschreibung dieser Differenzen räumt der Autor viel Platz ein. Im Laufe seiner Diskussion kommt er auch auf Freuds Sexualitätstheorie zu sprechen:
[S. 67]
Die allerbeste Erklärung für den Mangel einer Erinnerung an die eigene infantile Sexualität ist auch die einfachste: Es gab sie nicht. Was soll eine Larve mit sexuellen Gefühlen? Fressen muss sie und kacken und nicht auf sieben Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Die hübsche Belohnung liegt in der Befriedigung von Bedürfnissen wie Hunger, Darmdruck, Angst -, ihre Stillung erzeugt sofort Genuß. Eine Mutter erkennt die Bedürfnisse ihres Kindes sofort und identifiziert sie als "Hunger", "Durst" oder "Kälte" [...]
Dekkers Stil ist oft etwas zu flapsig, trotzdem handelt es sich um ein gutes biologisches Sachbuch. Man erfährt eine Menge spannender Fakten aus der Zoologie, speziell auch aus dem Leben der Insekten. Ein sehr amüsantes und lehrreiches Buch, das speziell Kinderfreunden empfohlen sei ;-)
Wie kam Freud nur auf diese Idee? Aus eigener Erfahrung? Natürlich nicht, denn Freud analysierte keine Kinder. Er gestand, dass es seine überraschenden Entdeckungen über die kindliche Sexualität in erster Linie der Analyse von Erwachsenen verdanke. Seine eigenen Kinder unterzog er keiner Analyse [...]
Einen besseren Beweis gegen Freuds Postulat von den drei sexuellen und einer asexuellen Phase gibt es nicht. Es ist undenkbar, dass ein Wechsel von einer Phase zur anderen sich nicht durch Schwankungen im Hormonhaushalt nachweisen ließe. Die Hormone haben das letzte Wort: Das Kind ist unschuldig.
[S. 149ff.]
16. Mai 2005
Neues aus meiner Privatbibliothek
Seit vielen Jahren hatte ich ein ausgesprochen lästiges Bücherdatenbankenproblem: Anfang der neunziger Jahre fing ich mit der DOS Datenbank LITER (dbase) an, meine Bücher zu erfassen. Bis Ende der Neunziger hatte ich darin mehr als 4500 Bücher mühsam eingeben. Das Ende des Programms kam in Form von Windows 2000 ins Haus und LITER verweigerte, beleidigt ob des technologischen Fortschritts, den Dienst. Es blieb mir nur noch ein Textfile.
Eine neue Datenbank musste her! Damit sich diese Kompatibilitätskatastrophe nicht wiederholen sollte, setzte ich auf Access des allseits beliebten Marktführers. Jahrelang lebte ich mit diesem Provisorium. Mehrere Versuche einer Vereinigung der beiden Datenbanken scheiterten bis endlich mit Bernhard Leschinger ein kompetenter Informatiker die Angelegenheit in die Hand nahm und sich bleibende bibliomanische Verdienste dadurch erwarb, dass er die alte in die neue Datenbank importierte.
Deshalb konnte ich nach mehreren Jahren endlich meine Bibliotheksseite aktualisieren und eine neue Bücherliste Bücherliste (gezippt) online stellen, die nun mehr als 5000 Titel enthält. Aktuell jetzt auch die chronologische Seite mit den Autoren in meiner Bibliothek.
15. Mai 2005
Gelehrte aus der frühen Neuzeit
Wer sich für die Kulturgeschichte der frühen Neuzeit interessiert, und wer tut das nicht, wird an dem neuen "Handbuch Gelehrtenkultur der Frühen Neuzeit" seine Freude haben, das Burkhard Dohm kenntnisreich rezensiert.
8. Mai 2005
Geoffrey Chaucer: Die Canterbury Erzählungen (3)
(Insel TB)
Die Erzählung des Müllers: Chaucer hält die Erzählperspektive des ungebildeten Müllers nicht immer durch, da er regelmäßig "gebildete" Anspielungen einfließen läßt. Cato etc. Die Astrologie wird als Gegenspieler des Glauben dargestellt:
Der Mann ist hier durch Sternenguckerei
Gut gefiel mir auch, dass die Erzählung nicht nur religiöse Naivität aufs Korn nimmt, sondern der zentrale Betrug mit der gefälschten Sintflut auch von einer gehörigen religiösen Respektlosigkeit zeugt, die man im Mittelalter so nicht erwartet hätte.
In Wahn verfallen oder Raserei.
Ich dacht es immer, ob das gut wird gehen!
Ich lobe immer mir den schlichten Mann,
Der weiter nichts als seinen Glauben kann!
[3451ff.]
Die Erzählung des Rechtsanwalts hat mich wieder deutlich stärker interessiert. Einerseits die religiöse Thematik und die Darstellung des Islam (kombiniert mit dem klassischen Motiv der bösen Schwiegermutter). Andererseits kommt Konstanze ja für mittelalterliche Verhältnisse geographisch weit herum.
Der Islam wird aufgrund der Intrige schurkisch dargestellt, was ebensogut zum Zeitgeist des 14. Jahrhunderts passt wie zum unserigem. Die zweite böse Schwiegermutter in der Geschichte ist ja auch eine Heidin, so dass man eigentlich schon von einer christlichen Propagandaerzählung sprechen kann. Das happy end für die braven Neu- und Altchristen rundet das Bild schön ab. Christliche Tugenden werden auch regelmäßig gepriesen:
O schnöde Wollust, sieh hier, wie du endest!
Die Erzählung der Frau von Bath: Hochgradig verblüfft hat mich die lange Rechtfertigungsrede der Frau von Bath im Prolog, die meinem Eindruck nach nur noch wenig Mittelalterliches an sich hat. Die Gute ist sich durchaus ihre individuellen Rolle im Leben bewusst und hat auch ausführlich über ihr Lebenskonzept nachgedacht. Pikant auch ihre innovativen religiösen Interpretationen, die sie mit Bibelstellen belegt. Etwa zum Thema Ehe:
Du läßt nicht nur die Geisteskräfte schwinden,
Es ist gewiß, daß du den Leib auch schändest.
Das Ende deines Werks und deiner blinden
Gelüste ist die Klage [...]
[V. 925ff.]
Denn der Apostel sagt, von Gottes wegen
Die Erzählung selbst enthält dann auch eine vergleichsweise moderne psychologische Komponente. Sowohl was die Lösung des Rätsels angeht als auch dass überhaupt nach einem psychologischen Motiv explizit gesucht wird. Das ist mir bisher in der Literatur des Mittelalters noch nicht begegnet.
Steht meiner Wahl zum Frein nichts entgegen,
Er heißt uns Heirat nicht als Sünde meiden.
[V. 49ff.]
Reise-Notizen Ägypten (6): Kom Ombo, Assuan, Philae Tempel
Der Tempel Kom Ombo stammt ebenfalls aus der Ptolemäerzeit und liegt hübsch an einer Nilschleife, etwa 45km nördlich für Assuan. Das Bauwerk ist mit Haroeris und Sobek zwei Göttern geweiht (Doppeltempel), was sich architektonisch in einer zweiten Mittelachse niederschlägt.
Assuan war die südlichste Stadt der Reise. Orient pur bietet speziell der Basar, den Sozialphobiker besser meiden. Der berühmte Staudamm ist weniger imposant als erwartet, weil sich das Bauwerk mehr in die Breite als in die Höhe streckt.
Der Philae Tempel ist nur mit einem Motorboot zu erreichen. Er steht auch erst seit 1902 auf dieser Insel als der Bau des ersten Staudamms eine Umsetzung des Tempels notwendig machen. Durch die Insellage sehr malerisch gelegen fällt ansonsten die trapezförmige Anlage des Tempelhofs auf.
Uhrenmuseum Wien
(5.5.)
Der Name der Institution "Uhrenmuseum" wird wörtlich genommen: Es werden auf drei Stockwerken Uhren aller Art präsentiert. Darunter wahre mechanische Meisterwerke, welche diverse astronomische Informationen anzeigen.
Erwartet hätte ich allerdings auch ausführliche Informationen über die Herstellung von Uhren. Der Besucher fährt nichts darüber. So erstaunt es nicht weiter, dass auf weitere kulturgeschichtliche Bezüge nicht eingegangen wird. Weder wird man mit der Rolle, die Chronometer bei der Schiffsnavigation spielten (Stichwort: Längengrad) vertraut gemacht, noch über die Änderungen der Alltagskultur informiert, welche die Einführung von Uhren mit sich brachten.
Über Bücherwürmer
Die Larven des Gemeinen Nagekäfers fungieren nicht nur als Holzwürmer, sondern auch als Bücherwürmer. Unter diesem Namen werden allerlei Larven zusammengefasst, die Papier, Pappe, Leim oder Leder mögen. Die erwachsenen Tiere haben ein Larvenleben intensiven Bücherstudiums hinter sich. Fachleute können an den Löchern und am Gangsystem erkennen, welche Art sich jeweils an den Büchern vergriffen hat. Bibliothekare sind nicht gut auf die Tierchen zu sprechen, die ohne einen Leseausweis Bücher verschlingen. Und trotzdem sind diese Bücherfreunde nicht zu tadeln, für das, was sie tun. Sie fressen zwar an unseren Schriften, wir aber waren es, die ihre Nahrung vollgesudelt haben. Sie tun, was Millionen ihrer Kollegen seit Jahrmillionen tun: Abfall wegschaffen. Bücher sind aus toten Pflanzen- und Tierstücken gemacht, und so etwas muss so rasch wie möglich weggeräumt werden, um Platz zu machen für neue Pflanzen und Tiere.
Ohne die Hilfe dieser Allesverzehrer wäre die Welt, wie wir wissen, schon längst in ihrem Abfall erstickt. Wir verfluchen das Gefleuch allerdings, weil sie Plastiktüten, die nicht von selbst zerfallen, verschmähen, und dafür Bücher, die zerfallen sollen, schmackhaft finden.
[Dekkers: Von Larven und Puppen. S. 53]
7. Mai 2005
Lessing: Reimarus-Veröffentlichungen
(Hanser Werkausgabe Band 7; Theologiekritische Schriften I und II)
1774 begann Lessing in seiner Schriftenreihe "Zur Geschichte und Literatur. Aus den Schätzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel" Auszüge aus einem religionskritischen Manuskript abzudrucken. Eine heftige Debatte war die Folge und Lessings Schriften gegen die Anwürfe des Hamburger Pastors Goeze nahmen hier ihren Anfang.
Liest man heute die Auszüge aus dem Manuskript des Hermann Samuel Reimarus (1694-1768), Professor für orientalische Sprachen an einem Hamburger Gymnasium, kann man Lessings Faszination sofort nachvollziehen: Ein ebenso denk- wie schreibgewandter Freigeist wendet sich den Dogmen der Religion zu und untersucht diese mit rationalen Methoden. Das Ergebnis ist naturgemäß wenig schmeichelhaft, etwa wenn Reimarus penibel die Widersprüche der Auferstehungsgeschichte erläutert:
Sagt mir vor Gott, Leser, die ihr Gewissen und Ehrlichkeit habt, könnet ihr dies Zeugnis in einer so wichtigen Sache für einstimmig und aufrichtig halten, das sich in Personen, Zeit, Ort, Weise, Absicht, Reden, Geschichten, so mannigfaltig und offenbar widerspricht? Zween dieser Evangelisten, nämlich Marcus und Lucas, haben es nur aus Hörensagen, was sie schreiben;: sie sind keine Apostel gewesen, und verlangen nicht einmal zu sagen, daß sie Jesum nach seinem Tode selber mit ihren Augen gesehen hätten. Matthäus und Johannes, die Jesum als Apostel selber wollen gesehen haben, widerlegen sich einander am allermeisten: so daß ich frei sagen mag, es sei fast kein einziger Umstand, von dem Tode Jesu an bis zu Ende der Geschichte, darin ihre Erzählung zusammen zu reimen wäre. Und doch ist sehr merklich, daß sie alle beide die Himmelfahrt Jesu gar weglassen: er verschwindet bei ihnen, und man weiß nicht, wo er geblieben: gleich als ob sie nichts davon wüßten, oder als ob dieses eine Kleinigkeit wäre [...]
Seine "Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes" ist ein fulminantes Werk und gehört zweifellos zu den wichtigsten deutschen Texten der Aufklärung. Desto abstruser erscheint einem die Druckgeschichte. Im 18. Jahrhunderten kursierten einige Manuskripte in aufgeklärten Kreisen. Zu einem Druck kam es nie, weil die Familie Reimarus auch lange nach dem Tod des Verfassers eine Veröffentlichung ablehnte. So erschien die Apologie in Buchform zuerst 1972 (sic!), herausgegeben von Gerhard Alexander, und ist heute nicht einmal mehr antiquarisch zu finden. Sollten hier Verleger mitlesen: bitte sofort neu auflegen!
[Die Jünger] machen es nicht wie andere aufrichtige Leute, die mit Wahrheit umgehen, und sich frei auf mehrere Menschen berufen dürfen, die ihn hätten kommen, weggehen, wandern sehen: nein, er stehet bei ihnen, ohne zu kommen, er kömmt auf eine menschlichen Augen unsichtbare Art, durch verschlossene Türen, durchs Schlüsselloch, und so verschwindet er wieder vor den Augen: niemand auf der Gasse oder im Hause siehet ihn kommen und weggehen.
[S. 455f.]
Reise-Notizen Ägypten (5): Ramesseum, Horustempel in Edfu
Ebenfalls noch in Theben-West gelegen, kann man die Überreste des Ramesseums bewundern. Auf den mächtigen Pylonen ist die berühmte Kadeschschlacht (1274 v.u.Z) dargestellt: ein Meisterstück politischer Propaganda. Ramses II. überlebte diese Schlacht gegen die Hethiter nur durch einen Zufall. Trotzdem wurde sie im ganzen Reich als großer Sieg des heldenhaften Pharao gefeiert und an vielen Orten abgebildet.
Fährt man von Luxor den Nil abwärts, stößt man auf den Horustempel in Edfu. Er gilt als der besterhaltenste Tempelbau des alten Ägypten. In der Ptolemäerzeit vollendet (57 v.u.Z.) ist er aber auch vergleichsweise jung. Besonders sehenswert die streng blickende Falkenskulptur vor dem Eingang.
Diktatoren und ihre Anhänger
Ian Buruma geht in seinem jüngsten Aufsatz in der The New York Review of Books 8/2005 der Frage nach, warum Diktatoren immer wieder Millionen von Anhängern finden. Seine Antwort ist eine anthropologische:
What has not changed is human nature, the human desires that have allowed dictators to emerge in the past. The wish to worship, to be sheltered by a great father, to bask in the reflected glory of war, to be mesmerized by the spectacle of power, or swept up in collective emotion, these are still with us. And then there is the dictator's most potent weapon, our fears: of unseen enemies, threatening us abroad and at home; of individual meaninglessness and impotence; and indeed of freedom itself.
In a well-functioning democracy these emotions are defused. The desire for grandeur is hard to satisfy in a liberal democracy, to be sure. Only the republics of France and the United States, both born in revolution, have the grandiose pretensions of representing universal liberty, which is perhaps why these two countries are so often at odds. As for other desires, humans are still worshiped in rock venues and sports stadiums, where aggressive collective emotions can be more or less contained. In Europe, where overt nationalism has become a taboo since the great wars of the last century, soccer games are now almost the only focus of chauvinist mass hysteria.
6. Mai 2005
Geoffrey Chaucer: Die Canterbury Erzählungen (2)
(Insel TB)
Chaucer stellt im Prolog die handelnden (sprich: erzählenden) Figuren ausführlich vor, und diese Beschreibungen sind ein fulminanter Auftakt! So pointiert-ironische Portraits kannte ich bisher aus der mittelhochdeutschen Literatur nicht, vielleicht mit der Ausnahme von Gottfrieds "Tristan".
Wobei mir einige von Chaucers Beschreibungen eher konventionell (der brave Dorfpfarrer etwa) anmuten, während andere dagegen ungewöhnlich sarkastisch sind (der Mönch). Könnte gut sein, dass diese Gegenüberstellungen ästhetisch beabsichtigt sind, steigern sie doch die Wirkung.
Diese Kontrastierung ist auch in kleineren Motiven durchgezogen, etwa was die Zuneigung zu Büchern angeht:
Mönch:
Sollt er studieren und verrückt sich machen,
Stets über Büchern nur im Kloster sitzen,
Und gar bei seiner Hände Arbeit schwitzen,
Wie Augustin befiehlt? Was hilft's der Welt?
Mag er sich plagen, wenn's ihm gefällt!
[V. 184ff.]
Scholar:
[Das gefällt mir so gut, dass ich es ausführlich zitieren muss]
Da war ferner aus Oxford ein Scholar,
Der Logik schon studiert manch liebes Jahr.
Sein äußerst magres Pferd glich einem Rechen,
Auch er war nicht grad fett, um wahr zu sprechen,
Hohläugig sah er aus und ernst, so mein ich,
Sein Mäntelchen war kurz und fadenscheinig;
Noch hatte er's zur Pfründe nicht gebracht,
Da er an Amt und Vorteil nie gedacht.
Mehr liebt' er zwanzig Bücher überm Bett,
Schwarz-rot gebunden auf dem Bücherbrett
Von Aristoteles' Philosophie
Als reiche Kleidung, Fiedel und Psaltrie.
Doch wenn er auch ein Philosoph schon war,
Enthielt sein Koffer wenig Geld in bar;
Denn alles, was von Freunden ihm gespendet,
Zum Studium er und Bücherkauf verwendet.
[V. 285ff.]
Anhand dieser Stellen kann man sich auch gleich ein Bild von der Übersetzung des Martin Lehnert machen, die mir bisher sehr gut gefällt. Lehnert schreibt in der Einleitung zur Insel Ausgabe, dass das Mittelenglische dem Neudeutschen lautlich viel ähnlicher sei als dem Neuenglischen, weshalb sich der Text besser ins Deutsche als ins Neuenglische übersetzen lasse. Das ist doch ein interessante These
Die proportionale Ausgewogenheit der Erzählung vom Ritter hat mich angenehm überrascht. Chaucer scheint nicht nur einen großen Sinn für den Rhythmus einer Handlungsabfolge zu haben, sondern kommentiert das ja auch immer wieder. Vor allem wenn man weiß, welche literarischen Monster im Spätmittelalter sonst noch so produziert wurden, hebt sich das wohltuend ab.
Was mich literarisch am meisten beeindruckt hat, ist die Beschreibung des Marstempels. Während vorher noch in klassischer Manier Rittertum und Kampf heroisiert werden, öffnet diese Tempelbeschreibung plötzlich einen apokalyptischen Blick auf die Realität von Krieg und Gewalt. Mich hat das stark an H. Bosch erinnert:
Dort sah zunächst ich düstre Schattenbilder
Von Mord und Totschlag, von Gewalt gar wilder;
Den jähen Zorn, wie Kohlen glühend rot,
Den Diebstahl und die Angst, bleich wie der Tod
[...]
Den Meuchelmord am Schläfer in der Nacht,
Und blutige Wunden offner Kriegerschlacht;
[...]
Der kalte Tod mit offnem starrem Munde.
Das Unheil in des Tempels Mitte saß,
Unmutig war sein Blick und voller Haß.
Den Wahnsinn sah ich lachen in der Wut,
Gewaltgeschrei, Alarm und Frevelmut;
[...]
Zerstörte Städte, wüst und ausgeleert.
Ich sah das Schiff verbrannt im Meere schwanken,
Erwürgt den Jäger durch des Bären Pranken,
Das Wiegenkind, wie eine Sau es fraß
[...][V. 1995ff.]
Eine so komprimierte Darstellung der Brutalität des Lebens ist in der Mitte einer Rittererzählung doch von einer unerwarteten Subversivität. Spätestens an dieser Stelle wurde mir bewusst, dass Chaucer wirklich ein großartiger Autor ist.
Reise-Notizen Ägypten (4): Das Tal der Könige, Tempel der Hatschepsut
Sieht man, in welchem abgelegenen, öden Tal diese Grabstätten angelegt wurden, kann man die Hoffnung der Pharaonen nachvollziehen, diese entlegene Stätte möge ein sicherer Parkplatz für die Ewigkeit sein. Es entbehrt deshalb nicht der Ironie, den gewaltigen Menschenauflauf dort zu sehen. Aus konservatorischen Gründen sind immer nur ausgewählte Gräber zugänglich. Die längste Warteschlange ist bei Tutanchamun zu finden, dem unspektakulärsten Grab. Man tut besser daran, entlegenere Grabstätten aufzusuchen. Zu Tutmosis III. etwa verlaufen sich nur wenige Touristen.
Die künstlerische Qualität (und zum Teil auch noch die Farbpracht) der Reliefs sind sehr beeindruckend, und man bedauert, sie nicht mit größere Muse ansehen zu können.
Spektakulär der Tempel der Hatschepsut. Ein Architekturerlebnis ersten Ranges. Man glaubt ein modernes Bauwerk vor sich zu haben, so proportional erhaben tritt es einem entgegen.
Kebab Connection
(Filmcasino 30.4.)
Regie: Anno Saul
Drehbuch: Fatih Akin, Ruth Toma, Jan Berger
Ibo: Denis Moschitto
Titzi: Nora Tschirner
Ahmet: Hasan Ali Mete
Kirianis: Adnan Maral
die Italienerin: Sibel Kekilli
Eine witzige "Multikulti-Komödie", die in Hamburg spielt und die das deutsch-türkische Missverständnispotenzial mit viel Selbstironie auf die Leinwand bringt. Angereichert mit Anspielungen auf Filmklassiker und (qua Schauspielunterricht) Shakespeares Romeo und Julia.
Kein filmisches Schwergewicht, aber besser als Akins pathosschwangeres Werk "Gegen die Wand".
Religion, Nationalismus und Bücherhass
Welt- und Zeitgeschichte sind reich an Beispielen, welche die schädliche Rolle der Religion vor Augen führen. Zwei große Schadenskategorien sollte man aus analytischen Gründen (mindestens) unterscheiden. Zum einen den intellektuellen Schaden, den religiöse Weltanschauungen anrichten, indem sie wahrheitsnahe Theorien (und die Suche nach ihnen) unterdrücken und statt dessen Hirngespinste in Millionen von Köpfen pflanzen. Teil dieser Gärtnereitätigkeit sind in der Regel Hass auf Andersgläubige und Minderheiten.
Die zweite Schadenskategorie besteht in unmittelbarer Gewalt gegen Andersgläubige und Minderheiten.
Wer diese Mechanismen in einer aktuellen Laborsituation studieren will, kann dies in Indien tun, wo radikale Hindus seit Jahren nicht nur geistig Amok laufen. Besonders en vogue sind dort derzeit (verbale und tätliche) Angriffe auf Historiker, die statt mythologisch-nationalistischen Geschichtskonstruktionen zu propagieren, sich auf historische Fakten beziehen. Nachzulesen ist das in der The New York Review of Books 6/2005, in der William Dalrymple ausführlich diese Vorgänge beschreibt:
In his book, Laine wrote that Shivaji's parents "lived apart for most if not all of Shivaji's life," adding that "Maharashtrians tell jokes naughtily suggesting that his guardian Dadaji Konddev was his biological father." This was interpreted as a suggestion by Laine that Shivaji was illegitimate; after a horrified review was published in a Marathi weekly magazine, a series of protests began. In October an elderly Sanskrit scholar whom Laine had thanked in his acknowledgments was beaten up and had his face smeared with tar. To forestall further violence, in November the book was withdrawn from the Indian market by Oxford University Press, and an apology for causing offense was issued by the author.
The Indian newsmagazine Outlook ran its story of the attack on the institute across two pages under the banner headline "A Taste of Bamiyan," and most of the leading Indian papers carried editorials attacking what one referred to as the "Talibanization" of India. "We cannot have the mob write our history for us," said Indian Express.
Unluckily for Professor Laine, the attack took place in the months leading up to India's general election and the book soon became an election issue. The militants who carried out the attack held public meetings announcing that they wanted every Indian named in the book's acknowledgments to be arrested, questioned, and tried. Opening his campaign in Maharashtra, the then prime minister, Atal Bihari Vajpayee, issued a "warning to all foreign authors that they must not play with our national pride. We are prepared to take action against the foreign author [Laine] in case the state government fails to do so."
Leaders of the normally moderate Congress Party, which was in power in Maharashtra, not wishing to be outflanked on the issue, took an even harder line, and announced that they had instructed the CBI (the Indian equivalent of the CIA) "to arrest Laine through Interpol," adding: "Do you think the government will tolerate insults to national figures like Shivaji?"
5. Mai 2005
Volkmar Braunbehrens: Mozart in Wien
(Serie Piper)
Es gibt wohl keinen Künstler über den so viele falsche Legenden im Umlauf sind wie Mozart. Womit nicht einmal die zahlreichen abstrusen Vergiftungsverschwörungstheorien gemeint, sondern vor allem das Klischee des armen und verkannten Genies. Schuld daran sind nicht zuletzt verkitschte Filmportraits (Amadeus) und eine Mozartbiographik, die einmal in die Welt gesetzte Klischees bedenkenlos weitertransportiert.
Rühmlich Ausnahme ist Volkmar Braunbehrens, der in seiner wichtigen Studie mit diesen Legenden gründlich aufräumt. Was die Armutslegende angeht, referiert er ausführlich die belegten Einkünfte Mozarts. Abgesehen vom ersten halben Jahr in Wien verfügte Mozart über sehr solide Jahresgehälter, die denen von höheren Hofbeamten um nichts nachstanden, und sich auch in einer völlig anderen Dimension als "normale" Musikergehälter bewegten. Bei vielen Klischees (etwa über Konstanze) weist er auf fehlende Quellen hin und rekonstruiert die Konstruktionen der Biographen. Anderers wie das legendäre Armenbegräbnis stellt er in den richtigen historischen Kontext (Begräbnisverordnung von Josef II.).
Die Hauptwerke aus den Wiener Jahren kommen ebenfalls nicht zu kurz und werden exemplarisch ohne hermeneutische Verrenkungen behandelt. Kurz ein vorzügliches biographisches Buch. Mit der Einschränkung vielleicht, dass sehr viel über die Epoche referiert wird, das man bereits kennt, wenn man sich bereits etwas näher mit dieser Zeit befasst hat.
Bibliothek: Neuzugänge
Das Ellesmere-Manuskript gilt in der Chaucerforschung als die beste Quelle der Canterbury Tales. Das kleine, schöne Buch enthält ausgewählte reproduzierte Seiten sowie einen Beschreibung des Manuskripts. Die Goethe Gespräche waren ein willkommenes Geschenk von Martin Müller.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Herbert C. Schulz | The Ellesmere Manuscript of Chaucer's Canterbury Tales | Huntington Library | San Marino, California |
| Norbert Wehr (Hrsg.) | Schreibheft Nr. 64 | Rigodon Verlag | Fernando Pessoa |
| Wolfgang Herwig (Hrsg.) | Goethes Gespräche. Fünf Bände | dtv | Biedermannsche Ausgabe |
| Naturhistorisches Museum | Naturhistorisches Museum Wien. Ein Kurzführer | Wien | Wien 1998 |
4. Mai 2005
Tschechow: Der Kirschgarten
(Burgtheater 2.5.)
Regie: Andrea Breth
Ljubov Andreevna Ranevskaja: Andrea Clausen
Anja, ihre Tochter, 17 Jahre alt: Pauline Knof
Varja, ihre Pflegetochter, 24 Jahre alt: Teresa Weißbach
Leonid Andreevic Gaev, Bruder der Ranevskaja: Udo Samel
Ermolaj Alekseevic Lopachin, Kaufmann: Sven-Eric Bechtolf
Die ersten zwei Akte beschäftigte mich vor allem die Frage: Warum funktioniert die Inszenierung nicht? Breth wendet ihre übliche Technik an und hielt sich also streng an den Text und ließ den Schauspielern sehr viel Zeit. Ergebnis ist eine Über-Dehnung, die dem Stück schadete und einem Gefühl der Langeweile Vorschub leistete (vor allem vor der Pause).
Generell zeigte Breth eine sehr hohe Distanz zu dem Stück, ohne dass die Aufführung wirklich plausibel machen konnte, worin dieser Vorbehalt begründet ist. Die hochkarätige Besetzung garantierte leider auch schauspielerisch keine ausgezeichneten Abend. Während Clausen und Bechtolf auf der Höhe ihrer Möglichkeiten agierten, blieben die meisten Nebenfiguren unkonturiert und blaß.
Stift Klosterneuburg
(3.5.)
Die Augustiner verwandelten das Stift nahe bei Wien im Laufe der Jahrhunderte in ein florierendes Wirtschaftsunternehmen. Pro Jahr werden hier immer noch mehrere hunderttausend Hektoliter Wein umgesetzt. Ein Buch, das dringend geschrieben werden müßte (so es noch nicht getan wurde), wäre eine Wirtschaftsgeschichte religiöser Institutionen. Von den ägyptischen Tempeln über die griechischen Orakel bis zu den europäischen Klöstern handelte es sich ja meist um hochprofitable ökonomische Institutionen. Diese aufschlussreiche Perspektive darf man bei religionsgeschichtlichen Betrachtungen nicht vernachlässigen.
Das Stift selbt besteht aus einer gotischen Kirche samt angebauten Barockbau (von Maria Theresia beauftragt und eingerichtet, jedoch nie bezogen). Der Barockbau enthält die unbenützte Originaleinrichtung. Aus konservatorischer Sicht sind unbewohnte Wohnungen offensichtlich ideal, wovon nicht zuletzt die Farbpracht eines kolossalen Deckengemäldes Zeugnis ablegt.
Ebenfalls in diesem Flügel untergebracht ist das Stiftsmuseum, das überraschend viele hochkarätige Kunstwerke besitzt. So hängen dort vier Bilder des achtzehnjährigen Egon Schiele ebenso wie einige schöne Stücke der Donauschule. Bemerkenswert auch ein Raum mit Bildern des mir bis gestern unbekannten Malers Rueland Frueauf der Jüngere (1470-1545), die einen überraschend frischen und originellen Eindruck hinterlassen. Der Bestand überlebte den 2. Weltkrieg unbeschadet: Die Kunstwerke versteckte man im dritten Kellerstock des Weinkellers. Die russischen Soldaten soffen sich aber nur bis zum 2. Kellerstock vor, weshalb alles erhalten blieb.
Kafka-Gedenkstätte Kierling
Wenige Kilometer hinter Klosterneuburg findet man das Gebäude des ehemaligen Sanatoriums in dem Kafka starb. Sein Krankenzimmer wurde in eine kleine Gedenkstätte umgewandelt (den Schlüssel bekommt man bei einer netten alten Dame im Erdgeschoss). Neben Kopien einiger Krankheitsdokumente finden sich dort einige Schautafeln zu Kafkas Leben und einige Bücher. Wenig spektakulär alles in allem. Zwei bis drei Besucher verlaufen sich pro Woche dorthin, ab und zu eine Gruppe.
Arno Schmidt: Nachrichten von Büchern und Menschen. Elf originale Radioessays (Hörbuch)
(cpo-ton)
Wer sich für Literatur interessiert, wird an diesen Radioessays seine Freude haben. Nicht etwa deshalb, weil man mit Arno Schmidt in Urteilsfragen immer übereinstimmt, sondern weil sich hier eine ebenso unterhaltsame wie intelligente Reibefläche bietet.
Schmidts Verdienste als literarhistorischer Archäologie sind ja unbestritten, etwa wenn es sich um Heinrich Albert Oppermann oder das Buch "Dya-Na-Sore" des Wilhelm Friedrich Meyer handelt, einem unglaublichen politischen Machwerk. Auch seine Essays zur Weltliteratur (Dickens, Joyce, Brontes...) sind sehr hörenswert. Gerade bei Radioessays ist die Publikation als Hörbuch natürlich ideal.
1. Mai 2005
Geoffrey Chaucer: Die Canterbury Erzählungen (1)
(Insel TB)
Die Lektüre Dantes weckte in mir ein außerplanmäßiges Mittelalterbedürfnis, weshalb ich mich schnell Chaucer zuwandte. Ein gutes Monat beschäftigen mich nun seine faszinierenden "Canterbury Tales".
Als Einstieg kann ein kurzer Überblick über die Struktur der Canterbury Tales und einiges Wissenswerte dazu nicht schaden:
Die einzelnen Erzählungen sind in eine Rahmenhandlung eingebettet, die im "Allgemeinen Prolog" beschrieben wird. Eine Pilgerreise von London nach Canterbury versammelt eine bunte Gruppe von Pilgern (27 Männer und 3 Frauen) aus fast allen Gesellschaftsschichten (nur "ganz unten" und "ganz oben" fehlen). Die Reisezeit wird für einen Erzählwettbewerb genutzt, dem besten Erzähler winkt am Ende ein Gratisabendessen.
Chaucer plante 120 Geschichten (wenn das nicht schon an das Balzacs monomanes Romanprojekt erinnert). Es wurden nur 21 vollständige und 3 unvollständige und sind in ca. 80 Handschriften überliefert, von denen die größte Wertschätzung der Gelehrtenwelt das Ellesmere-Manuskript genießt.
Chaucers Werk wird vor allem aus zwei Gründen gelobt: Es gäbe einen unglaublich realistischen Einblick in die Welt des Mittelalters, und es sei literarisch ausgezeichnet gelungen, was Komposition und (frühe) literarische Verwendung der englischen Sprache angeht.
In den enthusiastischen Worten Martin Lehnerts, dem Herausgeber und Übersetzer der vorzüglichen Inselausgabe:
In genialer Weise verschmolzen Chaucer und Shakespeare in glanzvollen Versen und ebenso eindringlicher Prosa profunde literarische Bildung und unübertreffliche realistische Beobachtung, kraftvolle Lebensfülle und tiefe Menschenkenntnis mit einzigartiger Beweglichkeit, mit Humor und Weltoffenheit.
Naturgemäß war Chaucer auch ein großer Bücherfreund:
(S. 26)
Obgleich mein Wissen stets recht klein gewesen,
Hab ich doch Bücher immer gern gelesen.
Ich schenke ihnen Glauben und Vertrauen,
Kann achtungsvoll und freudig auf sie bauen,
Daß ich kaum ein Vergnügen nennen könnte,
Das mich von meinen Büchern jemals trennte,
Es sei vielleicht an einem Feiertag,
Im schönen Mai auch, wo's geschehen mag.
(Legende der guten Frauen, V. 29-36)
Mike Leigh: Vera Drake
(Filmcasino 24.4.)
Kamera: Dick Pope
Vera Drake: Imelda Staunton
Stan Drake: Phil Davis
Ethel Drake: Alex Kelly
Sid Drake: Daniel Mays
Inspector Webster: Peter Wight
Mike-Leigh-Kenner behaupten, "Vera Drake" sei sein bester Film seit Jahren. Man kann nur hoffen, dass dies ein Fehlurteil ist. Die realistische Ästhetik (Milieustudie!) steht in einem krassen Widerspruch zur Unglaubwürdigkeit der Hauptfigur. Vera Drake ist so eindimensional positiv dargestellt wie Mutter Theresa in einem vatikanischen Propagandafilm. Das Charakterbild wird etwas differenzierter als die illegalen Abtreibungen ans Tageslicht kommen, aber da ist es bereits zu spät. Klischeebeladene Nebenfiguren machen das Gesamtbild nicht besser.
Der Film ist jedoch aus einem Grund trotzdem sehenswert: Die grandiose schauspielerische Leistung der Imelda Staunton. Auch die kammerspielartige Regie sorgt für gelungene Momente.
24. April 2005
Papst führt Medien vor
Es waren nicht fünftausend gut versorgte Kleriker, die gestern den derzeit prominentesten reaktionären Bayern mit standing ovations feierten, sondern "Journalisten" (wohl tatsächlich treffender "Medienvertreter" genannt). Menschen mit einem Beruf also, dessen vornehmste Pflicht darin bestehen sollte, objektiv fundierte Kritik zu üben, Misstände aufzudecken und den Mächtigen auf die Finger zu sehen. Viele Journalisten sitzen weltweit in Gefängnissen, weil sie diesen ehrenwerten Beruf redlich ausübten.
Liebe Teilnehmer der gestrigen Pressekonferenz: Sich in lächerlicher Weise von einem autokratischen Religionsvertreter als denkunfähige Schreiberlinge (respektive Senderlinge) vorführen zu lassen, gehört nicht zu euren Aufgaben! Selbst dann nicht, wenn er sich höflich bei euch bedankt für die tolle Gratispropaganda, die ihr in den letzten Wochen weltweit verbreitet habt. Tolle Leistung!
Schreibt als Strafarbeit und zur Reaktivierung eurer nicht mehr messbaren Hirnfunktionen für eure Philosophieseite einen Artikel über den neuen Stellvertreter Gottes. Erörtert darin die ebenso komplexe wie interessante ontologische Frage, wie eine Repräsentationsrelation mit einem nicht existierenden Gegenstand logisch beschaffen sein muss.
Neuigkeiten vom Deutschen Klassiker Verlag
Im buchreport.express vom 14. April ist zu lesen, dass 100 der 175 erschienen Klassikerbände ab Herbst nach und nach als Taschenbuch-Ausgaben erscheinen sollen.
Schostakowitsch: Sonate op. 134 für Violine und Klavier
Schulhoff: Streichsextett WV70
Desjatnikow: "Wie der alte Leiermann..." (1997)
Schostakowitsch: Kammersymphonie op. 110a
Kremerata Baltica
Leitung: Gidon Kremer
(Konzerthaus 11.4.)
Ein Konzert, bei dem alles passte: Sehr gutes Programm, perfektes und engagiertes Zusammenspiel, emotional packend und trotzdem musikalisch transparent. Ein großartiges Ensemble.
Bibliothek: Neuzugänge
Der Biologe Dekkers räumt mit Rührseligkeiten rund um Kinder auf. Die letzten Bücher Paulus Hochgatterers waren vorzüglich und das Büchlein über Chaucer ergänzt die laufende Leküre der "Canterbury Tales".
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Midas Dekkers | Von Larven und Puppen. Soll man Kinder wie Menschen behandeln? | Blessing | Modernes Antiquariat |
| Wolfgang Riehle | Geoffrey Chaucer | rororo monographie | Modernes Antiquariat |
| Paulus Hochgatterer | Über Raben. Roman | rororo | Modernes Antiquariat |
| J.P. McEvoy | Sonnenfinsternis. Die Geschichte eines Aufsehen erregenden Phänomens | Berlin | Modernes Antiquariat |
17. April 2005
Reise-Notizen Ägypten (3): Theben
Klassischer Höhepunkt jeder Ägyptenreise ist das antike Theben (Luxor) mit dem Amun-Tempel von Karnak, eines der beeindruckendsten Bauwerke, die ich bisher sah. Selbst wenn man von der Monumentalität dieser Anlage weiß, steht man doch überwältigt zum ersten Mal davor. Sowohl die zahlreichen "Details" (Pylonen, Säulenhalle, Stelen, Sphinxen) als auch die patchworkartige Struktur der riesigen Anlage faszinieren. 2000 Jahre lang wurde immer wieder an dem Tempel gebaut.
Man vergisst sogar einen Moment die zehntausenden Touristen von hunderten (!) Nilschiffen. Deutlich übersichtlicher, und aufgrund des Pylons ebenfalls sehr imposant wirkend, ist der Amuntempel von Luxor. Ein gutes Beispiel wie ägyptische Tempel aufgebaut waren. Man muss zwei Höfe und eine Kolonnade durchqueren bevor am Ende den Barkensaal erreicht.
Alban Berg: Wozzeck
(Staatsoper 7.4.)
Dirigent: Seiji Ozawa
Wozzeck: Franz Hawlata
Marie: Deborah Polaski
Wozzeck zählt aufgrund der dichten musikalischen Expressivität zu meinen bevorzugten Opern. Selten jedoch hörte ich sie in solcher Perfektion. "Chef" Seiji Ozawa hatte die musikalische Leitung, was das Staatsopernorchester aus dem routiniert-behäbigem Repertoirspiel riss und zu einem konzentrierten Spielen anspornte, wie man das von guten Philharmonikerkonzerten kennt.
Hawlata gab einen sängerisch perfekten und emotional glaubwürdigen Wozzeck, Polaski als Marie stand ihm in nichts nach. Toller Abend!
Bibliothek: Neuzugänge
Eine Reihe von Büchern sind nachzutragen, die sich in den letzten Monaten ansammelten. Von Thomas Mann war bereits die Rede. Mishra lernte ich in seinen klugen Artikeln in der New York Review of Books schätzen, weshalb ich mir seinen ersten Roman besorgte. "Islam" und die "Götter Ägyptens" sind erstaunlich preiswert. Garschin ist (hoffentlich) eine Entdeckung. "Vernunft und Glaube" ist eines der besten Bücher über Religion aus philosophischer Sicht.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Sabine Poeschel | Handbuch der Ikonographie | Wissenschaftliche Buchgesellschaft | "Sakrale und profane Themen der bildenen Kunst" |
| Irina Kubadinow | Die Österreichische Nationalbibliothek | Prestel | Reihe Museumsführer |
| Thomas Mann | Briefe II. 1914-1923 | S. Fischer | Große Frankfurter Ausgabe |
| Thomas Mann | Frühe Erzählungen. 1893-1912. 2 Bände | S. Fischer | Große Frankfurter Ausgabe |
| Thomas Mann | Königliche Hoheit. 2 Bände | S. Fischer | Große Frankfurter Ausgabe |
| Italo Calvino | Wenn ein Reisender in einer Winternacht | SZ Bibliothek | Band 50 |
| Irina Kubadinow | Die Österreichische Nationalbibliothek | Prestel | Reihe Museumsführer |
| Francis Robinson | Der Islam | Brandstätter | "Geschichte. Kunst. Lebensformen" |
| Aude Gros de Beler | Die Götter und Göttinen Ägyptens | Komet | sehr nützlicher Bildband |
| Geoffrey Chaucer | The Canterbury Tales | Reclam UB | Mittelenglisch/Deutsch |
| Paul Heyse | L'Arrabiata; Das Mädchen von Treeppi | Reclam UB | Hrsg.: Karl Pörnbacher |
| Franzobel | Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt | Serie Piper | Gebraucht gekauft |
| Tibor Déry | Der unvollendete Satz | Deutscher Bücherbund | Gebraucht gekauft |
| Wsewolod M. Garschin | Die Erzählungen | Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung | Leipzig 1956 |
| Pankaj Mishra | Benares oder Eine Erziehung des Herzens | Blessing | Gebraucht gekauft |
| Franz von Kutschera | Vernunft und Glaube | de Gruyter | Gebraucht gekauft |
12. April 2005
Der Bücherfrühling
Perlentaucher fasst in bewährter Manier die Bücher der Saison zusammen. Geht es nach der wie immer lesenswerten Buchbeilage des Wiener Falter, ist es um die Qualität der belletristischen Neuerscheinungen schlecht bestellt.
Bis zur Seite 17 finden sich fast nur Verrisse. Nachdem viele Medien inzwischen zu verlängerten Marketingabteilungen der Verlage mutiert sind, ist es durchaus zu begrüßen, wenn Klartext gesprochen wird:
Über Eva Manesses "Vienna":
Über weite Strecken liest sich "Vienna" wie der Versuch, die "Tante Jolesch" über den Holocaust zu retten
Über Peter Roseis "Wien-Metropolis":
[...] ist voller unerklärlich schlecht geschriebener Passagen und verwackelter Bilder [...]
Über Uwe Tellkamps "Der Eisvogel":
So langweilig war Aufgeregtes noch nie [...] Erzähltechnisches ist das Ganze höchst ungeschickt angelegt [...]
Über Karen Duves "Die entführte Prinzessin":
10. April 2005
Antikensammlung in Wien
Mindestens fünf lange Jahre hielt das Kunsthistorische Museum seine griechischen und römischen Kunstwerke vor der Öffentlichkeit verborgen, ganz so als könne man sich nicht vorstellen, dass es lokale Antike-Kunst-Bedürfnisse geben könnte. Warum sonst stellte man nicht einige der Werke provisorisch aus?
Nun die Ankündigung: Im September wird die Sammlung auf 1452qm neu eröffnet. 2250 Kunstwerke sollten zukünftige akute Entzugserscheinungen verhindern. Bin schon gespannt, ob die lange Wartezeit sinnvoll genutzt wurde.
Neues von der großen Thomas-Mann-Ausgabe...
... findet sich hier.
4. April 2005
Reise-Notizen: Lissabon
(März/April 2005)
Mit einem literarischen Lissabon im Kopf reiste ich zum ersten Mal an den Tejo. Nicht nur Thomas Mann schickte seinen Felix Krull in diese schöne Stadt, auch Antunes' Bücher spielen regelmäßig dort. Schließlich noch der kürzlich gelesene Roman "Nachtzug nach Lissabon" des Pascal Mercier ...
Steht man schließlich über der Altstadt auf einem der Aussichtspunkte des Castelo', kann man den romantischen Reiz der Stadt gut nachvollziehen. Stadtplanerisch interessant: Die Anlage der alten Viertel. Baixa wurde nach dem Erdbeben mit rechtwinkligen Straßen neu angelegt, ganz wie bereits von Hippodamus im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung empfohlen. Diese geometrische Struktur geht rund um das Castello in ein Gassenlabyrinth über.
Überrascht hat mich auch die Mentalität der Lissaboner. Im Vergleich zu den Turbulenzen italienischer Städte geht es dort zurückhaltend zu. Mich erinnerte es mehr an hanseatische Distinguiertheit als an südländisches Temperament. Eine Erwähnung verdient auch das mit modernen Bauten vollgestopfte EXPO Gelände, wo sich das berühmte Ocenario befindet, und das viel urbanen Flair ausstrahlt. So baute man ehemalige Messehallen in eine Restaurantmeile um, wo sich 20-30 kleine Lokale aneinanderreihen.
Sehenswert ist das berühmte Hieronymuskloster, das mit einem in orientalischen Prunk verzierten Kreuzgang aufwartet. Das unmittelbar daran anschließende archäologische Museum hat keine spektakulären Kunstwerke zu bieten, wohl aber sorgfältige Dokumentationen römischer Ausgrabungen. Im Mittelpunkt steht ferner das römische Ingenieurwesen. Eine bessere Einführung in Technik und Funktion des Äquadukts traf ich bisher nicht an.
Das Marinemuseum schließlich ist didaktisch etwas lieblos gemacht, was durch spektakuläre Schiffsmodelle, Originalkarten und Instrumente aber aufgewogen wird. Der Schwerpunkt liegt naturgemäß auf den Entdeckungsfahrten.
Religion und Intelligenz
Dem Medienspektakel rund um den Umzug des göttliches Stellvertreters in sein neues transzendetes Büro konnte man auch auf Reisen nicht entgehen. Ob er ins Penthouse oder in den Keller ziehen muß, mögen andere entscheiden. Für ein Kellerappartment sprächen jedenfalls nicht nur seine einzigartigen Verdienste rumd um die Ausbreitung von HIV in Afrika.
Meine Theorie, dass Religion eines der effektivsten Instrumente der Dummheitsemanation darstellt, zeigte sich nicht nur darin, dass BBC World anfangs so kritiklos verherrlichend (die BBC!!!) wie Radio Vatikan berichtete, sondern auch durch die besondere Absurdität der zu Experten erklärten Leichenfledderer auf CNN. Einer gab auf die besorgte Frage des Moderators, was man denn nun am dringendsten wissen müßte, um die Schwere der Krankheit zu beurteilen, die Antwort, dass es schon sehr hilfreich wäre zu wissen, wie kritisch erkrankt der Papst wirklich sei ...
Übliche journalistische Reflexe im Falle des Ablebens eines Diktators sind Fragen, ob es zukünftig mehr Demokratie, Meinungsfreiheit und weniger Menschenrechtsverletzungen geben wird. Werden Minderheiten (Homosexuelle) und/oder Mehrheiten (Frauen) weniger Diskriminationen ausgesetzt sein? Solche Analyse würde ich von Qualitätsmedien gerne lesen/anhören/ansehen.
Vermutlich wird es einen konservativ-bornierten Nachfolger geben, was der religionskritischen Sache förderlicher ist, als ein pseudoliberales Feigenblatt, das die realen Machtverhältnisse verschleiert.
"Wonders of the World"
So heißt eine neue Reihe der Harvard University Press, die berühmten Baudenkmälern gewidmet ist. Bisher erschienen sind Bände über das Parthenon (Mary Beard), "The Alhambra" (Robert Irwin), "Westminster Abbey" (Richard Jenkyns), "The Temple of Jerusalem" (Simon Goldhill).