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Notizen: Archiv

von Christian Köllerer



2. Quartal 2006




25. Juni 2006

Daniel C. Dennett: Breaking the Spell: Religion as a Natural Phenomenon
(Viking)


Dennetts neues Buch nimmt sich einer der wichtigsten Fragen unserer Zeit an: Dem Umgang mit der Religion. Selbst wenn man das Thema persönlich bereits als "erledigt" betrachtet, ist der zunehmende negative politische Einfluss der Religionen Besorgnis erregend. Während weltweit der religiöse Fanatismus blüht (nicht nur der Islamische!), faseln in Deutschland scheinheilige Politiker über den zu geringen strafrechtlichen Schutz des "Heiligen".
Es scheint also dringend notwendig, möglichst viel über Religion zu wissen, damit man informierte Entscheidungen darüber treffen kann. Genau hier setzt Dennett an: Er trägt die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Religion zusammen und präsentiert eine "Prototheorie" wie man die Entstehung der Religion als natürliches Phänomen erklären könnte. Der Begriff "Prototheorie" deutet es bereits an: Dennett geht die Angelegenheit intellektuell bescheiden an. Er weist immer wieder darauf hin, wie schlecht die Forschungslage bisher ist. Von einer wissenschaftlichen Theorie sei man noch weit entfernt. Seine Ausführungen seien nur eine erste Skizze, wie eine solche Theorie aussehen könnte. De facto schlägt der Philosoph mit "Breaking the Spell" Art und Umfang eines Forschungsprogramms zum Thema vor.
Man kennt Dennett als eloquenten Vertreter des Darwinismus und so überrascht es nicht, dass er das Phänomen der Religion ebenfalls mit Hilfe der Evolutionstheorie analysiert. Er sieht Analogien z.B. zur Entstehung der Musik und bedient sich überzeugend der neueren Erkenntnisse der "evolutionary psychology".
Bei einer Bewertung des Buches darf man das Zielpublikum des Philosophen nicht außer acht lassen. "Breaking the Spell" richtet sich nicht primär an Gleichgesinnte, sondern auch an den religiösen "Durchschnittsamerikaner". Deshalb ist fast ein Drittel der Studie der argumentativen Begründung der Untersuchung gewidmet. Für Menschen ohne Scheuklappen überflüssige Kapitel, aber angesichts der aufklärerischen Idee des Buches durchaus plausibel. Wen interessiert, wie eine echte Religionswissenschaft aussehen könnte, sollte zu dem Buch greifen.


24. Juni 2006

Joseph Kesselring: Arsen und Spitzenhäubchen
(Akademietheater 15.6.)
Regie: Barbara Frey
Abby Brewster: Kirsten Dene
Marthe Brewster, ihre Schwester: Libgart Schwarz
Teddy Brewster, deren Neffe: Urs Hefti
Mortimer Brewster, deren Neffe: Michael Maertens
Jonathan Brewster, deren Neffe: Peter Simonischek


Die Kritik überschlug sich nach der Premiere mit Lob. Selbst die NZZ war ganz aus dem Häuschen. Als Begründung musste neben der doppelbödigen Inszenierung natürlich die schauspielersche Leistung herhalten. Die Namen oben zeigen die erstklassige Besetzung.
Was aber hilft alle handwerkliche Perfektion, wenn diese am falschen Objekt ausgeübt wird? Kesselrings Komödie reduziert Theater auf die Produktion von gelungenen Pointen, angereichert mit etwas Tiefsinn. Das ist für Theater als Kunstform viel zu wenig. Es gibt in Wien genügend Boulevardbühnen. Für die Inszenierung derart seichter Kost braucht man nicht die Ressourcen des Burgtheaters verschwenden.

Ulrich Langer (Editor): The Cambridge Companion to Montaigne
(Cambridge University Press)


Bisher enttäuschte mich kein Band dieser Reihe und der über Montaigne ist keine Ausnahme. Enthalten sind zehn Aufsätze von Montaigne-Forschern, die sich mit zentralen Aspekten vor allem der "Essais" auseinandersetzen. Genannt seien das Verhältnis zur Antike, zur Entdeckung der neuen Welt, zum Skeptiszismus und zur Natur. Einige der Texte gehen für eine Einführung etwas zu sehr ins Detail.
Man bekommt in Summe aber einen guten ersten Einblick in das akademische Geschehen rund um Montaigne. Als Begleitlektüre zu den "Essais" empfehlenswert.

Hobbes "Leviathan"

Meine paar Bemerkungen zu Hobbes finden sich nun gesammelt hier.


17. Juni 2006

Montaigne: Essais (5)
(Eichborn)

War Montaigne ein Philosoph? Um diese scheinbar einfache Frage zu beantworten, empfiehlt sich eine Unterscheidung. "Philosoph" ist ein ausgesprochen vager Begriff. Ich unterscheide (grob vereinfachend) zwei Kategorien von Intellektuellen, die Anspruch auf diese Bezeichnung erheben: Die literarischen und die "echten" Philosophen. Zu den letzteren zähle ich diejenigen, welche das Ziel der Wahrheit als Regulativ nie aus dem Auge verlieren und methodisch-systematisch denken, kurz sich an die Logik halten und methodologisch reflektieren. Als empirisches Fundament greifen sie auf die Naturwissenschaften zurück, die aus erkenntnistheoretischen Gründen die bestmöglichen "Fakten" liefern. Im 20. Jahrhundert fand man diesen Philosophentypus vor allem (aber nicht nur) in der analytischen Philosophie. Er findet sich aber auch schon in der Antike, etwa bei den alexandrinischen Naturphilosophen.
Davon kann man den literarischen Philosophen unterscheiden, der sich oft mit ähnlichen Fragestellungen auseinandersetzt, diese aber unsystematisch behandelt. Im Zweifelsfall wird einer brillanten Formulierung der Vorzug gegenüber einem klaren Gedanken gegeben. Den Naturwissenschaften stehen sie oft mit Unverständnis und Ablehnung gegenüber. "Literarisch" nenne ich sie deswegen, weil sich ihre Bücher meist mehr durch ästhetische als philosophische Verdienste auszeichnen. Prototyp des Literatenphilosophen ist Nietzsche. Ein vorzüglicher und vergnüglich zu lesender Stilist. Leider schreibt er ebenso geistreich wie er unsystematisch denkt. Es spräche einiges dafür, den Deutschen Idealismus in diese Schublade zu stecken. Viele dunkel raunende Bücherschreiber passten ebenfalls gut dazu.
Mir ist die brüske Binarität dieser Einteilung bewusst, und es gibt sicher viele Zwischenstufen, aber als heuristische Orientierung ist sie durchaus nützlich. Besser wäre es wohl für die zweite Gruppe nicht "Philosoph" als Bezeichnung zu verwenden.
Montaigne erfüllt nun viele Kriterien, um ihn zu den Literaten zu zählen. Nicht nur entwickelt er keine systematischen Theorien, er widerspricht sich auch in vielen Fragen und ist sich dieser Widersprüche auch bewusst. Zu Beginn preist er etwa die systematische Beschäftigung mit dem Tod als wichtigste philosophische Tätigkeit an, während er am Ende seines Buches in Frage stellt, ob man sich überhaupt damit auseinandersetzen sollte.
Auf abstraktere Ebene widerspricht sein theoretischer Skeptizismus, wie er ihn in der "Apologie" wortgewaltig verkündet, seiner schriftstellerischen Praxis. Das klassische Dilemma jedes radikalen Relativisten: Wie kann man sinnvollerweise seine Theorie vertreten, wenn man die Fundamente des rationalen Diskurses prinzipiell in Frage stellt? Nimmt man sein Plädoyer für eine gepflegte systematische Diskussionskultur hinzu oder seine Ablehnung der Lüge, wird der radikale Skeptizismus noch absurder.
Auch nach dem Maßstäben des späten 16. Jahrhunderts wäre Montaigne also ein handwerklich "schlechter" Philosoph (was er sicher als Kompliment verstanden hätte).
Deshalb liest man ihn besser als geistreichen Literaten denn als Philosophen. Montaigne hat viel Kluges über Menschen, Kultur & Geschichte, Leben & Sterben zu sagen. Er widerspricht sich ab und an und gibt uns damit einen Einblick in die Entwicklung seines Denkens. Er läßt uns Zeuge seines Denkens werden anstatt uns die Resultate mundfertig zu präsentieren.


15. Juni 2006

Montaigne: Essais (4)
(Eichborn)

Gute drei Monate beschäftigten mich nun die "Essais" des Montaigne. Jedes Buch verlangt nach einer eigenen Lesegeschwindigkeit und diese Texte entfalten sich am besten bei einer geduldigen Herangehensweise. Die vielfältigen Bezüge, die zahlreichen Anspielungen und die raffinierte Komposition bedürfen einer ruhigen Betrachtungsweise.
Mit guten Gründen zählt man die "Essais" zu den zentralen Werken der Weltliteratur. Die intellektuelle Komplexität ist faszinierend und kann durch eine erste Lektüre nicht annährend ausgeschöpft werden. Aus analytischen Gründen kann man zwei zentrale Themenbereiche unterscheiden: Die "Essais" als geistige Biographie eines faszinierenden Menschen der frühen Neuzeit und das Mosaik höchst unterschiedlicher Inhalte. Inwieweit "Mosaik" eine passende Metapher darstellt, darüber scheiden sich die Geister. Während Vertreter der Postmoderne ihre seltsame Denkschablone dahin gehend über den armen Montaigne stülpen, dass er angeblich ein inkomprehensibles Textsammelsurium hinterlassen hat, weisen Vertreter der traditionelleren Gelehrsamkeit auf die rekonstruierbare subtile Komposition der "Essais" hin.
Ich tendiere zur letzten Position, allerdings müßte man dieser These ausführlich literaturwissenschaftlich zu Leibe rücken. Die thematischen Stränge der Essais zu verfolgen und in eine Zusammenschau zu bringen, bedürfte mindestens einer soliden Magisterarbeit.
Angesichts der verschmitzten Klugheit des Autors sollte man seine zahlreichen Aussagen, er schreibe gedächtnis- und planlos ins Blaue hinein, keinesfalls ernst nehmen. Zumindest verfolgt er ein "pädadagogisches" Anliegen und will seine Leser zum kritischen Denken erziehen. Es ist kein Zufall, dass Sokrates einer von Montaignes Geisteshelden ist, auf den er immer wieder referenziert.
Die "Essais" sind nach dieser "autobiographischen" Sichtweise also das Zeugnis einer bemerkenswerten Persönlichkeit. Das gilt nicht zuletzt für deren Widersprüchlichkeit. So könnte man seitenweise Zitate von einer erstaunlichen Modernität über Erziehung, Strafrecht, Folter, amerikanische Ureinwohner, Prügelstrafe, Hexen, Aberglauben etc. zusammen stellen, die Montaigne weit über den intellektuellen "common sense" seiner Zeit hinaushebt. Das gilt auch für seinen erkenntnistheoretischen Skeptizismus und Empirismus.
Auf der anderen Seite ist er nicht nur ein offensiver Verfechter des Katholizismus und Konservativer. Er begründet diese Haltung vor allem mit seiner erkenntnistheoretischen Position: Da keine menschliche Erkenntnis möglich sei, brauche man Gott schon aus epistemologischen Gründen.
Neben dieser "biographischen" Leseweise, ist das Buch zusätzlich angefüllt mit einer unglaublichen Themenfülle. Philosophische Fragen aller Art stehen neben Politik, Erziehung, Geschichte, Reisen, Alltag etc. Sie alle stehen in Bezug zu zeitgenössischen und antiken Autoren, die Montaigne las. Jahrelang benötigte man, um dieses Knäuel an Fäden aufzudröseln. Die Montaigneforschung scheint mir ein höchst spannendes und diversifiziertes Feld zu sein.
Sich diesem Buch zu nähern ist eine intellektueller Herausforderung im besten Sinn. Man braucht neben viel Zeit ein offenes Auge für die zahlreichen Feinheiten. Man wird es - wie alle großen Bücher - oft zur Hand nehmen müssen und sich ein solides Verständnis erarbeiten. Dazu ist die erste Lektüre nur ein kleiner Schritt.


14. Juni 2006

Münchner Goethe-Ausgabe als Taschenbuch

Laut Perlentaucher bringt btb im Herbst die (meiner Meinung nach) beste Goethe-Ausgabe als Taschenbuch (Preis: 399 Euro). Die Werke sind chronologisch angeordnet und der Kommentar ist ausgezeichnet. Ich verwende diese Ausgabe schon lange als Leseausgabe.


11. Juni 2006

Klug beobachtet

    Seht doch nur, wie die Leute darauf abgerichtet sind, sich vereinnahmen und mitreißen zu lassen! Das geschieht überall, in kleinen Dingen wie in großen; ob es sie selbst betrifft oder nicht, unterschiedslos springen sie ein, wo immer eine Arbeit oder Aufgabe zu erledigen ist - fehlt ihnen diese hektische Betriebsamkeit, sind sie ohne Leben. Sie beschäftigen sich um der Beschäftigung willen, dies aber weniger, weil sie unentwegt rennen wollen, sondern mehr, weil sie nicht stehenbleiben können: wie ein im Fallen befindlicher Stein etwa, der auch nicht vorm Aufschlagen einhält.
    Für bestimmte Leute ist Geschäftigkeit das Kennzeichen von Kompetenz und Geltung. Ihr Geist sucht seine Ruhe im ständigen Hin und Her - wie Säuglinge die ihre im Schaukeln der Wiege. Sie können von sich sagen, ihre Freunden gleichermaßen dienlich wie sich selber undienlich zu sein. Sein Geld verschleudert niemand an andre, jeder aber seine Zeit und sein Leben. Mit nichts geht man so freigebig um wie mit diesen - den einzigen Dingen, mit denen zu geizen lobenswert und uns nützlich wäre.
    [Montaigne III,10]


4. Juni 2006

Victor Hugo: Die Elenden. 3 Bände
(Volk & Welt, Berlin 1990)

Die 1500 Seiten dieses Romans schrieb Victor Hugo zwischen 1845 und 1862 (mit Unterbrechungen). Nach der Publikation wurde er zu einem Welterfolg und gehört nach wie vor zu den bekanntesten Romanen des 19. Jahrhunderts. Hinreichende Gründe, diese umfangreiche Lektüre anzugehen.
Zu Beginn stellt sich die Formfrage: Ist es tatsächlich ein Roman? Dafür spricht, trotz zahlreicher Exkurse aller Art, dass es ein durchgehendes Handlungsgerüst samt Hauptfiguren gibt, welche im Zentrum des Werks stehen. Dagegen könnte man einwenden, dass der strukturelle Zusammenhalt oft nur lose ist und jeder der fünf Teile eine eigenständige Exposition aufweist. So ist man vermutlich näher an der Wirklichkeit, wenn man "Die Elenden" als eine Romanserie kategorisiert.
Hugo malt sein umfangreiches Sittenpanorama Frankreichs anhand der Lebensgeschichte des ehemaligen Zuchthäuslers Jean Valjean. Dieser fängt nach der Begegnung mit dem als Heiligen stilisierten Bischof Myriel ein neues Leben an. Er wirkt als Wohltäter der Gesellschaft und wird durch eine industriell verwertbare Erfindung reich. Als durch eine Verwechslung ein Unschuldiger an seiner Statt ins Bagno geschickt werden soll, offenbart Jean Valjean aus Gewissensgründen seine Identität und wird erneut ein Häftling. Sein Gegenspieler ist der Polizeiinspektor Javert, ein fanatischer Polizist, der Jean Valjean um jeden Preis zur Strecke bringen will. Sein sturer Rechtspositivismus erlaubt keine Gnade. Als ihm Valjean gegen Ende des Werks das Leben rettet, verwirrt Javert diese Tat so sehr, dass er Selbstmord begeht.
Weitere zentrale Figuren sind Cosette, um die sich Valjean wie ein Vater kümmert, sowie deren späterer Ehemann Marius, ein idealistischer junger Mann aus Paris, wie man ihn auch aus dem Werk Balzacs kennt.
Das Ziel Hugos ist zweifellos enzyklopädischer Natur: Geschichte und Gesellschaft der nachnapoleonischen Zeit so umfangreich wie möglich darzustellen. Der Schwerpunkt liegt dabei, wie der Titel "Die Elenden" deutlich macht, auf den Problemen der sozial Schwachen. Eine Fülle von Nebenfiguren aller Couleur erfüllen diesen Zweck. Gleichzeitig gibt es eine Menge von historischen und anderen Exkursen, etwa über das Pariser Kanalsystem.
Die größte Schwäche des Werks ist denn auch diese Disparatheit. Formal kann Hugo diese Fülle nicht überzeugend zusammenhalten. Der Rhythmus des Romans wird immer wieder unangenehm durchbrochen. Dies könnte eine ästhetisch moderne Strategie sein, doch von Modernität ist Hugo weit entfernt. Er bleibt in Sachen Realismus regelmäßig hinter Balzacs Erzählkunst zurück. So detailverliebt er viele Lebensumstände auch beschreibt, so unrealistisch sind eine Reihe seiner Figuren. Als Beispiele seien Bischof Myriel und Jean Valjean und deren "Heiligkeit" genannt.
Die Handlung greift nicht selten auf Melodramatik und unwahrscheinliche Kolportage zurück, was durchaus unterhaltsam sein kann. Das übergangslose Anschließen eines historisch-politischen Kapitels an eine "triviale" Passage wirkt jedoch völlig deplatziert und verstärkt die kompositorische Schwächen exponentiell.
Die Verknüpfung von großer Geschichte mit einer Romanhandlung ist ausgesprochen schwierig. Selbst Tolstoi scheiterte in "Krieg und Frieden" daran, dem ebenfalls diese expliziten historischen Kommentare schaden. Hätte sich Hugo darauf beschränkt, die Handlung mit entsprechenden Ereignissen zu verknüpfen, was er mit den Abschnitten über Waterloo und die Barrikaden im Juli 1832 vorzüglich kann, hätten "Die Elenden" sehr gewonnen. Ein herausragendes Beispiel dieser empfehlenswerten Vorgehensweise lieferte viel später Heimito von Doderer mit seinen "Dämonen" ab.
Trotzdem las ich diese 1500 Seiten nicht ungerne. Der Schwächen ungeachtet, lebt man einige Zeit mit interessanten Figuren. Zu einer Lektüre würde ich aber nur dann raten, wenn man die deutlich besseren "Wälzer" dieser Zeit bereits gelesen hat, also die großen russischen Romane etwa und die gelungeneren von Dickens wie "Bleak House".

Lancelot und Ginover

Basierend auf der teuren Ausgabe des Klassikerverlags gibt es den ersten deutschen Prosaroman nun im Insel Verlag. 2400 Seiten für 50 Euro.


30. Mai 2006

Bibliothek: Neuzugänge

Es war schwierig, eine Shakespeare-Ausgabe zu finden, die folgende Kriterien erfüllt: Mehrere gebundene Bände anstatt der beliebten unbequemen einbändigen. Außerdem eine solide englische Textgrundlage. Die dreibändige Edition, die ich nun antiquarisch auftreiben konnte, erschien in einem britischen Buchclub. Angesichts der Flut an Shakespeare-Bücher ist es doch sehr seltsam, dass es keine soliden Bibliotheksausgaben gibt.
Die "Intellectual Foundations of China" sind ein Standardwerk und wurde ebenfalls antiquarisch erworben.

Autor Titel Verlag Kommentar
Stanley Wells; Gary Tayor The Complete Oxford Shakespeare. 3 Bände BCA schöne, gebundene Ausgabe
Frederick W. Mote Intellectual Foundations of China. McGraw-Hill Second Edition 1989
David Macdonald (Hrsg.) Enzyklopädie der Säugetiere Könemann Gebunden, 10 Euro, Bildband


29. Mai 2006

Wahrheit

    Heute hingegen nennen wir Wahrheit nicht das, was ist, sondern was man andren einzureden vermag.
    [Montaigne, Essais S. 330]

Evolution und Shakespeare

Die Spannbreite der Themen in der The New York Review of Books zeigt sich in der Ausgabe 8/06 vom 11. Mai. Israel Rosenfield and Edward Ziff geben einen ausführlichen Einblick über neue Erkenntnisse zur Evolutionstheorie. Dabei beschreiben sie ausführlich den möglich Einfluss der "hox genes", welche die embryonale Entwicklung steuern, auf das Entstehen komplexer Organe. Dadurch würden einige Argumente der Evolutionskritiker überzeugend entkräftet.
Anne Barton schlägt eine kritische Bresche durch diverse Neuerscheinungen zu Shakespeare. Peter Ackroyds neue Biographie kommt dabei schlecht weg. Interessant die Hinweise auf einen Klassiker der Shakespeare-Forschung, Samuel Schoenbaums Studie Shakespeare's Lives, in der alle wichtigen Biographien des Dramatikers analysiert werden. In diese Richtung geht auch das von Barton gelobte That Man Shakespeare: Icon of Modern Culture.


28. Mai 2006

Reise-Notizen Israel: Druckfassung

Nachzulesen in "Literatur und Kritik" Mai 2006:

Israel, Ende Februar. Ein Kulturbrief

Pünktlich landet der Flug OS 0857 in Tel Aviv, und die Stewardess spult mit üblicher Routine ihre Hinweise über die möglichen unerwünschten Auswirkungen der Schwerkraft auf das Handgepäck ab. Abweichend vom Standardtext wünscht sie den Passagieren schließlich keine "pleasant", sondern "a safe journey". Willkommen im Nahen Osten.
Die Palästinenser entschlossen sich vor wenigen Wochen, ihre politische Zukunft den Islamisten der Hamas anzuvertrauen. Der Karikaturenstreit überschritt den ersten Höhepunkt und man wurde des Flaggenverbrennens langsam überdrüssig. Die mediale Mobilmachung von CNN & Co. noch im Bewusstsein, will ich dieser Inszenierung eigene Erfahrungen entgegen setzen.
Ist man als Europäer tatsächlich das neue Feindbild in der arabischen Welt? Abgesehen vom Gazastreifen und der Westbank, bietet Ost-Jerusalem wohl die beste Gelegenheit, mit Arabern ins Gespräch zu kommen. Mein Hotel "The Olive Tree" liegt im besetzten Osten der Stadt, unweit des arabischen Teils der Altstadt. Die Warnungen der deutschen Obrigkeit in den Wind schlagend, welche große Vorsicht beim Besuch der historischen Viertel dringend ans Herz legte, spaziere ich durch das Damaskustor in das Gassenlabyrinth. Schon bald nähert sich mir eine Gruppe arabischer Jugendlicher. Mich skeptisch musternd kamen sie langsam näher, um mir dann lachend ein "Welcome in Jerusalem" zuzurufen. Animositäten gegen Europäer kann ich trotz ausgiebiger Fußmärsche nicht beobachten. Die Stimmung auf arabischer Seite ist gedrückt, was angesichts der Omnipräsenz des israelischen Militärs wenig überrascht. Größere Gruppen junger Wehrpflichtiger mit ihren Sturmgewehren auf dem Rücken patrouillieren durch die engen Gassen. Die Schaufenster, die ab und zu mit großen Portraits Arafats geschmückt sind, scheinen sie nicht zu stören.
Die Allgegenwärtigkeit von Waffen ist für in Mitteleuropa sozialisierte Menschen verblüffend. Junge Rekruten sind stets in voller Bewaffnung auf der Straße unterwegs. Selbst am Frühstücksbuffet des Ramon Inn, seines Zeichens das einzige Hotel in der verschlafenen Wüstenstadt Mizpe Ramon, holen sich zwei junge Männer mit umgehängtem Gewehr ihr Gebäck. Schulklassen müssen laut Gesetz von mindestens zwei bewaffneten Erwachsenen begleitet werden, so dass es schon Sechsjährigen nicht verborgen bleiben kann, dass sie ihres Lebens nicht sicher sind. Israel erweckt von den Golanhöhen im Norden bis zum vierhundert Kilometer entfernten Eilat am Roten Meer den Eindruck großer Wehrhaftigkeit. Allzeit zu allem bereit scheint das Motto vor allem der Jugend zu sein. In Yad Vashem weist mich ein Angestellter darauf hin, dass es viele Jugendliche nur schwer akzeptieren könnten, dass die europäischen Juden dem Völkermord nicht mehr Widerstand leisteten. In Zukunft nie mehr wehrlos sein zu wollen, ist offenkundig wichtiger Teil der Mentalität der jungen Israeli.
Die ständigen Sicherheitskontrollen verschärfen diesen Eindruck zusätzlich. Selbst beim Besuch eines Dorfgasthauses in En Kerem muss man seine Taschen entleeren und erträgt geduldig das Piepsen des Metalldetektors.
Es lasse sich kaum Geld verdienen, erklärte mir ein junger Jerusalemer Taxifahrer, um anschließend ausgiebig über die schlechte allgemeine wirtschaftliche Lage zu klagen. Ein fliegender Souvenirverkäufer, der trotz der wenigen Touristen in Jerusalem sein Glück versucht, erzählt mir, er komme eigentlich aus Bethlehem, wo angesichts der angespannten Lage nun die Touristen schon wieder ausblieben, und er nicht wisse, wie er seine Familie ernähren soll. In der zweiten Jahreshälfte 2005 kam der Tourismus langsam wieder in Schwung. Es wird sich weisen, ob das nur eine kurze Unterbrechung der jahrelangen Flaute war.
Während der klassische Tourist seit der zweiten Intifada Israel als Reiseziel mied, galt dies nur eingeschränkt für Pilger. Wer mit göttlichem Beistand reist, sieht offenbar potenzielle Gefährdungen weniger dramatisch. Überhaupt dürfte es weltweit kein Land geben, in dem sich eine so große Vielfalt an Religionen samt ihren Anhängern beobachten lässt. Allein in Jerusalem sind die Varianten des Christentums kaum zu zählen. Wer im komplexen Geflecht der feinen theologischen Unterschiede den Überblick verliert, kann sich vertrauensvoll an das "Christian Information Center" beim Jaffator wenden. Die Eifersüchteleien der einzelnen Konfessionen über die Heiligen Stätten sind legendär und wurden mit der religiösen Streitereien eigenen Verbissenheit geführt. 1757 versorgten griechische Mönche beispielsweise ihre Anhänger mit Waffen und metaphysischer Munition, worauf diese in der Nacht vor Palmsonntag nicht nur Vandalenakte in der Basilika des Heiligen Grabes verübten, sondern im Anschluss daran auch noch das Kloster der Minoriten stürmten, um die Mönche zu massakrieren. 1873 und 1901 kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen griechisch-orthodoxen und katholischen Mönchen. Wer sich für diese und andere Akte der Nächstenliebe interessiert, dem sei Bernard Wassersteins Monographie "Jerusalem. Der Kampf um die heilige Stadt" (München 2002) empfohlen. Der Schlüssel der Grabeskirche wird deshalb sinnigerweise seit vielen Generationen von einer moslemischen Familie verwahrt.
Raufereien zwischen kirchlichen Würdenträgern konnte ich nicht beobachten. Sogar die beiden Malteser Ritter mit ihren pittoresken weißen Umhängen hatten ihre Schwerter zu Hause gelassen. Aber trotz der ungeheuren Zahl an Kirchen in der Jerusalemer Altstadt stellt man unschwer fest, dass die konfessionellen Einflusssphären streng abgegrenzt sind. Am augenscheinlichsten schlägt sich das in den verschiedenen Räumen der Grabeskirche nieder. Durch die vielen Anbauten entstand ein architektonischer Moloch, der zwar hintersinnige religionsphilosophische Analogien nahe legt, aber Freunde der Baukunst nur den Kopf schütteln lässt.
Die christlichen Stätten im Norden sind weniger beeindruckend. Rund um den See Genezareth gibt es in Kafarnaum (Kefar Nahum) eine sehenswerte Ausgrabungsstätte. Es handelt sich um ein Fischerdorf aus der Zeit des Neuen Testaments. Die Strukturen der Wohnhäuser sind gut erkennbar. Daneben das (angebliche) Haus des Petrus, der bekanntlich sofort die Gelegenheit ergriff, seinen mühseligen Fischerberuf samt Familie zu verlassen, und sich auf den bequemeren Beruf des Apostels verlegte.
Unweit davon, auf dem Hügel Schech' Ali (Berg der Seligpreisungen), dem legendären Ort der Bergpredigt, befindet sich die in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts von Antonio Baluzzi errichtete elegante Kirche. Innen singt, nein schreit eine vermutlich südkoreanische Pilgergruppe, offenbar in der Annahme, im Himmel gäbe es keine Hörgeräte.
An vielen dieser christlichen Stätten sind nur moderne Gebäude mit bescheidenen ästhetischen Qualitäten zu finden. Deshalb ist es oft lohnender, anstatt der Bauwerke die Pilger zu beobachten.
An Nazareth lässt sich schön eines der Prinzipien der historischen Jesusforschung demonstrieren. Es besagt, dass Überlieferungen, für deren Erfindung es keinen guten Grund gibt, mit höherer Wahrscheinlichkeit authentisch sind, als andere. Nazareth war zu Zeiten Jesus' ein unbedeutendes Dorf, das im Alten Testament nicht erwähnt wird. Es gab also keinen ideologisch plausiblen Grund, Jesus ausgerechnet in diesem Kaff aufwachsen zu lassen.
Synagogen gibt es in Jerusalem ebenfalls in großer Anzahl. Nach der Besichtigung unzähliger Kirchen benötigt man etwas Zeit, um sich vom Entblößen des Kopfes als Respektbekundung auf das Bedecken desselben zum selben frommen Zweck umzustellen. Wer sich mit der Geschichte des Synagogenbaus beschäftigen will, sollte unbedingt das Israel Museum besuchen, in dem man drei historische Innenräume mit Originalteilen rekonstruiert hat. (indisch, italienisch und bayerisch).
An der Klagemauer herrscht Hochbetrieb. Neben den zahlreichen Betenden findet dort eine Bar Mizwa statt. Als junger Katholik erhält man als Zeichen der Vollmitgliedschaft von seinem Bischof eine symbolische Ohrfeige, auf das kein Zweifel über die Autoritätsverhältnisse bestehe. Eine Bar Mizwa dagegen läuft als fröhliches Fest ab. Die Stimmung ist heiter und ausgelassen. Der Junge wird lachend von Verwandten auf den Schultern getragen. Andere lassen Süßigkeiten auf die Feiernden herabregnen.
Nun sind, schon aus Gründen der religiösen Ausgewogenheit, noch ein paar Worte über den Islam angebracht. Während es Juden von ihrem Rabbinat streng verboten ist, den Tempelberg zu besteigen, darf man als Reisender am Morgen dieses berühmte Wahrzeichen der Stadt kurz betreten. Jerusalem gilt im Islam (nach Mekka und Medina) als die drittheiligste Stadt und ist damit selbstverständlich auch das religiöse Zentrum der Muslime in Israel. Leider kann man die Al Aqsa Moschee seit Ausbruch der zweiten Intifada nicht mehr besichtigen. Steht man auf dem Tempelberg mit der Klagemauer unter sich und den zahlreichen Kirchen in der Altstadt vor sich, denkt man zwangsläufig über die Zukunft dieser außergewöhnlichen Stadt nach. Der Blick fällt auf die schwer bewaffneten Soldaten und die Gedanken kreisen um den gordischen Knoten des religiösen und politischen Hasses. Skeptisch steige ich hinab in die turbulente Altstadt und versuche, die Erkenntnis beiseite zu schieben, dass die Jerusalemfrage noch sehr lange die Weltöffentlichkeit beschäftigen wird.


26. Mai 2006

Museum der Moderne Salzburg
(20.5.)


Seit Oktober 2004 gibt es das neue Museum auf dem Mönchsberg. Letztes Wochenende hatte ich erstmals Gelegenheit, es mir in Ruhe anzusehen. Generell sind natürlich alle Bemühungen erstrebenswert, die kulturkonservativen Salzburger mit moderner Ästhetik vertraut zu machen. Der Streit um die neue Mozart Skulptur des Markus Lüpertz' führte die festverwurzelte Provinzialität wieder aller Welt vor Augen. Mozart wird in Salzburg ausschließlich als Lizenz zum Gelddrucken verstanden. Man sollte einmal Mozarts maliziöse Briefe über Salzburg und dessen Bewohner im öffentlichen Raum aufstellen.
Das neue Museum vermeidet den größten architektonischen Fehler, der auf dem Mönchsberg möglich wäre: Die spektakuläre Aussicht tritt nicht in Konkurrenz zu den gezeigten Werken. Der karge Betonbau lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters direkt auf die Kunst. Derzeit ist die Sammlung Lenz Schönberg zu sehen, welche der Künstergruppe Zero gewidment ist, die 1957 gegründet wurde. Klare Formen und Monochromie dominieren deren Darstellungen.
Witzig die gezeigten Werke des Erwin Wurm, der sich ironisch mit der Philosophie auseinandersetzt: "adorno was wrong with his ideas about art" heißt seine Installation. Dazu gibt es hintergründige Zeichnungen und Videokunst des Künstlers zu sehen.

Bibliothekstipp: Enzyklopädie der Säugetiere

In jeder Bibliothek dürfen Nachschlagewerke aller Art nicht fehlen. Für erstaunliche 10 Euro bekommt man hier einen drei Kilo schweren, gebundenen und großformatig Band über unsere Klassen-Genossen.


21. Mai 2006

Bibliothek: Neuzugänge

Mit Ausnahme der "Gespräche" des Konfuzius' und des Schreibheft wurden alle Bücher antiquarisch erstanden. Solmons Mozart-Biographie gilt als eine der besten. Gernets Monographie über die Geschichte Chinas ist ein Standardwerk.

Autor Titel Verlag Kommentar
Jacques Gernet Die chinesische Welt Insel Zweite Auflage 1983
W.Fr. Meyern Dya-Na-Sore Zweitausendeins 3. Auflage 1984
Heinrich Mann Die Jugend des Königs Henri Quartre Aufbau Berlin 1958
Dietrich Bonhoeffer Widerstand und Ergebung Evangelische Verlagsanstalt Berlin 1982
Maynard Solomon Mozart. A Life Randome House 1985
Konfuzius Gespräche marix Gebunden; Wiesbaden 2005
Schreibheft Nr. 66 Rigodon-Verlag Hrsg. von Norbert Wehr


14. Mai 2006

Montaigne: Essais Erstes Buch (3)
(Eichborn)

Ein zentraler Essay ist Nr. 20 "Philosophieren heißt sterben lernen". Das Thema des Todes und des Sterbens zieht sich fast leitmotivisch durch das Buch:

    Berauben wir [den Tod] seiner Unheimlichkeit, pflegen wir Umgang mit ihm, gewöhnen wir uns an ihn, bedenken wir nichts so oft wie ihn! Stellen wir ihn jeden Augenblick und in jeder Gestalt vor unser inneres Auge. Fragen wir uns beim Stolpern eines Pferdes, bei einem herabstürzenden Ziegel, beim geringsten Nadelstich immer wieder sogleich: "Wie, könnte das nicht der Tod persönlich sein?". Reißen wir uns dann zusammen, spannen wir die Muskeln!
    [S. 48]
Angesichts der Neuartigkeit der "Essais" überrascht es nicht, dass Montaigne in regelmäßigen Abständen seine Vorgehensweise erläutert. Er "erzieht" seine Leser:
    Bei meinen Untersuchungen unserer Beweggründe und Verhaltensweisen sind mir jedenfalls die erdichteten Zeugnisse, soweit sie möglich scheinen, ebenso dienlich wie die wahren. Geschehen oder nicht, in Paris oder Rom, dem Hinz oder Kunz - stets zeigen sie mir, wozu Menschen fähig sind, und das zu wissen, ist mir nützlich: Ich sehe mir jedes Beispiel an und ziehe hieraus, ob Wirklichkeit oder deren Schatten, meinen Gewinn; und von den verschiedenen Lesarten, die solche Geschichten oft bieten, bediene ich mich der jeweils ungewöhnlichsten und denkwürdigsten.
    [S. 59]

Bananenrepublik Italien

Was sich in den letzten Monaten in Italien abspielte, ist für jeden europäisch denkenden Menschen eine hochgradige Peinlichkeit. Alexander Stille fasst in der aktuellen New York Review of Books diese unglaublichen Ereignisse zusammen.


7. Mai 2006

Wiener Oper

Analog zum Wiener Theater gibt es ab sofort meine musiktheatralischen Kurzrezensionen in Wiener Oper gesammelt. Mal sehen, ob diese Seite auch immer unter den Google Top Ten landet :-)

Manfred Mittermayer: Thomas Bernhard
(Suhrkamp BasisBiographie)


Bisher las ich noch keinen Band dieser Reihe, aber es wird schnell klar, dass sich Suhrkamp hier stark von den rororo monographien inspirieren ließ. Es ist allerdings kein Nachteil, mehrere prägnante Monographien über einen Autor zur Verfügung zu haben. Der rororo Band von Hans Höller sei als gute Alternative erwähnt.
Manfred Mittermayer schrieb ein sehr solides kleines Buch. Jargonfrei und kompetent führt der Salzburger Germanist durch Leben und Werk, dem jeweils eigene Abschnitte im Buch gewidmet sind. Durch die chronologische Gliederung können sich auch Bernhard Neulinge schnell einen Überblick über dessen Oeuvre verschaffen. Mittermayer ist Mitherausgeber der neuen Werkausgabe und mit dem Nachlass gut vertraut. Eine klare Empfehlung.

Erfolg und Verdienst

    Nebenbei bemerkt, Erfolg ist etwas ziemlich Häßliches. Seine scheinbare Ähnlichkeit mit dem Verdienst täuscht die Menschen. Für die Menschen hat der Erfolg fast das gleiche Gesicht wie die Überlegenheit. Der Erfolg, dieser Doppelgänger der Begabung, betrügt die Geschichte. Allein Juvenal und Tacitus murren darüber. Heutzutage ist eine nahezu offizielle Philosophie in seine Dienste getreten, trägt Livree und wartet in seinem Vorzimmer auf. Seid erfolgreich, das ist die ganze Theorie. Glück setzt Befähigung voraus. Gewinnt in der Lotterie, und ihr seid tüchtig. Wer triumphiert, wird vereehrt. Kommt als Sonntagskind zur Welt, das ist alles. Habt Glück, und alles übrige fällt euch zu. Seid glücklich, und ihr werdet für groß gehalten. Abgesehen von den fünf, sechs gewaltigen Ausnahmen, die den Glanz eines Jahrhunderts ausmachen, ist die zeitgenössische Bewunderung kaum mehr als Kurzsichtigkeit. Vergoldetes ist Gold.
    [Victor Hugo, Die Elenden]


6. Mai 2006

MOZART. Experiment Aufklärung
(Albertina)


In der Albertina ist die "offizielle" Mozartausstellung der Stadt Wien zu sehen. In den Räumen im Kelller ist der Hauptteil untergebracht. Eine Nebenausstellung zum Thema Zauberflöte und Freimauerei findet sich im Erdgeschoss.
Die Anordnung ist prinzipiell chronologisch. Zu sehen sind die bei derartigen Expositionen üblichen Exponate: Gemälde, Autographen, Zeitzeugnisse aller Art. Zusätzlich wird versucht, Mozart in einen geistesgeschichtlichen Kontext zu stellen. Das ist naturgemäß schwierig: Wie soll man philosophische Theorien ausstellen? Die Ausstellungsmacher versuchen dieses Problem zu lösen, indem sie wichtige Proponenten der österreichischen Aufklärung präsentieren: Es finden sich Portraits und Bücher in den Vitrinen. Ausführlichere Erläuterungen gibt dann der Audioguide, der im Preis inkludiert ist.
Insgesamt ist diese Projekt des Da Ponte Instituts gelungen. Mozart-Kenner werden zwar nichts Neues erfahren, können aber Orginalbriefe und Partituren in einer seltenen Fülle besichtigen. Wer mit einem der leider weit verbreiteten Mozart Klischees die Albertina besucht, wird die eine oder andere Überraschung erleben.

Thomas Müller: Bestie Mensch. Tarnung. Lüge. Strategie
(rororo)


Müller gilt als der deutschsprachige Kriminalpsychologe, der Verlag bezeichnet ihn gar als führenden europäischen Experten. Sein Buch könnte also anthropologisch interessant sein, dachte ich. Anstatt einer methodischen Präsentation des Forschungsstandes bekommt der Leser jedoch nur eine seltsame Mischung aus persönlichen Eitelkeiten und Thesen präsentiert. Müller verkauft psychologische Banalitäten als große Erkenntnisse. Dass beispielsweise das Beobachten von Verhaltensweisen sehr aufschlussreich sein kann, ist in der Psychologie seit Jahrzehnten eine Binsenweisheit. Die von Müller hervorgehobene Banalität des Bösen ist ebenfalls ein bekannter Gemeinplatz, auch wenn Öffentlichkeit und Medien oft entgegen dieser Erkenntnis agieren.
Eine akademisch fundierte Diskussion der Kriminalpsychologie fehlt vollständig. Statt dessen muss man kleinbürgerliche Moralpredigten lesen:

    Verstehen wir denn den Hilfeschrei unsere Kinder, oder betrachten wir es schon als lästige Begleiterscheinung, noch schnell am Abend das Gebet zu sprechen und die Aufgaben unserer Kinder kontrollieren?
    [S. 144]

Bibliothek: Neuzugänge

Die beiden letzten Bildbände dieser Liste im Wert von 70 Euro kamen als Geschenk für mein neues Abonnement der Antiken Welt an. Wußte bei meiner Bestellung nichts davon, eine angenehme Überraschung also. Dennetts Studie über die Religion erwarb ich regulär. Die restlichen Bücher in einem Antiquariat hier in der Nähe.

Autor Titel Verlag Kommentar
Daniel C. Dennett Breaking the Spell: Religion as a Natural Phenomenon Viking Gebunden
Thomas Müller Bestie Mensch. Tarnung. Lüge. Strategie rororo mieses Buch, siehe oben
Moses I. Finley Das antike Sizilien dtv wissenschaft "Von der Vorgeschichte bis zur arabischen Eroberung"
Aristoteles Biologische Schriften Ernst Heimeran 1. Auflage 1943
Erich Feigl Musil von Arabien. Vorkämpfer der islamischen Welt Amalthea Wien 1985
Howard Carter Das Grab des Tut-ench-Amun F.A. Brockhaus Wien 1985
Carola Wedel Nofretete und das Geheimnis von Amarna Philipp von Zabern Mainz 2005
Ehud Netzer Nabatäische Architektur Philipp von Zabern Mainz 2003


1. Mai 2006

Bibliomane Betrachtungen (6)

    Der wirkliche Liebhaber von Büchern muß sie gar nicht alle gelesen haben. Wichtig ist, daß man weiß: Es gibt dieses oder jenes Buch und man hat es zur Verfügung - für die Zukunft.
    (Umberto Eco)
Die Änderungen im Leseverhalten schlagen sich auch im Umgang mit meiner Privatbibliothek nieder. Mein Ziel ist es nach wie vor, eine vorzügliche Arbeitsbibliothek aufzubauen, welche die wichtigsten Klassiker zum Gebrauch vorhält. Inzwischen beläuft sich die Zahl der Bücher auf ca. 5100. "Arbeitsbibliothek" ist ein wichtiges Stichwort: Wenig Verständnis habe ich für Sammler, die ihre Bücher wie Schätze hüten, und bereits nervös werden, wenn man ihre Heiligtümer nur ansieht. Wer Bücher wie Reliquien behandelt, kann ebenso gut Bierdeckel sammeln. Für mich dienen Bücher ausschließlich als Werkzeug für diverse Zwecke. Sie sind in erster Linie Kommunikationsmittel in der zeitlosen Republik der Bücher. Natürlich behandele ich sie auch schonend, insofern es Sinn macht. Anstreichungen und Kommentare mit Bleistift sind aber ebenso an der Tagesordnung wie das Einkleben von Indexstreifen, um das Auffinden wichtiger Stellen zu erleichtern. Wird ein Exemplar "zerlesen", was sehr selten vorkommt, wird ein Ersatz angeschafft.
Die wiederholte Beschäftigung mit Klassikern spricht gegen Taschenbücher. Deshalb kaufe ich, wenn immer möglich, gute gebundene Exemplare. Findet sich ein Titel gebraucht im Amazon Marketplace, bei Booklooker oder im Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher, desto besser. Sukzessive ersetze ich deshalb auch vorhandene Taschenbücher durch Leinenbände. Zwei Werkausgaben habe ich gerade subskribiert: Die große neue Ausgabe der Werke Thomas Manns sowie die bei Suhrkamp publizierte, sehr schöne Edition der Werke des Thomas Bernhard.
In den letzten Jahren verschob sich das Verhältnis von Gegenwartsliteratur zu Klassikern hin zu letzteren. Es fällt mir auch zunehmend leicht, mich von "nichtklassischen" Titeln zu trennen. Hob ich früher so gut wie alles auf, frei nach dem Motto: "Man weiß ja nie, ob man ein Buch germanistisch oder literaturkritisch noch mal benötigt", steht nun der Qualitätsaspekt im Mittelpunkt. Schlechte oder mittelmäßige Bücher sind Platzverschwendung. Bei Bedarf kann man sie sich auch leicht wieder besorgen.
Meine Bibliothek hat also einen deutlichen Klassikerschwerpunkt. Daneben gibt es nach wie vor viel Literatur nach 1945 und Gegenwartsliteratur. An zweiter Stelle steht germanistische und philosophische Fachliteratur sowie historische Bücher. Schließlich folgen naturwissenschaftliche, "musikalische" und kunsthistorische Titel. Für eine Arbeitsbibliothek unabdingbar sind Lexika. Eine Encyclopaedia Britannica aus dem Jahre 1997 nimmt den prominentesten Platz ein, flankiert durch eine Reihe von historischen Großlexika, so die berühmte 11. Auflage der Britannica (1911), die zweite (1861ff.) und sechste. Auflage (ca. 1908) des Meyer. Flankiert von kleineren historischen und aktuellen Nachschlagewerken.


30. April 2006

Montaigne: Essais Erstes Buch (2)
(Eichborn)

Sich systematisch Montaigne zu nähern, ist schwierig. Diese Autobiographie in Versuchen schließt das Scheitern im Denken ein. Nicht selten wird ausprobiert, weshalb man zu vielen Fragen keine konsistenten Antworten erwarten darf. Montaigne führt eher eine Art des Denkens vor, die sich nicht nur durch Skeptizismus auszeichnet, sondern auch durch große Freiheit. Leider gibt es, wie bei anderen Denkern, auch bei ihm eine große Ausnahme: der katholische Glaube. Davon wird später noch die Rede sein.
Den Auftakt zum ersten Buch bilden eine Reihe von besonders kurzen Essais. Die für seine Zeit beachtliche Vorurteilslosigkeit zeigt sich im elften Stück "Über die Zukunftsdeutungen". Während bei vielen Intellektuellen der Renaissance die Astrologie ein hohes Ansehen genießt, unterzieht Montaigne diesen Humbug, "ein vielsagendes Beispiel für die wahnsinnige Neugierde Menschennatur" [S. 26], einer nüchternen Betrachtung:

    Tatsächlich mit eigenen Augen gesehen aber habe ich, daß bei öffentlichen Wirren die durch solche Heimsuchung verstörten Menschen sich wie auf jeden anderen Aberglauben auch auf den stürzen, im Himmel die Ursachen und Androhungen ihres Unglücks ausfindig zu machen zu können [...]
    Ein leichtes Spiel bietet ihnen aber besonders der dunke, vieldeutige und verstiegne prophetische Jargon, dem seine Urheber nie einen klaren Sinn geben, damit die Nachwelt den ihr jeweils passenden hineinlegen könne.
    [S. 27]
Bis auf den heutigen Tag verstehen das viele Menschen nicht, was der Erfolg diverser hanebücherner Entschlüsselungsbücher (Bibelcode und Co.) hinreichend belegt. Hübsch auch, dass Montaigne bereits mit Statistik argumentiert, die heute noch bei der Entlarvung esoterischen Unsinns große Dienste leistet. Er bringt ein Beispiel aus der Antike:
    Als Diagoras, den sie den Atheisten nannten, auf der Insel Samothrake weilte, zeigte ihm im Tempel einer die zahlreichen Bilder und Votivtafeln, und fragte ihn: "Du meinst also, daß die Götter sich nicht um menschliche Angelegenheit kümmern? Was aber sagst du nun dazu, daß so viele Menschen durch ihre Gnade gerettet wurden?" "Der Eindruck täuscht", antwortet er, "denn die Ertrunknen, deren weit mehr waren, sind ja nicht mitgemalt!"
    [S. 27]

Udo Sauter: Die 101 wichtigsten Personen der Weltgeschichte
(C.H. Beck Wissen)


Natürlich haftet derartigen Büchern etwas Unsinniges an und man könnte lange über die Auswahl streiten. Ich lese derartige Kleinigkeiten aber immer ganz gerne. Man frischt sein historisches Kurzzeitgedächtnis auf und ist passabel unterhalten. Für diesen Zweck ist es geeignet, nicht vorhandenes Geschichtswissen kann man sich damit nicht aneignen.


23. April 2006

Michel Serres; Nayla Farouki: Thesaurus der exakten Wissenschaften
(Zweitausendeins)


Wer wie ich davon überzeugt ist, dass man ohne ein solides naturwissenschaftliches Grundverständnis die Welt nicht verstehen kann, und eine moderne Philosophie ohne Einbeziehung der Naturwissenschaften nicht möglich ist, der wird an diesem Buch viel Freude haben.
Das heißt selbstverständlich nicht, dass die Philosophie nicht über den Gegenstandsbereich der Naturwissenschaften hinausgehen kann (und muss). Nachdem die naturwissenschaftliche Methode erkenntnistheoretisch jedoch die beste ist, welche dem Menschen zur Verfügung steht, sollte eine aktuelle philosophische Theorie keinen naturwissenschaftlichen Theorien widersprechen. Etwas genauer formuliert: Sollte keine widersprechende empirischen Behauptungen aufstellen, welche in den Gegenstandsbereich einer Naturwissenschaft fällt.
Dieser Thesaurus schafft es auf erstaunlich engen Raum einen fundierten Überblick über die exakten Wissenschaften zu geben. Die einzelnen Artikel sind ausgezeichnet lesbar und mit großem didaktischen Können geschrieben, ohne die Gegenstände zu verflachen. Viele Querverweise erleichtern das systematische Verfolgen eines Themas. Ein Beispiel: Der Artikel "Flüssigkristall" enthält zu Beginn folgenden Hinweis:

    Zur Vorbereitung: Kristall
    Zur Vertiefung: Feld; Flüssigkeit; Molekül; Lösung
Natürlich sind bei knapp 1200 Seiten eine Reihe von Kompromissen nötig. Man gewinnt aber den Eindruck, dass diese von den Herausgebern gut zu vertreten sind. Folgende Wissenschaften werden behandelt: Astrophysik, Biochemie, Chemie, Genetik, Geowissenschaften, Informatik, Mathematik, Physik.
Der Schwerpunkt liegt auf Grundsätzlichem, weshalb das Handbuch auch nicht so schnell veralten dürfte. Desto bedauerlicher ist es, dass es nur noch antiquarisch zu bekommen ist. Wenn so wichtige Bücher wie dieses schon nach relativ kurzer Zeit wieder vom Buchmarkt verschwinden, ist das sehr bedauerlich.


22. April 2006

Bibliomane Betrachtungen (5)

    Der grundlegende Fehler vieler literaturwissenschaftlicher Äußerungen liegt in dem Versuch, einen literarischen Text durch 'Übersetzung' zu interpretieren - sei es, indem man seine eigene Interpretationssprache der Sprache des literarischen Gegenstandes anzuähneln versucht; sei es, indem man umgekehrt dem literarischen Text alltagssprachliche oder wissenschaftssprachliche Formulierungen als eindeutiges Sinnäquivalent zuordnen zu können glaubt. Beides beruht jedoch auf einer Verkennung des fundamentalen Unterschiedes zwischen literarischem und literaturwissenschaftlichem Sprechen.
    (Harald Fricke, Literatur und Literaturwissenschaft)
Selbst wenn man der Meinung ist, Klassiker verdienten bei der Lektüreauswahl den Vorzug, beantwortet das noch nicht die Frage, wie man sie am besten liest. Die Beachtung der historischen Differenz ist nur einer von mehreren Aspekten. Mit diesem Interesse im Hintergrund begann ich die achtzehnstündige Vorlesungsreihe "Books That Have Made History: Books That Can Change Your Life" anzuhören. Die Behandlung von fünfunddreißig "great books" war angekündigt, darunter viele aus dem Kern des Kanons. Was der in Harvard ausgebildete Prof. J. Rufus Fears jedoch bietet, ist eine Enttäuschung. Er beschränkt sich weitgehend auf den Inhalt der Bücher und klopft diese nach menschlichen Sinnfragen ab: Wie soll man es mit Gott halten? Wie mit der Geschichte? Wie mit der Moral? Wie führt man ein gutes Leben? usw. Die Herangehensweise an die einzelnen Werke ist überraschend naiv. Die Idee, dass man vor allem auch aus den Differenzen viel Erhellendes erkennen könnte, liegt Fears denkbar fern. Auf eine Metaebene begibt er sich nur selten. Dabei sollte man ja gerade das kritische Denken durch die Klassiker lernen. Das heißt nun nicht, dass der Kurs nicht angenehm anzuhören wäre. Immerhin bekommt man sehr pointiert eine Zusammenfassung vieler Klassiker präsentiert. Insgesamt aber eine vergebene Chance.
Man sollte gerade diese berühmten Bücher immer auch kritisch lesen. Ihr Wert besteht nicht zuletzt darin, dass sie auf höchstem intellektuellen Niveau provozieren. Ihre Lehre besteht nicht darin, irgendwelche Werte aus ihnen herauszuklauben (obwohl diese Lesart als "Nebenprodukt" legitim ist), sondern in der Vermittlung des selbständigen Denkens. "Kritische Lektüre" schließt ein möglichst genaues Verständnis mit ein. Auf keinen Fall ist damit das primitive "great books bashing" gemeint, dass von Anhängern der Postmoderne gerne betrieben wird. Deren "Dekonstruktion" basiert nicht selten auf blankem Unverständnis.

Montaigne über Identität

Aus Bequemlichkeit hat man sich die Geistesgeschichte lange als eine Fortschrittsgeschichte zurecht gelegt. Das ist nicht ganz falsch, es empfiehlt sich aber, diese Gemeinplätze immer wieder zu hinterfragen. Einer davon besagt, dass die Auflösung der Autonomie und Identität des Individuums ein Phänomen der Moderne sei. In diesem Fall müsste man Montaigne aber vom 16. ins 20. Jahrhundert transferieren:
    Wir bestehen alls nur aus buntscheckigen Fetzen, die so locker und lose aneinanderhängen. daß jeder von ihnen jeden Augenblick flattert, wie er will: daher gibt es ebenso viele Unterschiede zwischen uns und uns selbst wie zwischen uns und den anderen.
    [Montaigne, Über die Wechselhaftigkeit unseres Handelns]


18. April 2006

Religion aus naturwissenschaftlicher Sicht

Daniel C. Denett schrieb ein Buch, das Religion unter anderem aus darwinistischer Sicht untersucht: Breaking the Spell: Religion as a Natural Phenomenon. Schon bestellt.

Montaigne über die Postmoderne

    Warum haben denn keineswegs nur Aristoteles, sondern auch die meisten anderen Philosophen es darauf angelegt, schwerverständlich zu schreiben, wenn nicht, um der Nichtigkeit des Gegenstands ein Ansehen zu geben und die Neugier unsres Geistes beschäftigt zu halten, indem sie ihm als Futter solch hohle und abgefleischte Knochen hinwerfen, auf daß er an ihnen herumnage? [...]
    Die Schwerverständlichkeit ist ein Falschgeld, dessen sich die Gelehrten wie Taschenspieler bedienen, damit die Nichtigkeit ihrer Kunst nicht ans Licht komme - und von der menschlichen Dummheit wird es gern als gültiges Zahlungsmittel angenommen.
    [Montaigne, Apologie für Raymond Sebond]
Aristoteles muss man insofern in Schutz nehmen, als seine publizierten Bücher alle verloren gingen und "nur" seine eigenen Notizen erhalten sind. Diese sind natürlich sehr dicht und daher "schwierig".


17. April 2006

Bibliomane Betrachtungen (4)

    Ohne Bücher bleibt die Geschichte stumm, die Literatur sprachlos, die Wissenschaft verkrüppelt, das Denken kommt zum Stillstand, Bücher sind Zeugen des Wandels, Fenster zur Welt, sie sind Banken des Geistes, Bücher sind gedruckte Humanität.
    (Barbara Tuchmann)
Bezüglich der von mir gelobten historischen Differenz bei Klassikern wies mich ein Freund berechtigterweise darauf hin, dass es bei der Gegenwartsliteratur als Ausgleich eine kulturelle Differenz gäbe. Wie könnte man andere Kulturen, seien sie uns näher wie die amerikanische oder ferner wie die arabische, besser verstehen lernen als durch ihre Literatur?
Dem kann ich nicht widersprechen. Ein Teil meiner Reisevorbereitungen besteht immer auch aus literarischer Lektüre, um mich auf andere Kulturen vorzubereiten. Ein Leser Nagib Machfus' wird Ägypten ebenso besser verstehen, wie ein Kenner der Romane John Updikes die amerikanische Provinz. Wobei die beiden wohl schon das Prädikat "Klassiker" verdienen, allerdings dachte ich bei historischer Differenz an deutlich ältere Büchern (Antike bis frühe Neuzeit).
Eine punktuelle Lektüre in diese Richtung ändert aber nichts an meinem Gesamteindruck, dass die Lektüre der großen Alten in Summe einen größeren Mehrwert hat. Die Umsetzung dieser Erkenntnis in die Praxis war hier unschwer zu übersehen. So beschäftigte ich mich in den letzten Jahren ausführlich (lange) mit Augustinus Gottesstaat, mit Dantes Göttlicher Komödie, mit Thukydides' Peloponnesischen Krieg, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Gegenwärtig stehen Montaignes "Essais" auf dem Programm.
Mich nun sukzessiv aufmerksam durch diese alten Bücher zu bewegen, erscheint mir eine sehr reizvolle Aussicht zu sein. Ich bin aber davon überzeugt, dass man sich mit einer Auswahl von ihnen immer wieder beschäftigen sollte. Sie verdienen es, regelmäßig aus dem Regal genommen zu werden. Dabei ist es gar nicht notwendig, immer den kompletten Text zu lesen. Ein paar Gesänge des Dante oder einige Kapitel aus dem "Don Quijote" reichen manchmal aus, damit das Werk wieder präsent ist. Aus zeitlichen Gründen muss man leider eine vergleichsweise enge Auswahl treffen. In meinem Fall haben sich bisher folgende Bücher als dauerhafte Begleiter bewährt:
Das sind, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, derzeit die Bücher, welche ich regelmäßig in die Hand nehmen und immer wieder einmal lesen werde.
Weil obige Liste keine naturwissenschaftlichen Bücher beeinhaltet, möchte ich betonen, dass sie in meinem Klassikerverständnis enthalten sind. Galilei, Newton, Darwin sind natürlich unverzichtbar. Auszüge aus vielen davon las ich bereits, eine systematischere Lektüre ist geplant.

Bizet: Carmen
(DVD; Carlos Kleiber; Wiener Staatsoper)

Zu sehen und zu hören ist ein Livemitschnitt des ORF aus der Wiener Staatsoper (1978). Carlos Kleiber ist einer der brillantesten Dirigenten der letzten fünfzig Jahre. Seine Fünfte von Beethoven ist nach wie vor die Referenzaufnahme, eine unglaublich intensive Interpretation.
Auch bei dieser Carmen Aufnahme sind Kleibers musikalische Tugenden, speziell sein brillanter Balanceakt zwischen Präzsion und Emotion, unschwer zu erkennen. Die Inszenierung ist, wie so oft an der Wiener Staatsoper, sehr traditionell.
Vergleicht man sie aber mit ähnlichen Aufführungen heute, ist man über die Unterschiede überrascht. Herrscht nun meist lähmende Routine auf allen Ebene, sieht man 1978 eine exakte und wohl einstudierte Choreographie. Wer nicht auf moderne Inszenierungen besteht, wird an dieser DVD musikalisch seine Freude haben.


15. April 2006

Montaigne: Essais Erstes Buch (1)
(Eichborn)

Ein gutes Beispiel für meine in den "Bibliomanen Betrachtungen" beschriebenes Leseverhalten sind derzeit die berühmten "Essais" des Michel Eyquem de Montaigne (1533-1592). Ich lese seit gut einem Monat an der von Hans Stilett übersetzten Gesamtausgabe und nähere mich langsam erst der Hälfte. Dabei handelt es sich um keine neue Begegnung mit diesem außergewöhnlichen Autor. Die erste Bekanntschaft verdanke ich einer Auswahlausgabe als insel taschenbuch. Nun also der Vorsatz einer vollständigen Lektüre.
Montaignes "Versuche" zogen Generationen von Lesern in den Bann. Diese Faszination ist leicht nachzuvollziehen, schwieriger ist es dagegen, den Ursachen für dieses Interesse auf die Spur zu kommen. Im einleitenden Absatz der Britannica heißt es treffend:

    Michael Eyquem de Montaigne wrote, in his Essais, one of the most captivating and intimate self-portraits ever written, on a par with Augustine's and Rousseau's. Living, as he did, in the second half of the 16th century, he bore witness to the decline of the intellectual optimism that had marked the Renaissance. The sense of immense human possibilities, stemming from the discoveries of the New World travellers, from the rediscovery of classical antiquity, and from the opening of scholary horizons through the works of the humanists, was shattered in France when the advent of the Calvenistic Reformation was followed closely by religious persecution and by the Wars of Religion (1562-98). These conflicts, which tore the country asunder, were in fact political and civil as well as religious wars, marked by great excesses of fanaticism and cruelty. At once deeply critical of his time and deeply involved in its preoccupations and its struggles, Montaigne chose to write about himself [...] in order to arrive at certain possible truths concerning man and the human condition, in a period of ideological strife and division when all possibility of truth seemed illusory and treacherous.
Montaigne setzt in "An den Leser" zu einer Erläuterung seines Projekts an:
    Wäre es mein Anliegen gewesen, um die Gunst der Welt zu buhlen, hätte ich mich besser herausgeputzt und käme mit einstudierten Schritten daherstolziert. Ich will jedoch, daß man mich hier in meiner einfachen, natürlichen und alltäglichen Daseinsweise sehe, ohne Beschönigung und Künstelei, denn ich stelle mich als den dar, der ich bin. Meine Fehler habe ich frank und frei aufgezeichnet, wie auch meine ungezwungene Lebensführung, soweit die Rücksicht auf die öffentliche Moral mir dies erlaubte [...] Ich selber, Leser, bin also der Inhalt meines Buchs: Es gibt keinen vernünftigen Grund, daß du deine Muße auf einen so unbedeutenden, so nichtigten Gegenstand verwendest."
    [S.5]
Obwohl Montaigne seine Leser gerne mit einem Augenzwinkern auf falsche Fährten führt, kann man diesen Auftakt durchaus ernst nehmen. Die "Essais" sind eines der erstaunlichsten Selbstportraits der Weltliteratur. Die meisten Versuche beginnen mit dem Wörtchen "Über", über die Trautigkeit, über den Müßiggang, über die Lügner, über die Schulmeisterei ...
Oft spielen diese Themen dann nur eine untergeordnete oder indirekte Rolle. Montaigne schreibt über seine Erfahrungen, seine Gedanken und sein Leben. Ein weiterer roter Faden sind zahlreiche aus seinen Bücher bezogene Beispiele, Geschichte und Geschichten, welche den einen Punkt belegen, dem anderen Aspekt widersprechen, kurz zu verschiedensten rhetorischen Zwecken eingesetzt werden. Wobei es Montaigne mit dem Zitieren nicht übermäßig genau nimmt. Zitate werden aus dem Zusammenhang gerissen und ab und zu sogar gegen ihre ursprüngliche Intention verwendet, wenn man sich den Kontext des eingefügten Textschnippsels ansieht.
Das Ergebnis dieses von Montaigne entwickelten Kompositionsverfahrens ist ein vielschichtiges, originelles und bedenkenswertes Werk. Vorweg geschickt sei noch, dass die Neuübersetzung von Hans Stilett (1998) vorzüglich gelungen ist. Ein großartiges Übersetzungsprojekt. Allerdings passt diese großformatig-protzige Prachtausgabe so gar nicht zum Text. Inzwischen gibt es noch eine Auswahlausgabe dieser Übersetzung sowie eine Gesamtausgabe als Taschenbuch.


Notizen-FAQ

1. Kann man auf einzelne Tageseinträge verlinken?
    Ja. Das Format sieht z.B. folgendermaßen aus:
    http://www.koellerer.de/q2-2006.html#TTMMJJ

    Um auf den 14. April 2006 zu verlinken also:
    http://www.koellerer.de/q2-2006.html#140406
2. Was hat es mit den Amazon-Links auf sich?
    Nach langem Zögern fasste ich den Entschluss, die Notizen für das Amazon Partnerprogramm anzumelden. Wenn sinnvoll, verlinke ich Bücher auf Amazon mit meiner Partner ID "notizen-21". Entsprechende Bestellungen leisten dann einen kleinen Beitrag zu den Providerkosten. Natürlich kann man diese ID auch manuell bei jeder anderen Produkt-URL bei Amazon anhängen :-)


14. April 2006

"Evangelium des Judas"

Die von der National Geographic Society mit großem Aufwand inszenierte Veröffentlichung dieses neuen Textes ist für Kenner der Materie nicht übermäßig spektakulär. Die NZZ widmet dieser Publikation gestern eine Analyse und eine Rezension. Hier noch die Seite der NGS zum Thema.

Tipps aus der Antike

Drei Euro sollten sich die europäischen Finanzminister noch leisten können. Dafür bekommen sie den gerade bei Reclam erschienen Titel: "77 Tricks zur Steigerung der Staatseinnahmen" von Aristoteles.


12. April 2006

Bibliomane Betrachtungen (3)

    Die Lektüre ist aber für mich, wie ich glaube, unbedingt notwendig: erstens, um mich nicht mit mir allein begnügen zu müssen, zweitens, um mit den Erkenntnissen anderer bekannt zu werden, drittens, damit ich mir über das, was sie herausgefunden haben, ein Urteil bilden und über die noch zu lösenden Fragen nachdenken kann.
    (L. Annaeus Seneca)
Meine bisherigen Überlegungen haben eine Diskussion im (übrigens meist empfehlenswerten) Klassikerforum ausgelöst. Für mich steht also fest, dass der Lektüreschwerpunkt bei den Klassikern liegen muss. Ist aus Zeitknappheit eine Entscheidung notwendig, wird diese immer zugunsten der Alten gefällt. Selbstverständlich werde ich auch weiterhin aktuelle Autoren zu lesen, zumal ich inzwischen genügend Herausragende kenne, deren Bücher lohnen. Vermutlich macht es Sinn, sich bei vielen auf die Hauptwerke zu beschränken und nicht alles lesen zu wollen. Die Erfahrung zeigt doch sehr deutlich, dass viele gute Autoren nicht immer gute Bücher abliefern. Das gilt sinngemäß auch für Klassiker. Man denke nur an die fragwürdigeren Produktionen Goethes ("Bürgergeneral" und Co.). Insgesamt bin ich eher geneigt, einen Klassiker trotz dieser Einschränkungen komplett zu lesen als einen aktuellen Autor.
En passent sollte ich wohl einige Vertreter der Gegenwartsliteratur nennen, die ich besonders schätze. Dazu zählen (ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit und in zufälliger Reihenfolge): Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek, Markus Werner, Agota Kristof, Wilhelm Genazino, Ian McEwan, John Updike, Philip Roth, Antonio Lobo Antunes, Paulus Hochgatterer ...
Wenn ich nun ein hervorragendes Werk dieser Autoren nehme und mit einem der großen alten Bücher vergleiche (sagen wir: Aischylos' Orestie oder Dantes "Göttliche Komödie" oder Cervantes "Don Quijote"), ist die Leseerfahrung bei den letzteren intellektuell und ästhetisch wesentlich zufriedenstellender. Woran mag das liegen? Die Qualität spielt hier sicher eine Rolle. Ich bin überzeugt, dass manche Bücher so gelungen sind, dass es über lange Zeiträume nur wenige von ihnen gibt.
Ebenso wichtig ist wohl die historische Differenz, die für mich immer einen Mehrwert darstellt, den ein neues Buch klarerweise entbehren muss. Faszinierend finde ich daran zweierlei: Zum einen sind diese Klassiker einmalige Gelegenheiten, etwas über die Vergangenheit zu erfahren. Von den oberflächlichen alltäglichen Unterschieden über gesellschaftliche Divergenzen bis hin zu mentalen Veränderungen. Zum anderen sind es die erstaunlichen Kontinuitäten: Je mehr alte Bücher ich lese, speziell aus der Antike, desto häufiger drängt sich der Eindruck auf, dass sich der Mensch in den letzten paar Jahrtausenden im anthropologischen Kern nicht verändert hat. Diese Beschreibung reduziert den komplexen Sachverhalt natürlich übergebührlich, beschreibt aber doch ausreichend, was mich an Klassikern vor allem reizt: Die Vergangenheit und die Natur des Menschen besser zu verstehen. Wenn das mit ästhetischem Vergnügen verbunden ist, desto besser.


10. April 2006

Bibliomane Betrachtungen (2)

    Bei meinen Untersuchungen unserer Beweggründe und Verhaltensweisen sind mir jedenfalls die erdichteten Zeugnisse, soweit sie möglich erscheinen, ebenso dienlich wie die wahren. Geschehen oder nicht, in Paris oder Rom, dem Hinz oder Kunz - stets zeigen sie mir, wozu Menschen fähig sind, und das zu wissen ist mir nützlich: Ich sehe mir jedes Beispiel an und ziehe hieraus, ob Wirklichkeit oder deren Schatten, meinen Gewinn; und von den verschiedenen Lesarten, die solche Geschichten oft bieten, bediene ich mich der jeweils ungewöhnlichsten und denkwürdigsten.
    (Montaigne, Über die Macht der Phantasie)
Die Frage, warum ich seit ein paar Jahren weniger in die Breite lese, ist gar nicht so einfach zu beantworten. Die mindestens zehn Jahre betriebene extensive Lektüre führten mir wohl vor Augen, wie viele herausragende Werke der Weltliteratur existieren. Mit einer einmaligen Lesen derselben bleibt man selbst bei genauer Lektüre an der Oberfläche. Das Verlangen nach einem besseren Verständnis stellt sich automatisch ein.
Gleichzeitig steigt der Qualitätsanspruch. Man gewöhnt sich schnell an herausragende Bücher. Deshalb scheint es unvernünftig zu sein, fünfzig weitere Bücher zu lesen, um dann im einundfünzigsten ein weiteres Meisterwerk zu entdecken, wenn man auf der anderen Seite schon mehrere Dutzend Titel kennt, deren Lektüre absolut lohneswert ist, die aber mental bereits verblasst sind.
Psychologisch betrachtet, mangelt es mir zunehmend an Geduld. Kam es vor zehn Jahren kaum vor, dass ich ein Buch nicht zu Ende las, erlege ich mir diesbezüglich nun keine Hemmungen mehr auf. Früher mußte ein Werk sehr schlecht sein, damit ich es beiseite legte. Heute kann ich Mittelmaß schon kaum mehr ertragen. Das gilt auch für andere Kunstsparten. Wie erinnerlich verließ ich im Januar "Idomeneo" bereits in der Pause, weil mich die lähmende Durchschnittlichkeit der musikalischen Darbietung deprimierte.
Nun ist es unter Literaturfreunden eine Binsenweisheit, dass gut abgelegene Bücher statistisch gesehen besser sind als Neuerscheinungen. Wenn ein Buch ein paar Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte überlebt und über die Zeit hinweg auf Interesse stieß, spricht das für ungewöhnliche Qualität. Damit will ich nicht sagen, dass alle gemeinhin als "Klassiker" bezeichneten Werke ausgezeichnet sind, noch dass nicht viele Bücher zu Unrecht vergessen wurden. Hier spielen eine Fülle von Faktoren eine Rolle, von denen die ästhetischen wichtig sind, die soziologischen aber nicht vernachlässigt werden dürfen.
Trotzdem sieht meine Leseerfahrung wie folgt aus: Orientiere ich mich an dem sogenannten Kanon, finde ich herausragende Bücher vergleichsweise oft. Alle fünf, sechs Titel werde ich fündig. Lese ich Gegenwartsliteratur ist die Quote mindestens um ein fünf bis zehnfaches schlechter und wirklich angetan von einem Buch bin ich nur selten.
Es scheint also mir also vernünftig zu sein, mein Leseverhalten so zu gestalten, dass ich die Zahl der exzeptionellen Bücher maximiere. Das gelingt mit hoher Wahrscheinlichkeit dadurch, dass ich mich an Klassiker halte oder mit Sicherheit, wenn ich mich meinen persönlichen Favoriten zuwende. Wobei es selbst hier Ausnahmen gibt: Die Zweitlektüre von "Schuld und Sühne" war vor der Folie der enthusiastischen Erstlektüre vor fünfzehn Jahren ernüchternd, um ein Beispiel zu nennen.
Nun lebt aber die Literatur maßgeblich von der Gegenwart. Wenn nicht wir Bücherfreunde die ambitionierten aktuellen Bücher lesen, wer dann? Autoren, Verlage und Buchhändler sind auf uns angewiesen. Läse man nur noch Klassiker, bräche der Literaturbetrieb zusammen und damit auch die Chance für die Klassiker der Zukunft. Aber warum mit großer Wahrscheinlichkeit schlechtere Bücher lesen, wenn die Weltliteratur voll von leicht auffindbaren Sprachkunstwerken ist? Ein schwer zu lösendes Dilemma.


9. April 2006

Bibliomane Betrachtungen (1)

    Die guten Leutchen, fuhr er fort, wissen nicht, was es Einem für Zeit und Mühe gekostet, um lesen zu lernen. Ich habe achtzig Jahre dazu gebraucht, und kann noch jetzt nicht sagen, daß ich am Ziele wäre.
    (Goethe, aus den Gesprächen mit Eckermann)
Man liest von Lesern immer wieder, dass sich im Laufe des Lebens die Lesegewohnheiten verändern. In den letzten Jahren bestätigte sich das auch in meinem Fall. Vor dem Abitur und während des Studiums wollte ich mir möglichst schnell einen literarischen Überblick verschaffen. Ich bewegte mich kreuz und quer durch die Literaturgeschichte. Studienbedingt mit Fokus auf deutschsprachige Literatur, aber auch die Weltliteratur kam nicht zu kurz. Die deutsche Literaturgeschichte erlas ich mir ziemlich systematisch von den mittelhochdeutschen Klassikern bis zur Gegenwartsliteratur (Schwerpunkte 18. und 20. Jahrhundert). In den Gefilden der Weltliteratur durchstöberte ich gerne die berühmtesten Ecken. Die unverzichtbaren Russen (den kompletten Dostojewskij, die fabelhaften Romane Tolstois, die hinterhältigen Stücke Tschechows), den einschlägigen Franzosen (vom strengen Corneille über den oft formlos brillanten Balzac bis hin zum Stilneurotiker Flaubert), den schreibwütigen Engländern (wer den "Tristram Shandy" nicht kennt, dem bleiben viele Möglichkeiten der Literatur verborgen), um nur einige zu nennen. "Don Quijote" muss als singuläres Phänomen ebenso herausgehoben werden, wie das sprachliche Hochplateau Shakespeare.
In dieser Zeit las ich bis zu zweihundert Bücher jährlich und verschaffte mir sukkzessiven Einblick in die Höhen und Tiefen der Sprachkunst. Der ständig wachsende literaturwissenschaftliche Werkzeugkasten war dabei ein nützlicher Begleiter. Die Gegenwartsliteratur kam durch diverse literaturkritischen Aktivitäten auch nicht zu kurz.
Philosophisches wurde aus akademischen Gründen auch nicht vernachlässigt, allerdings liegt es in der Natur (besser: dem Geist) der Sache, dass philosophische Klassiker in kurzer Zeit nicht in großer Zahl zu lesen sind. Der Lektüreschwerpunkt bewegte sich an den beiden Enden der Philosophiegesschichte: Die alten Griechen (Platon!) auf der einen, die analytischen Philosophen aus dem 20. Jahrhundert auf der anderen Seite.
Diese exzessiven Lektüregewohnheiten hielten sich etwa bis Anfang Dreißig. Danach trat eine erst schleichende, bald nicht mehr zu übersehende Änderung ein. Ich las immer weniger in die Breite, um damit mein "empirisches" Wissen um die Literatur zu vergrößern, sondern immer mehr in die Tiefe. Weniger schwammig ausgedrückt: Ich las eine Reihe von Büchern zum wiederholten Male. Das kam natürlich früher auch vor, speziell für die wissenschaftliche Arbeiten, nahm aber einen weit geringen Stellenwert ein.
Aufmerksame Vielleser wissen, dass selbst die besten Lektüreerlebnisse vergleichsweise schnell verblassen. Als Literaturfreund sollte man aber eine Reihe der besten Bücher immer präsent haben. Ein Kunstfreund stellt seine Lieblingsgemälde ja auch nicht in den Keller, sondern sieht sie sich regelmäßig an.


8. April 2006

Igor Bauersima, Réjane Desvignes: Boulevard Sevastopol
(Akademietheater 5.4.)
Regie und Bühne: Igor Bauersima
Dascha Libgart Schwarz
Kurt Florentin Groll
Lev Markus Meyer
Anna Dorothee Hartinger
Larissa Alexandra Henkel
Pjotr Johannes Krisch
Georgij Juergen Maurer
Sveta Petra Morzé

Uraufführungen sind immer eine heikle Angelegenheit. Als Zuschauer kennt man das Stück (noch) nicht, was ein qualifiziertes Urteil erschwert. Löblicherweise enthält das Programmheft den kompletten Text. Erwähnenswert ist, dass Igor Bauersima Autor und Regisseur in Personalunion ist, weshalb sich die übliche Frage erübrigt, ob der Regisseur das Stück adäquat auf die Bühne bringt.
Inhaltlich entschieden sich die beiden Autoren für einen aktuellen Stoff: Eine Gruppe illegaler Einwanderer lebt in einem Haus in Wien zusammen, der Willkür eines Schleppers ausgesetzt. Geld wird mit den üblichen Tätigkeiten verdient, vom Putzen bis zur Pornographie. Das Stück führt anhand einer fiktiven Geschichte (Stück im Stück) das Leben und die Konflikte dieser Gruppe vor.
Stück im Stück? Es gibt zwei Handlungsebenen. Anna spinnt mit einem anonymen Internetverehrer eine Geschichte durch, die dann auf der Bühne auch gezeigt wird. Erzählung und gespielte Handlung wechseln sich ab, teilweise mit bewussten kurzen Überschneidungen. Diese fiktive Handlung erzählt den möglichen Verlauf des Abends mit diversen dramatischen Wendungen. Am Ende stellt sich heraus, dass der reale Abend doch vergleichsweise harmlos verlaufen ist.
Diese beiden Ebenen sind handwerklich durchaus gekonnt verknüpft. Theatermittel werden effektiv eingesetzt, kurz die beiden Autoren verstehen sich auf ihr Geschäft. Das Ergebnis ist ästhetisch aber zu glatt, formale Abwechslung als Auflockerung fehlt.
Allerdings rechtfertigt die Substanz des Stücks diesen Aufwand keineswegs. Die Figuren wirken teilweise sehr klischeehaft, da hilft auch die fabelhafte Besetzung nichts. So ist das Stück zwar besser als das blutarme "Bérénice de Molière", aber dennoch weit von einem großen Wurf entfernt.


4. April 2006

Bibliothek: Neuzugänge

Diesen Stapel von wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbüchern wurden sehr preiswert bei Jokers verramscht. Der ghnze Stapel war günstiger als das teuerste dieser Bücher regulär gekauft. Der Band von Wolfgang Mayer König harrt der Rezension.

Autor Titel Verlag Kommentar
Wolfgang Mayer König Grammatik der Seele Edition Log International Wien o.J.
Peto, Rudolf Grundlagen der Makroökonomik Oldenbourg 12. Auflage
Sloman, John Mikroökonomie Oldenbourg 3. Auflage
Witte, Hermann Allgemeine Betriebswirtschaftslehre Oldenbourg WiSo Lehr- und Handbücher
Demmler, Horst Einführung in die Volkswirtschaftslehre Oldenbourg 7. Auflage
Bagozzi, Richard P. u.a. Marketing-Management Oldenbourg München 2000
Leiner, Bernd Mathematik für Ökonomen Oldenbourg München 2003


2. April 2006

Altes Testament: Bücher Könige
(Bibelgesellschaft; modifizierte Lutherübersetzung)


Das erste Buch der Könige enthält einige der berühmtesten Geschichten der Bibel: Den Werdegang des Königs Salomo (samt Weisheit und Urteil), den Bau des ersten Tempels, den Besuch der Königin von Saba. Gegen Ende schließlich hat Prophet Elia seinen Auftritt.
Die Bibelforschung zählt die Königsbücher ebenfalls zum deuteronomistischen Geschichtswerk und nimmt eine redaktionelle Bearbeitung des Textes während der Exilzeit an, speziell in Hinblick auf die Prophetenerzählungen. Das "Editionsprinzip" ist dasselbe wie bei den vorherigen Büchern. Ziel ist die Führung eines theologischen "Beweises", nämlich dass das Fehlverhalten des jüdischen Volkes zu den einschlägigen späteren Katastrophen führte. Diese Intention sollte man bei der Lektüre stets im Hinterkopf behalten: eine historische "objektive" Darstellung ist weder intendiert noch nach damaligen Maßstäben überhaupt ein intellektueller Wert.
Besonders hübsch im ersten Buch ist der religiöse Wettkampf zwischen Elia und knapp tausend Propheten des Baal und der Aschera. Elia ist der Initiator und möchte einen Gottesbeweis antreten. Man versammelt sich auf dem Berg Karmel und bereitet zwei Opfer mit jungen Stieren vor. Kunstgerecht werden die Tiere zerlegt und auf geschlichtetes Holz gelegt. Die Spielregeln:

    Und ruft ihr den Namen eures Gottes an, aber ich will den Namen des Herrn anrufen. Welcher Gott nun mit Feuer antworten wird, der ist wahrhaftig Gott.
    [1. Kön 18,24]

Die Propheten rufen nun Baal an. Sie beten und beten und beten, und fügen sich in religiöser Verzückung Wunden zu. Nichts geschieht. Elia fängt an, sich in bester Manier über sie lustig zu machen: Vielleicht schlafe ihr Gott gerade oder er sei beschäftigt? Man braucht kein Bibelkenner zu sein, um das Ergebnis zu erraten: kein Feuer. Nun kommt des Elias große Stunde. Das Opfer wird noch mit zwölf Eimer Wasser begossen. Ein Gebet an den richtigen Gott und "da fiel das Feuer des Herrn herab".
Interessant finde ich bei derartigen Geschichten immer, dass versucht wird, mit rationalen Methoden Irrationales zu rechtfertigen. Es handelt sich ja um ein handfestes empirisches Experiment. Geistesgeschichtlich spannend wird es, bedenkt man die Geschichte des wissenschaftlichen Experiments. Anstalten, welche diese Bezeichnung verdienen, gab es in der Antike eigentlich erst bei den alexandrinischen Naturphilosophen. Die klassischen Griechen führten keine Experimente durch. Es könnte also sein, dass diese Art von "Gedankenexperimenten" wie hier im Alten Testament den realen Experimenten vorausgingen. Es lohnte sich zweifellos, dem einmal näher nachzugehen.
Ohne auf das zweite Buch Könige noch ausführlich einzugehen, will ich eine ebenso aparte wie lehrreiche Episode nicht verschweigen, nämlich die Kinderliebe des Elisa (dem Nachfolger des Elia). Als er einmal nach Bethel spazierte wurde er von vielen kleinen Knaben als "Kahlkopf" verspottet. Das kann man sich als Prophet naturgemäß nicht gefallen lassen:
    Und er wandte sich um,und als er sie sah, verfluchte er sie im Namen des Herrn. Da kamen zwei Bären aus dem Walde und zerissen zweiundvierzig von den Kindern."
    [2. Kön 2, 24]
Da hat wohl einer der Herren Redakteure aus der Exilzeit seine eigenen Spotterlebnisse kreativ verarbeitet.

Kunst und Musik mit Stil

Es gibt wenige Zeitschriften, in denen so kompetent und ansprechend über Kunst und Musik geschrieben wird als in der The New York Review of Books. Stilistisch klar, ohne verquasten Jargon und sehr kenntnisreich. Erfreulicherweise ist das jüngste Beispiel dieser im deutschsprachigen Raum nur selten praktizierten Kunst auch online zu lesen, nämlich Robert Hughes schönes Portrait Rembrandts. Hughes Buch über Goya las ich erst vor einigen Monaten.
Ebenfalls gratis zu lesen ist die zweiteilige Rezension der viertausendseitigen neuen Musikgeschichte des Richard Taruskin The Oxford History of Western Music. Charles Rosen läßt kaum ein gutes Haar an dieser großen Kraftanstrengung: Teil 1 und Teil 2.

"Der Vatikan und die verbotenen Bücher"

So lautet der Untertitel zu "Index", in dem Hubert Wolf den klerikalen Bücherverboten nachgeht.

Letztes Quartal
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