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Notizen: Archiv

von Christian Köllerer



2. Quartal 2007



27. Juni 2007

Mumie von Hatshepsut gefunden?

Sollte sich diese Meldung bestätigen, wäre das nicht nur für die Freunde des Alten Ägyptens eine kleine Sensation.

Bibliothek: Neuzugänge

Bis auf das Buch über den französischen Roman von Stackelberg (Antiquarisch), habe ich die Kunstbücher alle sehr günstig in München gekauft. Nur der Katalog über die Troja-Ausstellung war neu, doch der ist die 25 Euro auch wert: Sehr schön gemacht, detaillierte Abbildungen von vielen Vasen mit Themen des Trojanischen Krieges.

Autor Titel Verlag Kommentar
Jürgen von Stackelberg Von Rabelais bis Voltaire. Zur Geschichte des französischen Romans. C.H.Beck München 1970
Raimund Wünsche (Herausgeber) Mythos Troja Staatliche Antikensammlungen München Ausstellungskatalog
Marcus Dekiert Rembrandt - Die Opferung Isaaks Alte Pinakothek München 2004
Pinakothek der Moderne Paul Klee PdM München 1999
Alte Pinakothek (Hrsg.) Murillo. Kinderleben in Sevilla Hirmer München 2001
Alte Pinakothek (Hrsg.) Venus. Bilder einer Göttin Alte Pinakothek München 2001; Ausstellungskatalog


26. Juni 2007

Museen in München (3): Neue Pinakothek und Pinakothek der Moderne
(10.6.)

Der überwiegende Teil der Neuen Pinakothek war wegen der Vorbereitung einer großen Ausstellung geschlossen, so dass ich mir nur einen kleineren Teil der Sammlung ansehen konnte. Es handelte sich um Werke des späten 18. Jahrhunderts bis zu den Impressionisten. Der Bestand ist dem anderer Häuser sehr ähnlich: Ein Renoir hier, ein Cezanne dort ... Nicht zu vergessen natürlich Van Goghs berühmte Sonnenblumen.
Die Pinakothek der Moderne eröffnete 2002 und vervollständigt damit den kunsthistorischen Parcours bis in die Gegenwart. Das Gebäude ist architekonisch durchaus ansprechend und schafft innen den Spagat zwischen überraschenden räumlichen Perspektiven und "langweiligen" Ausstellungsräumen überzeugend. Bewegt man sich zwischen den Teilen des Museums, drängt sich die interessante Architektur in den Vordergrund und wird damit Teil der Präsentation. Der Bestand wird aber in nüchternen Räumen gezeigt, so dass die Architektur nicht von der Kunst ablenkt. Kern der Sammlung sind Klassiker der Moderne (Kokoschka, Dix, Surrealisten). Aber auch "Brücke" und der "Blaue Reiter" sind vertreten. Die Kunst nach 1945 ist ebenfalls mit vielen bekannten Künstlern vertreten (Popart, Beuys, Kiefer, Polke, Richter...).
Betrachtet man die Antikensammlung und die drei Pinakotheken zusammen, dann bietet München seinen Einwohnern und Besuchern einen kunstgeschichtlichen Überblick auf hohen Niveau. Nicht viele Städte sind hier statisfaktionsfähig.


23. Juni 2007

Museen in München (2): Alte Pinakothek
(9.6.)

In Sachen "Alte Meister" ist München ausgezeichnet versorgt. Speziell was die deutsche Malerei angeht (Dürer!) sind viele Hauptwerke zu sehen. Rubens setzt einen weiteren Schwerpunkt. Mit 700 ausgestellten Gemälden ist die Sammlung nicht so groß wie andere berühmte Museen, aber Quantität ist hier nicht das ausschlaggebende Kriterium. Das wird bei der Italienischen Malerei deutlich: Alleine Raffaels fesselnde "Die hl. Familie aus dem Hause Canigiani", ein Werk von unglaublicher formaler Perfektion & Präzision, wäre eine Reise nach München wert.
Generell kann man feststellen, dass - bis auf Ausnahmen (Rubens!) - viele Künstler mit wenigen, dafür aber hochrangigen Produktionen vertreten sind (Tizian, El Greco, Velásquez...). Damit kann man sich einen guten Überblick über die Kunstgeschichte des 14.-18. Jahrhunderts verschaffen. Die Austellungsräume sind auch adäquat: Ein sympathisches Museum. Im Internet kann man einen virtuellen Rundgang unternehmen.

Historische Romane von Experten

Der Verlag Philipp von Zabern ist durch seine archäologischen und kulturgeschichtlichen Fachbücher bekannt. Auch die Zeitschrift "Antike Welt" stammt aus diesem Hause. Ab August 2007 betritt man in Mainz nun mit historischen Romanen Neuland, die quasi mit einem sachlichen Qualitätssiegel versehen sind:
    Historische Romane haben Hochkonjunktur. Vieles ist unterhaltsam und spannend. Doch nicht selten bemängeln Kritiker den allzu freien Umgang mit den historischen Fakten. Philipp von Zabern, einer der international führenden Verlage für Archäologie und Kulturgeschichte, setzt hier mit einem neuen Programmsegment historischer Romane einen Kontrapunkt.


21. Juni 2007

Robert Harris: Imperium. Novel
(Random House Audiobooks)

Prinzipiell ist mir der Gedanke sympathisch, dass man mit antiken Themen Bestseller schreiben kann. Die Thematik war auch ausschlaggebend, mir das Buch anzuhören. Seltsamerweise "stört" es mich weniger, Unterhaltungsliteratur zu hören als zu lesen. Das Thema des Romans ist die Karriere von Cicero, was im ersten Moment erfrischend exotisch wirkt. Man versteht aber schnell, dass Harris hier eine gute Buchidee hatte: Ciceros leben lässt sich ausgezeichnet als "Anwaltsroman" inszenieren. So jagt ein spannender Prozess den nächsten, garniert mit zahlreichen politischen Intrigen. Man verfolgt die Handlung sehr aufmerksam, auch wenn man bereits weiß, wie sich diese Angelegenheiten historisch entwickelten.
Harris erzählt Ciceros Leben (bis zum Erreichen des Konsulats) aus der Ich-Perspektive seines Sekretärs Tiro. Literarisch ist der Roman nicht verdienstvoll: Er ist extrem konventionell erzählt (Dialoge, Beschreibungen), wenn auch handwerklich auf hohem Niveau. Inhaltlich scheint er gut recherchiert zu sein, soweit ich das beurteilen kann, ohne eine Experte für das römische Justizwesen zu sein. Trotzdem klingt es oft sehr nach einem amerikanischen Prozess, wenn von "jury" oder "cross examination" die Rede ist.
Literarisch also keine Empfehlung. Wer aber ein paar Stunden gute Unterhaltung sucht und sich für die Antike interessiert, macht damit keinen Fehler. Mir zumindest hat der Roman große Lust darauf gemacht, wieder ein paar Reden Ciceros zu lesen. Andere Werke von ihm will ich mir eigentlich auch schon seit Jahren vornehmen ...

20. Juni 2007

Museen in München (1): Antikensammlung und Glyptothek
(jeweils zwei Besuche am 08.06. und 10.06.)

Die antiken Sammlungen waren der wichtigste Grund für eine kleine Reise nach München. Der Königsplatz in München ist tatsächlich ein hübsches städtebauliches Ensemble für eine Präsentation antiker Kunst. Berühmt ist vor allem die Münchner Sammlung antiker Vasen, die weltweit einen Spitzenplatz einnimmt.
Deshalb ist es erstaunlich, dass in der Antikensammlung nur relativ wenige Stücke präsentiert werden, was für den gelegentlichen Besucher didaktisch wohl hilfreich ist. Wohnte ich in München, wäre mir die Auswahl aber zu gering. Die Gefäße werden chronologisch präsentiert, beginnend mit der mykenischen Zeit. Speziell bei den rotfigurigen Stücken sind einige sehr eindrucksvolle Motive dabei, etwa die gut getroffene Trauer aller Beteiligten wenn ein Soldat in den Krieg zieht. Keine Spur von Heldenethos: Ein betreten blickender junger Mann samt betroffene Eltern.
Die Aufstellung der Vasen ist nicht sehr besucherfreundlich: Viele sind in zweistöckigen Vitrinen untergebracht, deren "erster Stock" nur knapp über den Fußboden angesiedelt ist, so dass eine ausführliche Besichtigung schwierig ist, will man nicht auf Knien herumrutschen. Das wurde in der neuen Wiener Antikensammlung deutlich besser gelöst, wo alles auf Augenhöhe ausgestellt ist. Im Untergeschoss gibt es noch eine vorzügliche Schmucksammlung zu sehen (darunter viel Etruskisches).
Die aktuelle Sonderausstellung "Mythos Troia" setzt sich mit der Ikonographie des trojanischen Krieges auf der Keramik auseinander und ist unbedingt einen Besuch wert. Unser Bild dieses Mythos ist bekanntlich sehr einseitig, da "nur" die beiden Epen Homers überliefert sind. Diese stellen aber nur einen Bruchteil des Bildmaterials der Vasen. Man sieht sofort, dass das Geflecht des Mythos weitaus dichter war als viele heute annehmen.
Nichts zu mäkeln gibt es an der optischen Präsentation der Skulpturen der Glyptothek. Der Besucher wird chronologisch von der archaischen bis zur spätrömischen Epoche geführt und bekommt einige repräsentative Stücke der verschiedenen Stile zu sehen: Skulpturen, Büsten, Grabreliefs und Sarkophage bilden den Schwerpunkt. Etwas mühsam ist das System der Beschriftungen: Auf den Exponaten findet sich meist nur eine Nummer die an einer Wandtafel erläutert wird.


19. Juni 2007

Etrusker: Hatte Herodot doch Recht?

Neue genetische Untersuchen liefern Indizen, dass die Etrusker wie von Herodot beschrieben aus Anatolien zugewandert sein könnten. Mehr.


18. Juni 2007

Jacob Michael Reinhold Lenz

Zu vermelden ist eine löbliche neue Edition seiner Moskauer Schriften durch Heribert Tommeck.


16. Juni 2007

Richard Dawkins: The God Delusion
(Transworld Publishers)

Seit einiger Zeit gibt es im angelsächsischen Raum eine Bewegung, die man in eine Schublade mit der Beschriftung "New Atheism" steckt. Die linke amerikanische Zeitschrift "The Nation" hat ihr die aktuelle Titelgeschichte gewidmet.
Prominentester Vertreter der neuen Religionskritiker ist Richard Dawkins. Auch Sam Harris und Christopher Hitchens sind - neben anderen - mit entsprechenden Titel auf dem Buchmarkt vertreten. Ihre Kritiker sind schnell mit dem Vorwurf zur Hand, dass hier Atheismus selbst mit einem quasireligiösen Fanatismus betrieben wird. Darauf kann man mindestens Zweierlei entgegnen: Erstens ist speziell in den USA ein mediales Trommelfeuer der Bigotterie festzustellen, dem man mit höflichem Aufzeigen nicht medienwirksam entgegen treten kann. Zweitens ist die (polemische) Kritik von absurden Behauptungen und Theorien (wobei diese Gebilde meist dergestalt sind, dass sie die Bezeichnung "Theorie" keinswegs verdienen) von einer anderen Qualität als die Hervorbringungen dieser wirren Kopfgeburten.
Dawkins fasst in "The God Delusion" prägnant und rhetorisch gewitzt die wichtigsten Argumente von uns Religionskritikern zusammen und kann deshalb jedem empfohlen werden, der sich einen Überblick darüber verschaffen will. Wer die Materie kennt, dem werden viele Gedankengänge bereits vertraut sein, etwa Dawkins Ausführungen rund um die Wahrscheinlichkeit Gottes versus der Wahrscheinlichkeit einer natürlichen Entstehung der Welt.
Besonders überzeugend fand ich die Kapitel am Ende des Buches in denen er sich mit den potenziell katastrophalen Folgen von religiöser Erziehung beschäftigt, die er berechtigterweise als geistige Kindesmisshandlung qualifiziert. Jedes Kind solle das Recht haben, kritisches Denken und den aktuellen Stand der Wissenschaft zu erfahren, um sich dann eine eigenständige Weltanschauung bilden zu können.
Dawkins verweist auch auf islamistische Terroristen als Beispiel einer fehlgeleiteten Religionserziehung. Das ist nicht von der Hand zu weisen, wenn man etwa an die Aktivitäten der Koranschulen in Pakistan und anderen Orten denkt. Es greift aber trotzdem zu kurz, da wir heute wissen, dass viele der "prominentesten" Terroristen Studenten / Akademiker waren, teilweise von technischen Studienrichtungen.
Es handelt sich jedenfalls um eine lohnende Lektüre. Wobei ich das Buch nicht gelesen, sondern angehört habe.


3. Juni 2007

Complicite: A Disappearing Number
(Wiener Festwochen 31.5.)
Konzept und Inszenierung: Simon McBurney
Musik: Nitin Sawhney
Mit: David Annen, Firdous Bamji, Paul Bhattacharjee, Hiren Chate, Divya Kasturi, Simon Pandya, Saskia Reeves, Shane Shambhu

Sehr gespannt ging ich in diese Produktion der britischen Theatergruppe Complicite (Leitung: Simon McBurney), sollte doch nichts weniger als Mathematik auf die Bühne gebracht werden. Thema des Abends war das Leben des indischen Mathematikers Srinivasa A. Ramanujan, den viele Kenner der Materie für einen der herausragendsten Köpfe seines Faches halten, und dessen abenteuerliche Biographie durchaus bühnentauglich ist.
Der Abend beginnt denn auch mit einer fiktiven Mathematikvorlesung, die am Ende der Szene allerdings durch einen der Schauspieler witzig als Theater "entlarvt" wird. Dramaturgisch erinnerte das weniger an Brecht als an Monty Pythons "Flying Circus", wo Humor auch regelmäßig durch einen Schwenk auf die Metaebene hergestellt wird. Diese klassisch britische Ästethik wird aber nicht beibehalten: Die Regie setzt auf ein sehr avanciertes Illusionstheater wobei Mittel der TV- und Filmästhetik oft zum Einsatz kommen (schnelle Schnitte zwischen verschiedenen Erzählebenen, Videoprojektionen, "Filmmusik"). Die dadurch erreichten theatralischen Bildeffekte sind frappant. Die bis an die Grenzen geforderte Bühnentechnik wird mit einer Leichtigkeit und Präzision eingesetzt, von der sich alle Wiener Theater mehrere Scheiben abschneiden könnten.
Nun hat diese Furiosität den Nachteil, dass die Vielzahl der (guten) Einfälle eine so hohe semantische Dichte erzeugen, dass man diese Inszenierung mehrmals sehen müsste, um ihr gerecht zu werden. Es regt sich auch der (leise) Verdacht, dass dieser Aufwand dazu dient, das Publikum angesichts der komplexen behandelten Themen bei Laune zu halten.
Diese Form des Theater bewegt sich weit von der klassischen Ausprägung der Kunstform weg, wo man auf die Bühnenpräsenz einiger Schauspieler und das Wort vertraut. Dies wird aber so überzeugend praktiziert, dass man diese Inszenierung nur als sehr gelungen bezeichnen kann.

BBC World auf Youtube

Der Sender mit der besten internationalen Fernsehberichterstattung hat nun einen eigenen Kanal bei Youtube bekommen: BBC World News.


2. Juni 2007

Die Katastrophe Bush

    One of the few foreign policy achievements of the Bush administration has been the creation of a near consensus among those who study international affairs, a shared view that stretches, however improbably, from Noam Chomsky to Brent Scowcroft, from the antiwar protesters on the streets of San Francisco to the well-upholstered office of former secretary of state James Baker. This new consensus holds that the 2003 invasion of Iraq was a calamity, that the presidency of George W. Bush has reduced America's standing in the world and made the United States less, not more, secure, leaving its enemies emboldened and its friends alienated. Paid-up members of the nation's foreign policy establishment, those who have held some of the most senior offices in the land, speak in a language once confined to the T-shirts of placard-wielding demonstrators. They rail against deception and dishonesty, imperialism and corruption. The only dispute between them is over the size and depth of the hole into which Bush has led the country he pledged to serve.
    (Jonathan Freedland: Bush's Amazing Achievement. NYRB 10/07)
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28. Mai 2007

"Konstantin und seine Zeit"

Die aktuelle Ausgabe 3/2007 der Antiken Welt widmet sich anläßlich der Ausstellung in Trier Konstantin dem Großen. Der einleitende Schwerpunktartikel ist erfreulicherweise online als PDF verfügbar und räumt mit einigen populären Vorstellungen über den Kaiser auf, dem wir maßgeblich das christliche Schlamassel zu verdanken haben.


27. Mai 2007

Reise-Notizen: China (4)

Unsere Reiseroute führte automatisch zu einem Buddhismus-Schwerpunkt. Besser spräche man wohl allgemein von "Religion", da die in China gelebte Praxis des Mahayana-Buddhismus im Alltag mit unzähligen traditionellen Elementen kombiniert wird, vom Daoismus bis zum Ahnenkult. Mit der klassischen Lehre des Gautama hat dies naturgemäß nichts mehr zu tun. Eine der grundlegenden Ideen des Buddhismus ist bekanntlich, sich die Erlösung durch die Zähmung des Begehrens zu erarbeiten. In der chinesischen Tempelpraxis dagegen werden an die höheren Mächte begehrlich zahlreiche Wünsche herangetragen: Wie in allen anderen Religionen auch belästigt man die Vertreter der Transzendenz mit Wünschen nach Gesundheit, Kindern und einem langen Leben. Sind diese Grundbedürfnisse adäquat adressiert, darf es aber auch gerne eine Wohnung oder ein neues Auto sein, dessen beschleunigte Manifestation man sich durch ein gezieltes Opfer erhofft. An dieser Stelle sei kurz eingeflochten, dass ein junger, gut ausgebildeter Pekinger auf die Frage, was die größten Wünsche seiner Generation seien, folgende Einschätzung abgab: Erst eine Eigentumswohnung für die eigene Familie, danach einen Wagen (Mittelklasse sollte es schon sein) und schließlich eine Reise nach Europa.
Ungezählte Tempel betrat ich in den drei Wochen. Die höchste Konzentration dieser Anlagen findet sich auf 2000 Meter Höhe in einem malerischen Bergtal am Wutaishan, einem buddhistischen Lourdes (Provinz Shanxi). Je nach Zählung findet man dort um die 40 Klöster, in denen sich noch kaum Europäer, dafür aber sehr viele asiatische Pilger tummeln. Herausgreifen möchte ich nur eines davon, das Nanshan Si (Kloster am Südberg). Wenig besucht liegt es idyllisch am Ende des Tales und eignet sich hervorragend, um den ungeheuren Eklektizismus der Religionsausübung zu illustrieren: Es finden sich Hallen nicht nur zu den üblichen Verdächtigen, nämlich vielen Bodhisattvas, die religionssoziologisch für die Chinesen eine ähnliche Rolle spielen, wie die Heiligen für die Katholiken. Zusätzlich existieren dort daoistische Hallen und - mein Lieblingsfundstück - eine Wandmalerei mit einer furiosen Höllendarstellung, die selbst Dante Freude gemacht hätte, aber im buddhistischen Kontext eigentlich nichts verloren hat. Vieles davon ist leider nicht frei zugänglich, aber dank sinologischer Begleitung brachten wir einen Mönch dazu, uns auch die für Touristen eigentlich geschlossenen Teile des Klosters zu zeigen (darunter die "Hölle").

Business Language aus Stuttgart?

Wer das Vergnügen hat, die Phrasen des Wirtschaftslebens regelmäßig genießen zu können, weiß ob deren intellektueller und ästhetischer Qualität. Deshalb kann man nur den Kopf schütteln, wenn sich Reclam (Platon, Sophokles, Shakespeare, Goethe!) nun in die Untiefen der "Business-Ratgeber" verlaufen hat. Muss das wirklich sein?


26. Mai 2007

Notizen-FAQ

1. Gibt es einen RSS Feed?
2. Kann man auf einzelne Tageseinträge verlinken?
    Ja, wenn jemand diese Mühsal auf sich nehmen will. Das Format sieht z.B. folgendermaßen aus:
    http://www.koellerer.de/q2-2007.html#TTMMJJ

    Um auf den 26. Mai 2007 zu verlinken also:
    http://www.koellerer.de/q2-2007.html#260507
3. Was hat es mit den Amazon-Links auf sich?
    Nach langem Zögern fasste ich den Entschluss, die Notizen für das Amazon Partnerprogramm anzumelden. Wenn sinnvoll, verlinke ich Bücher auf Amazon mit meiner Partner ID "notizen-21". Entsprechende Bestellungen leisten dann einen kleinen Beitrag zu den Providerkosten. Natürlich kann man diese ID auch manuell bei jeder anderen Produkt-URL bei Amazon anhängen :-)
4. Warum kein klassisches Blog?
    Einerseits stehe ich dem Bloggerwesen nach wie vor skeptisch gegenüber (siehe auch hier, andererseits scheue ich auch den Aufwand einer Migration. Entscheidend sind aber ohnehin die Inhalte, nicht die Technik :-)

Claudia Ott (Hrsg.): Tausendundeine Nacht (2)
(C.H. Beck)

Mein hier beschriebener Lektüreeindruck hat sich beim Lesen der zweiten Hälfte des Buchs nicht wirklich verändert. Mit der Einschränkung vielleicht, dass der "Enthusiasmus" etwas nachgelassen hat. Denn nach einigen hundert Seiten ist man an die kunstvolle Technik der narrativen Verschachtelung bereits so gewöhnt, dass die formale Spannung nachlässt. Außerdem gibt es einige langatmige Liebesgeschichten ohne / mit wenigen fantastischen Elementen (an das Dekamerone erinnernd), die sich von den kurzweiligen und sehr kreativen anderen Texten negativ abheben.
Damit ist meine Beschäftigung mit diesem Werk aber noch nicht beendet: Ich will noch einige der berühmten Erzählungen in der kürzlich erworbenen Übersetzung Enno Littmanns lesen, die in der von Claudia Ott übersetzten Handschrift nicht enthalten sind (Sindbad beispielsweise). Der Band wird durch ein sehr informatives Nachwort Otts abgeschlossen, in dem sie sich (völlig überflüssigerweise!) auch dafür rechtfertigt, eine weitere Übersetzung angefertigt zu haben. Die von mir gebundende Ausgabe ist auch als Buch sehr gelungen: schön gebunden, geschmackvoll gesetzt, Lesebändchen.


23. Mai 2007

Peter Handke: Spuren der Verirrten
(Akademietheater 16.5.)
Regie: Friederike Heller
Mitwirkende: Philipp Hochmair
Mitwirkende: Rudolf Melichar
Mitwirkende: Jörg Ratjen
Mitwirkende: Sachiko Hara
Mitwirkende: Petra Morzé
Mitwirkende: Bibiana Zeller
Musik: KANTE

Man mag zum Regietheater stehen wie man will: Theatertexte wie "Spuren der Verirrten" oder etwa jene der Elfriede Jelinek setzen eine starke Regie voraus, da sie "an sich" wenig theatralisch sind. So zieht auch diesmal Friederike Heller alle Register, um den Text in kurzweilige 120 Minuten zu verpacken. Dies geschieht durch schnelle Wechsel zwischen den Schauspielern, was einzelne Rollenfragmente angeht, sowie durch das ständige Changieren zwischen verschiedenen Ebenen: Mal verkörpert ein Schauspieler eine Figur, mal erzählt er über sie, mal kommentiert er. Körpereinsätze kommen ebenfalls nicht zu kurz: Es soll den Zusehern ja nicht langweilig werden.
Der Gesamteindruck am Ende ist nicht negativ, es gab einiges Interessante zu hören und zu sehen. Man stellt sich beim Hinausgehen allerdings die Frage, welchen ästhetischen Zweck diese Art von Theater verfolgt. Beliebigkeit ist nicht jedermanns Sache.

Tolstoj: Sämtliche Erzählungen Band 1
(Insel Taschenbuch)


Tolstojs Erzählungskunst lernte ich bereits zu Beginn meiner Lesekarriere schätzen, speziell "Anna Karenina", das ich in absehbarer Zeit ein zweites Mal lesen will. Seine "großen" Erzählungen las ich bereits, will dieses Lektüre aber nun komplettieren. Dazu eignet sich die bei Insel erschienen fünfbändige Ausgabe vorzüglich.
Der erste Band enthält das erzählerische Frühwerk, was sich vor allem daran zeigt, dass Tolstoj seine eigenen Kriegserlebnisse literarisch aufarbeitet. Dabei beschönigt er den Krieg in keiner Weise. Die Grausamkeit des Schlachtfeldes, die Langeweile des Wartens und die Eitelkeit des Soldatenstandes werden realistisch geschildert. Dazu passt auch die berühmte Formulierung am Ende der Erzählung "Sewastopol im Mai 1855":
    Der Held meiner Erzählung, den ich mit allen Kräften meiner Seele liebe, den ich mich in seiner ganzen Schönheit darzustellen bemühte, der immer schön ist, war und sein wird - ist die Wahrheit.
    [S. 216]
Vieles ist psychologisch noch nicht so subtil wie in seinen reiferen Werken. Seine realistische Ästhetik ist aber bereits voll ausgeprägt. Er verfeinerte und perfektionierte sie im Laufe der Zeit, aber es gab keine grundsätzlichen Neuerungen.


18. Mai 2007

Jonathan Spence: Mao Zedong. (Penguin Lives; Audiobook)

Alles Leugnen wäre zwecklos: Das Chinathema lässt mich noch nicht los. Diese kleine Biographie gibt einen knappen, aber fundierten Überblick über das Leben eines der größten Massenmörder des 20. Jahrhunderts. Womit ich auch schon bei meinem Haupteinwand gegen das Buch wäre: Es ist mir etwas zu "neutral", was Maos Verbrechen angeht. Das bezieht sich weniger auf Beschönigungen irgendwelcher Art, sondern auf den Platz, den Spence diesem Aspekt widmet. Ansonsten eine solide Einführung.

Bibliothek: Neuzugänge

Mit diesen Neukäufen wird meine Bibliothek in Sachen 1001 Nacht vervollständigt. Die sechs Bände in der Übersetzung Enno Littmanns aus dem Jahr 1953 sind nicht nur sehr "komplett". Diese Ausgabe dürfte auch die bisher schönste deutsche Ausgabe sein (Leinen). Die eben gelesene neue Übersetzung von Claudia Ott umfasst ja nur einen Teil des Materials.
Irwins Buch scheint eine brauchbare Monographie über diese Textsammlung zu sein.

Autor Titel Verlag Kommentar
Robert Irwin Die Welt von Tausendundeiner Nacht Insel Verlag Frankfurt 1997
Enno Littmann (Übersetzer) Die Erzählungen aus den 1001 Nächten Insel Schöne Leinenausgabe von 1953


17. Mai 2007

Wagner: Der fliegende Holländer
(Staatsoper 14.5.)
Dirigent:Seiji Ozawa
Regie: Christine Mielitz
Senta, seine Tochter: Nina Stemme
Erik, ein Jäger: Klaus Florian Vogt
Der Holländer: Alan Titus

Oft habe ich mich hier schon über die lähmende Durchschnittlichkeit vieler Repertoireaufführungen in der Staatsoper beklagt. Kaum steht jedoch der Musikdirektor höchstselbst am Pult, geruht sich das Staatsopernorchester plötzlich zu entsinnen, dass es potenziell ein sehr guter Klangkörper ist. Kurz: Musikalisch war der Abend erstklassig. Auch vokal gab es nichts zu bemängeln, Nina Stemme und Alan Titus waren ebenfalls in Bestform. Ein so erfreulicher Opernabend wie schon lange nicht mehr.
Die Vielschichtigkeit dieser Oper finde ich immer wieder anregend. Wagner lässt kongenial die Moderne (in Form des pragmatisch-geldgierigen Vaters) auf die "Märchenwelt" des "Fliegenden Holländer" treffen.

Donizetti: Lucia di Lammermoor
(Staatsoper 15.5.)
Dirigent: Paolo Arrivabeni
Regie: Boleslaw Barlog
Enrico (Lord Henry Ashton): Lucio Gallo
Lucia, seine Schwester: Edita Gruberova
Edgardo (Sir Edgar Ravenswood): Keith Ikaia-Purdy

Im Hinblick auf statistische Wahrscheinlichkeit war ich skeptisch, zwei gute Opernabende hintereinander zu erleben. Erfreulicherweise trog diese Erwartungshaltung. Italienische Oper ist meiner Meinung nach die einzige ästhetisch satisfaktionsfähige Form der Popmusik und "Lucia di Lammermoor" bekanntlich eine der gelungesten Aneinanderreihungen von aparten melodiösen Einfällen.
Auf einer Schauergeschichte Walter Scotts basierend, ist das Libretto naturgemäß weniger subtil als beim "Fliegenden Holländer". Spätestens bei der ersten Arie der Gruberova trat der semantische Rahmen jedoch in den Hintergrund. Ihre Leistung war sanglich und schauspielerisch schlicht perfekt. Die männlichen Mitsänger schlugen sich ebenfalls tapfer. Ein gelungenes Popkonzert.


13. Mai 2007

Reise-Notizen: China (3)

Die Perspektive des Mitteleuropäers kommt noch stärker zur Geltung, wenn es um die Kunstrezeption geht. Als ich vor dem knallbunten Himmelstempel samt Nebengebäuden in Peking stehe, kommt mir unweigerlich Disneyland in den Sinn. Das ist natürlich eine völlig inakzeptable Assoziation, sie stellt sich aber mit Hartnäckigkeit immer wieder ein. Auslöser dieses Eindrucks ist wohl unsere Gewohnheit, europäische antike Monumente meist in elegantem Weiß zu sehen. Es entbehrt selbstverständlich nicht der Ironie, dass auch sie im Original ähnlich knallbunt waren wie es die chinesische Architektur noch heute ist.
Vor dem Hintergrund der in Europa zum Teil wütend geführten Debatten um die korrekte Restaurierung von Kunstwerken, man erinnere sich nur an die "Renovierung" der Sixtinischen Kapelle, verwundert es sehr, wenn man in China offenbar einfach fröhlich darauf los malt, sobald die Farben schwächer werden. Der Wert der Authentizität, der für uns zumindest bei der vormodernen Kunst einen so hohen Stellenwert einnimmt, spielt in Ostasien nur eine sehr untergeordnete Rolle. Ein Professor für klassische Malerei in Guilin erläuterte zwei Wochen später dazu passend, dass es bei der Ausbildung zum Maler, die sieben Jahre und länger dauert, das höchste Ziel sei, perfekte Kopien von Meisterwerken herzustellen. Diese nähmen in der Wertschätzung dann durchaus denselben Rang ein, wie die "Originale" selbst. Erst wenn man diese Kopiertechnik beherrscht, kann man sich dann durch subtile Feinheiten, etwa im Pinselstrich, einen Personalstil zulegen. Das ist nicht nur konträr zum abendländischen Konzept des Fortschritts und der Innovation in den Künsten, es dürfte auch die eine oder andere philosophische Theorie der Ästhetik in Verlegenheit bringen.

"Editing theThe New York Review of Books"

Ein aufschlussreicher Bericht hinter die Kulissen des von mir so geschätzten Periodikums.


10. Mai 2007

Thukydides über den Irak-Krieg

"During seven days that Eurymedon stayed with his sixty ships, the Corcyraeans were engaged in butchering those of their fellow citizens whom they regarded as their enemies: and although the crime imputed was that of attempting to put down the democracy, some were slain also for private hatred, others by their debtors because of the moneys owed to them. Death thus raged in every shape; and, as usually happens at such times, there was no length to which violence did not go; sons were killed by their fathers, and suppliants dragged from the altar or slain upon it; while some were even walled up in the temple of Dionysus and died there.

In peace there would have been neither the pretext nor the wish to make such an invitation; but in war, with an alliance always at the command of either faction for the hurt of their adversaries and their own corresponding advantage, opportunities for bringing in the foreigner were never wanting to the revolutionary parties. The sufferings which revolution entailed upon the cities were many and terrible, such as have occurred and always will occur, as long as the nature of mankind remains the same; though in a severer or milder form, and varying in their symptoms, according to the variety of the particular cases. In peace and prosperity, states and individuals have better sentiments, because they do not find themselves suddenly confronted with imperious necessities; but war takes away the easy supply of daily wants, and so proves a rough master, that brings most men's characters to a level with their fortunes.

Revolution thus ran its course from city to city, and the places which it arrived at last, from having heard what had been done before, carried to a still greater excess the refinement of their inventions, as manifested in the cunning of their enterprises and the atrocity of their reprisals. Words had to change their ordinary meaning and to take that which was now given them. Reckless audacity came to be considered the courage of a loyal ally; prudent hesitation, specious cowardice; moderation was held to be a cloak for unmanliness; ability to see all sides of a question, inaptness to act on any. Frantic violence became the attribute of manliness; cautious plotting, a justifiable means of self-defence. The advocate of extreme measures was always trustworthy; his opponent a man to be suspected.

To succeed in a plot was to have a shrewd head, to divine a plot a still shrewder; but to try to provide against having to do either was to break up your party and to be afraid of your adversaries. In fine, to forestall an intending criminal, or to suggest the idea of a crime where it was wanting, was equally commended until even blood became a weaker tie than party, from the superior readiness of those united by the latter to dare everything without reserve; for such associations had not in view the blessings derivable from established institutions but were formed by ambition for their overthrow; and the confidence of their members in each other rested less on any religious sanction than upon complicity in crime.

The fair proposals of an adversary were met with jealous precautions by the stronger of the two, and not with a generous confidence. Revenge also was held of more account than self-preservation. Oaths of reconciliation, being only proffered on either side to meet an immediate difficulty, only held good so long as no other weapon was at hand; but when opportunity offered, he who first ventured to seize it and to take his enemy off his guard, thought this perfidious vengeance sweeter than an open one
, since, considerations of safety apart, success by treachery won him the palm of superior intelligence. Indeed it is generally the case that men are readier to call rogues clever than simpletons honest, and are as ashamed of being the second as they are proud of being the first. The cause of all these evils was the lust for power arising from greed and ambition; and from these passions proceeded the violence of parties once engaged in contention."

[The History of the Peloponnesian War; Chapter X] - Eines der klügsten Bücher, die ich kenne.

Bibliothek: Neuzugänge

Die beiden philosophischen Bücher verdanke ich dem von mir sehr geschätzen Salzburger Philosophen Georg Dorn. Auch die beiden Romane waren ein willkommenes Geschenk.

Autor Titel Verlag Kommentar
Arno Geiger Es geht uns gut. Roman Carl Hanser 2005
Ilja Trojanow Der Weltensammler. Roman Carl Hanser 2006
Georg Dorn (Hrsg.); Günther Kreuzbauer Argumentation in Theorie und Praxis Lit Wien 2006
Edgar Morscher (Hrsg.) Was wir Karl R. Popper und seiner Philosophie verdanken. Academia 2002
Peter Godman Weltliteratur auf dem Index Propyläen Gebunden; Berlin 2001
Matthias Luserke-Jaqui; Rosmarie Zeller (Hrsg.) Musil-Forum Band 29 de Gruyter 2007
Norbert Wehr (Hrsg) Schreibheft Nr. 68 Rigodon Verlag 2007; "Comics und Literatur"


5. Mai 2007

Shakespeare: Maß für Maß
(Burgtheater 1.5.)
Regie: Karin Beier
Vincentio: Tilo Werner
Angelo: Nicholas Ofczarek
Escalus: Michael Wittenborn
Claudio: Simon Eckert
Isabella: Christiane von Poelnitz

Der Shakespeare-Zyklus des Burgtheaters ist bisher kein Glanzlicht der Theaterkunst und erreicht mit dieser Inszenierung einen neuen Tiefpunkt. Karin Beier, die Shakespeare in Interviews gerne ausrichten lässt, seine Werke hätten dramaturgische Schwächen, zu deren Überwindung sie aktiv beitragen müsse, hätte sich besser um ein grundlegendes Verständnis seiner Ästhetik bemüht. Dann wüßte sie nämlich, dass man die Ortsangaben in seinen Stücken (in diesem Fall: Vienna) auf keinen Fall wörtlich nehmen darf.
Genau darauf (und nur darauf!) basiert ihr Regiekonzept: Die Rüpelszenen des Originals werden durch neu geschriebene Szenen aus dem Wiener Rotlichtmilieu ersetzt. Das ist durchaus witzig geworden und bietet dem (dankbaren!) Publikum eine seltene Gelegenheit, ihre Burgschauspieler hemmungslos beim Herumblödeln zuzusehen. Wie aus einem anderen Stück wirken dann Nicholas Ofczarek und Christine von Poelnitz, wenn die beiden wie große Tragöden den Haupthandlungsstrang von "Maß für Maß" spielen. Keine Klammer hält diese divergenten Bereiche zusammen. Ein unterhaltsamer Theaterflop für Freunde der höheren Blödelei.

Anke Kausch: China. Die klassische Reise
(Dumont Kunstreiseführer)

Die von Dumont herausgegebene Reihe der Kunstreiseführer hat sich bei mir inzwischen zum unverzichtbaren Reisebegleiter entwickelt. So begleitete mich der Band über China ebenfalls dorthin. Die Informationen zu den einzelnen Stätten sind ausführlich und auf akademischem Niveau. Die sorgfältig ausgewählten Fotos und Pläne erfüllten ebenfalls ihren Zweck.
Der allgemeine Teil fällt angesichts der Fülle des möglichen Stoffs naturgemäß zu knapp aus, weshalb man zusätzlich auf andere Bücher zurückgreifen sollte, von denen ich hier ja einige empfahl.


1. Mai 2007

Le monde diplomatique (Hrsg.): Atlas der Globalisierung

Wie erkenntnisfördernd Karten sein können, zeigt die wöchentliche Arte Sendung "Mit offenen Karten". In etwa 10 Minuten wird eine überraschend große Menge an geographischen bzw. geopolitischen Informationen gepackt. In Buchform ist der Gehalt natürlich noch dichter und der Atlas der Globalisierung von Le Monde diplomatique setzt auf dieses Konzept. In mehreren großen Kapiteln (u.a. Die neue Geopolitik; Gewinner und Verlierer; Der Aufstieg Asiens) wird die aktuelle Lage der Welt analysiert. Jedes Thema wird auf einer Doppelseite mit viel Text abgehandelt und mit zahlreichen intelligent gezeichneten Karten von Philippe Rekacewicz veranschaulicht.
Es dürfte derzeit auf dem Buchmarkt keine andere Möglichkeit geben, sich in dieser kompakten Fülle über die relevanten Vorgänge auf diesem Planten zu informieren. Eine uneingeschränkte Empfehlung zumal zu diesem Schnäppchenpreis (12 Euro).

Reise-Notizen: China (2)

Die in den westlichen Industrieländern so gefürchteten Niedriglöhne manifestieren sich dem Reisenden in Form einer Fülle von dienstleistenden Menschen. In jedem Hotel, in jedem Restaurant, in jedem Bus und jedem Zug, am Bahnhof und am Flughafen, gibt es unzählige Angestellte. Im Pekinger Capital Hotel, in dem sich die Aufzüge in Oxford-Englisch bei den Gästen nach jeder Fahrt bedanken, scheinen Menschen nur dazu angestellt zu sein, um den werten Reisenden etwa mit einem nachdrücklichen "Sir, please watch your step" vor den Gefahren einer tückischen Stufe zu warnen. Am zweiten Abend klopfte es an die Tür meines Hotelzimmers. Drei verlegene junge Männer standen vor mir und redeten gestikulierend auf mich ein. Nach einiger Zeit verstand ich deren Aufgabe: Sie ziehen jeden Abend zu Dritt von Zimmer zu Zimmer, um nichts anderes zu tun als die Vorhänge zu schließen und die Betten aufzudecken. Am Flughafen geht die Bordkarte statt durch eine durch mindestens drei Hände, nicht ohne jedes Mal abgestempelt oder abgerissen zu werden. In guten Restaurants stehen nicht nur junge Männer auf den Toiletten, um den Gästen Seife und Handtücher zu reichen, man findet auch bis zu vier junge Damen am Ausgang des Lokals, von denen nichts anderes verlangt wird, als die Gäste freundlich zu verabschieden. Kurz, man sieht die Verlängerung der Billiglöhne in den Fabriken auch auf Schritt und Tritt im Dienstleistungssektor. Durch die westliche Brille betrachtet, ist das extrem ineffizient, reduziert aber sicher effektiv die Arbeitslosigkeit (zu Hungerlöhnen, versteht sich).


23. April 2007

Claudia Ott (Hrsg.): Tausendundeine Nacht (1)
(C.H. Beck)

Im Rahmen meiner Bemühungen, die einflussreichsten Bücher der Weltliteratur zu lesen, stand diese berühmte arabische Märchensammlung seit langem auf meiner Wunschliste, zumal Claudia Otts neue Übersetzung der ältesten arabischen Handschrift (in der Ausgabe von Muhsin Mahdi) eine günstige Gelegenheit bietet.
Nach Lektüre des halben Buches bietet sich ein Zwischenfazit an. Dieses fällt ausgesprochen positiv aus. Nicht nur ist die Lektüre der Geschichten in hohem Grad vergnüglich aufgrund deren Originalität und Einfallsreichtum. Auch das Wiedererkennen zahlreicher klassischer literarischer Motive (und Handlungsstrukturen) oder die erfrischende Buntheit des orientalischen Lebens reicht als Erklärung der erfreulichen Lektüre nicht aus. Faszinierend finde ich vor allem die Komplexität der narrativen Verschachtelung: Es gibt Geschichten innerhalb Geschichten von Geschichten, deren Ebenen virtuos miteinander kombiniert werden. In der europäischen Literatur müsste man um die Mitte des 15. Jahrhunderts lange (und vergeblich) suchen, um eine derartige erzählerische Kunstfertigkeit zu finden. Die zum Teil deutlich späteren frühneuhochdeutschen Prosaromane dagegen sind "handwerklich" plump angelegt, wobei man mit solchen interkulturellen Vergleichen natürlich vorsichtig sein muss.
Diese Technik der Verklammerung in "Tausendundeine Nacht" ist außerordentlich und macht die Lektüre auch zu einem intellektuellen Vergnügen, da der formale Abwechslungsreichtum zur Unterhaltung beiträgt und man auf neue Varianten dieser Technik immer gespannt ist.
Selbst wenn einmal vergleichsweise linear erzählt wird, steckt so viel Stoff in wenigen Seiten, dass man diese zu längeren Erzählungen (oder gar Romane) ausbauen könnte. Die 72. bis 101. Nacht umspannt etwa mehrere Generationen und wäre ein gutes Beispiel für diese Art der Verdichtung.


22. April 2007

Reise-Notizen: China (1)

Man mag sich noch so ausführlich auf ein fremdes Land vorbereiten, viele Bücher und ungezählte Artikel lesen, sich mit Experten und "Experten" im Vorfeld austauschen, Dokumentationen ansehen und Recherchen betreiben: Man gewinnt medial selbst bei beachtlichem Aufwand kein Bild, das den Eindrücken vor Ort stand halten könnte. Meine knapp dreiwöchige Reise begann Anfang April in Peking, führte von dort in die Provinz Shanxi (Hauptstadt: Taiyuan) und endete nach den Stationen Xian und Guilin in Shanghai. Eine meiner vielen Erwartungen war, dass das totalitäre System in China direkt im Alltag der Menschen beobachtbar sein müsste. Weit gefehlt! Die Menschen nehmen auch bei politischen Fragen kein Blatt vor den Mund. Selbst bei klassischen Tabuthemen kommt anscheinend kaum jemand auf die Idee, seine Stimme zu senken, oder sich vorher umzusehen, wer gerade zuhört. So warf kurz nach meiner Ankunft in Peking bereits der lokale Guide am Tian'anmen-Platz meine Vorurteile über den Haufen, indem er offen von den Studentenprotesten und Falun Gong sprach. Ich bemerkte auch nur wenig Polizei und Militär auf der Straße. Sieht man allerdings wie fluchtartig ein kleiner Bettlerjunge, der sein Skateboard als Rollstuhl gebrauchte, verschwand, als ihm ein Polizist nur einen Blick zuwarf, wird der Respekt vor den "Ordnungskräften" am Detail offenbar. Auch die Sicherheitskontrollen bei der Ein- und Ausreise waren kaum zu bemerken, kein Vergleich zu den Schikanen wie ich sie in Israel oder den USA beobachten konnte.
Vor dem Hintergrund der gut dokumentierten Verfolgung von Dissidenten diverser Couleur, spricht dies für eine sehr differenzierte Vorgehensweise der Sicherheitskräfte. Man schlägt zu, sobald es für die Machthaber gefährlich werden könnte, belästigt die Bevölkerung aber nicht mit einem enormen Spitzelapparat. Zusätzlich hatte ich bei meinen Gesprächen nicht den Eindruck, dass politische Rechte bei den Menschen eine große Rolle spielen. An erster Stelle stehen nach wie vor ein menschenwürdiger Lebensstandard und eine gesicherte Zukunft für die Kinder.

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