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Notizen: Archiv



2. Quartal 2008



29. Juni 2008

Uwe Johnson: Jahrestage. Band 3
(Suhrkamp Taschenbuch)

Langsam las ich den dritten Teil von Johnsons Tetralogie. Der ersten Band ließ mich skeptisch zurück, vom zweiten war ich sehr angetan. Dieser setzte nun das positive Leseerlebnis fort. Auf der Jerichow-Handlungsebene wird die unmittelbare Nachkriegszeit beschrieben, speziell der Beginn der russischen Besatzung und damit der neuen Diktatur. Cresspahl verliert die Gunst der neuen Macht, wird als Bürgermeister von Jerichow abgesetzt, und landet dann längerer Zeit im Gefängnis und in einem Gefangenlanger. Die Zustände im Lager beschreibt Johnson schmerzend realistisch, inklusive der sadistischen Spiele der (immer noch) deutschen Aufseher.
Die fiktiven Tagebuchaufzeichnungen umfassen den Zeitraum von April 1968 bis Juni 1968 und sind damit ausführlicher und deutlich länger als früher. Wie bisher wird der Leser via New York Times mit den politischen Ereignissen konfrontiert, wo erneut der Krieg in Vietnam und die Turbulenzen in der CSSR eine herausragende Rolle spielen. Letzteres Thema wird noch dadurch verstärkt, dass Gesine in Ihrer Bank mit einem Kreditprojekt für die CSSR beschäftigt ist.


28. Juni 2008

Reiseplanung

Angesichts der Vielzahl interessanter Reiseziele, überlegt man natürlich öfters, welche Prioritäten man setzen soll. Der aktuelle Stand meiner Planung sieht folgendermaßen aus, wobei die Reihenfolge nichts über den zeitlichen Ablauf aussagt, von den bereits fix geplanten Reisen einmal abgesehen, die man an der Angabe eines konkreten Monats erkennt.

Fernreisen:

Jordanien (November 2008)
Zentralasien / Seidenstraße (April 2009)
Syrien
Äthiopien
Tunesien
Mexiko
Indien
Peru
Osttürkei
Iran
Kaukasus

Europa:

Toskana
Kreta
Russland (Moskau, Petersburg, Goldener Ring)
Bologna - Ravenna - Urbino
Zypern
Andalusien
Malta
Provence

Städte:

Amsterdam (August 2008)
Berlin (4.) (Oktober 2008)
New York (2.)
Istanbul (2.)
Stockholm
Barcelona
Hong Kong
Paris (2.)


23. Juni 2008

"What was Herodot trying to tell us?"

So lautet der Untertitel zu "Arms and the Man", einem sehr lesenswerten, längeren Artikel von David Mendelsohn über Herodot und sein berühmtes Buch.


22. Juni 2008

Verdi: I vespri siciliani
(Staatsoper 12.6.)
Dirigent: Miguel Gomez-Martinez
Guido di Monforte, Gouverneur von Sizilien: Leo Nucci
Arrigo, ein junger Sizilianer: Keith Ikaia-Purdy
Giovanni da Procida, Anführer der sizilianischen Rebellen: Paata Burchuladze
Herzogin Elena, Schwester des Herzog Friedrichs von Österreich: Sondra Radvanovsky

Richtig war meine Vermutung, dass die Staatsoper einer der wenigen öffentlichen Orte in Wien war, welche von der allgemeinen Euro-Hysterie verschont waren. Falsch hingegen war meine Hoffnung auf einen erstklassigen Opernabend. Das lag nicht an der vokalen Leistung, die durchaus ansehnlich war. Aber das Orchester! Schon bald bekam man Zweifel, ob überhaupt ein Dirigent anwesend war. Gomez-Martinez legte eine dermaßen lahme Leistung hin, das man ständig Angst haben musste, dass die Musiker während der Aufführung einschlafen. Eine befrackte Schlaftablette im Dienst.

Plato: Der Staat. Achtes Buch [2.]

Am Ende des siebten Buches wird eine zentrale Frage angeschnitten: Ist dieser Idealstaat überhaupt möglich? Sokrates ist sich der Schwierigkeiten bewusst und macht deshalb einen radikalen Vorschlag: Bei der Gründung des Staates müssen alle Bewohner, die älter als zehn Jahre sind, aus der Stadt geschickt werden. Plato-Interpreten weisen zurecht darauf hin, dass man das nur als Euphemismus für das Töten der erwachsenen Bevölkerung sehen kann, eine in der Antike nicht unübliche Kriegspraxis.
Nun stellt sich die berechtigte Frage: Mein Sokrates das ernst? Oder ist es eine implizite reductio ad absurdum dieses Idealstaates und beendet damit das Gedankenexperiment, indem er es scheitern lässt? Ich habe mir selbst noch keine endgültige Meinung darüber gebildet, literarisch beurteilt würde diese Grausamkeit nicht kohärent mit dem Charakter des Sokrates' sein, gemessen an allen platonischen Dialogen.
Bestechend ist auf alle Fälle, dass Plato hier bereits das Revolutionsdilemma illustriert: Egal wie gut die Intentionen und wie perfekt ausgearbeitet die Gesellschaftsutopie auch ist: Die praktische Umsetzung ohne Gewalt scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, was die Geschichte ja auch hinreichend belegt.
Das achte Buch ist vor allem der theoretischen Diskussion der möglichen Staatsverfassungen gewidmet, konkret der Timokratie, der Oligarchie, der Demokratie sowie der Dikatur. Es wird einerseits das System "strukturell" beschrieben, andererseits die Charaktere untersucht, die zu diesen Verfassungen passen. Viel hat sich leider nicht geändert, wenn man an aktuelle Regimie denkt und Folgendes liest:
    Indem sie nun als auf diesem Wege des Gelderwerbs fortschreiten, kommt die Tugend bei ihnen in demselben Maße in Mißachtung, in dem das Geld in ihren Augen an Wert gewinnt. Oder steht es mit dem Unterschied von Reichtum und Tugend nicht so, daß sie gleichsam auf die Schalen einer Wage gelegt sind, von denen die eine steigt, während die andere sinkt?
    [550]
Abschließend sei noch eine Stelle zitiert, die sehr schön belegt, wie alt und universal die Kritik an der Jugend ist, sie wiederholt sich seit tausenden von Jahren:
    [...] der Lehrer hat unter solchen Verhältnissen Angst vor den Schülern und umschmeichelt sie, die Schüler haben keine Achtung vor den Lehrern und ebensowenig vor ihren Aufsehern; und überhaupt stellen sich die Jüngeren den Älteren gleich und suchen ihnen den Rang abzulaufen in Worten und Taten, während die Alten sich traulich mit den Jünglingen einlassen und, ganz im Geist der Jugend, unerschöpflich sind in Witzeleien und Spaßhaftigkeiten, um nur ja nicht griesgrämig und herrisch zu erscheinen.
    [563]


21. Juni 2008

Plato: Der Staat. Siebtes Buch [2.]
(Meiner)

Dieses siebte Buch zählt wohl zu den berühmtesten Texten der Philosophie, eröffnet es doch mit dem Höhlengleichnis. Sokrates verwendet es dazu, seinen jungen Zuhörern seine Ontologie näherzubringen. Man kann die gefesselten Menschen, welche die Schatten an den Wänden für reale Gegenstände halten, auch als mächtige Metapher für (fehlende) Aufklärung sehen, was im 18. Jahrhundert nicht selten vorkam, sowie als Kritik an der mangelnden Bildung der Masse und den Schwierigkeiten der Wissens-Zwangsbeglückung. Laut Plato waren die Höhlenbewohner ja alles andere als glücklich als man ihnen zum ersten Mal von der Leben außerhalb der Höhle und der Existenz der Sonne berichtete.
Angesichts des totalitären Staatsentwurfs Platos, entbehrt diese Aufklärungsbilderwelt natürlich nicht der Ironie.
Im weiteren Verlauf des Buches wird die Frage diskutiert, welche Wissensgebiete für Platos Herrscherklasse am Wichtigsten sei, und man bekommt ein hübsches Plädoyer für Mathematik und rationales Denken geboten, das ich immer wieder gerne lese. Zum Abschluss erfolgt erneut eine prominente Stelle, nämlich die von Sokrates eingeführte epistemologische Hierarchie: An erster Stelle steht die Wissenschaft gefolgt von der mathematischen Verstandeserkenntnis. An dritter Stelle der Glauben (nicht religiös gemeint) und die Bildlichkeit, um die Übersetzung Otto Apelts zu übernehmen.


16. Juni 2008

Von der Literatur"wissenschaft" zur Literaturwissenschaft

Nachdem ich einen guten Teil meines akademischen Lebens der Frage widmete, wie man Literaturwissenschaft methodisch besser betreiben könnte, beobachte ich dieses Thema natürlich nach wie vor. Empfehlenswert dazu ist der Artikel "Measure for Measure" von Jonathan Gottschall, der verstärkt naturwissenschaftliche Methoden zum Einsatz bringen will. Auf sein im Herbst erscheinendes Buch Literature, Science, and a New Humanities können wir gespannt sein.

Bibliothek: Neuzugänge

Die neue fünfbändige Ausgabe des Briefwechsels Johann Heinrich Mercks ist eine Fundgrube für alle am 18. Jahrhundert Interessierte Ich konnte sie antiquarisch um ein Drittel unter dem Neupreis erwerben. "Carnuntum" kam als Geschenk ins Regal, und "Salzstädte" gilt als Geheimtipp innerhalb der arabischen Literatur. Der Autor ist in Jordanien geboren, so dass die Lektüre dieses Wälzers Teil der Vorbereitung für meine Jordanien Studienreise ist, die für den November geplant ist.

Autor Titel Verlag Kommentar
Johann Heinrich Merck Briefwechsel Wallstein 5 gebundende Bände in Kassette
Werner Jobst (Herausgeber) Carnuntum: Das Erbe Roms an der Donau Katalog Sammelband und Museumskatalog, gr0ßformatig
Thomas Bernhard Werke Band 13 Suhrkamp gelungener Band wie alle der Ausgabe
Abdalrachman Munif Salzstädte. Roman Diederichs Gebunden; München 2003


15. Juni 2008

Oscar Wilde: The Picture of Dorian Gray [2.]
(Hörbuch; ungekürzt im Original)


Es ist mindestens 15 Jahre her als ich diesen Roman zum ersten Mal las. Ich hatte ihn als gutes Leseerlebnis in Erinnerung. Höchste Zeit also für eine Überprüfung dieses Eindrucks, wozu ich ein Hörbuch wählte. Nun ist es schon ein ästhetisches Vergnügen, dieses wohlgeformte Englisch in schönstem hochnäsigen Oxford English vorgelesen zu bekommen. Das wäre aber nicht hinreichend, um die Faszination des Werks zu erklären, das ab sofort in meinem Klassiker-Privatkanon einen prominenten Platz einnimmt.
Der Roman ist ebenso geistreich wie provokant. Lord Henry, der als Verführer maßgeblich zum Untergang des Dorian Gray beiträgt, ist wohl die Figur der englischen Literatur, die Mephisto am ähnlichsten ist: Scharfzüngig, brillant, die Schwächen der Menschen durchschauend, amoralisch, nicht unsympathisch. Gleichzeitig der literarische Prototyp eines Vertreters der sogenannten Dekadenz der Jahrhundertwende.
Wilde versteht es meisterhaft an die große englische Tradition des realistischen Erzählens anzuknüpfen, indem er vom Adelssalon bis zum Londoner East End authentisch zu berichten vermag. Diesen Realismus mit einem märchenhaften Symbolismus überzeugend zu verbinden, ist die große Leistung dieses Buchs. Dorian Gray erkauft sich bekanntlich ewige Jugend und moralische (optische) Makellosigkeit dadurch, dass sein Portrait für ihn altert und seine Laster abbildet. Wilde eröffnet durch dieses Motiv einen großen Resonanzraum zu zahlreichen Werken der Weltliteratur und schafft damit eine Art modernen Mythos für seine Zeit. Faszinierend.

Wolfgang Hilbig: Werkausgabe

Verdientermaßen bekommt der letztes Jahr verstorbene Wolfgang Hilbig, den ich für einen der interessantesten Autoren der Gegenwart halte, eine Werkausgabe. Der erste Band ist kürzlich erschienen.

Reise-Notizen: Orlando / Florida
(Mitte Mai)

Beruflich vertauschte ich im Mai Italien fast direkt mit Florida und der Kontrast war frappant: Dort ein Land bis zum Überdruß vollgestopft mit Geschichte, Kunst und Kultur. Hier eine auf Automobilverkehr optimierte Scheinwelt des Kommerzes. Orlando besteht im wesentlichen aus einer Unmenge an Hotels, die Zahl der Zimmer rangiert, nach Las Vegas, an zweiter Stelle in den Staaten, und aus vielen Vergnügungsparks. Der Disney Konzern ist in mehrfacher Ausprägung vertreten, eine Seaworld ist ebenso dort zu finden wie ein Bibel-Erlebnispark für schlichte Gemüter. Es ist mir rätselhaft, wie man dort freiwillig seine Freizeit verbringen kann.
Angemerkt sei, dass der Kongress dort hervorragend organisiert war und auch sonst alle Dienstleistungen erstklassig erbracht worden sind.


14. Juni 2008

Shakespeare: Rosenkriege
(Burgtheater 1.6.)
Regie: Stephan Kimmig
Regina Fritsch, Dorothee Hartinger, Nicholas Ofczarek, Martin Schwab, Hermann Scheidleder uvm.

Sieben Stunden Shakespeare am Stück waren angesagt, bevor das Burgtheater in eine Art Edelfanzone für die Euro verwandelt wurde, ganz so als sei die Evokation atavistischer Triebe namens Fussball nicht das Gegenteil von Kultur.
Stephan Kimmig nahm die drei Teile von Heinrich VI. und Richard III. und verwandelte diese in einen Theatermarathon. Nun zeichnen sich die Historien Shakespeares bekanntlich durch eine unglaubliche Vielschichtigkeit auf allen Ebenen aus, das fängt bei der Vielzahl der genau gezeichneten Charaktere an und hört bei der Dramatisierung politischer Konzepte und anthropologischer Konstanten noch lange nicht auf. Was macht Kimmig daraus? Er reduziert diese Komplexität auf eine Aneinanderreihung von Gewalt- und Todesszenen, ganz so wie der Banause Shakespeare gerne mit vielen Leichen auf der Bühne verbindet.
Diese viel zu lange Kurzfassung wird dann inszenatorisch noch so uninspiriert und widersprüchlich präsentiert, dass die ästhetische Ratlosigkeit mit Händen zu greifen zu war. Mal gab es eine groteske Todeszene im Stile Monty Phytons, mal eine pathetisch aufgeladene Mordtat. Das handwerklich passable Schauspiel des Ensembles kam dagegen nicht auf.
Eine zu vermeidende Zeitverschwendung!

Reise-Notizen Italien (3): Alte Steine in Rom

Es braucht an dieser Stelle nicht darauf hingewiesen werden, dass dem an Archäologie Interessierten keine Großstadt mehr anzubieten hat als Rom. Ein Spaziergang in der Innenstadt führt einen von Höhepunkt zu Höhepunkt, etwa wenn man plötzlich vor dem Pantheon steht, in dessen Innerem man die seltene Gelegenheit hat, noch original erhaltene römische Wanddekorationen zu sehen.
Vom Kolosseum aus kann man fast direkt das Forum Romanum besichtigen und hat damit zwei symbolträchtige Orte nebeneinander: Die Barbarei römischer Unterhaltung neben den Zentren des römischen Imperiums, wo man auf einer etwas subtileren Ebene auch ausgiebig der Barbarei pflog, sei es außenpolitisch oder im Umgang mit der Konkurrenz.
Als Goethe in Rom war, konnte man nur wenige Monumente des Forum Romanums sehen, das meiste lag unter der Erde. Ausgegraben bekommt man während eines Rundgangs einen exzellenten Eindruck über die römische Machtzentrale. Man kann sich gut vorstellen, wie sehr Gesandte aus fernen Provinzen vor dieser urbanen Prachtentfaltung in Ehrfurcht erstarrten, wenn sie denn nicht gerade von den reichen Städten aus dem Osten kamen.
Wie auch in Athen leiden die Ruinen sehr am städtischen Smog, man kann nur hoffen, dass man hier eine Lösung findet, ehe es zu spät ist.


1. Juni 2008

Gert Jonke: Freier Fall (Uraufführung)
(Akademietheater 30.5.)
Regie: Christiane Pohle
Ouvertüre: Branko Samarovski
Erich: Markus Hering
Bertl: Johannes Krisch
Göre: Adina Vetter
Butler Zwillinge: Sven Dolinski
Butler Zwillinge: Gerrit Jansen
Siedu: Libgart Schwarz
Soldat: Michael Masula
Musiker: Claus Riedl
Musiker: Georg Wagner

Von allen Gegenwartsdramatikern, denen sich das Burgtheater in der aktuellen Ära verschrieben hat, ist Gert Jonke die beste Wahl. Nach der frappenten "Versunkenen Kathedrale" ist sein neues Stück eine ebenso geistreiche wie fantasievolle Variation über diverse Themen, allem voran der Selbstmord. Die ersten zwei Drittel des Stücks zeigen den Suizid-Spezialisten Erich, frisch aus der Psychiatrie entlassen, bei seinem Hobby, nämlich Selbstmörder durch die Beschreibung einer besonders einfachen Möglichkeit, aus dem Leben zu scheiden, erfolgreich von eben diesem Tun abzuhalten. Erich erwarb sich das Freitod-Expertentum dadurch, dass er sich seit der Jungsteinzeit immer wieder erfolgreich aus diversen Biographien verabschiedet hat und dies auf kleinen Filmen dokumentierte. Diese werden dem Publikum durch Projektion als Handyvideos in Auswahl vorgespielt.
Dies ist nicht nur ein erstklassiger makaberer Spass in bester britischer Manier, er steht auch explizit in der Tradition des berühmten Wiener Morbiditätsenthusiasmus. Weitere selbstironische Anspielungen verorten Jonke klar durch diverse Topoi in der österreichischen Literaturtradition, nicht zuletzt was seine Sprachverspieltheit angeht.
Nach zwei Drittel verliert das Stück zwar etwas an Schwung, den Schluss einmal ausgenommen, trotzdem kann ein Besuch der gelungenen Inszenierung uneingeschränkt empfohlen werden.

"The Library in the New Age"

So nennt Robert Darnton seinen neuen Essay, der in der aktuellen Ausgabe der New York Review of Books nachzulesen ist.


Notizen-FAQ

1. Gibt es einen RSS Feed?
2. Kann man auf einzelne Tageseinträge verlinken?
    Ja, wenn jemand diese Mühsal auf sich nehmen will. Das Format sieht z.B. folgendermaßen aus:
    http://www.koellerer.de/q2-2007.html#TTMMJJ

    Um auf den 26. Mai 2007 zu verlinken also:
    http://www.koellerer.de/q2-2007.html#260507
3. Was hat es mit den Amazon-Links auf sich?
    Nach langem Zögern fasste ich den Entschluss, die Notizen für das Amazon Partnerprogramm anzumelden. Wenn sinnvoll, verlinke ich Bücher auf Amazon mit meiner Partner ID "notizen-21". Entsprechende Bestellungen leisten dann einen kleinen Beitrag zu den Providerkosten. Natürlich kann man diese ID auch manuell bei jeder anderen Produkt-URL bei Amazon anhängen :-)
4. Warum kein klassisches Blog?
    Einerseits stehe ich dem Bloggerwesen nach wie vor skeptisch gegenüber (siehe auch hier, andererseits scheue ich auch den Aufwand einer Migration. Entscheidend sind aber ohnehin die Inhalte, nicht die Technik :-)
5. Wie viele Besucher gibt es?
    Bereinigt besuchen jedes Monat zwischen 10.000 und 13.000 Besucher ("unique visitors") die Notizen.


31. Mai 2008

Reise-Notizen Italien (2): Museen in Rom

Leider war ich nicht lange genug in Rom, um mir auch nur annährend einen Überblick über die Vielzahl der Museen zu verschaffen. Auf dem Programm standen natürlich die Vatikanischen Sammlungen. Angesichts der langen (langen!) Schlangen vor den Kassen, war die Vorreservierung besonders angenehm: Wir kamen ohne zu warten hinein. Virtuell setzten sich die Schlangen im Inneren allerdings fort. Nun war ich inzwischen ja in vielen berühmten Museen der Welt, aber so ein Gedränge habe ich bisher nirgends erlebt. Eine ruhige Betrachtung der berühmten Werke ist kaum möglich, was angesichts der Fülle an großartiger Kunst eigentlich ein Verbrechen ist. Hätte man die Kunst und nicht die Maximierung der Eintrittsgelder im Auge, dürfte man maximal ein Viertel der Menschen den Eintritt gestatten. Man könnte das durch Vorverkauf und Reservierungen lösen, aber die Geschäftstüchtigkeit der katholischen Kirche dürfte dem entgegen stehen.
Höhepunkte der Höhepunkte waren selbstverständlich die Stanzen des Raphael (Schule von Athen!) und die Sixtinische Kapelle. Dort gelang es mir einen Platz am Rand auf einer Bank zu finden, so dass ich in einer halben Stunde Michelangelos megalomanisches Meisterwerk in Ruhe betrachten konnte.
Das zweite Museum, über das ich berichten kann, ist das Kapitolinische. Der Schwerpunkt dort liegt, wie unschwer zu erraten ist, auf den archäologischen Funden rund um das Kapitol und das Forum Romanum. Besonders beeindruckend ist die epigraphische Sammlung im Keller. Dort werden exemplarisch Inschriften aller Art mit Übersetzung didaktisch vorbildlich präsentiert. Sehr schön fand ich auch den "Philosophenraum", der mit Büsten antiker Denker vollgestopft war. Trotz vieler hochrangiger Werke (Aphrodite von Knidos des Praxiteles, der Sterbende Gallier, beides natürlich römische Kopien uvm.) war das Museum erstaunlicherweise kaum besucht. Das Haus wurde übrigens bereits 1471 geöffnet und ist damit die älteste öffentliche Kunstsammlung in Europa.

Markus Kolbeck bloggt wieder

Sollte es jemand übersehen haben: Unser launiger Lieblingsbibliomane bloggt seit einigen Wochen wieder intensiv - bis er es sich wieder einmal anders überlegt :-)

Neuer Band der Thomas-Bernhard-Werkausgabe

Kürzlich erschien Band 13 der sehr gelungenen Werkausgabe bei Suhrkamp: Erzählungen III.


13. Mai 2008

Über den Menschen

Der Economist berichtet als eines der wenigen Medien über den Kongo, wo unsere Gattung wieder einmal zur Hochform aufläuft:
    Most [rape] victims, as ever, are women and girls, some no more than toddlers, though men and boys have sometimes been targeted too. Local aid workers and UN reports tell of gang rapes, leaving victims with appalling physical and psychological injuries; rapes committed in front of families or whole communities; male relatives forced at gunpoint to rape their own daughters, mothers or sisters; women used as sex slaves forced to eat excrement or the flesh of murdered relatives. Some women victims have themselves been murdered by bullets fired from a gun barrel shoved into their vagina. Some men, says a worker for the UN's Children's Fund (Unicef), have been forced to simulate having sex in holes dug in the ground, with razor blades stuck inside.
    [The Economist 3.5.]


11. Mai 2008

Bibliothek: Neuzugänge

Einige neue Bücher haben sich wieder angesammelt. Mit der Ausnahme von "I Claudius", einem Klassiker des historischen Romans, und den Budapester Ausstellungskatalog über die Medici, erwarb ich alle Bücher während meiner Italienreise. Das "Lexikon der Bautypen" in der deutschen Buchhandlung in Rom, die zentral in der Altstadt zu finden ist. Möge es in Zukunft ein ähnlich guter Reisebegleiter sein wie das "normale" Architekturlexikon aus dem Hause Reclam.

Autor Titel Verlag Kommentar
Ernst Seidl (Herausgeber) Lexikon der Bautypen Reclam "Funktionen und Formen der Architektur"
Robert Graves I Claudius Penguin scheußliches Exemplar, second hand ...
Monica Bietti; Annamaria Giusti (Kuratoren) The Splendour of the Medici. Art and Life in Renaissance Florence Museum of Fine Arts Budapest Katalog; "Art and Life in Renaissance Florence"
Ursula Bongaerts Case di Goethe Casa di Goethe Rom 2004
Stefano De Caro Das archäologische Nationalmuseum Neapel Soprintendenza Archeologice Di Napoli E Caserta Kurzführer; Neapel 1999
Kunst und Geschichte in Paestum Bonechi "Die Grabungen und das archäologische Museum"
Angela Pontrandolfo u.a. The Painted Tombs of Paestum Pandemos Salerno 2004
Diverse Autoren Kapitolinische Museen Electa Rom 2005


10. Mai 2008

Reise-Notizen Italien (1): Goethe und Kirchen in Rom

Viel war ich schon unterwegs auf den Spuren des römischen Reiches, das Zentrum desselben ließ ich bisher allerdings sträflicherweise links liegen. Anders als Athen, wo ich bereits mehre Male war. Wer sich für Antike und Kunst interessiert, fühlt sich in Rom wie ein Kind im Spielzeuggeschäft.
Allerdings begann ich meine Besichtigungen, nach einem ersten Spaziergang, mit einem vergleichsweise entlegenen Ziel: Der Wohnung Goethes während seines Italienaufenthalts (Casa di Goethe). Nun ist vom Inventar, wenig überraschend, kaum mehr etwas vorhanden, und die Dauerausstellung besteht vor allem aus diversen Faksimiles von Goethes Briefen und Zeichnungen aus dieser Zeit bzw. solchen seiner Zeitgenossen. So ist es vor allem der genius loci, der fasziniert, wenn man am Fenster steht und wie Goethe damals auf die turbulente Via del Corso hinaus sieht. Erwähnenswert ist die Bibliothek der Institution, die viel Goethe-Literatur und natürlich auch die wichtigen Goethe-Ausgaben enthält. Ein ruhiger Ort im quirligen Rom, ich war längerer Zeit alleine dort.
In wenigen Tagen kann man die Stadt nur oberflächlich streifen, alleine die Besichtigung der wichtigsten Kirchen würde deutlich länger dauern. Das Gesamtkunstwerk der Santa Maria Maggiore sei als erstes herausgegriffen. Die Mosaiken dort zählen zu den bedeutendesten Werken der frühchristlichen und mittelalterlichen Kunst. Gleichzeitig vermittelt die Vielzahl der Reliquien einen guten Eindruck über die Geschäftstüchtigkeit der Betreiber.
Eine Viertelstunde davon entfernt ist S. Pietro in Vincoli, die man aus einem Grund besucht: Der Moses des Michelangelo ist dort zu sehen. Selbst wenn man, wie der Verfasser, kein spezieller Freund des Barock ist, sollte man doch einige dieser Kirchen besichtigen. Die Jesuitenkirche Sant'Ignazio besticht durch perspektivisch perfekt ausgeführte illusionistische Deckenmalerei.
Im Pantheon sieht man eine der wenigen noch original erhaltenen Wanddekorationen aus der Antike. Das hilft dem Vorstellungsvermögen beim Besuch weniger erhaltener Stätten auf die Sprünge. Der Petersdom schließlich ist ein kongeniales Symbol des katholischen Größenwahns. Trotz der gigantischen Ausmaße wohlproportioniert und vollgestopft mit hochrangigen Kunstwerken. Man muss der Kirche immerhin nachhaltige ästhetische Verdienste bescheinigen.


8. Mai 2008

Antike in Wien

Nächstes Wochenende wird in Wien ein neues Römermuseum eröffnet. Erste Details sind hier nachzulesen. Ich werde mir das natürlich ansehen und dann berichten.


23. April 2008

Unterwegs in Rom und am Golf von Neapel...

...bin ich nun zwei Wochen lang. Daher keine neuen Notizen bis zu meiner Rückkehr.


22. April 2008

"What Have We Learned, If Anything?"

Wer sich ausführlich mit Geschichte beschäftigt, stellt sich diese Frage zwangsläufig, wenn er die aktuellen weltpolitischen Ereignisse verfolgt. Kluge Antworten darauf sind selten, weshalb Tony Judts Essay in der New York Review of Books 7/08 besondere Beachtung verdient. Seiner Meinung nach hat vor allem Amerika die relevanten Lehren aus dem 20. Jahrhundert nicht gezogen:
    With the exception of the generation of men who fought in World War II, the United States thus has no modern memory of combat or loss remotely comparable to that of the armed forces of other countries. But it is civilian casualties that leave the most enduring mark on national memory and here the contrast is piquant indeed. In World War II alone the British suffered 67,000 civilian dead. In continental Europe, France lost 270,000 civilians. Yugoslavia recorded over half a million civilian deaths, Germany 1.8 million, Poland 5.5 million, and the Soviet Union an estimated 11.4 million. These aggregate figures include some 5.8 million Jewish dead. Further afield, in China, the death count exceeded 16 million. American civilian losses (excluding the merchant navy) in both world wars amounted to less than 2,000 dead.

    As a consequence, the United States today is the only advanced democracy where public figures glorify and exalt the military, a sentiment familiar in Europe before 1945 but quite unknown today. Politicians in the US surround themselves with the symbols and trappings of armed prowess; even in 2008 American commentators excoriate allies that hesitate to engage in armed conflict. I believe it is this contrasting recollection of war and its impact, rather than any structural difference between the US and otherwise comparable countries, which accounts for their dissimilar responses to international challenges today. Indeed, the complacent neoconservative claim that war and conflict are things Americans understand—in contrast to naive Europeans with their pacifistic fantasies —seems to me exactly wrong: it is Europeans (along with Asians and Africans) who understand war all too well. Most Americans have been fortunate enough to live in blissful ignorance of its true significance.

ATLANTICA . Der neue große Satelliten-Weltatlas
(Gebundene Ausgabe)


Wer in Zeiten von Google Earth und Maps nicht darauf verzichten will, ab und zu in einem gedruckten Atlas zu blättern, der ist mit "Atlantica" sehr gut bedient. Zusätzlich zum "klassischen" Kartenmaterial in guter Qualität finden sich immer wieder Satellitenbilder von geographisch interessanten Orten und natürlich von vielen Städten. Habe ihn vor längerer Zeit gekauft und ihn inzwischen nach und nach komplett "gelesen".


21. April 2008

Alessandro Manzoni: Die Brautleute . Mailändische Geschichte aus dem 17. Jahrhundert
(2001)

In der Welt der Kultur gibt es wenige Sparten, welche mit der überraschenden Vielfalt des klassischen europäischen Romans mithalten können. Selbst wenn man sich Jahrzehnte mit dieser Welt beschäftigt, lässt aufgrund des unglaublichen Abwechslungsreichtums die Faszination nicht nach.
Nun sind "Die Brautleute", natürlich keine entlegene Entdeckung. Nicht nur literaturinteressierte Italiener wie Umberto Eco geraten über diesen Text ins Schwärmen, auch sonst wird er gerne, selbstverständlich nach Dante, zu den wichtigsten italienischen Klassikern gezählt. Eine anstehende Italienreise war nun der Anlass, diese Leselücke endlich zu schließen.
Die erzählerische Konstruktion des Romans ist selbst klassisch: Der Erzähler gibt vor, eine alte Handschrift mit dieser Geschichte gefunden zu haben und gibt in der aparten Vorrede einen Ausschnitt daraus wieder, im besten blumigen Barockstil. Natürlich könne man das dem modernen, ungeduldigen Leser nicht mehr zumuten, weshalb sich der Erzähler entschliesst, die Handlung "unbarock" nachzuerzählen.
Damit nimmt Manzoni seine Leser auf knapp 900 Seiten zu einem Parforceritt durch die norditalienische Gesellschaft und Geschichte mit, der in Sachen Präzision, Perfektion, Welthaltigkeit und Humanität den Vergleich mit den besten europäischen Klassikern nicht zu scheuen braucht. Will man sich partout auf ein Genre festlegen, wäre der Roman im Dreieck historischer Roman, Gesellschaftsroman und sozialer Roman gut aufgehoben.
Die Handlung setzt mit der Drohung eines adligen Schurken gegenüber eines Pfarrers ein, zwei junge Brautleute auf keinen Fall zu trauen, da er selbst ein Auge auf das Dorfmädchen geworfen hat. Diese Erpressung setzt nun eine sich beschleunigende Handlungsspirale in Gang, die hier im Detail nicht nacherzählt werden muss, aber einen umfangreichen Einblick in die marode (Rechts)staatlichkeit liefert, wo die Leute der unteren Stände der Willkür ihrer Feudalherren ausgeliefert waren. Man begegnet berühmten Schurken, feigen Gelehrten, heroischen Mönchen, opportunistischen Pfarrern, dümmlich-machtgierigen Familienpatriarchen, ins Kloster gezwungenen adligen Mädchen, korrupten Gestalten aller Schichten, unfähigen Politikern, Revolutionären & Aufständische, marodierenden Soldaten ...
Die geschichtlichen Ereignisse der Zeit schwappen regelmäßig in den Roman hinein und die von Manzoni geschilderten Massenszenen gehören zu den besten, die ich bisher las. An erster Stelle ist hier die Hungerrevolte in Mailand und die darauf folgende Pestkatastrophe zu nennen, die mit einer ungeheuerlichen Eindrücklichkeit beschrieben wird. Es ist nicht zuletzt das tiefgründige Verständnis der menschlichen Natur, was "Die Brautleute" in den Pantheon der europäischen Literatur erhebt. Eine ebenso unterhaltsame wie geistreiche Lektüre also.
Für meinen Geschmack gibt es etwas zu viele christliche Helden (denen freilich auch ein Potpourri an korrupten Klerikern gegenübersteht), aber das nimmt man bei diesem Buch gerne in Kauf.
Abschließend sei als Anekdote noch erwähnt, dass wir durch einen Zufall sehr genau wissen, wer der erste deutsche Leser war: Manzoni schickte seine Romanbände druckfrisch an Goethe, der sie innerhalb einer Woche sehr angeregt las. Seine Meinung darüber hat Eckermann festgehalten.


20. April 2008

Reise-Notizen: Bad Ischl und Hallstatt
(4.4. - 6.4)


Bekanntlich gehört das Salzkammergut zu den idyllischsten Gegenden in Österreich: Beeindruckende geologische Formationen rund um pittoreske Seen verstellen zufrieden wirkenden Kühen und zufrieden wirkenden Einwohnern die Sicht auf die weite Welt. Die Oberflächlichkeit dieser Idylle und die Abgründigkeiten darunter wurden von den österreichischen Literaten zu ausführlich beschrieben, um das hier wiederholen zu müssen.
Das malerisch gelegene Hallstatt hat es inzwischen zum Weltkulturerbe gebracht und damit auch zu einem Museum, genauer zu einem "Welterbemuseum", in dem die archäologischen und anderen Funde ausgestellt sind. Die historische Bedeutung der Hallstatt-Kultur ist natürlich unbestritten. Trotzdem entbehrt es nicht einer gewissen Komik, wenn man die museale Zeitachse entlang schlendert und sich einmal auf Augenhöhe mit der chinesischen Hochkultur sieht oder als zeitliche Verortung ein Buch mit dem Titel "Odysseus" erwähnt wird, das angeblich ein gewisser Homer geschrieben haben soll ...
Ansonsten sind die archäologischen Exponate des Hauses passabel präsentiert. Je näher man jedoch der Gegenwart kommt, desto lokalpatriotischer wird die Schau.
Bad Ischl bietet dem Besucher tiefgründige Einblicke in Kakanien. Man glaubt gemeinhin zwar, bereits genügend über Franz Joseph und sein "kulturelles" Umfeld zu wissen, ich garantiere aber, dass ein Besuch der Kaiservilla diesen Kenntnissen viel neues Anschauungsmaterial liefern wird. Schon der Souvenirshop versetzt den Kenner derartiger Etablissements mit der ungewöhnlich hohen Dichte von frappantem KuK-Kitsch in Entzücken. Dadurch gestärkt bricht man zur knapp einstündigen Führung durch das Gemäuer auf. Die meisten Räume sind mit unzähligen Tiertrophäen angefüllt, 2000 an der Zahl. In dieser gespenstischen Tierkörperverwertungsanstalt also pflegte Franz Joseph seine Sommer zu verbringen, und gelegentlich Weltkriege auslösende Kriegserklärungen zu unterzeichnen. Ich bezweifle, dass es in Österreich einen zweiten Ort gibt, an dem die mangelnde Intellektualität dieser Habsburger Generation so augenscheinlich wird wie hier.


19. April 2009

Johann Gottfried Seume: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802
(dtv)

Hätte es im 19. Jahrhundert schon Bestseller-Listen gegeben, Seumes Reisebericht über Italien hätte diese lange dominiert. Bis heute erfreut er sich einer gewissen Beliebtheit und wird regelmäßig neu aufgelegt. Das überrascht nicht, ist es doch ein erfrischend modernes, unverzopftes Buch.
Schon das Vorhaben war ambitioniert: Ein Spaziergang von Leipzig nach Syrakus und zurück. Italien war Anfang des 19. Jahrhunderts durch Kriege und den teilweisen Zusammenbruch der staatlichen Ordnung ein oft anarchistisches Land, in dem Räuberbanden ungestraft ihr Unwesen trieben. Sucht man eine moderne Analogie, böte sich vielleicht ein Spaziergang durch Nordafghanistan an, zumal man Seume als Protestant im katholischen Italien als argen Ketzer wahrnahm, und er deshalb auch einige Bekehrungsversuche, freilich mehr komisch-wohlwollender Natur, über sich ergehen lassen musste.
Was Seumes Reisebericht von den meisten anderen seiner Zeitgenossen unterscheidet, ist zum einen seine Herkunft, zum anderen seine politische Haltung. Seit langem gehörte es zum guten Ton junger Adliger und wohlhabender Bürgersöhne (Goethes Vater etwa), zu einer "grand tour" durch Europa aufzubrechen. Wir sind von dieser Klientel auch reichlich mit Reiseberichten gesegnet. Seume dagegen stammte aus vergleichsweise ärmlichen Verhältnissen, nach dem Bankrott des Vaters als Gastwirt fand sich die Familie am Ende der sozialen Skala wieder. Dies führte selbstverständlich zu einem anderen Blick auf die sozialen Verhältnisse als ihn die verwöhnte Jugend aus reichem Hause nach Italien mitbrachte. Zwar beschäftigt sich auch Seume immer wieder mit den kulturellen Sehenswürdigkeiten seiner Reiseroute, oft durchsetzt mit feiner Ironie, sein Hauptinteresse liegt aber klar auf den sozialen und politischen Verhältnissen.
Womit schon der zweite große Unterschied zu vielen zeitgenössischen Reiseschriftstellern genannt ist: Seume war ein überzeugter Anhänger der Aufklärung. Seine Kritik an den unfähigen Eliten und speziell an Kirche und Klerus zieht sich mit einer wohltuenden Offenheit durch das Buch:
    Vor allen Dingen war sein Gesang charakteristisch. Ich habe nie einen so entsetzlichen Ausdruck von dummer Hinbrütung in vernunftlosem Glauben gehört. Wenn ich länger verdammt wäre solche Melodien zu hören, würde ich bald Materialismus und Vernichtung für das Konsequenteste halten: denn solche Seelen können nicht fortleben.
    (76)
Seumes kluge, konzise Beobachtungen und die rhetorisch geschickte Aufbereitung seiner Aufzeichnungen sind eine große Lesefreude und eines der besten deutschen Bücher dieser Zeit.

Oskar Kokoschka. Träumender Knabe - Enfant Terrible
(Unteres Belvedere 13.4.)


Kokoschka war einer der Maler, die mich schon lange bevor ich mich systematischer mit Kunst beschäftigte, stark ansprachen. Speziell seine hintergründigen Portraits fand ich interessant. Das hat sich bis heute nicht geändert, weshalb ich den akuellen Wiener Kokoschka-Schwerpunkt nur begrüßen kann.
Das Belvedere zeigt das Frühwerk, während die Albertina sich auf das Spätwerk konzentriert. Das Frühwerk ist geprägt vom Wiener Kunsthandwerk des Jugendstils, wurde er doch achtzehnjährig in die hiesige Kunstgewerbeschule aufgenommen und war auch zu einer Reihe von Brotarbeiten gezwungen. Trotzdem findet Kokoschka schnell zu einem eigenen Personalstil und bringt "Skandalwerke" auf die Leinwand.
Die etwa 140 Exponate geben einen ausgezeichneten Überblick über diese Entwicklungsphase. Auch eine Reihe von frühen Portraits sind darunter. Der Audioguide beschreibt ca. 25 davon in erfreulicher Ausführlichkeit.


12. April 2008

Yasmina Reza: Der Gott des Gemetzels
(Burgtheater 1.4.)
Regie: Dieter Giesing
Véronique Houillé: Maria Happel
Michel Houillé: Roland Koch
Annette Reille: Christiane von Poelnitz
Alain Reille: Joachim Meyerhoff

Reza spezialisierte sich auf Stücke, die scheinbar den Nerv der Zeit treffen. Ihr theatralisches Prinzip ist schnell benannt: Versteckte Anbiederung an die Vorurteile des gebildeten Mittelstands. So ist es nicht überraschend, dass ihr jüngster Text in den europäischen Theatern erneut stürmische Erfolge feiert. Bietet er doch nichts weniger als die Möglichkeit, Boulevard zu zeigen, der sich hinter dem Deckmäntelchen des intelligenter Gegenwartsdramatik versteckt. Angesichts leerer Theaterkassen, ergreift man so eine Gelegenheit natürlich gerne...
Bereits Rezas oft gespieltes "Kunst" folgte diesem Schema und setzte schlau auf das Unverständnis gegenüber moderner Kunst. In "Der Gott des Gemetzels" stattet ein Ehepaar einem anderen einen Versöhnungsbesuch ab. Ihr Sohn hatte dem Sprössling der anderen mit einem Stock ein paar Zähne ausgeschlagen. Ziel ist eine kultivierte Aussprache. Statt dessen setzt Reza eine Spirale in Gang, die in der Auflösung aller kultivierten Umgangsformen und einem heftigen Streit endet. Man kennt das aus viel gelungeneren Werken (Who's Afraid of Virginia Woolf?) zur Genüge.
Dies alles ist nun theatertechnisch kompetent umgesetzt, sowohl was den Text als auch was die Inszenierung angeht. So spult sich das Stück unterhaltsam vor einem ab. Man darf nur nicht den Fehler machen, darüber nachzudenken. Sonst bleibt einem das Lachen schnell im Halse stecken.

Steinerne Zeugen. Relikte aus dem Alten Wien
(Hermesvilla / Wien Museum 30.3.)


Wer sich für Skulpturen und/oder Wien interessiert, und wer tut das nicht, sollte sich auf den Weg zum Lainzer Tiergarten machen, in dessen Mitte die Hermesvilla liegt. Franz Joseph schenkte sie seiner Sissi und ließ sie in der Mitte des ehemaligen kaiserlichen Jagdgebiets errichten.
Jetzt dient sie als Dependence des Wien Museums, wo nun restaurierte Stücke aus dem Lapidarum zu sehen sind. Zur Slideshow .
Ausgestellt sind Kunstwerke aus Stein, die dazu dienten, Bauwerke zu verzieren. Die meisten davon landeten in Depots als die Häuser abgerissen wurden und können deshalb einen guten Eindruck über den historischen Städtebau in Wien vermitteln. Der Überblick ist allerdings kursorisch, man hätte sich mehr Exponate gewünscht. Allerdings findet man sehr charmante Stücke darunter. Angeordnet sind sie thematisch (Bürgerhäuser, Adelspalais etc.).

Wilhelm Genazino: Abschaffel . Roman
(Hanser)


Wie ungerecht literarischer Ruhm verteilt sein kann, sieht man an Wilhelm Genazino. Seine Abschaffel-Trilogie erschien bereits Ende der siebziger Jahre, einem größeren literaturinteressierten Publikum wurde er aber erst 2004 bekannt als ihm, längst überfällig, der Georg-Büchner-Preis verliehen wurde.
"Abschaffel" gehört zum Genre des Angestelltenromans und hat deshalb einige Gemeinsamkeiten mit Werners "Zündels Abgang". Letzterer ist allerdings deutlich furioser als Genazinos literarische Verarbeitung des tristen Lebens eines kaufmännischen Angestellten. Der Romanbeginn verdient ein Zitat:
    Weil seine Lage unabänderlich war, musste Abschaffel arbeiten.
Der Leser begleitet Abschaffel durch dessen deprimierenden bis grotesken Alltag. Genazinos größte literarische Stärke, die intelligente Beobachtung des Alltäglichen, ist bereits weit ausgeprägt. Nicht so brillant vielleicht wie in seinen letzten Büchern, aber doch ein großes Lesevergnügen.

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