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Notizen: Archiv

von Christian Köllerer



3. Quartal 2001



30. September 2001

Heimito von Doderer: Die Dämonen
(dtv)


Die letzte Woche meines Urlaubs war rund um dieses Mammutwerk organisiert. Der enorme Zeitaufwand für die Lektüre hat sich allerdings gelohnt, trotz einiger Einwände, die Doderers literarische Leistung nur wenig schmälern.
Diese besteht vor allem in der Schaffung eines riesigen doppelbödigen fiktionalen Kosmos samt mehreren Dutzend höchst lebendig geschilderten Charakteren und der Verknüpfung der verschiedensten Handlungsstränge, in die sie involviert sind. Hier setzt jedoch ein erster Kritikpunkt ein, denn diese Verknüpfung beschränkt sich überwiegend auf semantische Elemente und bleibt dadurch gewissermaßen an der Oberfläche der Handlung angesiedelt. Andere ästhetisch-strukturelle Mittel setzt Doderer nur sehr sporadisch ein - im Gegensatz zur "Strudlhofstiege", das als Kunstwerk gelungener ist, auch wenn "Die Dämonen" sprachlich ebenfalls positiv von der Sprachmacht des Autors profitieren.
Disparatheit ist für einen Roman der Moderne nichts Ungewöhnliches, aber modern in diesem Sinn sind "Die Dämonen" nicht, da entsprechende Erzähltechniken nur sehr begrenzt Verwendung finden. Disparat im inhaltlichen Sinn sind die politischen Bedeutungsebenen des Werks, die durch die lange Entstehungsgeschichte bedingt sind, während der sich Doderers politisches Weltbild wandelte. Neben konservativen Elementen - so wird für den Brand des Justizpalastes das Subproletariat verantwortlich gemacht, nicht die "richtigen" Arbeiter - gibt es eine humanistische Utopie: Leonhard Kakabsa, entdeckt als Arbeiter die Bildung, eignet sich autodidaktisch Latein an und betritt nach und nach die Welt des Geistes.
Bei der Lektüre spürt man (vor allem im ersten Teil) die eine oder andere Länge und fragt sich, ob diese oder jene gesellschaftliche Zusammenkunft wirklich so ausführlich hatte geschildert werden müssen. Angesichts der anderen Qualitäten nimmt man sie aber gerne in Kauf.

Leopold Federmair: Früchte der Resignation. Zu Fritz Mauthner
(Literatur und Kritik Juli 2001)


Ein lesenswerter Essay über Fritz Mauthner, der als Sprachkritiker auf eine Reihe von nicht nur österreichischen Philosophen gewirkt hat. Nach wie vor interessant ist sein "Philosophisches Wörterbuch", zu dem Mauthner u.a. vom berühmten Wörterbuch des Aufklärers Pierre Bayle (1647-1706) angeregt wurde. Bemerkenswert ferner seine vierbändige "Geschichte des Atheismus".

Neu als Taschenbuch

Endlich gibt es John Keegans Standardwerk "Der Erste Weltkrieg" in einer preiswerteren Ausgabe, und zwar bei rororo für 14,90 Euro.


29. September 2001

Wagner: Tannhäuser-Ouvertüre, Meistersinger-Vorspiel zum 3. Akt
Schostakowitsch: Symphonie Nr. 8
(Wiener Musikverein 28. September)
Marinskij Orchester
Dirigent: Valery Gergjev


Die beiden Wagner-Stücke spielten die Russen wohltuend unpathetisch und ziemlich präzise (Bläser!). Schostakowitschs Achte wurde leider in einer ähnlichen Manier interpretiert: sehr getragen. Nun ist das dämonisch-pathetische ein nicht unwesentlicher Bestandteil dieses Orchesterwerks. Der Verzicht darauf zeitigte hier vor allem eine Konsequenz, nämlich Langeweile, speziell bei den langsameren Passagen im vierten und fünften Satz.
Gergiev nutze die klanglichen Möglichkeiten des Marinskij Orchesters nur teilweise aus, die zahlreichen notwendigen und hervorragend bewältigten schwierigen Soloeinsätze machten das schmerzlich hörbar.

Museum moderner Kunst
(Museumsquartier Wien)
(27. September)


Im Vergleich zum Museum Leopold ein enttäuschender Besuch. Zwar ist der Bestand ausreichend, um sich einen groben Überblick über die moderne Kunst der letzten Jahrzehnte zu verschaffen. Es fehlt aber Wichtiges, etwas herausragende Vertreter der Videokunst wie Bruce Nauman.
Angesichts des enormen Kubus ist innen auch vergleichsweise wenig Platz, man hätte sich manchmal mehr Freiräume zwischen den Werken gewünscht.

Tägliche Literaturseite

Die Süddeutsche Zeitung hat eine ebensolche nun täglich in ihrem Feuilleton. Die unsystematische Literaturberichterstattung war Thomas Steinfeld - von der literaturfreundlichen FAZ kommend - wohl zu wenig.

Die Achilla-Presse ...

... ist einer jener Kleinverlage, welche maßgeblich zur Verlagskultur beitragen. Erwähnt sei hier nur die monumentale Ausgabe von Melvilles "Mardi".

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Barbara Meier Giuseppi Verdi rororo Monographie Neuausgabe 2000
Scheindler, A. Lateinische Schulgrammmatik. F. Tempsth *(1); Wien 1903

*(1) Ein in Wiener humanistischen Gymnasien eingesetztes Latein-Lehrbuch, das in Doderers "Die Dämonen" eine wichtige Rolle spielt.


24. September 2001

Bibliothek: Neuzugänge

Als besonders ergiebig erwies sich heute ein Besuch der Alten Bücherstube, ein wohlsortiertes Wiener Antiquariat. Die ersten acht Titel der folgenden Liste erwarb ich dort.

Autor Titel Verlag Kommentar
Michail Lermontow Der Held unserer Zeit. Bühl-Verlag Zürich 1945; Dieser wichtige Roman ist derzeit nicht regulär lieferbar
Romain Rolland Ludwig van Beethoven Max Rascher Zürich 1918
Romain Rolland Beethovens Meisterjahre. Von der Eroica bis zur Appassionata Insel Leipzig 1930
Michaelangelo Briefe, Gedichte, Gespräche Fischer Bücherei Frankfurt 1957
Arthur Rubinstein Erinnerungen. Die frühen Jahre. Fischer TB Frankfurt 1979
Erich Schenk Mozart. Eine Biographie Goldmann TB ohne Datum
Albert Ludwig Schiller. Sein Leben und Schaffen Ullstein Berlin/Wien 1912. Rezeptionsgeschichtlich interessante populäre Darstellung mit zahlreichen Abbildungen
Hermann Bahr Theater der Jahrhundertwende. Kritiken von Hermann Bahr H. Bauer Wien 1963
Neue Rundschau 3/2001 Buddenbrooks nach 100 Jahren S. Fischer via Amazon.de
ADAC Stadtplan New York ADAC Auf dem Cover das World Trade Center ...
Jan Gympel Geschichte der Architektur. Von der Antike bis heute. Könemann Großformatige, knapp gehaltene Einführung


Museum Leopold
(Museumsquartier Wien)


Am Samstag war Eröffnung heute wagte ich einen ersten Rundgang. Unangenehm fiel der hohe Eintrittspreis (ATS 125.- / 9 Euro), der sich mit Audioführer und Garderobe auf ATS 180.- pro Besuch summiert. Erfreulicherweise wird eine Jahreskarte angeboten, um die man deshalb kaum vorbeikommt (690 ATS / 50 Euro).
Die Sammlung erstreckt sich über mehrere Unter- und Obergeschosse und ist nicht nur wegen des großen Schiele-Bestands beeindruckend. Die (Innen-)Architektur des Museums ist überzeugend und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Bilder. Desto störender wirken zwei riesige Panoramafenster im zweiten Stock, die ein wunderbares Panorama über das neue Museumsquartier und Wien bieten, und damit stark von den Gemälden ablenken, unter denen neben vielen Schiele-Gemälde auch die beiden von Oskar Kokoschka sind. Dessen "Dolomitenlandschaft" erinnert in der Farbgebung überraschend stark an El Grecos "Ansicht Toledos", das als amerikanische Leihgabe immer noch im Kunsthistorischen Museum zu sehen ist (der Rücktransport wurde aufgrund der Anschläge verschoben).
Alles in allem eine höchst erfreuliche Erweiterung der Wiener Museumslandschaft. Mehr nach weiteren Besuchen.


23. September 2001

Wagner in Wien (1)
Die Meistersinger von Nürnberg
(Volksoper 22.9. 2001)


Walther von Stolzing: Johan Botha
Hans Sachs: Oskar Hillebrandt
Veit Pogner: Bjarni Thor Kristinsson
Beckmesser: Jochen Schmeckenbecher
Eva: Fionnuala McCarthy
Chor und Zusatzchor der Volksoper Wien, Wiener Konzertchor, Hochschulchor
Inszenierung: Christine Mielitz
Musikalische Leitung: Sebastian Weigle

Skeptisch ging ich in die Volksoper, in der ein guter Teil des Spielplans aus den immer gleichen Operetten besteht. Wagner statt Lehar?
Gesanglich war der Abend jedoch erstklassig, musikalisch ebenfalls passabel, auch wenn man hörte, dass Wagner für das Orchester des Hauses einen ungewohnten Kraftakt bedeutete. Vor allem dank der überwiegend ausgezeichneten Sänger(innen) und Chöre war es ein gelungener Opernabend. Weniger überzeugend die Inszenierung, die zwar versucht einige ironische Akzente zu setzen und die komödiantische Seite des Stückes zu betonen, aber die berüchtigten Strophen des Hans Sachs über "welschen Tand" und "deutsche Kunst" unkritisch über die Bühne bringt.
Die Aufführung zeigt auf jeden Fall, welch großes musikalisches Potenzial in der Volksoper steckt, weshalb sicher weitere Besuche (nein, keine Operetten :-) folgen werden.

Wagner in Wien (2)
Das Rheingold
(Staatsoper 23.9. 2001)


Wotan: Alan Held
Loge: Christian Franz
Alberich: Georg Tichy
Mime: Ernst-Dieter Suttheimer
Fricka: Margareta Hintermeier
Erda: Marjana Lipovsek
Orchester der Wiener Staatsoper
Inszenierung: Adolf Dresen
Musikalische Leitung: Jun Märkl

Im Gegensatz zum Orchester der Volksoper ist der Klangkörper der Staatsoper seit Jahrzehnten mit Wagner vertraut, das Ergebnis ist denn auch entsprechend beeindruckend. Märkl läßt Dissonanzen besonders hörbar hervortreten, was einen frischen Wagnerklang ergibt.
Die erstklassigen gesanglichen Qualitäten sind homogener als bei der gestrigen Aufführung, Ausrutscher nach unten gibt es nicht. Die szenische Darbietung ist jedoch ein Trauerspiel, von überzeugenden Regieideen keine Spur, deshalb erstaunt es, dass diese Inzensierung bereits seit 1992 auf dem Programm steht.
Angesichts des teilweise auffällig unruhigen Publikums verstehe ich Ludwig II. immer besser: An seiner Stelle hätte ich mir Wagner-Aufführungen ebenfalls alleine angehört :-)


Postmoderne Dummheiten: Jacques Derrida zu den Terroranschlägen

Frankfurt - Der französische Philosoph Jacques Derrida, der am Samstag in der Paulskirche von Frankfurt den Theodor-W.-Adorno-Preis (703.500 Schilling) erhielt, fühlt sich nach den Terroranschlägen in seiner Philosophie der Dekonstruktion, in der es keine absolute Wahrheit und keinen letzten Sinn gibt, bestätigt. (dpa)

Dabei würde ein Blick in seine Bücher genügen, um die Existenz von Sinn-losigkeit an sich grandios zu belegen. Seine anderen Thesen sind bereits ein paar tausend Jahre alt, aber das scheint ihn ja nicht zu stören: Marketing statt Philosophie ist angesagt.


22. September 2001

Lirez: Neue Rezensionen

Zima, Peter V.: Theorie des Subjekts. Subjektivität und Identität zwischen Moderne und Postmoderne. (UTB 2176). Tübingen u. Basel: Francke 2000. (Rezensiert von Oliver Jahraus). Veröffentlicht am 18.09.2001.

Zima ist ein Literaturwissenschaftler, den ich sehr schätze. Auf meine Rezension seines vorletzten Buches zum Thema "Moderne/Postmoderne" sei deshalb kurz hingewiesen.

Keine "Frankfurter Ausgabe" bei Amazon

Ich hatte aus Bequemlichkeit erwogen, die neue "Große Frankfurter Ausgabe" der Werke Thomas Manns komplett bei Amazon zu bestellen. Es fand sich im Katalog jedoch keine Bestellmöglichkeit. Ich schrieb eine kurze Mail und fragte nach, ob sie denn kein Interesse an der Bestellung von 58 hochpreisigen Bänden hätten. Ein paar Tage später kam folgende Antwort:

    Sehr geehrter Herr Koellerer,

    vielen Dank fuer Ihre Nachricht an Amazon.de!

    Die Auslieferung von Fortsetzungswerken bzw. Abonnements haben wir bereits vor geraumer Zeit eingestellt, da die Bestellung von Abonnements sich in unserem Bestellsystem nicht verwalten laesst.

    Bestehende Abonnements wurden bei den Verlagen gekuendigt und koennen nur noch ueber die Verlage selbst bezogen werden.

    Aus diesem Grund koennen wir Ihnen nur die einzelnen Baende des Abonnements anbieten.
    Derzeit ist es uns aus technischen Gruenden nicht moeglich, Buecher zum Subskriptionspreis auf unserer Website anzubieten. Wir bedauern dies und arbeiten an einer Loesung.

    Wir bitten um Verstaendnis. Bei Fragen stehen wir Ihnen gerne zu Verfuegung.

    Mit freundlichen Gruessen

    Britta Potthoff
    Katalog Team Buch Amazon.de

Schiller über Geschichte
Brief an Christian Gottfried Körner vom 15. April 1786


Täglich wird mir die Geschichte theurer. Ich habe diese Woche eine Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs gelesen, und mein Kopf ist mir noch ganz warm davon. Daß doch die Epoche des höchsten Nationen-Elends auch zugleich die glänzendste Epoche menschlicher Kraft ist! Wie viele große Männer giengen aus dieser Nacht hervor! Ich wollte daß ich zehen Jahre hintereinander nicht als Geschichte studiert hätte. Ich glaube ich würde ein ganz anderer Kerl sein. Meinst Du daß ich es noch werde nachhohlen können?


18. September 2001

Mehr als ...
... 1000 Pageimpressions in der letzten Woche sind zu vermelden. IMO sehr erstaunlich angesichts der nicht gerade publikumswirksamen Themenwahl :-)

Lirez: Neue Rezensionen

Douglas, J. Yellowlees: The End of Books - or Books without End?. Ann Arbor: University of Michigan Press 2000. (Rezensiert von Beat Suter). Veröffentlicht am 13.09.2001. Redaktion: Jahrbuch für Computerphilologie. Fachteil(e): Computerphilologie; Literaturtheorie: Themen; Medien. Fachreferent: Redaktion Jahrbuch für Computerphilologie.

Haldemann, Alexander: Electronic Publishing. Strategien für das Verlagswesen (Gabler Edition Wissenschaft: Interaktives Marketing). Deutscher Universitätsverlag 2000. (Rezensiert von Margit Roht Michael Meier). Veröffentlicht am 11.09.2001. Redaktion: IASL online. Fachteil(e): Buchwissenschaft; Medien. Fachreferent: Redaktion IASL online.

Suter, Beat / Böhler, Michael (Hg.): hyperfiction. Hyperliterarisches Lesebuch: Internet und Literatur, mit CD-ROM. Basel, Frankfurt a.M.: Stroemfeld 1999 (nexus 50)[Buch+CD]. (Rezensiert von Simone Winko). Veröffentlicht am 07.09.2001. Redaktion: Jahrbuch für Computerphilologie. Fachteil(e): Computerphilologie; Literaturtheorie: Themen; Medien. Fachreferent: Redaktion Jahrbuch für Computerphilologie.

Schiller über Lesen und Bildung
Brief an Christian Gottfried Körner vom 15. April 1786


Ich muss ganz andre Anstalten treffen mit Lesen. Ich fühle es schmerzlich, daß ich noch so erstaunlich viel lernen muß, säen muß um zu Aerndten. Im besten Erdreich wird der Dornstrauch keine Pfirsiche tragen, aber eben sowenig kann der Pfirsichbaum in einer leeren Erde gedeihen. Unsre Seelen sind Destillationsgefäße, aber Elemente müssen ihnen Stoff zutragen, um in vollen saftigen Blättern ihn auszuschwellen.

Richard Holmes: Triumph of an Artist
(The New York Review of Books 14/2001)


Aufschlussreicher Artikel über den Stand der James-Boswell-Forschung anhand zweier Neuerscheinungen. Es findet seit einigen Jahren eine Neubewertung seines Werkes statt, d.h. er wird nicht mehr nur als Eckermann von Dr. Johnson gesehen.


17. September 2001

Oxford World Classics

Die wichtige Klassik-Reihe feiert ihren 100. Geburtstag. Auf ausgewählte Titel gibt es deshalb hohe Rabatte.

Kanondiskussion

Heute als Rezensionsexemplar hier eingetroffen "Die Bibliothek. 44 Bücher, die man gelesen haben muss" von Karl Hugo Pruys (Quintessenz Verlag). Die ausgewählten Bücher sind teils nachvollziehbar, teils eigenartig. Mehr dazu später.

Wichtige Neuerscheinungen

Autor Titel Verlag Kommentar
Ian Hacking An Introduction to Probability and Inductive Logic Cambridge University Press Ein zentrales Thema der Wissenschaftsphilosophie aus einer prominenten Feder
Lionel Casson Libraries in the Ancient World Yale University Press Neues Bibliomanikum
Neue Rundschau Buddenbrooks - Ein Jahrhundertroman S. Fischer Heft 3/2001
Paul Cartledge Spartan Reflections University of California Press Essays über Sparta und die Sparta-Forschung
Mark Munn The School of History. Athens in the Age of Socrates University of California Press Positiv besprochen im TLS


16. September 2001

Die Luft wird dünner für den Online-Buchhandel

Mahler: Symphonie Nr. 7
(Wiener Musikverein am 15. September 2001)
Chicago Symphony Orchestra
Daniel Barenboim

Barenboim ein Mahler-Dirigent? Barenboim ein Mahler-Dirigent! Zumindest gelang es ihm, eine solide, eigenständige Interpretation dieses für mich nach wie vor rätselhaften Orchesterwerks vorzulegen. Einerseits war ein deutliches Bemühen um Transparenz wahrzunehmen, die kleinsten klanglichen Details wurden schön herausgearbeitet, teilweise mit interessanten Akzenten versehen (Gitarre im zweiten Nachtstück).
Trotz des Bemühens um Klarheit war die Aufführung nicht so analytisch wie etwa bei Pierre Boulez. Allerdings steht Barenboim diesem Stil näher als dem expressionistischen Verständnis eines Bernstein oder Ozawa.
Am Rande sei noch bemerkt, dass die klangliche Differenz zum vorgestern gehörten Gustav Mahler Jugendorchester enorm war, es ist eben doch ein weiter Weg zurückzulegen, bis das Prädikat Spitzenorchester angemessen ist.

VLB & CO.
Markus Kolbeck beschäftigt sich in seiner aktuellen bibliomanischen Plauderei mit den neuesten Entwicklungen zum Thema.

Robert Skidelsky: What Makes the World Go Round?
(The New York Review of Books 13/2001)


In der Geschichtsschreibung ist in den letzten Jahren eine deutliche Tendenz auszumachen: Zusätzlich zu Studien über speziellen Themen erscheinen vermehrt groß angelegte Untersuchungen, die einen breiteren Ausschnitt der Weltgeschichte als Gegenstand wählen. Eines der wichtigsten historischen Bücher der letzten Jahre, das faszinierende "Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften" (im Original: "Guns, Germs and Steel. The Fates of Human Societies.") von Jared Diamond ist nur ein Beispiel.
Einem anderen ist dieser Aufsatz gewidmet, nämlich Niall Fergusons "The Cash Nexus: Money and Power in the Modern World, 1700 - 2000". Im Mittelpunkt dieser Wirtschaftsgeschichte steht der Versuch, den Einfluss des Finanzwesens zu analysieren, was nach Skidelsky auch passabel gelingt.
Diese ausführliche Rezension analysiert Fergusons Thesen kritisch und ist sehr lesenswert.

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Jacob und Wilhelm Grimm Briefwechsel Hirzel Wohl eine der wichtigsten Editionen des Jahres
Maurice Maeterlinck Der Schatz der Armen Eugen Diederichs Jena 1912
Donald R. Kelley Journal of the History of Ideas 2/2001 John Hopkins University Press Aufsätze u.a. über Zeno, Rousseau und Kant
Albert Kümmel Das MoE-Programm. Eine Studie über geistige Organisation. Wilhelm Fink Verlag Rezensionsexemplar mit abschreckendem Klappentext
Marbacher Magazin 90/2000 Paul Celan in Czernowitz Schiller-Gesellschaft Sonderheft


Wiener CD- und Schallplattenbörse
(Wiener Stadthalle 14. September)


Angeblich die drittgrößte Veranstaltung ihrer Art. Einen Besuch hätte ich mir allerdings sparen können: Unter den mehr als 50.000 angebotenen CDs waren großzügig geschätzt 150 Klassik-CDs, der überwiegende Teil war ästhetisch uninteressant (Pop). Angesichts des Veranstaltungsorts (Wien), eine besondere Geschmack-Losigkeit.


13. September 2001

Mahler: Symphonie Nr. 8
(Wiener Musikverein am 13. September 2001)
Gustav-Mahler-Jugendorchester
Wiener Singverein
Prager Philharmonischer Chor
St. Florianer Sängerknaben
Elizabeth Whitehouse, Hillevi Martinpelto, Martina Jankova, Yvonne Naef, Jadwiga Rappe, Herbert Lippert, Peter Weber, Andreas Macco
Dirigent: Franz Welser-Möst

Eingangs sei erwähnt, dass ich die Achte von Mahler für seine problematischste Symphonie halte. Meine Bedenken sind ästhetischer Natur, nämlich ob es musikalisch plausibel ist, möglichst große emotionale Wirkung durch einen möglichst großen Klangapparat hervorzurufen.
Heute weiß ich: Es funktioniert. Zwar hörte ich alle Mahler-Symphonien mehrfach in Konzertsälen, gespielt von den unterschiedlichsten Orchestern. Die Achte war nie darunter, der Aufwand einer Aufführung mit drei großen Chören und zahlreichen Solisten ist enorm. Der Klangeindruck ist buchstäblich überwältigend, und es nötigt Respekt ab, mit welcher Kompromisslosigkeit Mahler seine "Gedankenmusik" in realen Klang verwandelte und mit welchem Kunstwillen er diese Klangmassen bändigte.
Franz Welser-Möst hatte damit einige Probleme. Vor allem bei den lautesten Stellen im ersten Teil (Hymnus) türmten sich die Klangberge ziemlich willkürlich und unstrukturiert auf, das konnte Bernstein in seiner letzten Einspielung (Salzburger Festspiele) besser, d.h. auch diese Teile waren nuancenreicher.
Es gab aber auch brillante Stellen, vor allem der Anfang des zweiten Teils, also der Beginn der Vertonung der Schlussszene des Faust II. gelang kongenial, fein differenziert näherte sich das Orchester dem ersten Einsatz des Chors. Die Chöre waren durchgehend hervorragend, die jungen Musiker überwiegend.
Ein gelungener und beeindruckender Konzertabend.


12. September 2001

Seneca über den Zorn

Novartus, du hast mich aufgefordert, ich solle darüber schreiben, wie der Zorn beschwichtigt werden könne, und nicht zu Unrecht, wie mir scheint, fürchtest Du diese Leidenschaft besonders, da sie am meisten von allen widerwärtig und tollwütig [ist]. Den übrigen nämlich wohnt noch etwas Ruhiges und Gelassenes inne, diese ist ganz und gar leidenschaftlich erregt und steht unter dem Ansturm von Schmerz, in kaum noch menschlicher Gier nach Waffen, Blut, Hinrichtungen rasend; wenn sie nur einem anderen schaden kann, ihrer selbst nicht achtend [...]

Manche also von den Philosophen haben den Zorn genannt: zeitweiligen Wahnsinn; denn in gleicher Weise ist er nicht Herr seiner selbst, des Anstandes vergessend, ohne an Bindungen zu denken, in dem, was er begonnen hat, beharrlich und rastlos, Vernunft und klaren Überlegungen unzugänglich, von nichtigen Anlässen umgetrieben, zur Unterscheidung von Gerecht und Wahr unfähig, dem einstürzenden Gebäude sehr ähnlich, das über dem, was es begräbt, zerschellt. [...]
[...] kein Unheil ist das Menschengeschlecht teurer zu stehen gekommen. Sehen wirst Du Mord, Vergiftung, gegenseitiger Anklage Schmutz, Zerstörung von Städten, ganzer Völker Ausrottung [...]

Die Vernunft läßt beiden Seiten Zeit; sodann sucht sie Gelegenheit zu Rechtsberatung auch für sich, damit sie Wahrheit an den Tag zu bringen Raum hat - der Zorn hat es eilig. Die Vernunft will das Urteil fällen, das gerecht ist - der Zorn will das für gerecht angesehen wissen, was es als Urteil gefällt hat.
Die Vernunft sieht auf nichts außer eben dem, um das es geht - der Zorn läßt sich durch Nichtiges und nicht zur Sache Gehöriges beeinflussen.


10. September 2001

Neue Thomas-Mann-Ausgabe

Wie konnte mir das entgehen: Ab Herbst erscheint eine neue Ausgabe der Werke Thomas Manns, die "Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Werke, Briefe, Tagebücher" (GKFA). Als Auftakt sollen die "Buddenbrooks" publiziert werden. Geplant sind 58 Bände.

Hier Links zu weiterführenden Informationen:

Thomas Mann im S. Fischer Verlag
Pressemitteilung des S. Fischer Verlags

Helmut Koopmann: Schillers Leben in Briefen
(Wissenschaftliche Buchgesellschaft; Darmstadt 2001)


Angesichts der vergleichsweise tristen Editionslage - keine Ausgabe des Briefwechsels mit Körner ist greifbar - ein lobenswertes Unterfangen. Koopmann stellt Auszüge aus Schillers wichtigsten Briefwechseln zusammen, denen jeweils ein Kommentar vorangestellt ist. Kurze Auszüge waren an dieser Stelle bereits zu lesen, weitere werden in losen Abständen folgen.
Brauchbar als Leseausgabe, keinesfalls als wissenschaftliche Edition. Als Germanist verläßt man sich nur ungern auf eine Vorauswahl. Trotzdem eine Bereicherung für den Buchmarkt.


9. September 2001

Zusammenfassung

Die Reihe Bücherherbst 2001 in einer eigenen Datei.

Überraschung bei Goldmann

Literarische Avantgarde bei Goldmann? Ich traute meinen Augen kaum als ich im aktuellen Taschenbuchprogramm des eigentlich überflüssigen Verlagshauses auf William Gaddis' Roman "JR" stieß.

Thomas Bernhard: Alte Meister - dramatisiert
(Akademietheater Wien 8.9. 2001)


Endlich war es mir gelungen eine der begehrten Karten für "Die Möwe" in der Inszenierung Luc Bondys zu bekommen. Zu früh gefreut: Jutta Lampe erkrankte und als Ersatz wurde eine dramatisierte Fassung von Bernhards "Alte Meister" gegeben (Regie und Dramaturgie: Stephan Müller, Claudia Hamm).
Vier Schauspieler schlüpften in die Rolle des Erzähler Atzbachers bzw. Regers und verwandelten den Roman in plausibel choreographiertes Sprechtheater. Kein Ersatz für Tschechow, nichtsdestotrotz ein gelungener Theaterabend.
Bemerkenswerterweise wurden Regers Ausführungen über Heidegger besonders wohlwollend vom Wiener Publikum zur Kenntnis genommen:

    Heidegger, dem die Kriegs- und Nachkriegsgeneration nachgelaufen sind und den sie mit widerwärtigen und stupiden Doktorarbeiten überhäuft haben schon zu Lebzeiten, sehe ich immer auf seiner Schwarzwaldhausbank sitzen neben seiner Frau, die ihm in ihrem pervesen Strickenthusiasmus ununterbrochen Winterstrümpfe strickt mit der von ihr selbst von den eigenen Heideggerschafen heruntergeschorenen Wolle. Heidegger kann ich nicht anders sehen, als auf der Hausbank seines Schwarzwaldhauses, neben sich seine Frau, die ihn zeitlebens total beherrscht und die ihm alle Strümpfe gestrickt und alle Hauben gehäkelt hat und die ihm das Brot gebacken und das Bettzeug gewebt und die ihm selbst seine Sandalen geschustert hat [...]
    Heidegger hatte ein gewöhnliches, kein Geistesgesicht, sagte Reger, war durch und durch ein ungeistiger Mensch, bar jeder Phantasie, bar jeder Sensibilität, ein urdeutscher Philosophiewiederkäuer, eine unablässig trächtige Philosophiekuh, sagte Reger, die auf der deutschen Philosophie geweidet hat und darauf jahrzehntelang ihre koketten Fladen fallen gelassen hat im Schwarzwald. Heidegger war sozusagen ein philosophischer Heiratsschwindler, sagte Reger, dem es gelungen ist, eine ganze Generation von deutschen Geisteswissenschaftlern auf den Kopf zu stellen.



8. September 2001

E-paper moving closer

BBC-Redakteur Richard Taylor berichtet über den aktuellen Entwicklungsstand.

Schiller über Interdisziplinarität
Brief an Christian Gottfried Körner vom 7. Mai 1785


Ihre Wanderung durch die Wißenschaften, liebster Freund, die Sie mir so lebhaft beschrieben haben, darf Sie niemal gereuen. Es ist immerhin von entschiedenen Nutzen, wenn man in einem Felde zu Hauße, und in den übrigen kein ganzer Fremdling ist. Sie haben Ihren Geist in zerschiednen Sphären des Denkens geübt, und laufen nicht mehr Gefahr, sich pedantisch in Ihr Hauptfach hineinzugraben.


4. September 2001

David Brion Davis: Slavery - White, Black, Muslim, Christian
(The New York Review of Books 11/2001)


Ein weiterer Teil der losen Reihe über die Geschichte der Sklaverei und deren Erforschung. Diese Artikelserie ist ein Beleg dafür, dass politisch progressive, aufklärerische Geschichtsschreibung nicht zwangsläufig auf irrationalistischen theoretischen Grundlagen beruhen muss.
Davis beschäftigt sich hier vor allem mit der Geschichte der Sklaverei, bevor die Europäer die Vorherrschaft über dieses unappetitliche Geschäft gewannen. Ein lesenswerter Beitrag über eine weniger bekannten "Episode" der Weltgeschichte.

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Richard Miklin Wien. Literarische Spaziergänge durch Vergangenheit und Gegenwart. Klett-Cotta Zur Urlaubsvorbereitung gedacht
La Rochefoucauld Maxims Wordsworth Classics Eine englische Ausgabe mangels einer deutschen


Privatbibliothek in einer erdbebengefährdeten Gegend?

9. If you live in earthquake country, find out what you can do to make your bookshelves more secure. Some people put strips of wood in front of their bookshelves as railings to keep books from sliding off during a tremor. Experienced home librarians in earthquake-sensitive zones never store books higher than chest-tall.
[Aus Patricia Jean Wagners "Booklover's Guide. A Collection of Tips, Techniques, Anecdotes, Controversies & Suggestions for the Home Library." Chapter VII: Display and Storage]

Ein erkenntnistheoretischer Hinweis Schillers für den postmodernen Theoretiker von heute
Brief an Ludwig Ferdinand Huber vom 30. September 1790

Dazu kommt, daß an sich dunkle Materien es durch eine dunkle und schwankende Bildersprachen noch mehr werden.


3. September 2001

Web-Tipp: Kindlers Neues Literatur-Lexikon

Die CD-ROM-Version wird von Michael Wögerbauer einer ausführlichen Kritik unterzogen.

Taneli Kukkonen:
Plenitude, Possibility, and the Limits of Reason: A Mediaval Arabic Debate on the Metaphysics of Nature.
(Journal of the History of Ideas 4/2000)

Kukkonens Aufsatz hat drei interessante intellektuelle Anliegen. Zum einen macht sie den Leser mit einer spannenden metaphysischen Debatte zwischen dem Philosophen Averroes und dem Theologen Abu Hamid al-Ghazali bekannt. Beide tragen ihre Differenzen auf einem hohen logischen und argumentativen Niveau aus, das in der heutigen nicht-analytischen Diskussion nur noch selten anzutreffen ist.
Zweitens stellt sie höchst aufschlussreiche Bezüge zu aktuellen naturphilosophischen Debatten her, beispielsweise der Suche nach der "grand unified formula" (theory of everything), also der Frage, ob es eine Theorie geben kann, die alles (im physikalischen Sinn) erklärt:

    This has been said flatly to contradict Gödel's incompleteness theorem, which states that any consistent formal system rich enough to contain arithmetic is necessarily incomplete, i.e., that not all true propositions expressible in it can be proved from its axioms. If the theorem is right (and it is) and the world needs for its expression a system of at least the strength of arithmetic (which seems likely), then the world contains features (actual or possible, it makes no difference) not deducible from the system.
    [S. 549]
Drittens schließlich beschäftigt sich Kukkonen am Rande auch mit der Frage, in welcher Epoche die Wurzeln des modernen Weltbilds liegen. Es spricht nach den neueren Forschungen immer mehr dafür, diesen geistesgeschichtlichen Einschnitt partiell von der Renaissance zurück ins Mittelalter zu verlegen, weil bereits damals wichtige geistige Konzepte der Neuzeit entwickelt worden seien. Als ein Beispiel dafür - die Beschäftigung mit möglichen Welten - kann die Autorin diese Debatte anführen.

Schiller über den richtigen Gebrauch der Zeit
Brief an Ludwig Ferdinand Huber vom 28. August 1787


Glaube mir es steht unendlich viel in unserer Gewalt, wir haben unser Vermögen nicht gekannt - dieses Vermögen ist die Zeit. Eine gewißenhafte sorgfältige Anwendung dieser kann erstaunlich viel aus uns machen. Und wie schön wie beruhigend ist der Gedanke, durch den bloßen richtigen Gebrauch von Zeit, die unser Eigenthum ist, sich selbst, und ohne fremde Hilfe ohne Abhängigkeit von Außendingen, sich selbst alle Güter des Lebens erwerben zu können. Mit welchem Rechte können wir das Schicksal oder den Himmel darüber belangen, daß er uns weniger als andre begünstigte - Er gab uns Zeit und wir haben alles sobald wir Verstand und ernstlichen Willen haben mit diesem Kapitale zu wuchern.


26. August 2001

Schillers Bücherwünsche als er sich in Bauerbach versteckt hielt
Brief an Wilhelm Friedrich Hermann Reinwald vom 9. Dezember 1782


"Sie waren so gütig meiner Bitte zuvorzukommen, und mir in meinen literarischen Bedürfnissen Vorschub zu versprechen. Ich bin also so frei Ihnen ohngefehr diejenigen Schriften zu merken, die mir zuerst einfallen, und meinen gegenwärtigen Wunsch am nächsten liegen. Sie sind:

Leßings kritische Schriften, also ohngefehr
Dramaturgie.
Theaterbibliotec.
Beiträge zur Litteratur.
Laokoon.

Homes Grundsätze der Kritik. Rammlers Bibliothek der Schönen Künste und Wißenschaften.
Robertsohns Geschichte von Schottland.
Shakespears Othello und Romeo und Juliette.
Smiths Theorie der Empfindungen.
D. Humes Geschichte Carls 1sten von Engelland.
Zimermann von der Erfahrung in der Arzneikunst.
Alexander Gerard über das Genie, und den Geschmak.
Mendelsohns, Sulzers, Garves [Philosophische Schriften].
Ouevres de Mons. l'Abbe St Real. (Denjenigen Teil wo die Geschichte des Don Carlos von Spanien vorkommt.)
Wielands Agathon.

und, wenn Sie welche haben,
Reisebeschreibungen -"

Offenbar hat er genügend Bücher bekommen, um das Leben auf dem Dorf ("dem barbarischen Bauerbach") ohne geistige Schäden zu überstehen :-)


25. August 2001

Study: Human Genes Undercounted

Nach dem Abschluss des Human Genome Projects bezweifelten einige Kritiker die gefundene Zahl der menschlichen Gene: 30.000 seien seltsam wenig. Wäre es möglich, dass Geschwindigkeit Vorrang vor Sorgfalt hatte?
In der Tat ist die Unterscheidung zwischen sinnhaltigem genetischen Material (vulgo Gen) und dem zahlreich vorhandenen Genschrott auch mit den neuesten molekulargenetischen Methoden eine heikle Angelegenheit. Eine aktuelle Studie prognostiziert nun 42.000 Gene und dürfte die Diskussion weiter verschärfen.

Bibliothek: Neuzugänge

Der Reclam Verlag hat sicher keinen Grund, sich über mich zu beklagen. Das hängt aber zu einem guten Teil mit seiner Monopolstellung zusammen. Gäbe es alternative Ausgaben, stünden sicher viel weniger dieser gelben Hefte in meiner Bibliothek. Laut Bibliotheksdatenbank befinden sich exakt 414 Reclam-Bücher in meinen Regalen.

Autor Titel Verlag Kommentar
O.A.W. Dilke Maße und Gewichte in der Antike Reclam UB Mit 59 Abbildungen
Pierre Corneille Der Cid Reclam UB Übersetzt von Arthur Luther
Marivaux Das Spiel von Liebe und Zufall Reclam UB Übersetzt von Gerda Scheffel
Madame de La Fayette Die Prinzessin von Cleves Reclam UB Übersetzt von Eva und Gerhard Hess


Clive Stroud-Dinkwater: Defending Logocentrism
(Philosophy and Literature 1/2001)


Schon der Titel des Aufsatzes ist erfrischend. Der Autor hat sich für eine interessante Taktik entschieden: Ludwig Wittgenstein, Donald Davidson und Thomas Kuhn sind drei Denker, deren Theorien regelmäßig für postmoderne Anliegen zweckentfremdet werden. Stoud-Dinkwater zeigt anhand von drei Beispielen, dass zentrale Ideen dieser Philosophen poststrukturalistischen Grundsatzpostionen widersprechen.


22. August 2001

Ein "geflickter Lumpenkönig"
In einem bisher unbekannten Brief von 1933 übt Thomas Mann Kritik an Hitler


(APA) Frankfurt/Main - Einen bisher unbekannten, gegen das Naziregime gerichteten Brief des Schriftstellers Thomas Mann aus dem Jahr 1933 hat die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am Dienstag veröffentlicht. Darin setzt sich Mann kritisch mit der veränderten politischen Lage nach Hitlers Machtergreifung 1933 auseinander. Unter anderem bezeichnet er Hitler als einen "geflickten Lumpenkönig", der "schauerliche Geschichtsfälschungen ... ins Mikrophon bellen darf". Die Deutschen seien so "märchenthöricht", sich das gefallen zu lassen.
Mann schrieb den Brief am 4. Februar 1933, wenige Tage nach der Machtergreifung, an den Historiker Eugen Fischer-Baling. Dieser, ebenfalls ein Hitler-Kritiker, hatte sich in seinem 1932 erschienenen Buch "Volksgericht" mit den historischen Hintergründen des Ersten Weltkriegs beschäftigt. Der Schriftsteller brach eine Woche nach Verfassen des Briefes zu einer Vortragsreise nach Amsterdam, Brüssel und Paris auf. Anders als geplant kehrte er von dieser Reise nicht nach Deutschland zurück; sie führte ihn ins Exil in die Schweiz und später in die USA.
Der Brief stammt nach Angaben von FAZ-Feuilletonchef Patrick Bahners aus dem Nachlass des 1964 gestorbenen Fischer-Baling und war bisher nicht veröffentlicht worden. Die ersten bisher bekannten Äußerungen Manns gegen das Dritte Reich stammen aus einem Brief von 1937.


21. August 2001

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Einhard Vita Karoli Magni / Das Leben Karls des Großen Reclam UB Lateinisch/Deutsch
Seneca Medea Reclam UB Lateinisch / Deutsch
Thieme, Paul (Hrsg.) Gedichte aus dem Rig-Veda Reclam UB Teil der UNESCO Sammlung repräsentativer Werke
Thomas Nagel Was bedeutet das alles? Eine ganz kurze Einführung in die Philosophie Reclam UB Preiswertes Büchlein (5.-) eines analytischen Philosophen
Munish B. Schiekel Dhammapada - die Weisheitslehren des Buddha Herder Spektrum Vorwort von Thich Nhat Hanh, wer immer das sein mag :-)


19. August 2001

Schiller an Wolfgang Heribert von Dalberg über die "Räuber":

[3. November 1781]

Daß E.E. die Amalia lieber erschießen als erstechen laßen wollen gefällt mir ungemein, und ich willige mit Vergnügen in diese Veränderung. Der Effekt muß erstaunlich seyn, und kömmt mir auch räubermäßiger vor.

Norbert Niemann: Schule der Gewalt. Roman
(Hanser Verlag)


Nach dem gelungenen Debüt "Wie man's nimmt" griff ich gespannt zu dem noch druckfrischen zweiten Roman des Autors. Ein Fehler, wie sich schnell herausstellte, denn das Buch ist völlig missglückt. Offensichtlich am Reißbrett entworfen, reiht Niemann pauschal ein Klischee über Jugend und Popkultur* an das nächste, vieles davon nur behauptet statt gezeigt.
Das Buch ist mit literarisch kaum verarbeiteten sozialen Problemen zugeschüttet, ein ästhetisch plausibles Konzept ist auch bei intensiver Suche nicht aufzufinden.
Warum sich ein Deutschlehrer in seinen Aufzeichnungen sprachlich am Jugendjargon orientiert, ist unschlüssig. Die Existenznöte eines frustrierten Lehrers wurden literarisch auch schon um viele Klassen besser dargestellt. Man denke nur an "Zündels Abgang" von Markus Werner. Alles in allem ein ärgerliches Buch, vor dessen Lektüre ich nur warnen kann.
(*) Mir selbst ist die Popkultur völlig fremd, und normalerweise begrüße ich jede Kritik daran.


18. August 2001

Philip Kitcher: The Lives to Come. The Genetic Revolution and Human Possibilities
(Touchstone Paperback)

Genervt durch das oberflächliche Gentechnik-Gerede in den Medien, fasste ich vor längerer Zeit den Entschluss, mich etwas ausführlicher mit der Molekularbiologie zu beschäftigen.
Kitcher ist nun kein Biologe, sondern ein in New York lehrender Wissenschaftsphilosoph, der bereits einige kluge wissenschaftstheoretische Bücher schrieb, so "The Advancement of Science" (1993). In seiner jüngsten Publikation setzt er sich philosophisch mit den Folgen der Gentechnik auseinander.
Nach einem Abschnitt über die wichtigsten "handwerklichen" Methoden der Molekularbiologen, behandelt Kitcher kapitelweise die wichtigen Problemkomplexe (Gentests, Gentherapien, forensische Anwendungen, Eugenik ...). Dabei betont er regelmäßig die sozialen Auswirkungen der neuen Methoden (Stichwort: Gesundheitssystem der Industriestaaten) und weist auf die Komplexität der Umweltbedingungen bei der Persönlichkeitsentwicklung hin. Die Suche nach Genen, die das menschliche Verhalten determinieren, trage dieser Komplexität nur selten Rechnung. Deshalb sei auch keine Revolution des menschliche Selbstbildes zu erwarten (wie durch Kopernikus oder Darwin).
Alles in allem ein erfreulich intelligentes Buch zu einem der wichtigsten wissenschaftliche Themen der nächsten Jahre. Inzwischen ist bei Luchterhand auch eine deutsche Übersetzung erschienen: "Genetik und Ethik. Die Revolution der Humangenetik und ihre Folgen".

Wichtige Neuerscheinungen: Zweitausendeins

Autor Titel Verlag Kommentar
Ludwig Wittgenstein Wiener Ausgabe 2001 DM 30.- in Lizenz statt DM 980.-
Goethe Werke 2001 Die Goethe sechsbändige Sonderausgabe des Deutschen Klassiker Verlags als Sonderausgabe von 2001; für DM 50.- die perfekte Lese-Ausgabe


17. August 2001

Das neue Merkheft ist online

Mythos Großstadt
(Ausstellung im Wiener Kunstforum)


Ziel der Ausstellung ist die Dokumentation der urbanen Entwicklungen zwischen 1890 und 1937 in Zentraleuropa. Das gelingt auch überzeugend: Ein Teil widmet sich der Urbanitätstheorie, wo verschiedenste Konzepte aufeinander treffen, teilweise in Form von Regulierungsplänen. Während Otto Wagner überzeugende urbanistische Visionen vertrat, von denen einige auch umgesetzt wurden, gab es auch abwegige Ideen, beispielsweise dörfliche Strukturen als Vorbild für urbanes Leben heranzuziehen.
Der zweite Teil stellt die Entwicklung verschiedener Städte (Wien, Budapest, Zagreb, Prag ...) gegenüber und macht den Besucher mit den originellsten Ideen der damaligen Avantgarde vertraut.

Hayden Pelliccia: Was Jason a Hero?
(The New York Review of Books 12/2001)


Die Neuübersetzung der "Argonautika" des Apollonius Rhodios durch Peter Green (University of California Press) ist für Pelliccia ein willkommener Anlass um mehrere Dinge klar zu stellen. Green interpretiere das Epos in weiten Teilen falsch, wenn er die klassische Tradition antiker Epen für seine Deutung ins Zentrum rücke. Der Rezensent kann das mit einer Reihe von plausiblen Argumenten belegen.
Amüsant ist seine Kritik an dem Epos, sie liest sich wie der Verriss eines gerade erschienenen Buchs, wobei selbstverständlich Kriterien der antiken Ästhetik und Literaturtheorie zur Beurteilung herangezogen werden.

Eine kleine Kostprobe:

    There is little suspense, and very little sense that a plot is being advanced. Characters do not evolve, which in hindsight is unsurprising, given that almost nothing has been done to establish them in the first place. Changing the order of episodes around could often be done without much impact of the whole. In short, Apollonius has found in or made out of the traditional materials of the fleece story just the kind of loose, commodious, episodoc structure that Aristotle condemned and his own contemporary Callimachus embraced, using it for his own long poem "Aetia".


16. August 2001

Jason Epstein: Reading: The Digital Future
(The New York Review of Books 11/2001)


Als ehemaliger Leiter von Random House beschäftigt sich Epstein seit längerer Zeit mit der Zukunft des Lesens und des Verlagswesens im digitalen Zeitalter.
Seiner Meinung nach wird diese Zukunft weniger durch E-Books als durch das Print-of-Demand-Verfahren geprägt werden. Vergriffene Bücher gehörten in absehbarer Zeit der Vergangenheit an - und damit selbstverständlich auch mein Lamento, wie viele wichtige Bücher gerade nicht lieferbar sind.

Bücherherbst (14): Wissenschaftliche Buchgesellschaft

Wie Zweitausendeins zeichnet sich die WBG durch regelmäßige Publikation nützlicher Sonderausgaben aus. Besonders erfreulich ist die Ankündigung der "Summa contra gentiles" des Thomas von Aquin in einer erschwinglichen zweisprachigen Studienausgabe. Hoffentlich ein erster Schritt zu einer brauchbaren Neuausgabe der "Summa theologica", die offenbar seit Jahrzehnten niemanden abgeht :-)

Autor Titel Verlag Kommentar
Thomas von Aquin Summa contra gentiles WBG Q4/2001; 4 Bände kartoniert; zweisprachig; EUR 78,74.-
Rolf Schönberger Thomas von Aquins "Summa contra gentiles" WBG Der passende Kommentar dazu; Q4/2001; EUR 16,36
Herman Melville Moby-Dick oder der Wal WBG Neuübersetzung durch Matthias Jendis; Lizenzausgabe; EUR 27,61
Lambert Schneider; Christoph Höcker Die Akropolis von Athen. EIne Kunst- und Kulturgeschichte WBG Q4/2001; Lizenzausgabe; EUR 29,65
Wilhelm Dilthey Einleitung in die Geisteswissenschaften WBG Q4/2001; EUR 17,38


15. August 2001

Machiavelli: Der Fürst
(Kröners Taschenausgabe 235)

Es gibt Bücher, die man zu kennen glaubt, ohne sie gelesen zu haben. Machiavellismus ist ein gängiger Terminus für skrupellose Machtpolitik, "Der Fürst" wird gemeinhin als Beleg dafür angeführt. Nun zeichnen sich Klischees dadurch aus, dass sie einen wahren Kern besitzen, und so findet man viele Belege, die diese Interpretation stützen.
Man stößt aber ebenfalls auf konträre Aussagen, in denen Machiavelli ein idealistisches Herrscherbild zeichnet, und Gerechtigkeit einfordert. Die Rezeptionssituation erinnert an Nietzsche: Differenzierte Lektüre ist gefragt, nicht auf willkürliche Zitatensammlung gestützte Pauschalurteile.
Beeindruckend ist Machiavellis Sprache. Präzise Beschreibungen, logische Argumentation und treffende Metaphorik zeichnen seinen Stil aus. Faszinierend ist die analytische Schärfe seiner Analyse, aufschlussreich die Beobachtungen über menschliches Verhalten.
Aus geistesgeschichtlicher Perspektive interessant ist seine zweckrationale Methode. Sie zeigt einerseits, dass der gebetsmühlenhafte Vorwurf, die moderne Zweckrationalität sei ein Ergebnis der Aufklärung des 18. Jahrhunderts historisch falsch ist. Man könnte im Gegenteil argumentieren, dass die Aufklärer dieser Epoche bereits aus früheren "Fehlern" lernten und methodische Rationalität mit einem progressiven Wertekanon verbanden. Andererseits ist "Der Fürst" ein weiterer Beleg dafür, dass es oft sinnvoll ist, bei der politisch-ethischen Bewertung die methodisch-formale Ebene analytisch von den inhaltlichen Thesen zu trennen: Rationale, durch historische und politische Beobachtungen gestützte Analyse war zu Lebzeiten Machiavellis ausgesprochen progressiv: Die Gegenreformation stand ebenso noch bevor wie die irrationalen Exzesse der Hexenverfolgung.

Alan Ryan: New Vision of Liberty
(The New York Review of Books 11/2001)


Besprochen wird Emma Rothschilds Studie "Economic Sentiments: Adam Smith, Condorcet, and the Enlightenment" (Harvard University Press), die einen wichtigen Aspekt des Denkens im 18. Jahrhundert behandelt: Die Entstehung der ökonomischen Wissenschaft, die - wie fast alle Wissenschaften - historisch aus der Philosophie hervorging.
Ryan hebt vor allem hervor, dass Smith Werke wesentlich differenzierter sind als heute wahrgenommen wird. Beispielsweise hätte Smith eine Reihe von sozialen Problemen angesprochen, so das Lehrlingswesen. Junge Menschen würden ausgebeutet und hätten keine Bildungsmöglichkeiten.


13. August 2001

Web-Tipp: Penguin Classics

Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen: Nichts verdeutlicht die Misere der deutschsprachigen Verlagslandschaft mehr als ein Vergleich mit dem englischen bzw. amerikanischen Buchmarkt. Sucht man nach guten deutschsprachigen Klassikerreihen, stößt man auf den Insel Taschenbuch Verlag, dessen Frühjahrsprogramm kaum erwähnenswert war, und auf Manesse, dessen Gesamtverzeichnis augenscheinlich von der Schwindsucht befallen ist. Der Deutsche Klassiker Verlag richtet sich kaum an den "normalen" Buchkäufer.
Was bleibt? Außer Reclam ein paar verstreute Klassikerausgaben bei dtv und bei Aufbau, denn sowohl dtv klassik als auch die Aufbau Bibliothek wurden inzwischen als eigenständige Reihen eingestellt.
Ein Pendant zu den Penguin Classics ist weit und breit nicht in Sicht: Mehr als 2100 Klassiker aus allen Gebieten zu einem günstigen Preis in brauchbaren Editionen. Wohl dem, der des Englischen mächtig ist.

Antike im Web (5): Ephesus

Eine virtuelle Stadttour mit Panorambildern, einschließlich des Tempels des Hadrian und der Badeanlagen. Besonders empfehlen möchte ich naturgemäß einen Bibliotheksbesuch.


11. August 2001

John Updike: Unter dem Astronautenmond
(rororo)


Der zweite Teil der Rabbit-Tetralogie ist ästhetisch komplexer als sein Vorgänger. Ein Grund dafür ist die explizite politische Dimension des Werks. Implizit ist ein Roman als fiktionale Darstellung von Wirklichkeit natürlich immer politisch (wenn man den Begriff nicht zu eng fasst).
"Rabbit Redux" zeigt die Umwälzungen der amerikanischen Gesellschaft Ende der sechziger Jahre aus der Sicht eines Kleinbürgers, dessen Leben befristet aus den Fugen gerät. Updikes Leistung besteht darin, diese Bedeutungsschichten so in den Roman einzubetten, dass sie als integraler Bestandteil der Handlung wirken, keinesfalls aufgesetzt wie so oft in politischen Thesenromanen. Zudem konfrontiert Updike den Leser mit einer Vielzahl von Perspektiven und unorthodoxen Meinungen, die erst kombiniert ein Gesamtbild ergeben.
Literarisch ist das Buch von erstaunlicher Perfektion: Von der komplexen Metaphorik über die personale Erzähltechnik bis hin zur Zeitstruktur, Updike beherrscht sein Handwerk. Motivation genug, sich nach und nach durch sein Gesamtwerk zu lesen.

Bücherherbst (13): Reclam

Es ist schon bemerkenswert, dass eines der spannendsten Herbst-Verlagsprogramme aus dem Hause Reclam kommt. Aber da deutschsprachige Verlage kaum noch existieren, die regelmäßig geistesgeschichtliche und weltliterarische Werke in akzeptabler editorischer Qualität verlegen, hält sich die Überraschung in Grenzen.
Dank Reclam wird es endlich wieder einmal eine größere deutsche Ausgabe der Schriften Plotins geben. Übrigens sind die Werke Arthur Schnitzlers jetzt in der UB zu haben, nachdem sie nicht mehr urheberrechtlich geschützt sind.

Autor Titel Verlag Kommentar
Arnold Werner-Jensen Das Reclam Buch der Musik Reclam 10/2001; DM 49,90.-
Ulrich Suerbaum Der Shakespeare Führer Reclam 9/2001; DM 50.-
Goethe Zeichnungen Reclam Sonderausgabe; 9/2001; DM 90.-
Hans Dietrich Irmscher Johann Gottfried Herder Reclam UB 12/2001; DM 18.-
Hans-Peter Ecker (Hrsg.) Legenden. Heiligengeschichten vom Altertum bis zur Gegenwart Reclam UB 12/2001; DM 22.-
Hans-Ulrich Thamer Der Nationalsozialismus. Charisma und Gewalt Reclam UB 12/2001; DM 20.-
Benedikt Jeßnig Arbeitstechniken des literaturwissenschaftlichen Studiums Reclam UB 10/2001; DM 9.-
Sebastian Graeb-Könneker Literatur im Dritten Reich. Texte und Dokumente Reclam UB 12/2001; DM 16.-
Elisabeth Schmierer Kleine Geschichte der Oper Reclam UB 10/2001; DM 14.-
Plotin Ausgewählte Schriften Reclam UB 10/2001; DM 24.-
Thomas von Aquin Über sittliches Handeln Reclam UB 12/2001; DM 14.; zweisprachig-
La Mettrie Der Mensch eine Maschine Reclam UB 10/2001; DM 6.-


8. August 2001

Amazon

Sechs fast gleichzeitig bestellte Bücher bei Amazon.de zeitigten folgendes Ergebnis: Heute trafen sechs Päckchen ein. Jedes Buch wurde einzeln versendet, darunter solche bei denen das Porto von Bad Hersfeld nach Wien definitiv mehr kostet als das Buch.
Amazon argumentiert, dass das Zusammenfassen der Bücher logistisch teurer käme als sie getrennt zu verschicken. Auf diese Weise werden sie im Buchbereich aber kaum schwarze Zahlen schreiben ...

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Werner Liersch Goethes Doppelgänger. Die geheime Geschichte des Doktor Riemer AtV Gerade als TB erschienen
Arthur Schnitzler Jugend in Wien. Eine Autobiographie Fischer TB Nachwort von Friedrich Torberg
Gustav Meyrink Der Golem Ullstein TB Ullstein! :-)
Nico Rost Goethe in Dachau. Ein Tagebuch List Taschenbuch
John Irving Die Pension Grillparzer detebe Mini-detebe für DM 5.-
John M. Keynes The General Theory of Employment, Interest, and Money Great Mind Series Dringend notwendige Verstärkung der ökonomischen Bibliothek


5. August 2001

Das Museumsquartier Wien

Ich wollte mir mit einer ersten ausführlichen Besichtigung Zeit lassen, bis der Eröffnungsansturm vorüber war. Durch Aufsätze von Architekturkritikern wie Jan Tabor vorgewarnt, fand ich deren Befürchtungen bestätigt: Der Betrachter sieht sich mit einer uninspirierten Ansammlung von Gebäuden konfrontiert, die wie zufällig von einer gewaltigen Barockanlage eingerahmt werden. Nach der Umsetzung von kühnen architektonischen Ideen sucht man vergeblich. Es bleibt zu hoffen, dass wenigstens die Programme der dort untergebrachten Einrichtungen plausible Konzepte entwickeln, als Kontrapunkt zur architektonischen Beliebigkeit.

Web-Tipp: netbib weblog

Ein gelungenes Weblog rund um Bibliotheks-Themen. Regelmäßige Besuche lohnen sich.


4. August 2001

Thomas Bernhard: Amras
(Suhrkamp Taschenbuch)


1964 geschrieben ist diese Erzählung aufschlussreich für Bernhards literarische Entwicklung. So finden sich eine Vielzahl von thematischen Motiven, die für seine späteren Werke konstitutiv sind: die Beschäftigung der Figuren mit Geistesfragen (hier Naturwissenschaften und Musik), sein schonungsloser Blick auf die österreichische Provinz (hier Tirol), die Zurückgezogenheit der Protagonisten von der Welt (hier ein Turm), das Zerbrechen von Geistesmenschen an der Welt.
Bernhards zukünftiger Stil klingt bereits an, er unterscheidet sich aber deutlich von seinem "reifen" Romanstil. Seine spätere Übertreibungskunst relativiert seine Kritik durch Ironie, ohne sie zu entkräften. In "Amras" ist wenig davon enthalten, so dass das schmale Werk einen viel düsteren Eindruck auf den Leser macht als seine Hauptwerke.

Web-Tipp: Andreas Breitenstein über Robert Menasses neuen Roman

Viel wird sie gescholten, die Literaturkritik der Gegenwart: Es mangele ihr an ästhetischer Reflexion, sie sei zum verlängerten Arm der Werbeabteilungen der Verlage verkommen.
Aber es gibt sie noch, die klugen Rezensionen, nicht wenige davon sind in der NZZ zu finden. Ein aktuelles Beispiel ist Andreas Breitensteins umfangreiche Auseinandersetzung mit "Die Vertreibung aus der Hölle". Er beschränkt sich nicht auf die ereignisreichen Handlungsstränge des Romans, sondern untersucht vorbildlich auch die ästhetische Struktur des Werkes.


29. Juli 2001

Web-Tipp:
Joseph Epstein: The Great Bookie Mortimer Adler, 1902-2001


Knapp hundertjährig starb Ende Juni Mortimer J. Adler Mortimer J. Adler, der maßgeblich an der letzten Revision der Encyclopeadia Britannica beteiligt war, eine der größten lexikographischen Leistungen des 20. Jahrhunderts. Auf Adlers Anregung basiert vor allem die strukturelle Aufteilung der Wissensgebiete, wie man sie in der Propeadia nachlesen kann, einer einzigartigen Kombination aus Gliederung & Inhaltsangabe für eine Enzyklopädie. Mit ihrer Hilfe ist es möglich, sich einen umfassenden Überblick über ein neues Sachgebiet zu erarbeiten.
Auch "The Great Books of the Western World", eine monumentale Anthologie wichtiger Werke der Geistesgeschichte in 54 Bänden wurde von Adler publiziert. Durch sein Engagement für die Lektüre von "Great Books" wurde er zu einem der bekanntesten Verfechter des klassischen Kanons.
Epstein zeichnet in seinem ausführlichen Nachruf allerdings ein wenig vorteilhaftes Bild des Philosophen. Vor allem Charakterschwächen Adlers haben es ihm angetan, seine Leistung rund um die neue Britannica würdigt er kaum. Es ist sicher richtig, dass Adler kein bedeutender Philosoph im traditionellen Sinn des Wortes war: Er leistete kaum Beiträge zu neuen Erkenntnissen. Trotzdem war sein Streben, umfassende Wissensvermittlung auf hohem intellektuellen Niveau für ein möglichst breites Publikum zu erreichen, klassisch aufklärerisch.
Ein Trost zu wissen, dass Adler fast 100 Jahre alt wurde, so war ihm deutlich mehr Zeit zur Lektüre seiner "Great Books" vergönnt, als dem durchschnittlichen Sterblichen zur Verfügung steht.

Buch-Hinweise:

Mortimer J. Adler; Charles van Doren: How to Read a Book. The Classical Guide to Intelligent Reading. New York 1972
Mortimer J. Adler: Six Great Ideas. New York 1981
Mortimer J. Adler: Philosopher at Large. An intellectual Autobiography 1902 - 1976. New York 1977


Antike im Web (4): Classics Doctoral Student Finds Bones That Prove Homer Was Right About Sacrifices

Lange war es umstritten, ob Homers Beschreibungen der griechischen Opfer-Rituale authentisch sind oder erst nachträglich in die Epen eingefügt wurden. Nun scheinen neue archäologische Erkenntnisse zu belegen, dass Homers Beschreibungen tatsächlich zeitgenössische Bräuche schildern.


28. Juli 2001

Agota Kristof: Der Beweis. Roman
(Serie Piper)


"Der Beweis" folgt dem Roman "Das große Heft" als Mittelteil der Trilogie. Kristof beschreibt das trostlose Leben in einer osteuropäischen Kleinstadt nach dem 2. Weltkrieg. Die emotionslose, fast nur aus kurzen Hauptsätzen bestehende Sprache steht in starkem Kontrast zur Handlung, vor allem zur Gefühlswelt der Figuren. Zur Sprachknappheit passend die Zeitstruktur: Zwischen kurzen Abschnitten vergehen Jahre. Alle Versuche der Figuren, die Trostlosigkeit der Welt zu überwinden, scheitern. Ein beeindruckendes Buch.

Wichtige Neuerscheinungen

Autor Titel Verlag Kommentar
Terry P. Pinkard Hegel. A Biography Cambridge University Press knapp 800 Seiten Hegel auf dem aktuellen Stand der Forschung. Wohl bekomms :-)
Alexander Nehamas Virtues of Authenticity. Essays on Plato and Socrates Princeton University Press Nehmas ist ein kritischer Schüler von Gregory Vlastos, dem Begründer der analytischen Platon-Forschung
Jill Gordon Turning Toward Philosophy: Literary Device and Dramatic Structure in Plato's Dialogues Pennsylvania State University Press Plato-Forschung aus literaturwissenschaftlicher Perspektive
George Hoffmann Montaigne's Career Clarendon Press Lesenswerte neue biographische Studie


24. Juli 2001

Hartmut Lange: Die Reise nach Triest. Novelle
(detebe)


Mein erstes Werk von Hartmut Lange, eine knapp komponierte Novelle. Ein schwer kranker Philosophieprofessor bemerkt, dass seine Familie bereits begonnen hat, seinen Tod zu planen. Während einer Italienreise "verschwindet" er spurlos. Langes Erzählkunst besteht in der präzisen Knappheit des in kurzen Abschnitten Geschilderten. Der Leser erfährt nur das Notwendigste, um die psychologische Tragweite des Geschehens verstehen zu können. Lange setzt also gezielt Leerstellen ein, weshalb sich viel im Kopf des Lesers abspielt, nicht im Text.
Diese ästhetische Herangehensweise ist plausibel und macht neugierig auf weitere Werke des Autors.

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Markus Werner Der ägyptische Heinrich dtv Gerade als TB erschienen
Marbacher Magazin 94/2001 Hermann Broch 1886 - 1951. Eine Chronik Dt. Schiller-Gesellschaft Ausstellungskatalog; bearbeitet von Paul Michael Lützeler
Philosophy and Literature 1/2001 Art and Pornography John Hopkins University Press Eine Reihe interessanter Aufsätze, u.a. zur Literaturtheorie
Karl Philipp Moritz Andreas Hartknopf Reclam UB Hrsg. von Maria Wagner-Egelhaaf


22. Juli 2001

Christian Meier: Athen. Ein Neubeginn der Weltgeschichte
(TB)


Siebenhundert engbedruckte Seiten über die Geschichte Athens im 5. Jahrhundert v.C. zu schreiben, ist angesichts der zunehmenden Spezialisierung in der Geschichtswissenschaft ein bemerkenswertes Unterfangen. Die Monographie ist denn auch keine akademische Publikation, sondern versteht sich als ein "klassisches" Werk der erzählenden Geschichtsschreibung.
Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Christian Meier, Althistoriker in München, dafür Kollegenschelte einstecken musste. Nicht ganz zu Unrecht, verzichtet er doch komplett auf Anmerkungen. Auch eine Bibliographie sucht man vergebens, sieht man von Literaturhinweisen im Nachwort ab.
Trotz dieser Kritikpunkte hat das Buch zahlreiche Verdienste. Zweifellos handelt es sich um einen der interessantesten und für die europäische Geschichte prägendsten Zeitabschnitte, so dass eine umfassende, allgemeinverständliche Darstellung eine wichtige Lücke schließt. Meiers Monographie behandelt Teile der Vorgeschichte und die Geschichte des klassischen Athens im Detail, analysiert die Sonderstellung Athens und versucht, die Ursachen für die Entstehung der Demokratie zu erläutern. Bei der Lektüre dieser erklärenden Passagen würde man sich oft eine klarere Thesenbildung wünschen, man hat manchmal den Eindruck, Meier umkreise wichtige Aspekte, ohne sie direkt anzusprechen.
Eine Stärke des Buches ist die Einbeziehung der Tragödien und Komödien. Meier bettet die Stücke in den historischen und sozialen Kontext ein, versteht sie als Reaktion auf aktuelle politische Ereignisse, und erzielt dadurch oft (nicht immer) einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn. Demgegenüber kommt die geistesgeschichtliche Dimension (besser: Revolution) viel zu kurz. Die Bedeutung der griechischen Philosophie und Wissenschaft auf die Weltgeschichte hätte eine ebenso umfangreiche Behandlung verdient wie die Herausbildung der ersten Demokratie.
Insgesamt neigt sich die Waagschale jedoch zum Positiven, die vielen Lesestunden lohnen sich durchaus. Dem deutschen Buchmarkt wären viele vergleichbare Publikationen zu anderen wichtigen historischen Themen zu wünschen.


14. Juli 2001

Nabokov: Pnin
(rororo)


Es ist erfreulich, dass die von Dieter E. Zimmer sorgfältige übersetzte und kommentierte Werkausgabe nach und nach als Taschenbuch erscheint, zumal Rowohlt sich in der letzten Zeit nicht durch verlegerische Großtaten auszeichnet.
Bis jetzt konnte ich mich zu keinem endgültigen Urteil über "Pnin" durchringen, dazu ist der Roman in meinen Augen ästhetisch zu ambivalent. Vor allem die intendiert eigenartige Erzählperspektive bedürfte einer ausführlichen Analyse. Auf den ersten Blick schildert ein Ich-Erzähler Ausschnitte aus dem Leben eines schrulligen russischen Professors, der als Exilant an einer amerikanischen Provinzuniversität lehrt.
Das Erzählte ist wesentlich detaillierter als dem Ich-Erzähler bekannt sein könnte, der Vorwurf eines fehlerhaft konstruierten allwissenden Ich-Erzählers läge nahe. Selbstverständlich macht ein Nabokov keine solchen Fehler, sondern verfolgt mit dieser Struktur bestimmte Ziele, nämlich einerseits den Leser zu verunsichern, andererseits (mindestens) eine zusätzliche Ebene in den Roman einzuführen: Die Beziehung zwischen der fiktiven Figur Pnin und dem fiktiven Erzähler, dem es nicht gelingt, Pnin so kauzig darzustellen, wie beabsichtigt. Letztendlich setzt sich Pnin gegen seinen Schöpfer durch und gewinnt die Sympathie des Lesers. Man könnte auch sagen, Nabokov verbündet sich als Autor mit seiner Figur gegen seinen Erzähler.
Trotzdem (oder deshalb?) wirkt der Roman auf mich sehr artifiziell im negativen Sinn des Wortes. Vor allem die existenzielle Dimension in Pnins Biographie kommt zu kurz, aber auch Pnins Intellektualität hätte mehr geistigen Raum verdient.

Links:

International Vladimir Nabokov Society
Nabokov Mailingliste


10. Juli 2001

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Hartmut Lange Die Reise nach Triest detebe Zürich 1993
Agota Kristof Der Beweis Serie Piper 2. Band der Trilogie
Jörn Göres (Hrsg.) Goethes Leben und Werk in Bildern Insel Verlag Ein Geschenk


Antike im Web (3): Sparta

Die Seiten verschaffen einen grundsätzlichen Überblick über Sparta. Ergänzt werden die Informationen durch Bildmaterial, z.B. über Spartas Acropolis.


7. Juli 2001

Ingrid Rowland: Etruscan Secrets
(The New York Review of Books 11/2001)


Im Vergleich mit den alten Griechen oder Römern ist das Wissen über die Etrusker vergleichsweise spärlich. Ingrid Rowland gibt in Ihrem Aufsatz einen ausgezeichneten Überblick über den aktuellen Forschungsstand. Anlass ist die Anfang Juli zu Ende gegangene Ausstellung "Gli Etruschi", die in Venedig (Pallazzo Grassi) zu sehen war. Ein umfangreicher, auch auf Englisch erschienener Katalog dokumentiert das Projekt: "The Etruscans" (Editor: Mario Torelli). Die Autorin bespricht ebenfalls eine wichtige Neuerscheinungen zum Thema, Sybille Haynes' "Etruscan Civilization: A Cultural History".

Bücherherbst (12): Kiepenheuer & Witsch, Königshausen & Neumann

Angesichts der Schwerpunkte des Verlagsprogramms der letzten Jahre, hatte ich schon fast vergessen, dass KiWi ab und zu auch interessante Bücher veröffentlicht. So im Herbst eine zweibändige Edition mit ausgewählten Briefen Heinrich Bölls. Meine Rezension einer älteren Briefedition ist ebenfalls online zu finden.

Autor Titel Verlag Kommentar
Heinrich Böll Briefe aus dem Krieg. 1939 - 1945 KiWi 9/2001; 2 Bände im Schuber; DM 98.-
Jürgen Nelles Bücher über Bücher. Das Medium Buch in Romanen des 18. und 19. Jahrhunderts. Königshausen & Neumann Herbst 2001; DM 68.-


1. Juli 2001

Wendell V. Harris: Poststructural Theorizing and Hollow Dialectic
(Philosophy and Literature 2/2000)


Thematisch schließt dieser kleine Aufsatz an die gestrige Notiz über die Fragwürdigkeiten des New Historicism an, auch wenn er theoretisch allgemeiner gehalten ist. Wendell V. Harris ist einer der bekanntesten amerikanischer Kritiker des poststrukturalistische Theoriewesen, und gab beispielsweise den empfehlenswerten Sammelband "Beyond Poststructuralism" (1996) heraus.
Hier beschäftigt er sich mit der Frage, warum die Kritik am Poststrukturalismus oft so schwierig ist:

    There are at least four major difficulties in exposing the absurdities one is likely to encounter in PT [=poststructural theorizing]. To begin with, scholars aware of the dangers of applying formulations valid in one field to phenomena of a quite different field of study are understandably wary of expressing criticism of those portions of a theorist's work that draw on disciplines in which they lack full competence. Thus for instance conscientious psychologists, physicists, or linguists hesitate to go beyond their fields in criticizing the high-flying interdisciplinarity of practioners of PT [...]
    Second, convincing demonstration that a theorist has misunderstood or misused concepts drawn from a particular field of knowledge is likely to depend on the reader having just the kind of background in that field that the errant theorist lacked.
    Third, given that contemporary theorists appear to thrive on obscurity, it becomes difficult to target the precise meaning of a PT text. Fourth, in that much of what seems exaggerated, unsound, undocumented, or confused in the work of poststructural theorists is merely part of an overall argument, a part whose relevance to the main argument is not always clear [...]
    [S. 425 / 426]

Absurditäten des Computer-Alltags

Nach so viel Theorie noch ein amüsanter Einschüb, nämlich ein PDF-Dokument, das eine Reihe von absurden Fehlermeldungen grafisch aufbereitet versammelt: "Beim Speichern der Änderungen ist der folgende Fehler aufgetreten: Der Vorgang wurde ausgeführt." :-)



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