Übersicht --- Notizen --- Archiv --- 3. Quartal 2001
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| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Barbara Meier | Giuseppi Verdi | rororo Monographie | Neuausgabe 2000 |
| Scheindler, A. | Lateinische Schulgrammmatik. | F. Tempsth | *(1); Wien 1903 |
24. September 2001
Bibliothek: Neuzugänge
Als besonders ergiebig erwies sich heute ein Besuch der Alten Bücherstube, ein wohlsortiertes Wiener Antiquariat. Die ersten acht Titel der folgenden Liste erwarb ich dort.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Michail Lermontow | Der Held unserer Zeit. | Bühl-Verlag | Zürich 1945; Dieser wichtige Roman ist derzeit nicht regulär lieferbar |
| Romain Rolland | Ludwig van Beethoven | Max Rascher | Zürich 1918 |
| Romain Rolland | Beethovens Meisterjahre. Von der Eroica bis zur Appassionata | Insel | Leipzig 1930 |
| Michaelangelo | Briefe, Gedichte, Gespräche | Fischer Bücherei | Frankfurt 1957 |
| Arthur Rubinstein | Erinnerungen. Die frühen Jahre. | Fischer TB | Frankfurt 1979 |
| Erich Schenk | Mozart. Eine Biographie | Goldmann TB | ohne Datum |
| Albert Ludwig | Schiller. Sein Leben und Schaffen | Ullstein | Berlin/Wien 1912. Rezeptionsgeschichtlich interessante populäre Darstellung mit zahlreichen Abbildungen |
| Hermann Bahr | Theater der Jahrhundertwende. Kritiken von Hermann Bahr | H. Bauer | Wien 1963 |
| Neue Rundschau 3/2001 | Buddenbrooks nach 100 Jahren | S. Fischer | via Amazon.de |
| ADAC Stadtplan | New York | ADAC | Auf dem Cover das World Trade Center ... |
| Jan Gympel | Geschichte der Architektur. Von der Antike bis heute. | Könemann | Großformatige, knapp gehaltene Einführung |
23. September 2001
Wagner in Wien (1)
Die Meistersinger von Nürnberg
(Volksoper 22.9. 2001)
Walther von Stolzing: Johan Botha
Hans Sachs: Oskar Hillebrandt
Veit Pogner: Bjarni Thor Kristinsson
Beckmesser: Jochen Schmeckenbecher
Eva: Fionnuala McCarthy
Chor und Zusatzchor der Volksoper Wien, Wiener Konzertchor, Hochschulchor
Inszenierung: Christine Mielitz
Musikalische Leitung: Sebastian Weigle
Skeptisch ging ich in die Volksoper, in der ein guter Teil des Spielplans aus den immer gleichen Operetten besteht. Wagner statt Lehar?
Gesanglich war der Abend jedoch erstklassig, musikalisch ebenfalls passabel, auch wenn man hörte, dass Wagner für das Orchester des Hauses einen ungewohnten Kraftakt bedeutete. Vor allem dank der überwiegend ausgezeichneten Sänger(innen) und Chöre war es ein gelungener Opernabend. Weniger überzeugend die Inszenierung, die zwar versucht einige ironische Akzente zu setzen und die komödiantische Seite des Stückes zu betonen, aber die berüchtigten Strophen des Hans Sachs über "welschen Tand" und "deutsche Kunst" unkritisch über die Bühne bringt.
Die Aufführung zeigt auf jeden Fall, welch großes musikalisches Potenzial in der Volksoper steckt, weshalb sicher weitere Besuche (nein, keine Operetten :-) folgen werden.
Wagner in Wien (2)
Das Rheingold
(Staatsoper 23.9. 2001)
Wotan: Alan Held
Loge: Christian Franz
Alberich: Georg Tichy
Mime: Ernst-Dieter Suttheimer
Fricka: Margareta Hintermeier
Erda: Marjana Lipovsek
Orchester der Wiener Staatsoper
Inszenierung: Adolf Dresen
Musikalische Leitung: Jun Märkl
Im Gegensatz zum Orchester der Volksoper ist der Klangkörper der Staatsoper seit Jahrzehnten mit Wagner vertraut, das Ergebnis ist denn auch entsprechend beeindruckend. Märkl läßt Dissonanzen besonders hörbar hervortreten, was einen frischen Wagnerklang ergibt.
Die erstklassigen gesanglichen Qualitäten sind homogener als bei der gestrigen Aufführung, Ausrutscher nach unten gibt es nicht. Die szenische Darbietung ist jedoch ein Trauerspiel, von überzeugenden Regieideen keine Spur, deshalb erstaunt es, dass diese Inzensierung bereits seit 1992 auf dem Programm steht.
Angesichts des teilweise auffällig unruhigen Publikums verstehe ich Ludwig II. immer besser: An seiner Stelle hätte ich mir Wagner-Aufführungen ebenfalls alleine angehört :-)
Postmoderne Dummheiten: Jacques Derrida zu den Terroranschlägen
Frankfurt - Der französische Philosoph Jacques Derrida, der am Samstag in der Paulskirche von Frankfurt den Theodor-W.-Adorno-Preis (703.500 Schilling) erhielt, fühlt sich nach den Terroranschlägen in seiner Philosophie der Dekonstruktion, in der es keine absolute Wahrheit und keinen letzten Sinn gibt, bestätigt. (dpa)
Dabei würde ein Blick in seine Bücher genügen, um die Existenz von Sinn-losigkeit an sich grandios zu belegen. Seine anderen Thesen sind bereits ein paar tausend Jahre alt, aber das scheint ihn ja nicht zu stören: Marketing statt Philosophie ist angesagt.
22. September 2001
Lirez: Neue Rezensionen
Zima, Peter V.: Theorie des Subjekts. Subjektivität und Identität zwischen Moderne und Postmoderne. (UTB 2176). Tübingen u. Basel: Francke 2000. (Rezensiert von Oliver Jahraus). Veröffentlicht am 18.09.2001.
Zima ist ein Literaturwissenschaftler, den ich sehr schätze. Auf meine Rezension seines vorletzten Buches zum Thema "Moderne/Postmoderne" sei deshalb kurz hingewiesen.
Keine "Frankfurter Ausgabe" bei Amazon
Ich hatte aus Bequemlichkeit erwogen, die neue "Große Frankfurter Ausgabe" der Werke Thomas Manns komplett bei Amazon zu bestellen. Es fand sich im Katalog jedoch keine Bestellmöglichkeit. Ich schrieb eine kurze Mail und fragte nach, ob sie denn kein Interesse an der Bestellung von 58 hochpreisigen Bänden hätten. Ein paar Tage später kam folgende Antwort:
Sehr geehrter Herr Koellerer,
vielen Dank fuer Ihre Nachricht an Amazon.de!
Die Auslieferung von Fortsetzungswerken bzw. Abonnements haben wir bereits
vor geraumer Zeit eingestellt, da die Bestellung von Abonnements sich in
unserem Bestellsystem nicht verwalten laesst.
Bestehende Abonnements wurden bei den Verlagen gekuendigt und koennen nur
noch ueber die Verlage selbst bezogen werden.
Aus diesem Grund koennen wir Ihnen nur die einzelnen Baende des
Abonnements anbieten.
Derzeit ist es uns aus technischen Gruenden nicht moeglich, Buecher zum
Subskriptionspreis auf unserer Website anzubieten. Wir bedauern dies
und arbeiten an einer Loesung.
Wir bitten um Verstaendnis. Bei Fragen stehen wir Ihnen gerne zu
Verfuegung.
Mit freundlichen Gruessen
Britta Potthoff
Katalog Team Buch Amazon.de
Schiller über Geschichte
Brief an Christian Gottfried Körner vom 15. April 1786
Täglich wird mir die Geschichte theurer. Ich habe diese Woche eine Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs gelesen, und mein Kopf ist mir noch ganz warm davon. Daß doch die Epoche des höchsten Nationen-Elends auch zugleich die glänzendste Epoche menschlicher Kraft ist! Wie viele große Männer giengen aus dieser Nacht hervor! Ich wollte daß ich zehen Jahre hintereinander nicht als Geschichte studiert hätte. Ich glaube ich würde ein ganz anderer Kerl sein. Meinst Du daß ich es noch werde nachhohlen können?
18. September 2001
Mehr als ...
... 1000 Pageimpressions in der letzten Woche sind zu vermelden. IMO sehr erstaunlich angesichts der nicht gerade publikumswirksamen Themenwahl :-)
Lirez: Neue Rezensionen
Douglas, J. Yellowlees: The End of Books - or Books without End?. Ann Arbor: University of Michigan Press 2000. (Rezensiert von Beat Suter). Veröffentlicht am 13.09.2001. Redaktion: Jahrbuch für Computerphilologie. Fachteil(e): Computerphilologie; Literaturtheorie: Themen; Medien. Fachreferent: Redaktion Jahrbuch für Computerphilologie.
Haldemann, Alexander: Electronic Publishing. Strategien für das Verlagswesen (Gabler Edition Wissenschaft: Interaktives Marketing). Deutscher Universitätsverlag 2000. (Rezensiert von Margit Roht Michael Meier). Veröffentlicht am 11.09.2001. Redaktion: IASL online. Fachteil(e): Buchwissenschaft; Medien. Fachreferent: Redaktion IASL online.
Suter, Beat / Böhler, Michael (Hg.): hyperfiction. Hyperliterarisches Lesebuch: Internet und Literatur, mit CD-ROM. Basel, Frankfurt a.M.: Stroemfeld 1999 (nexus 50)[Buch+CD]. (Rezensiert von Simone Winko). Veröffentlicht am 07.09.2001. Redaktion: Jahrbuch für Computerphilologie. Fachteil(e): Computerphilologie; Literaturtheorie: Themen; Medien. Fachreferent: Redaktion Jahrbuch für Computerphilologie.
Schiller über Lesen und Bildung
Brief an Christian Gottfried Körner vom 15. April 1786
Ich muss ganz andre Anstalten treffen mit Lesen. Ich fühle es schmerzlich, daß ich noch so erstaunlich viel lernen muß, säen muß um zu Aerndten. Im besten Erdreich wird der Dornstrauch keine Pfirsiche tragen, aber eben sowenig kann der Pfirsichbaum in einer leeren Erde gedeihen. Unsre Seelen sind Destillationsgefäße, aber Elemente müssen ihnen Stoff zutragen, um in vollen saftigen Blättern ihn auszuschwellen.
Richard Holmes: Triumph of an Artist
(The New York Review of Books 14/2001)
Aufschlussreicher Artikel über den Stand der James-Boswell-Forschung anhand zweier Neuerscheinungen. Es findet seit einigen Jahren eine Neubewertung seines Werkes statt, d.h. er wird nicht mehr nur als Eckermann von Dr. Johnson gesehen.
17. September 2001
Oxford World Classics
Die wichtige Klassik-Reihe feiert ihren 100. Geburtstag. Auf ausgewählte Titel gibt es deshalb hohe Rabatte.
Kanondiskussion
Heute als Rezensionsexemplar hier eingetroffen "Die Bibliothek. 44 Bücher, die man gelesen haben muss" von Karl Hugo Pruys (Quintessenz Verlag). Die ausgewählten Bücher sind teils nachvollziehbar, teils eigenartig. Mehr dazu später.
Wichtige Neuerscheinungen
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Ian Hacking | An Introduction to Probability and Inductive Logic | Cambridge University Press | Ein zentrales Thema der Wissenschaftsphilosophie aus einer prominenten Feder |
| Lionel Casson | Libraries in the Ancient World | Yale University Press | Neues Bibliomanikum |
| Neue Rundschau | Buddenbrooks - Ein Jahrhundertroman | S. Fischer | Heft 3/2001 |
| Paul Cartledge | Spartan Reflections | University of California Press | Essays über Sparta und die Sparta-Forschung |
| Mark Munn | The School of History. Athens in the Age of Socrates | University of California Press | Positiv besprochen im TLS |
16. September 2001
Die Luft wird dünner für den Online-Buchhandel
Mahler: Symphonie Nr. 7
(Wiener Musikverein am 15. September 2001)
Chicago Symphony Orchestra
Daniel Barenboim
Barenboim ein Mahler-Dirigent? Barenboim ein Mahler-Dirigent! Zumindest gelang es ihm, eine solide, eigenständige Interpretation dieses für mich nach wie vor rätselhaften Orchesterwerks vorzulegen. Einerseits war ein deutliches Bemühen um Transparenz wahrzunehmen, die kleinsten klanglichen Details wurden schön herausgearbeitet, teilweise mit interessanten Akzenten versehen (Gitarre im zweiten Nachtstück).
Trotz des Bemühens um Klarheit war die Aufführung nicht so analytisch wie etwa bei Pierre Boulez. Allerdings steht Barenboim diesem Stil näher als dem expressionistischen Verständnis eines Bernstein oder Ozawa.
Am Rande sei noch bemerkt, dass die klangliche Differenz zum vorgestern gehörten Gustav Mahler Jugendorchester enorm war, es ist eben doch ein weiter Weg zurückzulegen, bis das Prädikat Spitzenorchester angemessen ist.
VLB & CO.
Markus Kolbeck beschäftigt sich in seiner aktuellen bibliomanischen Plauderei mit den neuesten Entwicklungen zum Thema.
Robert Skidelsky: What Makes the World Go Round?
(The New York Review of Books 13/2001)
In der Geschichtsschreibung ist in den letzten Jahren eine deutliche Tendenz auszumachen: Zusätzlich zu Studien über speziellen Themen erscheinen vermehrt groß angelegte Untersuchungen, die einen breiteren Ausschnitt der Weltgeschichte als Gegenstand wählen. Eines der wichtigsten historischen Bücher der letzten Jahre, das faszinierende "Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften" (im Original: "Guns, Germs and Steel. The Fates of Human Societies.") von Jared Diamond ist nur ein Beispiel.
Einem anderen ist dieser Aufsatz gewidmet, nämlich Niall Fergusons "The Cash Nexus: Money and Power in the Modern World, 1700 - 2000". Im Mittelpunkt dieser Wirtschaftsgeschichte steht der Versuch, den Einfluss des Finanzwesens zu analysieren, was nach Skidelsky auch passabel gelingt.
Diese ausführliche Rezension analysiert Fergusons Thesen kritisch und ist sehr lesenswert.
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Jacob und Wilhelm Grimm | Briefwechsel | Hirzel | Wohl eine der wichtigsten Editionen des Jahres |
| Maurice Maeterlinck | Der Schatz der Armen | Eugen Diederichs | Jena 1912 |
| Donald R. Kelley | Journal of the History of Ideas 2/2001 | John Hopkins University Press | Aufsätze u.a. über Zeno, Rousseau und Kant |
| Albert Kümmel | Das MoE-Programm. Eine Studie über geistige Organisation. | Wilhelm Fink Verlag | Rezensionsexemplar mit abschreckendem Klappentext | Marbacher Magazin 90/2000 | Paul Celan in Czernowitz | Schiller-Gesellschaft | Sonderheft |
13. September 2001
Mahler: Symphonie Nr. 8
(Wiener Musikverein am 13. September 2001)
Gustav-Mahler-Jugendorchester
Wiener Singverein
Prager Philharmonischer Chor
St. Florianer Sängerknaben
Elizabeth Whitehouse, Hillevi Martinpelto, Martina Jankova, Yvonne Naef, Jadwiga Rappe, Herbert Lippert, Peter Weber, Andreas Macco
Dirigent: Franz Welser-Möst
Eingangs sei erwähnt, dass ich die Achte von Mahler für seine problematischste Symphonie halte. Meine Bedenken sind ästhetischer Natur, nämlich ob es musikalisch plausibel ist, möglichst große emotionale Wirkung durch einen möglichst großen Klangapparat hervorzurufen.
Heute weiß ich: Es funktioniert. Zwar hörte ich alle Mahler-Symphonien mehrfach in Konzertsälen, gespielt von den unterschiedlichsten Orchestern. Die Achte war nie darunter, der Aufwand einer Aufführung mit drei großen Chören und zahlreichen Solisten ist enorm. Der Klangeindruck ist buchstäblich überwältigend, und es nötigt Respekt ab, mit welcher Kompromisslosigkeit Mahler seine "Gedankenmusik" in realen Klang verwandelte und mit welchem Kunstwillen er diese Klangmassen bändigte.
Franz Welser-Möst hatte damit einige Probleme. Vor allem bei den lautesten Stellen im ersten Teil (Hymnus) türmten sich die Klangberge ziemlich willkürlich und unstrukturiert auf, das konnte Bernstein in seiner letzten Einspielung (Salzburger Festspiele) besser, d.h. auch diese Teile waren nuancenreicher.
Es gab aber auch brillante Stellen, vor allem der Anfang des zweiten Teils, also der Beginn der Vertonung der Schlussszene des Faust II. gelang kongenial, fein differenziert näherte sich das Orchester dem ersten Einsatz des Chors. Die Chöre waren durchgehend hervorragend, die jungen Musiker überwiegend.
Ein gelungener und beeindruckender Konzertabend.
12. September 2001
Seneca über den Zorn
Novartus, du hast mich aufgefordert, ich solle darüber schreiben, wie der Zorn beschwichtigt werden könne, und nicht zu Unrecht, wie mir scheint, fürchtest Du diese Leidenschaft besonders, da sie am meisten von allen widerwärtig und tollwütig [ist]. Den übrigen nämlich wohnt noch etwas Ruhiges und Gelassenes inne, diese ist ganz und gar leidenschaftlich erregt und steht unter dem Ansturm von Schmerz, in kaum noch menschlicher Gier nach Waffen, Blut, Hinrichtungen rasend; wenn sie nur einem anderen schaden kann, ihrer selbst nicht achtend [...]
Manche also von den Philosophen haben den Zorn genannt: zeitweiligen Wahnsinn; denn in gleicher Weise ist er nicht Herr seiner selbst, des Anstandes vergessend, ohne an Bindungen zu denken, in dem, was er begonnen hat, beharrlich und rastlos, Vernunft und klaren Überlegungen unzugänglich, von nichtigen Anlässen umgetrieben, zur Unterscheidung von Gerecht und Wahr unfähig, dem einstürzenden Gebäude sehr ähnlich, das über dem, was es begräbt, zerschellt. [...]
[...] kein Unheil ist das Menschengeschlecht teurer zu stehen gekommen. Sehen wirst Du Mord, Vergiftung, gegenseitiger Anklage Schmutz, Zerstörung von Städten, ganzer Völker Ausrottung [...]
Die Vernunft läßt beiden Seiten Zeit; sodann sucht sie Gelegenheit zu Rechtsberatung auch für sich, damit sie Wahrheit an den Tag zu bringen Raum hat - der Zorn hat es eilig. Die Vernunft will das Urteil fällen, das gerecht ist - der Zorn will das für gerecht angesehen wissen, was es als Urteil gefällt hat.
Die Vernunft sieht auf nichts außer eben dem, um das es geht - der Zorn läßt sich durch Nichtiges und nicht zur Sache Gehöriges beeinflussen.
10. September 2001
Neue Thomas-Mann-Ausgabe
Wie konnte mir das entgehen: Ab Herbst erscheint eine neue Ausgabe der Werke Thomas Manns, die "Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Werke, Briefe, Tagebücher" (GKFA). Als Auftakt sollen die "Buddenbrooks" publiziert werden. Geplant sind 58 Bände.
Hier Links zu weiterführenden Informationen:
Thomas Mann im S. Fischer Verlag
Pressemitteilung des S. Fischer Verlags
Helmut Koopmann: Schillers Leben in Briefen
(Wissenschaftliche Buchgesellschaft; Darmstadt 2001)
Angesichts der vergleichsweise tristen Editionslage - keine Ausgabe des Briefwechsels mit Körner ist greifbar - ein lobenswertes Unterfangen. Koopmann stellt Auszüge aus Schillers wichtigsten Briefwechseln zusammen, denen jeweils ein Kommentar vorangestellt ist. Kurze Auszüge waren an dieser Stelle bereits zu lesen, weitere werden in losen Abständen folgen.
Brauchbar als Leseausgabe, keinesfalls als wissenschaftliche Edition. Als Germanist verläßt man sich nur ungern auf eine Vorauswahl. Trotzdem eine Bereicherung für den Buchmarkt.
9. September 2001
Zusammenfassung
Die Reihe Bücherherbst 2001 in einer eigenen Datei.
Überraschung bei Goldmann
Literarische Avantgarde bei Goldmann? Ich traute meinen Augen kaum als ich im aktuellen Taschenbuchprogramm des eigentlich überflüssigen Verlagshauses auf William Gaddis' Roman "JR" stieß.
Thomas Bernhard: Alte Meister - dramatisiert
(Akademietheater Wien 8.9. 2001)
Endlich war es mir gelungen eine der begehrten Karten für "Die Möwe" in der Inszenierung Luc Bondys zu bekommen. Zu früh gefreut: Jutta Lampe erkrankte und als Ersatz wurde eine dramatisierte Fassung von Bernhards "Alte Meister" gegeben (Regie und Dramaturgie: Stephan Müller, Claudia Hamm).
Vier Schauspieler schlüpften in die Rolle des Erzähler Atzbachers bzw. Regers und verwandelten den Roman in plausibel choreographiertes Sprechtheater. Kein Ersatz für Tschechow, nichtsdestotrotz ein gelungener Theaterabend.
Bemerkenswerterweise wurden Regers Ausführungen über Heidegger besonders wohlwollend vom Wiener Publikum zur Kenntnis genommen:
8. September 2001
E-paper moving closer
BBC-Redakteur Richard Taylor berichtet über den aktuellen Entwicklungsstand.
Schiller über Interdisziplinarität
Brief an Christian Gottfried Körner vom 7. Mai 1785
Ihre Wanderung durch die Wißenschaften, liebster Freund, die Sie mir so lebhaft beschrieben haben, darf Sie niemal gereuen. Es ist immerhin von entschiedenen Nutzen, wenn man in einem Felde zu Hauße, und in den übrigen kein ganzer Fremdling ist. Sie haben Ihren Geist in zerschiednen Sphären des Denkens geübt, und laufen nicht mehr Gefahr, sich pedantisch in Ihr Hauptfach hineinzugraben.
4. September 2001
David Brion Davis: Slavery - White, Black, Muslim, Christian
(The New York Review of Books 11/2001)
Ein weiterer Teil der losen Reihe über die Geschichte der Sklaverei und deren Erforschung. Diese Artikelserie ist ein Beleg dafür, dass politisch progressive, aufklärerische Geschichtsschreibung nicht zwangsläufig auf irrationalistischen theoretischen Grundlagen beruhen muss.
Davis beschäftigt sich hier vor allem mit der Geschichte der Sklaverei, bevor die Europäer die Vorherrschaft über dieses unappetitliche Geschäft gewannen. Ein lesenswerter Beitrag über eine weniger bekannten "Episode" der Weltgeschichte.
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Richard Miklin | Wien. Literarische Spaziergänge durch Vergangenheit und Gegenwart. | Klett-Cotta | Zur Urlaubsvorbereitung gedacht |
| La Rochefoucauld | Maxims | Wordsworth Classics | Eine englische Ausgabe mangels einer deutschen |
3. September 2001
Web-Tipp: Kindlers Neues Literatur-Lexikon
Die CD-ROM-Version wird von Michael Wögerbauer einer ausführlichen Kritik unterzogen.
Taneli Kukkonen:
Plenitude, Possibility, and the Limits of Reason: A Mediaval Arabic Debate on the Metaphysics of Nature.
(Journal of the History of Ideas 4/2000)
Kukkonens Aufsatz hat drei interessante intellektuelle Anliegen. Zum einen macht sie den Leser mit einer spannenden metaphysischen Debatte zwischen dem Philosophen Averroes und dem Theologen Abu Hamid al-Ghazali bekannt. Beide tragen ihre Differenzen auf einem hohen logischen und argumentativen Niveau aus, das in der heutigen nicht-analytischen Diskussion nur noch selten anzutreffen ist.
Zweitens stellt sie höchst aufschlussreiche Bezüge zu aktuellen naturphilosophischen Debatten her, beispielsweise der Suche nach der "grand unified formula" (theory of everything), also der Frage, ob es eine Theorie geben kann, die alles (im physikalischen Sinn) erklärt:
This has been said flatly to contradict Gödel's incompleteness theorem, which states that any consistent formal system rich enough to contain arithmetic is necessarily incomplete, i.e., that not all true propositions expressible in it can be proved from its axioms. If the theorem is right (and it is) and the world needs for its expression a system of at least the strength of arithmetic (which seems likely), then the world contains features (actual or possible, it makes no difference) not deducible from the system.
Drittens schließlich beschäftigt sich Kukkonen am Rande auch mit der Frage, in welcher Epoche die Wurzeln des modernen Weltbilds liegen. Es spricht nach den neueren Forschungen immer mehr dafür, diesen geistesgeschichtlichen Einschnitt partiell von der Renaissance zurück ins Mittelalter zu verlegen, weil bereits damals wichtige geistige Konzepte der Neuzeit entwickelt worden seien. Als ein Beispiel dafür - die Beschäftigung mit möglichen Welten - kann die Autorin diese Debatte anführen.
[S. 549]
Schiller über den richtigen Gebrauch der Zeit
Brief an Ludwig Ferdinand Huber vom 28. August 1787
Glaube mir es steht unendlich viel in unserer Gewalt, wir haben unser Vermögen nicht gekannt - dieses Vermögen ist die Zeit. Eine gewißenhafte sorgfältige Anwendung dieser kann erstaunlich viel aus uns machen. Und wie schön wie beruhigend ist der Gedanke, durch den bloßen richtigen Gebrauch von Zeit, die unser Eigenthum ist, sich selbst, und ohne fremde Hilfe ohne Abhängigkeit von Außendingen, sich selbst alle Güter des Lebens erwerben zu können. Mit welchem Rechte können wir das Schicksal oder den Himmel darüber belangen, daß er uns weniger als andre begünstigte - Er gab uns Zeit und wir haben alles sobald wir Verstand und ernstlichen Willen haben mit diesem Kapitale zu wuchern.
26. August 2001
Schillers Bücherwünsche als er sich in Bauerbach versteckt hielt
Brief an Wilhelm Friedrich Hermann Reinwald vom 9. Dezember 1782
"Sie waren so gütig meiner Bitte zuvorzukommen, und mir in meinen literarischen Bedürfnissen Vorschub zu versprechen. Ich bin also so frei Ihnen ohngefehr diejenigen Schriften zu merken, die mir zuerst einfallen, und meinen gegenwärtigen Wunsch am nächsten liegen. Sie sind:
Leßings kritische Schriften, also ohngefehr
Dramaturgie.
Theaterbibliotec.
Beiträge zur Litteratur.
Laokoon.
Homes Grundsätze der Kritik.
Rammlers Bibliothek der Schönen Künste und Wißenschaften.
Robertsohns Geschichte von Schottland.
Shakespears Othello und Romeo und Juliette.
Smiths Theorie der Empfindungen.
D. Humes Geschichte Carls 1sten von Engelland.
Zimermann von der Erfahrung in der Arzneikunst.
Alexander Gerard über das Genie, und den Geschmak.
Mendelsohns, Sulzers, Garves [Philosophische Schriften].
Ouevres de Mons. l'Abbe St Real. (Denjenigen Teil wo die Geschichte des Don Carlos von Spanien vorkommt.)
Wielands Agathon.
und, wenn Sie welche haben,
Reisebeschreibungen -"
Offenbar hat er genügend Bücher bekommen, um das Leben auf dem Dorf ("dem barbarischen Bauerbach") ohne geistige Schäden zu überstehen :-)
25. August 2001
Study: Human Genes Undercounted
Nach dem Abschluss des Human Genome Projects bezweifelten einige Kritiker die gefundene Zahl der menschlichen Gene: 30.000 seien seltsam wenig. Wäre es möglich, dass Geschwindigkeit Vorrang vor Sorgfalt hatte?
In der Tat ist die Unterscheidung zwischen sinnhaltigem genetischen Material (vulgo Gen) und dem zahlreich vorhandenen Genschrott auch mit den neuesten molekulargenetischen Methoden eine heikle Angelegenheit. Eine aktuelle Studie prognostiziert nun 42.000 Gene und dürfte die Diskussion weiter verschärfen.
Bibliothek: Neuzugänge
Der Reclam Verlag hat sicher keinen Grund, sich über mich zu beklagen. Das hängt aber zu einem guten Teil mit seiner Monopolstellung zusammen. Gäbe es alternative Ausgaben, stünden sicher viel weniger dieser gelben Hefte in meiner Bibliothek. Laut Bibliotheksdatenbank befinden sich exakt 414 Reclam-Bücher in meinen Regalen.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| O.A.W. Dilke | Maße und Gewichte in der Antike | Reclam UB | Mit 59 Abbildungen |
| Pierre Corneille | Der Cid | Reclam UB | Übersetzt von Arthur Luther |
| Marivaux | Das Spiel von Liebe und Zufall | Reclam UB | Übersetzt von Gerda Scheffel |
| Madame de La Fayette | Die Prinzessin von Cleves | Reclam UB | Übersetzt von Eva und Gerhard Hess |
22. August 2001
Ein "geflickter Lumpenkönig"
In einem bisher unbekannten Brief von 1933 übt Thomas Mann Kritik an Hitler
(APA) Frankfurt/Main - Einen bisher unbekannten, gegen das Naziregime gerichteten Brief des Schriftstellers Thomas Mann aus dem Jahr 1933 hat die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am Dienstag veröffentlicht. Darin setzt sich Mann kritisch mit der veränderten politischen Lage nach Hitlers Machtergreifung 1933 auseinander. Unter anderem bezeichnet er Hitler als einen "geflickten Lumpenkönig", der "schauerliche Geschichtsfälschungen ... ins Mikrophon bellen darf". Die Deutschen seien so "märchenthöricht", sich das gefallen zu lassen.
Mann schrieb den Brief am 4. Februar 1933, wenige Tage nach der Machtergreifung, an den Historiker Eugen Fischer-Baling. Dieser, ebenfalls ein Hitler-Kritiker, hatte sich in seinem 1932 erschienenen Buch "Volksgericht" mit den historischen Hintergründen des Ersten Weltkriegs beschäftigt. Der Schriftsteller brach eine Woche nach Verfassen des Briefes zu einer Vortragsreise nach Amsterdam, Brüssel und Paris auf. Anders als geplant kehrte er von dieser Reise nicht nach Deutschland zurück; sie führte ihn ins Exil in die Schweiz und später in die USA.
Der Brief stammt nach Angaben von FAZ-Feuilletonchef Patrick Bahners aus dem Nachlass des 1964 gestorbenen Fischer-Baling und war bisher nicht veröffentlicht worden. Die ersten bisher bekannten Äußerungen Manns gegen das Dritte Reich stammen aus einem Brief von 1937.
21. August 2001
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Einhard | Vita Karoli Magni / Das Leben Karls des Großen | Reclam UB | Lateinisch/Deutsch |
| Seneca | Medea | Reclam UB | Lateinisch / Deutsch |
| Thieme, Paul (Hrsg.) | Gedichte aus dem Rig-Veda | Reclam UB | Teil der UNESCO Sammlung repräsentativer Werke |
| Thomas Nagel | Was bedeutet das alles? Eine ganz kurze Einführung in die Philosophie | Reclam UB | Preiswertes Büchlein (5.-) eines analytischen Philosophen |
| Munish B. Schiekel | Dhammapada - die Weisheitslehren des Buddha | Herder Spektrum | Vorwort von Thich Nhat Hanh, wer immer das sein mag :-) |
19. August 2001
Schiller an Wolfgang Heribert von Dalberg über die "Räuber":
[3. November 1781]
Daß E.E. die Amalia lieber erschießen als erstechen laßen wollen gefällt mir ungemein, und ich willige mit Vergnügen in diese Veränderung. Der Effekt muß erstaunlich seyn, und kömmt mir auch räubermäßiger vor.
Norbert Niemann: Schule der Gewalt. Roman
(Hanser Verlag)
Nach dem gelungenen Debüt "Wie man's nimmt" griff ich gespannt zu dem noch druckfrischen zweiten Roman des Autors. Ein Fehler, wie sich schnell herausstellte, denn das Buch ist völlig missglückt. Offensichtlich am Reißbrett entworfen, reiht Niemann pauschal ein Klischee über Jugend und Popkultur* an das nächste, vieles davon nur behauptet statt gezeigt.
Das Buch ist mit literarisch kaum verarbeiteten sozialen Problemen zugeschüttet, ein ästhetisch plausibles Konzept ist auch bei intensiver Suche nicht aufzufinden.
Warum sich ein Deutschlehrer in seinen Aufzeichnungen sprachlich am Jugendjargon orientiert, ist unschlüssig. Die Existenznöte eines frustrierten Lehrers wurden literarisch auch schon um viele Klassen besser dargestellt. Man denke nur an "Zündels Abgang" von Markus Werner. Alles in allem ein ärgerliches Buch, vor dessen Lektüre ich nur warnen kann.
(*) Mir selbst ist die Popkultur völlig fremd, und normalerweise begrüße ich jede Kritik daran.
18. August 2001
Philip Kitcher: The Lives to Come. The Genetic Revolution and Human Possibilities
(Touchstone Paperback)
Genervt durch das oberflächliche Gentechnik-Gerede in den Medien, fasste ich vor längerer Zeit den Entschluss, mich etwas ausführlicher mit der Molekularbiologie zu beschäftigen.
Kitcher ist nun kein Biologe, sondern ein in New York lehrender Wissenschaftsphilosoph, der bereits einige kluge wissenschaftstheoretische Bücher schrieb, so "The Advancement of Science" (1993). In seiner jüngsten Publikation setzt er sich philosophisch mit den Folgen der Gentechnik auseinander.
Nach einem Abschnitt über die wichtigsten "handwerklichen" Methoden der Molekularbiologen, behandelt Kitcher kapitelweise die wichtigen Problemkomplexe (Gentests, Gentherapien, forensische Anwendungen, Eugenik ...). Dabei betont er regelmäßig die sozialen Auswirkungen der neuen Methoden (Stichwort: Gesundheitssystem der Industriestaaten) und weist auf die Komplexität der Umweltbedingungen bei der Persönlichkeitsentwicklung hin. Die Suche nach Genen, die das menschliche Verhalten determinieren, trage dieser Komplexität nur selten Rechnung. Deshalb sei auch keine Revolution des menschliche Selbstbildes zu erwarten (wie durch Kopernikus oder Darwin).
Alles in allem ein erfreulich intelligentes Buch zu einem der wichtigsten wissenschaftliche Themen der nächsten Jahre. Inzwischen ist bei Luchterhand auch eine deutsche Übersetzung erschienen: "Genetik und Ethik. Die Revolution der Humangenetik und ihre Folgen".
Wichtige Neuerscheinungen: Zweitausendeins
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Ludwig Wittgenstein | Wiener Ausgabe | 2001 | DM 30.- in Lizenz statt DM 980.- |
| Goethe | Werke | 2001 | Die Goethe sechsbändige Sonderausgabe des Deutschen Klassiker Verlags als Sonderausgabe von 2001; für DM 50.- die perfekte Lese-Ausgabe |
17. August 2001
Das neue Merkheft ist online
Mythos Großstadt
(Ausstellung im Wiener Kunstforum)
Ziel der Ausstellung ist die Dokumentation der urbanen Entwicklungen zwischen 1890 und 1937 in Zentraleuropa. Das gelingt auch überzeugend: Ein Teil widmet sich der Urbanitätstheorie, wo verschiedenste Konzepte aufeinander treffen, teilweise in Form von Regulierungsplänen. Während Otto Wagner überzeugende urbanistische Visionen vertrat, von denen einige auch umgesetzt wurden, gab es auch abwegige Ideen, beispielsweise dörfliche Strukturen als Vorbild für urbanes Leben heranzuziehen.
Der zweite Teil stellt die Entwicklung verschiedener Städte (Wien, Budapest, Zagreb, Prag ...) gegenüber und macht den Besucher mit den originellsten Ideen der damaligen Avantgarde vertraut.
Hayden Pelliccia: Was Jason a Hero?
(The New York Review of Books 12/2001)
Die Neuübersetzung der "Argonautika" des Apollonius Rhodios durch Peter Green (University of California Press) ist für Pelliccia ein willkommener Anlass um mehrere Dinge klar zu stellen. Green interpretiere das Epos in weiten Teilen falsch, wenn er die klassische Tradition antiker Epen für seine Deutung ins Zentrum rücke. Der Rezensent kann das mit einer Reihe von plausiblen Argumenten belegen.
Amüsant ist seine Kritik an dem Epos, sie liest sich wie der Verriss eines gerade erschienenen Buchs, wobei selbstverständlich Kriterien der antiken Ästhetik und Literaturtheorie zur Beurteilung herangezogen werden.
Eine kleine Kostprobe:
16. August 2001
Jason Epstein: Reading: The Digital Future
(The New York Review of Books 11/2001)
Als ehemaliger Leiter von Random House beschäftigt sich Epstein seit längerer Zeit mit der Zukunft des Lesens und des Verlagswesens im digitalen Zeitalter.
Seiner Meinung nach wird diese Zukunft weniger durch E-Books als durch das Print-of-Demand-Verfahren geprägt werden. Vergriffene Bücher gehörten in absehbarer Zeit der Vergangenheit an - und damit selbstverständlich auch mein Lamento, wie viele wichtige Bücher gerade nicht lieferbar sind.
Bücherherbst (14): Wissenschaftliche Buchgesellschaft
Wie Zweitausendeins zeichnet sich die WBG durch regelmäßige Publikation nützlicher Sonderausgaben aus. Besonders erfreulich ist die Ankündigung der "Summa contra gentiles" des Thomas von Aquin in einer erschwinglichen zweisprachigen Studienausgabe. Hoffentlich ein erster Schritt zu einer brauchbaren Neuausgabe der "Summa theologica", die offenbar seit Jahrzehnten niemanden abgeht :-)
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Thomas von Aquin | Summa contra gentiles | WBG | Q4/2001; 4 Bände kartoniert; zweisprachig; EUR 78,74.- |
| Rolf Schönberger | Thomas von Aquins "Summa contra gentiles" | WBG | Der passende Kommentar dazu; Q4/2001; EUR 16,36 |
| Herman Melville | Moby-Dick oder der Wal | WBG | Neuübersetzung durch Matthias Jendis; Lizenzausgabe; EUR 27,61 |
| Lambert Schneider; Christoph Höcker | Die Akropolis von Athen. EIne Kunst- und Kulturgeschichte | WBG | Q4/2001; Lizenzausgabe; EUR 29,65 |
| Wilhelm Dilthey | Einleitung in die Geisteswissenschaften | WBG | Q4/2001; EUR 17,38 |
15. August 2001
Machiavelli: Der Fürst
(Kröners Taschenausgabe 235)
Es gibt Bücher, die man zu kennen glaubt, ohne sie gelesen zu haben. Machiavellismus ist ein gängiger Terminus für skrupellose Machtpolitik, "Der Fürst" wird gemeinhin als Beleg dafür angeführt. Nun zeichnen sich Klischees dadurch aus, dass sie einen wahren Kern besitzen, und so findet man viele Belege, die diese Interpretation stützen.
Man stößt aber ebenfalls auf konträre Aussagen, in denen Machiavelli ein idealistisches Herrscherbild zeichnet, und Gerechtigkeit einfordert. Die Rezeptionssituation erinnert an Nietzsche: Differenzierte Lektüre ist gefragt, nicht auf willkürliche Zitatensammlung gestützte Pauschalurteile.
Beeindruckend ist Machiavellis Sprache. Präzise Beschreibungen, logische Argumentation und treffende Metaphorik zeichnen seinen Stil aus. Faszinierend ist die analytische Schärfe seiner Analyse, aufschlussreich die Beobachtungen über menschliches Verhalten.
Aus geistesgeschichtlicher Perspektive interessant ist seine zweckrationale Methode. Sie zeigt einerseits, dass der gebetsmühlenhafte Vorwurf, die moderne Zweckrationalität sei ein Ergebnis der Aufklärung des 18. Jahrhunderts historisch falsch ist. Man könnte im Gegenteil argumentieren, dass die Aufklärer dieser Epoche bereits aus früheren "Fehlern" lernten und methodische Rationalität mit einem progressiven Wertekanon verbanden. Andererseits ist "Der Fürst" ein weiterer Beleg dafür, dass es oft sinnvoll ist, bei der politisch-ethischen Bewertung die methodisch-formale Ebene analytisch von den inhaltlichen Thesen zu trennen: Rationale, durch historische und politische Beobachtungen gestützte Analyse war zu Lebzeiten Machiavellis ausgesprochen progressiv: Die Gegenreformation stand ebenso noch bevor wie die irrationalen Exzesse der Hexenverfolgung.
Alan Ryan: New Vision of Liberty
(The New York Review of Books 11/2001)
Besprochen wird Emma Rothschilds Studie "Economic Sentiments: Adam Smith, Condorcet, and the Enlightenment" (Harvard University Press), die einen wichtigen Aspekt des Denkens im 18. Jahrhundert behandelt: Die Entstehung der ökonomischen Wissenschaft, die - wie fast alle Wissenschaften - historisch aus der Philosophie hervorging.
Ryan hebt vor allem hervor, dass Smith Werke wesentlich differenzierter sind als heute wahrgenommen wird. Beispielsweise hätte Smith eine Reihe von sozialen Problemen angesprochen, so das Lehrlingswesen. Junge Menschen würden ausgebeutet und hätten keine Bildungsmöglichkeiten.
13. August 2001
Web-Tipp: Penguin Classics
Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen: Nichts verdeutlicht die Misere der deutschsprachigen Verlagslandschaft mehr als ein Vergleich mit dem englischen bzw. amerikanischen Buchmarkt. Sucht man nach guten deutschsprachigen Klassikerreihen, stößt man auf den Insel Taschenbuch Verlag, dessen Frühjahrsprogramm kaum erwähnenswert war, und auf Manesse, dessen Gesamtverzeichnis augenscheinlich von der Schwindsucht befallen ist. Der Deutsche Klassiker Verlag richtet sich kaum an den "normalen" Buchkäufer.
Was bleibt? Außer Reclam ein paar verstreute Klassikerausgaben bei dtv und bei Aufbau, denn sowohl dtv klassik als auch die Aufbau Bibliothek wurden inzwischen als eigenständige Reihen eingestellt.
Ein Pendant zu den Penguin Classics ist weit und breit nicht in Sicht: Mehr als 2100 Klassiker aus allen Gebieten zu einem günstigen Preis in brauchbaren Editionen. Wohl dem, der des Englischen mächtig ist.
Antike im Web (5): Ephesus
Eine virtuelle Stadttour mit Panorambildern, einschließlich des Tempels des Hadrian und der Badeanlagen. Besonders empfehlen möchte ich naturgemäß einen Bibliotheksbesuch.
11. August 2001
John Updike: Unter dem Astronautenmond
(rororo)
Der zweite Teil der Rabbit-Tetralogie ist ästhetisch komplexer als sein Vorgänger. Ein Grund dafür ist die explizite politische Dimension des Werks. Implizit ist ein Roman als fiktionale Darstellung von Wirklichkeit natürlich immer politisch (wenn man den Begriff nicht zu eng fasst).
"Rabbit Redux" zeigt die Umwälzungen der amerikanischen Gesellschaft Ende der sechziger Jahre aus der Sicht eines Kleinbürgers, dessen Leben befristet aus den Fugen gerät. Updikes Leistung besteht darin, diese Bedeutungsschichten so in den Roman einzubetten, dass sie als integraler Bestandteil der Handlung wirken, keinesfalls aufgesetzt wie so oft in politischen Thesenromanen. Zudem konfrontiert Updike den Leser mit einer Vielzahl von Perspektiven und unorthodoxen Meinungen, die erst kombiniert ein Gesamtbild ergeben.
Literarisch ist das Buch von erstaunlicher Perfektion: Von der komplexen Metaphorik über die personale Erzähltechnik bis hin zur Zeitstruktur, Updike beherrscht sein Handwerk. Motivation genug, sich nach und nach durch sein Gesamtwerk zu lesen.
Bücherherbst (13): Reclam
Es ist schon bemerkenswert, dass eines der spannendsten Herbst-Verlagsprogramme aus dem Hause Reclam kommt. Aber da deutschsprachige Verlage kaum noch existieren, die regelmäßig geistesgeschichtliche und weltliterarische Werke in akzeptabler editorischer Qualität verlegen, hält sich die Überraschung in Grenzen.
Dank Reclam wird es endlich wieder einmal eine größere deutsche Ausgabe der Schriften Plotins geben. Übrigens sind die Werke Arthur Schnitzlers jetzt in der UB zu haben, nachdem sie nicht mehr urheberrechtlich geschützt sind.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Arnold Werner-Jensen | Das Reclam Buch der Musik | Reclam | 10/2001; DM 49,90.- |
| Ulrich Suerbaum | Der Shakespeare Führer | Reclam | 9/2001; DM 50.- |
| Goethe | Zeichnungen | Reclam | Sonderausgabe; 9/2001; DM 90.- |
| Hans Dietrich Irmscher | Johann Gottfried Herder | Reclam UB | 12/2001; DM 18.- |
| Hans-Peter Ecker (Hrsg.) | Legenden. Heiligengeschichten vom Altertum bis zur Gegenwart | Reclam UB | 12/2001; DM 22.- |
| Hans-Ulrich Thamer | Der Nationalsozialismus. Charisma und Gewalt | Reclam UB | 12/2001; DM 20.- |
| Benedikt Jeßnig | Arbeitstechniken des literaturwissenschaftlichen Studiums | Reclam UB | 10/2001; DM 9.- |
| Sebastian Graeb-Könneker | Literatur im Dritten Reich. Texte und Dokumente | Reclam UB | 12/2001; DM 16.- |
| Elisabeth Schmierer | Kleine Geschichte der Oper | Reclam UB | 10/2001; DM 14.- |
| Plotin | Ausgewählte Schriften | Reclam UB | 10/2001; DM 24.- |
| Thomas von Aquin | Über sittliches Handeln | Reclam UB | 12/2001; DM 14.; zweisprachig- |
| La Mettrie | Der Mensch eine Maschine | Reclam UB | 10/2001; DM 6.- |
8. August 2001
Amazon
Sechs fast gleichzeitig bestellte Bücher bei Amazon.de zeitigten folgendes Ergebnis: Heute trafen sechs Päckchen ein. Jedes Buch wurde einzeln versendet, darunter solche bei denen das Porto von Bad Hersfeld nach Wien definitiv mehr kostet als das Buch.
Amazon argumentiert, dass das Zusammenfassen der Bücher logistisch teurer käme als sie getrennt zu verschicken. Auf diese Weise werden sie im Buchbereich aber kaum schwarze Zahlen schreiben ...
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Werner Liersch | Goethes Doppelgänger. Die geheime Geschichte des Doktor Riemer | AtV | Gerade als TB erschienen |
| Arthur Schnitzler | Jugend in Wien. Eine Autobiographie | Fischer TB | Nachwort von Friedrich Torberg |
| Gustav Meyrink | Der Golem | Ullstein TB | Ullstein! :-) |
| Nico Rost | Goethe in Dachau. Ein Tagebuch | List | Taschenbuch |
| John Irving | Die Pension Grillparzer | detebe | Mini-detebe für DM 5.- |
| John M. Keynes | The General Theory of Employment, Interest, and Money | Great Mind Series | Dringend notwendige Verstärkung der ökonomischen Bibliothek |
5. August 2001
Das Museumsquartier Wien
Ich wollte mir mit einer ersten ausführlichen Besichtigung Zeit lassen, bis der Eröffnungsansturm vorüber war. Durch Aufsätze von Architekturkritikern wie Jan Tabor vorgewarnt, fand ich deren Befürchtungen bestätigt: Der Betrachter sieht sich mit einer uninspirierten Ansammlung von Gebäuden konfrontiert, die wie zufällig von einer gewaltigen Barockanlage eingerahmt werden. Nach der Umsetzung von kühnen architektonischen Ideen sucht man vergeblich. Es bleibt zu hoffen, dass wenigstens die Programme der dort untergebrachten Einrichtungen plausible Konzepte entwickeln, als Kontrapunkt zur architektonischen Beliebigkeit.
Web-Tipp: netbib weblog
Ein gelungenes Weblog rund um Bibliotheks-Themen. Regelmäßige Besuche lohnen sich.
4. August 2001
Thomas Bernhard: Amras
(Suhrkamp Taschenbuch)
1964 geschrieben ist diese Erzählung aufschlussreich für Bernhards literarische Entwicklung. So finden sich eine Vielzahl von thematischen Motiven, die für seine späteren Werke konstitutiv sind: die Beschäftigung der Figuren mit Geistesfragen (hier Naturwissenschaften und Musik), sein schonungsloser Blick auf die österreichische Provinz (hier Tirol), die Zurückgezogenheit der Protagonisten von der Welt (hier ein Turm), das Zerbrechen von Geistesmenschen an der Welt.
Bernhards zukünftiger Stil klingt bereits an, er unterscheidet sich aber deutlich von seinem "reifen" Romanstil. Seine spätere Übertreibungskunst relativiert seine Kritik durch Ironie, ohne sie zu entkräften. In "Amras" ist wenig davon enthalten, so dass das schmale Werk einen viel düsteren Eindruck auf den Leser macht als seine Hauptwerke.
Web-Tipp: Andreas Breitenstein über Robert Menasses neuen Roman
Viel wird sie gescholten, die Literaturkritik der Gegenwart: Es mangele ihr an ästhetischer Reflexion, sie sei zum verlängerten Arm der Werbeabteilungen der Verlage verkommen.
Aber es gibt sie noch, die klugen Rezensionen, nicht wenige davon sind in der NZZ zu finden. Ein aktuelles Beispiel ist Andreas Breitensteins umfangreiche Auseinandersetzung mit "Die Vertreibung aus der Hölle". Er beschränkt sich nicht auf die ereignisreichen Handlungsstränge des Romans, sondern untersucht vorbildlich auch die ästhetische Struktur des Werkes.
29. Juli 2001
Web-Tipp:
Joseph Epstein: The Great Bookie
Mortimer Adler, 1902-2001
Knapp hundertjährig starb Ende Juni Mortimer J. Adler Mortimer J. Adler, der maßgeblich an der letzten Revision der Encyclopeadia Britannica beteiligt war, eine der größten lexikographischen Leistungen des 20. Jahrhunderts. Auf Adlers Anregung basiert vor allem die strukturelle Aufteilung der Wissensgebiete, wie man sie in der Propeadia nachlesen kann, einer einzigartigen Kombination aus Gliederung & Inhaltsangabe für eine Enzyklopädie. Mit ihrer Hilfe ist es möglich, sich einen umfassenden Überblick über ein neues Sachgebiet zu erarbeiten.
Auch "The Great Books of the Western World", eine monumentale Anthologie wichtiger Werke der Geistesgeschichte in 54 Bänden wurde von Adler publiziert. Durch sein Engagement für die Lektüre von "Great Books" wurde er zu einem der bekanntesten Verfechter des klassischen Kanons.
Epstein zeichnet in seinem ausführlichen Nachruf allerdings ein wenig vorteilhaftes Bild des Philosophen. Vor allem Charakterschwächen Adlers haben es ihm angetan, seine Leistung rund um die neue Britannica würdigt er kaum. Es ist sicher richtig, dass Adler kein bedeutender Philosoph im traditionellen Sinn des Wortes war: Er leistete kaum Beiträge zu neuen Erkenntnissen. Trotzdem war sein Streben, umfassende Wissensvermittlung auf hohem intellektuellen Niveau für ein möglichst breites Publikum zu erreichen, klassisch aufklärerisch.
Ein Trost zu wissen, dass Adler fast 100 Jahre alt wurde, so war ihm deutlich mehr Zeit zur Lektüre seiner "Great Books" vergönnt, als dem durchschnittlichen Sterblichen zur Verfügung steht.
Buch-Hinweise:
Mortimer J. Adler; Charles van Doren: How to Read a Book. The Classical Guide to Intelligent Reading. New York 1972
Mortimer J. Adler: Six Great Ideas. New York 1981
Mortimer J. Adler: Philosopher at Large. An intellectual Autobiography 1902 - 1976. New York 1977
Antike im Web (4): Classics Doctoral Student Finds Bones That Prove Homer Was Right About Sacrifices
Lange war es umstritten, ob Homers Beschreibungen der griechischen Opfer-Rituale authentisch sind oder erst nachträglich in die Epen eingefügt wurden. Nun scheinen neue archäologische Erkenntnisse zu belegen, dass Homers Beschreibungen tatsächlich zeitgenössische Bräuche schildern.
28. Juli 2001
Agota Kristof: Der Beweis. Roman
(Serie Piper)
"Der Beweis" folgt dem Roman "Das große Heft" als Mittelteil der Trilogie. Kristof beschreibt das trostlose Leben in einer osteuropäischen Kleinstadt nach dem 2. Weltkrieg. Die emotionslose, fast nur aus kurzen Hauptsätzen bestehende Sprache steht in starkem Kontrast zur Handlung, vor allem zur Gefühlswelt der Figuren. Zur Sprachknappheit passend die Zeitstruktur: Zwischen kurzen Abschnitten vergehen Jahre. Alle Versuche der Figuren, die Trostlosigkeit der Welt zu überwinden, scheitern. Ein beeindruckendes Buch.
Wichtige Neuerscheinungen
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Terry P. Pinkard | Hegel. A Biography | Cambridge University Press | knapp 800 Seiten Hegel auf dem aktuellen Stand der Forschung. Wohl bekomms :-) |
| Alexander Nehamas | Virtues of Authenticity. Essays on Plato and Socrates | Princeton University Press | Nehmas ist ein kritischer Schüler von Gregory Vlastos, dem Begründer der analytischen Platon-Forschung |
| Jill Gordon | Turning Toward Philosophy: Literary Device and Dramatic Structure in Plato's Dialogues | Pennsylvania State University Press | Plato-Forschung aus literaturwissenschaftlicher Perspektive |
| George Hoffmann | Montaigne's Career | Clarendon Press | Lesenswerte neue biographische Studie |
24. Juli 2001
Hartmut Lange: Die Reise nach Triest. Novelle
(detebe)
Mein erstes Werk von Hartmut Lange, eine knapp komponierte Novelle. Ein schwer kranker Philosophieprofessor bemerkt, dass seine Familie bereits begonnen hat, seinen Tod zu planen. Während einer Italienreise "verschwindet" er spurlos. Langes Erzählkunst besteht in der präzisen Knappheit des in kurzen Abschnitten Geschilderten. Der Leser erfährt nur das Notwendigste, um die psychologische Tragweite des Geschehens verstehen zu können. Lange setzt also gezielt Leerstellen ein, weshalb sich viel im Kopf des Lesers abspielt, nicht im Text.
Diese ästhetische Herangehensweise ist plausibel und macht neugierig auf weitere Werke des Autors.
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Markus Werner | Der ägyptische Heinrich | dtv | Gerade als TB erschienen |
| Marbacher Magazin 94/2001 | Hermann Broch 1886 - 1951. Eine Chronik | Dt. Schiller-Gesellschaft | Ausstellungskatalog; bearbeitet von Paul Michael Lützeler |
| Philosophy and Literature 1/2001 | Art and Pornography | John Hopkins University Press | Eine Reihe interessanter Aufsätze, u.a. zur Literaturtheorie |
| Karl Philipp Moritz | Andreas Hartknopf | Reclam UB | Hrsg. von Maria Wagner-Egelhaaf |
22. Juli 2001
Christian Meier: Athen. Ein Neubeginn der Weltgeschichte
(TB)
Siebenhundert engbedruckte Seiten über die Geschichte Athens im 5. Jahrhundert v.C. zu schreiben, ist angesichts der zunehmenden Spezialisierung in der Geschichtswissenschaft ein bemerkenswertes Unterfangen. Die Monographie ist denn auch keine akademische Publikation, sondern versteht sich als ein "klassisches" Werk der erzählenden Geschichtsschreibung.
Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Christian Meier, Althistoriker in München, dafür Kollegenschelte einstecken musste. Nicht ganz zu Unrecht, verzichtet er doch komplett auf Anmerkungen. Auch eine Bibliographie sucht man vergebens, sieht man von Literaturhinweisen im Nachwort ab.
Trotz dieser Kritikpunkte hat das Buch zahlreiche Verdienste. Zweifellos handelt es sich um einen der interessantesten und für die europäische Geschichte prägendsten Zeitabschnitte, so dass eine umfassende, allgemeinverständliche Darstellung eine wichtige Lücke schließt. Meiers Monographie behandelt Teile der Vorgeschichte und die Geschichte des klassischen Athens im Detail, analysiert die Sonderstellung Athens und versucht, die Ursachen für die Entstehung der Demokratie zu erläutern. Bei der Lektüre dieser erklärenden Passagen würde man sich oft eine klarere Thesenbildung wünschen, man hat manchmal den Eindruck, Meier umkreise wichtige Aspekte, ohne sie direkt anzusprechen.
Eine Stärke des Buches ist die Einbeziehung der Tragödien und Komödien. Meier bettet die Stücke in den historischen und sozialen Kontext ein, versteht sie als Reaktion auf aktuelle politische Ereignisse, und erzielt dadurch oft (nicht immer) einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn. Demgegenüber kommt die geistesgeschichtliche Dimension (besser: Revolution) viel zu kurz. Die Bedeutung der griechischen Philosophie und Wissenschaft auf die Weltgeschichte hätte eine ebenso umfangreiche Behandlung verdient wie die Herausbildung der ersten Demokratie.
Insgesamt neigt sich die Waagschale jedoch zum Positiven, die vielen Lesestunden lohnen sich durchaus. Dem deutschen Buchmarkt wären viele vergleichbare Publikationen zu anderen wichtigen historischen Themen zu wünschen.
14. Juli 2001
Nabokov: Pnin
(rororo)
Es ist erfreulich, dass die von Dieter E. Zimmer sorgfältige übersetzte und kommentierte Werkausgabe nach und nach als Taschenbuch erscheint, zumal Rowohlt sich in der letzten Zeit nicht durch verlegerische Großtaten auszeichnet.
Bis jetzt konnte ich mich zu keinem endgültigen Urteil über "Pnin" durchringen, dazu ist der Roman in meinen Augen ästhetisch zu ambivalent. Vor allem die intendiert eigenartige Erzählperspektive bedürfte einer ausführlichen Analyse. Auf den ersten Blick schildert ein Ich-Erzähler Ausschnitte aus dem Leben eines schrulligen russischen Professors, der als Exilant an einer amerikanischen Provinzuniversität lehrt.
Das Erzählte ist wesentlich detaillierter als dem Ich-Erzähler bekannt sein könnte, der Vorwurf eines fehlerhaft konstruierten allwissenden Ich-Erzählers läge nahe. Selbstverständlich macht ein Nabokov keine solchen Fehler, sondern verfolgt mit dieser Struktur bestimmte Ziele, nämlich einerseits den Leser zu verunsichern, andererseits (mindestens) eine zusätzliche Ebene in den Roman einzuführen: Die Beziehung zwischen der fiktiven Figur Pnin und dem fiktiven Erzähler, dem es nicht gelingt, Pnin so kauzig darzustellen, wie beabsichtigt. Letztendlich setzt sich Pnin gegen seinen Schöpfer durch und gewinnt die Sympathie des Lesers. Man könnte auch sagen, Nabokov verbündet sich als Autor mit seiner Figur gegen seinen Erzähler.
Trotzdem (oder deshalb?) wirkt der Roman auf mich sehr artifiziell im negativen Sinn des Wortes. Vor allem die existenzielle Dimension in Pnins Biographie kommt zu kurz, aber auch Pnins Intellektualität hätte mehr geistigen Raum verdient.
Links:
International Vladimir Nabokov Society
Nabokov Mailingliste
10. Juli 2001
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Hartmut Lange | Die Reise nach Triest | detebe | Zürich 1993 |
| Agota Kristof | Der Beweis | Serie Piper | 2. Band der Trilogie |
| Jörn Göres (Hrsg.) | Goethes Leben und Werk in Bildern | Insel Verlag | Ein Geschenk |
7. Juli 2001
Ingrid Rowland: Etruscan Secrets
(The New York Review of Books 11/2001)
Im Vergleich mit den alten Griechen oder Römern ist das Wissen über die Etrusker vergleichsweise spärlich. Ingrid Rowland gibt in Ihrem Aufsatz einen ausgezeichneten Überblick über den aktuellen Forschungsstand. Anlass ist die Anfang Juli zu Ende gegangene Ausstellung "Gli Etruschi", die in Venedig (Pallazzo Grassi) zu sehen war. Ein umfangreicher, auch auf Englisch erschienener Katalog dokumentiert das Projekt: "The Etruscans" (Editor: Mario Torelli). Die Autorin bespricht ebenfalls eine wichtige Neuerscheinungen zum Thema, Sybille Haynes' "Etruscan Civilization: A Cultural History".
Bücherherbst (12): Kiepenheuer & Witsch, Königshausen & Neumann
Angesichts der Schwerpunkte des Verlagsprogramms der letzten Jahre, hatte ich schon fast vergessen, dass KiWi ab und zu auch interessante Bücher veröffentlicht. So im Herbst eine zweibändige Edition mit ausgewählten Briefen Heinrich Bölls. Meine Rezension einer älteren Briefedition ist ebenfalls online zu finden.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Heinrich Böll | Briefe aus dem Krieg. 1939 - 1945 | KiWi | 9/2001; 2 Bände im Schuber; DM 98.- |
| Jürgen Nelles | Bücher über Bücher. Das Medium Buch in Romanen des 18. und 19. Jahrhunderts. | Königshausen & Neumann | Herbst 2001; DM 68.- |
1. Juli 2001
Wendell V. Harris: Poststructural Theorizing and Hollow Dialectic
(Philosophy and Literature 2/2000)
Thematisch schließt dieser kleine Aufsatz an die gestrige Notiz über die Fragwürdigkeiten des New Historicism an, auch wenn er theoretisch allgemeiner gehalten ist. Wendell V. Harris ist einer der bekanntesten amerikanischer Kritiker des poststrukturalistische Theoriewesen, und gab beispielsweise den empfehlenswerten Sammelband "Beyond Poststructuralism" (1996) heraus.
Hier beschäftigt er sich mit der Frage, warum die Kritik am Poststrukturalismus oft so schwierig ist: