Übersicht --- Notizen --- Archiv --- 3. Quartal 2002
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| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Walter M. Weiss | Niederösterreich. Geschichte und Kunst des österreichischen Kernlandes | Dumont Kunst-Reiseführer | erst kürzlich erschienen |
| Ric Burns u.a. | New York. Die illustrierte Geschichte von 1609 bis heute | Frederking & Thaler | reichbebildertes Großformat. Rezension im Büchermarkt vom 27.9 |
28. September 2002
Der Kosovo-Krieg weltgeschichtlich betrachtet
Es ist semantisch fragwürdig, von einem "humanitären" Krieg zu reden. Die Kritiker dieser Aktion sind zwar schnell mit einer Fülle von Verschwörungstheorien bei der Hand, bleiben aber auffällig stumm, wie sie mit Abertausenden Flüchtlingen in Albanien und der notorischen Massaker im Kosovo fertig geworden wären.
István Deak weist in seinem jüngsten Artikel für die The New York Review of Books (14/2002), The Crime of the Century, auf einen bisher vernachlässigten Aspekt hin. Fast alle größeren ethnischen Vertreibungen in Europa wurden nachträglich legitimiert, den Kosovaren wurde erstmals eine Rückkehr ermöglicht:
As far as I can judge, the recent NATO military intervention in Yugoslavia, which led to the large-scale repatriation of the expelled Kosovo Albanians, is unprecedented in European history; it may prefigure a fundamental shift in international policy and the practices of great powers. Before that event [...] the response of such great powers as the Soviet Union, Great Britain, the US, and France was to encourage, or at least to condone, and to legitimize, ethnic cleansing.
Der Artikel setzt sich ausführlich mit den übelsten Kapiteln des letzten Jahrhunderts auseinander. Erwähnenswert, dass sich Kleriker nach wie vor großer Verdienste erfreuen, wenn es um die massenhafte Ermordung ihrer Mitmenschen geht:
[...] In "God's Name" [Genoicide and Religion in the Twentieth Century, edited by Omer Bartov and Phyllis Mack] is able to describe, among other things, the appalling part that Rwandan Catholic clerics, especially monks and nuns, had in the slaughter of nearly a million Tutsis in the early 1990s. This inevitably evokes the memory of the Franciscan monks in Croatia and Bosnia during World War II, some of whom enthusiastically participated in the persecution of the Orthodox Serbs.
Von den Höhen und Tiefen des Wiener Kulturlebens
Eine der größten Bereicherung des Wiener Musiklebens ist das Klangforum Wien, das für die neue Musik einen ähnlichen Stellenwert besitzt wie die Wiener Philharmoniker für die klassische Musik allgemein.
Am Dienstag (24.9.) gab es ein Sonderkonzert für Abonnenten und etwa 40 UNO-Botschafter. Der Enthusiasmus, der hier der neuen Musik entgegenbracht wurde, ist angesichts der ästhetischen Komplexität des Gebotenen besonders erfreulich.
Herausragend Xenakis' "Psappha" für Schlagzeug solo (1976), brillant interpretiert von Björn Wilker. Von bestimmter Seite wird der Sinn und Zweck von musikalischer Virtuosität regelmäßig hinterfragt. Dabei liegt die Antwort auf der Hand: Sie ist notwendig, um (möglichst) viele musikalische Ideen adäquat umsetzen zu können. Handwerkliche Schwächen der ausführenden Musiker führen direkt zu ästhetischen Einschränkungen des Komponisten. Virtuosität zu verachten können sich also nur jene Musikrichtungen erlauben, die ästhetisch zweitklassig sind. Xenakis zehnminütiges Stück enthält mehr rhythmischen Einfallsreichtum als ein paar Jahre Popmusik zusammen. Das muss ab und zu gesagt werden :-)
Von einem erstklassigen Konzert zu einer letztklassigen Theateraufführung (26.9.). Das wäre nicht weiter schlimm, ereignete sich letzteres nicht ausgerechnet im Burgtheater. Rostands "Cyrano de Bergerac" stand auf dem Spielplan, einem Stück, dessen Grad an Überflüssigkeit direkt proportional mit der Peinlichkeit der Inszenierung Sven-Eric Bechtolfs ist. Klaus Maria Brandauer (Hauptrolle) hat hoffentlich auch schon bessere Tage erlebt. Ich habe in der Pause fluchtartig das Theater verlassen.
22. September 2002
Sergiu Celibidache (2)
Nach den allgemeinen Bemerkungen gestern einige besonders herausragende CDs:
Beethoven: Symphonie Nr. 4 und Nr. 5 (EMI 7243 5 56521 2 6)
Beethoven: Symphonie Nr. 7 und Nr. 8 (EMI 7243 5 56841 2 7)
Brahms: Ein deutsches Requiem & Symphonie Nr. 1 (EMI 7243 5 56843 2 5)
Bruckner: Alle Symphonien
Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung (EMI 7243 5 56526 2 1)
Warnen möchte ich vor der Interpretation von Bartoks "Konzert für Orchester". Bartoks Musik verträgt sich meiner Auffassung nach grundsätzlich nicht mit Celibidaches interpretatorischen Ansatz.
Albert Meier: Karl Philipp Moritz
(Reclam Literaturstudium)
Es ist immer wieder eine Freude, solide literaturgeschichtliche Monographien zu lesen. Der deutschsprachige Buchmarkt ja nicht gerade reich an Titeln dieses Genres.
Albert Meier beschreibt sachlich und informativ Leben und Werk des Autors, der hoffentlich inzwischen kein Geheimtipp mehr ist. Es sollte sich herumgesprochen haben, dass "Anton Reiser" zu den herausragenden Romanen (nicht nur) des 18. Jahrhunderts zählt.
Besonders ausführlich analysiert Meier die ästhetischen Schriften Moritz', die einen wesentlichen Beitrag zur Literaturtheorie der Weimarer Klassik leisteten.
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Knut Hamsun | Romane. 2 Bände | Buchclub-Ausgabe | antiquarisch erworben |
| Gert Richter (Hrsg.) | Geschichte der Weltliteratur. Dichtung und Unterhaltungsliteratur in Europa und Amerika von der Antike bis zur Gegenwart | Bertelsmann | München 1978; antiquarisch erworben |
| Werner Jobst | Die Siedler von Carnuntum. Bernsteinhändler, Kaiserpriester und Legionäre am Donaulimes | Ausstellungskatalog 2002 | mehr zu Carnuntum demnächst in diesem Programm |
21. September 2002
Neue Kafka-Biographie
Fünfzehn Jahre lang soll Reiner Stach an der auf drei Bände angelegten Biographie gearbeitet haben. Der erste Band soll demnächst erscheinen.
Nikos Kazantzakis: Alexis Sorbas. Roman
(rororo)
Nach der Lektüre blieb ein zwiespältiges Gefühl zurück. Strukturell ist der Roman plausibel angelegt: Die Opposition des lebensklugen alten Arbeiters zu dem jungen intellektuellen Ich-Erzähler funktioniert ebenso wie die Abgrenzung der beiden Protagonisten von dem kretischen Dorf in dem sie leben.
Sorbas ist eine einprägsame, lebendig geschilderte Figur. Seine Lebensweisheiten sind nach einem Viertel des Buches aber bereits ziemlich vorhersehbar und sein unkritisch kolportiertes (diplomatisch formuliert) konservatives Frauenbild wird zunehmend ärgerlicher.
Erfreulicherweise verklärt Kazantzakis das Dorfleben nicht, sondern zeigt die dort vorherrschende Gewalt, Gier und Beschränktheit. Insgesamt eine akzeptable Lektüre.
Sergiu Celibidache (1)
In diesem Jahr setzte ich mich ziemlich intensiv mit Celibidache auseinander. Es dürften etwa 30 CDs gewesen sein, die ich mir sukzessive anhörte (nebenbei ein willkommener Anlass sich erneut quer durchs Repertoire zu hören). Die Münchner Philharmoniker hatte ich früher sträflich unterschätzt, Celibidache hat sie mühelos in die erste Orchesterliga dirigiert.
Das Erstaunliche am Phänomen Celibidache ist, dass er gegen eine Vielzahl solider ästhetischer Konventionen verstößt und trotzdem (deswegen?) eine Interpretation spannender als die nächste ist. Im Zeitalter der schlanken historischen Aufführungspraxis, die ich durchaus schätze, müssten seine mächtigen, langsamen Bruckner Aufführung grotesk anachronistisch wirken. Der Höreindruck ist aber ein völlig anderer, schon nach den ersten Minuten spürt man das Zwingende dieses Interpretationsansatzes. Die Langsamkeit der Tempi wird mit einer unglaublichen Präzision (nicht nur, aber vor allem auch der Hölzbläser) der einzelnen Orchestergruppen kombiniert.
Es bestätigt sich wieder einmal die These, dass eine gewisse Art von ästhetischen Normen, die für durchschnittliche Talente notwendig sind, von Ausnahmebegabungen ohne Schaden ignoriert werden können, wenn sie etwas dagegenzusetzen haben.
14. September 2002
Lambert Schneider / Christoph Höcker: Griechisches Festland.
Antike und Byzanz, Islam und Klassizismus zwischen Korinthischem Golf und nordgriechischem Bergland
(DuMont Kunst-Reiseführer)
Was ich an der Kunst-Reiseführer Reihe von DuMont schätze, ist deren Individualität. Stil und Inhalt sind stark von den Autoren geprägt, was den einzelnen Bänden eine sympathische Note verleiht.
Die beiden Autoren gehen ausführlich auf die Geschichte des Landes ein, ohne die Gegenwart deshalb zu vernachlässigen. Die kulturgeschichtlichen Informationen sind fundiert. Besonders hervorzuheben ist der kritische Ansatz. So wird ausführlich auf die Problematik diverser archäologischer Konstruktionen hingewiesen, insbesondere auf die "Künstlichkeit" mancher Ausgrabungsstätten. Diese Inszenierungen ins Blickfeld zu rücken, ist für einen Reiseführer bemerkenswert.
8. September 2002
Wiener Künstler, Mary Ellen Mark und die Dummheit des Sommers
Meine These, dass Sommertage dem kulturellen und geistigen Leben abträglich sind, fand ich heute bei zwei Ausstellungsbesuchen bestätigt. Im Wiener Künstlerhaus sah ich maximal 3 Besucher, obwohl man sich dort gerade einen guten Einblick in das Wiener Kunstschaffen verschaffen kann. Mitglieder der Künstlervereinigung präsentieren dort Werke der letzten Jahre. Es dominieren Gemälde, gefolgt von Skulpturen. Videokunst gibt es kaum, dafür zwei Rauminstallationen. Mit einem Besuch dort kann man wenig falsch machen.
Sehr beeindruckend die Fotographien von Mary Ellen Mark, die in der Galerie Westlicht zu sehen sind. Ich konnte sie mir dank des schönen Sommersonntags in Ruhe alleine ansehen. Die sechzig gezeigten Bilder dokumentieren nur einen kleinen Ausschnitt ihrer Werke, reichen aber aus, um zu verstehen, warum sie zu den besten Fotographinnen Amerikas gezählt wird. Es versteht sich, dass sie das "andere" Amerika dem Betrachter nahe bringen will, jenseits des wohl situierten Mittelstandes. Eine gute Therapie gegen hartnäckige Amerika-Klischees.
About A Boy
USA/UK 2002
Regie: Chris und Paul Weitz
Ein hübscher Unterhaltungsfilm, professionell in Szene gesetzt, den man ohne größere Ärgernisse an einem Sonntag Nachmittag in einem wohlklimatisierten englischsprachigen Kino ansehen kann.
Ich empfehle allerdings dringend eine unkritische Haltung, ansonsten könnte man durch die ziemlich aufdringliche konservative Moral (böser alleinstehender Hedonist erkennt endlich die Vorzüge des Familienlebens und sieht die Falschheit seiner Lebensweise ein) abgestoßen sein. Wer nichts Besseres zu tun hat, möge ihn sich ansehen :-)
Die neue Thomas-Mann-Ausgabe ...
... wird in der SZ ausführlich von Gustav Seibt besprochen.
1. September 2002
Die Skythen
Wer Herodot gelesen hat, wird seine ausführliche Beschreibung der Skythen, ein sibirisches Reitervolk, noch in Erinnerung haben. Den Persern gelang es trotz großer Anstrengungen nicht, sie zu unterwerfen.
In der August-Ausgabe von Spektrum der Wissenschaft gibt Hermann Parzinger einen ausführlichen Überblick über den Stand der archäologischen Forschungen in Sibirien Parzinger leitet die Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts.
Schiller: Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung
(Wissenschaftliche Buchgesellschaft; Band IV)
Schiller als Historiker führt ein Schattendasein. Spätestens seit dem Historismus im 19. Jahrhundert wurde seine Vorgehensweise als unwissenschaftlich qualifiziert, obwohl sich durchaus methodische Reflexionen finden. Allerdings stößt man auch auf eine Reihe ziemlich polemischer Wertungen. Die meisten von ihnen, etwa seine vernichtende Kritik an der katholischen Kirche im allgemeinen und an der Inquisition im besondern, geben seiner Studie aber eine nicht unwillkommene Würze:
[...] ein Dominikanermönch, Torquemada, stieg zuerst auf ihren blutigen Thron, gründete ihre Statuten und verfluchte mit diesem Vermächtnis seinen Orden auf ewig. Schändung der Vernunft und Mord der Geister heißt ihr Gelübde, ihre Werkzeuge sind Schrecken und Schande.
Obwohl Schiller-Forscher versichern (etwa Jürgen Eder im "Schiller Handbuch"), dass viele von Schillers Analysen mit modernen Darstellungen dieses Konfliktes kompatibel sind, liest man diese Abhandlung am besten als Dokument der Aufklärung. Schiller brach sein Buch seltsamerweise am Höhepunkt der spanischen Unterdrückung ab, d.h. der eigentliche Befreiungskampf wird nicht mehr behandelt. Eine Lektüre-Empfehlung!
[S. 82f.]
Bibliothek: Neuzugänge
Ich sage nur: Zweitausendeins :-)
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| John Griffiths Pedley | Griechische Kunst und Archäologie | Könemann | Schöner Bildband, allerdings (fast) nur s/w Abbildungen |
| Aleksandar Tisma | Treue und Verrat. Roman | Hanser | Übersetzt von Barbara Antkowiak |
| Philip Roth | Tatsachen. Autobiographie eines Schriftstellers | Hanser | Erstaunlich, dass jetzt schon P.R. verramscht wird |
| Philip Roth | Operation Shylock. Ein Bekenntnis | Hanser | Übersetzt von Jörg Trobitius |
| Fritz Senn | Nicht nur Nichts gegen Joyce | Haffmans | Aus der Konkursmasse ... |
| Alessandro Manzoni | Die Brautleute | 2001 | neu übersetzt von Burkhart Kroeber |
| Christian Vöhringer | Pieter Bruegel | Könemann | Aus der Reihe "Meister der niederländischen Kunst" |
| Claudia Pilling u.a. | Friedrich Schiller | rororo monographie | Neuausgabe; regulär erworben |
25. August 2002
Thukydides archiviert
Die fünf kleinen Beiträge, die in der letzten Zeit hier zu lesen waren, habe ich in eine Datei gesteckt.
Pierre Bayle und deutsche Sozialdarwinisten
Es gibt nur einen Grund für diese gewagte Überschrift, nämlich dass sich zu beiden Themen zwei lesenswerte Aufsätze im aktuellen Journal of the History of Ideas (2/2002) finden.
Pierre Bayle (1647-1706), dem aufgeklärten Zeitgenossen als prominenter Frühaufklärer bekannt, steht im Mittelpunkt der Abhandlung von Thomas M. Lennon. Der stellt sich die Frage: Did Bayle Read Saint-Evremond?. Die Antwort darauf läßt Rückschlüsse darüber zu, ob Pierre Bayle ein Atheist war oder nicht - eine immer wieder zentrale Frage im intellektuellen Prominentenklatsch des 18. Jahrhunderts. Charles de Marguetel de St. Denis, sieur de Saint-Evremond, war als Atheist notorisch und Bayle hat sich an mehreren Stellen auf ihn bezogen.
The upshot of the overall argument here would be that Balye should be taken at face value in his profession of faith, or at least that one line of argument for not doing so [ein Zitat in bezug auf Saint-Evremond] ist highly questionable. But if the argument restores the credibility of Bayle's profession of religious faith, it threatens the credibility of his philosophical position.
Ceterum censeo, dass eine komplette Neuübersetzung von Bayle's "Dictionnaire historique et critique" längst überfällig ist.
[S. 235]
In Darwinism and Death: Devaluing Human Life in Germany 1859-1920 zeigt Richard Weikart einen gespenstischen Reigen an sozialdarwinistischer Menschenverachtung. Viele (nicht alle!) deutsche Darwinisten hatten offenbar David Hume nicht genau gelesen (Sein-Sollen-Problem) und zogen aus ihrer Interpretation der Evolutionstheorie weitreichende ethische Schlussfolgerungen, etwa dass Euthanasie biologisch wünschenswert wäre.
In sum, many leading Darwinian biologists and popularizers in the late nineteenth and early twentieth centuries led the attack on existing moral standards, on body-soul dualism, and so on the sanctity of human life.
Gerne verdrängt wird die Tatsache, dass in diesem argumentativen Umfeld auch für die Abtreibung Stellung bezogen wurde:
[S 343]
Eugenics provided important impetus for those promoting the legalization of abortion. Most of the leading abortion advocates - Helene Stöcker, Adele Schreiber, Henriette Fürth, Grete Meisel-Hess, Oda Olberg, and others - were avid Darwinian materialists who saw abortion not only as an opportunity to improve the conditions of women, but also as a means to improve human race and contribute to evolutionary progress.
Natürlich spricht das nicht gegen eine Befürwortung von Abtreibung heute, aber man sollte sich dieser Zusammenhänge immer bewusst sein.
[S. 341]
Bibliothek: Neuzugänge
Die Fontane-Ausgabe ist ein Werbegeschenk der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft. Die anderen Bücher wurden günstig bei Jokers erworben.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Theodor Fontane | Werke in 10 Bänden | WBG | Lizenzausgabe Hanser Verlag |
| Karl Eibl u.a. | Der junge Goethe in seiner Zeit. Text und Kontexte. | Insel | 2 Bände samt CD-ROM; für nur 7,70 Euro bei Jokers zu haben |
| Torry J. Luce | Die griechischen Historiker | Artemis & Winkler | behandelt die üblichen Verdächtigen |
| Jean-Pierre Vernant (Hrsg.) | Der Mensch der griechischen Antike | Fischer TB Geschichte | Frankfurt 1996 |
| Dieter Kühn | Goethe zieht in den Krieg. Eine biographische Skizze | S. Fischer | gebunden; 1999 |
20. August 2002
Bertelsmann Buchclub wird intellektuell
Neue Zielgruppen erorbern will Bertelsmann durch das Gründen neuer Buchclubs liest man im Buchmarkt:
Auch sollen zwei Clubs neu gegründet werden. Sie sollen zum einen anspruchsvoll-intellektuelle Zielgruppen, zum anderen trendorientierte Kunden für Bertelsmann besser erschließen.
Offenbar will Bertelsmann nun am Mitgliederstamm der Büchergilde und der Wissenschaftliche Buchgesellschaft knabbern.
17. August 2002
Adolf H. Borbein (Hrsg.): Das alte Griechenland. Kunst und Geschichte der Hellenen
(C. Bertelsmann)
Wer sich für die griechische Antike interessiert, wird mit diesem umfangreichen Bildband seine Freude haben. 460 Seiten mit hunderten Fotos führen kompetent in die Materie ein. Die einzelnen Kapitel befassen sich mit der materialen Kultur der alten Griechen, d.h. Literatur und Philosophie werden bewusst ausgeklammert. Die einzelnen Beiträge sind von bekannten Fachleuten geschrieben und befassen sich u.a. mit Architektur und Städtebau, Plastik, Keramik und Malerei, Alltag in der Kleinkunst und Münzen.
Der sorgfältig gestaltete Anhang enthält nicht nur Karten, sondern auch einen nützlichen Überblick über archäologische Stätten und Sammlungen mit griechischer Kunst. Das Buch ist derzeit für 25 Euro als gebundene Sonderausgabe zu haben, ein Schnäppchen also.
Platon: Phaidon
(Meiner)
Warum sich gerade dieser Dialog besonders großer Berühmtheit erfreut, ist nicht schwer zu erraten. Kombiniert er doch ein literarisch höchst bewegendes Thema - die letzten Stunden des Sokrates - mit einer konzisen Einführung in diverse platonische Themen.
Sokrates spricht nicht nur die wichtige Aspekte der Ideenlehre an, er führt auch seine logische Argumentationstechnik komprimiert vor. Zwar halten diese Argumente einer genaueren Überprüfung weniger stand als diejenigen in anderen Dialogen - die Unsterblichkeit der Seele läßt sich eben nur durch fragwürde starke Axiome "beweisen". Das tut der formalen Eleganz des Vorgetragenen aber keinen Abbruch. Bei der wiederholten Lektüre stellt sich ein quasi-musikalischer Effekt ein und man genießt die logische Raffinesse (etwa die subtilen Wechsel diverser Abstraktionsebenen) wie die Durchführung eines musikalischen Themas.
Der Dialog endet mit einem kurzen Abriss der platonischen Kosmologie, ein wohltuender Kontrapunkt, der die Grenzen des platonischen Wissens deutlich macht.
Lexikographisches
Gedanken über die aktuelle Lexikonflut von Hans-Albrecht Koch.
Literaturpolitik
Es ist ein jahrhundertelanges Ritual, dass Schriftsteller sich abfällig über Literaturkritik(er) äußern. Wie wichtig ihnen gute Besprechen entgegen aller Lippenbekenntnisse wirklich sind, zeigt ein Brief des jungen Thomas Mann, in dem er völlig ungeniert am 26.11. 1901 eine Buddenbrooks-Rezension bei seinem Freund Otto Grauthoff beauftragt:
Ein paar Winke noch, Buddenbrooks betreffend. Im Lootsen sowohl wie in den Neuesten betone, bitte, den deutschen Charakter des Buches. Als zwei echt deutsche Ingredienzen, die wenigsten sim II. Bande (der wohl überhaupt der bedeutendere sei) stark hervorträten, nenne Musik und Philosophie. Seine Meister, wenn schon von solchen die Rede sein müsse, habe der Verfasser freilich nicht in Deutschland. Für gewisse Partien des Buches sein Dickens, für andere seien die großen Russen zu nennen. Aber im ganzen Habitus (geistig, gesellschaftlich) und schon nach dem Gegenstande echt deutsch: schon im Verhältnis zwischen den Vätern und den Söhnen in den verschiedenen Generationen der Familie (Hanno zum Senator). Tadle ein wenig (wenn es Dir recht ist) die Hoffnungslosigkeit und Melancholie des Ausgangs. Eine gewisse nihilistische Neigung sei bei dem Verf. manchmal zu spüren. Aber das Positive und Starke an ihm sei sein Humor.
Grauthoff hielt sich weitgehend an diese unbescheidenen Vorgaben, seine Rezension erschien in "Der Lotse" (Jahrgang 2, 1902, S, 442ff).
Der äußere Umfang sei etwas nicht ganz Bedeutungsloses, In der Zeit des "Überbrettls" und der Fünf-Secunden-Lyrik sei es wenigstens ein Zeichen ungewöhnlicher künstlerischer Energie, ein solches Werk zu concipieren und zu Ende zu führen. Es sei dem Verf. gelungen, den epischen Ton vortrefflich festzuhalten. Die eminent epische Wirkung des Leitmotivs. Das Wagnerische in der Wirkung dieser wörtlichen Rückbeziehung über weite Strecken hin, im Wechsel der Generationen. Die Verbindung eines stark dramatischen Elementes mit dem epischen Dialog.
Damit genug! Mach Deine Sache recht gut und verschiebe sie nicht zu lange.
[Briefe I, S. 179f.]
16. August 2002
Thomas Mann: Briefe I. 1889 - 1913
(GFKA)
Man hat es nicht leicht, wenn man sich intensiver mit deutschsprachiger Literatur beschäftigt. Ist man bei der Lektüre der Kafka-Briefe mit einem idiosynkratischen, krankhaft sensiblen Menschen konfrontiert, tritt einem bei der Lektüre der Briefe des jungen Thomas Mann nicht selten ein arroganter Schnösel entgegen.
Als Vielschreiber hatte TM darüber hinaus die Angewohnheit, viele (mehr oder weniger) geistreiche Sentenzen in Briefen an unterschiedliche Adressaten wortgleich zu wiederholen. Trotzdem lohnt es sich, den 800-Seiten-Band in die Hand zu nehmen. Man erfährt viel über die geistige Entwicklung des TM. Bis zur Jahrhundertwende beispielsweise wiederholt er kritiklos diverse Anschauungen seines Bruders Heinrich, bevor er nach und nach zu seiner eigenen Weltanschauung findet. Man stößt später auf sehr aufschlussreiche Briefe an Heinrich, in denen TM die Romanästhetik seines Bruders heftig kritisiert und seine eigene, in den "Buddenbrooks" umgesetzte, verteidigt.
Was ist zur Editionsqualität eines der ersten Bände der GFKA zu sagen? Äußerlich fällt auf, dass der Kommentar (im Gegensatz zu den "Buddenbrooks" und den "Essays I") in den Textband integriert ist. Der Textteil ist solide editiert, auch handwerklich gibt es nichts an dem Buch auszusetzen. Die Auswahl der Briefe ist nachvollziehbar, viele davon werden hier zum ersten Mal abgedruckt, etwa viele Briefe an den Wiener Richard Schaukal.
Der Kommentar hinterläßt einen zwiespältigen Eindruck. Offenbar konnten sich die Verantwortlichen nicht entscheiden, für welche Lesergruppen sie arbeiten. Das Resultat ist eine mitunter absonderliche Mischung von für Spezialisten interessanten Anmerkungen mit Banalitäten. Muss man einem Leser der Briefe des Thomas Mann wirklich erklären, wer Turgenjew oder Flaubert waren?
Bücher, die noch geschrieben werden müssen
Eines davon trägt den Titel "Geschmacklosigkeiten der Neureichen. Eine Geschichte von der Antike bis in die Gegenwart". Anlass zu diesem Gedanken gaben einige ausgedehnte Spaziergänge auf dem Semmering. Bis zum 1. Weltkrieg sind dort viele Villen gebaut worden, deren architektonische Geschmacklosigkeit manchmal einen Grad erreicht, dass man ihnen hohen Unterhaltungswert nicht absprechen kann.
Hermeneutische Abgründe
Wer glaubt, die schlimmsten methodischen Auswüchse der Hermeneutik gehörten inzwischen der Vergangenheit an, sollte besser nicht zu "How Milton Works" greifen, dem jüngsten Opus des amerikanischen Star-Literaturwissenschaftlers Stanley Fish.
In der The New York Review of Books 12/2002 zeigt sich John K. Leonard über dessen Vorgehensweise sehr verwundert:
His chief instrument for doing this is a bizarre close reading that claims to find hidden meanings [...] Most of Fish's claims about Milton's alleged puns [...] are unconvincing and some just plainly preposterous.
Wenn Fish Verszeilen für seine Interpretation störend findet, erklärt er sie zum "pun", einem Wortspiel, das eigentlich etwas völlig anderes meint:
But Fish writes that Milton's words "cannot mean" what they say; instead they must mean what Fish wants them to mean, even though the price of his lexical wrenching is that some words mean nothing at all [...]
Die Literaturwissenschaft wird methodisch erst dann erwachsen sein, wenn solche Lächerlichkeiten unmöglich sein werden.
The problem is that this method is to convenient. Whenever a difficulty arises in Milton's texts, Fish triumps it by claiming to find not very credible puns.
11. August 2002
Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges (5)
(dtv Bibliothek der Antike)
Die menschliche Verrohung, welche Kriege im Gefolge haben, ist ein guter Kandidat für ein historisches "Quasi-Gesetz". Die Unterschiede über die Zeiten hinweg, sind vor allem technologisch bedingt. Das Grundmuster des Verhaltens ist dasselbe, ob vor ein paar Jahren in Bosnien oder vor zweieinhalbtausend Jahren in Griechenland.
Die humane Tragödie des Krieges liegt als Basis-Thema der "Geschichte des Peloponnesischen Krieges" zugrunde. Besonders explizit kommt Thukydides darauf bei der Eroberung von Kerkyra zu sprechen. Die Niederlage löst eine Selbsmordwelle und wilde Pogrome aus:
[...] die große Mehrzahl, die sich nicht [auf ein Gericht] eingelassen hatten, und nun sahen, was geschah, brachten im Heiligtum selbst sich gegenseitig um, manche erhängten sich an den Bäumen oder entleibten sich, wie jeder konnte. Sieben Tage lang seit der Ankunft Eurymedons und der sechzig Schiffe, solange er dablieb, mordeten die Kerkyrer jeden, den sie für ihren Gegner hielten; schuld gaben sie ihnen, daß sie die Volksherrschaft stürzen wollten, aber manche fielen auch als Opfer persönlicher Feindschaft, wieder andere, die Geld ausgeliehen hatten, von der Hand ihrer Schuldner. Der Tod zeigte sich in jederlei Gestalt, wie es in solchen Läuften zu gehen pflegt, nichts, was es nicht gegeben hätte und noch darüber hinaus. Erschlug doch der Vater den Sohn, manche wurden von den Altären weggezerrt oder dort selbst niedergehauen, einige auch eingemauert im Heiligtum des Dionysos, daß sie verhungerten.
Nachdenklich anthropologische Reflexionen des Historikers (der auch ein großer griechischer Philosoph war) schließen sich an:
So brach in ständigem Aufruhr viel Schweres über die Städte herein, wie es zwar geschieht, und immer wieder sein wird, solange Menschenwesen sich gleichbleibt, aber doch schlimmer oder harmloser und in immer wieder anderen Formen, wie es jeweils der Wechsel der Umstände mit sich bringt. Denn im Frieden und Wohlstand ist die Denkart der Menschen und der ganzen Völker besser, weil keine aufgezwungenen Notwendigkeiten sie bedrängen; aber der Krieg, der das leichte Leben des Alltags aufhebt, ist ein gewalttätiger Lehrer und stimmt die Leidenschaften der Menge nach dem Augenblick.
Propaganda im Krieg ist keine Erfindung der Moderne. Schon in der Antike wurde auch mit Worten (und deren Verdrehung) gekämpft:
Und den bislang gültigen Gebrauch der Namen für die Dinge vertauschten sie nach ihrer Willkür: unbedachtes Losstürmen galt nun als Tapferkeit und gute Kameradschaft, aber vordenkendes Zögern als aufgeschmückte Feigheit, Sittlichkeit als Deckmantel einer ängstlichen Natur, Klugsein bei jedem Ding als Schlaffheit zu jeder Tat [...] Wer schalt und eiferte, galt immer für glaubwürdig, wer ihm widersprach, für verdächtig.
Es folgen zahlreiche Beispiele, welche die Verwilderung der Sitten belegen. In der Habgier sieht Thukydides eine der wichtigsten Ursachen dafür. Wie auch später in der Geschichte, sind es zuerst die Besonnenen, die daran glauben müssen:
Und die geistig Schwächern vermochten sich meist zu behaupten; denn in ihrer Furcht wegen des eignen Mangels und der Klugheit ihrer Gegner, denen sie sich im Wort nicht gewachsen fühlten, und um nicht unversehens einem verschlagenern Geist in die Falle zu gehen, schritten sie verwegen zur Tat; die aber überlegen meinten, sie würden es schon rechtzeitig merken und hätten es nicht nötig, mit Gewalt zu holen, was man mit Geist könne, waren viel wehrloser und kamen schneller ums Leben.
Damit ist die kleine Thukydides-Reihe zu Ende. Möge er viele neue Leser finden.
Bücherherbst 2002 (3): Böhlau
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Richard von Dülmen | Poesie des Lebens. Eine Kulturgeschichte der deutschen Romantik | Böhlau | 2 Bände, je 30 Euro |
| Michael Zaremba | Johann Gottfried Herder. Prediger der Humanität. Eine Biographie. | Böhlau | 25 Euro |
8. August 2002
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Augustinus | Die christliche Bildung (De doctrina Christiana) | Reclam UB | Druckfrisch; übersetzt von Karla Pollmann |
| Voltaire | Candide und der Optimismus | Hanser | Gebunden; neu übersetzt von Wolfgang Tschöke |
| Klaus Reichold | Bauwerke, die Geschichte schrieben | Bechtermünz | schöner Bildband für 10 Euro |
| John Updike | More Matter. Essays and Criticism | Knopf | schwergewichtig, gebunden |
4. August 2002
Jonathan Franzen: Die Korrekturen. Roman
(Rowohlt)
"Literarische Sensation" war beinahe noch zurückhaltend, die Literaturkritik
überschlug (und überschlägt) sich mit Superlativen. John Updike und Philip
Roth reichen als Referenz nicht aus, von den Klassikern des 19. Jahrhunderts
ist die Rede, immer wieder von den "Buddenbrooks".
In Wahrheit ist das Buch eine literarische Enttäuschung. Handelte es sich
nur um einen der zahllosen schlechten Romane, wäre das nicht weiter schlimm.
Besonders ärgerlich ist jedoch, dass Franzen durchaus ein herausragendes
Werk hätte schreiben können, ihm aber zu viele Fehler unterlaufen. Ein
schlechtes Musikstück eines durchschnittlichen Komponisten nimmt man hin.
Warum sollte man seine Zeit auch auch mit durchschnittlichen Talenten verschwenden? Dagegen wirkt ein schlechtes Lied von etwa Schubert besonders
enttäuschend, da man seine besten Kompositionen kennt.
Ähnlich bei Franzen. Nicht wenige Passagen sind brillant und man wird
tatsächlich an obige Referenzen erinnert. Die meisten "geriatrischen"
Schilderungen zählen dazu. Der größte Fehler liegt in der inhaltlichen
Überfrachtung des Romans, sogar vor kolportageartigen Elementen schreckt
Franzen nicht zurück. So reicht es nicht, dass eine der Hauptfiguren in
Litauen betrügerische Investments organisiert und eine Reihe von Abenteuern
erlebt, nein, er muss auf der Rückreise auch noch von finsteren vermummten
Gestalten auf einer dunklen Landstraße ausgeraubt werden (wobei natürlich
ausgerechnet das Geld nicht gefunden wird, das für das Rückflugticket noch
benötigt wird ...) Diese ins Triviale abgleitende Übertreibungen sind es,
warum man Franzen noch keineswegs mit Updike vergleichen kann. Ihm fehlt der
Sinn für erzählerische Ökonomie. Es reicht eben nicht 800 Seiten zu
schreiben, in denen sich hervorragende mit durchschnittlichen und schlechten
Abschnitten abwechseln, um ein "Meisterwerk" zu schreiben. Der Vergleich mit
den "Buddenbrooks" läuft deshalb völlig ins Leere, denn es ist gerade die
souveräne Beherrschung der Stoffmassen und die quasi-musikalische,
abwechslungsreiche Verdichtung des Materials, die man bei Franzen vergeblich
sucht.
"Die Korrekturen" zeigen viel von der amerikanischen Gegenwart. Sollte es
Franzen gelingen, diese Welthaltigkeit ästhetisch besser in den Griff zu
bekommen, könnte ihm tatsächlich eine literarische Sensation gelingen, noch
ist es nicht so weit.
28. Juli 2002
Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges (4)
(dtv Bibliothek der Antike)
Während die Rede Kleons belegt, dass sich (immer auf einer vergleichsweise abstrakten Ebene gesprochen) grundlegende rhetorische Strategien reaktionärer Populisten in den letzten 2400 Jahren wenig verändert haben, gilt das auch für die Gegenseite. Diodotos wirkt wie ein moderner, aufgeklärter Humanist, wenn er sich gegen die Ausrottung der mytilenischen Bevölkerung ausspricht. Er beginnt mit einer Verteidigung der rationalen Vorgehensweise in dieser Angelegenheit:
[...] mir scheint, die beiden größten Feinde guten Rates sind Raschheit und Zorn, von denen das eine gern bei der Torheit weilt, das andere bei Unbildung und kurzen Gedanken. Und wer das Reden bekämpft, als sei es nicht die Schule für das Tun, ist unverständig oder hat ein eigenes Interesse: unverständig, wenn er meint, es gebe irgendeinen andern Weg, sich über Künftiges und nicht Augenfälliges zu verständigen [...]
Diodotos' Argumente gegen die Todesstrafe haben nichts von ihrer Gültigkeit verloren:
Es ist in der Natur, daß alle, seien es Einzelne oder Staaten sich schuldig machen, es gibt kein Gesetz das zu hindern; denn alle Strafen haben die Menschen schon durchversucht, immer steigernd, um so vielleicht Ruhe zu bekommen vor den Frevlern [...]
Milieutheorie, psychologische Faktoren, Kriminalität aus Machtgier: Alles was man im Zuge der europäischen Strafrechtsreformen in den letzen 250 Jahren mühsam erarbeitete, bei Thukydides hätte man sich die richtigen Anregungen holen können ...
Entweder gilt es also noch einen gewaltigeren Schrecken zu erfinden, als diesen - oder es gibt kein Hindernis. Sondern die Armut, die verwegen ist aus Not, und die Macht, habgierig aus Frevelmut und Stolz, und alle anderen Lebensumstände, wie sie die Menschen mit irgendeiner Leidenschaft fassen, sie alle reißen mit ihren wechselnden Übergewalten unwiderstehlich zum Wagnis.
Der Redner argumentiert nüchtern und emotionslos, auch wenn er die Frage der Gerechtigkeit ins Spiel bringt:
Vernichtet ihr aber das Volk von Mytilene, das gar keinen Teil hatte am Abfall und, sobald es in Waffen in die Hand bekam, euch willig die Stadt übergab, so wäre dieser Mord an euren Freunden ein Frevel, zweitens würdet ihr mit diesem Beispiel den Vermögenden in aller Welt den größten Gefallen tun. Denn sooft sie eine Stadt euch abwendig machen, werden sie alsbald das Volk auf ihrer Seite haben: ihr habt ja gezeigt, daß bei euch die gleiche Strafe die Fehlbaren bedroht wie die Unschuldigen. Richtig aber wäre, selbst wenn sie gefehlt haben, still darüber wegzugehen, damit das einzige, was noch zu uns hält, uns nicht auch noch feind wird.
Die Athener entscheiden sich für diese Argumente und die Mytilener werden im letzten Moment gerettet (eine Episode übrigens, in der Thukydides einmal mehr sein Erzähltalent zur Entfaltung bringen kann).
Nimmt man ein paar beliebige Reden europäischer Populisten aus dem letzten Jahr und vergleicht sie mit den Erwiderungen ihrer Gegner, stellt man schnell fest, dass die Auseinandersetzung zwischen Kleon und Diodotos eine mustergültige antike Vorlage dafür abgibt. Hier Ressentiments, dunkle Emotionen, Vorurteile, Geistfeindlichkeit, Grausamkeit gegen Schwächere; dort rationales Abwägen, Humanität, empathisches Verständnis für die unschönen Seiten der menschlichen Natur. Den Kern der Aufklärungsidee (die von ihren Gegnern immer fälschlich auf Zweckrationalität reduziert wird), man findet ihn bei den alten Griechen. Begeisterung ist freilich unangebracht, wenn man die Idee 2400 Jahre später mit der Wirklichkeit vergleicht.
21. Juli 2002
Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges (3)
(dtv Bibliothek der Antike)
Wirft man einen genaueren Blick auf politischen Debatten in Athen und auf die Art der vorgebrachten Argumente, ist man erst einmal sprachlos, wie wenig sich seitdem geändert hat. Sehr deutlich wird das im Gericht über Mytilene (5. Kriegsjahr), das Athen im Krieg verriet. Im Zorn beschließt die Volksversammlung, die Bevölkerung der Stadt komplett auszurotten. Dieser Entschluss stößt auf Widerstand, so dass die Angelegenheit am nächsten Tag erneut verhandelt wird.
Kleon, der erste reaktionäre Populist in der europäischen Geschichte, über den wir dank Thukydides gut Bescheid wissen, kritisiert zu Beginn den zweiten Anlauf:
Und das Allerärgste, wenn uns nichts Bestand haben soll, was wir einmal beschlossen haben, und wir nicht einsehen wollen, daß ein Staat mit schlechtern, aber unverbrüchlichen Gesetzen stärker ist als mit einwandfreien, die nicht gelten, daß Einfalt mit Disziplin weiter hilft als noch so schlaue Zuchtlosigkeit, und daß schlichtere Menschen im Vergleich zu den gescheiteren im allgemeinen ihren Staat besser regieren [...]
Eine Einsicht, die nicht nur Bush junior erfreuen dürfte. Etwas später richtet sich Kleons Augenmerk auf die "Gutmenschen", und er fällt über sie ähnlich her, wie wir das heute kennen:
Auf die Neuheit eines Gedankens hereinfallen, das könnt ihr gut, und einem bewährten nicht mehr folgen wollen - ihr Sklaven immer des neuesten Aberwitzes, Verächter des Herkommens, jeder nur begierig, wenn irgend möglich, selber reden zu können, oder doch um die Wette mit solchen Rednern bemüht zu zeigen, daß er dem Verständnis nicht nachhinkt, ja einer geschliffnen Wendung zum voraus beizufallen, überhaupt erpicht, die Gedanken des Redners vorweg zu erraten, langsam nur im Vorausbedenken der Folgen; so sucht ihr nach einer anderen Welt gleichsam, als in der wir leben [...]
Zur Erinnerung, hier wird die Vernichtung einer Stadt samt Frauen und Kindern verhandelt. Kleon fällt über seine intellektuellen Zeitgenossen mit einer Schärfe her, die sich danach als Mantra bis in die Gegenwart wiederholt: Einerseits gibt hier der traditions- und vaterlandslose Intellektuelle, der zwar als Blender schön redet, aber die Welt nicht kennt, seine rhetorisch gelungene Premiere. Bei Platon lassen sich ähnliche Stellen finden, aber nicht in dieser prägnanten Vehemenz, und teilweise leider mit umgekehrten Vorzeichen, er war ja kein Freund der Sophisten wie wir wissen. Andererseits der Schönredner, der sich nicht der Sache, sondern nur der Selbstdarstellung wegen profilieren will. Ein Vorwurf, der gerade heute ständig erhoben wird (siehe Walser-Debatte), obwohl er schon vor 2400 Jahren nicht stichhaltig war.
Abschreckung ist das Zauberwort aller Stahlhelme der Weltgeschichte. Ob Kleon, Reagan oder Sharon, es hört sich immer ähnlich an:
Nun seht zu, wenn ihr eure Verbündeten gleich straft, ob sie nun vom Feind gezwungen waren oder [wie Mytilene] aus freien Stücken abfielen, welche Stadt, meint ihr, wird nicht beim geringsten Anlaß euch verraten, wo das Gelingen ihre Freiheit bringt und ein Fehlschlag kein unheilbares Unheil?
Danach folgt eine Lektion in Regierungskunst:
Ich habe mich darum gleich anfangs und auch jetzt wieder dafür eingesetzt, daß ihr den ersten Beschluß nicht mit dem zweiten umstoßt und keine Fehler macht aus Mitleid, Freude an schönen Reden oder Nachgiebigkeit, den drei Erzlastern, wenn man herrschen will. Denn Gnade ist recht zwischen Ebenbürtigen, aber nicht, wenn drüben erbarmunglose Feindschaft notwendig bestehen bleiben muss [...]
Willkommen, Mytilene in "the axis of evil". Was Diodotus, der berüchtigte antike Gutmensch und Menschenrechtler, auf diese Suada erwidert, folgt im vierten Teil.
GKFA
Eine kritische Rezension der neuen Thomas-Mann-Ausgabe ist in der NZZ zu lesen.
Lob der Logik
John Dewey hat eines seiner wichtigsten Bücher schlicht "Logik" genannt. Bei Suhrkamp ist es nun auf Deutsch erschienen. Nicht nur Christoph von Wolzogen findet dies sehr beachtlich.
20. Juli 2002
Timothy Ferris: The Whole Shebang. A State-Of-The-Universe(s) Report
(Touchstone Book)
Was zeichnet ein hervorragendes wissenschaftliches Sachbuch aus? Der Autor muss nicht nur sein Thema souverän beherrschen und ein guter Didakt sein, er darf auch keinesfalls seine Leser unterschätzen und komplexe Materien unzulässig vereinfachen.
Ferris' dichtes Buch über den aktuellen Stand der kosmologischen Forschung erfüllt diese Kriterien alle. Besonders hervorzuheben ist, dass Ferris seine Leser an der wissenschaftlichen Entwicklung quasi teilnehmen läßt, in dem er nicht nur prägnant alternative Theorien, ihre Schwächen und Stärken vorstellt, sondern auch dichte wissenschaftshistorische Exkurse in die Geschichte der Astrophysik des 20. Jahrhunderts unternimmt. Ferris, emeritierter Professor an der University of California, kannte viele der Protagonisten persönlich, was zur Lebendigkeit seiner Darstellung beiträgt.
Durch diese Vorgehensweise erhalten auch wissenschaftstheoretisch unvorbelastete Leser einen guten Eindruck, wie moderne Naturwissenschaft funktioniert, wie aufregend experimentelle Forschung sein kann, wie elegant theoretische "Hirngespinste" oft experimentell von verschiedenen Seiten bestätigt werden.
Die Themenfülle ist überwältigend, es gibt kaum eine Fragestellung, die nicht zumindest (fundiert) angerissen wird. Die Lektüre wirkt aufklärend im besten Sinn des Wortes. Wer wissen will, in welchem Universum wir leben (genauer: welche Hypothesen und Theorien über die Natur des Universums und vieler seiner Phänomene derzeit wissenschaftlich am besten bestätigt sind), wird aus der Lektüre großen Nutzen ziehen.
Bibliothek: Neuzugänge
Abgesehen von den "Korrekturen" habe ich alle anderen Bücher gebraucht bei Amazon gekauft. Probleme gab es keine, eine günstige Buchquelle mehr.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Jonathan Franzen | Die Korrekturen. Roman | Rowohlt | Die ersten 100 Seiten waren akzeptabel :-) |
| Nikos Kazantzakis | Alexis Sorbas. Roman | rororo | März 2000 |
| Pietro Citati | Kafka. Verwandlungen eines Dichters | Piper | Gebunden |
| Lambert Schneider; Christoph Höcker | Griechisches Festland. | DuMont Kunst-Reiseführer | "Antike und Byzanz, Islam und Klassizismus zwischen Korinthischem Golf und nordgriechischem Bergland" |
| Nicholas Boyle | Goethe. Band I: 1749-1790 | C.H. Beck | jüngste "große" Goethe-Biographie |
18. Juli 2002
Kulturjournalistische Reflexe
Die Wiener Stadtzeitung Falter gehört zum Besten, was der österreichische politische Journalismus hervorbringt, eigentlich ein Armutszeugnis für die journalistische Szene in Österreich, hier auf eine kleine Stadtzeitschrift angewiesen zu sein.
Der Kulturteil dieser Zeitschrift zeichnet sich (neben vorzüglichen Theaterkritiken) vor allem dadurch aus, dass die unterschiedlichsten Kunst- und "Kunst"-formen in einen großen Topf geworfen werden und diese unausgegorene Brühe nach kurzem Umrühren über die Leserschaft geschüttet wird. Klassik etwa kommt kaum vor, während mit einer erstaunlichen Akribie über die kleinsten Regungen der Popszene berichtet wird, als sei das von irgendeiner ästhetischen Relevanz.
(Exkurs: Über die Peinlichkeit von Nostagie-Rockkonzerten mit Senioren-Rockern, in denen gut situierte Frühpensionisten die herzerwärmenden Erinnerung an ihre "rebellische" Jugend auskosten, in denen sie als gut situierte Bürgersöhne ihren harmlosen "Protest" via Rockkultur zur Anschauung brachten, ließe sich auch einiges schreiben, aber darauf wollte ich nicht hinaus, jedenfalls ziehe ich hier die vergleichsweise ehrliche Verlogenheit des klassischen Musikbetriebs vor.)
Zurück zur aktuellen Falter-Ausgabe. Klaus Nüchtern widmet sich ausführlich dem neuen Roman von Jonathan Franzen, "Die Korrekturen", den er in den höchsten Tönen löbt, um ihn dann als Vorschlaghammer gegen avanciertere literarische Formen zu missbrauchen:
Natürlich ist gute Literatur keine Frage nationaler Herkunft. Aber eine Entkrampfung der in der deutschen Kritik nach wie vor gepflogenen Verschränkung von Mainstream-Verachtung mit der Fetischisierung literarischer "Progressivität", die zum permanenten Bruch mit ästhetischen und gesellschaftlichen Konventionen verpflichtet, wäre kein Fehler.
Seit Jahren wird diese inzwischen völlig unoriginelle Suada angestimmt, wenn ein guter amerikanischer Roman erscheint, so als sei es eine kulturjournalistische Heldentat mit einem erfolgreichen Millionen-Bestseller auf der literarischen Avantgarde herumzuhacken. Die literarisch anspruchvollsten Werke haben es nicht nur aus materiellen Gründen schwer genug, ihre Autoren leben in der Regel am Existenzminimum, und brauchen gerade seitens der Literaturkritik jede Unterstützung. Was Klaus Nüchtern hier macht, ist journalistischer Populismus der üblen Sorte, ein völlig überflüssiger ästhetischer Populismus, der sich mit dem Starken auf Kosten des Schwachen verbündet.
P.S. Wie gut "Die Korrekturen" wirklich sind, wird sich weisen, der Roman liegt schon zur Lektüre bereit.
16. Juli 2002
Studentische Bildung
Einer nicht-repräsentative Umfrage wollte die (Allgemein-)Bildung der Linzer Studenten ans Licht bringen. Das Ergebnis ist (wenig überraschend?) düster. Vor allem mit wissenschaftlicher Methodik kann fast niemand etwas anfangen:
Erhebliche Schwächen entdeckt Wagner aber auch bei wissenschaftsspezifischen Fragen. Zwischen 83 und 88 Prozent der Befragten konnten mit Begriffen wie Theorem, normative Wissenschaft und deduktives Vorgehen nichts anfangen. "Hier liegt der Fehler bei den Universitäten, wir wissen aus anderen Untersuchungen, dass die Studierenden hier ein Informationsdefizit beklagen", gesteht er ein.
Ich wusste gar nicht, dass Linz eine geisteswissenschaftliche Fakultät hat ;-)
Klassiker-Verlage (21): Zweitausendeins
2001 sollte eigentlich allen bekannt sein. Dort gibt es seit vielen Jahren günstige Klassiker-Ausgaben in Lizenz. In den meisten Fällen solide Ausgaben zu erstaunlichen Preisen. Weiter so!
13. Juli 2002
Lob einer Privatbibliothek
70.000 Bände umfasst die Bibliothek der Familie Kuczynski. Jetzt wurde sie an die Berliner Zentral- und Landesbibliothek verkauft, wie Tilman Krause berichtet.
Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges (2)
(dtv Bibliothek der Antike)
Thukydides starb, bevor er sein Werk in die von ihm gewünschte Form bringen konnte, weshalb man bei der Lektüre unschwer drei verschiedene Stufen feststellen kann: 1. Notizen, die mehr oder weniger noch Rohmaterial sind, eine Stoffsammlung zur späteren Verwendung. 2. Die Verarbeitung dieser Notizen zu einer Chronik. 3. Erzählerisch penibel gestaltete Episoden.
Das schadet der Lesbarkeit jedoch keineswegs. Warum fasziniert dieses Werk seit seiner Entstehung so viele Leser? Hauptgrund ist die Fülle des von Thukydides gebotenen, die sehr unterschiedliche Lesarten zulässt. Historisch erfährt man eine Unmenge an Details über eine der wichtigsten Epochen der Menschheitsgeschichte. Alle Geschichtsinteressierten (im weitesten Sinn) stoßen auf eine kaum zu erschöpfende Fundgrube an Material. Dieser Reichtum bietet selbstverständlich auch spezielleren Fächern (Ethnologie beispielsweise) genügend Stoff. Wer den Schwerpunkt lieber auf Schöngeistiges legt, wird ebenfalls nicht enttäuscht. Viele Passagen sind von einer beeindruckenden erzählerischen Qualität, der Stoff jeweils höchst geschickt zu epischen Spannungsbögen angeordnet. Thukydides hat nicht nur das erste moderne Geschichtswerk geschrieben, er hob en passant auch die Erzählkunst auf eine neue Stufe. Ähnliches gilt für die zahlreichen Reden, die von einer ungewöhnlichen rhetorischen Brillanz zeugen.
Als wäre dies nicht alles bereits genug: In dem Buch tritt uns mit Thukydides ein glänzender Kopf entgegen, der sich eine eigene Meinung über seine Zeit und über die Menschen bildete. Aufgeklärt betrachtet er das Kriegsgeschehen seiner Landsleute und wird zunehmend pessimistischer. Die rationale Distanz zum Geschehen führt wie bei Euripides zu einem Menschenbild, das quer zur athenischen Selbtbeweihräucherung steht.
Die Größe der Leistungen Athens wird nicht verschwiegen, die unappetitlichen Seiten der berühmten Stadt spielen jedoch die Hauptrolle. Die arrogante, rücksichtslose Machtpolitik der Großmacht zeigt erstaunliche Analogien zur Gegenwart. Athenische Gesandte, die kleinere Städte zur Unterwerfung auffordern, verstecken sich meist nicht Scheinargumenten, sondern reden Tacheles, nicht nur mit den Meliern:
Wir allerdings gedenken unsrerseits nicht mit schönen Worten - etwa als Besieger der Perser seien wir zur Herrschaft berechtigt oder wir müßten erlittenes Unrecht jetzt vergelten - endlose und unglaubhafte Reden euch vorzutragen [...] sondern das Mögliche sucht zu erreichen nach unser beider wahren Gedanken, da ihr so gut wißt wie wir, daß im menschlichen Verhältnis Recht gilt bei Gleichheit der Kräfte, doch das Mögliche der Überlegene durchsetzt, der Schwache hinnimmt.
Soweit ich sehe ist das die erste explizite Formulierung der "sozialdarwinistischen" Idee in der abendländischen Geistesgeschichte. Frappierend im letzten Zitat besonders das "vermutungsweis". Die Behauptung wird, bester skeptischer athenischer philosophischer Tradition gemäß, als Hypothese präsentiert, ein unglaublicher Zynismus.
[...]
Wir glauben nämlich, vermutungsweis, daß das Göttliche, ganz gewiß aber, daß alles Menschenwesen allezeit nach dem Zwang seiner Natur, soweit es Macht hat, herrscht. Wir haben dies Gesetz weder gegeben noch ein vorgegebenes zuerst befolgt, als gültig überkamen wir es, und zu ewiger Geltung werden wir es hinterlassen [...]
[S. 433]
Recht hatten sie aber zumindest, was die "ewige Geltung" dieses Gesetzes angeht. Die amerikanische Außenpolitik ist der des antiken Athen so ähnlich, dass man es kaum für möglich hält. Das einzige "Argument" der USA im Streit um den internationalen Strafgerichtshof war ja ebenfalls, dass sie sich das als einzige Supermacht nicht bieten lassen wollen. Das "vermutungsweise" sucht man allerdings vergeblich ...
12. Juli 2002
Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges (1)
(dtv Bibliothek der Antike)
Man kann über den "Kanon" sagen, was man will: Meiner Leseerfahrung nach sind Bücher, die seit Jahrhunderten (von längeren Zeiträumen nicht zu reden) die unterschiedlichsten Leser faszinierten, gewinnbringender als zahlreiche andere Druckerzeugnisse. Keine finstere Verschwörung ist die Ursache dafür, dass Homer oder Herodot oder Platon oder Plutarch oder Augustinus (...) immer wieder passionierte Leser fanden und finden, sondern die erstaunliche Qualität und Aktualität ihrer Werke.
Thukydides (ca. 460-404) ist ein besonders herausragendes Beispiel. Gerne wird er als Begründer der modernen Geschichtsschreibung tituliert, obwohl er eigentlich hauptsächlich seine Gegenwart beschrieb. Als Leser hatte er allerdings nicht in erster Linie seine Zeitgenossen im Auge:
Zum Zuhören wird vielleicht diese undichterische Darstellung minder ergötzlich scheinen; wer aber das Gewesene klar erkennen will und damit auch das Künftige, das wieder einmal nach der menschlichen Natur, gleich oder ähnlich sein wird, der mag sie so für nützlich halten, und das soll mir genug sein: zum dauernden Besitz, nicht als Prunkstück fürs einmalige Hören ist sie verfaßt.
Die "Geschichte des Peloponnesischen Krieges" sollte nicht nur die tatsächlichen Ereignisse schildern, sondern auch die anthropologischen Fundamente dieser Auseinandersetzung freilegen. Die brillante Umsetzung dieses Vorsatzes ist sicher eine Ursache für den Erfolg des Buches.
[S. 36]
Man braucht viel Phantasie, um sich den riesigen Umfang des Projekts vorzustellen. Zwar waren Herodots Historien in Athen bekannt, nach Thukydides' methodischen Vorstellungen jedoch gänzlich unbrauchbar. Nicht einmal ein für die Geschichtsschreibung verwendbares einheitliches Kalendersystem gab es, die Städte in Hellas wandten diverse Notationen an (meist bezogen auf in der Vergangenheit amtierende Würdenträger). Thukydides behalf sich mit einer auch heute noch plausiblen Einteilung in Sommer und Winter. Die Zuverlässigkeit seiner chronologischen Angaben konnte astronomisch bestätigt werden (er erwähnt mehrmals Sonnenfinsternisse).
Das Geschichtswerk füllt heute etwa 630 engbedruckte Seite, für antike Verhältnisse ein beachtlicher Umfang. Wie Thukydides im einzelnen seine Informationen zusammentrug, entzieht sich unserer Kenntnis. Als wohlhabende und einflussreiche Persönlichkeit hatte er sicher viele Kontakte. 424 wurde zu einem der zehn Strategen gewählt, hatte jedoch kein Kriegsglück und wurde deshalb aus Athen verbannt. Verbannung bedeutete zwangsläufig, sich in (aus athenischer Perspektive) feindlichen Städten aufzuhalten zu müssen. Es ist naheliegend, dass diese gegnerische Sichtweise auf den Krieg zur erstaunlichen Objektivität seines Buches beitrug.
Eine Frage kann auch dieses Werk nicht beantworten, warum nämlich damals in Athen (bzw. Griechenland insgesamt) so viele Geistesleistungen (mehr oder weniger) ex nihilo erbracht wurden, aber das mag eine überflüssige Frage sein, profitieren wir doch heute noch davon.
Fußball - ein Spiel des Hasses
In Weltmeisterschaftszeiten wird gerne verdrängt, was Fußball eigentlich ausmacht: Es ist ein Millardengeschäft mit anachronistischen Emotionen. Der Rückfall in atavistisches Stammesdenken ist ja unschwer bei jedem Ligaspiel (egal in welchem Land) beobachtbar. Selten nur werden diese Tatsachen ausgesprochen, wo anders als in der The New York Review of Books kann man solche deutlichen Worte darüber lesen:
If we were to ask, what has been the most dangerous emotion of the last two centuries, one possible answer might be: the nostalgia for community, the yearning, in an age of mechanization and eclecticism, for the sort of powerful sense of group identity that will enable you to hold hands with people and sing along, your lucid individuality submerged in the folly of collective delirium, united in a common cause, which of course implies a common enemy.
Belege dafür stellt die letzte Weltmeisterschaft zur Verfügung:
This desire for close-knit community at any price was no doubt an important factor in the rise of National Socialism, fascism, communism, and a range of recent and dangerous fundamentalisms. Football fandom, as it developed in the same period in Europe and South America, might be seen as a relatively harmless parody of such large-scale monstrosities, granting the satisfaction of belonging to an embattled community, perhaps even the occasional post-match riot, without the danger of real warfare. The stadium and the game have become the theater where on one afternoon a week, in carefully controlled circumstances, two opposing groups, who at all other moments of life will mingle normally, can enjoy the thrills of tribalism. Hard-core supporters of the competing teams occupy opposite ends of the stadium generating a wild energy of chants and offensive gestures that electrifies the atmosphere.
What happens when a team sport, particularly an intensely engaging, fiercely physical sport like soccer, a game capable of arousing the most intense collective passions, is transferred from the local to the national level? What happens when very large crowds, many of whom are not regular fans and thus not familiar with the game and the emotions it generates, find themselves involved in the business of winning and losing as nation against nation? For the soccer team comes to represent the nation, indeed the nation at war, in a way the single athlete cannot. Before England's decisive game with its old enemy Argentina, the London Samaritans announced that their staff would be at full strength to deal with misery if England lost. After Japan beat Russia —another old quarrel—the people of Tokyo danced in the streets, while in central Moscow, where giant screens had been set up to show the event, there was serious rioting and one death. The TV in the home is safe enough; in the stadium there are fences and police. But a crowd in a public square watching their nation lose against an old enemy with nothing between themselves and, for example, a Japanese restaurant (one was seriously vandalized in Moscow) is a dangerous thing indeed. These events serve to remind us that globalization has done nothing to diminish nationalist passions. Perhaps the reverse.
Tim Parks fand diese treffenden Worte in der NYRB 12/2002. Von Fußball wird hier nie wieder die Rede sein :-)
10. Juli 2002
Schätze der Welt - eine Entdeckung
Für mich eine der spannendsten virtuellen Entdeckungen der letzten Zeit: In 15 Minuten langen Filmen werden die wichtigsten Kulturdenkmäler der Welt präsentiert, mehrere Dutzend sind schon online. Das Niveau ist akzeptabel. Die Auswahl wird durch das UNESCO Kulturerbe-Programm inspiriert. Eine große Fundgrube für (nicht nur) kulturgeschichtlich Interessierte.
Klassiker-Verlage (Fortsetzung)
Die Rückmeldungen waren zahlreich, danke an alle. Die Reihe wird also fortgesetzt, wie konnte ich z.B. nur 2001 vergessen :-)
Bücherherbst 2002 (2): Friedenauer Presse, Rowohlt
Das Programm des Rowohlt-Verlags wird von Jahr zu Jahr schlechter, gute Sachbücher z.B. findet man kaum noch.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Danil Charms | Fälle. Prosa, Szenen, Dialoge | Friedenauer Presse | Sonderausgabe; 15 Euro |
| John Updike | Rabbit, eine Rückkehr. | Rowohlt | 4. Quartal 2002; gebunden; 20 Euro |
| Wolfgang Riehle | Daniel Defoe | rororo monographie | 11/2002; gebunden; 8,50 Euro |
| Claudia Maria Knispel | Joseph Haydn | rororo monographie | 3/2003; gebunden; 8,50 Euro |
9. Juli 2002
Archiv-Update
Wie gewohnt habe ich die Notizen des letzten Quartels (etwas verspätet aber doch :-) in eine eigene Datei gepackt.
Klassiker-Verlage
Da ich gerade beim virtuellen Aufräumen bin, gibt es nun auch die kleine Reihe über Klassiker-Verlage als Archiv-Datei. Wer weitere Verlage kennt, die eine Erwähnung darin verdienen, möge es mich bitte in einer Mail wissen lassen.
Laurence Sterne
Eine neue Biographie ist zu vermelden. Geschrieben hat sie Campbell Ross (ISBN 0-19-212235-5). Glaubt man der Rezension von John Mullan in der London Review of Books, ist das Buch durchaus brauchbar.
Paulus Hochgatterer: Wildwasser
(rororo)
Nachdem mir "Caretta Caretta" sehr gefiel, lag der Griff zu "Wildwasser" nahe, das als Jugendbuch vermarktet wird. Auch hier steht ein Jugendlicher im Mittelpunkt. Der Junge macht sich mit dem Rad auf die Suche nach seinem verschollenen Vater, eine "Bildungsreise" der eigenen Art. Einige der von Hochgatterer eingesetzten Mittel (Aufzählung von Marken-Artikeln etc.) wirken weniger authentisch als in "Caretta Caretta". Trotzdem lesenswert, da sehr untypisch für die österreichische Gegenwartsliteratur.
7. Juli 2002
Nabokov: Lushins Verteidigung. Roman
(rororo)
Je mehr Romane ich von Nabokov lese, desto seltsamer kommen mir seine Bücher vor. Zuerst bin ich (fast) immer von seiner erzählerischen Brillanz hingerissen. Die Bilder stimmen ebenso wie der Erzählton. Sein "Zeitmangement" ist furios, diverse Rückblenden sind überraschend stimmig und strukturell raffiniert eingebettet: eine makellose Oberfläche.
Warum also bleibt so oft ein schaler Eindruck zurück? Als tränke man einen hervorragenden entkoffeinierten Darjeeling, der Geschmack ist da, die Wirkung fehlt. Trotz der Subtilitäten, die Nabkov zahlreich in seinen Texten versteckt, bleibt er irgendwie an der Oberfläche hängen. Aalglatte Perfektion ist eventuell doch zu wenig.
Heine, Kerr und Kafka
Die aktuelle Literatur und Kunst-Beilage der NZZ ist wieder einmal so interessant, dass man sie verlinken muss.
6. Juli 2002
Wien: Eine Stadt der neuen Musik?
Schon während des letzten "Wien modern"-Festivals hatte ich den Verdacht, dass es hier ungewöhnlich viele Menschen gibt, die sich für neue Musik interessieren. Der Ansturm ist sogar so groß, dass es für entsprechende Abonnement-Reihen Wartelisten gibt (wie sonst für die Wiener Philharmoniker). Es gelang mir deshalb im ersten Anlauf nicht, den Zyklus des Klangforum Wiens zu abonnieren: Die ersten beiden Kategorien sind ausverkauft.
Heinz Schlaffer: Die kurze Geschichte der deutschen Literatur
(Hanser)
Mehr als hunderttausend Exemplare dieses Buches wurden inzwischen verkauft, höchst ungewöhnlich für einen Beitrag zur Geschichte der deutschen Literatur. Es lag der Gedanke nahe, dass Schlaffer im Sog der Schwanitz-Mode (Bildung für Anfänger) zum Bestseller-Autor wurde. Handelt es sich also um eine schauderhafte "Literaturgeschichte für Gestresste"?
Die Lektüre zerstreut zumindest diese Befürchtungen. Schlaffer kennt die Geschichte der deutschen Literatur und hätte einen sprachlich hervorragenden, kondensierten Überblick über ihre Entwicklung schreiben können. Das wollte er offenbar nicht, denn als gelernter Geisteswissenschaftler ist er darauf trainiert, originelle Thesen zu produzieren. Originalität genießt in den schönen Wissenschaften nach wie vor einen höheren Stellenwert als das vergleichsweise langweilige Kriterium der empirischen Überprüfbarkeit.
Nur ein Beispiel dazu: Die Bedeutungslosigkeit der mittelalterlichen Literatur zeigt sich für Schlaffer darin, dass sie kaum rezipiert wurde. Hält man dieser These die internationale Wirkungsgeschichte der Werke Richard Wagners entgegen, bleibt kaum mehr etwas von ihr übrig. Dass Wagner nur en passent erwähnt wird, versteht sich von selbst.
Schlaffers bereits aus dem Titel ersichtliche Kernaussage lautet: Literatur von Weltgeltung gab es in Deutschland nur während der Klassik und Romantik sowie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Alles andere bleibe weit hinter der Literatur anderer Länder zurück.
Auch hier argumentiert Schlaffer vor allem aus der Rezeptionsperspektive. Eine explizite ästhetische Diskussion sucht man vergebens, so als gäbe es gerade in Fragen literarischer Wertung keinen theoretischen Rechtfertigungsbedarf (und keine hervorragenden Studien dazu etwa die von Simone Winko).
Das Wesen der deutschen Literatur will Schlaffer ebenfalls ergründen. Das enge Verhältnis zur Religion sei das Hauptmerkmal der deutschen Literatur. Als Beleg dafür werden hinreichend bekannten Fakten aus der deutschen Literaturgeschichte angeführt, von Luther über den Pietismus bis hin zur Rolle des protestantischen Pfarrhauses. Selbst für Freunde gewagter Induktionsschlüsse, ein ziemlich dürftige Ausgangsbasis.
Die dümmste These bezieht sich auf die Literatur nach 1945. Schlaffer ist sich nicht zu Schade, die political correctness für die mangelnde Qualität der deutschen Belletristik der letzten 50 Jahre verantwortlich zu machen. Die Last der politischen Moral sei so drückend gewesen, dass diese gute Bücher unmöglich machte (wobei wir immer noch nicht wissen, was nach Schlaffer gute von schlechter Literatur unterscheidet).
Warum man Thukydides lesen soll
Von ihm wird hier demnächst noch öfters die Rede sein. Den Auftakt soll Jens Jenssens schönes Plädoyer bilden, warum Thukydides eine ideale Urlaubslektüre darstellt:
Zu den unvergänglichen Vorurteilen zeitgenössischer Lebenspraxis gehört die Meinung, für den Urlaub seien nur leicht lesbare Schmöker geeignet. Manches spricht dafür, dass diese Maxime von notleidenden Buchhändlern ausgegeben wurde, die ihre Ladenhüter des angelsächsischen Humorgewerbes abstoßen wollten. In Wahrheit ist nichts enttäuschender, als in den Ferien, wenn endlich der Kopf frei geworden ist, mit Büchern umzugehen, die leichter zu durchschauen sind als die örtlichen Bustarife. Um den nahrhaften Lesewiderstand eines Thukydides, der mühelos für drei Wochen reicht, auch nur annähend mit Krimis und Arztromanen zu erreichen, müsste man mindestens zwei Dutzend von ihnen mitnehmen, und es ist leicht einzusehen, dass sich die Charterfluggesellschaften gegen solches Übergepäck sperren.
3. Juli 2002
Bücherherbst 2002 (1): Suhrkamp, Insel
Wie schon im letzten Bücherfrühling werde ich auch aus den Herbst-Vorschauen einige besonders bemerkenswerte Neuerscheinungen auswählen und hier kurz auflisten. Unvollständigkeit und Willkürlichkeit sind garantiert :-)
P.S. Dass kein einziger Titel der Reihe suhrkamp taschenbuch wissenschaft erwähnt wird, liegt daran, dass es keiner verdient. Das neue Lektorat hat es inzwischen erfolgreich geschafft, die Reihe geistig einzuschläfern.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Hans-Ulrich Treichel | Der irdische Amor. Roman | Suhrkamp | 7/2002; 20 Euro |
| Bertolt Brecht | Ausgewählte Werke in sechs Bänden | Suhrkamp | 7/2002; gebunden; 30 Euro |
| John Rawls | Geschichte der Moralphilosophie | Suhrkamp | 7/2002; 20 Euro |
| Manfred Hardt | Geschichte der italienischen Literatur | Suhrkamp Taschenbuch | 3/2003; 1000 Seiten; 20 Euro |
| Hans-Joachim Simm (Hrsg.) | Zauber und Wunder. Die Märchen der Welt | Insel | 9/2002; 800 Seiten; 25 Euro |
| Dante | Die göttliche Komödie | Insel | 8/2002; Übersetzt von Friedrich von Falkenhausen; 37 Euro |
| Dieter Borchmeyer | Richard Wagner | Insel | 7/2002; 600 Seiten; 55 Euro |
| Nikolaus von Kues | Vom Frieden zwischen den Religionen | Insel | 9/2002; 20 Euro |