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3. Quartal 2003
26. September 2003
Karl Corino: Robert Musil. Eine Biographie (1)
Gestern traf die lang erwartete Musil-Biographie Corinos hier ein, ein zweitausendseitiger Buchziegel, an dem Corino über Jahrzehnte gearbeitet hat. Die ersten sechzig Seiten waren eine große Enttäuschung. Ein ebenso wildes wie unreflektiertes Durcheinander von Zitaten aus den Tagebüchern und literarischen Werken. Der Biograph zieht fiktionale Werke wie autobiographische Dokumente zum Beleg von Ereignissen heran. Das ist methodisch natürlich völlig unzulässig. Es kann nur noch besser werden.
Tolstoi: Krieg und Frieden (Urfassung)
Bei Eichborn ist die sogenannte "Urfassung" dieses Klassikers in neuer Übersetzung erschienen. In der Büchermarkt-Sendung vom 18.9. beurteilt Brigitte von Kann dieses Buchprojekt vergleichsweise skeptisch.
Wagner: Die Walküre
(Staatsoper 21.9.03)
Musikalisch wie schon im letzten Jahr hervorragend, die Wiener Staatsoper verstand und versteht sich auf ihren Wagner. Kritisch anzumerken wäre die lieblose Routine der Aufführung. Die Musiker der Wiener Philharmoniker verließen fluchtartig den Orchestergraben, sobald sie nicht mehr gebraucht wurden, was angesichts des applaudierenden Publikums schon minimale Höflichkeitsstandards verletzt. Auch beim Bühnenbild wurde geschlampt. So warfen die riesigen Stoffbahnen - eigentlich als realistischer Hintergrund gedacht - an einigen Stellen unansehliche große Falten, was man einem kleinen Stadttheater nachsehen mag, nicht aber der Wiener Staatsoper (vor allem nicht angesichts der hohen Kartenpreise!). Offenbar ist man so von sich selbst überzeugt, dass man ungenau arbeitet. Ob hier die Attitüde des Herrn Holender auf seine Mitarbeiter abfärbt?
20. September 2003
Neue Wiener Stadtbibliothek
Vor ein paar Monaten wurde der Neubau des Hauptgebäudes der Wiener Stadtbibliothek eröffnet. Die Architekturkritik war (berechtigterweise) voll des Lobes. Letzte Woche machte ich mir selbst ein Bild, wobei ich vorläufig nur von der Innenarchitektur reden kann, da ich das Gebäude nicht verlassen habe: die U-Bahn-Station befindet sich direkt unter der Bibliothek.
Die Bücher verteilen sich auf zwei große Stockwerke. Es gibt schöne Glasfronten mit diversen Sitzgelegenheiten, die einen beim Schmökern einen Blick auf das Wiener Stadtleben erlauben. Der Bestand an Büchern kann sich sehen lassen, das gilt sogar für akademische Fächer wie Literaturwissenschaft. Erwähnenswert auch der umfangreiche Bestand an Werkausgaben (darunter auch aus der Deutschen Klassiker Bibliothek).
Swimmingpool
(Filmcasino 15.9.)
Regie: Francois Ozon
Eine ebenso lebensunzufriedene wie erfolgreiche englische Kriminalschriftstellerin nimmt das Angebot ihres Verlegers an, sich in dessen französischen Landhaus ihrem neuen Werk zu widmen. Überraschend wird diese Idylle durch die Ankunft der Tochter des Verlegers unterbrochen. Am Ende gibt es eine Leiche ...
Ozon schwelgt etwas zu selbstverliebt in seinen Bildideen, die allerdings durchaus schön anzusehen sind. Etwas weniger Manierismus hätte dem Film gut getan. Trotzdem sehenswert.
Gilgamesh (2.)
(1. Neuübersetzung von Raoul Schrott, Wiss. Buchgesellschaft)
(2. Akademietheater am 18.9.)
Regie: Theu Boermans
Gilgamesh: Roland Koch
Enkidu: Markus Hering
Als erstes überliefertes Werk der Weltliteratur übt dieses Epos naturgemäß eine große Faszination aus, und man ist überrascht, auf wie viele wichtige literarische (und andere) Motive man darin bereits stößt. So wird dem Leben gegenüber eine auffallend pessimistische Haltung eingenommen, was durch eine Reihe von "bitteren" Beobachtungen deutlich wird. Die klassischen literarischen Stoffe (Liebe, Leben, Tod) kommen alle ausführlich zu ihrem Recht.
Was die Qualität der neuen Übersetzung von Raoul Schrott angeht, bin ich unschlüssig. Es finden sich immer wieder Passagen, die poetisch sehr gelungen sind. Andere wirken vergleichsweise flapsig, so dass sich ein uneinheitliches Bild ergibt. Cum granso salis ist sie aber gut lesbar, was aus literaturdidaktisch Gründen natürlich lobenswert ist.
Auf der Bühne des Akademietheaters - das Burgtheater gab bei Schrott eine Adaption für das Theater in Auftrag - wirkt die Sprache adäquater. Die Aufführung wurde wider Erwarten seht gut mit diesem Stoff fertig (endlich im dritten Anlauf ein gelungener Theaterabend!), daran ändern auch ein paar fragwürdige "Pointen" nicht.
Beruhigend, dass man sich wenigstens auf die Qualität des Akademietheaters verlassen kann.
14. September 2003
Bibliotheks-Fortschritte...
Vom Umzug inzwischen leidlich erholt, bin ich nun stundenweise damit beschäftigt, die Bücher in die gewünschte Reihenfolge zu bringen. Bei Literatur und Klassikern (im weitesten Sinn des Wortes) bevorzuge ich eine chronologische Ordnung, dann hat man die letzten 3000 Jahre buchstäblich vor Augen. Bis Goethe bin ich inzwischen vorgedrungen.
Schopenhauer ...
(Haffmans-Ausgabe)
Nach den "Buddenbrooks" erschien es mir passend, das umfangreiche Kapitel aus "Die Welt als Wille und Vorstellung" zu lesen, das Senator Thomas Buddenbrook zu einem philosophischen Erweckungserlebnis führt, ein Erlebnis, das freilich nach ein paar Tagen wieder verblasst.
"Über den Tod und sein Verhältniss zur Unzerstörbarkeit unsers Wesen an sich" lautet der volle Titel des Abschnitts. Wohl wissend, dass mir dieses metaphysische Wühlen denkbar fern steht, war ich doch betroffen, wie schlecht (handwerklich gesprochen) Schopenhauer seine Argumente präsentiert.
An vielen Stellen fehlt buchstäblich jegliche Logik: Es wird innerhalb eines Arguments nicht nur beliebig zwischen unterschiedlichen Abstraktionsebenen gewechselt und semantisch an Blähsucht leidende Begriffe verwendet, sondern auch regelmäßig rhetorische Tricks eingesetzt (was ist hier dem intelligenten Menschen nicht alles evident und man muss ja ein ausgemachter Trottel sein, wenn man ob dieser genialen Welterklärung nicht in Verzückung gerät ...)
Einige von Schopenhauers "empirischen" Beobachtungen hätten schon einer zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Überprüfung nicht stattgehalten, selbst wenn man von dem unmotivierten Hin- und Herspringen zwischen angeblich naturwissenschaftlichen und metaphysischen Begriffen höflichkeitshalber absieht.
Vor dieser Ausgangslage hilft es auch nicht weiter, brutal aus dem theoretischen Zusammenhang gerissene Zitate klassischer Philosophen als Stützen heranzuziehen. Vergleicht man das (formale) Denkniveau Schopenhauers mit einem brillanten Kopf wie Kant, könnte man vergleichsweise unfreundliche Gedanken über die Entwicklung der deutschen Philosophie in den Jahrzehnten nach dem Königsberger anstellen ...
Adolf Bäuerle: Aline oder Wien in einem anderen Weltteil
(Theater in der Josefstadt 13.9.)
Regie: Philippe Arlaud
Wenn Hans Gratzer seine erste Spielzeit im Theater an der Josefstadt mit einem ausgegrabenen Volkstück aus dem Biedermeier eröffnet, drängt sich eine Frage auf: WARUM?
Ist es als eine spezielle Aufmerksamkeit gegenüber Germanisten gedacht? Bäuerle gilt als literarhistorisch bedeutender Begründer des Wiener Volkstheaters und hat nicht nur Nestroy und Raimund beeinflusst. Angesichts der vergleichsweise populistischen Inszenierung kann man diese museale Intention jedoch ausschließen.
In Zukunft will Gratzer fast ausschließlich österreichische Stücke spielen (Schnitzler, Raimund, Grillparzer schon bald), was angesichts der großen Auswahl sehr guter Stücke zu keinem Engpass führen sollte. Warten wir also ab und hoffen, dass sich dieser biedermeierliche Ausrutscher nicht so schnell wiederholt.
Nach zwei Reinfällen, wäre es nun höchste Zeit für einen Theaterabend von zumindest durchschnittlicher ästhetischer Qualität ...
11. September 2003
Lichter
(Filmcasino)
Regie: Hans-Christian Schmid
Robert Altmans "Short Cuts" dienen als Vergleich: als Episodenfilm sei "Lichter" ebenbürtig. Das ist zwar übertrieben, aber die Referenzklasse ist durchaus zutreffen. Es ist der beste deutsche Film, den ich seit längerer Zeit im Kino sah. Vor allem die "literarische" Qualität - die im Film erzählten Geschichten - ist außergewöhnlich ansprechend. Sie greifen ohne jede Künstlichkeit aktuelle Probleme auf. Formal ist die Umsetzung zwar nicht revolutionär, aber durchaus adäquat (viel Handkamera). Warum fällt der Film also gegenüber von "Short Cuts" ab? Die strukturelle Verbindung zwischen den einzelnen Episoden ist weniger überzeugend als bei Robert Altman. Altman verknüpft seine Geschichten formal deutlich dichter, bei "Lichter" ist dieses Band wesentlich dünner. Aber angesichts der hohen Qualität des dritten Films von Hans-Christian Schmid fehlt das nur wenig ins Gewicht. Man darf sehr gespannt auf seine nächsten Filme sein.
Thomas Mann: Buddenbrooks (3.)
(GKFA)
Die Zeit für die dritte Lektüre dieses Romans war gut investiert. Ursprünglich wollte ich den umfangreichen Kommentarband der Frankfurter Ausgabe parallel lesen, aber ich konnte mich während des Lesens nie entschließen, die "Buddenbrooks" mit Sekundärem zu vertauschen. Nun gehört es ja unter avancierten Literaturfreunden zum guten Ton, abfällig über Thomas Mann und seine Werke zu reden. Das liegt vermutlich daran, dass die literarischen Mittel des Autors im Vergleich zu einem James Joyce oder einem Arno Schmidt vergleichsweise "schlicht" anmuten können. Eine unfaire Argumentation, läßt man dabei doch außer acht, dass Thomas Mann für sich in Anspruch nehmen darf, die Kunst des realistischen Romans zu einem Höhepunkt geführt zu haben. Führt man sich gleichzeitig die literaturgeschichtliche Bedeutung dieser Erzähltradition vor Augen (erwähnt seinen nur die französischen und russischen Klassiker), ist eine abwertende Haltung völlig unangebracht.
Liest man ein Buch zum dritten Mal, achtet man verstärkt auf Details und Finessen. Die "Buddenbrooks" haben hier viel zu bieten, und es ist oft verblüffend mit welcher Souvernität Mann subtile literarische Kunstgriffe einsetzt. Trotz der Länge sind die "Buddenbrooks" von einer raffinierte Ökonomie: Die Handlung wird regelmäßig auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig weitergetrieben, und ich war überrascht wie schnell die Handlung sich eigentlich entwickelt. Die Leitmotiv-Technik ist manchmal etwas plakativ, aber der "Störeffekt" hält sich in engen Grenzen. Schwer zu verstehen ist, wie ein junger und arroganter Schnösel im Alter von 23 Jahren ein solches Riesenprojekt bewältigen konnte.
7. September 2003
Sophokles: Antigone
(Volkstheater 7.9.)
Regie: Thirza Bruncken
Antigone: Meriam Abbas
So hatte ich mir mir - kulturell durch den unsäglichen Sommer verdörrt - den ersten Theaterabend nicht vorgestellt: eine theatralische Peinlichkeit. Nun gibt es auf dem Theater ja nichts schlimmeres als schlechtes Regietheater. Die von keinem nachvollziehbaren Konzept auf der Bühne dargestellten hektischen Aktivitäten samt geleierter Hölderlinübersetzung bewirkte nur eines: Langeweile. Um eines der spannendsten Stücke der Weltliteratur totlangweilig zu inszenieren, braucht es schon eine nicht alltägliche Theaterbegabung ...
Die Aufführung des Berliner Schauspielhauses, die ich Anfang Mai sah, war dagegen eine Glanzleistung.
Klassiker neu übersetzt
Erfreulicherweise reisst die Serie der Klassikerneuübersetzungen nicht ab. Diesmal hat sich Hans-Horst Henschen Flauberts Romanfragment "Bouvard und Pecuchet" angenommen.
23. August 2003
Goethe: Faust. Der Tragödie Erster Teil [5.]
(Herausgeber: Albrecht Schöne; Wissenschaftliche Buchgesellschaft)
Immer wenn ich den "Faust" lese, bin ich über die zahlreichen neuen Nuancen und Bezüge erstaunt, die sich erschließen. Die semantische und strukturelle Reichhaltigkeit ist ebenso verblüffend wie faszinierend. Die literaturgeschichtliche Leistung Goethes würdigt man am Besten, wenn man ein paar Jahrzehnte vor den "Faust" zurückgeht, und sich die im internationalen Vergleich oft unbeholfene deutsche Literatur dieser Jahre ansieht.
Ich nahm diese Fünftlektüre zum Anlass, mir den vielgepriesenen Kommentar Albrecht Schönes näher anzusehen, der als separater Band dieser Faust-Ausgabe beigegeben ist. Die ersten 130 Seiten bestehen aus einer allgemeinen Einführung in das Werk sowie einem relativ kurzen editorischen Bericht. Diese Hinführung ist durchaus gelungen, seine editorischen Argumente scheinen schlüssig zu sein. Allerdings klingt Schönes Rechtfertigung der modernisierten Orthographie, eine Vorgabe des Deutschen Klassiker Verlags, wenig überzeugend, nach seinem ausführlichen Plädoyers alles so ursprünglich wie möglich zu lassen.
Der Stellenkommentar ist für Leser, die mit der Materie bereits einigermaßen vertraut sind, oft redundant. Für (junge) Literaturfreunde, die sich zum ersten Mal mit dem Buch auseinandersetzen, dürfte er eine große und verlässliche Hilfe sein.
Das neue Akropolis-Museum ...
... in Athen hat erbitterte Debatten ausgelöst. BBC Korrespondent Richard Galpin berichtet ausführlich darüber.
Buch-TV im Internet
Über die Qualität kann ich nichts sagen, aber sicher ein guter Weg, um eine kleinere Zielgruppe zu erreichen. Mehr...
18. August 2003
Umzüge und Bibliotheken
Es besteht kein Zweifel: Der einzige Nachteil einer Bibliothek ist das Problem des Transports. Inzwischen stehen meine knapp 5000 Bücher in 17 Regalen, allerdings nur grob sortiert. Bis alle Bücher en detail sortiert sind, wird es noch einige Wochen dauern.
Regelmäßige Updates hier wird es voraussichtlich erst wieder ab Anfang September geben.
Wezel-Werkausgabe
Nach Auskunft des Mattes Verlags erscheint Band VI voraussichtlich im Herbst. Danach soll Band 1 publiziert werden.
Franz Werfel: Verdi. Roman der Oper
(Aufbau Verlag)
Werfel weist in seinem 1923 geschriebenen "Vorbericht" berechtigterweise auf die ästhetischen Kalamitäten hin, die ein Künstlerroman mit sich bringt, vor allem wenn er sich "Wahrheit" als Ziel setzt.
Führt man sich diese Schwiergkeiten vor Augen, kann man Werfel das Kompliment machen, dass ihm diese Seite des Romans gut gelungen ist. Verdi ist eine glaubwürdige Figur, und die ästhetischen und musikhistorischen Themen werden auf adäquatem Niveau abgehandelt.
Die Schwäche des Buches ist eine literarische: Werfel setzt seine erzählerischen Instrumente oft zu unpäzise ein. Das Ergebnis sind narrative Übertreibungen und zu pathetische Passagen.
Lesenswert ist der Roman allerdings durchaus, vor allem, wenn man sich für (italienische) Oper interessiert: Im Mittelpunkt steht die Schaffenskrise des alten Verdi samt seiner Auseinandersetzung mit Richard Wagner.
3. August 2003
Die Kunst des Bücherversendens
Ein nützliche Seite für alle, die oft Bücher verkaufen und versenden, gibt es hier.
Langenscheidt Sonderausgabe
Was die Buchhändler ärgert, erfreut die Bücherkäufer: Amazon legt immer mehr preisgünstige Sonderausgaben auf. Beispielsweise ein Wörterbuch (Englisch) für sieben Euro.
27. Juli 2003
Philip Roth: Portnoys Beschwerden. Roman
(rororo)
Roth gehört zu den Autoren, von denen ich zwei bis drei Bücher pro Jahr lese. Wirklich enttäuscht hat er mich noch nie, "Portnoys Beschwerden" ist besonders herausragend. Dass ihm damit in den Sechzigern der große Durchbruch gelang, ist nicht erstaunlich. Diese Mischung aus psychopathologischer Schein-Authentizität und tragisch-komischer Milieuschilderung funktioniert ausgezeichnet.
Plutarch über das Erlernen der lateinische Sprache
Dabei ist mir etwas begegnet, das erstaunlich klingt, aber doch volle Wahrheit ist. Ich machte die Erfahrung, daß ich nicht so sehr von den Wörtern aus die Dinge erfasste und begriff, als ich ich von den Dingen her, von denen ich schon eine gewisse Kenntnis besaß, und mit ihrer Hilfe den Wörtern auf die Spur kam. Die Schönheit und Knappheit der lateinischen Sprache recht zu erfühlen, das ist, meine ich, etwas Schönes und Reizvolles. Aber die dafür erforderliche gründliche Beschäftigung ist nichts Leichtes und nur denen möglich, die mehr frei Zeit haben und denen ihr Lebensalter noch gestattet, sich ein solches Ziel zu setzen.
19. Juli 2003
Umzug
In den letzten Wochen war ich mit Wohnungssuchen, in den nächsten werde ich mit dem Umzug beschäftigt sein. Knapp 5000 Bücher müssen bewegt werden. Es ist also mehr Bücher tragen als Bücher lesen angesagt. Also nicht wundern, wenn die Zahl der Updates niedriger als sonst sein wird.
P.S. Natürlich bleibe ich in Wien :-)
Plutarch: Von großen Griechen und Römern. Doppelbiographien
(dtv Bibliothek der Antike)
Manche Bücher liest man einfach viel zu spät! Das hat aber zumindest einen Vorteil: Man kann diverse Bezugnahmen späterer Autoren gut verfolgen, diese Biographien sind ja einer der berühmtesten Steinbrüche der Weltliteratur. Shakespeare, die (Weimarer) Klassiker usw., alle haben Plutarch gelesen.
Die dtv Ausgabe ist mit zehn Biographien auf knapp 650 Seiten ziemlich vollständig. Ton und Struktur der einzelnen "Bücher" sind oft unterschiedlich. Gerade die beiden berühmtesten (Caesar, Alexander) fallen im Vergleich zu vielen anderen ab, was etwa Plutarchs selbstreflexive Kommentare angeht. Der Philosoph ist oft erfreulich meinungsfreudig, was den Texten sehr gut tut.
Ideengeschichte in der guter alter englischer Manier
Betreibt angeblich John Wyon Burrows in seinem Buch "Die Krise der Vernunft", in dem er sich mit der europäischen Geistesgeschichte zwischen 1848 und 1914 auseinandersetzt.
Brockhaus 21. Auflage
Gibt es ab Herbst 2005, wie dieser Meldung zu entnehmen ist.
6. Juli 2003
Platon-Rezeption
Ein interessantes Buch zu diesem Thema scheint Arbogast Schmitt geschrieben zu haben: "Die Moderne und Platon". Leider mit 70 Euro viel zu teuer. Mehr
Ian Hacking: Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaften
(Reclam UB)
Man muss dem Reclam Verlag dankbar sein, dass er wenigstens ab und zu Werke analytischer Philosophen verlegt, sonst sähe der deutschsprachige Büchermarkt hier noch düsterer aus. Der Titel allerdings ist schlecht übersetzt: "Representing and Intervening. Introductory Topics in the Philosophy of Natural Science" ist deutlich treffender.
Im Zentrum des Buches steht die Frage nach dem wissenschaftlichen Realismus: Gibt es die Entitäten wirklich, welche wissenschaftliche Theorien und Modelle beschreiben? Im ersten Teil wird dem Leser ein Panoptikum der wissenschaftstheoretischen Diskussion der letzten Jahrzehnte geboten, nicht ohne Rückgriff auf die Philosophiegeschichte und historische Beispiele aus den Naturwissenschaften. Hacking macht keinen Hehl daraus, dass er diese rein theoretischen Debatten für nicht sehr fruchtbar hält, auch wenn er immer wieder gute Argumente für die realistische Position bringt.
Kern des Buches ist der zweite Teil, in dem es um die konkrete Einflussnahme der Wissenschaft auf die Wirklichkeit geht. Hackings These, etwas vereinfacht: Was man gezielt beeinflussen kann, muss real sein. Er bringt eine Fülle von wissenschaftshistorischen Beispielen, um das zu verdeutlichen. Er hat auch Interessantes zum Beobachtungsbegriff zu sagen und weist berechtigterweise auf die (semantische) Sinnlosigkeit des beliebten Vorwurfs "Alle Beobachtung sei theoriegeladen" hin. Besonders ausführlich und ungewöhnlich für eine philosophische Studie ist sein detailliertes Kapitel über Mikroskope.
Das Buch ist solide und interessant, Argumente für wissenschaftlichen Realismus kann es ja nicht genug geben. Andererseits wünscht man sich ab und zu, Hacking würde mehr auf den Punkt kommen und konziser argumentieren.
Bibliothek: Neuzugänge
Wieder einmal: Jokers...
| Autor |
Titel |
Verlag |
Kommentar |
| André Pichot |
Die Geburt der Wissenschaft. Von den Babyloniern zu den frühen Griechen |
Campus |
Standardmonographie für 9.-
|
| Heinrich Laag |
Kleines Wörterbuch der frühchristlichen Kunst und Archäologie |
fourier |
Lizenz: Reclam |
| Lukian |
Der Lügenfreund. Satirische Gespräche und Geschichten |
Aufbau Bibliothek |
In der Wieland-Übersetzung |
| Rudolf A. Kühn (Hrsg.) |
Schillers Tod |
Universitätsverlag Jena |
Kommentierter Reprint der Studie "Schillers Krankheit" von Wolfang H. Veil aus dem Jahr 1936 |
| Laura Accomazzo (Hrsg.) |
Ägypten. Kultur und Landschaft |
Karl Müller |
Bildband |
5. Juli 2003
Diktatur, Religion und Dummheit
Christopher de Bellaigue war im Südirak unterwegs, um sich ein Bild von der Lage zu machen, und die Stimmung der schiitischen Bevölkerung zu sondieren. Es führte auch Gespräche mit Ayatollahs, die ihm ziemlich freimütig Auskunft gaben, und deren Einfluss auf ihre Gläubigen enorm ist. Lesen kann man seine analytische Reportage in der The New York Review of Books 12/2003. Wie so oft profitieren die Kleriker von der Dummheit, bekanntlich eine zentrale Voraussetzung für ihre "Arbeit":
For as long as Iraq has no efficiently functioning authority, the claim of Shiite clerics to be the natural arbiters of human affairs for most Iraqis will go unchallenged. Some of these clerics say they are in favor of a kind Islamic democracy. Their popular legitimacy, they say, is attested to by the crowds that turn out for Friday prayers, and by the flow of supplicants to their doors. The may benefitas well from their associations with the al-Sadr name and from having survived Hussein without fleeing into exile. They have immense authority. Thanks in part to Saddam Hussein and his suppression of independent thought, the people of Al-Sadre City are credulous and uneducated. When judging a statement or an opinion, however absurd it may be, they tend to use one criterion: the authority of the teller.
Verbrannte Manuskripte
Ende Mai 1944 trafen allierte Bomber die mittelalterliche Bibliothek von Chartres und richteten immensen Schaden an. Nun rückt man den verbrannten Manuskripten mit "multispectral imaging" zu Leibe. Details.
4. Juli 2003
Gustave Flaubert: Die Versuchung des heiligen Antonius
(it)
Mit Abstand das seltsamste literarische Werk des 19. Jahrhunderts, das ich bis jetzt las, wobei "seltsam" hier nicht negativ gemeint ist. Ästhetisch ist Flauberts Konzept sehr interessant, auch wenn ich mir unschlüssig bin, ob die Durchführung gelungen ist.
Zu Beginn stellt sich die Gattungsfrage. Ein "Roman" sucht man auf dem Buch vergeblich, trotzdem wird es gerne als "Dialogroman" bezeichnet. Gegen die Klassifizierung als Drama spräche, dass die "Szenenanweisungen" regelmäßig auf der Bühne prinzipiell nicht Darstellbares beschreiben.
Die Versuchungen des heiligen Antonius bestehen in überbordenden Phantasmagorien, die Flaubert penibel und sehr evokativ beschreibt. Das ständige Aneinanderreihen von Höhepunkten nutzt sich jedoch schnell ab. In diesen Phantasmagorien erhalten so ziemlich alle bekannten Sekten und Vertreter vieler Religionen dieser Zeit ihren Auftritt. Flaubert war ein gewaltiger Verschlinger von Quellen.
Dieses Buch passt so gar nicht in das 19. Jahrhundert, auch wenn manches an romantische Literatur erinnert. Alleine aufgrund dieser "Fremdheit" ist es spannend zu lesen. Ein endgültiges Urteil werde ich mir in 10-20 Jahren bilden.
Ausgezeichnet!
Selbstlob ist nicht schön, die BBC aber weist verdientermaßen auf die vielen Auszeichnungen hin, die sie für ihre Online Newsseite erhalten haben. Wer sich für internationale Politik interessiert, findet tatsächlich wenig Vergleichbares. Das bezieht sich nicht nur auf Umfang und Qualität der Berichterstattung, sondern auch auf die Auswahl. Die "Top Stories" sind so gut ausgewählt, dass man sie nicht alle 10 Minuten durch neue Agenturmeldungen austauschen muss.
Kulturberichterstattung, die den Namen verdient, findet dort allerdings nicht statt, aber es darf ja auch Spezialisten geben.
Martin Crimp: Auf dem Land
(Akademietheater 26.6.)
Regie: Roman Kummer
Zu Ende ist sie, die Theatersaison, und es beginnt der trostlose Sommer ohne Konzerte, Theateraufführungen und Opern, von ein paar Alibiveranstaltungen einmal abgesehen. In medias res: Äußerlich gab es wenig auszusetzen, gute Schauspieler, plausible Inszenierung ...
Das Stück des "Exponenten neuer britischer Dramatik" jedoch lohnte solchen Aufwand nicht wirklich. Handwerklich solide brachte es eine Ehekrise auf die Bühne, samt psychologisch düstere Rückblenden in finstere Abgründe. Wer sich an Ibsen erinnert fühlt, liegt nicht falsch. Warum aber sollte man Crimp ansehen, wenn Ibsen ähnliche Konflikte vor über einem Jahrhundert viel besser auf die Bühne brachte?
Gutes aus Texas!
Nein, keine Politiker sind gemeint, sondern die Linkliste des Middle East Network Information Center.
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