Übersicht --- Notizen --- Archiv --- 3. Quartal 2004
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| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| William Faulkner | Die Freistatt | SZ Bibliothek | München 2004; übersetzt von H. Wollschläger |
| Rainer Maria Rilke | Die Aufzeichnung des Malte Laurids Brigge | SZ Bibliothek | München 2004 |
| Siegfried Lenz | Deutschstunde | SZ Bibliothek | München 2004 |
| Wolfgang Koeppen | Das Treibhaus | SZ Bibliothek | München 2004 |
25. September 2004
Cervantes: Don Quijote de la Mancha
(Werkausgabe Zweitausendundeins)
Die Faszination dieses Romans auf die lesende Menschheit ist enorm. Die unerschöpfliche Vielfältigkeit der Themen, die das Buch durchflutende Intelligenz des Verfassers, der Einfallsreichtum en gros und en detail dürften einen wesentlichen Anteil an dieser Wertschätzung haben. Die des Spanischen Kundigen preisen die Verwendung unzähliger spanischer Sprachregister, was sich meiner Beurteilung allerdings verschließt. Die gerade abgeschlossene zweite Lektüre der tausenddreihundert Seiten der beiden Teile, bestätigte mich jedenfalls in meiner Auffassung, eines der wichtigsten und besten Bücher der Weltliteratur zu lesen.
Die Vorzüge des Textes in wenigen Zeilen hinreichend darzustellen, ist nicht möglich. Es seien deshalb wenige fesselnde Themenkreise angerissen. An erster Stelle kommt hier für Leser selbstverständlich das Bücherthema. "Don Quijote" ist ein brillantes Buch über Bücher, das einem aufmerksamen Leser mehr über Literatur beibringen kann als viele literaturwissenschaftlicher Studien.
Es gilt als Gemeinplatz, dass es sich um eine großartige Parodie des frühneuzeitlichen Ritterromanunwesens handelt. Die "Großartigkeit" liegt nun nicht in erster Linie an dem ursprünglichen kongenialen Einfall, einen durch das Lesen verrückt gewordenen Landadeligen, durch das Spanien des 16. Jahrhunderts rittern zu lassen, sondern an der verblüffenden Umsetzung dieser Idee. Cervantes beschränkte die Verrücktheit seines Helden auf das Thema des Rittertums und gab ihm gleichzeitig einem hellen Verstand mit auf dem Weg. Auch seine Belesenheit (nein, nicht nur Ritteromane) ist beeindruckend, antike Autoren kennt er ebenso wie den Verlauf der Weltgeschichte. Ein gebildeter Tor tritt uns also entgegen, was den Kontrast zur fixen Idee erzähltechnisch ebenso geschickt vergrößert, wie es die Möglichkeit plausibilisiert, einen kritischen Blick auf die spanische Wirklichkeit zu werfen.
Die meisten Autoren wären mit diesem Einfall zufrieden gewesen, aber Cervantes treibt das "Bücherthema" noch weiter. Im Roman steckt eine Menge an expliziter Literaturkritik und Poetologie, man denke nur an das berühmte sechste Kapitel "Von der unterhaltsamen und sorgfältigen Prüfung, die der Pfarrer und der Barbier in der Bücherei unseres scharfsinnigen Edlen Herren vornahmen". Doch auch damit nicht genug. Im zweiten Teil werden die Figuren mit literarischen Arbeiten über sich selbst konfrontiert! Die Figuren diskutieren über die Darstellung ihrer Abenteuer (2. Teil, Drittes und viertes Kapitel). Sie werden im Verlauf der Geschichte mit Menschen konfrontiert, welche den ersten Teil gelesen haben, und deshalb Don Quijote und Sancho Pansa besonders behandeln. Die Rezeption des ersten Teils hat also immanent Einfluss auf den Verlauf des zweiten Teils. Damit wird die literaturtheoretische Komplexität der Rezeption und das Fiktionalitätsproblem als Teil eines literarischen Werks mit großer Leichtigkeit dargestellt. Zum ersten Mal wird hier deutlich, welches intellektuelle Potenzial in der Gattung des Romans steckt. In Deutschland musste diese Einsicht bis zur Goethezeit reifen, in England ging es etwas schneller. Theoretisch wurden diese Zusammenhänge zwischen Fiktion und Realität in der Literatur größten Teils erst vierhundert Jahre später wirklich verstanden.
Einen anderen Themenkreis benennt man vermutlich am besten mit dem Prädikat "philosophisch". Die Grundsituation des Buches ist erkenntnistheoretisch hochgradig brisant. So wurde denn in der Deutungsgeschichte ab und zu eine "platonische" Lesart versucht. Bekanntlich formt der Held des Romans die Wirklichkeit nach seiner fixen Idee, was mit "Ideen" im platonischen Sinn zwar nichts zu tun hat. Die grundsätzliche Erkenntnishaltung gegenüber der Wirklichkeit, nämlich dass geistig-abstrakte Konstrukte die Wirklichkeit formen (und nicht umgekehrt), ist dieser Denkschule allerdings tatsächlich verwandt. Dass wir hier nebenbei einen paradigmatischen Fall präsentiert bekommen, wie paranoide Wahnideen funktionieren, bzw. mit welchen Immunisierungsstrategien geschlossene Weltanschauungen arbeiten, ist ein weiterer Belegt für die Vielfalt des Buches.
Die ethische Dimension kommt ebenfalls nicht zu kurz, ist Don Quijote doch ein Idealist, der - ganz in der Rittertradition - den Schwachen beistehen, die Unterdrücker bestrafen und der Gerechtigkeit dienen will. Dass und wie er an seinen Weltverbesserungsvorhaben scheitert ist nicht nur hochgradig komisch, sondern veranschaulicht die stark zugenommene soziale und moralische Komplexität des damaligen Lebens, der mit einfachen (wenn auch edlen) Konzepten nicht mehr beizukommen war. Diese Einsicht ist vielen ja heute noch fremd.
Das Buch lässt sich selbstverständlich auch "nur" als ein komischer Roman lesen, der ein nicht so unrealistisches Bild des zeitgenössischen Spanien liefert (300 Figuren aus allen Gesellschaftsschichten hat ein fleißiger Kollege einmal gezählt). Wie die meisten großen Werke der Weltliteratur, stellt sich der "Don Quijote" auf seine Leser ein. Ein Lebensbuch.
19. September 2004
Ibsen: Baumeister Solness
(Akademietheater 16.9.)
Regie: Thomas Ostermeier
Halvard Solness: Gert Voss
Aline Solness: Kirsten Dene
Hilde Wangel: Dorothee Hartinger
Angesichts des Theaters, das seit Jahren rund um Thomas Ostermeier inszeniert wird, hätte ich mir eine besondere Regieleistung erwartet. Stattdessen gab es eine grundsolide Aufführung, schauspielerisch erwartungsmäß auf hohen Niveau. Ostermeier versetzte das Stück ohne Effekthascherei in die Gegenwart und bediente sich obsessiv der Drehbühne.
Am Schluss ließ der Regisseur den Baumeister Solness aufwachen: Alles war nur ein Traum. Das passte so gar nicht zu der unträumerischen Inszenierung und kann wohl nur durch einen zwanghaften Originalitätszwang (die Konkurrenz schläft bekanntlich nicht) erklärt werden.
Bibliothek: Neuzugänge
Nach langer Zeit wieder einmal ein schweres Buchpaket von 2001 (genauer: 3 Pakete unterschiedlicher Größe).
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Serres & Farouki | Thesaurus der exakten Wissenschaften | 2001 | Paperback |
| Gustave Flaubert | Der Briefwechsel mitden Brüdern Goncourt | Haffmans bei 2001 | schön gemachte Ausgabe! |
| Julian Burden | Verdi. Leben und Werk | Reclam | Paperback |
| Gottfried Benn | Gesammelte Werke in drei Bänden | 2001 | Gebunden; Lizenz: Klett-Cotta |
| Charles Dickens | Werke in fünf Bänden | 2001 | Gebunden |
12. September 2004
Mahler: Symphonie Nr. 3
(Konzerthaus 11.9.)
Dirigent: Ivan Fischer
Orchester der Oper Zürich
Aufwühlend, spannungsgeladen, energisch-ruppig, leichtfüßig, intelligent: so sollte man Mahler spielen. Zu hören war jedoch eine "Interpretation" von lähmender Langeweile. Die Musiker klebten ebenso an ihren Noten wie die Töne an den Instrumenten der Musiker.
Von einer interpretativen Idee kein Spur. Nur schwer wurde ich der Versuchung Herr, während des Konzertes den "Don Quijote" weiterzulesen.
Ein Brief von den Wiener Philharmonikern!
Ich möge mit meinem "Ansuchen um ein philharmonisches Abonnement" doch etwas Geduld haben:
11. September 2004
Lessing: Nathan der Weise
(Burgtheater 10.9.)
Regie: Lukas Hemleb
Nathan: Klaus Maria Brandauer
Sultan: Wolfgang Michael
Tempelheer: Dietmar König
Der trüben theaterlosen Zeit folgte ein fulminanter Auftakt. Obwohl ich angesichts des peinlichen "Cyrano de Bergerac" und der völlig missglückten "Hamlet"-Regie Brandauers auf Schlimmes gefasst war, gab es eine spannende Inszenierung zu sehen. Brandauer gab den Nathan differenziert und etwas verrätselt, der Komplexität des zu oft auf eine öde Eindimensionalität zurecht gestutzten Charakters gerecht werdend.
Lukas Hemleb setzte das Stück ruhig in Szene, auf die wunderbare Sprachkunst Lessings vertrauend, wohl wissend, dass leise Töne und kluge Worte den Toleranzgedanken angemessen ausdrücken. Das Ensemble war durchgehend hochkarätig. Eines der erfreulichsten Theatererlebnisse seit längerer Zeit, möge es so weitergehen.
Wolkenbilder. Die Entdeckung des Himmels
(Doppelausstellung in Hamburg)
Vermutlich ist es Nahe liegend, dass Kuratoren in einer meterologisch überdurchschnittlich turbulenten Stadt auf das Wolkenthema verfallen. Im Bucerius Kunstforum war die die künstlerische (besser: malerische) Auseinandersetzung mit dem Thema zu sehen, wobei eine Reihe herausragender Bilder (Johan Christian Dahl, William Turner, Casper David Friedrich...) gezeigt wurden.
Durch die ambitionierte Ankündigung gelockt, im Jenisch Haus ginge man der Interdependenzen zwischen Naturwissenschaften und Kunst anhand desselben Themas auf den Grunde, fuhr ich von der Altstadt an die Elbe. Die versprochenen Bezüge blieben aber nur Behauptung. Weder die Texte, noch der "Goethe-Raum" reichten aus, um das Versprechen einzulösen.
Buddenbrooks Haus
(Lübeck)
Das in der Mengstraße gelegene Haus der Großeltern Thomas Manns wurde zu einem Literaturmuseum umgestaltet, in dessen Mittelpunkt eine Dauerausstellung zu den "Buddenbrooks" steht. Literaturdidaktisch nicht schlecht gemacht, was den durch das Haus getriebenen Schulklassen aber nicht weiter auffiel.
Die Bibliothek des Hauses ist - zurückhaltend formuliert - noch ausbaufähig, vor allem was die Forschungsliteratur angeht. Der Ankaufetat hätte dringend eine Vermehrfachung notwendig.
9. September 2004
Germanistik 2004
Thomas E. Schmidt berichtet in der ZEIT über den Münchner Germanistentag.
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Guy de Maupassant | Fünfzig Novellen | Manesse | Antiquarisch erworben |
| Richard Wagner | Briefe | Reclam | 600 Seiten für 3,50 bei 2001 |
| Ralf Rothmann | Milch und Kohle | Suhrkamp | gebunden, via Booklooker |
31. August 2004
In Hamburg und Lübeck unterwegs...
... daher kein Update bis Mitte nächster Woche.
28. August 2004
Abenteuer Archäologie
Nach drei Heften der im Spektrum Verlag erscheinenden Zeitschrift, kann man eine erste Bilanz ziehen: Die Artikel sind durchweg solide und von Fachleuten geschrieben. Der größte Kritikpunkt ist die populäre Themenauswahl: Troia zum Film, Olympia zu den olympischen Spielen. Der übliche Redakteursreflex Aktuelles bringen zu müssen, was bei einer archäologischen Zeitschrift nicht der Komik entbehrt. Aber so lange die populären Themen seriös aufbereitet werden, kann man damit leben. So wird in der der aktuellen Ausgabe 3/04 mit zahlreichen antiken Olympia Klischees aufgeräumt, die in den letzten Wochen omnipräsent waren.
Praktizierte Aufklärung (4): Skeptiker
Diese Zeitschrift ist das deutsche Pendant zum am 17. Juli vorgestellten "Sceptical Inquirer". Das Themenspektrum ist ähnlich, allerdings handelt es sich um eine ehrenamtliche Angelegenheit, was zwar aus aufklärischer Perspektive ein besonderes Lob verdient, aber teilweise auf Kosten der Professionalität geht (Erscheinungstermine etc.).
Das Magazin ist das Organ der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V.
John Updike: Ehepaare. Roman
(rororo)
Im Mittelpunkt des 1968 erschienen Romans stehen zehn Ehepaare aus der upper middleclass, die in der fiktiven Kleinstadt Tarbox bei Boston leben, und sich in einen amourösen Ehebruchsreigen verstricken. Updikes offenherzige Schilderungen dürften wesentlich dazu beigetragen haben, dass der Roman ein internationaler Bestseller wurde.
Das Abgleiten ins Pornographische vermeidet Updike durch eine wohlkonstruierte symbolische Ebene, für die nicht nur mythologische und biblische Myhen herangezogen werden, sondern auch die zeitgenössische "Mythologie" - die Psychoanalyse etwa - reflektiert wird. Das Ergebnis ist ein wirklichkeitssatter und blendend geschriebener Roman. Wie immer bei Updike kommt auch die weltanschauliche Perspektive nicht zu kurz. Ab und an hat man den Eindruck, dass das Buch die Grenzen des Realismus in Richtung naturalistisches Sozialexperiment überschreitet.
27. August 2004
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Günther Eisenhuber (Hrsg.) | Privat. Aus dem Alltag der Dichter und Denker | Insel | Gestiftet vom Herausgeber |
| Sigrid Damm | Das Leben des Friedrich Schiller. Eine Wanderung | Insel | Gerade erschienen |
| Golo Mann | Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts | Büchergilde Gutenberg | Gebunden |
| Georges Simenon | Der Mann, der den Zügen nachsah | SZ Bibliothek 24 | München 2004 |
| Wolfgang Hilbig | Der Schlaf der Gerechten | S. Fischer | günstig via Amazon Marketplace bekommen |
22. August 2004
Goethe und die Röntgenfluoreszenzanalyse
Oliver Hahn von der Berliner Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung kam mit der Röntgenfluoreszenzanalyse Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) auf die Spur. Seit langem stritten die Gelehrten nämlich, ob der Dichter die Ergänzungen zu seinem "Faust I" unmittelbar nach dessen Fertigstellung geschrieben hat oder erst später, als er bereits an "Faust II" arbeitete. Des Rätsels Lösung lieferte die eisenhaltige Tinte, mit der Goethe seine Texte abgefasst hatte. Denn die Eisengallus-Tinten jener Zeit wurden von Hand hergestellt und lassen sich deshalb heute chemisch leicht unterscheiden. Da Goethe für die Ergänzungen zu dem ersten Teil der Tragödie die gleiche Tinte verwendete wie für Teil II, liegt der Schluss nahe, dass diese Schriften zeitgleich entstanden - nach der Fertigstellung des Haupttextes von Teil 1.
[Abenteuer Archäologie 3/2004, S. 19]
15. August 2004
"Everyday Life in Ancient Greece"
So heißt die klassische Studie C.E. Robinson aus dem Jahre 1933, die ab sofort online zu lesen ist.
16. August 2004
Philosophiegeschichte zur Einführung
Der angelsächsische Buchmarkt bringt regelmäßig lesenswerte und im besten Sinn des Wortes "populäre" Philosophiegeschichten hervor. So vor gut zehn Jahren The Passion of the Western Mind von Richard Tarnas (deutsche Übersetzung).
Anthony Gottlieb versuchte sich mit Dream of Reason (A History of Philosophy from the Greeks to the Renaissance) ebenfalls in diesem Genre. Bisher las ich die Kapitel über die vorsokratische Philosophie. Gottlieb, der regelmäßig für die New York Times philosophische Neuerscheinungen rezensiert, gelingt es, die Theorien allgemein verständlich darzustellen. Dabei verzichtet er nicht nur auf gröbere Vereinfachungen, sondern thematisiert explizit die diversen Schwierigkeiten bei der Interpretation der frühen griechischen Philosophen sowie implizit den aktuellen Forschungsstand. Ein zweiter Band, der bis zur Gegenwart reicht, ist noch in Arbeit.
Ausgezeichnete philosophische und germanistische Bücher ...
... stellte ich in meiner Bibliographie zusammen. Inzwischen sind alle Titel auch verlinkt, soweit sie noch lieferbar sind.
Suhrkamps Bernhard-Werkausgabe...
... wird von Peter Stuiber rezensiert.
14. August 2004
Wilhelm Genazino: Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman
(Büchergilde Gutenberg)
Ich-Erzähler ist ein junger Mann mit literarischen Ambitionen, der mangels Entscheidungskraft eine beliebige Lehrstelle annimmt, und bald beginnt, ein Doppelleben zu führen. Während er tagsüber in seiner Firma arbeitet, zieht er nachts als Lokaljournalist los. Die erste Schreibeuphorie verfliegt angesichts der Verlogenheit der Lokalberichterstllung jedoch schnell.
Geschrieben in einer beobachtungssatten und präzisen Prosa, braucht der Roman den Vergleich mit den anderen intelligenten Büchern Genazinos nicht zu scheuen.
"Musil-Forum" neu
Oliver Pfohlmann berichtet über die Neuausrichtung der (nun nicht mehr ausschließlich) Robert Musil gewidmeten Zeitschrift.
Schiller biographisch
Peter-Andre Alts zweibändige Biographie Friedrich Schillers gibt es derzeit als zweibändige Sonderausgabe.
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Claude Simon | Die Akazie | Süddeutsche Bibliothek | Band 22 |
| Joseph Conrad | Herz der Finsternis | Süddeutsche Bibliothek | Band 20 |
| Julio Cortázar | Der Verfolger | Süddeutsche Bibliothek | Band 21 |
11. August 2004
Demokrits plausibler Ratschlag zur Elternschaft
8. August 2004
D. Zimmerling: Die Hanse. Handelsmacht im Zeichen der Kogge [A]
(Econ)
Der heutige Tageseintrag steht im Zeichen schlechter Bücher. Da Anfang September eine Reise nach Hamburg und Lübeck ansteht, wollte ich meine Kenntnisse über die Hanse auffrischen. Für eine seriöse Beschäftigung ist das Buch von Zimmerling aber nicht geeignet. Der Stil ist flapsig, der Inhalt populär (im schlechten Sinn des Wortes), so dass ich die zweite Hälfte auch nur noch überflogen habe. Eine bessere Wahl scheint die Monographie Philippe Dollingers zu sein.
Bruno Frank: Cervantes [A]
(Ullstein TB)
Ebenfalls Pech hatte ich mit dem angeblichen Hauptwerk Bruno Franks. Der Roman erschien 1934 und ist in einem auch für zeitgenössische Maßstäbe unerträglich verzopften Stil geschrieben. Mit viel gutem Willen las ich die Hälfte, aber dann war selbst das Metainteresse für Cervantes nicht mehr ausreichend, um mir diese Schnörkelsätze länger zuzumuten. Jetzt verstehe ich allerdings, warum der Titel antiquarisch zu Billigpreisen gehandelt wird. Höchste Zeit für ein gutes Buch!
7. August 2004
Platon über postmoderne "Philosophen"
[...] infolge davon, daß sie bei ihrem Forschen nach der Natur der Dinge sich ewig im Kreise herumdrehen, wird es ihnen schwindelig, und da kommt es ihnen denn so vor, als ob die Dinge selbst sich drehten und schlechtweg in Bewegung seien. Den Grund für diese Auffassung suchen sie aber nicht in der Beschaffenheit ihres eigenen Inneren, sondern finden ihn in der Natur der Dinge selbst, in der Annahme nämlich, es gebe nichts Bleibendes und Beharrendes, sondern alles fließe und bewege sich und sei unausgesetzt in einem Zustande des Hin- und Hertreibens und des Werdens.
[Kratylos 411C]
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Max Beckmann | Tagebücher 1940-1950 | Langen Müller | München/Wien 1979; gebunden |
| Georg Klein | Barbar Rosa | Knaur | TB |
| Henry Fielding | Das Tagebuch einer Reise nach Lissabon | Insel Bücherei Nr. 998 | schönes Buch |
| Karl Christ | Geschichte der römischen Kaiserzeit | C.H. Beck | Historische Bibliothek |
| D. Zimmerling | Die Hanse. Handelsmacht im Zeichen der Kogge | Econ | gebunden |
| Harenberg | Kursbuch Bildung. Das erste interaktive Lexikon | Harenberg | schwergewichtiger Band |
6. August 2004
Der Herausgeber der New York Review of Books...
... portraitiert von Andrea
Köhler in der NZZ:
Silvers ist bekannt dafür, dass er seine Autoren noch am Weihnachtsabend mit Korrekturen verfolgt.
5. August 2004
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| John Calvin | The Institutes of the Christian Religion | Baker Book | mangels aktzeptabler deutscher Ausgabe |
| Alexandre Dumas | Russland-Reise | Hoffmann und Campe | 1964; gebunden; für 1 Euro bei Ebay |
2. August 2004
FAQ
1. Kann man auf einzelne Tageseinträge verlinken?
Ja. Das Format sieht z.B. folgendermaßen aus:
2. Was hat es mit den Amazon-Links auf sich?
http://www.koellerer.de/q3-2004.html#TTMMJJ
Um auf den 18. Juli 2004 zu verlinken also:
http://www.koellerer.de/q3-2004.html#180704
Nach jahrelangem Zögern fasste ich den Entschluss, die Notizen für das Amazon Partnerprogramm anzumelden. Wenn sinnvoll, werde ich also in Zukunft bei Büchern auf Amazon mit meiner Partner ID "notizen-21" verlinken. Entsprechende Bestellungen leisten dann einen kleinen Beitrag zu den Providerkosten. Natürlich kann man diese ID bei jeder Produkt-URL bei jeder Bestellung anhängen :-)
Lexikalisches
Der Metzler Verlag bringt eine neue kleine Lexikonreihe auf den Markt. Was sich bei den Lexika Verlagen derzeit tut, berichtet Frank Müller in erfrischender Ausführlichkeit.
31. Juli 2004
Markus Werner: Am Hang. Roman
(S. Fischer)
Da ich mehr Klassiker als Gegenwartsliteratur lese, sehe ich belletristischen Neuerscheinungen meist gelassen entgegen. Nur bei einer Handvoll Autoren warte ich auf neuen Bücher, darunter Markus Werner, einer der besten deutschsprachigen Autoren seiner Generation. Offenbar geht es anderen Literaturfreunden ähnlich: "Am Hang" landete aus dem Stand auf Platz eins der Bestenliste.
Was würde der Maßstab des neuen Romans sein? Zündels brillanter Abgang oder der mediokre ägyptische Heinrich? Um es gleich zu sagen: Er bewegt sich irgendwo in der Mitte. Stilistisch in bewährter Qualität, wirkt die Figurenkonstellation während der Lektüre ab der Hälfte etwas konstruiert. Ein junger Anwalt und Frauenheld lernt auf einer Hotelterrasse zufällig einen älteren, kauzigen Altphilologen kennen. Es entspinnt sich ein weltanschauliches Gespräch und der Junge gerät nach und nach in den Bann des Alten. Die Gegensätzlichkeit der beiden, lebensfroher Anwalt hier, schrulliger Lehrer da, ist zu perfekt. Angesichts Werners literarischen Künsten schadet das dem Buch nur leicht, es steht einem uneingeschränkten Lob jedoch entgegen.
Relativiert wird diese Konstellation durch das fulminante Ende, das die geschilderten Unterhaltungen in einem völlig anderen Licht zeigt, und die künstliche Opposition teilweise auflöst. Da man das Ende während der Lektüre nicht kennt, beugt das dem beschrieben Leseeindruck allerdings nicht vor.
Trotzdem eine klare Leseempfehlung: Ein durchschnittliches Buch von Markus Werner ist besser als fast alles, was die deutschsprachige Gegenwartsliteratur sonst zu bieten hat.
25. Juli 2004
Der Mann ohne Eigenschaften - vorgelesen
Fast 36 Stunden dauert die Lesung des Romans durch Wolfram Berger. Untergebracht auf nur zwei CDs dank MP3-Format. Zu haben für 27 Euro bei Zweitausendeins. Hier gibt es eine Zusammenfassung der ersten Besprechungen.
Was ist Philosophie?
The psychologist William James once described philosophy as 'a peculiar stubborn effort to think clearly'. This is a rather dry definition, but is more nearly right than any other I know. True, clarity is not exactly the first thing that comes to mind when most people think of philosophy. There is no denying that philosophers' attempts to think clearly have often rudely backfired. (Any subject that is responsible for producing Heidegger, for example, owes the world an apology). Still, William James was right to describe philosophy as he did. Even the darkest of its practioners are struggling to make sense of things, and it is this effort that makes them philosophers.
[Anthony Gottlieb: The Dream of Reason. S. IX]
Aurelius Augustinus: Vom Gottesstaat (3)
Buch 5
(dtv-bibliothek)
Drei Themen bestimmen dieses Buch: Weitere Kritik am Aberglauben, speziell der Astrologie; die Willensfreiheit; die Antwort auf die Frage, warum Gott das römische Reich so groß gemacht hat.
Augustinus' Argumente gegen die Astrologie sind immer noch valide, weist er doch eloquent auf die zahlreichen Widersprüche hin, in die man sich verwickelt, wenn man an den Einfluss der Sterne als determinierend für das menschliche Schicksal ansieht:
Aber zur Erklärung der gleichartigen Erkrankung die Konstellation des Himmels oder der Gestirne, wie sie zur Zeit der Empfängnis oder Geburt war, heranziehen zu wollen, wo doch so viele Geschöpfe von verschiedenster und größter Verschiedenheit im Wirken und Ergehen zur gleichen Zeit, in derselben Gegend und unter demselben Himmel empfangen und geboren werden konnten, das verrät unglaubliche Dreistigkeit.
Erörtert und widerlegt werden noch bekannte antike "Beweise" für astrologische Behauptungen. Augustinus sucht auch nach Falsifikationsinstanzen und verweist auf zweigeschlechtliche Zwillingspaare, die sich höchst unterschiedlich entwickeln. Schließlich unterscheidet er höchst modern zwischen konstruierten und empirisch plausiblen Einflüssen der Gestirne:
[S. 222]
24. Juli 2004
Petrarca
Zum 700. Geburtstag haben Reiner Speck und Florian Neumann im Dumont Verlag einen gewichtigen Jubiläumsband herausgebracht.
Praktizierte Aufklärung (2): Frederick Crews
Das Thema Frederick Crews ist die Kritik wissenschaftlich fragwürdiger psychologischer Methoden und Theorien, speziell der Psychoanalyse. Als Musterbeispiel einer pseudowissenschaftlichen Theorie, die im 20. Jahrhundert weite Kreise der Akademia in ihren irrationalen Bann zog, gibt sie ein vorzügliches Studienobjekt ab. Eines der klassischen Kriterien, um wissenschaftliche Theorien von anderen Wortgebilden abzugrenzen, ist deren Falsifizierbarkeit. Es muss prinzipiell möglich sein, die Theorie durch Erfahrung zu widerlegen. Aufgrund der zahlreichen Immunisierungsstrategien der Vertreter der Psychoanalyse (bis hin zu ad hominem: Wer diese Theorie kritisiert, muss psychisch krank sein), und der religionsähnlichen Struktur der "Theorie" ist das aber nicht möglich.
Neben wissenschaftstheoretischen Argumenten gibt es noch zahlreiche psychologiegeschichtliche, welche auf die durch psychoanalytische Therapeuten angerichteten Schäden hinweisen.
Was hier stark verkürzt wiedergegeben ist, kann man sehr ausführlich in den Büchern Freckerick Crews nachlesen, in "The Memory Wars. Freud's Legacy in Dispute" und "Unauthorized Freud: Doubters Confront a Legend."
Hinzukommen eine Reihe von Artikeln in der The New York Review of Books, so auch in Ausgabe 12/2004, wo er anlässlich einer Neuerscheinung auf die Fragwürdigkeit des Rorschach-Tests hinweist. Wieder einmal gibt es keine empirischen Studien, wieder einmal vertritt der Erfinder höchst seltsame Ansichten:
There is much in Rorschach's only book, Psychodiagnostics, that might encourage us to regard him as a crank. Bizarrely, for example, he insisted that a movement response be scored if the subject conjured a child sitting at a desk or a vampire sleeping in a coffin, because "muscular tension" was supposedly implied. And although a dog performing in a circus exhibited Rorschach movement, a cat catching a mouse or a fish darting through water did not, because, according to the founder, significant motion had to be "human-like" in function. Meanwhile, Rorschach tagged as "pedants" or "grumblers" any test takers who concentrated on details as opposed to whole images; those who interpreted white spaces were probably troublemakers; and those who hesitated before commenting on the multicolored cards must be exhibiting "color shock," thereby betraying themselves as neurotic repressers of emotion.
Bibliothek: Neuzugänge
Gestern war ich in der vor einigen Tagen hier vorgestellten neuen Buchhandlung Buchlandung und nahm vier Bücher mit - die ersten vier der Tabelle. Das Angebot kann sich durchaus sehen lassen, allerdings sind manche Mängelexemplare (mit echten Mängeln) überteuert. Ansonsten werden die Bücher zum halben Preis angeboten.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Rainer Maria Rilke | Die Gedichte | Insel Verlag | zum halben Preis gekauft |
| Antonio Lobo Antunes | Einblick in die Hölle | Luchterhand | gebunden; 6 Euro |
| Hermann Kurzke | Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk. Eine Biographie | Fischer TB | zum halben Preis gekauft |
| Reiner Stach | Kafka. Die Jahre der Entscheidungen | S. Fischer | gebunden; zum halben Preis gekauft |
| Euklid | Die Elemente | Wissenschaftliche Buchgesellschaft | Darmstadt 1971 |
| Jorge Semprun | Was für ein schöner Sonntag! | Süddeutsche Bibliothek 17 | München 2004 |
| Uwe Johnson | Mutmaßungen über Jakob. Roman | Süddeutsche Bibliothek 18 | München 2004 |
20. Juli 2004
Deutschlandradio - on demand
Sowohl Deutschlandfunk als auch DeutschlandRadio Berlin können hier zeitversetzt gehört werden. Beide bieten erstklassige Kultursendungen (Kultur heute, Fazit) und Literatursendungen, speziell den Büchermarkt, die einzige tägliche Rezensionssendung im deutschsprachigen Raum. Radio auf höchstem Niveau zur Selbstbedienung.
19. Juli 2004
Buchlandung
So nennt sich ein neues, großes modernes Antiquariat, das in Wien in der Mariahilferstraße 123 zu finden ist und angeblich 10.000 verbilligte Bücher im Angebot hat. Konnte mich aber noch nicht persönlich davon überzeugen. Die Betreiber haben jedenfalls schon ein kleineres Geschäft im 3. Bezirk, in dem sich neben des üblichen Ramsches viele anspruchsvolle Bücher finden.
Christian Gottfried Schütz (1747-1832)
Schütz wurde 1779 an die Universität Jena berufen. Seine Rolle bei der Durchsetzung der kantianischen Philosophie würdigt eine Studie von Horst Schröpfer, die hier ausführlich rezensiert wird.
18. Juli 2004
Aurelius Augustinus: Vom Gottesstaat (2)
Bücher 3 und 4
(dtv-bibliothek)
Wer wissen will, wie boshaft man Geschichte schreiben kann, der lese das dritte Buch des „Gottesstaats“. Augustinus unternimmt einen etwa fünfzigseitigen Parforce-Ritt durch die Historie des römischen Reiches. Zweck dieser Polemik ist es zu zeigen, dass die Römer ständig von ihren Göttern im Stich gelassen worden sind. Ein geschichtlicher Tiefpunkt nach dem anderen wird genüsslich beschrieben. Die Leitfrage: Wo waren eure Götter denn damals? Als Beispiel diene der Untergang der Stadt Sagunt während des zweiten Punischen Krieges:
Zunächst verschmachteten sie fast vor Hunger, denn es wird berichtet, daß manche Einwohner die Leichen der eigenen Angehörigen verzehrten. Sodann, von allen Mitteln entblößt, errichtete man, um nicht gefangen in Hannibals Hände zu fallen, auf freiem Platze einen gewaltigen Scheiterhaufen, zündete ihn an und ließ sich selbst nebst allen Angehörigen, zuvor mit dem Schwert durchbohrt, von den Flammen verzehren. Hier hätten doch die Götter, diese Schwelger und Nichtsnutze, die nach Opferfett gieren und mit trügerischen Prophezeiungen die Leute umnebeln, etwas tun sollen [...]
Augustinus argumentiert immer wieder mit der Theodizee. Richtet sich sein Scharfsinn gegen die römische Religion, wird der gütige Kirchenvater zum fulminanten Religionskritiker. Scharfzüngig und geistreich treibt er das „Heidentum“ vor sich her. Nahm Voltaire das Christentum brillant in die Mangel, so steht ihm Augustinus in Bezug auf seine Heiden um nichts nach.
Diese Stadt, die ihrer Verpflichtung nachkam, die sie unter Anrufung der Götter eingegangen war und durch Treuwort und Eidschwur bekräftigt und geheiligt hatte, wurde von einem Wortbrüchigen belagert, überwältigt, vernichtet!
[S. 150/151]
Im vierten Buch wendet er sich dem antiken Götterwesen inhaltlich zu und setzt dabei ein kritisch-rationales Instrumentarium ein, das ihn den besten, nicht nur antiken Philosophen an die Seite stellt. Paradigmatisch sei die Argumentationsstrategie genannt, die sich mit den verschiedenen Zuständigkeitsbereichen der Götter befasst. Süffisant weist er auf logische Inkonsistenzen und inkohärente Aufgabenverteilungen hin. Anachronistischerweise ist ihm auch Ockhams Razor nicht fremd: Er versucht den Nachweis, dass die Glücksgöttin Felicitas religionsökonomisch völlig hätte ausreichen müssen. Wenn man auf allen Gebieten Glück hat, wozu braucht man dann noch Spezialgötter für Ernte und Krieg, Pflanzen und Liebe?
Sogar „naturwissenschaftliche“ Überlegungen führt er ins Feld: Wenn die Welt aus vier Elementen bestehe, reichten dann nicht auch vier Götter für alles aus (statt viele Dutzend)?
Beim Leser stellt sich nach und nach aber Ratlosigkeit ein: Wie ist es möglich, dass ein so scharfsinniger Kopf sein kritisches Instrumentarium nicht auf seine eigene Religion anwendet, sondern hier naiv dogmatisch bleibt? Würde er seinen logischen Werkzeugkasten gegen das Christentum einsetzen, bliebe von der neuen Weltreligion ebensowenig Plausibles übrig, wie vom römischen Polytheismus. Diese intellektuelle Schizophrenie ist ebenso erstaunlich wie rätselhaft.
Lexikalisches Lob der Bibliophilie
Bibliophilie ist auch ein sozialpsychologisches Phänomen, eine schöpferische Tätigkeit und ein Bildungselement von hohem Rang. Die ist Ausdruck individueller Lebensführung und geistiger Lebenshaltung, abhängig nicht zuletzt von den finanziellen Möglichkeiten des Bibliophilen. Der systematisch sammelnde, kenntnisreiche Bibliophile prägt die Bibliophilie der Gegenwart [...]
Der echte Bibliophile lehnt Bücher als Kapitalanlage und Objekte sicherer Spekulationsgewinne ab. Liebe zum Buch, Begeisterung, Hingabe und viel Geduld kennzeichnen den Bibliophilen [...]
Eine über eine lange Lebenszeit aufgebaute, fundierte und abgerundete Sammlung bedeutet stets einen persönlichen Gewinn, sie verschafft Kontakte zu anderen Sammlern und Bücherfreunden, trägt zur Aufbewahrung und Überlieferung von Kulturgut bei und erfreut sich, unabhängig vom momentanen Handelswert, eigener, sachverständiger Wertschätzung.
[Lexikon der Buchkunst und Bibliophilie, Augsburg 1995, S. 47]
17. Juli 2004
Praktizierte Aufklärung (1): Sceptical Inquirer
Großen Respekt habe ich vor Wissenschaftlern und Publizisten, die sich mit großem Aufwand an Zeit mit dem Aberglauben der Gegenwart auseinandersetzen. Sind doch Energiefelder, Ufos, Wunderheilmethoden, pyramidenbauende Marsmenschen etc. wie alle Fantasieprodukte schnell erfunden und vermarktet. Diese kreativen Geistesemanationen jedoch mit den Methoden der modernen Wissenschaft und philsophischen Kritik zu untersuchen, bedarf viel Zeit und auch Geld.
Der "Sceptical Inquirer" ist die wichtigste Zeitschrift dieser rationalen Idealisten und berichtet ausführlich aus kritischer Perspektive über New Age & Co. Ein Jahresabo ist mit 23$ wohlfeil zu haben.
In der aktuellen Onlineausgabe berichtet Karla McLaren, eine ehemals profilierte New Age Enthusiastin und Buchautorin, über ihre Schwierigkeiten, sich aus ihrer fantastischen Geisterwelt zu lösen. Sie habe während ihrer Ausbildung kritisches Denken schlicht nicht gelernt:
In that period, it would have been wonderful to come upon skeptical and critical thinking techniques, but alas, critical thinking wasn't taught in my high school. I didn't even know the category existed! When I went to junior college, I took geometry and logic for my critical thinking courses and thus I missed out on the subject once again. In my education, I didn't gain the skills I needed to help me understand what was occurring when New Age and metaphysical ideas and techniques seemed to work. My empirical experience "proved" the validity of things like psychic skills, auras, chakras, contact with the dead, astrology, and the like - and I had very little in my intellectual arsenal at that time to help me understand what was truly occurring.
Es würde auch in europäischen Gymnasien nicht schaden, erste Ansätze von Logik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie zu vermitteln, um zumindest einige populäre, aber falsche "Beweistheorien" (wie ungültige Induktionsschlüsse aus minimaler Datenbasis oder Schein-Kausalitätszuordnungen) zu erkennen. Selbst auf Akademiker treffe ich immer wieder, die kaum in der Lage sind, anzugeben, wie (und aufgrund welcher Kriterien) sich eine wissenschaftliche Theorie von einem Zeitschriftenhoroskop unterscheidet.
Außerdem noch zu lesen: Der Anästhesit G.M. Woerle erläutert, dass sich "Todesnaherfahrungen" hervorragend ohne Zuhilfenahme göttlichen Beistands durch Sauerstoffmangel während des Sterbens erklären lassen. B.D. Gildenberg berichtet über das streng geheimes Skyhook Programm nach dem 2. Weltkrieg. Im Rahmen dieses Programms wurden riesige Ballone auf weite Reisen durch die USA geschickt, deren Flugbahn auffallend oft denen außerirdischer Touristen entsprach.
The I Tatti Renaissance Library
Eines der beneidenswerten Buchprojekte im angelsächsischen Raum, kann inzwischen eine Reihe von Editionen vermelden. Darunter Marsilio Ficinos "Platonic Theology" (3 Bände) und Leon Battista Albertis "Momus".
16. Juli 2004
China Now
(Filmcasino Filmfestival)
Das Filmcasino stellte eine Woche lang aktuelle Filme aus China vor. Vier davon habe ich mir angesehen. Die Spannbreite reichte von melancholischen Liebesfilmen mit ethnologischen Schwerpunkt bis hin zum formal gekonnt gemachten, im urbanen Milieu spielenden Episodenfilm mit mehreren Zeitebenen. Dokumentarfilme zeigte man ebenfalls.
Die aufgegriffenen Themen sind durchaus heikel, allerdings nie direkt gegen das politische Etablissement gerichtet, wohl aber gegen die Bürokratie vor Ort. Ein Film zeigte offen die Korruption in der Polizei. Eines der heißesten Eisen in China scheint die große kulturelle Kluft zwischen dem bäuerlichen Leben auf dem Dorf und dem "westlichen" Leben im Einzugsgebiet der großen Städte zu sein. Das Urbane wird mit utopischer Bedeutung aufgeladen. Auffallend auch, welche große Rolle Geld in einer von Kommunisten regierten Gesellschaft spielt. Visuell wurden sowohl Stadtansichten als auch Landschaften immer wieder fulminant in Szene gesetzt. Habe die Filme allerdings mehr auf ihren "Informationswert" denn auf ihre ästhetischen Qualitäten hin angesehen.
11. Juli 2004
Aurelius Augustinus: Vom Gottesstaat (1)
Bücher 1 und 2
(dtv-bibliothek)
Augustinus zu lesen ist eine interessante Erfahrung: Intellektuelles Vergnügen über die Brillanz und Schärfe vieler Gedankengänge einerseits, Verwunderung über die geistige Verschwendung an wenig ergiebigen Fragestellungen andererseits.
Beschäftigt man sich mit den besten religiösen Denkern, Thomas von Aquin wäre ein weiteres Beispiel, so wird man mit klugen Systemen konfrontiert, deren logische Kohärenz und argumentative Konsistenz Bewunderung abnötigen. Nun hat die Sache freilich einen großen Haken: Diesen mit viel Aufwand und Liebe zum Detail errichteten Gedankengebäuden fehlt jegliches Fundament. Man steht vor mit großer Begabung errichteten Luftschlössern.
Nun könnte man diese theoretischen Gebäude als l’art pour l’art genießen, als hervorragende Gedankenliteratur. Diese Rezeptionshaltung setzte sich jedoch zwei Einwänden aus: Erstens waren Denker wie Augustinus ungemein einflussreich und konnten deshalb nicht nur im Geistesleben signifikanten Schaden anrichten. Zweitens wird hier ein expliziter Wahrheitsanspruch erhoben, der redlicherweise Ernst genommen werden sollte.
„Der Gottesstaat“ ist eine fulminante Verteidigung des Christentums gegenüber zahlreichen Vorwürfen seitens nichtchristlicher Römer, welche die neue Religion für den Untergang des Imperiums maßgeblich verantwortlich machten, speziell für die Eroberung Roms durch die Westgoten im Jahr 410. Gleichzeitig ist das Buch ein Pamphlet gegen die Heiden im allgemeinen und die römische Religion im besondern und damit ein Dokument zeitloser religiöser Intoleranz. Augustinus schrieb sich in Hippo, einer kleinen nordafrikanischen Provinzstadt, in einen wahren Furor gegen die Sittenlosigkeit Roms hinein. Wie aktuell dieser religiöse Hass der Stadt als Symbol der Dekadenz immer noch ist, kann man in „Occidentalism“ von Ian Buruma und Avishai Margalit nachlesen.
Augustinus war hochgebildet, hatte nicht nur die römischen Historiker und Philosophen sorgfältig gelesen, sondern auch viele griechische Klassiker. Darunter Plato, den er gar nicht genug dafür loben kann, die Dichter aus seinem Idealstaat verbannt zu haben:
Sollte man nicht vielmehr dem Griechen Plato die Palme reichen, der, als er das Vernunftideal eines Staates entwarf, die Dichter als Feinde der Wahrheit aus der Stadt zu vertreiben empfahl? Er in der Tat wollte weder die Beleidigung der Götter dulden noch die Seelen der Bürger durch Hirngespinste umnebeln und verderben lassen.
Erwähnt sei am Rande, dass der große Platon, trotz dieser für die Kirche nützlichen totalitären Anregungen, selbstverständlich jedem Christen - der Natur des katholischen Kastenwesens gemäß - unterlegen ist:
[S. 78]
Wir halten zwar Plato weder für einen Gott noch für einen Halbgott, stellen ihn auch nicht einem der heiligen Engel des höchsten Gottes oder einem prophetischen Wahrheitszeugen oder irgendeinem Apostel oder Märtyrer Christi oder auch nur einem beliebigen Christen an die Seite [...]
Bei der Lektüre der ersten beiden Bücher des „Gottesstaats“ hatte ich mehrmals den Eindruck als würde Augustinus aufgrund seines großen geistigen Horizonts die Schwachstellen seiner Argumentation durchaus erkennen. Eine strukturelle Schwäche seines Gedankenganges besteht darin, mythologische und/oder literarische Geschichten als empirisches Fundament für seine Kritik zu verwenden. Als Plato- und Cicero-Kenner musste er aber wissen, auf wie wackeligen ontologischen Beinen diese Vorgehensweise steht. Gleich zu Beginn bezieht er sich ausführlich auf Vergils Hauptwerk als Quelle und schreibt am Ende schuldbewusst:
[S. 79f.]
Es müßte denn sein [...], dass aber Vergil nach Dichterweise alles frei erfunden hätte.
Was ja bei Dichtern schon vorgekommen sein soll und weshalb sie Augustinus wie Platon aus seinem utopischen Gemeinwesen verbannt sehen will. Deshalb schiebt er noch eine Rechtfertigung nach:
[S. 10]
Doch nein, er hat beschrieben, was bei Zerstörung von Städten feindlicher Brauch ist.
Ein weiteres Beispiel. Augustinus vergleicht die alttestamentarische Geschichte vom Propheten Jonas im Walfischbauch mit der des Arion von Methymnä, der von einem Delphin an Land gezogen wurde. Dabei ist er sich sehr wohl bewusst, dass die Bibelgeschichte empirisch wesentlich unplausibler ist, und schreibt deshalb entschuldigend:
[S. 10]
Gewiß klingt unsere Erzählung vom Propheten Jona noch unglaublicher. Ohne Frage unglaublicher, weil wunderbarer, und wunderbarer, weil von größerer Macht zeugend.
Zwischen den Zeilen kann man also den Streit zwischen dem vergleichsweise aufgeklärten spätantiken Intellektuellen und dem dogmatischen Christen beobachten. Ein Nebenaspekt des Buches, aber ein reizvoller.
[S. 27]
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Wilhelm Genazino | Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman | Büchergilde Gutenberg | Frankfurt 2003 |
| Philip Steadman | Vermeer's Camera. Uncovering the Truth Behind the Masterpieces | Oxford University Press | 2002 |
| T.C.W. Blanning (Ed.) | The Oxford Illustrated History of Modern Europe | Oxford University Press | Sammelband |
| John Morrill (Ed.) | The Oxford Illustrated History of Tudor & Stuart Britain | Oxford University Press | Sammelband |
| John Rogerson (Ed.) | The Oxford Illustrated History of the Bible | Oxford University Press | gebunden; Sammelband |
10. Juli 2004
Neues historisches Genre?
Robert Darnton ist ein profilierter Kenner des 18. Jahrhunderts und schrieb ein lesenswertes Buch über die Entstehung der berühmten Encyclopédie. In der New York Review of Books 11/2004 beschäftigt er sich mit 22 (!) historischen Büchern, die seiner Meinung nach paradigmatisch für ein neues Genre der Geschichtsschreibung sind, das er "incident analysis" nennt:
The historical landscape is undergoing a curious change. Amid the profusion of books about the usual subjects— founding fathers, gay culture, the public sphere, memory, the Holocaust, ecology, globalization, slavery, war and peace, sex and women—a new genre has sprouted. It is scattered across so many subfields that it has hardly been noticed, but it can be found everywhere, even on the front tables of bookshops and the "required" sector of reading lists for college courses. The genre takes the form of short books on dramatic events—murders, scandals, riots, catastrophes, the kind of thing that used to be the specialty of tabloids and penny dreadfuls but now comes out in hardcovers bearing the stamp of university presses.
Elias Canetti: Die Stimmen von Marrakesch
(SZ Bibliothek 7)
Ein stilistisch präzises kleines Reisebuch. Canetti schildert in kurzen Abschnitten Erlebnisse seiner Marokkoreise des Jahres 1954. Empathie und Distanz, Nähe und Fremdheit prägen die Texte. Eine schöne, leider viel zu kurze Lektüre.
Franz Kafkas Amtliche Schriften ...
... liegen nun in einem tausendseitigen neuen Band der Kritischen Ausgabe vor. Die SZ hat den Titel schon besprochen.
7. Juli 2004
Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts
(dtv)
Hobsbawm schrieb eine Reihe von bedeutenden Bücher über das 18. und 19. Jahrhundert, darunter "Das imperiale Zeitalter 1875-1914", das im November als Fischer TB neu aufgelegt wird.
Im "Zeitalter der Extreme" versucht der Historiker, auf 700 eng bedruckten Seiten das kurze 20. Jahrhundert aus weltgeschichtlicher Perspektive zu beschreiben. "Kurz", weil es für Hobsbawm den Zeitraum 1914 bis 1990 umfasst. Vorher wäre es noch 19., danach schon 21. Jahrhundert gewesen. Hobsbawm beherrscht die Stofffülle ausgezeichnet, angesichts des breiten Themenfelds (Asien und Lateinamerika wird ebenfalls behandelt) ist das sehr erstaunlich.Diese Spannweite bedingt auch, dass vieles nur angerissen werden kann oder zu kurz kommt. Ein Beispiel wäre der Vietnamkrieg. Kritisch anzumerken wäre, dass die Behandlung des Stoffes ab und zu sehr routinemäßig wirkt.
Ansonsten kann ich das Buch allen empfehlen, die das letzte Jahrhundert noch einmal Revue passieren lassen wollen. Es schärft auch das Problembewusstsein, das Hobsbawm die größten Schwierigkeiten der Gegenwart prägnant vor Augen führt.
6. Juli 2004
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Eva Geberding; Annette Rupprecht | Hamburg | Dumont Taschenbuch | Hamburg-Reise Anfang September :-) |
| Marguerite Yourcenar | Der Fangschuss | SZ Bibliothek 15 | München 2004 |
| Margit Brinke; Peter Kränzle | Rom. Ein archäologischer Führer | Reclam | Rom-Reise Mitte Oktober |
| Birgit Brandau; Hartmut Schickert | Hethiter. Eine unbekannte Weltmacht | Serie Piper | München 2003 |
5. Juli 2004
Notizen-Archiv
Das 2. Quartal findet sich ab sofort im Archiv. Auch die Reise-Notizen über die West-Türkei sind dort nun zusammengefasst. Alle Notizen seit April 2001 finden sich hier (1 MB).
Garry Wills: Saint Augustine
(Penguin Lives)
Wills ist ein eindrucksvoller Publizist. Er schrieb Bücher zu den unterschiedlichsten Themen und hat doch immer etwas zu sagen, das auch für Fachleute interessant ist. So versucht er auch in seiner kleinen, gut 140 Seiten umfassenden Lebensbeschreibung, einige gelehrte Vorurteile über Augustinus aus dem Weg zu räumen. Von einer außergewöhnlich ausschweifenden Lebensweise vor dem Bekehrungserlebnis beispielsweise, könne keine Rede sein.
Ab und zu wünscht man sich etwas mehr Distanz zum Gegenstand. Wills neigt dazu, Augustinus vor allem und jeden in Schutz zu nehmen. Immerhin hat er meist überzeugende Argumente an der Hand. Das Buch eignet sich hervorragend als Einstieg in die Materie. Danach sollte man aber doch direkt zu den Bekenntnissen greifen.
Arno Schmidt Referenzbibliothek
Die Gesellschaft der Arno Schmidt Leser stellt mit ihrer Referenzbibliothek eine Reihe von digitalisierten Büchern zum Laden zur Verfügung, die für Arno Schmidt große Bedeutung hatten.
4. Juli 2004
Bananenrepublik oder absolutistischer Hofstaat?
Die Frage, welcher Vergleich für die derzeitige amerikanische Adminstration angemessener ist, stellt sich angesichts der neuen Dokumente zum Thema Folter. Erfreulicherweise hat die jüngste Entscheidung des Supreme Courts gezeigt, dass die amerikanische Demokratie noch funktioniert - wenn auch nach einer jahrelangen Schrecksekunde.
Die New York Review of Books berichtet in jeder Ausgabe ausführlich über die diktatorischen Anwandlungen des Weißen Hauses:
Reading through the memoranda written by Bush administration lawyers on how prisoners of the "war on terror" can be treated is a strange experience. The memos read like the advice of a mob lawyer to a mafia don on how to skirt the law and stay out of prison. Avoiding prosecution is literally a theme of the memoranda. Americans who put physical pressure on captives can escape punishment if they can show that they did not have an "intent" to cause "severe physical or mental pain or suffering." And "a defendant could negate a showing of specific intent...by showing that he had acted in good faith that his conduct would not amount to the acts prohibited by the statute." [...]
Sehr deprimierend zu lesen ist auch der Bericht The Road to Abu Ghraib von Human Rights Watch.
Another theme in the memoranda, an even more deeply disturbing one, is that the President can order the torture of prisoners even though it is forbidden by a federal statute and by the international Convention Against Torture, to which the United States is a party.
[Anthony Lewis, Making Torture Legal]
Demosthenes
Gustav Adolf Lehmann hat eine neue Biographie über den Athener geschrieben, die in den Zeitungen auf großes Interesse stößt.
Reise-Notizen West-Türkei (Ende): Perge, Aspendos, Termessos
Die nicht weit von Antalya gelegenen Ausgrabungen von Perge kann man zwar nicht mit Ephesus vergleichen. Trotzdem ist das Gelände dieser antiken Stadt (seit 188 v.C. römisch) so weit freigelegt, dass man ebenfalls einen schönen Eindruck über das damalige urbane Leben gewinnt. Bilder (Roland Hauk)
Ein Besuch Aspendos' lohnt sich vor allem wegen des vorzüglich erhaltenen römischen Theaters. Römische Bühnenstätten unterscheiden sich von ihren griechischen Pendants vor allem durch den Aufbau über der Bühne. Erlaubte ein griechisches Theater immer den Blick auf die Landschaft versperrten die Römer diese Aussicht zugunsten besserer Akustik. Bilder (Roland Hauk)
Termessos, eine bisher kaum ausgegrabene Bergstadt, lebte über lange Zeit vom Ausrauben vorbeiziehender Karawanen. Später waren sie in Kleinasien gefürchtete römische Söldner, die bei Bedarf Strafexpeditionen im Auftrag Roms durchführten. Man erreicht die Ruinen nur nach einer kleinen Bergwanderung. Das Erstaunen ist desto größer, oben auf ein schönes Theater zu stoßen. Erwähnenswert auch die pittoresk verwilderte, am Hang gelegene Grabanlage samt durcheinander gewürfelten Grabsteinen. Bilder (Roland Hauk)
Diese Reise-Notizen verdeutlichten trotz der Kürze hoffentlich eines: Die West-Türkei ist eine Fundgrube für den archäologisch Interessierten. Im Vergleich mit Sizilien gibt es deutlich mehr zu sehen, was angesichts der Fläche des antiken Kleinasiens nicht weiter erstaunt. Die Ausgrabungsstätten sind sowohl in der Türkei als auch in Sizilien spektakulärer als in Griechenland (von Athen einmal abgesehen).
3. Juli 2004
Amazon Partnerprogramm
Nach jahrelangem Zögern fasste ich nun doch den Entschluss, die Notizen für das Amazon Partnerprogramm anzumelden. Wenn sinnvoll, werde ich also in Zukunft bei Büchern auf Amazon mit meiner Partner ID "notizen-21" verlinken. Entsprechende Bestellungen leisten dann einen kleinen Beitrag zu den Providerkosten :-)
Weltliteratur in einem Band
In den letzten zwei Wochen habe ich mich mehrmals im The Readers Companion to World Literature festgelesen. Das Buch hat mehrere Vorzüge: Es stellt den weltliterarischen Kanon kompakt auf 800 Seiten vor (Autoren, Titel, Epochen, Fachbegriffe). Die Artikel sind einerseits sehr konzise, andererseits mit einem für ein Handbuch untypischen Verve geschrieben. Man merkt sofort, dass hier Literaturliebhaber das Wort führen. Schließlich ist der Preis für ein Werk dieser Art sehr moderat (14 Euro).
Zeitloser religiöser Fanatismus
Wenn man ins Detail geht, hat sich das Leben seit der Spätantike in vieler Hinsicht komplett verändert. Sieht man sich aber beispielsweise das Religions(un)wesen des vierten Jahrhunderts an, fühlt man sich sofort an aktuelle Dummheiten erinnert, seien es die Umtriebe christlicher Fundamentalisten in den USA oder die faschistoiden Weltbilder islamischer Fanatiker. Intoleranz wurde jedoch schon immer von religiösen Gemeinschaften mit stupender Meisterschaft ausgeübt. Als Beispiel sei der Alltag der Donatisten herausgegriffen:
But most Donatists could not be lured into such intellectual combat [by Augustine]. The emphasis on keeping their faith pure made them take very seriously scriptural admonitions to shun unbelievers. They would not even greet Catholics (a harsh rebuff in the African world), much less join them in debate. In Augustine's own Hippo, Donatist bakers refused to sell bread to Catholics (Answer tp Petilian's Letter 2.184).
[Garry Wills, Saint Augustine, S. 78]
Soll die Türkei in die EU?
Stephen Kinzer, der lange in Istanbul lebte, beschreibt in der NYRB eloquent die Vorzüge eines Beitritts: