Übersicht --- Notizen --- Archiv --- 3. Quartal 2005
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| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Gordon Cheers (Hrsg.) | Botanica. 10.000 Arten in Wort und Bild | Könemann | 1000seitiger Prachtband |
| Fabio Bourbon (Hrsg.) | Archäologica. Enzyklopädie untergegangener Kulturen | Weltbild | Dicker Bildband |
| Hermann A. Schlögel | Ramses II. | rororo monographie | Gebunden als Lizenzausgabe |
| Johannnes Kepler | Was die Welt im Innersten zusammenhält | matrixverlag | Hrsg. von Fritz Krafft |
| Umberto Eco | Mouse or Rat? Translation as Negotiation | Weidenfeld & Nicolson | London 2003 |
| Wijbren Landman | Schmetterlinge. Enzyklopädie | Naumann & Göbel | gebunden |
| Kulturministerium (Hrsg.) | Das Archäologische Nationalmuseum | Katalog | Gesamtgestaltung durch Evangelia Kypraiou |
21. September 2005
Athen!
Bin einige Tage in Athen unterwegs.
19. September 2005
Euripides: Elektra
(Reclam UB)
Diese Ausgabe las ich vor allem deshalb, weil ich mich für die Übersetzung des Kurt Steinmann' interessierte. Da ich des Altgriechischen trotz langjähriger gegenteiliger Vorsätze noch immer nicht mächtig bin, kann ich die philologische Leistung nur indirekt beurteilen. Die Anmerkungen und das Nachwort sind vorzüglich, liefern sie doch unaufdringlich und kompetent alles notwendige Hintergrundwissen auf dem aktuellen Stand der Forschung.
Die Übersetzung liest sich ausgezeichnet. Der Elektrastoff ist ja hinreichend bekannt. Über die unterschiedliche Bearbeitung des Stoffes bei Aischylos, Sophokles und Euripides informiert Steinmann ebenfalls ausführlich im Nachwort.
Besonders fasziniert bin ich bei Euripides immer wieder über die Modernität seiner Aussagen. So tritt in "Elektra" - wie in anderen seiner Stücke - ein Vertreter der griechischen Unterschicht als vorbildlicher Mensch auf. Orest betont, dass man Menschen nicht nach ihrem sozialen Status beurteilen kann:
Für eines Mannes wahren Wert gibt es kein sicheres Merkmal;
Auch der "Alte Mann" äußert sich entsprechend:
die menschliche Natur weist hier Verwirrung auf.
Denn oft sah ich eines edlen Vaters Spross,
der eine Null war, und von Niederen tüchtige Kinder,
sah Hohlheit auch im Denken manchen reichen Mannes,
und hohen Sinn in einem armen Leib.
Wer wird da einer diese recht zergliedern und entscheiden?
Nach Reichtum? Einen üblen Richter setzte er dann ein!
Nach Mangel an Besitz? Doch eine Krankheit hat
die Armut, lehrt durch Not sie doch den Menschen schlecht zu sein.
[V 367ff.]
Wohl adlig sind sie, doch dies Zeichen trügt gar leicht:
Auf der anderen Seite verteidigt der Chor das konservative Frauenbild der Athener, das demjenigen islamistischer Fundamentalisten um nichts nachsteht:
denn viele, die zwar adlig sind, sind dennoch schlecht.
[V. 550f.]
In allem soll doch eine Frau dem Manne weichen,
Wobei zu ergänzen ist, dass es sich hier um ein oft formuliertes Idealbild der griechischen Frau handelt, das vermutlich im Athener Alltag nur sehr eingeschränkt eingehalten wurde. Hier gehen die Meinungen unter den Gelehrten allerdings auseinander.
wenn sie verständig ist; die, welche nicht so denkt,
die zählt in meinen Überlegungen rein nichts.
[V. 1051ff.]
Katholisches
Die katholische Kirche war ihm eine ganz gemeine Massenbewegung, nicht mehr alsein völkerverdummender und völkerausnützender Verein zur unaufhörlichen Eintreibung des größten aller denkbaren Vermögen, die Kirche verkaufte in seinen Augen skrupellos etwas, das es nicht gibt, nämlich den lieben, gleichzeitig auch noch den bösen Gott, und beutet weltweit selbst die Ärmsten der Armen millionenfach aus nur zu dem Zwecke der unaufhörlichen Vergrößerung ihres Besitzes, den sie in gigantischen Industrien und in unendlichen Bergen von Gold und in ebenso unendlichen Stößen von Aktien in beinahe allen Bankhäusern der Welt fundiert hat. Jeder Mensch, der etwas verkauft, das es nicht gibt, wird angeklagt und verurteilt, sagte mein Großvater, die Kirche verkauft Gott und den Heiligen Geist seit Jahrtausenden in aller Öffentlichkeit völlig ungestraft. Und ihre Ausbeuter, mein Kind, und also Drahtzieher, wohnen außerdem in fürstlichen Palästen. Die Kardinäle und Erzbischöfe sind nichts anderes als skrupellose Geldeintreiber für nichts.
[Thomas Bernhard, Ein Kind, S. 434f.]
18. September 2005
Aurelius Augustinus: Vom Gottesstaat (14)
Buch 20 und 21
(dtv-bibliothek)
Dieses Buch ist religonsgeschichtlich von besonderem Gewicht, steht doch das Jüngste Gericht im Mittelpunkt. Gleich zu Beginn dient das Jüngste Gericht als Ausweg aus der Theodizee:
17. September 2005
Aurelius Augustinus: Vom Gottesstaat (13)
Buch 19
(dtv-bibliothek)
Das neunzehnte Buch beginnt mit einem fulminanten Auftakt, nämlich einer Kombination aus Analyse und Rhetorik. Ziel des Augustinus' ist es, die angeblich widerspruchsfreie Wahrheit des Christentums dem philosophischen Pluralismus gegenüberzustellen. Ausgangspunkt ist einmal mehr eine Überblicksdarstellung des Varro'. Augustinus liest, rechnet und kommt zu dem (gar nicht so unplausiblen) Ergebnis, dass es 288 verschiedene Lehrmeinungen darüber gäbe, was denn unter dem "höchsten Gut" zu verstehen sei.
Rhetorisch geschickt stellt der Philosoph diesem Meinungsspektrum die These gegenüber, dass es in diesem armseligen Leben überhaupt kein höchstes Gut geben könne:
Der Schmerz widerstreitet der Lust, die Unruhe der Ruhe; aber gibt es einen Schmerz, eine Unruhe, die den Leib des Weisen nicht befallen könnte? Verlust und Schwächung der Glieder zerstört des Menschen Unversehrtheit, Entstellung seiner Schönheit, Siechtum seiner Gesundheit, Mattigkeit seiner Kraft, Steifheit oder Lähmung seiner Beweglichkeit; und was von alledem könnte nicht auch über des Weisen Leiblichkeit hereinbrechen? [...]
Nun kommt Augustinus richtig in Fahrt und beschreibt systematisch das Elend des Lebens. Die Übel der menschlichen Gemeinschaft, die Probleme der Rechtssprechung und schließlich den Krieg:
Was dann, wenn das Rückgrat sich so krümmt, daß die Hände den Boden berühren und der Mensch sozusagen zum Vierfüßler wird? [...] Was bleibt denn von der Sinneswahrnehmung übrig, wenn der Mensch, um von den anderen Sinnen zu schweigen, taub wird und blind? Die Vernunft aber und das Erkenntnisvermögen, wohin entweichen, wo schlummern sie, wenn infolge einer Erkrankung der Geist sich verwirrt?
[S. 529f.]
Denn abgesehen davon, dass es auch jetzt noch auswärtige feindliche Völker gab und gibt, gegen welche immerfort Kriege geführt wurden und geführt werden, hat gerade die Größe des Reiches Kriege schlimmerer Art entfesselt, Bundesgenossen- und Bürgerkriege, von den das Menschengeschlecht noch jämmerlicher gepeinigt wird [...]
Hat man Freunde, ändert das nichts am Elend, ganz im Gegenteil:
Wollte ich das vielfältige Unheil, all die drängenden und drückenden Notstände im Gefolge dieser Übel so schildern, wie sie es verdienen, wozu ich freilich völlig außer stande bin, wie würde ich damit je zu Ende kommen?
[S. 541]
Doch je mehr Freunde wir haben und auf je mehr Orte sie sich verteilen, um so mehr bedrängt und auch die Furcht, es möge ihnen von der aufgehäuften Masse an Übeln dieser Welt etwas Übles zustoßen. Wir sind ja nicht nur darum besorgt, daß sie von Hunger, Kriegsnot, Krankheit und Gefangenschaft betroffen werden [...] sondern auch [...] sie könnten untreu, schlecht und nichtsnutzig werden.
Dieser literarisch gelungenen Elendsdarstellung folgt die Darstellung der Vorzüge des ewigen Lebens.
[S. 542]
Sportliches
Ich hatte nie Lust am Betreiben eines Sports gehabt, ja ich habe den Sport immer gehaßt, und ich hasse den Sport heute noch. Dem Sport ist zu allen Zeiten und vor allem von allen Regierungen aus gutem Grund immer die größte Bedeutung beigemessen worden, er unterhält und benebelt und verdummt die Massen, und vor allem die Diktaturen wissen, warum sie immer und in jedem Fall für den Sport sind. Wer für den Sport ist, hat die Massen auf seiner Seite, wer für die Kultur ist, hat sie gegen sich, hat mein Großvater gesagt, deshalb sind immer alle Regierungen für den Sport und gegen die Kultur.
[Thomas Bernhard, Die Ursache, S. 55]
Bibliothek: Neuzugänge
Der deutsche "Leviathan" soll die Lektüre des bereits vorhandenen englischen Originals erleichtern. "Der Gesellschaftsvertrag" wurde antiquarisch erworben und ersetzt eine vergilbte Taschenbuchausgabe. Funke und Schröter wurden regulär gekauft, ebenso der Katalog zur neu eröffneten Antikensammlung im Kunsthistorischen Museum (worüber noch ausführlicher zu schreiben sein wird).
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Thomas Hobbes | Leviathan | Reclam UM | Übersetzt von Jacob Peter Mayer |
| Peter Funke | Athen in klassischer Zeit | C.H. Beck Wissen | München 2003 |
| Klaus Schröter | Thomas Mann | rororo monographie | Neubearbeitung 2005 |
| Kunsthistorisches Musem (Hrsg.) | Meisterwerke der Antikensammlung | KHM Wien | Druckfrisch |
| Jean-Jacques Rousseau | Vom Gesellschaftsvertrag | Insel | gebundenes Exemplar |
| Donald R. Kelley (Editor) | Journal of the History of Ideas 1/05 | John Hopkins UP | Montaigne, Pascal, Dewey, Berlin ... |
14. September 2005
C.H. Beck Wissen
Dem erstaunlichen Erfolg dieser "enzyklopädischen" Buchreihe widmet sich Wieland Freund in einem Artikel.
Geschichte des Zweifels
Gestern entdeckte ich die Existenz des folgendes Buches, das mir naturgemäß sehr interessant erscheint: Jennifer Michael Hecht, Doubt: A History. Auf knapp 600 Seiten versucht Hecht die geistesgeschichtliche Bedeutung des intellektuellen Zweifels zu eruieren. Wird gekauft.
13. September 2005
Ian McEwan: Saturday
(Englisches Audiobook, ca. 9h)
Einen aktuellen Roman komplett zu hören war eine neue Erfahrung für mich. Im ersten Moment scheint die literarische Beurteilung von etwas Gehörtem schwieriger zu sein, wenn man die Kritik von Gedrucktem gewöhnt ist. Man freundet sich aber schnell mit der neuen Rezeptionssituation an.
Der Romans spielt während des ereigniserreichen 15. Febuars 2003 in Lodnon, an dem eine riesige Demonstration gegen den Irakkrieg statt fand. Geschildert wird dieser Tag anhand der Erlebnisse des Neurochirurgen Henry Perowne. Wenn jemand Tag für Tag Hirnoperationen durchführt, führt das zu einer bestimmten Weltsicht, die zu teilen einen nicht unbedeutenden Reiz des Werks ausmacht.
McEwan beherrscht sein Romanhandwerk perfekt, allerdings beschränkt er sich auf klassische Erzähltechniken. Obwohl die Erzählperspektive es anböte, verwendet er keinen Inneren Monolog. Erlebte Rede wird eingesetzt, hauptsächlich wird die Erlebniswelt des Protagonisten jedoch von außen beschrieben. Der Ablauf des Samstags wird oft durch geschickt eingesetzte Vor- und Rückblenden durchbrochen, so dass man am Ende des Romans wesentlich mehr über die Figuren weiß als der Ausschnitt eines einzigen Tages erwarten ließ.
Kritisch läßt sich anmerken, dass die Familie Perowne etwas zu perfekt angelegt ist. Der Sohn ein aufstrebender Bluesmusiker, die Tochter eine begabte Lyrikerin, der Großvater ein bekannter Poet ...
Bewertet man "Saturday" innerhalb des Genres realistischer, gegenwartsbezogener Roman, so muss man von einem ausgesprochen gelungenen Buch sprechen.
Thomas Bernhard: Der Atem. Eine Entscheidung [2.]
(Werkausgabe Band 10)
Der junge, teilweise fiktive Thomas Bernhard holte sich als Lehrling eine Lungenkrankheit und "Der Atem" schildert die erste Phase dieser Krankheit im Landeskrankenhaus Salzburg. Die trostlosen Zustände dieses medizinischen Etablissements werden weit ausgreifend beschrieben. Im Zentrum steht jedoch der Überlebenskampf des Achtzehnjährigen, der nach Erhalt der letzten Ölung die Entscheidung trifft, weiterleben zu wollen.
Die Auseinandersetzung mit Tod und Krankheit läßt einen an barocke Motive denken. Diese existentielle Radikalität ist ausgesprochen erstaunlich, aber das gilt ja für die Autobiographie insgesamt.
11. September 2005
Aurelius Augustinus: Vom Gottesstaat (12)
Buch 17 und 18
(dtv-bibliothek)
Im Mittelpunkt stehen diesmal die Propheten und deren Weissagungen. Gleich zu Beginn erläutert Augustinus seinen hermeneutischen Ansatz und läßt drei verschiedene Interpretationsarten der Prophezeiungen zu. Eine "himmlische", eine "irdische" und eine Mischform. Eine wörtliche Lesart, wie sie heute bei einigen fundamentalistischen Gruppen üblich ist, hätte nur seinen Spott herausgefordert. Er ist für einen Mittelweg:
Aber wie mir diejenigen in großem Irrtum befangen zu sein scheinen, die meinen, keinerlei in jenen Schriften dargestellten Ereignisse bedeuten etwas anderes als das, was sich damals zugetragen, so kommen mir auch diejenigen verwegen vor, die behaupten, hier sei alles sinnbildlich zu verstehen.
Dieses Prinzip wendet der Philosoph dann auf diverse Prophetenworte und Psalmen an. Darunter sind auch einige Auslegungen, die nur schwer nachzuvollziehen sind, da sie vom Bibeltext weit abweichen.
[S. 361]
Damit ist der chronologische Kommentar des Alten Testaments abgeschlossen und Augustinus wendet sich wieder systematischen Themen zu. Das achtzehnte Buch beschäftigt sich so mit dem Nebeneinander von Weltstaat und Gottesstaat von Abraham bis Christus. Unter "Weltstaat" wird vor allem die griechische und römische Geschichte verstanden. Selbst der griechischen Mythologie, in seiner Terminologie "heidischen Fabeln", ist ein Abschnitt gewidmet. Als Quelle allgemein dienen im Werke des berühmten römischen Gelehrten Marcus Terentius Varro (116-27 v.u.Z.), der angeblich 74 Werke verfasste.
Natürlich geht das nicht ohne polemische Seitenhiebe auf "die spitzfindige und haarspaltende Geschwätzigkeit der Philosophen" [S. 454] ab. Augustinus bestreitet vehement, dass die ägyptische Zivilisation älter ist als seine barbarischen Hirtenstämme:
[...] da doch nicht einmal Ägypten, das sich fälschlich und grundlos des Alters seiner Gelehrsamkeit zu rühmen pflegt, mit seiner Weisheit, sie mag sein, wie sie will, der Weisheit unserer Urväter zeitlich zuvorgekommen ist.
Ein klassisches Beispiel für selektive Wahrnehmung ist der Abschnitt 41 "Die Philosophen widersprechen einander, die Heilige Schrift ist einhellig". Würde Augustinus nur einen kleinen Teil seiner hermeneutischen Willkür, die er auf die Bibel anwendet, auf die Philosophie übertragen, könnte er ebenso bequem deren Widersprüche weginterpretieren. Denn selbstverständlich ist auch das Alte Testament voller Kontradiktionen.
[S. 481]
Präsentation von Kunstwerken
Leidenschaftliche Besucher von Museen wissen, wie wichtig die Anordnung von Kunstwerken für deren Rezeption ist. Falsche Zusammenstellungen können sich sehr unvorteilhaft auf Bilder und Skulpturen auswirken. Diesem spannenden Thema widmet sich Victoria Newhouse in ihrem sehr lesenswerten Buch "Art and the Power of Placement". Dieser Meinung ist zumindest Richard Dorment, der den Titel in der aktuellen The New York Review of Books 14/2005 vorstellt.
5. September 2005
Aurelius Augustinus: Vom Gottesstaat (11)
Buch 16
(dtv-bibliothek)
Als kleinen Nachtrag zum Thema "Antiurbanität und Religion" im 10. Teil dieser beliebten Augustinus-Reihe möchte ich noch nachtragen, dass heute prompt auf CNN sogenannte "Menschen auf Straße" aus New Orleans zu hören waren, welche die Flut als Gottesstrafe gegen die sündigen Bewohner ansahen.
Das sechzehnte Buch setzt nach der Sündflut fort, über die Söhne Noahs zum Turmbau von Babel, ohne den heute ja viele Linguisten arbeitslos wären. Ganz läßt ihn aber die Flut nicht los. Augustinus ist viel zu intelligent als dass er die Schwäche seiner historischen Interpretation nicht zumindest ahnte, weshalb er sich weiter um Erläuterungen bemüht. Konkret zur Frage, wie denn die Tiere wieder auf weit entfernte Inseln gekommen seien:
Unglaublich freilich wäre es nicht, daß die Menschen sie fingen, mit sich nahmen und an ihren neuen Wohnsitzen als Jagdwild einführten, auch konnten sie unfraglich auf Geheiß oder Zulassung Gottes von Engeln dorthin gebracht werden.
Läßt man einmal die Engel als Organisatoren von Massentiertransporten außer acht, ist die erste Hypothese gar nicht so dumm. So weiß man heute, dass pazifischer Inseln durch Polynesier mit Tieren kolonisiert worden sind. Freilich nur mit wenigen Tierarten, so dass man auch damit keine adäquate Erklärung hätte.
[S. 292]
Ausführlich interpretiert Augustinus nun das Wirken Abrahams, einschließlich der wohl besten Veranschaulichung, wie weit Religion fantatisierte Menschen treiben kann: das Opfer Isaaks. Religiöse Befehle sind blind zu befolgen, auch wenn sie fundamentale ethische Regeln verletzen. Wenig überraschend also, dass dies "sinnbildlich" erklärt wird. Trotzdem gilt:
Niemals wäre Abraham auf den Glauben gekommen, Gott habe an Menschenopfern Wohlgefallen, doch wenn ein göttliches Gebot erschallt, soll man gehorchen, und keine Einwendungen machen. Rühmenswert aber ist, daß Abraham überzeugt war, sein Sohn werde, wenn hingeopfert, alsbald wieder auferstehen.
Ein eklatantes Beispiel wie ähnlich die monotheistischen Religionen funktioniert, denkt man an Testamente von islamischen "Märtyrern" und der Reaktion ihrer Familien.
[S. 334]
Augustinus' literarisches Talent ist während des gesamten Werkes offensichtlich. Ab und zu versteigt er sich aber zu Bildern, die durchaus komisch sind:
So mußte den Lots Weib, da sie sich umblicktem zurückbleiben und, in Salz verwandelt, den gläubigen Menschen sozusagen als Würze dienen, um ihnen die Lebensweise schmackhaft zu machen, durch welche man solches Schicksal vermeidet.
Jacobs Geschichte schließt dieses Buch ab.
[S. 332]
4. September 2005
Suicid Missions: Why they do it
Christian Caryl rezensiert in der aktuellen Ausgabe der The New York Review of Books sieben Studien zum Thema Selbstmordattentäter. Diese bestätigen die bisherigen Beobachtungen, dass es sich bei den jungen Männern selten um unterprivilegierte Mitglieder ihrer Gesellschaften handelt. Im Gegenteil: Die meisten sind gebildert und gehören mindestens zum Mittelstand. Der Artikel ist ausgesprochen lesenswert (aber das sind ja fast alle in der NYRB).
Literatur- und Kognitionswissenschaft
Die "Avantgardisten" unter den Literaturgelehrten kümmern sich längst nicht mehr um die idiosynkratischen Theoriedebatten rund um die Postmoderne. Am Rande sei bemerkt, dass sich inzwischen im "main stream" der literary studies wieder ein Modenwechsel abzeichnet. Da man aber noch nicht weiß, welcher neue Irrationalismus die größten Karrierchancen bieten wird, fliegt man eine theoretische Warteschleife was sich in Buchtiteln wie "Reading After Theory" (Valentine Cunningham) oder "Death of a Discipline" (Gayatari Spivak) nieder schlägt.
Die intellektuell spannenden Abenteuer sind hier nicht zu finden, sondern in den interdisziplinären Versuchen, Literaturwissenschaft und Kognitionswissenschaften und/oder Evolutionstheorie zu verbinden. Deshalb sei an dieser Stelle auf Patrick Hogan hingewiesen, der dies in seinen Arbeiten versucht. Die Titel seiner Bücher lauten: "The Mind and Stories: Narrative Universals and Human Emotion" (2003) und "Cognitive Science, Literature, and the Arts: A Guide for Humanists" (2003).
Herbert C. Schulz: The Ellesmere Manuscript of Chaucer's Canterbury Tales
(Huntington Library)
Dieser kleine bibliophile Band beschreibt im Detail das berühmteste Manuskript der "Canterbury Tales". Die zahlreichen Illustrationen geben einen guten Eindruck über die herausragenden Qualitäten der beteiligten Buchkünstler. Berechtigterweise geht Schulz ausführlich auf die als Verzierung gemalten Pilger ein sowie auf das berühmte Portrait Chaucers unter ihnen.
Weitere Kapitel über die Illustration, den Text sowie die Geschichte des Manuskripts runden das gelungene kleine Buch ab.
3. September 2005
Aurelius Augustinus: Vom Gottesstaat (10)
Buch 15
(dtv-bibliothek)
Die nächsten Bücher sind ein Kommentar zur biblischen Geschichte, die für Augustinus identisch ist mit der Geschichte des Gottesstaates. Vor allem der "verstockte Kain" hat es ihm angetan. Dabei hebt der Kirchenvater Kains Rolle als Städtegründer hervor. Städte waren schon in der Antike Zentren der kulturellen und zivilisatorischen Emanzipation und damit ein natürliches Feinbild von Klerikern, die nichts weniger brauchen können als den Verlust ihres Welterklärungsmonopols. Diese Linie zieht sich durch bis zur Antimetropolenrhetorik Al-Qaidas, denn das Leben in westlichen Großstädten passt so gar nicht zur Utopie einer Hirtengesellschaft aus dem Frühmittelalter.
Besonders hübsch zu lesen ist Augustinus' Verteidigung der biblischen Altersangaben. Wenn in der Bibel steht, dass Methusalem 969 Jahre alt wurde, dann war das so. Skeptischen Stimmen hält er eine Fülle von anderen vergangen "Unglaublichkeiten" entgegen.
Nun kann jeder in der Bibel nachlesen, dass es um die religiöse Qualität des ersten Gottesstaates aus theologischer Sicht nicht immer bestens bestellt war, und so stellt man sich die Frage, warum der irdische Staat einen so schlechten Einfluss ausübte. Die Antwort wird Kenner des Christentums nicht überraschen: Die Frauen waren schuld.
Dies Unheil nahm freilich wieder vom weiblichen Geschlecht seinen Ausgang, freilich nicht in der Weise wie zu Anfang; denn diesmal haben nicht die Weiber, durch fremde Tücke verführt, ihre Männer zur Sünde überredet. Sondern jene Weiber, die im irdischen Staate, das ist der Genossenschaft der Erdgeborenen, von Anbeginn an üble Sitten gefrönt hatten, wurden von den Gottessöhnen, den Bürgern des in dieser Welt pilgernden anderen Staates, um ihrer schönen Leiber willen geliebt. [...]
Aufschlussreich aus "methodischer" Sicht ist schließlich noch der längerer Abschnitt über die Sündflut. Laut Augustinus muss man dieses Ereignis sowohl historisch als auch allegorisch verstehen. Höhepunkt ist sein Versuch, den denkenden Zeitgenossen zu erklären, wie auf der Arche alle Tierarten haben Platz finden können. Schon damals fragte sich die lesende Menschheit beispielsweise, wie wohl Raubtiere und deren Beute sich auf der Arche verstanden haben:
Die Gottessöhne, von Liebe zu den Menschentöchtern ergriffen, die sie als Gattinnen genießen wollten, versanken in die Sittenlosigkeit der erdgeborenen Genossenschaft und ließen die Frömmigkeit fahren [...]
[S. 262f.]
Denn es ist bekannt, daß viele Tiere, deren Speise sonst Fleisch ist, auch Früchte und Obst essen, zumal Feigen und Kastanien. Kein Wunder, wenn ein so weiser und gerechter, noch dazu von Gott belehrter Mann alles vorbereitete und zurücklegte, was einer jeden Art zusagte und für sie, auch wenn es kein Fleisch gab, das richtige war.
[S. 276f.]
Gilles Lambert: Caravaggio
(Taschen)
Ich wollte wissen, ob die kleinen, für sieben Euro bei Taschen erscheinenden Kunstbände etwas taugen. Mit Einschränkungen kann man diese Frage bejahen: Der monographische Text ist durchaus brauchbar. Die Druckqualität könnte besser sein. Es gibt eine Menge Abbildungen und viele Detailausschnitte aus Gemälden. Als Einführung durchaus brauchbar. Dem ersten Band werden also sicher noch weitere folgen.
28. August 2005
Aurelius Augustinus: Vom Gottesstaat (9)
Buch 14
(dtv-bibliothek)
Der Titel "Eine weitere Folge des Abfalls: Der Aufruhr des Fleisches" gibt bereits hinreichend über das Thema Auskunft: Es geht um Sex. Wer immer schon einmal wissen wollte, wie es um das Sexualleben von Adam und Eva im Paradies bestellt war, sollte unbedingt zum vierzehnten Buch des "Gottesstaates" greifen. Vorher erörtert Augustinus aber noch in extenso, warum er mit den Fleischlichkeits-Theorien der antiken Philosophen, speziell der Platoniker, nicht übereinstimmt:
Zwar sind die Platoniker nicht so töricht wie die Manichäer, daß sie irdische Körper als wesenhaft böse verabscheuen [...] Jedoch nehmen sie eine derartig schlimme Beeinflussung der Seelen durch die irdischen und todverfallenen Gliedmaßen an, daß die Krankheiten ihrer Begierden, Ängste, Freuden und Schmerzen von daher stammen sollen.
Es folgt eine umfassende Abhandlung der Affekte aus theologischer Sicht unter spezieller Berücksichtung stoischer Vorstellungen dazu. Vor dem Sündenfall gab es diese starken Affekte nicht, womit wir nun endlich im Paradies angekommen sind. Das böse Verbrechen dort war die Verweigerung des Gehorsams. Naturgemäß müssen totalitäre Weltanschauungen blinden Gehorsam über alles stellen:
[S. 162f.]
Aber in dem göttlichen Gebot war Gehorsam eingeschärft, eine Tugend, die bei vernünftigen Geschöpfen sozusagen Mutter und Wächterin aller Tugenden ist. Denn sie sind so geschaffen, dass untertan zu sein ihnen heilsam, dagegen ihren eigenen Willen statt dem des Schöpfers zu folgen verderblich ist.
Mein Verdacht, dass Kleriker heute ihren Augustinus nicht mehr kennen, bestätigte sich im Folgenden. Ginge es nämlich nach dem Kirchenvater, müsste die katholische Kirche glühende Verfechterin von künstlichen Befruchtungstechniken sein. Denn idealerweise sollte die Vermehrung des Kirchenvolks ohne Wollust vor sich gehen:
[S. 183]
Wer aber [...] möchte nicht lieber, wenn's möglich wäre, ohne Wollust Kinder erzeugen, so daß auch bei diesem Akte die hierzu erschaffenen Glieder, ebenso wie die übrigen Glieder bei verschiedenen Verrichtungen für die sie bestimmt sind, dem Geiste dienstbar wären und auf Willensgeheiß hin in Tätigkeit träten, aber nicht durch die Glut der Wollust angereizt würden.
Die anschließende Behandlung des Schamgefühls ist insofern soziologisch interessant, als diese Seiten einen guten Beleg gegen den Gegenstandsbereich von Norbert Elias' Zivilisationstheorie bilden, da er diesen Prozess erst im Mittelalter beginnen läßt, während sowohl Affekt als auch Diskussion darüber bereits in der Antike zu finden ist.
[S. 190f.]
Ohne Sündenfall hätte es im Paradies übrigens dort Sex und Kinder gegeben, jedoch ohne "unreine Begierden". Kein Wunder, dass Adam den Apfel genommen hat ...
Thomas Bernhard: Der Keller. Eine Entziehung [2.]
(Werkausgabe Band 10)
Die Erzählung schließt chronologisch an "Die Ursache" an. Der Ich-Erzähler verlässt auf eigene Faust das Gymnasium und sucht sich eine Lehrstelle als Kaufmann in den Slums von Salzburg, der Scherzhauserfeldsiedlung. Nebenbei sei bemerkt, dass man dem autobiographischen Gehalt dieser "Autobiographie" gegenüber eine Portion Skepsis mitbringen sollte. Bernhard stellt ästhetische Belange immer über biographische Wahrheiten.
Die künstlerische Qualität dieses Textes liegt maßgeblich in der Kombination aus der artifiziellen Sprache Bernhards mit naturalistischer Thematik. Der Blick der Hauptfigur auf das Salzburger Subproletariat ist einerseits empathisch, andererseits kritisch und illusionslos. Diesen Spagat authentisch zu bewältigen, macht Thomas Bernhard so schnell niemand nach.
20. August 2005
Aurelius Augustinus: Vom Gottesstaat (8)
Buch 13
(dtv-bibliothek)
Im Zeichen des Todes und der Sünde steht dieses Buch, in dem sich Augustinus große Mühe gibt, den Begriff des Todes analytisch zu fassen. Ähnlich wie ein Eskimo viele verschiedene Bezeichnungen für diverse Schneequalitäten benötigt, kommt ein todesbesessener Katholik offenbar nicht ohne diverse Unterscheidung aus. Wobei der Philosoph keine neuen Wörter kreiert, sondern sich mit konzeptuellen Unterscheidungen begnügt (Tod des Leibes, Tod der Seele ...)
Dem Gläubigen ans Herz gelegt wird der Tod als Märtyrer, da unterscheidet sich die klassische christliche Theologie nur graduell vom islamischen Suizidenthusiasmus:
Denn allen denen, die, auch ohne das Bad der Wiedergeburt empfangen zu haben, um des Bekenntnisses zu Christus willen den Tod erleiden, erwirkt er dieselbe Sündenvergebung, wie wenn sie mit dem heiligen Quellwasser der Taufe abgewaschen wären [...] Was könnte köstlicher sein als ein Tod, durch den man sich Vergebung aller Sünden und eine Fülle von Verdiensten erwirbt?
Literarisch eindrucksvoll schildert Augustinus den Weg ins Grab:
[S. 114f.]
Niemand, der dem Tode nicht nach einem Jahre näher wäre als vor einem Jahre, morgen näher als heute, heute als gestern, ein wenig später näher als jetzt und jetzt näher als kurz vorher. Denn jedes Zeitteilchen, das man weiterlebt, wird von der Lebenszeit abgezogen, und tagtäglich wird weniger und weniger, was übrigbleibt, so daß die ganze Lebenszeit nichts anderes ist als ein Lauf zum Tode, bei dem niemand auch nur ein klein wenig stehenbleiben oder etwas langsamer gehen darf. Nein, zu gleicher Eile werden alle angetrieben, kein Unterschied wird geduldet.
Es schließt die Erläuterung der Erbsünde an sowie eine Polemik gegen die Platoniker, die es doch tatsächlich wagten aus biologischen Gründen die Unsterblichkeit des Leibes in Frage zu stellen. Die progressiveren unter seinen Kollegen belehrt Augustinus im Anschluss, dass eine ausschließlich allegorische Interpretation des biblischen Paradieses zu kurz greife, und sehr wohl auch eine wörtliche zulässig sei.
[S. 117f.]
Thomas Bernhard: Die Ursache. Eine Andeutung [3.]
(Werkausgabe Band 10)
Es wäre eine detaillierte semantische Studie notwendig, um zu erklären, wie Bernhard es schafft, mit dem Mittel der (offenkundigen) Übertreibung zu einer realistischen Darstellung zu kommen. Nach der Lektüre der ersten seiner autobiographischen Erzählungen hat man einen authentischen Eindruck von den katastrophalen Auswirkungen des zweiten Weltkrieges auf Salzburg. Das gilt auch für die Luftangriffe, was deshalb bemerkt sei, weil dieser Text damit ein Gegenbeispiel zur von W.G. Seebald behaupteten These ist, der Luftkrieg wäre von der deutschen Literatur ignoriert worden.
Im Genre der "Internatsbücher", zu denen prominent auch Musils Törleß zählt, nimmt "Die Ursache" ebenfalls einen herausragenden Platz ein. Selten ist mit solcher Eindringlichkeit der nationalsozialistische und katholische Stumpfsinn (und der unmittelbare Übergang vom einem zum anderen) beschrieben worden. Die dritte Lektüre der Erzählung war sicher nicht die letzte.
16. August 2005
Bibliothek: Neuzugänge
Traditionsgemäß kaufe ich gerne Leselisten-Bücher, weshalb ich auch Zschirnts Ratgeber mitnahm. Eine erstes Durchblättern ergab erfreulicherweise, dass ich bis auf drei, vier Bücher, alles las, was man lesen muss, und ich damit schon in einigen Monaten zu lesen aufhören kann ;-)
Die Jerusalem-Studie Wassersteins gabs zum halben Preis im Wiener Jüdischen Museum.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Bernard Wasserstein | Jerusalem. Der Kampf um die heilige Stadt | C.H. Beck | München 2002 |
| Christine Zschirnt | Bücher. Alles was man lesen muss | Heyne TB | regulär gekauft |
15. August 2005
Aurelius Augustinus: Vom Gottesstaat (7)
Buch 12
(dtv-bibliothek)
Augustinus setzt seine Erörterung der Engelthematik fort. Ihn beschäftigt vor allem, wie Gott böse Engel zulassen konnte, was er durch übergeordnete Nützlichkeitserwägungen erklärt. Das führt ihn schnell zur "Ordnung der Dinge". Der Mensch solle nicht immer anthropozentrisch urteilen, sondern die Einrichtung der Welt objektiv beurteilen:
Wenn also hienieden, wo sich dergleichen schickt, das eine vergeht, das andere entsteht, das Schwächere dem Stärkeren unterliegt, das Überwundene vom Siegreichen aufgezehrt wird, so ist das nun einmal die Ordnung des Vergänglichen.
Mit dieser Feststellung, die jeder Evolutionsbiologe gerne bestätigte, hat Augustinus natürlich recht. Seltsam allerdings, warum Gott die Welt so eingerichtet hat. Die Antwort ist ein ideologischer Klassiker:
(S. 63)
So wird uns da, wo die eigene Blickschärfe nicht ausreicht, mit vollem Recht anbefohlen, an die Vorsehung des Schöpfers zu glauben, damit wir uns nicht in eiteler Verwegenheit erfrechen, das Werk des großen Meisters in irgendeinem Stück zu tadeln.
Im weiteren Verlauf des 12. Buches eröffnet der Philosoph eine bis heute andauernde Debatte, man denke nur an die jüngsten inkompetenten Äußerungen des Wiener Erzbischofs Schönborn in der New York Times zur Evolutionstheorie. Die Peinlichkeit derartiger Äußerungen zieht sich wie ein roter Faden durch die theologische Geistesgeschichte, und auch zu diesem Punkt ist die Lektüre des "Gottesstaates" sehr aufschlussreich. Augustinus empört sich nämlich über die Naturphilosophen, die bereits damals viele Argumente vorbrachten, warum die Erde älter als in der Bibel beschrieben sein müsse.
(S. 64)Ich will mich jetzt nicht lange damit aufhalten, die Wertlosigkeit jener Schriften, die von einer weit größeren Zahl von Jahrtausenden berichten, und ihre völlige Unglaubwürdigkeit in dieser Frage zu beweisen [...]
Warum die Bibel recht hat? Da sie die Zukunft richtig voraussage, müssten auch die Aussagen über die Vergangenheit stimmen:
(S. 75)
So mag man aus der großartigen Erfüllung ihrer Zukunftsverkündigung schließen, daß sie auch über die Vergangenheit Wahres berichtet haben wird.
Der Rest des Buches ist weiteren "Widerlegungen" naturphilosophischer Theorien gewidmet.
(S. 76)
Das Jahrhundert an der Gurgel packen
Elias Canetti (1905-1994)
(Ausstellung im Jüdischen Museum Wien 15.8.)
Kurator der Ausstellung ist Sven Hanuschek, dessen neue Canetti-Biographie von der Kritik wohlwollend aufgenommen wurde. Das Leben Canettis wird in einer Reihe von Stationen vorgestellt, die nicht nur zahlreiche Dokumente im Original zeigen, sondern auch durch Filme und Hörbeispiele ergänzt werden.
Zusätzlich gibt es thematische Schwerpunkte. Canettis methodisch und theoretisch sehr problematisches Buch "Masse und Macht" wird leider nicht nur völlig kritiklos präsentiert, die Schwächen der Studie werden sogar in Stärken umgebogen. Wie so oft in den Geisteswissenschaften werden literarische mit wissenschaftlichen Qualitäten verwechselt. Gut gelungen ist die Präsentation des Nachlasses, welche einen Eindruck von dem enormen Papierbergen gibt, welche noch aufzuarbeiten sind. Sehr schön auch die letzte Station "Bibliomanie - Die Blendung".
Thomas Mann GKFA: Neue Bände rezensiert
In der NZZ wurden am Wochenende die Neuerscheinungen dieser schönen Werkausgabe rezensiert.
13. August 2005
Zum 80. Geburtstag
wir sind die menschen auf den wiesen
bald sind wir menschen unter den wiesen
und werden wiesen, und werden wald
das wird ein heiterer landaufenthalt
(Ernst Jandl)
Wikipedia - Ein Kommentar
Der globale Wikipeadia Enthusisamus, den die Konferenz in Frankfurt auslöste, trägt teilweise seltsame Züge. Die Idee eines kostenlosen Nachschlagewerks für alle ist zweifelsfrei sehr attraktiv. Fraglich ist allerdings, ob die Informationskompetenz der Nutzer durch solche Projekte gesteigert wird. Spreche ich mit befreundeten Universitätslehrern wird mir einvernehmlich Folgendes gesagt: Die Recherche von Studenten beschränke sich zunehmend auf das Internet. Auf die Idee, dass man sich in Bibliotheken mit qualitativ hochwertigen Informationen versorgen könnte, kommen viele gar nicht mehr. Frei nach dem Motto: Was Google nicht kennt, gibt es nicht.
Werden nun Informationen im Internet gefunden, werden diese schnell für bare Münze genommen, egal ob es sich um die Fanseite eines Teenagers oder um eine Universitätsseite handelt. Eine der wichtigsten akademischen Kompetenzen, nämlich die Bewertung von Informationen und deren Quellen bleibt damit auf der Strecke.
Während in renommierten Lexika meist langjährige Kenner der Materie die Artikel verfassen, kann in der Wikipedia jeder Anfänger lexikalisch tätig werden. Ich führte in den letzten Wochen ein kleines Experiment durch und baute in einigen Artikel kleinere "Fehler" ein, z.B. in geograpischen Artikel einmal 8000km statt 7000km und ähnliche "Kleinigkeiten". Bemerkt wurden diese Änderungen in den meisten Fällen nicht. Inzwischen habe ich die Fehler wieder korrigiert. Die Konsequenz liegt aber auf der Hand: Vor allem kleinere Fehler werden nicht so schnell bemerkt, weshalb die Wikipeadia eine Informationsqualität hat wie eine durchschnittliche Googlesuche: Ohne Quellenkritik sind die Informationen für seriöse Zwecke nicht verwendbar.
10. August 2005
Bibliothek: Neuzugänge
Die beiden Musiliana-Bände sind Rezensionsexemplare.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Gunther Martens; Clemens Ruthner, Jaak De Vos (Hg.) | Musil anders. Neue Erkundungen eines Autors zwischen den Diskursen | Peter Lang | Musiliana Band 11 |
| Pierre Béhar; Marie-Louise Roth (Hg.) | Musil an der Schwelle zum 21. Jahrhundert | Peter Lang | Musiliana Band 10 |
| Journal of the History of Ideas | Vol 65, No. 4, October 2004 | John Hopkins University Press | Medieval Canon Law; Commonplace Books in 18th Britain u.a. |
7. August 2005
Corinos Musil-Biographie
Nach ein paar Jahren habe ich mich entschlossen, nicht mehr ausschliesslich virtuell, sondern ab und zu wieder schwarz auf weiß zu publizieren. So findet sich in der aktuellen Juli-Ausgabe von "Literatur und Kritik" diese Rezension.
Aurelius Augustinus: Vom Gottesstaat (6)
Buch 11
(dtv-bibliothek)
Dieses Buch bildet den Auftakt zu einer Beschäftigung mit den theologischen Implikationen des Engelwesens. Die Engelfrage beschäftigte die mittelalterliche Philosophie immer wieder intensiv, und die entsprechenden Texte entbehren für den heutigen Leser nicht einer gewissen Komik.
Im elften Buch diskutiert Augustinus ausführlich die Erschaffung der Welt, speziell auch hinsichtlich zeitphilosophischen Fragen. Wer seine erstaunliche Autobiographie "Bekenntnisse" gelesen hat, der wird sich an die fesselnde Behandlung der Zeitthematik erinnern. Auf den bereits in der Antike erhobenen Einwand, was Gott denn vor der Schöpfung getan habe, erfolgt eine in Zukunft klassische Antwort: Dieser Einwand sei sinnlos, da Gott mit der Welt zugleich die Zeit geschaffen habe. Seitdem behaupten die helleren Köpfe unter den Theologen, dass Gott außerhalb von Raum und Zeit stünde. Es sei nur am Rande bemerkt, dass auch die moderne Physik von diesem Argument profitiert. Frägt man nach der Zeit vor dem Urknall, wird man ab und an darauf hingewiesen, dass die Naturgesetze erst mit dem Urknall entstanden seien.
Auch das epistemologische Problem, wie Vorherwissen und Kontingenz in bezug auf Ereignisse möglich sind wird sehr früh thematisiert. En passent werden die Lebewesen nach ihrer Nützlichkeit eingeteilt, leider immer noch ein hochaktuelles Konzept:
So geschieht es wohl, daß wir manche empfindungslose Wesen manchen empfindenen vorziehen, und zwar so sehr, dass wir die letzteren, wenn wir nur könnten, aus der Natur austilgen möchten [...]
Philosophiegeschichtlich bemerkenswert, und weithin unbekannt ist, dass es Augustinus war, der als erster das "Cogito"-Argument formuliert hat, für das heute Descartes so berühmt ist. Ausführlich findet es sich in seiner Schrift gegen die Akademiker, kurz ist es auch im Gottesstaat zu finden:
[S. 29]
Denn wir sind, wissen, daß wir sind, und lieben die unser Sein und Wissen. In diesen drei Stücken, die ich nannte, verwirrt uns kein falscher Schein der Wahrheit. Denn wir erfassen sie nicht wie die Außendinge mit irgendeinem leiblichen Sinn [...]
Mögen Sie sagen: Wie, wenn du dich täuscht? Wenn ich mich täusche bin ich ja. Denn wer nicht ist, kann sich auch nicht täuschen; also bin ich, wenn ich mich täusche.
[S 43]
Thomas Mann & David Hume
Eine Menge lesenswerter Artikel und Rezensionen über T.M. finden sich in der aktuellen Ausgabe von Literaturkritik.de. Dort ist ebenfalls eine Besprechung einer neuen Ausgabe von Humes "Ein Traktat über die menschliche Natur" anzutreffen.
6. August 2005
Augustinus' Gottesstaat
Meine bisherigen Notizen zum "Gottesstaat" finden sich nun versammelt hier. Die restlichen Bücher 11-22 kommen in den nächsten Monaten an die Reihe.
Günter de Bruyn: Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter
(Mitteldeutscher Verlag)
Diese ausgezeichnet lesbare Biographie erschien in der DDR in siebziger Jahren. Günter de Bruyn entwirft auf knapp vierhundert Seiten in etwa vierzig kurzen Kapiteln ein lebendiges Portrait Jean Pauls. Dabei werden die weniger schönen Aspekte wie Jean Pauls Sentimentalität und Provinzialität nicht ausgespart. Prägnante Beschreibungen der Hauptwerke runden das Buch ab. Eine vorzügliche Einführung in die literarische Wunderwelt eines der originellsten deutschen Schriftsteller.
Bibliothek: Neuzugänge
Alle Neuzugänge wurden günstig antiquarisch erworben (Amazon, Booklooker). Besonders schön, der günstige Reprint der Schedelschen Weltchronik in einem schweren Band. Die Monographie über Orson Welles war ein freundliches Geschenk des Verfassers.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Eckhard Weise | Orson Welles | rororo monographie | Reinbek 1996 |
| Hartmann Schedel | Weltchronik. Kolorierte Gesamtausgabe von 1493 | Weltbild | Löbliche preisgünstige Faksimileausgabe |
| Robert Louis Stevenson | Meistererzählungen | Manesse Verlag | Zürich 1958 |
| Johann Sebastian Bach | Leben und Schaffen | Manesse | Biographische Quellensammlung; Zürich 1957 |
| Karl Christ | Von Gibbon zu Rostovtzeff. Leben und Werk führender Althistoriker der Neuzeit | Wissenschaftliche Buchgesellschaft | Darmstadt 1972 |
| Eckard Lefevre (Hrsg) | Senecas Tragödien | Wissenschaftliche Buchgesellschaft | Wege der Forschung; Aufsatzsammlung |
| Giuseppe Petronio | Geschichte der italienischen Literatur. Band 3 | UTB / Francke | "Vom Verismus bis zur Gegenwart" |
31. Juli 2005
Über Privatbibliotheken
Bernard Berenson once said that the formation of the great library he assembled at I Tatti was his greatest achievement. I feel much the same way about the library (as distinct from the bookshop) that I've put together in Archer City. The collection—or, more properly, the accumulation— now numbers about 28,000 volumes. If I were beamed up tomorrow my library would attest to the fact that a reader had once been there.
Das Geheimnis postmoderner Philosophen
Good enough.
Now, though, I've become principally a rereader, a habit that's prevailed for nearly a decade. I still service the big library, buying new books and scouting up old books by or about the writers I cherish or the subjects I'm still curious about. Forming my library brought me fifty years of pleasure; when I'm in it now I feel a faint pride but only a weak attachment. Emotionally I've already bequeathed it to my son and grandson. I'm the ghost that found the books, but I don't visit my old library often, or think about it much.
[Larry McMurty, On Rereading]
Lange suchte ich nach einer Erklärung, wie es möglich ist, dass Vertreter postmoderner "Theorien" einerseits offenkundig logischen (und anderen) Unsinn reden und andererseits durch arrogante Selbstsicherheit brillieren können. Die Lösung ist gefunden! Gott ist einer von ihnen:
Die Dunkelheit des göttlichen Wortes ist auch insofern nutzbringend, als sie mehrere wahre Auffassungen hervorruft und ins Licht der Erkenntnis treten läßt, da der eine es so, der andere es anders versteht.
Mehr zur Postmoderne gibt es hier.
[Augustinus, Der Gottesstaat. Elftes Buch, Kapitel 19]
"Lessings Bucherwerbungen"
Diesen spannenden Titel trägt das im Wallstein Verlag erschienene Buch. Untertitel: "Verzeichnis der in der Herzoglichen Bibliothek Wolfenbüttel angeschafften Bücher und Zeitschriften 1770 - 1781".
27. Juli 2005
Bill Bryson: A Short History of Nearly Everything
(15 CDs, Hörbuch)
Bei dem Hörbuch handelt es sich um eine vollständige Lesung der ca. 600 Seiten des Buches: knapp 20 Stunden kann man sich in schönem britischen Englisch vorlesen lassen. Vom präpotenten (ironischen) Titel sollte man sich nicht abschrecken lassen. Bryson hat ein im besten Sinn populäres Sachbuch über die Welt der Naturwissenschaften geschrieben, das gleichzeitig einen hohen Unterhaltungswert hat. Den Leser erwartet ein unglaublich breites Themenspektrum, weshalb man am Ende des Textes tatsächlich den Eindruck hat, der Titel sei nicht so falsch: Kosmologie, Astronomie, Chemie, Physik, Geologie, Paläontologie, Biologie werden behandelt, meist samit einer Reihe von "Nebenfächern" dieser Hauptdisziplinen.
Dabei bevorzugt Bryson einen historischen Ansatz. Man erfährt etwa ziemlich genau, wie sich die Geologie und deren Theorien entwickelt haben oder wie der steinige Weg zur Abschätzung des Alters der Erde verlaufen ist, um nur zwei Beispiele aus Dutzenden zu nennen. Ich sehe zwei Zielgruppen als Leser: Zum einen Menschen mit wenig naturwissenschaftlichen Wissen, denen Bryson die Möglichkeit bietet, sich einführend mit den wichtigsten Themen und Theorien vertraut zu machen. In diesem Fall ist das Buch aufklärend im besten Sinn des Wortes. Zum anderen Menschen mit bereits ausgeprägten Kenntnissen, denen die Möglichkeit einer engagierten Wiederholung nebst vielen neuen Details (vor allem wissenschaftshistorischer Natur) geboten wird.
Was mich beim Anhören am meisten erstaunte: Brysons populärer Zugriff geht kaum auf Kosten der intellektuellen Qualität. Er schafft es im Gegenteil oft die richtigen skeptischen Fragen zu stellen. So wenn er ausführlich vor Augen führt, dass das sehr weit verbreitete Modell eines Atoms (Kern mit umkreisenden Elektronen) komplett falsch ist und trotzdem ständig überall abgedruckt wird (in Schulbüchern etwa). Ab und zu gleitet Bryson zu sehr ins Anekdotische ab, das sieht man ihm aber gerne nach.
Wer nicht mit akademischem Interesse im engeren Sinn an das Buch herangeht, wird viel Freude mit diesem erstaunlichen Sachbuch haben.
24. Juli 2005
Lessing: Schriften gegen Goeze
(WBG Werkausgabe Band 8)
Die öffentliche Auseinandersetzung des Aufklärers Lessings mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze (1717-1786) zählt zu den berühmtesten publizistischen Kontroversen des 18. Jahrhunderts. Wer nun dächte, diese Schriften seien "nur" aus geistesgeschichtlichen Interesse lesenswert, täuschte sich. Lessings Religionskritik ist angesichts des zunehmenden Fundamentalismus (nicht nur des islamischen wohlgemerkt) aktueller als wünschenswert. Stilistisch sind Lessings Polemiken brillant, selbst mit ausschließlich ästhetisch-literarischem Fokus lohnte die Lektüre.
Auslöser der Kontroverse war Lessings Veröffentlichung der Reimarus-Fragmente einige Jahre vorher, von denen hier an anderer Stelle bereits ausführlich die Rede war. Man sollte sie vor den Schriften gegen Goeze lesen, da ansonsten viele Bezüge unklar sind.
An dieser Stelle ist ein Lob angebracht: Die von Herbert G. Göpfert herausgebene und Ende der siebziger Jahre herausgebenen "Werke in acht Bänden" ist eine vorzügliche Edition für Leser. So finden sich im achten Band nicht nur alle Schriften Lessings gegen Goeze (publiziert und aus dem Nachlass, etwa 350 Seiten), sondern auch die Antworten des protestantischen Fundis in voller Länge. Ergänzt durch einen ausführlichen und genauen Kommentar zur Kontroverse im Anhang.
Goeze griff Lessing wegen der Publikation der Fragemente scharf an. Lessing sollte ihn die atheistische Ecke gestellt werden, was damals existenzbedrohend war. Gleichzeitig versuchte der Pastor durch geschickte Vergleich die Aufmerksamkeit der Behörden zu erregen: Er vergleicht fundamentale Religionskritik immer wieder mit Herrschaftskritik (berechtigterweise muss man anfügen). Lessing gerät deshalb etwas in die Defensive, da eine fundamentale Relgionskritik öffentlich zu üben, nicht möglich ist. Deshalb wehrt er sich vehement gegen den Atheismusvorwurf und bringt zahlreiche Argumente, warum rationaler Diskurs in theologischen Fragen der Religion nützt. Goezes autoritäres Weltbild verrät sich besonders schön durch ein vorgebliches Einlenken: Kritik sei ja schön und gut, aber Lessing hätte sie auf Lateinisch veröffentlichen müssen, damit nicht die Gefahr bestehe, unbedarfte Gläubige zu verunsichern Die Schriften sind also auch sehr lehrreich, wenn man verstehen will, warum Religion und Freiheit gegenläufig sind.
23. Juli 2005
Jean Paul: Siebenkäs [2.]
(WBG Werkausgabe)
Vor mehr als zehn Jahren las ich den Roman zum ersten Mal und war nun gespannt, ob ich mein damaliges Urteil würde revidieren müssen. Davon kann nun erfreulicherweise keine Rede sein, da mich Jean Pauls Können erneut sehr beeindruckte. Literaturhistoriker sprechen nicht unberechtigterweise vom ersten realistischen Eheroman der deutschen Literatur. Denkt man sich das historische Kolorit weg, dürfte die brillant beschriebene negative Beziehungsdynamik auch im 21. Jahrhundert noch sehr aktuell sein, speziell was die Konfilkteskalation ausgehend von Kleinigkeiten betrifft.
Jean Paul zeigt sich als glänzender komischer Schriftsteller, wenn er Siebenkäs beispielsweise in dessen Arbeitszimmer an satirischen Schriften sitzen läßt, und dieser gebannt auf jede Bewegung seiner putzwütigen Gattin hört. Je leiser diese ihren Furor auslebt, desto mehr muss der Armenadvokat hinhören. An intellektuelle Produktion ist dabei natürlich nicht zu denken.
Wie in vielen Komödien, die von Figurenkomik leben, bleibt der Charakter der Eheleute statisch. Die Konflikte laufen immer nach einem ähnlichen Muster ab, psychologische Entwicklung auf dieser Ebene gibt es nicht. Auch andere Personen des Romans, wie der biedere Prediger Pelzstiefel, entsprechen uneingeschränkt den Lesererwartungen.
Stilistisch ist "Siebenkäs" ein Feuerwerk an Metaphern, Analogien, Parodien und Wortwitz. Jean Pauls breites Vokabular aus allen Sprachfeldern sucht man in anderen zeitgenössischen Büchern vergeblich. Ab und zu wird sein rhetorisches Feuerwerk etwas zu dicht, aber das verzeiht man ihm wegen seiner Brillanz gerne. Nebeneffekt dieser Sprache: Dem Leser wird eine langsame, konzentrierte Leseweise aufgezwungen.
Der Roman ist eine ungewöhnliche Mixtur aus überschäumender inhaltlicher und sprachlicher Origininalität und "zeitgeistigen" Themen. Zu letzteren könnte man den im 18. Jahrhundert populäre pathetische Freundschaftstopos zählen oder seine oft ins Arkadisch abgleitende Naturschilderungen (speziell in Bayreuth). Ohne Zweifel einer der lesenswertesten deutschen Romane.
Neues von der Britannica
Ein Artikel des "Boston Globe" berichtet über Neuigkeiten rund um die unverzichtbare Encyclopaedia Britannica.
17. Juli 2005
Klassiker (1): Wissenschaftsgeschichte
Robert Chambers publizierte 1844 anonym sein Aufsehen erregendes Buch "Vestiges of the Natural History of Creation", das bereits vor Darwin einen evolutionstheoretischen Ansatz beschrieb. Chambers beschränkte sich dabei nicht auf die Zoologie, sondern wollte die Natur insgesamt auf diesem Werk erklären (von der Entstehung der Sterne bis zu geologischen Entwicklung der Erde). In mehreren Auflagen wurden 40.000 Exemplare verkauft. Auch wenn im Chambers in vielen Punkten falsch lag, bereitete er doch die Wissenschaftswelt für Darwins bedeutende Theorie geistig vor.
James A. Secord schrieb nun ein Buch über dieses Buch: "Victorian Sensation: The Extraordinary Publication, Reception, and Secret Authorship of 'Vestiges of the Natural History of Creation'" (University of Chicago Press, 23 Dollar).
Klassiker (2): "The Anatomy of Melancholy"
Als 1621 die erste Auflage von Robert Burtons "The Anatomy of Melancholy" erschien, war die Wirkungsgeschichte dieses anthologischen Sammelsuriums zu diesem Thema noch nicht absehbar. Doch bis ins 19. Jahrhundert hinein gab es zahlreiche neue Auflagen und viele Intellektuelle (speziell Literaten) setzten sich extensiv damit auseinander. Ausgesprochen erfreulich ist es deshalb, dass der Verlag der New York Review of Books nun eine preisgünstige Neuausgabe veranstaltet hat. Den 1400-Seiten-Klassiker gibt es als Paperback für 25 Dollar.
16. Juli 2005
Barthold Hinrich Brockes (1680-1747)
Zu Lebzeiten ein wichtiger Hamburger Autor, kennen ihn heutzutage fast nur noch Germanisten. Schön also, dass Eckart Kleßmann Brockes eine kleine biographische Abhandlung gewidmet hat.
Hellmut Brunner: Altägyptische Religion. Grundzüge
(Wissenschaftliche Buchgesellschaft)
Eigentlich wollte ich diese kleine Abhandlung vor meiner Ägyptenreise lesen, aber auch Reisenachbereitungen schaden nicht. Hellmut Brunner war Ägyptologe an der Universität Tübingen und gibt hier auf 150 Seiten eine konzise Einführung in die Materie. Seine klar geschriebene Abhandlung eignet sich ausgezeichnet, um sich den ungewöhnlichen religiösen Vorstellungen der alten Ägypter zu nähern. Brunner behandelt sowohl Götterlehre und Mythologie als auch die sozialen Aspekte der Religion (Kult & Rituale). Eine gelungenes Buch.
10. Juli 2005
Hans-Joachim Braun: Die 101 wichtigsten Erfindungen
(C.H. Beck Wissen)
Ein informatives Buch für zwischendurch. Braun wählte die seiner Meinung nach wichtigstens 101 Erfindungen der Technikgeschichte aus und beschreibt sie kurz und prägnant. Praktisch auch die Literaturhinweise zu jedem Kapitel. Oft hätte man sich ausführlichere Abschnitte gewünscht. Die Auswahl der Einträge kann man bei solchen Büchern immer bekritteln. Allerdings hat Braun wirklich eine der wichtigsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte vergessen: die Anästhesie. Die Bedeutung dieser medizinischen Errungenschaft steht in keinem Verhältnis etwa zum Herzschrittmacher, der einen Abschnitt erhalten hat.
8. Juli 2005
Geoffrey Chaucer: Die Canterbury Erzählungen (Ende)
(Insel TB)
Die Erzählung des Arztes variiert das beliebte Motiv "Jungfrau-tötet-sich-selbst-heroisch-um-Ehre-zu-retten", was natürlich dazu führt, dass die Bösen bestraft werden.
In erfrischender Offenheit berichtet der Ablasskrämer von seinem Geschäft:
Mein ganzes Streben ist zu profitieren,
Sein erzähltes Exemplum fand ich frischer zu lesen als einige andere des Buches, was vermutlich an den Protagonisten liegt. Als kleinen Vorgeschmack auf die Suada der Priorin schon hier ein antisemitischer Seitenhieb:
Nicht etwa, Sünden zu korrigieren.
[V. 404f.]
Sie rissen Christi heiligen Leib in Fetzen
Mehr als Schwank denn als erbauliches Exemplum angelegt ist die Erzählung des Schiffsherrn rund um einen gerissenen lebenslustigen Mönch, der sich durch raffinierten "cash flow" einen Gratisbeischlaf bei der Gattin seines Freundes verschafft.
- Als ob ihn Juden nicht genug zerissen -
[V. 474f.]
Schließlich die Erzählung der Priorin, die - passenderweise muss man sagen - eine klassische antisemitische Geschichte erzählt. Ein siebenjähriger Junge wird wegen seiner Marienverehrung heimtückisch ermordert. Vorwürfe dieser Art lösten immer wieder Pogrome aus:
Unser Erzfeind, Schlange Satanas,
Ihr Wespennest ist in der Juden Brust [...]
[V. 558]
3. Juli 2005
USA - Quo vadis?
Der von mir sehr geschätzte politische Analyst Tony Judt zeichnet in der aktuellen The New York Review of Books 12/2005 ein düsteres Bild der amerikanischen Zustände. Die Lektüre von The New World Order ist für alle deprimierend, die in der Vergangenheit einen differenzierten Blick auf Amerika warfen und die Verdienste (von der intellektuellen "Produktion" über das Buchwesen bis hin zum unethnologischen Staatsbürgerschaftskonzept) im Gegensatz zum in Europa sehr populären primitven Antiamerikanismus durchaus zu würdigen wussten.
Inzwischen jedoch hat die republikanische Kultur in den USA einen bisher kaum für möglich gekannten Tiefstand erreicht. In den Worten Tony Judts:
The unrepublican veneration of our presidential "leader" has made it uniquely difficult for Americans to see their country's behavior as others see it. The latest report from Amnesty International—which says nothing that the rest of the world doesn't already know or believe but which has been denied and ridiculed by President Bush —is a case in point. The United States "renders" (i.e., kidnaps and hands over) targeted suspects to third-party states for interrogation and torture beyond the reach of US law and the press. The countries to whom we outsource this task include Egypt, Saudi Arabia, Jordan, Syria (!), Pakistan— and Uzbekistan. Where outsourcing is impractical, we import qualified interrogators from abroad: in September 2002 a visiting Chinese "delegation" was invited to participate in the "interrogation" of ethnic Uighur detainees held at Guantánamo.
Den AI Bericht "Guantánamo and beyond: The continuing pursuit of unchecked executive power" kann man hier nachlesen.
At the US's own interrogation centers and prisons in Iraq, Afghanistan, and Guantánamo Bay, at least twenty-seven "suspects" have been killed in custody. This number does not include extrajudicial, extraterritorial "targeted assassinations": a practice inaugurated by Benito Mussolini with the murder of the Rosselli brothers in Normandy in 1937, pursued with vigor by Israel, and now adopted by the Bush administration. The Amnesty report lists sixty alleged incarceration and interrogation practices routinely employed at US detention centers, Guantánamo in particular. These include immersion in cold water to simulate drowning, forced shaving of facial and body hair, electric shocks to body parts, humiliation (e.g., being urinated upon), sex-ual taunting, the mocking of religious belief, suspension from shackles, physical exertion to the point of exhaus-tion (e.g., rock-carrying), and mock execution.
Any and all of these practices will be familiar to students of Eastern Europe in the Fifties or Latin America in the Seventies and Eighties—including the reported presence of "medical personnel." But American interrogators have also innovated. One technique has been forcibly to wrap suspects—and their Korans—in Israeli flags: a generous gesture to our only unconditional ally, but calculated to ensure that a new generation of Muslims worldwide will identify the two countries as one and hate them equally.
[...]
For there is a precedent in modern Western history for a country whose leader exploits national humiliation and fear to restrict public freedoms; for a government that makes permanent war as a tool of state policy and arranges for the torture of its political enemies; for a ruling class that pursues divisive social goals under the guise of national "values"; for a culture that asserts its unique destiny and superiority and that worships military prowess; for a political system in which the dominant party manipulates procedural rules and threatens to change the law in order to get its own way; where journalists are intimidated into confessing their errors and made to do public penance. Europeans in particular have experienced such a regime in the recent past and they have a word for it. That word is not "democracy."
Lieferbare katholische Dogmen
Am 26. Juni schrieb ich, die für alle Katholiken sehr empfehlenswerte Dogmensammlung von Neuner und Roos sei nur noch antiquarisch erhältlich. Per E-Mail belehrte man mich inzwischen eines besseren:
Neuner, Josef / Roos, Heinrich
Für alle, die das katholische Buchwesen nicht fördern wollen, ist diese Sammlung von logischen Widersprüchen und intellektuellen Zumutungen antiquarisch zum halben Preis zu bekommen.
Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung
(Pustet, F) ISBN 3-7917-0119-3
Leinen
604 Seiten
22 Euro
2. Juli 2005
Deutsches Symphonie-Orchster Berlin
Brahms: Konzert für Violine und Orchster D-Dur op. 77
Mendelssohn-Bartoldy: Schauspielmusik zu "Ein Sommernachtstraum" op. 61
Violine: Renaud Capucon
Sopran: Jennifer Smitz
Mezzosopran: Della Jones
Dirigent: Marc Minkowski
Ein klassisches Tourneeprogramm. Höhepunkt war die Schauspielmusik, da diese mit den Texten Shakespeares gegeben wurden. Smith und Jones rezitierten und sprachen diese Passagen ausgezeichnet. Das Deutsche Symphonie-Orchester spielte passabel, wenn auch nicht ganz ausgewogen. Die Holzbläser hoben sich deutlich vom Rest, speziell von den oft verwaschen klingenden Streichern ab. Darunter müssen einige ausgezeichnete Solisten sein.
Bibliothek: Neuzugänge
Nachdem ich meine Vorsätze, endlich Altgriechisch zu lernen, bisher noch nicht in die Tat umsetzte, bin schon sehr gespannt auf die Neuübersetzung der "Elektra" des Euripides' durch Kurt Steinmann. Den "Caravaggio" bestellte ich, um mir diese preisgünstige Kunstreihe von Taschen einmal näher anzusehen.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Euripides | Elektra | Reclam UB | neu übersetzt von Kurt Steinmann |
| Gilles Lambert | Caravaggio | Taschen | Köln 2005 |