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Notizen: Archiv

von Christian Köllerer



3. Quartal 2006



29. September 2006

In Paris unterwegs ...

... bin ich nun für eine Woche. Daher keine neuen Notizen.


24. September 2006

Donizetti: Roberto Devereux
(Staatsoper 16.9.)
Regie: Silviu Purcarete
Musikalische Leitung: Friedrich Haider
Elisabetta I., Königin von England: Edita Gruberova
Duca di Nottingham, Herzog von Nottingham: Roberto Frontali
Sara, seine Frau: Sonia Ganassi
Roberto Devereux, Graf von Essex; Joseph Calleja

Seit einigen Jahren arbeite ich mich in Sachen Opernrepertoire von sogenannten "schweren" Stücken (Wagner, Richard Strauss, viel 20. Jahrhundert) zum italienischen Belcanto vor. Eine ausführliche Beschäftigung mit Verdi panierte den ästhetischen Weg zu "kulinarischeren" Belcanto-Opern.
Ein musikalisch besonders gelungenes Exemplar dieser Gattung ist "Roberto Devereux", weniger bekannt als etwa "Lucia di Lammermoor", aber durchaus ebenbürtig (wenn nicht überlegen). Freunde delikater Melodien und italienischer Opernkunst kommen hier voll auf ihre Kosten.
Speziell wenn die Besetzung so vorzüglich ist, wie in dieser Aufführung. Es gab vokal keine einzige Schwachstelle. Edita Gruberova überzeugte auch schauspielerisch in der artifiziellen Anlage ihrer Figur.
Die Handlung braucht hier nicht nach erzählt werden und besteht im wesentlichen aus einer Klatschgeschichte aus dem britischen Königshaus. Die Inszenierung war dem Stück nicht gewachsen. Sie setzte keine Akzente, störte aber immerhin die Darbietung nicht. In Summe ein höchst erfreulicher Abend.


19. September 2006

Bibliothekstipp: Werke Baruch de Spinozas

Der Felix Meiner Verlag, eine der besten deutschen Adressen für philosophische Klassiker, bringt eine preisgünstige dreibändige Werkausgabe heraus. Details finden sich hier.


17. September 2006

Peter Handke: Die Unvernünftigen sterben aus
(Akademietheater 10.9.)
Regie: Friederike Heller
Hermann Quitt: Philipp Hochmair
Hans, sein Vertrauter: Hermann Scheidleder
Franz Kilb, Kleinaktionär: Michael Tregor
Harald von Wullnow, Unternehmer: Rudolf Melichar
Berthold Koerber-Kent, Unternehmer: Jörg Ratjen
Karl-Heinz Lutz, Unternehmer: Markus Meyer
Paula Tax, Unternehmerin: Dorothee Hartinger
Quitts Frau: Sachiko Hara

Es ist keine originelle Meinung, den frühen, experimentierfreudigen Handke dem späten raunenden vorzuziehen. Diese Stück aus dem Jahre 1973 bestätigt dieses Urteil aber einmal mehr. Handke bringt einen Unternehmer auf die Bühne, der eine Absprache mit seinen Konkurrenten in Sachen Marktaufteilung eingeht, seine Mitbewerber und Freunde danach aber trotzdem in den Ruin treibt. Das wird mit einigem Wortwitz auf die Bühne gebracht.
Friedericke Heller entschied sich für ein abstraktes Bühnenbild mit Plexiglas-Wänden, das durchaus an moderne Büros erinnert, und durch Projektionen von urbanen Landschaften ergänzt wird. Wie schon ihre letzte Arbeit am Akademietheater, Handkes "Untertagblues", setzt sie Mikrophone gezielt zur Verstärkung ein und arbeitet mit sorgfältig arrangierten Figurenensembles.
An der schauspielerischen gibt es ebensowenig wie an der inszenatorischen Leistung auszusetzen: eine Empfehlung also.


10. September 2006

Wagner: Die Meistersinger
(Volksoper 9.9.)
Regie: Christine Mielitz
Musikalische Leitung: Leopold Hager
Eva, Pogners Tochter: Barbara Haveman
Hans Sachs, Schuster: Franz Hawlata
Walther von Stolzing: Jeffrey Dowd


Die Spezialität der Wiener Volksoper, neben Staatsoper und neuerdings dem Theater an der Wien das dritte Opernhaus der Stadt, ist eigentlich die leichte Muse. "Märchenhafte" Operninzensierungen und vor allem Operetten dominieren den Spielplan. Als man gestern nach fünfeinhalb Stunden Oper das Haus verließ, wurde man bereits durch Zigeunerbaron-Anschläge intellektuell belästigt.
Ab und zu geben sie im Haus am Währinger Gürtel jedoch auch Hörenswertes. Dazu gehört diese Meistersinger Inszenierung von der an dieser Stelle vor knapp fünf Jahren schon einmal die Rede war.
Eine solide Regiearbeit mit ironischen Untertönen, aber ohne moderne Elemente, wurde geboten. Musikalisch war der Abend (guter) Durchschnitt, speziell Jeffrey Dowd als Stolzing und Barbara Haveman waren gut bei Stimme. Auch die "kleineren" Rollen waren gut besetzt. Leider konnte Franz Haweltas Hans Sachs nicht immer mithalten. Im ersten Akt ging er stimmlich fast völlig unter, während er sich im "Kammerspiel" der folgenden Szenen besser bewährte. Das trübte den Hörgenuss doch deutlich.
Die "Meistersinger" zählt als Stück eindeutig zu meinen Favoriten. Wagner verwendet eine raffinierte ästhetische Strategie: An der Oberfläche bietet er eine unterhaltsame bis witzige Handlung. Dahinter behandelt er eine Reihe von spannenden Kunstfragen. Tradition trifft auf Innovation, Regelästhetik auf Kreativität durch Abweichung. Diese Metaebene, die natürlich auch autobiographisch motiviert ist, gibt der "volkstümlichen" Handlung einen wohltuenden Kontrapunkt, ohne jedoch künstlich aufgesetzt zu wirken.

Thomas Mann: Die Geschichten Jaakobs
(Fischer Werkausgabe)


Während ich die sogenannten "großen" Romane Thomas Manns, also "Buddenbrooks", "Zauberberg" und "Dr. Faustus" alle mehrmals las und sehr schätze, ließ ich die Josephs-Tetralogie bisher aus. Am Stoff lag es nicht, halte ich die Bibel doch für eines der spannendsten Bücher, immer vorausgesetzt man liest sie nicht mit einem religiösen Brett vor dem Kopf.
Das Jahr meiner Israel-Reise erscheint nun aber eine passende Gelegenheit, dieses Versäumnis nachzuholen. Der erste Band beschäftigt sich mit der Vorgeschichte und erzählt das Leben Jaakobs bis zur Geburt des Joseph. Zwar wird dieser gleich zu Beginn in einer fulminanten Szene eingeführt, danach geht es chronologisch aber schnell in die Vergangenheit. Die Strukturierung der Handlung durch diverse Vor- und Rückblenden zeigt die handwerkliche Meisterschaft des Autors: Der "alte" Stil wird dadurch struktuell ausbalanciert. Ganz so als ergänzte man eine sanfte, auf die Dauer "langweilige" Melodie durch diverse abwechslungsreiche Rhythmen.
Mann versuchte einen Stil zu finden, der an die Bibel erinnert und archaisierend wirkt, ohne aber diese Sprachwelt einfach zu kopieren. Etwas irrtierte mich zu Beginn die Verknüpfung dieser mythologischen Kunstsprache mit anscheinend aktuellen Erzählerkommentaren, welche mit dem religonsgeschichtlichen Wissenstand des 20. Jahrhunderts nicht geizen. Wie Mann es schafft, diese Welt kreativ zu vertiefen, ist interessant zu beobachten. Die Gradwanderung eines "intrinsischen" Verständnisses versus einer modernen Psychologisierung der Figuren ist freilich eine höchst heikle.
Ein vielversprechender Auftakt für ein längeres Leseprojekt.


6. September 2006

Bibliothek: Neuzugänge

Die bereits früher empfohlenen günstigen Kunstbände gibt es nicht nur bei Froelich & Kaufmann, sondern auch im regulären Buchhandel. 20 Euro pro Band.

Autor Titel Verlag Kommentar
Rolf Toman (Hrsg.) Romanik Architektur, Skulptur, Malerei Könemann Bildband mit hervorragendem Preis-Leistungs-Verhältnis
Rolf Toman (Hrsg.) Gotik Architektur, Skulptur, Malerei Könemann Bildband mit hervorragendem Preis-Leistungs-Verhältnis
Rolf Toman (Hrsg.) Barock Architektur, Skulptur, Malerei Könemann Bildband mit hervorragendem Preis-Leistungs-Verhältnis


3. September 2006

Wilfried Seipel (Hrsg.): Meisterwerke der Antikensammlung
(Kunsthistorisches Museum)


Band 4 der Reihe "Kurzführer", die so kurz nicht sind, beschäftigt sich mit der vor einem Jahr neu eröffneten Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums in Wien. Diese Kollektion kann sich durchaus sehen lassen, auch wenn sie weit vom Umfang der großen Museen in Berlin, Paris oder London entfernt ist.
Einhundertvierzehn ausgewählte Kunstwerke werden darin vorgestellt. Jedes auf einer Doppelseite: Links der Text, rechts das Bild. Die Erläuterungen setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Einige versuchen nebenbei grundlegendes Wissen über die antiken Kunstformen zu vermitteln, während andere sich auf die Beschreibung des Werkes konzentrieren. Das wäre zu vermeiden gewesen, hätte man dem Buch ein paar einleitende kunsthistorische Kapitel spendiert. Die vorhandene Einleitung beschreibt nur die Geschichte der Sammlung.
Trotzdem erfüllt das Buch den Zweck, einen Besuch im Kunsthistorischen Museum vor- oder nachzubereiten. Es eignet sich aber nicht, um sich grundlegendes Wissen über die Kunst der Alten Welt anzueignen. Erwähnt sei noch, dass die ägyptische Sammlung nicht in diesem Band inkludiert ist.

Abenteuer Archäologie

Diese gelungene Tochterzeitschrift von "Spektrum der Wissenschaft", die ich seit der ersten Ausgabe lese, erhöht aufgrund des großen Erfolgs die Erscheinungsfrequenz: Ab sofort gibt es sechs statt vier Hefte pro Jahr.

Über das Erzählen

Das neue Buch "Erzählen" von Volker Klotz scheint auf den ersten Blick sehr interessant zu sein.


29. August 2006

William Kloss: A History of European Art
(TTC Video Lectures, 24h)


Audio-Vorlesungen der Teaching Company hörte ich bereits eine Menge. Dieser Kurs auf DVD war eine Premiere. Kunstgeschichte zum Hören wäre naturgemäß auch eine fragwürdige Angelegenheit.
Es ist ein ambitioniertes Projekt, das sich Prof. Kloss vorgenommen hat: Eine Darstellung der europäischen Kunstgeschichte in 48 Teilen, jeder eine halbe Stunde lang. Das erlaubt keine besondere Tiefe, ist aber immerhin länger als eine klassische Uni-Vorlesung.
Historisch erstreckt sich der Kurs vom frühen Mittelalter bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts mit einem Schwerpunkt auf der Renaissance. Die Titel der einzelnen Abschnitte kann man dem ersten Link entnehmen. Kloss stellt hunderte von Gemälde (auch Skulpturen und Gebäude) vor, die er sorgfältig und ohne übertriebene hermeneutische Verrenkungen beschreibt. Es ist eine Schule des Sehens, die man in vierundzwanzig Stunden durchläuft. Eine sehr empfehlenswerte Angelegenheit.


28. August 2006

Bibliothek: Neuzugänge

Eine Zweitausendeins-Bestellung brachte die günstige, gebundene Mommsen-Ausgabe sowie das Guantanamo-Buch Willemsens ins Haus. Die Taschenbuchausgabe der "Brüder Karamasow" in der neuen Übersetzung, werde ich zur Zweitlektüre des Romans nutzen.

Autor Titel Verlag Kommentar
Julia Droste-Hennungs; Thorsten Droste Paris. Eine Stadt und ihr Mythos Dumont Kunstreiseführer Zur Urlaubsvorbereitung gedacht
Fjodor Dostojewskij Die Brüder Karamasow Fischer TB In der Übersetzung Swetlana Geiers
Roger Willemsen Hier spricht Guantanamo Zweitausendeins Interviews mit Exhäftlingen
Theodor Mommsen Römische Geschichte. Drei Bände Zweitausendeins Schöne Ausgabe für nur 20 Euro


27. August 2006

Goethe: Faust II [3.]
(WBG / Hrsg.: Albrecht Schöne)


Im Vergleich zum ersten Teil dieses berühmten Buches fristet der zweite ein Schattendasein. Viele Leser und auch viele Forscher konnten sich nicht wirklich dafür erwärmen. Das hängt mit der großen Abstraktheit des Textes zusammen, das zu den "künstlichsten" in Goethes Oeuvre zählt.
Der erste Teil mit der Gretchen Geschichte wirkt dagegen geradezu populär. Auch der strukturelle Zusammenhalt über die Aktgrenzen hinweg hilft bei der Lektüre. Im Gegensatz dazu, sind die fünf Akte der Fortsetzung ästhetisch ziemlich selbständige Konstrukte, deren Kohärenz weniger im Text direkt angelegt ist, als in Goethes Idee das Nordische und das Klassische ästhetisch zu konfrontieren.
Dies geschieht neben den offensichtlichen Handlungselementen (Helena in einer deutschen mittelalterlichen Burg) auch durch zahllose Anspielungen bei deren Aufschlüsselung der ausführliche Kommentar Schönes ausgezeichnete Dienste leistet.
Läßt man sich auf diese abstrakte Ästhetik jedoch ein und verknüpft diese mit den zahlreichen "modernen" Anspielungen (etwa zum Thema Geldwirtschaft oder Krieg), so ist die Lektüre des Faust II. wesentlich spannender als sein Ruf. Die Schöne-Ausgabe gibt es auch als Taschenbuch.

Bibliothekstipp: "Brüder Karamasow" und Kunstbücher

Letzte Woche erschienen die "Brüder Karamasow" in der Übersetzung Swetlana Geiers endlich als erschwingliches Taschenbuch.
Der Kunstbuch Versand bietet einige prinzipiell schon günstigen Könemann Epochenbände noch einmal ermäßigt für 19,95 Euro an: Kunst der Romanik, Kunst der Gotik, Kunst der Italienischen Renaissance, Kunst des Barock, Klassizismus & Romantik.


13. August 2006

Empfehlungen (4): The New York Review of Books

Gäbe es eine platonische Idee für "Zeitschrift", käme die NYRB diesem Ideal wohl ziemlich nahe. Seit etwa 10 Jahren versäume ich keine Ausgabe, und diese Lektüre hat sich inzwischen zu einer unverzichtbaren intellektuellen Grundversorgung entwickelt.
Die zwanzig Ausgaben pro Jahr ergeben einen ausgezeichneten Überblick zu sehr vielen Fachgebieten. Die Artikel sind von bewährten Fachleuten verfasst und überschreiten das Genre der Rezension in mehrerer Hinsicht: Es werden nicht nur neue Bücher vorgestellt, sondern meist auch ein Überblick über den aktuellen Diskussionsstand eines Fachgebiets gegeben. Das setzt natürlich eine entsprechende Textlänge voraus. Die NYRB ist das Gegenmittel zur weit verbreiteten Häppchenpublizistik. Darüberhinaus wird man mit der fundierten Meinung des Verfassers zu einem Thema konfrontiert. Man "erspart" sich dadurch oft die Lektüre vieler Bücher, und wer hat schon Zeit regelmäßig Neuerscheinungen über die Renaissance, die Klimaforschung, Sklaverei in den USA, Biographien über viele Klassiker, den Irakkrieg oder Musikgeschichte zu lesen? Als zusätzlichen Service bekommt man eine Menge Verlagsanzeigen über neue Bücher ins Haus, inserieren in der NYRB doch nicht nur alle führenden "University Presses".
Analytische und investigative Artikel zu politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten runden die NYRB ab. Die Blattlinie ist in jeder Hinsicht der Aufklärung verpflichtet und läßt sich wohl am besten mit linksliberal beschreiben. Postmoderne Dampfplauderein sucht man auf den Seiten der NYRB (anders als z.B. in der "London Review of Books") vergeblich. Das passte auch schlecht zur klassischen Gelehrsamkeit der meisten Texte. Die sonst übliche Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaften kann man ebenfalls nicht konstatieren.
Die NYRB hat eine Reihe von Stammautoren (20-30), die sich regelmäßig zu Wort melden. Diese schreiben nicht nur vorzügliche Artikel, sondern veröffentlichen auch regelmäßig Bücher. Man rutscht auf diese Weise lesend in eine Gemeinschaft vorzüglicher Sach- und Fachbuchautoren hinein, ein angenehmer Nebeneffekt.
Viele Jahre wurde die NYRB von Mäzenen aus New York am Leben erhalten. Seit längerer Zeit trägt sich das Projekt selbst (Auflage jenseits der 100.000 weltweit). Die besten europäischen Zeitschriften ("Lettre", "Merkur"...) bringen regelmäßig übersetzte NYRB-Artikel. Warum nicht gleich das Original lesen? Abonnements gibt es hier.

Die Montaigne-Reihe...

... gibt es nun versammelt hier.


12. August 2006

Donald M. Frame: Montaigne. A Biography
(Hamish Hamilton)


Seit März beschäftigt mich nun Montaigne. Den vorläufigen Abschluss dieses Lektüreschwerpunkts markiert die vorzügliche Biographie des Donald M. Frame. Erschienen in den sechziger Jahren und als Standardwerk von der Encyclopeadia Britannica empfohlen.
Das Buch ist im besten Sinne "gelehrt". Ausgehend von der Quellenlage rekonstruiert Frame das Leben des Montaigne. Die teils spärlichen Quellen werden solide abgeklopft und so manche biographische Spekulation als Wunschdenken aufgedeckt. Die Biographie beginnt mit der Rekonstruktion des Stammbaums. Die Familie mütterlicherseits war eine angesehene konvertierte jüdische Familie, die ursprünglich aus Spanien stammte. Kennt man das brutale Schicksal der spanischen Juden, so erhalten Montaignes Plädoyers gegen Folter und für Toleranz eine zusätzliche historische Basis.
Montaignes Vater war ein ungewöhnlich feinfühliger und verständnisvoller Mensch, was Frame folgendermaßen kommentiert:

    Among the fathers of great man there are so many caricatures, the self-rightous tyrant, the hypersensitive intellectual, the disorderly drunkard, that it is a rare pleasure tom come accross one sound and able, kind and firm, one who truly deserved his son. Such a one was Pierre de Montaigne.
    [S. 15]
Die ersten Kapitel beschäftigen sich chronologisch mit Familie, Kindheit und den ersten politischen Erfahrungen des jungen Montaigne im Parlamentsrat von Bordeaux. Ausführlich wird seine prägende Freundschaft mit La Boetie beschrieben. Das erste große intellektuelle Unterfangen war die Übersetzung der "Theologia Naturalis" des Raymond Sebond. Bei der Lektüre der "Essais" hatte ich ein kleineres theologisches Traktat vor Augen. In Wahrheit handelt es sich dabei um eine knapp tausendseitige Abhandung und damit eine herausragende Übersetzungsleistung.
Frame handelt die "Essais" in mehreren eingeschobenen Kapitel ab und zwar mit einer bemerkenswerten Brillanz. Besonders anregend ist seine Rekonstruktion der intellektuellen Entwicklung Montaignes von den ersten frühen und kurzen Kapiteln bis hin zu den langen Texten der Selbstvergewisserung am Ende seines zurecht berühmten Buches. Dabei bleibt der Biograph nahe beim Text und verliert sich an keiner Stelle in hermeneutischen Spekulationen.
Philologisch interessant sind seine Ausführungen zur Überarbeitung aller Essais kurz vor Montaignes Tod. Einiges wird verschärft und zugespitzt, anderes wird bewusst nicht angetastet, obwohl von Montaigne als veraltet empfunden. Bei einer Lektüre der "Essais" sollte man sich jedenfalls immer vor Augen halten, dass der späte Montaigne den frühen gelegentlich redigierte.
Frame schildert die Reisen und die Montaignes Zeit als Bürgermeister. Obwohl unmittelbare Zeitgeschichte nicht zu kurz kommt, wünscht man sich bei der Lektüre ab und zu einen größeren Blick auf das Geschehen. Die französische Geschichte des 16. Jahrhunderts sollte man deshalb einigermaßen präsent haben.


5. August 2006

Empfehlungen (3): Die Philosophiegeschichte des Frederick Copleston

Gute Philosophiegeschichten gibt es nur wenige auf dem Buchmarkt. Eine der mit Abstand besten schrieb Mitte des letzten Jahrhunderts der gelehrte Jesuit Frederick Copleston. Das elf Bände umfassende Werk nötigt Respekt vor dieser gewaltigen Arbeitsleistung ab. Der Forschungsstand ist natürlich inzwischen veraltet. Da sich die aktuellen Debatten aber meist um ähnliche Fragestellungen kreisen, trotzdem interessant. Die Darstellungen der einzelnen Philosophen lesen sich ausgesprochen frisch.
Zwei Aspekte sind besonders hervorzuheben: Seine in bester angelsächsische Manier sehr verständliche Darstellungsweise, die trotzdem komplexe Sachverhalte nicht simplifiziert. Die Ausführlichkeit seiner Darlegung ist weiters hervorzuheben. Die meisten Philosophiegeschichten bestehen aus einem bis drei Bänden, eine lächerliche Anzahl angesichts des gewaltigen Stoffes. Wer also seine Bibliothek philosophisch aufrüsten will, dem sei Coplestons Lebenswerk sehr ans Hirn gelegt. Nebenbei bemerkt ein Beleg, dass man sogar als Jesuit seine Zeit nützlich verbringen kann. Die einzelnen Bände sind:

Volume 1: Greece and Rome
Volume 2: Medieval Philosophy
Volume 3: Late Medieval and Renaissance Philosophy
Volume 4: The Rationalists: Descartes to Leibniz
Volume 5: British Philosophy: Hobbes to Hume
Volume 6: The Enlightenment: Voltaire to Kant
Volume 7: 18th and 19th Century German Philosophy
Volume 8: Utilitarianism to Early Analytic Philosophy
Volume 9: 19th and 20th Century French Philosophy
Volume 10: Russian Philosophy
Volume 11: Logical Positivism and Existentialism


Bibliomane Betrachtungen

Die bisherigen sieben Teile finden sich nun versammelt hier.


31. Juli 2006

Bibliomane Betrachtungen (7)

    Nur der mit den Einzelheiten durch Erfahrung Vertraute kann Kunstleistungen richtig beurteilen und weiß, durch welche Mittel und auf welchem Weg sie zustande kommen, und was gegenseitig zusammenstimmt.
    (Aristoteles, Nikomachische Ethik)
Ein Dauerbrenner unter Bücherfreunden ist die Frage: Wie ordnet man die Bücher in den Regalen? Die Mehrheit der Zweitbuchbesitzer verwendet eine langweilige Kombination aus alphabetischer und fachlicher Einteilung.
Zugegeben: Bei Sach- und Fachbüchern gibt es wohl keine bessere Möglichkeit. Deshalb finden sich in meiner Bibliothek Rubriken wie "Literaturwissenschaft", "Musik", "Naturwissenschaften" und "Philosophie". Fachliteratur findet sich auf diesen Regelbrettern. Mit einer Ausnahme allerdings, und das sind Bücher, die sich direkt auf Klassiker (welcher Art auch immer) beziehen.
Meine Hauptklassifikations-Methode ist chronologisch. Klassiker und Belletristik werden nach den Geburtsjahren der Autoren geordnet. Sollte das nicht möglich sein, nach dem Erscheinungsjahr eines Buches. Der Vorteil liegt auf der Hand: Man sieht eine Epoche vor sich. Man kann buchstäblich die Geistesgeschichte abschreiten, wenn man die Regale entlang flaniert. Ungewöhnliche Zeitgenossenschaften finden sich, verzögernd einsetzende Entwicklungen über verschiedene Länder hinweg werden augenscheinlich. Meine Bücher über historische Themen sind ebenfalls chronologisch geordnet, allerdings in einem eigenen Regal außerhalb der "Klassiker-Chronologie".
Bücher, die sich direkt auf einen Klassiker beziehen, stelle ich unmittelbar hinter dessen Werke auf. Also beispielsweise zu Beginn meine Goethe-Ausgaben, danach die Biographien, Monographien, Nachschlagewerke über ihn. In Summe gibt das im Falle Goethes ein eigenes Regal.
Nach vielem Herumexperimentieren bin ich zur Auffassung gelangt, dass diese Vorgehensweise für eine "Klassiker-Bibliothek" praktischer und erhellender ist als möglich Alternativen. Eine Warnung aber vorneweg: Das chronologische Sortieren der Bücher ist eine sehr zeitaufwendige Angelegenheit. Neue Käufe führen schnell dazu, dass die gelassenen Regallücken gefüllt sind, was die Systematik erschwert. Aber dieses Problem ist ja allen klassifikatorischen Ansätzen gemeinsam.
Ansonsten gibt es noch eigene Regale für Nachschlagewerke aller Art, von allgemeinen Enzyklopädien angefangen bis zu den Fachlexika.

Das Gesamtwerk von Bach ...

... gibt es bei Zweitausendeins in 160 CDs für 70 Euro. Die Aufnahmen sind angeblich passabel. Für die vergleichbare Ausgabe der Werke (170 CDs für 80.-) Mozarts kann ich das bestätigen. Es sind keine Jahrhundertaufnahmen, genügen aber enzyklopädischen Ansprüchen. Die Hauptwerke hat man ja ohnehin bereits in guten Interpretationen und die entlegeneren Werke wird man kaum günstiger und besser bekommen.


30. Juli 2006

Mozart: Don Giovanni
(Theater an der Wien 29.7.)
Musikalische Leitung Bertrand de Billy
Inszenierung: Keith Warner
Radio-Symphonieorchester Wien
Arnold Schoenberg Chor (Ltg. Erwin Ortner)
Don Giovanni: Gerald Finley
Komtur: Attila Jun
Donna Anna: Myrtò Papatanasiu
Don Ottavio: Mathias Zachariassen
Donna Elvira: Heidi Brunner
Leporello: Hanno Müller-Brachmann
Masetto: Markus Butter
Zerlina: Adriane Queiroz

Angesichts der kulturellen Sommerdürre in Wien freut man sich über jede musiktheatralische Abwechslung. Geboten wurde ein passabler Opernabend. Herausragendes gab es aber keiner Stelle. Bertrand de Billy steuerte sein Orchester irgendwo zwischen Wohlklang und historischer Ruppigkeit durch die Partitur. Gesanglich bewältigte das Ensemble das Stück leidlich, einige, wie Heidi Brunner, manchmal mit hörbarer Anstrengung.
Die Inszenzierung ist wenig konsistent. Keith Warner versetzte die Akteure in ein Hotelambiente und zog viele Szenen ins Komische (samt gelungenen Pointen). Dieser Regieansatz wurde jedoch immer wieder durchbrochen, vor allem durch ein ausgesprochen pathetisches Ende mit viel Theaterblut. Sollte das als Parodie gemeint gewesen sein, kam diese Botschaft zumindest bei mir nicht an.
Die Ensembleszenen und die Choreographie war nicht selten diffus. Hier hätte man vielleicht etwas ausführlicher proben sollen. Mit einem Besuch der Aufführung begeht man keinen Fehler, solange man keinen großen Wurf erwartet.

Eine Abrechnung mit der Wikipeadia...

... findet man in der aktuellen Ausgabe des "New Yorker". Stacy Schiff stellt in ihrem lesenswerten Artikel die Qualität vieler Artikel überzeugend in Frage: "What can be said for an encyclopedia that is sometimes right, sometimes wrong, and sometimes illiterate?".


16. Juli 2006

Empfehlungen (2): Encyclopaedia Britannica


Wer am Aufbau einer umfassenden Privatbibliothek interessiert ist, legt mit der Britannica einen soliden Grundstein. Ich verwende die "EB" seit fast 10 Jahren regelmäßig. Sie hat sich zu einem unverzichtbaren Hilfsmittel entwickelt. Während deutschsprachige Lexika wie der Brockhaus sich "nur" zum schnellen Nachschlagen eignen, handelt es sich bei der Britannica um eine echte Enzyklopädie. Dem Brockhaus entspricht die Micropeadia: Zwölf Bände mit vielen Stichworten. Intellektuell spannender jedoch ist die Macropaedia, welche in teilweise sehr umfangreichen Artikeln (Buchlänge!) das wichtigste Wissen der Welt präsentiert. Dieser Teil ersetzt eine Fülle von Standardwerken aller Fächer und damit eine kleine Bibliothek. Das Wissen wird meist nicht nur präsentiert, sondern auch auf einer Metaebene diskutiert. Wenn es divergierende Theorien gibt, wird das klar gesagt. Der Leser wird als erkenntnistheoretisch mündiges Subjekt verstanden.
Der Schwerpunkt des Gebotenen liegt auf gut etabliertem Grundlagenwissen. Das hat den Vorteil, dass eine Britannica nicht so schnell veraltet. Für brandaktuelle Informationen gibt es ohnehin eine Fülle anderer Quellen.
Dreh- und Angelpunkt dieses Unternehmens ist ein Band mit dem Titel Propaedia, welcher systematisch das Wissen einteilt und die Britannica inhaltlich erschließt. Die Nützlichkeit dieses Bandes läßt sich am besten durch ein Beispiel zeigen. Angenommen, man interessiert sich für japanische Autoren. Wie soll man im Brockhaus nun die Artikel zu allen japanischen Autoren finden, wenn man deren Namen nicht kennt? In der Propaedia findet man am entsprechenden Ort eine Liste mit allen enthalten Artikeln über ein Thema und kann sich systematisch durch die Enzyklopädie lesen.
Schließlich gibt es noch zwei Indexbände zum Auffinden von sehr granularem Wissen. Damit ist die Britannica ohne Zweifel das durchdachteste und best zu benutzende Lexikon auf dem Markt.
Wohlgemerkt rede ich von der Printversion. Die DVD ist hier kein Ersatz, denn erstens geht der Überblick über große Wissensmassen schnell verloren, den die Bände so überzeugend gewährleisten. Zweitens sind die enzyklopädischen Artikel so lang wie kurze Bücher, die man erfahrungsgemäß nicht am Monitor liest.
Der Stil der Teste ist vorzüglich. Als Leser wird man nicht durch drögen Brockhauston gequält. Die Artikel der Macropaedia sind engagiert auf sprachlich hohem Niveau verfasst (was nicht heißt: ungebührlich "schwieriges" Englisch). Abschließend noch ein Wort zu dem vielzitierten Wikipaedia-Britannica Vergleich, der angeblich einen "Gleichstand" gezeigt hat. Angesichts der oben beschriebenen Anlage der Britannica sollte es klar sein, dass der Vergleich einer Handvoll Stichwörter methodisch völlig inadäquat ist. Mehr.

SF

    Paul Erdös was another world-famous mathematician who was a passionate atheist. Erdös always referred to God as SF, short for Supreme Fascist. Erdös had for many years successfully outwitted the dictators of Italy, Germany, and Hungary, moving from country to country to escape from their clutches. He called his God SF because he imagined God to be a fascist dictator like Mussolini, powerful and brutal but rather slow-witted. Erdös was able to outwit SF by moving frequently from one place to another and never allowing his activities to fall into a predictable pattern. SF, like the other dictators, was too stupid to understand Erdös's mathematics. Hardy and Erdös were both lovable characters, contributing more than their fair share to the human comedy.
    [Quelle: NYRB 11/06]


2. Juli 2006

Empfehlungen (1): Neue Zürcher Zeitung

Mit dieser Notiz beginne ich eine kleine Reihe mit Hinweisen auf intellektuell hochwertige "Entitäten", die hoffentlich eine kleine Schneise in die Fülle von Durchschnittserzeugnissen schlagen können.
Die NZZ verdient meines Erachtens das Prädikat "beste deutschsprachige Zeitung". Die internationale Ausgabe begleitet(e) mich nun eine Reihe von Jahren. Im Vergleich zur FAZ und SZ ist sie weniger umfangreich, was für jemanden mit einem beschränkten Zeitbudget aber vorteilhaft ist.
Ihren Ruf verdankt diese Zeitung vor allem der internationalen Berichterstattung und dem Feuilleton. Sie leistet sich ein großes Netz an Auslandskorrespondenten, die nicht nur kompetent über ihre Länder berichten, sondern auch einen sehr angenehmen Stil pflegen. Ein Grund, warum ich diese Korrespondentenberichte so gerne lese, verstößt eigentlich gegen einen eisernen Grundsatz des Qualitätsjournalismus: Es ist die subjektive Perspektive. Anstatt in trockener Nachrichtenagenturprosa zu schwelgen, sind die Texte pointiert geschrieben. Die eigene Persönlichkeit und Meinung des Korrespondenten ist in jedem Artikel präsent. Ironische und manchmal sogar leicht zynische Sätze sind keine Seltenheit. Kombiniert ist diese Schreibe mit einer meist sehr skeptischen Perspektive. Ein Beispiel: Der Europaparlament-Report über die geheimen CIA Flüge und Gefängnisse. Während in fast allen Zeitungen (berechtigte) Empörung herrschte, wies der Pariser NZZ Korrespondent auf die extrem dünne Faktenlage des Reports hin. Erwähnt sei noch, dass regelmäßig auch über diejenigen Weltgegenden berichtet wird, die nicht immer im Mittelpunkt des Medieninteresses stehen (z.B. Zentralafrika).
Das Feuilleton ist sehr solide, wenn auch weniger umfangreich als noch vor ein paar Jahren. Herausragend sind hier die Vielzahl der Rezensionen auch entlegenere Bücher und die Wochenendbeilage "Literatur und Kunst". Die Themenschwerpunkte werden auf einem für eine Zeitung ungewöhnlich hohen Niveau behandelt, hier liegen selbst FAZ und SZ weit abgeschlagen auf den hinteren Plätzen. Die Berichterstattung über (Natur)wissenschaft und Medien ist ebenfalls erfreulich. Wer mag, kann sich mit einem kostenlosen Probe-Abonnement selbst eine Meinung bilden.

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