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Notizen: Archiv

von Christian Köllerer



3. Quartal 2007



29. September 2007

In London...

... bin ich eine knappe Woche. Danach gibt es wieder regelmäßige Updates.


23. September 2007

Shakespeare: Sturm
(Akademietheater 23.9.)
Regie: Barbara Frey
Dramaturgie: Joachim Lux
Prospero: Johann Adam Oest
Caliban: Maria Happel
Ariel: Joachim Meyerhoff

Genau genommen handelt es sich bei der Aufführung nicht um "Sturm" von Shakespeare, sondern um eine ebenso kurze wie grandiose Variation rund um dieses Stück. Alle Figuren werden von den oben genannten drei Schauspielern gespielt, soweit Handlungselemente nicht erzählt werden. Das klingt nun sehr seltsam, funktioniert dank der klugen Dramaturgie des Joachim Lux aber ausgezeichnet. Ergebnis ist eine furiose, an vielen Stellen auch sehr komische Szenenfolge. Die schauspielerische Leistung ist brillant, speziell Meyerhoff und Happel sind herausragend. Unbedingt sehenswert, wenn auch kein Ersatz für eine vollständige Inszenierung des "Sturm".

Fundstück

    Hugo von Hofmannsthal hat sich nach einem Besuch bei Thomas Mann wie folgt geäußert:
    "Der ganze Mensch mache einen ungemein gepflegten, großbürgerlich-soliden, diskret-eleganten Eindruck ... Auch sein Haus stelle man sich so vor: sehr fein und reichhaltig, mit kostbaren Tapissereien, dunkelnden Ölgemälden, Clubsesseln, hellen Schlafräumen ect. pp. .... Nur, - in irgend so einem Nebenzimmerl liegt dann plötzlich eine tote Katze...".
    [via Klassikerforum; Quelle: Harpprecht]


8. September 2007

2 Wochen in Belgrad...

...bin ich ab morgen aus beruflichen Gründen. Daher keine neuen Notizen bis zu meiner Rückkehr.

Victor Davis Hanson: A War Like No Other. How the Athenians and Spartans Fought the Peloponnesian War
(Random House)


Mit Militärgeschichte im Speziellen habe ich mich bisher nie im Detail beschäftigt, und so war auch mein Interesse am antiken Griechenland und speziell an Thukydides ausschlaggebend, diese Studie von Hanson zu lesen. Nach der Lektüre steht fest: Die Beschäftigung mit Kriegsdetails kann sehr erhellend sein, wenn man sich für die Natur des Menschen interessiert. Liest man Hansons düsteres Buch über brutale die Art und Weise, wie Athener und Spartner sich gegenseitig umbrachten, bleibt vom klassisch humanistischen Ideal der Antike nichts mehr übrig.
Hanson vertritt die These, dass der Peloponnesische Krieg der erste prototypische Bürgerkrieg auf europäischen Boden war, in dem sämtliche Regeln für ein ziviles Zusammenleben außer Kraft gesetzt wurden. So gab es in der griechischen Gesellschaft nicht nur einen militärischen Ehrenkodex und Regeln für den Umgang mit Zivilisten, sondern bekanntlich auch zahlreiche religiöse Tabus. Im Laufe des Krieges galten diese kulturellen Übereinkünfte nicht mehr: Boten und "Diplomaten" wurden ermordet, Zivilisten zu Zehntausenden hingerichtet und Leichen als Mittel der Erpressung eingesetzt. Wer Sophokles' "Medea" kennt, weiß wie wichtig die Bestattung eines Leichnams für einen Griechen war.
Hoplitenschlachten gab es vergleichsweise wenige, Terrorakte gegen die Zivilbevölkerung dagegen von beiden Seiten in kaum noch überschaubaren Ausmaß. Besonders widerwärtig müssen die antiken Seeschlachten (und generell auch die Schifffahrt) auf Tiremen gewesen sein. Hanson legt einen besonderen Schwerpunkt auf diesen Aspekt. Diese gewaltigen Schlachten am Mittelmeer, wo quasi zwei Städte (mehrere zehnttausend Soldaten und Ruderer) auf dem Wasser zusammenstießen, forderten eine enorme Zahl an Todesopfern.
Gleichzeitig blühte in Athen die Kultur. An einem Tag gab es Euripides im Theater, am anderen wurde in der Versammlung demokratisch beschlossen, die Bewohner einer eroberten Stadt zu töten. Wer sich dieses alltägliche Zusammenspiel von Hochkultur und Barbarei bewusst macht, wird weniger ratlos und ziemlich desillusioniert vor der "dunklen" Seite der europäischen Geschichte stehen. Thukydides war der Meinung, die Menschen ändern sich vor allem in diesen Dingen nicht. Bis heute scheint er Recht zu haben.


3. September 2007

Notizen-FAQ

1. Gibt es einen RSS Feed?
2. Kann man auf einzelne Tageseinträge verlinken?
    Ja, wenn jemand diese Mühsal auf sich nehmen will. Das Format sieht z.B. folgendermaßen aus:
    http://www.koellerer.de/q2-2007.html#TTMMJJ

    Um auf den 26. Mai 2007 zu verlinken also:
    http://www.koellerer.de/q2-2007.html#260507
3. Was hat es mit den Amazon-Links auf sich?
    Nach langem Zögern fasste ich den Entschluss, die Notizen für das Amazon Partnerprogramm anzumelden. Wenn sinnvoll, verlinke ich Bücher auf Amazon mit meiner Partner ID "notizen-21". Entsprechende Bestellungen leisten dann einen kleinen Beitrag zu den Providerkosten. Natürlich kann man diese ID auch manuell bei jeder anderen Produkt-URL bei Amazon anhängen :-)
4. Warum kein klassisches Blog?
    Einerseits stehe ich dem Bloggerwesen nach wie vor skeptisch gegenüber (siehe auch hier, andererseits scheue ich auch den Aufwand einer Migration. Entscheidend sind aber ohnehin die Inhalte, nicht die Technik :-)
5. Wie viele Besucher gibt es?
    Bereinigt besuchen jedes Monat zwischen 10.000 und 13.000 Besucher ("unique visitors") die Notizen.

Kolo Moser - Der Tausendkünstler des Wiener Jugendstils
(Leopold Museum 2.9.)


Hier ist den Veranstaltern eine ausgezeichnete Ausstellung gelungen. Chronologisch wird der Besucher mit allen Facetten des Werks von Kolo Moser bekannt gemacht. Bekanntlich war Moser einer der prägenden Wegbereiter der Wiener Moderne in der Kunst und damit in Wien sehr einflussreich. Gezeigt werden nicht nur (Entwürfe seiner) Kirchenfenster und Gemälde aus der Spätphase. Auch Möbelstücke und Porzellan aus seiner Wiener Werkstätten Zeit ist zu sehen.
Sehr empfehlenswert. Wer sie noch sehen will, muss sich beeilen. (Bis 10.9.)


2. September 2007

Rabelais: Gargantua und Pantagruel (2)
(Zweitausendundeins)


Das vierte und fünfte Buch der Reihe bestätigt den bereits beschriebenen Leseeindruck: "Gargantua und Pantagruel" gehört ohne Zweifel zu den ungewöhnlichsten Werken der Weltliteratur. Das liegt vor allem an der Divergenz der unterschiedlichen Ebenen, von der obszönen Burleske über satirische Passagen hin zu frühhumanistischen Abhandlungen.
War das dritte und geistesgeschichtlich interessanteste Buch der Reihe vor allem eine groteske Überspitzung spätscholastischer Methoden, wechselt Rabalais im vierten den Schwerpunkt in Richtung des beliebten Abenteuer- und Seefahrergenres. Im Mittelpunkt der Handlung steht die Schifffahrt zum Orakel der "Göttlichen Flasche", von dem sich Panurg endgültigen Aufschluss darüber erhofft, ob er in den Ehestand treten soll. Genretypisch wird die Fahrt durch regelmäßige Besuche seltsamer Inseln mit noch seltsameren Bewohnern unterbrochen. Diese Landausflüge nutzt Rabelais überwiegend zu satirischen Zwecken, wo einmal mehr religiöser Fanatismus (Isle de Papimanes) kritisiert wird.
Höhepunkt des fünften Buches ist dessen Ende, als die Reisegruppe doch noch das Orakel erreicht. Es antwortet Panurg auf seine Frage mit einem deutschen "Trinch". Die Urheberschaft des letzten Teils der Reihe wird in der Foschung debattiert. Da es erst elf Jahre nach dem Tod des Autors erschien, zweifeln einige die (alleinige) Autorenschaft Rabelais' an.
Zwar habe ich nur kurz einen Blick auf die Rabelais-Forschung geworfen, das Ergebnis ist aber literaturwissenschaftlich aufschlussreich. Ähnlich wie im Fall Kafkas führt die Ambivalenz dieser Bücher dazu, dass sich oft konträre Deutungen gegenüberstehen, ganz so als sei die klassische Hermeneutik nicht längst in eine methodische Sackgasse gelangt. Man sollte (wie auch im Falle Kafkas) versuchen zu verstehen, wie das Werk formal und strukturell funktioniert. Dann könnte man die "Lesermanipulationsstrategie" des raffinierten Rabelais aufdecken, anstatt auf sie hereinzufallen.


26. August 2007

Heimito von Doderer: Die Strudlhofstiege [2.]
(dtv)


Als ich diesen Roman vor vielen Jahren zum ersten Mal las, war ich bereits nach wenigen Seiten von Doderers beeindruckender Sprachkunst eingenommen. "Die Strudlhofstiege" nimmt seitdem einen herausragenden Platz in meinem Privatkanon ein. Würde eine zweite Lektüre daran etwas ändern? Seit längerer Zeit überprüfe ich derartige Leseerlebnisse, indem ich erneut zu prägenden Bücher greife. Die Ergebnisse waren unterschiedlich: So fand ich Dostojewskijs "Verbrechen und Strafe" deutlich schwächer als beim ersten Mal, während die "Die Brüder Karamasow" oder "Die Dämonen" meinen Wiederholungsbesuch völlig unbeschadet bestanden. Natürlich gewinnen viele Bücher durch häufiges Lesen, da sich mit jedem Durchgang mehr Details zeigen und sich die Struktur der Werke besser erschliesst. In diese Kategorie würde ich, ohne Vollständigkeit anzustreben, die großen Romane Thomas Manns, den "Mann ohne Eigenschaften", den "Faust" und die "Wahlverwandtschaften", Homers "Odyssee" und Sophokles "Dramen" geben.
Um das Ergebnis des neuen Leseexperiments vorwegzunehmen: "Die Strudlhofstiege" scheint ebenfalls in die letzte Kategorie zu gehören. Die herausragenden Qualitäten des Romans zu benennen, ist gar nicht so einfach. Auf den ersten Blick spricht nicht weniges gegen ihn: Ein engmaschiges Geflecht zwischenmenschlicher Beziehungen auf 900 Seiten auszubreiten klingt nicht übermäßig spannend: Gelangweilte Damen der besseren Wiener Gesellschaft, Liebschaften und Rochaden auf allen Ebenen, Gefühlsduseleien von Gymnasiasten, pedantische Hofräte und Beamte ...
Versuchte man, die Handlungsstränge wiederzugeben, würde man schnell "Völlig überladen!" rufen. Doderer konnte selbst nur dadurch den Überblick bewahren, dass er riesige Pläne zeichnete. Anstatt sich aber bei der Lektüre dieser semantischen Monstrositäten zu langweilen, ist man fasziniert. Woran liegt das?
An der Sprache! Doderers barock-süffiger Stil hat in der deutschsprachigen Literatur nicht seinesgleichen und hob die österreichische Literatursprache auf neue Höhen. Das besondere Merkmal seiner Sprachkunst scheint mehr darin zu liegen, dass er barockes Überborden mit begrifflicher Präzision verbindet. Dadurch entsteht eine ungewöhnlich dichte Welthaltigkeit. Nimmt man noch Doderers Ironie hinzu, deren Abstufungen von sympathischer Distanziertheit bis zu beissender Satire er meisterhaft beherrscht, hat man eine erste Annäherung an seine Sprache.
Nun ist dieser Stil kein Selbstzweck, sondern wird von Doderer vor allem zu einem Ziel meisterhaft eingesetzt: Zur psychologischen Charakterisierung seiner Figuren. War Robert Musil der brillante Intellektuelle der österreichischen Literatur und sein "Mann ohne Eigenschaften" dessen Manifestation, so ist Heimito von Doderer der brillante Psychologe. Wie er das Seelenleben seiner Figuren in allen Nuancen auslotet und mit welcher Raffinesse er Handlungen psychologisch motiviert, das gehört zum Besten, was die Weltliteratur hier zu bieten hat. Diese analytische Schärfe ist eine der Hauptursachen, warum man den an der Oberfläche vergleichsweise banalen Beziehungswirrwar mit größter Spannung folgt.
Doderer setzt sein Skalpell aber nicht nur auf der Ebene der Individuen an. Die Wiener Gesellschaft des ersten Fünftel des 20. Jahrhunderts liegt ebenfalls auf dem Seziertisch. Seine zahllosen köstlichen Einzelbeobachtungen summieren sich so nicht nur zu einem fulminanten Gesellschaftsbild, sondern auch zu einem prächtigen Porträt Wiens.
Führt man diese unterschiedlichen Ebenen zusammen, bemerkt man schnell: Der Roman "funktioniert" eben durch seine Dichte so ausgezeichnet. Die auf den ersten Blick völlig überfrachtete Handlung passt zur sprachlichen und psychologischen Dichte des Romans. Der Leser erhält den Eindruck einer überbordenden Welthaltigkeit und Lebensechtheit, die sogar bei guter Literatur nur selten zu finden ist. Die selbst beim zweiten Lesen anhaltende Unübersichtlichkeit im Beziehungsgeflecht ist Teil der ästhetischen Strategie. Wäre ein "übersichtlicher" Roman aus einer Großstadt der zwanziger Jahre künstlerisch glaubwürdig? Doderer entschied sich für einen anderen Weg als Döblin in "Berlin Alexanderplatz" oder Joyce in "Ulysses". Hier sollte die Unübersichtlichkeit der Moderne in erster Linie durch sprachliche und formale Mittel zum Ausdruck kommen: Die Architektur des realistischen Romans wurde nachhaltig aufgelöst. Doderer entschied sich für einen anderen Weg: Er blieb den Mitteln des klassischen Romans weitgehend treu und versuchte die Moderne ästhetisch durch ein extrem dichtes semantisches und strukturelles Geflecht adäquat zu treffen. Meiner Meinung nach gelingt ihm das auch ausgezeichnet, obwohl er sogar auf eine Art allwissenden Erzähler setzt, was gemeinhin als Todsünde eines modernen Autors gilt.


13. August 2007

Meisterwerke mittelalterlicher Kunst aus dem Nationalmuseum Warschau
(Belvedere 11.8.)

Das Obere Belvedere stellt seit kurzem neben den Touristenmagneten der (Wiener) Moderne (Schiele, Klimt) auch Hauptwerke der Sammlung mittelalterlicher Kunst aus, die seit vorher erfolgreich im Unteren Belevedere versteckt waren. Der Rest der Mittelalter Sammlung ist im Moment wegen Renovierungsarbeiten nur schlecht zugänglich.
Entschädigt werden die Freunde mittelalterlicher Kunst aber durch eine sehr kleine, aber hochkarätige Ausstellung in der Orangerie mit Meisterwerken aus dem Nationalmuseum Warschau. Große gotische Kunst aus allen Kategorien wird geboten: Bilder, Skulpturen, Altarwerke. Speziell die Skulpturen sind sehr ausdrucksstark und lohnen den Besuch. Bis 16.9.


12. August 2007

Hermann Kurzke: Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk. Eine Biographie
(Fischer TB)

Es ist kein Geheimnis, dass Thomas Mann zu meinen bevorzugten deutschen Autoren gehört. Seine großen Romane las ich alle mehrfach und werde sie immer wieder lesen. Er brachte die Form des psychologisch-realistischen Romans zu ihrem Höhepunkt, ganz ähnlich wie das Mahler mit der Symphonie gelang. Mehr ging nicht, ohne die Form zu zerbrechen und atonal zu werden.
Kurzkes Biographie hebt sich deutlich vom derzeit vorherrschenden Prinzip (vor allem im angelsächsischen Raum) ab, die prominenten Gegenstände dieser Bücher in irgendeiner Form zu entlarven. Kurzke könnte nicht weiter von diesen Entrüstungsbiographen entfernt sein. Man merkt von Anfang an, dass er Thomas Mann gewogen ist. Nicht unkritisch, aber doch in allen Streitfragen für Thomas Mann argumentierend (etwa, ob er ein Antisemit gewesen sei). Kurzke liest genau und versucht unter die Oberfläche dieser Konflikte einzudringen. Er analysiert diese Fragestellungen aus der Zeit des Entstehens heraus. Eine freundlichere Biographie wird Thomas Mann so schnell nicht wieder bekommen.
Es wäre nun falsch, aus dieser affirmativen Perspektive einen Vorwurf zu konstruieren. Denn Kurzke verschweigt keine der bekannten politischen oder familiären Eskapaden seines Schützlings. Man bekommt also durchaus ein rundes Bild. Die nicht unplausible Hauptthese des Buches lautet, dass sich hinter Manns spießbürgerliche Fassade ein antibürgerlicher Künstler versteckt, der dieses psychologische Nicht-Hineinpassen brillant in seinen Werken auslebt. Wer diese für Mann notwendige Spannung, wie viele seiner Zeitgenossen, nicht verstand, konnte ihn und seine Arbeiten nur falsch beurteilen.
Als Methode wählt der Biograph einen Mischansatz aus Chronologie und thematischen Kapiteln. Letztere dominieren, denn äußere Ereignisse werden zu Beginn jedes Abschnitts immer nur kurz zusammengefasst, um sich dann ausführlich mit "Juden", "Krieg" oder "Republikanischer Politik" zu beschäftigen. Wie die meisten Lebensbeschreiber, sucht Kurzke Manns Werke nach biographischen Lesarten ab. Für meinen Geschmack geht er dabei an die Grenze des hermeneutisch zulässigen und überschreitet sie auch in einigen Fällen. Anders als Corino in seiner Musil-Biographie ist er sich aber dieser Problematik bewusst und thematisiert sie auch regelmäßig.
Ich habe diese Biographie jedenfalls sehr gerne gelesen, und kann allen Freunden des Autors nur zur Lektüre raten. Eine Kombination mit einem neutraleren Werk (etwa von Donald Prater) wäre aber ratsam.

Woody Allen über Ingmar Bergman

Das kurze Interview findet sich hier.


7. August 2007

Chinareise

Nachdem mein Reiseartikel nun in "Literatur und Kritik" (Juli 2007) gedruckt vorliegt, habe ich ihn komplett online gestellt, und zwar hier.

Martin Mosebach: Das Beben
(dtv)


Mosebach kannte ich nur dem Namen nach als seine Nominierung zum diesjährigen Büchnerpreis durch die Presse ging. Da ich viele Träger dieses besten deutschen Literaturpreises schätze und einiges Interessante über diesen Autor las (hochgebildet, sehr belesen, Doderer!), griff ich zu seinem Roman "Das Beben", den viele für seinen herausragendsten halten.
Ich begann zu lesen und fand einiges bestätigt: Mosebach ist zweifellos ein kluger Autor. Sein Ich-Erzähler ist ein kunsthistorisch bewanderter Architekt. Nach fünfzig Seiten ließ mein Interesse an dem Buch rapide nach, selbst als die Handlung nach Indien verlegt wurde. Immer wieder gab es gelungene Passagen, aber weder die Idee noch die Sprache trägt 400 Romanseiten. Wer nach Klischees sucht, wird ebenfalls oft fündig. Mosebach hat zweifellos noch viel Potenzial: Die Entscheidung, ihn nach diesem Buch durch den Büchnerpreis in die Reihe der besten deutschsprachigen Schriftsteller aufzunehmen, empfinde ich als hochgradig seltsam.

Expressiv! Die Künstler der Brücke
(Albertina 25.7.)


Auf zwei Stockwerken verteilt, gibt die Ausstellung einen ausgezeichneten Überblick über die künstlerische Produktion "Der Brücke". Neben Gemälden, finden sich auch zahlreiche Drucke, darunter viele Holzschnitte, sowie Grafiken aus dem Bestand der Albertina.
Den Kern bilden jedoch Werke der berühmten Sammlung Hermann Gerlinger. Es sind Werke aller prominenten Mitglieder vertreten: Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Otto Mueller und Emil Nolde. Wer sich für expressionistische Kunst interessiert, sollte sich diese Schau auf keinen Fall entgehen lassen. Bis 26.8.


1. August 2007

Bibliothek: Neuzugänge

Es haben sich wieder einige Bücher angesammelt. Außer Mosebachs Roman wurden alle antiquarisch erworben. Kagans Buch gilt als Standardwerk zum Peloponnesischen Krieg. Als solches gilt auch das Statistik Lehrbuch. Johnson schließt eine Bibliothekslücke und in absehbarer Zeit auch eine Leselücke.

Autor Titel Verlag Kommentar
Donald Kagan The Peloponnesian War Viking Gebunden; 2003
Martin Mosebach Das Beben. Roman dtv München 2007
Uwe Johnson Jahrestage 4 Bände edition suhrkamp Frankfurt 1993
David S. Moore; George P. McCabe Introduction to the Practice of Statistics W.H. Freeman and Company New York 2003


29. Juli 2007

Fundstück

Thomas Manns Schwiegervater Pringsheim verlor durch die Inflation Anfang der zwanziger Jahre sein großes Vermögen mit Ausnahme der Kunstwerke. Sein Kommentar: "Ich lebe von der Wand in den Mund."
(Nach: Hermann Kurzke, Thomas Mann)


26. Juli 2007

Wieland bekommt (s)eine Prestigeausgabe

Jeder Klassiker, der etwas auf sich hält, will selbstverständlich eine historisch-kritische Ausgabe seiner Werke in den Regalen der Nachwelt stehen sehen. Nur die wichtigsten Autoren werden nämlich eines solchen Aufwands für würdig empfunden. Das Erstellen dieses Editionstyps ist sehr aufwändig und kostspielig. Manche werden abgebrochen, andere brauchen Jahrzehnte zur Vollendung. Jan Philipp Reemtsma ist ein Förderer des Wieland-Projekts und die Deutsche Forschungsgemeinschaft schießt 2,5 Millionen Euro zu.
Prinzipiell ist es natürlich sehr begrüßenswert, dass Wieland diese verdiente Aufmerksamkeit der Editorenzunft erhält. Folgt dieser wissenschaftlichen Edition jedoch keine erschwingliche Leseausgabe, wird es eine Prestigeaktivität bleiben.

Sam Harris: End of Faith
(Hörbuch)

Harris ist wie Richard Dawkins ebenfalls ein Vertreter des "New Atheism" und hat mit "End of Faith" einen Bestseller geschrieben. Es handelt sich wohl um das schärfste religionskritische Buch handeln, das seit längerer Zeit erschienen sind. Harris sieht Religion als eines der größten gesellschaftlichen Probleme an, und dürfte damit (speziell in den USA) den Finger in eine offene Wunde legen. Harris nähert sich dem Religionsproblem aus verschiedenen Perspektiven: sozial, geschichtlich und politisch. Der Fokus seiner Kritik richtet sich auf den Islam, er lässt aber keinen Zweifel daran, dass es ihm um die Religion an sich geht. So versetzt ihn auch der Einfluss von christlichen Fundamentalisten auf die amerikanische Öffentlichkeit in eine kampfeslustige Stimmung.
Harris ist besonders gut darin, den Anachronismus des religiösen Weltbildes zu veranschaulichen. In allen (!) Bereichen des menschlichen Lebens gab es in den letzten 2500 Jahren Fortschritte. Nur was die Religion angeht, scheine diese in einer Zeitblase zu existieren. Das intellektuelle Niveau, vor allem in Hinblick auf Erkenntnistheorie (Wie unterscheidet man Glaube und Wissen?) und Ethik (Wie beurteilt man Handlungen?), sei nicht vom Fleck gekommen. Versetzte man einen gebildeten Christen aus dem 14. Jahrhundert plötzlich in die Gegenwart: Er hätte in allen Bereichen größte Defizite und Verständnisprobleme. Nur beim Thema Religion würde er sich sofort zu Hause fühlen.
Wenn sich Harris in philosophische Gefilde wagt, würde man sich dagegen oft mehr Professionalität wünschen. Für jemanden, der in Stanford Philosophie studierte, behandelt er viele Fragen doch sehr nonchalant. So plädiert er für eine Art wissenschaftliche Ethik, ohne auch nur mit einem Wort das viel diskutierte Sein-Sollen-Problem zu erwähnen, das solchen Bemühungen im Wege steht. Am schwächsten ist das Buch, wenn politische Themen im engeren Sinn anstehen. So verteidigt er die amerikanische Außenpolitik samt ihrer Militanz und sieht keine Alternative zu gezielten Militärinterventionen. Verachtete er nicht so sehr die Religion in der Politik, klänge er manchmal wie ein klassischer Neokonservativer.
Ich würde Harris trotzdem als klassischen Aufklärer bezeichnen: Er vertritt seine Meinung scharf und kompromisslos. Seine Religionskritik ist fulminant. Zur Lektüre empfohlen.


22. Juli 2007

Rabelais: Gargantua und Pantagruel (1)
(Zweitausendundeins)


Höchste Zeit, einige Worte über diese ungewöhnlichen Bücher zu schreiben, die mich seit Mai mit Unterbrechungen beschäftigen. Bisher las ich die ersten drei von fünf Büchern. Sie gehören mit zu den ungewöhnlichsten meiner Leseerlebnisse. Als quer durch die Jahrtausende lesender Zeitgenosse entwickelt man ja gerne eine gewisse Blasiertheit und glaubt sich vor grundsätzlichen Überraschungen gefeit. Was hier Rabelais (1494-1553) jedoch zu Papier brachte, sprengt in mehreren Dimensionen bekannte Kategorien.
Natürlich schreibt auch Rabelais nicht im luftleeren Raum, weshalb sich eine Fülle von literatur- und kulturgeschichtlichen Bezügen herstellen lassen. Er bezieht sich so nicht nur auf eine Fülle von antiken Quellen und auf die Tradition des mittelalterlichen Ritterromans. Zusätzlich spielen auch zeitgenössische intertextuelle Verweise eine maßgebliche Rolle. Das fängt beim erfolgreichen Volksroman "Gargantua" an, den Rabelais als thematische Grundlage verwendet, und hört bei zahllosen Anspielungen auf die Methoden und Ergebnisse des Gelehrtentums seiner Zeit nicht auf.
Eine Inhaltsangabe dieser sprachlichen Monstrosität lässt sich kaum geben. Rabelais setzt eine Familie von Riesen in ein teils zeitgenössisches Frankreich und in eine teils fantastische Welt. Die Riesen Gargantua (Vater) und Pantagruel (Sohn) erleben nun an lose erzählerische Muster orientiert ("Entwicklungsroman": Kindheit, Adoleszenz ...; Aventiuren eines Ritters; Volksmärchen) eine Reihe von grotesken Abenteuern. Diese können von derb-obszöner Komik sein aber auch voll von bissiger Satire gegenüber den Zuständen seines Landes (Kirche, Klöster, Universitäten, Aberglaube). Höherer Blödsinn findet sich ebenso wie das rhetorisch brillante Pläydoyer für einen Renaissance-Humanismus (Brief Gargantuas an Pantagruel im achten Kapitel des zweiten Buches). En passant sei erwähnt, dass das zweite Buch "Pantagruel" das erste Buch der Serie ist. Danach erst schrieb er "Gargantua", das die Vorgeschichte erzählt, und deshalb in den modernen Ausgaben immer an erster Stelle steht, entgegen der Chronologie der Entstehung.
Die Einzigartigkeit dieses Werks besteht in der Sprache seines Autors. Mein Französisch ist nicht so perfekt, um das selbst in jeder Feinheit überprüfen zu können. Französische Philologen versichern jedoch, dass der Umfang der von Rabelais verwendeten Sprache in jeder Hinsicht einzigartig in der französischen Literatur sei. Er bedient sich nicht nur aller Sprachstufen von Obszönitäten aus der Gosse bis hin zur gelehrten Sprache der Scholastiker. Er transzendiert alle diese Sprachregister zugleich durch eine Fülle von kreativen Neologismen. Rabelais nimmt dabei keine Rücksicht auf Lesbarkeit: Die Sätze sprudeln in einer so dichten Fülle aus ihm hervor, dass es für den modernen Leser nicht immer einfach ist. Dazu tragen auch lexikograpische Orgien bei (lange, witzige Aufzählungen aller Art). Diese barocke Fülle macht andererseits auch wieder den größten Reiz von "Gargantua und Pantagruel" aus.
Selbstverständlich erschöpft sich die Leistung des Rabelais nicht allein im Sprachlichen und Formalen. Er führt bezogen auf die Unsitten seiner Zeit eine so spitze Feder, dass man seinen Mut nur bewundern kann. Er feuert nicht nur polemische Breitseiten auf die von der Spätscholastik dominierte Pariser Universität ab. Auch Kritik an klerikalen Kindereien kommt nicht zu kurz. Er karikiert an den Haaren herbei gezogene Kriegsursachen und die Aufgeblasenheit der "besseren Gesellschaft". "Gargantua und Pantagruel" findet sich auf praktisch jedem Kanon der Weltliteratur. Das war einer der Gründe, warum ich mich dieses Werks jetzt annahm. Das belegt einmal mehr, dass eine kritische Orientierung an kanonisierten Büchern nicht schadet: Man wird durch tolle Entdeckungen belohnt.


16. Juli 2007

Klaus Brinkbäumer: Der Traum vom Leben. Eine afrikanische Odyssee
(S. Fischer)


Wir kennen sie nur aus panischen Medienberichten, diese Afrikaner, die ihr Leben aufs Spiel setzen und die in kleinen Booten versuchen, die mit allen technischen Finessen geschützte Südgrenze der EU zu überwinden. Die Einzelschicksale verstecken sich hinter abstrakten Zahlen. Deshalb ist es sehr zu begrüßen, dass Klaus Brinkbäumer, Afrika Korrespondent des "Spiegel", in seinem neuen Buch diese Flüchtlingstragödie mit einem Gesicht versieht: John Ekow Ampan. Er war einer der Glücklichen, die es nach Europa geschafft haben. Brinkbäumer konnte ihn überzeugen, seine westafrikanische Fluchtroute mit ihm noch einmal zu bereisen: Ghana, Togo, Benin, Nigeria, Niger, Algerien, Marokko. Tausende Flüchtlinge sind hier oft Jahre unterwegs, zu teuer und zu mühsam ist die Reise durch den Kontinent.
Brinkbäumer gelingt es, die ungeheuren psychischen und physischen Strapazen anschaulich zu machen, welche diese Menschen für die geringe Chance auf sich nehmen, nach Europa zu kommen. Viele Beteiligte (Flüchtlinge, Schlepper, Familien) kommen zu Wort. Ein weiteres Verdienst des Buches ist es, die katastrophalen Zustände speziell in vielen afrikanischen Städten zu schildern. Wäre Dante unser Zeitgenosse, er könnte seine Höllenkreise diesmal auf der Oberfläche unseres Planeten ansiedeln. Über Lagos:
    Es ist eine erbärmliche Stadt. 15 Millionen Menschen und nichts als Dreck und Müll und Schlamm. Wege durchs Abwasser sind Bretter, die hineingeworfen wurden, damit mal halbwegs trocken rüberkommt - diese Bretter heißen Hauptstraßen [...]
    Lagos ist Stau: eine einzige Masse von Autos, und zwischen den Autos zwängen sich Blinde, Krüppel, zehn.- zwölfjährige Jungs hindurch, auf den Köpfen Eimer mit Getränken. Sie flehen die Fahrer an, manchmal reichen sie die Getränke nach innen, aber dann schließt sich die Scheibe, es gibt kein Geld; sie können nichts dagegen tun, denn würde sie einem Reichen das Auto zerkratzen, hätten sie es künftig nicht leicht in den Straßen der Stadt. Es reicht ja, wenn hier einer ruft: "Ein Dieb, der da ist ein Dieb", dann kommt der Mob und einer findet immer einen Autoreifen, und einer findet immer Benzin, und dann zünden sie den Dieb an, den angeblichen, und ermorden ihn, und dann gehen sie weiter. Solche Szenen sind viel zu normal in Lagos.
    [S. 79f]
Wer wollte hier nicht weg?
Brinkbäumer zeichnet ein düsteres Bild des Kontintents. Die Reportage ist immer wieder unterbrochen durch historische und analytische Passagen, die nach meinem Geschmack durchaus ausführlicher hätten sein dürfen. So beschreibt er etwa, dass viele Weiße Westafrika verlassen ohne mit einem Wort zu erwähnen, dass nun viele Chinesen an deren Stelle treten. Ein sehr lesenswertes Buch.


15. Juli 2007

Reise-Notizen: China (7) und Ende

Will man etwas über den Alltag der Chinesen erfahren, reicht es keinesfalls die klassische touristische Route (Peking, Xian, Guilin, Shanghai) zu bereisen. Deshalb entschieden wir uns für eine vielstündige Fahrt in die nordöstliche Gegend von Peking, sowie für einen knapp einwöchigen Besuch der Provinz Shanxi (nicht zu verwechseln mit Shaanxi weiter südlich), sieben Zugstunden westlich von der Hauptstadt gelegen.
Neben der Landwirtschaft ist die wichtigste Branche dort der Kohleabbau, und eine Reihe der berüchtigten Bergwerksunglücke mit vielen Toten fanden in Shanxi statt. Schon auf der Zugfahrt von Peking nach Datong (in der ersten von vier (!) Klassen) hatte man teilweise gespenstische Szenerien vor Augen: Man fährt auf dem Lößplateau, das der Landschaft eine dreckiggelbe Grundfarbe gibt. Davor türmen sich Kohleberge, alte durchgerostete Krananlagen und jämmerliche Blechhüten. Man stelle sich das in großen Dimensionen und mit schwarzem, klebrigem Kohlestaub bedeckt vor. Mich erinnerte dieser düstere Landstrich an die apokalyptischen Schilderungen des Wolfgang Hilbig und auch in der folgenden Woche kamen mir regelmäßig Beschreibungen des frühindustriellen Englands durch Charles Dickens in den Sinn.
Zwischen diesen noch im Gebrauch befindlichen musealen Industrieparks finden sich immer wieder futuristisch wirkende, hochmoderne Anlagen wie aus einem Prospekt in die chinesische Provinz verpflanzt, und geben ein groteskes Sinnbild über die Unterschiede zwischen dem alten und dem neuen China ab.
Dieser staub trockenen Erde versuchen Bauern mit einfachsten Mitteln eine Ernte abzuringen. Die Dörfer bestehen vielerorts noch aus armseligen Lehmhütten, Müll aller Art ist allgegenwärtig. Viele hunderte Kilometer legten wir durch den Norden Shanxis zurück und nie habe ich etwas besser verstanden, als dass die jungen Menschen dieser Region in Scharen in die Städte abwandern. Selbst das Los eines Wanderarbeiters wird vor diesem Hintergrund sehr erstrebenswert.
Zwei Wochen später stand ich, diese Bilder immer noch im Kopf, am Bund in Shanghai vor der berühmten nächtlichen Skyline. Böse Zungen behaupten ja, dass China nicht nur Papier und Schwarzpulver, sondern auch den Kitsch erfunden hätte. Angesichts dieser bunten, aber doch seltsam stimmig wirkenden Disneywelt in den chinesischen Städten, ist man fast geneigt, dem zuzustimmen. Dieser ungeheuerliche Kontrast zwischen staubigen Lehmhütten und futuristischen Wolkenkratzern zeigt die Herausforderung, vor der China in den nächsten Jahrzehnten steht, wohl am Augenscheinlichsten.

Fundstück

    "You're lucky it was the Germans who killed you," an Armenian monk in Jerusalem told writer Yossi Klein Halevi, whose father survived the Holocaust. "They are a civilized people. They know how to apologize."
    [NYRB 8/2007 S. 37]


14. Juli 2007

Reise-Notizen: China (6)

Eine vorzügliche Gelegenheit sich mit dem Islam in China zu beschäftigen, gab es in Xian, dem Zentrum des moslemischen Glaubens im Reich der Mitte. Die meisten Moslems sind Sunniten und Angehörige der Hui Nationalität und fallen im Straßenbild nur durch eine weiße Kappe auf. Ein Angestellter der Moschee, Herr Wai, erklärte sich bereit, uns einiges über den Alltag der Hui in China zu erzählen. Es klang relativ glaubwürdig, dass Chinas Regierung die Minderheiten löblich fördere. Diese Einschätzung bekam ich auch in Südchina zu hören und eine dieser Fördermaßnahmen bestehe darin, dass Minderheiten im Gegensatz zu Han Chinesen oft mehrere Kinder haben dürfen. Eine religiöse "Zusatzausbildung" des Hui-Nachwuches sei kein Problem, so lange alle Kinder die staatlichen Schulen besuchen. Es gäbe auch ein staatliches Ausbildungsprogramm für Imame. Die Moschee selbst sieht von ihrer Architektur her aus wie ein chinesischer Tempel und wirkt deshalb wie ein religiöses Kuriosum.

Autoritäre Tendenzen

In der aktuellen Ausgabe der The New York Review of Books geben zwei Artikel eine bedenkliche Zusammenschau. Der amerikanische Bürgerrechtler David Cole beschreibt einmal mehr das skandalöse Rechtsverständnis der Bush-Administration, speziell des Justizministeriums. Zahlreiche dieser Praktiken zeigen, dass man die USA derzeit nicht mehr als Rechtsstaat im westlichen Sinn bezeichnen kann. Dabei bedienen sich die Behörden teilweiser ähnlicher autoritärer Praktiken wie Putins Verwaltung, die Jamey Gambrell in Putin Strikes Back an einem Beispiel beschreibt. Gesetze werden gebeugt und bürokratische Vorschriften als Instrumente gegen die Demokratie eingesetzt. Im Fall der USA wurden etwa Immigrationsgesetze zur "Terrorbekämpfung" missbraucht und mehr als tausend Menschen eingesperrt. Keinem einzigen konnte etwas nachgewiesen werden.
Es scheint in der sogenannten ersten Welt eine Entwicklung hin zu einer Aufweichung von Freiheitsrechten zu geben. Dass der deutsche Innenminister seine Mitmenschen auf Verdacht erschießen können lassen will, passt ebenso ins trübe Bild wie der Überwachungswahnsinn in Großbritannien.


8. Juli 2007

Reise-Notizen: China (5)

Mich im Gewirr der Bodhisattvas ikonographisch zu Recht zu finden, gab ich schnell auf. So war es ein Trost, eine junge Chinesin zu beobachten, die unbedingt zu einem bestimmten dieser hilfreichen Geister beten wollte, und etwas ratlos vor den verschiedenen Figuren stand. Sie musste sich erst beim diensthabenden Mönch erkundigen, wen sie eigentlich anbeten sollte. Eine erfrischend pragmatische Vorgehensweise. Diese Lebensnähe kann man auch einer religiösen Zeremonie nicht absprechen, an der ich am anderen Ende des Tals als Besucher teilnahm. Mehrere Familien hatten Mönche mit einem "Ahnen-Gottesdienst" beauftragt. Die Mönche saßen in einem offenen Viereck und lasen ihre Mantras. Die Gläubigen gingen, jeder mit einem Stapel Geldscheine in der Hand, langsam von Mönch zu Mönch und legten einen dieser Scheine vor einem Mönch nieder. Danach beugte man sich vor und empfing den Segen mit Hilfe der Schriftrolle aus der vorgelesen wurde. Nach kurzer Zeit stapelten sich vor den meisten Mönchen hübsche Stapel mit Banknoten. Als ich meiner Verblüffung ob dieser vergleichsweise schamlosen Umwandlung von Geld in Segen Ausdruck verlieh, wurde mir bedeutet, dass es sich dabei quasi nur um Trinkgelder handele und schon die Veranstaltung an sich ein großes Preisschild trüge. Auf dem Weg zum Wutaishan sollte man auf keinen Fall die Yunggang Grotten bei Datong versäumen. Nach dem barbarischen Bildersturm der Taliban in Afghanisten, findet man dort die besterhaltenen buddhistischen Grotten aus dem 5. Jahrhundert. In vielen Höhlen finden sich zehntausende an Buddhafiguren, von zwei Zentimetern bis 17 Meter Höhe. Die Ausschmückung der Höhlen ist mit großer Meisterschaft ins Werk gesetzt worden und man stößt sogar auf europäische Einflüsse in der Bildsprache.

Museen in München (4): Georg Petel - Bildhauer im Dreißigjährigen Krieg
(Haus der Kunst 7.6.)

Diese Ausstellung war die große Überraschung meines Münchenbesuchs: Vor den Berichten über diese Ausstellung hatte ich von Petel noch nie gehört. Leichtsinnigerweise geht man ja davon aus, dass man zu mindestens die besten Künstler vom Namen her kennt. Die Hypothese, dass über die Zeit Qualität erkannt wird, gerät etwas ins Wanken, sieht man die großartigen Skulpturen, die Petel, während des Dreißigjährigen Krieges geschaffen hat. Es gebührt dieser Ausstellung das große Verdienst, Petel wieder ins Bewusstsein der Kunstwelt zurückgebracht zu haben.
Bewegend ist vor allem die faszinierende expressive Kraft der Figuren in Kombination mit einem starken Formbewusstsein (kontrastierende Farben bei Materialien etwa). Die Skulptur des Neptun ist ein Meisterwerk. Ein Gott, der nichts Heroisch-Göttliches mehr an sich hat, sondern mit einer ergreifenden traurigen Melancholie (offenbar) auf das Gemetzel dieser Kriegsjahre blickt.


3. Juli 2007

Wagner: Lohengrin
(Staatsoper 23.6.)
Dirigent: Stefan Soltesz
Inszenierung: Barrie Kosky
Heinrich, der Vogeler: Kwangchul Youn
Lohengrin: Ben Heppner
Elsa von Brabant: Ricarda Merbeth
Friedrich von Telramund: Peter Weber
Otrud: Janina Baechle


Der Abschluss meiner diesjährigen Opernsaison war sehr erfreulich, wie überhaupt dieses Staatsopern-Jahr musikalisch zufriedenstellender war als manche in der Vergangenheit. Die Inszenierung verlegt die Handlung in eine Kunstwelt mit Gegenständen und Räumen, die an überdimensionale Legoinstallation erinnern. Die Distanz zwischen Mythologie und Realität wird dadurch nicht unplausibel zum Ausdruck gebracht.
Das Ensemble war durchgehend erstklassig. Relativieren muss man dieses Lob allerdings bei Ben Heppner (wie oft die berühmtesten Namen enttäuschen!). Er sang bis über die erste Hälfte hinaus sehr auf Sicherheit, um dann am Ende mit seinen Fähigkeiten zu glänzen. Das trübte diesen Opernabend jedoch nur leicht.

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