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Notizen: Archiv



3. Quartal 2008



28. September 2008

Gomorrah
(Filmcasino 26.9.)
Regie: Matteo Garrone

Mehr als eine Million Exemplare gingen weltweit von Roberto Savianos Buch über die Camorra in Neapel über die Ladentische. Eine Verfilmung war also nur eine Frage der Zeit. Garrone hat sich für einen interessanten Ansatz entschieden, er hat einen klassischen Episodenfilm daraus gemacht. Er erzählt fünf unterschiedliche Geschichten aus dem Alltag der Camorra. Von einem Teenager, der in die Szene abgleitet, zwei junge Burschen, welche ihre Provokationen des Bezirks-Clan letztendlich mit dem Tod bezahlen, illegale Giftmüll-Entsorgung ...
Es wirkt alles sehr authentisch und man bleibt verblüfft über die Zustände im Süden eines der wichtigsten EU-Länder zurück, auch wenn man eigentlich vorher schon "abstrakt" wusste, wie es dort läuft. Besonders "malerisch" setzt Garrone die heruntergekommenen Wohnblöcke ins Bild, die einen an Entwicklungsländer denken lassen.
Analyse bietet der Film keine, er konfrontiert die Zuseher "nur" mit diesen unglaublichen Verhältnissen und will wach rütteln. Eine große Empörung verspürt man am Ende jedoch nicht, was aber weniger am Film liegt, sondern daran, dass man inzwischen einfach abgestumpft ist, angesichts der Vielzahl des Empörenswerten.

Neue Bücher von Philip Roth und Tony Judt

Zwei Autoren, die ich sehr schätze. Philip Roth, bekanntlicher einer der besten amerikanischen Romanciers, hat einen neuen Roman geschrieben, den Charles Simic in der aktuellen New York Review of Books ausführlich rezensiert. Für diese erstklassige Zeitschrift schreibt auch Tony Judt regelmäßig, ein brillanter Publizist, der zu den unterschiedlichsten Themen ebenso intelligente wie inspirierte Artikel schreibt. Eine Sammlung dieser Texte liegen nun seit Mai in einem Band mit dem Titel Reappraisals: Reflections on the Forgotten Twentieth Century vor.


27. September 2008

Charles Darwin: The Origin of Species. Or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life. First Edition
(Penguin Classics)

Angesichts der Tatsache, dass Darwins Erstling wohl zu den einflussreichsten und berühmtesten Bücher zählt, die je geschrieben wurden, trifft man kaum Menschen, die es gelesen haben. Selbst unter Biologen kaum, allerdings genießt bei den meisten Naturwissenschaftlern die historische Perspektive keine sehr hohe Priorität, die Forschungsgegenwart dominiert.
Ich lese ja nun sehr gerne Klassiker aller Art, weshalb es nur eine Frage der Zeit war, bis "The Origins of Species" an die Reihe kam. Ist der Entschluss gefasst, stellt sich gleich eine prinzipielle Frage: Welche Auflage soll man lesen? Zu Darwins Lebzeiten gab es sechs davon und an jeder hat er herumgebastelt. Nach einigen Recherchen war schnell klar: Die erste Auflage sollte es sein. Das macht nicht nur wirkungsgeschichtlich Sinn, es wird auch Darwins Intention klarer, wenn die zahlreichen späteren Ergänzungen noch nicht die Sicht auf den Originaltext versperren. Sperrig ist, cum grano salis, auch Darwins Stil bereits in der Erstauflage, so dass weiteres Hineinflicken von Sätzen kein Vorteil sein kann.
Hätte ich Darwin in einer deutschen Übersetzung gelesen, wäre sicher schnell der Einwand entstanden, warum der Übersetzer aus englischen Sätzen deutsche Schachtelsätze konstruieren muss. Im Original wird jedoch schnell deutlich: Darwin versteht es meisterhaft, die konzise englische Sprache dahingehend zu erweitern, dass er immer wieder erstaunlich lange Schachtelsätze konstruiert. Ab und zu finden sich auch hervorragend formulierte Absätze, aber diese sind in der Minderheit.
Stil ist freilich keine Messlatte für ein wissenschaftliches Jahrtausendwerk. Was eine historisch "objektive" Lektüre erschwert, ist die Selbstverständlichkeit mit der Darwins zentrale Ideen der natürlichen Selektion und der Evolution der Arten heute im modernen Bewusstsein veranktert sind. Versucht man jedoch, davon zu abstrahieren, wird man feststellen, dass Darwins Erklärung der Artenfrage, einen komplizierten Knoten an Fakten und Problemen elegant auflöst. Seine Theorie erscheint so nahe liegend, speziell wenn man sie mit den zahlreichen, notwendig absurden Annahmen der damaligen Kreationisten vergleicht.
Das heisst nun nicht, dass Darwins Argumentation makellos wäre. So verweist er oft auf aufgezeichnete Beobachtungen, die er in seinem Buch aus Platzgründen nicht publizieren kann und vertröstet die Leserschaft auf sein nächstes Buch, das freilich nie erscheinen wird. Auf der anderen Seite ist er eine durch und durch wissenschaftliche Persönlichkeit. Er macht an jeder Stelle die Schwierigkeiten seiner Theorie klar, redet oft von "I believe" und versucht nie mit rhetorischen Mitteln Schwachpunkte in seiner Argumentationskette zu verstecken. Die zentralen Kapitel des Buches setzen sich im Gegenteil mit den Haupteinwänden gegen seine Theorie auseinander, etwa wie auf dem Wege der natürlichen Selektion Instinkte oder komplexe Organe wie das Auge entstehen konnten.
Diese Penguin Ausgabe hat eine ebenso ausführliche wie gelungene Einleitung durch J.W. Burrow. Man kann nur hoffen, dass Darwin auch heute noch seine Leser findet. Dieses Leseabenteuer lohnt sich.


22. September 2008

Reise-Notizen: London und Oxford
(13.-19.9.)

Schwer zu sagen, woran es liegt: Aber ich habe in London immer das schönste Wetter. Angeblich verbrachte ich eines der schönsten Wochenenden dieses Sommers dort, strahlend blauer Himmel, wenn man den notorischen Wetterraunzern in London glauben schenken darf.
Über meine beiden Ausstellungsbesuche berichtete ich ja in den letzten Tagen schon. Nachgetragen sei noch, dass ich im British Museum noch die Nahost-Abteilung ansah: Es gibt dort viele Fundstück aus der Levante, was ein schöner Einstieg für meine im November geplante Jordanien-Studienreise war. Das British Museum wäre alleine ein guter Grund, nach London zu ziehen.
Ansonsten flanierte ich viel durch die Stadt und war natürlich auch in der National Gallery, deren Bestand im Vergleich mit dem Louvre nicht sehr groß ist, die durch die Breite und Qualität vieler Gemälde aber sicher zu den großen Museen der Welt zählt. Bellinis Dogenbild (Loredan), Holbeins "Ambassadors" und sehr viele Rembrandts seien nach meinen Vorlieben einmal willkürlich herausgegriffen.
Am Sonntag war britische Countryside angesagt und angesichts des erfreulichen meterologischen Zustands war halb London auf den Straßen unterwegs. Nebenbei sei bemerkt, dass die Kultiviertheit des durchschnittlichen britischen Autofahrers eine Freude ist, vor allem verglichen mit den Wiener PKW-Besitzern, von denen 80 Prozent ihr Hirn auf dem Parkplatz oder in der Garage aus mir unverständlichen Gründen zurücklassen.
Ich sah idyllische Dörfer mit Bausubstanz aus der frühen Neuzeit (pittoreske Strohdächer) und verbrachte einen halben Tag in Oxford, eine selbst für britische Verhältnisse ungewöhnlich propere Stadt. Die berühmten Colleges waren alle geschlossen und man konnte ungestört rätseln, wie es diese harmlose Kleinstadt zu einem intellektuellen Weltzentrum bringen konnte.
Das Ashmolean-Museum of Art & Archaelogy war eine kleine Enttäuschung. Zwar ist dieses wild zusammengewürfelte Sammelsurium nicht ohne Charme und die ägyptische Sammlung speziell bei kleinen Gegenständen sehr vollständig, doch ist von einer kuratorischen Idee (oder gar einem Konzept) leider gar nichts zu erkennen.


21. September 2008

Friedrich Torberg: Der Schüler Gerber. Roman
(dtv)

Das Buch zählt bekanntlich zu den österreichischen Klassikern des letzten Jahrhunderts und war Torbergs größter Erfolg, obwohl es sein Erstling war. Es reiht sich ein in die Reihe von kritischen Schulromanen, von denen hier nur Hesses "Unterm Rad" und Musils "Zögling Törless" erwähnt sei.
Torberg verarbeitet in dem Buch seine schlechten Erfahrungen in einem Wiener Gymnasium und ihm ist eine frappante soziologische Fallstudie dieses seltsamen Mikrokosmos gelungen. Die Schüler sind den "Professoren" auf Gedeih und Verderb ausgeliefert und selbstverständlich blühen sadistische Gemüter unter diesen Umständen besonders auf. Das Portrait des Mathematiklehrers und Klassenvorstands Kupfer gibt schöne Einblicke in diesen Persönlichkeitstyp. 1929 geschrieben leistet er einen Beitrag zum Verständnis des psychosozialen Umfelds aus dem der Nationalsozialismus hervorging, ganz ähnlich wie Musil in seinem Erstling mehr als dreißig Jahre früher.
Literarisch ist "Der Schüler Gerber" allerdings merklich schwächer als Musils großer kleiner Roman. Das gilt nicht nur für den intellektuellen Gehalt der psychologischen Entwicklungen, sondern auch für die stilistische Durcharbeitung. Torbergs Buch liest sich gut, ohne Zweifel, seine literarische Mittel erschöpfen sich aber schnell in der erlebten Rede. Mit einer Lektüre des Romans macht man aber nichts falsch.

Francis Bacon
(Tate Britain 15.9.)

Seit ich die ersten Bilder von Francis Bacon sah, zählt er zu den Künstlern des 20. Jahrhunderts, deren Treffsicherheit im Einfangen der menschlichen Existenz ich besonders bewundere. Ist man auf der Suche nach ästhetischen "Kommentaren" zum Jahrhundert der Völkermorde, und bezweifelt man, dass "Ästhetik" hier eine passende Kategorie ist, man fliege nach London und gehe in die Tate Britain.
Dabei ist die große Kunst des Francis Bacons nicht oberflächlich politisch. Er nimmt sich des Menschen auf anthropologischer Ebene an und entkleidet ihn buchstäblich und metaphorisch von allen Errungenschaften der Zvilisation. Gleichzeitig sind die Bilder bewusst in die große Tradition der abendländischen Kunstgeschichte eingebettet (Velazquez, van Gogh und viele andere), was ihre ästhetische Eigenständigkeit aber nur unterstreicht.
Es gibt nur wenige Werkkomplexe auf diesem Niveau. Hätte Bacon komponieren können, wären wohl Schostakowitisch düster-hellsichtige Streichquartette dabei herausgekommen. Ich bin froh, dass ich mir nach München und Wien unerwartet schnell wieder so viele großartige Bilder von Bacon ansehen konnte. Die Retrospektive ist thematisch aufgebaut und zeigt wichtige Werke aus allen Schaffensperioden.


20. September 2008

Hadrian - Empire and Conflict
(British Museum 13.9.)


Wie immer, wenn ich privat in London bin, führt mich mein erster Weg ins British Museum. Nachdem ich den Parthenon Skulpturen einen Höflichkeitsbesuch abstattete, ging ich in die Hadrian-Sonderausstellung, von der in der internationalen Presse ja viel zu lesen war.
Legt man die üblichen Maßstäbe an ein solches Unterfangen an, darf man es als gelungen qualifizieren. Die Ausstellungsstücke sind gut gewählt und präsentiert, auch für Raritäten wurde gesorgt. So war der kürzlich in der Türkei gefundene übergroße Marmorkopf des Hadrian zum ersten Mal zu sehen. Die didaktische Aufbereitung ist gut, das gilt auch für den ausführlichen Audioguide. Bedenkt man jedoch, dass es sich beim British Museum, um eines der besten Museen der Welt handelt, kommen doch einige Einwände in den Sinn. Die Ausstellung konzentriert sich auf das Leben und das kulturelle Umfeld Hadrians. Die politischen Leistungen werden zwar erwähnt, aber sie kommen - wie die antike Geopolitik der Zeit - deutlich zu kurz.
Generell ist die Ausstellung sehr auf den Laien angelegt. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden, man hätte sich aber zumindest an einigen Stellen auch vertiefende akademische Informationen für den fortgeschrittenen Betrachter antiker Angelegenheiten gewünscht.
Ein Besuch kann trotzdem sehr empfohlen werden.


12. September 2008

Bin nun eine Woche in London...

... daher gibt es keine Updates.


8. September 2008

Bibliothek: Neuzugänge

Chaucers zweites Hauptwerk und den Kunstband über Hellenismus erwarb ich in einem erstklassigen Antiquariat im Zentrum Amsterdams. Den Band über Rembrandt im Rembrandt Haus. Stones Roman über Darwin schließlich gebraucht via Amazon Marketplace.


Autor Titel Verlag Kommentar
Geoffrey Chaucer Troilus and Criseyde Princeton University Press Gebunden; 1952
Irving Stone The Origin. A Biographical Novel of Charles Darwin Doubleday & Company Gebunden; 1980
T.B.L. Webster Kunst der Welt: Hellenismus Holle-Verlag Baden-Baden. 1966
Eva Ornstein-Van Slooten The Rembrandt House Waanders Publishers "A Catalogue of Rembrandt Etchings"


7. September 2008

Ilja Trojanow: Der Weltensammler. Roman
(Hörbuch, 7 CDs)

Obwohl ich mir vor längerer Zeit das Buch kaufte, habe ich mir nun die Hörbuch-Fassung angehört. Trojanow schrieb einen beinahe klassischen Abenteuerroman, in dessen Mittelpunkt der britische Offizier Sir Richard Burton (1821-1890) steht, berühmt für seine waghalsigen Reiseaktiviäten. So besuchte er als Moslem getarnt Mekka.
Diese Episode kommt im Buch natürlich an prominenter Stelle vor, ebenso sein Aufenthalt in Indien oder die Suche nach den Nilquellen in Afrika. Jeder Reisefreund wird an der Lektüre seine Freude haben. Es ist (in vergleichsweise konventionellem Rahmen) gut geschrieben, wenn auch die Erzählperspektive nicht immer überzeugen kann (wenn etwa jemand Details berichtet, die er unmöglich kennen kann). Der struktuelle Aufbau ist mit großer Liebe zum Detail ausgeführt.
Fazit: Sehr gute Unterhaltung auf hohem Niveau für Freunde der Reiseliteratur.


6. September 2008

Maxim Gorki: Nachtasyl
(Reclam)

Dieses Drama ist speziell im deutschsprachigen Raum sehr bekannt. Max Reinhardts Inszenierung 1903 in Berlin hatte eine große Resonanz und die Rezeptionsgeschichte bis zum zweiten Weltkrieg wäre eine eigene Abhandlung wert.
Das Revolutionäre des Stücks waren dessen "Helden". Zwar war es in Deutschland nicht zum ersten Mal, dass die Erniedrigten nd Beleidigten die Hauptrollen spielten (Büchner, Hauptmann), aber in dieser geballten Form waren gescheiterte Existenzen am Boden der Gesellschaft noch nicht präsent. Die Bewohner einer letztklassigen Absteige stehen im Mittelpunkt der Handlung. Angesichts der europaweit wieder neu aufgehenden Schere zwischen Arm und Reich liest sich das heute aktueller als noch vor 15 Jahren.
Gorki zeichnet nicht schwarz-weiss. In den Gesprächen und Erzählungen der Bewohner wird schnell deutlich, dass es nicht nur "die Gesellschaft" ist, welche am Scheitern dieser Existenzen schuld ist. Dieser Faktor spielt im Russland der letzten Jahrhundertwende natürlich eine massgebliche Rolle, es werden aber auch individuelle Faktoren herausgearbeitet, welche an der Misere der Einzelnen mitverantwortlich sind.


1. September 2008

Wiener Philharmoniker / Mariss Jansons
Anton Webern: Im Sommerwind
Hector Berlioz: Les Nuits d'été op. 7
Brahms: Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 73
(Salzburger Festspiele 24.8.)


Jansons mit den Wiener Philharmonikern ist gemeinhin eine solide Kombination. Ich erinnere mich an exzellente Mahler- und Schostakowitsch-Interpretationen. An diesem Sonntag Vormittag jedoch wurde nur guter Durchschnitt geboten. Anton Weberns selten gespieltes frühes Stück wurde noch sehr konzentriert aufgeführt. Den Liederzyklus Les Nuits d'été spielte man schon sehr routiniert herunter, auch die Solistin Elina Garanca konnte mit ihrer Interpretation ohne Tiefgang keinen großen Wurf landen.
Brahms berühmtes Werk schließlich wurde völlig akzentlos zu Gehör gebracht. Nicht schlecht, aber die Wiener Philharmoniker hätten das in dieser Form sicher auch ohne Dirigent zustande gebracht.


31. August 2008

Reise-Notizen: Amsterdam
(Mitte August)

Als ich Anfang des Jahres überlegte, welche wichtigen europäischen Städte ich noch nicht kenne, war schnell die Entscheidung für Amsterdam getroffen. Und es sei gleich zu Beginn gesagt, dass mich schon lange keine Stadt so schnell für sich eingenommen hat. Das fängt bei Kleinigkeiten an, etwa der exzellenten und preiswerten Verbindung zwischen Flughafen und Stadtzentrum.
Amsterdam bringt alles mit, was ich an urbanen Räumen schätze: Es ist multikulturell, bunt, lebendig und tolerant. Es ist vollgestopft mit kulturellen Höhepunkten. Es ist eine unglaublich schöne Stadt.
Es dürfte in der EU nur wenige Städte geben (London), wo man so viele unterschiedliche Nationen auf der Straße sieht. Das spiegelt sich naturgemäß auch im kulinarischen Angebot der Stadt nieder (am Rande sei erwähnt: Freunde der thailändischen Küche finden fast an jeder Ecke eine Nahversorgungsmöglichkeit). Für eine kleine Stadt (700.000 Einwohner) ist das kulturelle Angebot Weltklasse. Das gilt selbstverständlich für das Rijksmuseum, in dem im Moment wegen Renovierung des Gebäudes nur eine "Meisterwerke"-Auswahl zu sehen ist. Diese hat es aber in sich: In 25 Galerien reiht sich Höhepunkt an Höhepunkt: Rembrandt, Frans Hals, Vermeer und andere niederländische Meister sind mit vielen Hauptwerken vertreten. Eine so dichte Hängung an erstklassigen Werken habe ich bisher kaum gesehen.
Die lange Schlange vor dem van Gogh Museum sparte ich mir, eröffnet doch in einigen Tagen hier in der Albertina eine große van Gogh Ausstellung. Das Stadtmuseum ist vergleichsweise bieder, aber nicht uninformativ. Großen Charme versprüht die an sich unspektakuläre archäologische Sammlung der Universität Amsterdam, das Allard Pierson Museum. Dort gab es passenderweise eine sehr gute Sonderausstellung über die Geschichte des Buches mit vielen sehr schönen Ausstellungstücken. Apropos Sonderausstellung: Ich sah mir auch "Black is beautiful" in der Nieuwe Kerk an, ein durchaus spektakulärer Museumsraum. Die Kuratoren wollten die Rolle von schwarzen Menschen in der Kunst der Niederlande aufzeigen, was aber nur bedingt gelungen ist.
Durch die vielen Grachten und die vielen Bäume ist Amsterdam auch eine sehr schöne Stadt. Man kann lesend in idyllischen Ecken am Wasser sitzen. Da stört es auch nicht, wenn manche Häuser schon ziemlich schief auf ihren Holzpfählen stehen. In einigen Straßen fühlt man sich an Manhattan erinnert (Village!) und kann nun besser verstehen, dass New York einmal als "New Amsterdam" angefangen hat. Manche Plätze rufen Assoziationen zum Quartier Latin wach. Wird sicher nicht meine letzte Reise in diese Stadt gewesen sein.


30. August 2008

Schiller: Die Räuber
(Salzburger Festspiele 23.8.)
Regie: Nicolas Stemann
Philipp Hochmair, Daniel Hoevels, Felix Knopp, Alexander Simon


Wer Stemanns kluge Jelinek-Inszenierungen kennt, durfte auf seinen Versuch gespannt sein, Schillers wildestes Drama auf die Bühne zu bringen. Statt ausgetretene Pfade des Regietheaters zu begehen, wählte Stemann einen originellen Ansatz: Er nahm Anleihen bei einer Sprechoper und ließ die vier Schauspieler Franz und Karl Moor mal gleichzeitig, mal nacheinander sprechen (auch andere Charaktere ab und an). Hervorzuheben ist auch, dass Schillers Text fast unangetastet verwendet wurde.
Das wirkte im ersten Moment irritierend, war dann aber schnell überzeugend und öffnete ein breites Assoziationsspektrum nicht nur psychologischer Natur. Das gemeinsame Sprechen erinnerte stellenweise an den Chor einer antiken Tragödie, speziell wenn in den berühmten Dialogen grundsätzliche moralische Themen abgehandelt wurden.
Auch sonst bediente sich die Regie durchaus überzeugend der Mittel des modernen Theaters. Die Schauspieler verließen immer wieder ironisch ihre Rolle (episches Theater light), improvisierten usw.
Bis zur Pause ging das einigermaßen gut, danach aber stürzte die Inszenierung leider qualitativ merklich ab. Nun ist es notorisch schwierig, den melodramatischen Schluss "Der Räuber" heutzutage glaubwürdig darzustellen. Stemann versuchte einen seltsamen Balanceakt zwischen ironischer Brechung und krudem Realismus (etwa der malerisch naturalistisch verlumpte alte Moor nach der Befreiung aus dem Turm), der ihm in keiner Hinsicht gelang. So ist das Fazit doch sehr zwiespältig: Eine spannend beginnender Theaterabend entwickelt sich am Ende zum Desaster im mehrfachen Wortsinn.

Goethe: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Münchner Ausgabe

Vor kurzem sah ich, dass es meine Lieblingsausgabe von Goethe seit einiger Zeit bereits als vergleichsweise günstige Sonderausgabe gibt. Die Stärke dieser Ausgabe liegt in der chronologischen Anordnung der Werke, so dass man auf einen Blick sehen kann, was Goethe etwa zur Zeit der Französischen Revolution geschrieben hat. Hinzukommt ein exzellenter, jargonfreier Kommentar. Die sehr schönen Bände der gebundenen Ausgabe gibt es auch einzeln zu kaufen.


10. August 2008

Goethe: Briefwechsel mit Schiller 1794-1797 [2.]
(Münchner Ausgabe Band 8)

Auf der Rangliste meiner Lieblingsbücher steht dieser Briefwechsel weit oben. Das liegt nicht nur am erstrangigen geistes- und literaturgeschichtlichen Quellenwert des Buches. Es ist auch ein intellektuelles Lesevergnügen ersten Ranges und ein Höhepunkt der klassischen Briefkultur.
Der Briefwechsel setzt 1794 ein, kurz nach dem ersten Treffen. Schiller versucht Goethe erfolgreich für eine Mitarbeit an den "Horen" zu gewinnen, der Zeitschrift der Weimarer Klassik. Goethe sagt zu und es entspinnt sich eine zunehmend dichte Korrespondenz. Für die Nachwelt ist es ein großes Glück, dass Schiller nie dauerhaft nach Weimar zog, sondern in Jena blieb.
Man erfährt eine Menge über die Alltagskultur der Zeit, noch mehr über den Literaturbetrieb. Da immer wieder Angelegenheiten rund um die Horen besprochen werden, bekommt man interessante Einblicke ins Redaktions- und Verlagsleben der Epoche. Literarische Höhepunkte sind die detaillierten Diskussionen über ästhetische Prinzipien und vor allem der Austausch über einzelne Werke. In den ersten fünf Jahren des Briefwechsels ragt hier "Wilhelm Meisters Lehrjahre" heraus. Goethe schickt an Schiller die neuen Bücher des Romans als Manuskript. Dieser schreibt dann seine Eindrücke und Ratschläge an Goethe, eine Art Freundschafts-Lektorat. Amüsant ist die Meta-Diskussion literarische Feindschaften betreffend, es sind ja auch die Xenien in dieser Zeit entstanden.
Selbstverständlich gewinnt man zusätzlich einen authentischen Eindruck vom Charakter der beiden Protagonisten. Schillers stoischer Umgang mit seinen Krankheiten und Goethes Hang zur Eitelkeit seien als Beispiele genannt. Goethes Schwächen treten auch immer wieder hervor, etwa sein mangelndes Verständnis für naturwissenschaftliche Sachverhalte.
Auch bei der zweiten Lektüre ein großartiges Buch. Die zweite Hälfte des Buches werde ich in diesem Jahr auch noch einmal lesen.

Römermuseum Wien
(9.8.08)

Vor einiger Zeit wurden die unterirdischen römischen Ausgrabungen am Hohen Markt in Wien durch ein kleines Museum ergänzt. Zwei schmale Stockwerke über dem Erdgeschoss liefern Kontext zu den ausgegrabenen Fundamenten römischer Offiziershäuser, an deren Präsentation sich kaum etwas geändert hat.
Die kleine Ausstellung konzentriert sich auf den Alltag im römischen Vindobona, wobei speziell auf die vor den Toren liegende Zivilstadt eingegangen wird. Das Museumskonzept ist klassisch: Schematische Zeichnungen und Karten inklusive zweisprachigen Erläuterungen an den Wänden. Dazwischen Flatscreens, die in Endlosschleife grafische Rekonstruktionen von Vindobona zeigen. Das alles ist handwerklich nicht schlecht gemacht, man vermisst allerdings innovative Elemente.
Zumindest ist es ein Fortschritt, dass man die Ausgrabungen nun nicht mehr durch ein Kaffeehaus betreten muss.


9. August 2008

Die schönsten Bibliotheken der Welt...

...findet man hier in vielen Fotos dokumentiert.

Goethe-Jahrbuch 2007
(Wallstein)

Beim Querlesen des neuen Goethe-Jahrbuchs war ich froh, dass ich nicht gezwungen bin, regelmäßig germanistische Sekundärliteratur zu lesen: Zu vieles ist nach wie vor erschreckend erkenntnisarm. Trotzdem fanden sich einige gute Aufsätze und Artikel in dem Band, speziell zu den Themen Naturwissenschaften und Farbenlehre.
Der umfangreiche Rezensionsteil zeigt, dass heutzutage leider mehr über Goethe geschrieben wird als er von nicht beruflich vorbelasteten Menschen gelesen würde.


8. August 2008

Bibliothek: Neuzugänge

Heute war Anlieferungstag der Bücher, die ich mir in den letzten Monaten an eine deutsche Versandadresse senden ließ. Herausragend im Wortsinn der Reprint der berühmten Zeitschrift von Schiller und Goethe: Die Horen. Ferner endlich eine ordentliche Ausgabe von Xenophons Hauptwerk.
Band 1 und 2 der brillanten Operngeschichte von Ulrich Schreiber komplettieren dieses Werk in meiner Bibliothek. Ebenfalls unter den Musikalia wird Grouts Standardwerk zur Musikgeschichte zu finden sein. Schließlich noch eines der wichtigsten Quellenbücher (nicht nur) zur Kunstgeschichte, die Legenda Aurea in einer vollständigen Übersetzung sowie ein germanistischer Sammelband aus Salzburg, den mir Prof. Rossbacher als Herausgeber freundlicherweise schickte. Alle Bücher wurden antiquarisch erworben.

Autor Titel Verlag Kommentar
Schiller und Goethe (Herausgeber) Die Horen Hermann Böhlau Nachfolger 6 Bände in Kassette; Reprint
Xenophon Der Zug der Zehntausend Artemis & Winkler Gebunden
Ulrich Schreiber Die Kunst der Oper Band 1 Büchergilde Gutenberg "Von Anfängen bis zur Französischen Revolution"
Ulrich Schreiber Die Kunst der Oper Band 2 Büchergilde Gutenberg "Das 19. Jahrhundert"
Jacobus de Voragine Die Legenda Aurea Gütersloher Verlagshaus Gebunden; 800 Seiten
Eduard Beutner; Karlheinz Rossbacher (Hrsg.) Ferne Heimat Nahe Fremde Königshausen & Neumann "Bei Dichtern und Nachdenkern"
Donald Jay Grout A History of Western Music W.W. Norton Gebunden; Fifth Edition


3. August 2008

Neuigkeiten aus dem Archiv

Die Notizen zu Platos "Der Staat" und zu meiner letzten Italienreise gibt es nun versammelt auf eigenen Seiten.


Notizen-FAQ

1. Gibt es einen RSS Feed?
2. Kann man auf einzelne Tageseinträge verlinken?
    Ja, wenn jemand diese Mühsal auf sich nehmen will. Das Format sieht z.B. folgendermaßen aus:
    http://www.koellerer.de/q2-2007.html#TTMMJJ

    Um auf den 26. Mai 2007 zu verlinken also:
    http://www.koellerer.de/q2-2007.html#260507
3. Was hat es mit den Amazon-Links auf sich?
    Nach langem Zögern fasste ich den Entschluss, die Notizen für das Amazon Partnerprogramm anzumelden. Wenn sinnvoll, verlinke ich Bücher auf Amazon mit meiner Partner ID "notizen-21". Entsprechende Bestellungen leisten dann einen kleinen Beitrag zu den Providerkosten. Natürlich kann man diese ID auch manuell bei jeder anderen Produkt-URL bei Amazon anhängen :-)
4. Warum kein klassisches Blog?
    Einerseits stehe ich dem Bloggerwesen nach wie vor skeptisch gegenüber (siehe auch hier, andererseits scheue ich auch den Aufwand einer Migration. Entscheidend sind aber ohnehin die Inhalte, nicht die Technik :-)
5. Wie viele Besucher gibt es?
    Bereinigt besuchen jedes Monat zwischen 10.000 und 13.000 Besucher ("unique visitors") die Notizen.


28. Juli 2008

Bibliothek: Neuzugänge

Eine erlesene Bücherauswahl. Schwartz' viel gepriesenes Standardwerk "The Rembrandt Book" soll mich auf meine Amsterdam-Reise Mitte August vorbereiten. Alan Sokals neues Buch, der mit seiner berühmten Hoax die postmoderne akademischen Kultur als hohle Peinlichkeit entlarvt hat. Letzteres ein erfreuliches Geschenk. Schließlich James Wood erzähltheoretischer Versuch, "How Ficton Works", der eben erschienen ist.

Autor Titel Verlag Kommentar
James Wood How Ficton Works Farrar, Straus and Giroux gerade erschienen
Gary Schwartz The Rembrandt Book Abrams Bildband
Alan Sokal Beyond the Hoax. Science, Philosophy and Culture Oxford University Press Oxford 2008
ADAC Amsterdam ADAC Reiseführer 2007


26. Juli 2008

Plato: Der Staat. Zehntes Buch (2.)

Wer im Laufe der Lektüre meinte, Platos Literaturkritik sei im zweiten und dritten Buch abgeschlossen worden, wird nun überrascht zur Kenntnis nehmen müssen, dass er am Ende zu einer Fundamentalkritik an der Literatur ausholt. Er kritisiert sie von zwei Seiten: Metaphysisch und psychologisch. Ausgehend von seiner realistischen Ontologie, in der abstrakte Formen in der Hierarchie des Seins ganz oben stehen, schneidet die Kunst der Nachahmung denkbar schlecht ab, ahmt diese doch nicht einmal die Formen nach, sondern physische Gegenstände. Damit ist sie quasi eine Nachahmung zweiter Stufe und viel zu weit vom "wahren Sein" weg, um noch interessant zu sein.
Die psychologische Literaturkritik, lässt sich in moderner Begrifflichkeit so zusammenfassen, dass Literatur dem Irrationalismus Vorschub leiste. Die Geschichten seien bildhaft und emotional aufgeladen und sprächen dadurch die "unvernünftigen" Teile der menschlichen Psyche stark an und verstärkten deshalb unerwünschte Emotionen. Aristoteles wird bekanntlich in seiner Poetik diese Punkte aufgreifen, ihnen aber positive Effekte zuschreiben, nämlich die Reinigung von gewissen Affekten durch die Literatur.
Platos "Staat" zu lesen ist jedes Mal wieder eine spannende Reise in provozierendes Terrain. Es drängt sich nachhaltig die Frage auf, ob es sich bei seinem Idealstaat um ein warnendes Gedankenexperiment handelt, oder tatsächlich um eine von ihm vertretene Gesellschaftsutopie (für die meisten wohl -dystopie). Es gehört jedenfall zu den anregendsten Büchern der westlichen Philosophiegeschichte und sollte von allen gelesen werden, welche die europäische Geistesgeschichte verstehen wollen.

Neue deutsche Literaturgeschichte

Letztes Jahr erschien der von David E. Wellbery und anderen herausgegebene dicke Band über die Geschichte der deutschen Literatur (1200 Seiten) auf Deutsch in der Berlin University Press. Martin Huber hat nun eine ausführliche Rezension darüber vorgelegt.


21. Juli 2008

Hagen Rether über Papst Benedikt XVI.

Der Vorsitzende der vermutlich größten Pädophilen-Organisation der Welt war wieder einmal auf Reisen. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um auf das treffende Papst-Portrait durch Hagen Rether hinzuweisen. Auch seine restlichen Beiträge sind sehr sehenswert.

Literaturfeinde in Hamburg

Das Banausentum hat offenbar die Herrschaft in der Hamburger Schulbehörde übernommen. Ab sofort müssen Abiturienten dort Goethes "Faust" nicht mehr kennen, wie man hier nachlesen kann.


20. Juli 2008

Reise-Notizen Italien (Ende): Pompeji

Diese Station war, neben Paestum, natürlich der Ort, warum ich unbedingt an den Golf von Neapel reisen wollte. Bisher war Ephesus (siehe meine Notizen über die West-Türkei) die größte Ausgrabung einer Stadt, die ich besichtigte. Während man bei den meisten Stätten ja nur einige Überreste sieht, oft eingebettet in aktuelles urbanes Leben, zählen Ephesus und Pompeji zu den Orten, wo man buchstäblich in einer antiken Stadt spazieren gehen kann.
In Pompeji gelingt das besonders gut, man zahlt allerdings einen sehr hohen Preis: Der größte Teil der Mauern etc. ist nämlich restauriert wieder aufgebaut, oft sind nur wenige Prozent im Originalzustand. Das erfreut nun den Touristen, ist aus archäologischer Sicht allerdings bedenklich. In Ephesus ist man mehr auf die eigene Fantasie angewiesen, wird dafür (trotz einer Reihe von Rekonstruktionen) aber mit deutlich mehr Authentizität belohnt.
Mit dieser Einschränkung ist eine Besichtigung Pompejis sehr aufschlussreich. Ein ausführlicher Rundgang dauert mindestens einen halben Tag, danach hat man sich einen exzellenten Überblick über die Anlage der Stadt verschafft. Das Stadion beispielsweise lag außerhalb der Stadt, weil sich rivalisierende Fans immer wieder Prügeleien lieferten, und die Einwohner sonst belästigt hätten. Diese Weitsicht der römischen Stadtväter hätte man auch dem Wiener Magistrat gewünscht, der bekanntlich die lästigen Fanzonen für die Fussball EM direkt im Stadtzentrum angesiedelt hatte.

Wilhelm Genazino: Die Vernichtung der Sorgen. Roman
(Hanser)


Der zweite Teil der Trilogie erschien 1978 und schreibt die Romanexistenz des kleinen Angestellten Abschaffel fort. Abgesehen von einer grotesken Aussteiger-Fantasie, nämlich Zuhälter werden zu wollen, nimmt Genazino den Leser erneut mit in den zermürbenden Lebensalltag der Figur, inklusive Problemen im Büro und dem Liebesleben der Angestellten. So zusammengefasst klingt das banal und uninteressant. Wie immer liegt die Qualität von Genazinos Texten auch hier in der Kombination von plausibler psychologischer Innenperspektive und geistreichen Alltagsbeobachtungen. Formal ist das wenig aufregend, umso erstaunlicher der Effekt, dass man diese Romane so gerne liest.


13. Juli 2008

Reise-Notizen Italien (4): Neapel und Paestum

Nach Rom fuhr ich im Mai also nach Neapel. Ein Abstecher nach Monte Cassino bot sich bei dieser Route an. Dort ist man freilich zur Gänze auf den genius loci angewiesen, denn nach dem zweiten Weltkrieg blieb von der historischen Substanz kaum etwas übrig. Dem restaurierten Kloster fehlt jedes historische Flair und abgesehen von der beachtlichen Aussicht sowie einigen fantastischen Buchmalereien im Museum gibt es nichts Sehenswertes.
Neapel ist eine der ambivalentesten europäischen Großstädte, die ich bisher sah. Sehr viel Heruntergekommenes und Abstoßendes einerseits, eine charmante Altstadt mit viel Atmosphäre und überraschend spektakulären Ausblicken auf Golf und Vesuv andererseits. Anders als zur Zeit Goethes und Seumes kommt man heute sehr leicht auf den Vesuv: Man fährt auf einen Parkplatz unterhalb des Kraters und geht dann noch eine gute halbe Stunde hinauf. Die Rundumsicht ist spektakulär und natürlich hat man einen vielsagenden Blick auf Pompeji, von dem in der nächsten Reise-Notiz ausführlicher zu sprechen sein wird.
Kultureller Höhepunkt in der Stadt ist das Archäologische Museum, das jeder Freund der Antike einmal besucht haben sollte. Neben der großartigen Farnese Sammlung mit berühmten römischen Kopien griechischer Skulpturen (die Tyrannenmörder Harmodios und Aristogeiton; Doryphoros...) gibt es viele exzellent erhaltene Mosaike aus Pompeji, darunter das berühmte große Alexandermosaik, die Ikone des Hellenismus. Exzellent ist auch die römische Malerei.
Der Weg nach Paestum war reichlich mit wilden Mülldeponien an den Rändern von Siedlungen gekennzeichnet. Ich fühlte mich buchstäblich an die entlegeneren Provinzen in China erinnert, die ich letztes Jahr bereiste. In Paestum kann man neben Athen und Südsizilien die besterhaltenen altgriechischen Tempel bewundern. Damit nicht genug, gibt es ein kleines Museum von beachtlicher Größe. Meines Wissens der einzige Ort, wo man original altgriechische Malerei sehen kann.

Plato: Der Staat. Neuntes Buch (2.)

Diese Buch ist zwei Themen gewidmet: Der Kritik an der Demokratie und der Diktatur als Staatsform. Es sollte inzwischen ja hinreichend klar geworden sein, dass Platon ein Demokratie-Kritiker war, obwohl er an einer Stelle durchaus einräumt, dass es wohl das fairste politische System sei, und das sein Idealstaat nur über die Demokratie als Übergangsform zu erreichen wäre
Um meine hier oft wiederholte These zu illustrieren, dass Plato eine Menge intellektueller Grundlagenarbeit leistete, ein Beispiel aus dem neunten Buch. Freud hat die Psychoanalyse ins Leben gerufen? Von wegen:
    Diejenigen, die sich im Schlafe regen, wenn der andere Seelenteil, der vernünftige nämlich und gesittete und jene herrschende, ruht, während der tierische und der Wildheit ergebene, mit Speise und Trank gefüllt, sich vor Unbändigkeit nicht zu lassen weiß und den Schlaf abschüttelnd loszustürmen und seinen Trieben zu frönen sucht. In solchem Zustand scheut er bekanntlich, bar und ledig jeglichen Schamgefühls und jeglicher Besinnung wie er dann ist, vor nichts zurück. Denn er bedenkt sich keinen Augenblick, der eigenen Mutter, wie er wähnt, beizuwohnen oder irgend welchem anderen Wesen, sei es Mensch, Gott oder Tier, und jede Blutschuld auf sich zu laden [...]
    [571]
Die Kritik an der Tyrannei ist psychologisch so hellsichtig und heute noch gültig, so dass man sie allen gerne zu lesen gäbe, die sich derzeit mit Iran und vergleichbaren Staaten herumschlagen müssen.


5. Juli 2008

Bibliothek: Neuzugänge

Neue Bücher rund um Goethe sind zu vermelden, was gut zu meiner kürzlich begonnenen Zweitlektüre seines großartigen Briefwechsel mit Schiller passt. Das Goethe Handbuch gibt es nach wie vor für 99 Euro, was angesichts der gewichtigen Ausgabe akzeptabel ist.

Autor Titel Verlag Kommentar
Bernd Witte u.a. (Hrsg.) Goethe Handbuch: Gedichte J.B. Metzler kartonierte Sonderausgabe
Bernd Witte u.a. (Hrsg.) Goethe Handbuch: Dramen J.B. Metzler kartonierte Sonderausgabe
Bernd Witte u.a. (Hrsg.) Goethe Handbuch: Prosaschriften J.B. Metzler kartonierte Sonderausgabe
Bernd Witte u.a. (Hrsg.) Goethe Handbuch: Personen, Sachen Begriffe J.B. Metzler kartonierte Sonderausgabe
Bernd Witte u.a. (Hrsg.) Goethe Handbuch: Chronologie, Bibliographie, Karten, Register J.B. Metzler kartonierte Sonderausgabe
Werner Frick (Hrsg.) Goethe Jahrbuch 2007 Wallstein soeben erschienen


1. Juli 2008

Altgriechisch im Unterricht

In der aktuellen Ausgabe des Economist gibt dieser Artikel einen Überblick wie es international mit dem Altgriechisch-Unterricht an Schulen und Universitäten im Moment aussieht.


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