Übersicht --- Notizen --- Archiv --- 4. Quartal 2001
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| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Elfriede Jelinek | In den Alpen. Drei Dramen | Berlin | 2/2002; 19 Euro |
| Liselotte Ungers | Über Architekten. Leben, Werk und Theorie | Berlin | 3/2002; 36 Euro |
| Anthony Grafton | Leon Battista Alberti | Berlin | 2/2002; 25 Euro; Grafton ist einer der besten Renaissance-Kenner und schreibt regelmäßig für die NYRB |
| Harold Bloom | Shakespeare. 2 Bände | Berlin TB | 8/2002; 24 Euro |
| Anthony Bailey | Vermeer | Siedler | 3/2002; 25 Euro |
29. Dezember 2001
Die Bestenliste für Januar 2002
Auf den ersten beiden Plätzen Ferdinand Schmatz' "Portierisch" (Haymon) und Chechovs "Humoresken und Satiren 1880-1892" (Diogenes).
Michelangelo Buonarroti
Die University of Pennsylvania Press legt(e) die klassische Biographie John Addington Symonds aus dem Jahr 1893 wieder auf. Knapp 1000 Seiten in zwei Bänden, wahlweise gebunden oder als Paperback.
Herodot: Historien
Buch VIII und IX
(Kröner)
Die letzten beiden Bücher des Werks sind die bekanntesten, beschreiben sie doch die Höhepunkte der Perserkriege und die Befreiung Ioniens. Der monomane Größenwahn des Xerxes', der die gesamte bekannte Welt erobern will und eine gigantische Kriegsmaschinerie ins Feld führt, wirkt beklemmend paradigmatisch für den weiteren Geschichtsverlauf bis ins 20. Jahrhundert hinein.
Ebenso typisch auf der anderen Seite der Freiheitsdrang nicht nur der Griechen, sondern auch viel kleinerer Völker und Städte. Das heute vielzitierte "Recht auf Selbstbestimmung" findet in den Historien als verbreitetes Bedürfnis seine ersten ausführlichen Beschreibungen, was auch aus anthropologischer Perspektive sehr erhellend ist.
Das langsame, genaue Lektüre der Historien war nicht nur historisch höchst aufschlussreich, sondern auch geistesgeschichtlich, anthropologisch, ethnographisch und literarisch.
Schiller über das Universitäts Wesen
Brief an Christian Gottfried Körner vom 12. Dezember 1789
Es ist mir gar lieb zu hören, daß auch Dir vor dem Universitäts Wesen ekelt; ich wollte es in meinen letzten Briefen an Dich nur nicht gerade heraussagen, daß mir diese Existenz, verbunden mit der ganzen Begleitung von fatalen Umständen, die von dem Profeßorleben unzertrenntlich sind, daß sie mir herzlich entleidet ist [...]
Klassiker-Verlage (10)
Dem Deutsche Taschenbuch Verlag kann man Verdienste auf diesem Feld nicht absprechen, auch wenn diese inzwischen mehr in der Vergangenheit angesiedelt sind.
Eine eigene Reihe wie "dtv klassik" gibt es längst nicht mehr, die "Bibliothek der Antike" ist ebenfalls seit langem vergriffen. Im regulären Programm werden nach wie Klassiker verlegt, allerdings ohne große Überraschungen. In der Backlist findet sich einiges Erwähnenswerte, etwa die drei Bücher von Pierre Loti. Auch die Reihe Bibliothek der Erstausgaben darf nicht verschwiegen werden.
27. Dezember 2001
Bücherfrühling 2002 (1): Steidl, Diogenes
Schon vor Weihnachten verschicken die ersten Verlage ihre neuen Vorschauen, höchste Zeit also einen Nachfolger der Bücherherbst-Reihe ins Leben zu rufen. Die Auswahl ist naturgemäß wieder subjektiv und erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit.
Steidl zeigt eine neue Novelle von Günter Grass an, die im Februar unter dem Titel "Im Krebsgang" erscheinen soll. Das Programm des Diogenes Verlags steht ganz im Zeichen des 50-Jahre-Jubiläums. Im Juni erscheinen viele Bestseller des Verlags in gebundenen Sonderausgaben für jeweils 10 Euro, darunter Bernhard Schlinks "Der Vorleser" und John Irvings "Gottes Werk und Teufels Beitrag".
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Günter Grass | Im Krebsgang. Novelle | Steidl | 02/2002; 18.- Euro |
| Halldor Laxness | Werkausgabe in 11 Bänden | Steidl | Bibliophile, von Roni Horn gestaltete Ausgabe. Auflage 777. 295.- Euro |
| Patricia Highsmith | Werkausgabe | Diogenes | Start der Ausgabe im März; 22 Euro pro Band |
| Hartmut Lange | Irrtum als Erkenntnis. Meine Realitätserfahrungen als Schriftsteller | Diogenes | Autobiographie; 03/2002; 18.- Euro |
| Hartmut Lange | Gesammelte Novellen in zwei Bänden | Diogenes | 03/2002; 35.- Euro; zum 60. Geburtstag |
| Stendhal | Meistererzählungen | detebe | 04/2002; 10.- Euro |
| Woody Allen | Der Stadtneurotiker | detebe | Drehbuch; 06/2002; 8.- Euro |
| William Faulkner | Wilde Palmen und Der Strom. Doppel-Roman | detebe | 07/2002; 10.- Euro |
| Eugène Delacroix | Mein Tagebuch | detebe | 08/2002; 10.- Euro |
22. Dezember 2001
Bibliothek: Neuzugänge
Bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft ist die Lizenzausgabe (Hanser) der neuen "Moby Dick" - Übersetzung bereits ausverkauft, offenbar ein unerwarteter "Bestseller".
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Thomas von Aquin | Summa contra gentiles. 4 Bände | Wissenschaftliche Buchgesellschaft | Lobenswerte zweisprachige Neuausgabe (1974) |
| Rolf Schönberger | Thomas von Aquins "Summa contra gentiles" | WBG | Ein passender Kommentar zu obiger Ausgabe |
| Wilfried Barner u.a. (Hrsg.) | Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 2001 | Kröner | Aufsätze über Wieland, Hamann, Schiller, Thomas Mann, Döblin ... |
| Karl-Markus Gauß | Literatur und Kritik November 2001 | Otto Müller | Dossier über Neapel |
| Karl Löwith | Von Rom nach Sendai. Von Japan nach Amerika. Reisetagebuch 1936 und 1941 | Marbacher Bibliothek 4 | Mit einem Essay von Adolf Muschg |
| Marbacher Magazin 96/2001 | Marieluise Fleißer zum 100. Geburtstag | Dt. Schillergesellschaft | Bearbeitet von Hiltrud Häntzschel |
| Marbacher Magazin 97/2002 | Die Entdeckung Württembergs in der Literatur | Dt. Schillergesellschaft | Wieland, Schiller, Hölderlin ... |
17. Dezember 2001
50 Jahre Fischer Taschenbücher - Limitierte Sonderausgaben und Aktionen
Sonderausgaben (Jan. 2002)
Arno Schmidt: Zettels Traum
(Faksimile-Ausgabe im Taschenbuch-Überformat)
Mein erstes Buch. Autoren erzählen vom Lesen
(herausgegeben von Hans Jürgen Balmes)
Jubiläumsaktion (Jan. 2002)
Birgit Vanderbeke: Alberta empfängt ihren Liebhaber
Nelson Mandela: Der lange Weg zur Freiheit
Golo Mann: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts
Dieter Forte: Das Haus auf meinen Schultern
Harriet Rubin: Machiavelli für Frauen
Eva Wlodarek: Mich übersieht keiner mehr
Sigmund Freud: Die Traumdeutung
Clifford Stoll: Die Wüste Internet
Sebastian Haffner: Anmerkungen zu Hitler
Hans Joachim Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie
Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung
Barbara Wood: Das Haus der Harmonie
Arthur Schnitzler: Erzählungen
Paul Kennedy: In Vorbereitung auf das 21. Jahrhundert
Thomas Brussig: Helden wie wir
Elias Canetti: Die Blendung
Bruce Chatwin: Traumpfade
J.M. Coetzee: Schande
Roddy Doyle: Paddy Clarke Ha Ha Ha
Margaret Forster: Ich glaube, ich fahre in die Highlands
Robert Gernhardt: Lichte Gedichte
Malachy McCourt: Der Junge aus Limerick
Erik Fosnes Hansen: Choral am Ende der Reise
Wolfgang Hilbig: Das Provisorium
Heinrich Mann: Der Untertan
Judith Hermann: Sommerhaus, später
Josef Haslinger: Opernball
Franz Kafka: Die Erzählungen
Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Reiner Kunze: Die wunderbaren Jahre
Monika Maron: Pawels Briefe
Virginia Woolf: Orlando
Kenzaburo Oe: Reißt die Knospen ab ...
E. Annie Proulx: Schiffsmeldungen
Penelope Williamson: Wege des Schicksals
Christoph Ransmayr: Die letzte Welt
Gerhard Roth: Der Plan
Rebecca Ryman: Wer Liebe verspricht
Andreas Steinhöfel: Die Mitte der Welt
Marion Zimmer Bradley: Die Wälder von Albion
Stefanie Zweig: Der Traum vom Paradies
Anne Frank: Tagebuch
Eva Heller: Beim nächsten Mann wird alles anders
Maria Nurowska: Briefe der Liebe
Carlene Thompson: Schwarz zur Erinnerung
Marianne Fredriksson: Hannas Töchter
Günter de Bruyn: Vierzig Jahre
Stefan Zweig: Sternstunden der Menschheit
Thomas Mann: Buddenbrooks
Marlene Streeruwitz: Nachwelt.
Aktion "Sonnenseiten" (Juni 2002)
Rebecca Ryman: Shalimar
M. M. Kaye: Palast der Winde
Christina Godshalk: Kalimantaan
Carter Coleman: Im tiefen Herzen Afrikas
Barbara Wood: Rote Sonne, schwarzes Land
Rosario Ferré: Die Stmme der Träume
Sandra Sabanero: Mexikanische Hochzeit
Laura Restrepo: Der Leopard in der Sonne
Aktion "Spurensuche" (Sept. 2002)
Penelope Williamson: Wagnis des Herzens
Sabine Korsukéwitz: Das Lied der Zikaden
Duncan Sprott: Die irische Mätresse
Peter Dyckhoff: Albani
Paul Löwinger: Das Lied des Troubadours
Sandra Gulland: Joséphine
Aktion "Sternstunden" (Nov. 2002)
Joseph Conrad: Der Nigger des ›Narzissus‹.
Mit neuem Nachwort von Fritz Göttler
Virginia Woolf: Mrs Dalloway.
Mit neuem Nachwort von Walter Boehlich
Franz Kafka: Der Proceß.
Mit neuem Nachwort von Reiner Stach
Hugo von Hoffmannsthal: Das Märchen der 672. Nacht.
Mit neuem Nachwort von Ellen Ritter
Fjodor M. Dostojewskij: Der Idiot.
Mit neuem Nachwort von Hans Jürgen Balmes
Ernest Hemingway: Wem die Stunde schlägt.
Mit neuem Nachwort von Hans Jürgen Balmes
Thomas Mann: Bekenntnisse ders Hochstaplers Felix Krull.
Mit neuem Nachwort von Ralph-Reiner Wuthenow
Antoine de Saint Exupéry: Nachtflug.
Mit neuem Nachwort von Perikles Monioudis
Aktion "Autorenwürfel"
Birgit Vanderbeke:
Das Muschelessen
Alberta empfängt einen Liebhaber
Ich sehe was, was du nicht siehst
(November 2001, bereits erschienen)
Robert Gernhardt
Lichte Gedichte
Wörtersee
In Zungen reden
(Dezember 2001)
J.M. Coetzee:
Leben und Zeit des Michael K.
Der Junge
Schande
(Februar 2002)
Milan Kundera:
Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Die Unsterblichkeit
Die Identität
(Februar 2002)
Monika Maron:
Stille Zeile sechs
Animal triste
Pawels Briefe
(März 2002)
Christoph Ransmayr:
Die letzte Welt
Morbus Kitahara
Die Schrecken des Eises und der Finsternis
(April 2002)
16. Dezember 2001
Herodot: Historien
Buch V, VI und VII
(Kröner)
Mit dem fünften Buch kommt Herodot eigentlich erst zur Sache: der griechischen Geschichte im engeren Sinn. Vorher war hauptsächlich von der persischen Historie die Rede, was mir aus zwei Gründen bemerkenswert erscheint:
Es zeugt erstens von einer ungewöhnlichen Abstraktionsfähigkeit, sich so ausführlich und "objektiv" mit einer anderen Kultur zu befassen. Zweitens wird darin ein früher Sinn für erzählerische Strukturen und deren Wirkungen sichtbar, denn es läßt den abschließenden Sieg der Griechen natürlich desto glorreicher erscheinen, wenn man vorher den Gegner als eine gewaltige Großmacht kennen lernte.
Der zitierenswerten Fundstücke gäbe es viele. Hervorzuheben ist jedenfalls das Volk der Trauser, die ihrem Leben völlig illusionslos gegenüberstehen:
Das Leben der Trauser ist im allgemeinem dem der anderen thrakischen Stämme ähnlich, nur bei der Geburt und beim Tode haben sie eigentümliche Gebräuche. Um das neugeborene Kind setzen sich die Verwandten herum und klagen, weil es so viele Leiden in seinem Leben werde erdulden müssen; dabei zählen sie alle menschlichen Leiden und Kümmernisse auf. Die Toten dagegen begraben sie unter Lachen und Scherzen, weil sie allen Übeln entronnen seien und jetzt in Freude und Seligkeit lebten.
Es finden sich erfrischende Seitenhiebe gegen die Monarchie: "Kleomenes, sein Sohn, war König, seiner Abkunft, nicht seiner Tüchtigkeit wegen." (S. 343) zu denen folgendes Lob der Gleichheit passt:
(S. 330)
Athen also wuchs. Die Gleichheit ist eben in jedem Betracht etwas Wertvolles und Schönes, denn als die Athener noch Tyrannen hatten, waren sie keinem einzigen ihrer Nachbarn im Kriege überlegen. Jetzt, wo sie von den Tyrannen befreit waren, standen sie weitaus als die Ersten da. Man sieht daraus, daß sie als Untertanen, wo sie für ihren Gebieter kämpften, absichtlich feige und träge waren, während sie jetzt, wo jeder für sich selber arbeitete, eifrig und tätig wurden.
Ab und zu vertraut Herodot ein abschließendes Urteil seinen Lesern an: "Das sind die Gründe, die beide Städte anführen. Jeder mag denen zustimmen, die ihn überzeugen." (S. 346). Literarisches wird selten erwähnt, so hat diese Darstellung aus dem Athener Theaterleben einen gewissen Raritätenwert: "So dichtete Phrynichos ein Drama 'Der Fall Milets' und als er es aufführte, weinte das ganze Theater, und Phrynichos mußte tausend Drachmen Strafe zahlen, weil er das Unglück ihrer Brüder wieder aufgerührt habe. Niemand durfte das Drama mehr zur Aufführung bringen." (S. 387)
(S. 359)
Ab und zu relativiert Herodot die "aufgeklärten" Passagen, indem er göttliche Kausalitäten anerkennt, etwa des Kleomenes' Schicksal auf göttliche Rache zurückführt (S. 410/411), anstatt auf die Unfähigkeit des Spartanerkönigs.
Rezensionen
Wie immer hat Lirez interessantes zu bieten, so nach dem jüngsten Update die Besprechung einer Studie, die sich mit Goethes streitbarer Ästhetik auseinandersetzt. Hingewiesen sei auch auf Andrea Pelmters Artikel über Musil und die Physik.
John Gross: The Reader Strikes Back
(The New York Review of Books 19/2001)
Eine Studie über Marginalien in Büchern, die H.J. Jackson schrieb und die Yale University Press publizierte, muss hier naturgemäß als Bibliomanikum erwähnt werden, auch wenn John Gross sich in seiner Rezension nicht sehr angetan davon zeigt. Seine Kritikpunkte sind u.a. eine eigenartige Auswahl der besprochenen Fälle und mangelnde theoretische Durchdringung des Themas.
15. Dezember 2001
Sebastian Haffner: Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914-1933
(Büchergilde Gutenberg / Deutsche Verlagsanstalt)
Um mit einem Nebenaspekt anzufangen: Haffner vertritt in seinem 1939 entstandenen Buch zukunftsweisende methodologische Ansichten, was die Bedeutung des privaten Lebens für die Geschichtsschreibung betrifft. Die deutsche Geschichte zwischen 1914-1933 durch die Linse (s)einer privaten Biographie bündelnd zu veranschaulichen ist Haffners Intention. Das gelingt ausgezeichnet, auch wenn man dem Buch anmerkt, dass es aus dem Nachlass heraus veröffentlicht wurde.
Haffner wuchs in einem klassischen bildungsbürgerlichen Umfeld auf. Das Nazitum lehnte er von Anfang an quasi-instinktiv ab, der Text ist eine eigenartig gelungene Mischung aus Empörung einerseits, plausiblen analytischen Ansätzen andererseits. Meisterhaft beschreibt er die Hilflosigkeit angesichts der nazistischen "Revolution". Viele Nazigegner dürften ähnliches erlebt und gefühlt haben, so dass dieses Buch durchaus exemplarischen Charakter hat.
W.G. Sebald ist tot
Mel Gussow schrieb einen Nachruf in der New York Times.
Klassiker-Verlage (9)
Der Diogenes Verlag widmet sich regelmäßig der Klassiker-Pflege, ohne Spektakuläres zu bieten. Aus dem aktuellen Herbstprogramm hervorzuheben sind etwa Chechovs "Gesammelte Humoresken und Satiren 1880-1892". Die Taschenbuch-Reihe "Meistererzählungen" verdient ebenfalls Erwähnung. Ansonsten bietet detebe viel Repertoire, durchmischt mit ein paar Überraschungen, wie das für Februar angekündigte Buch Peter Kropotkins "Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur".
Schiller über Goethe (2)
Brief an Christian Gottfried Körner vom 9. März 1789
Ich muß lachen, wenn ich nachdenke, was ich Dir von und über Göthen geschrieben haben mag. Du wirst mich wohl recht in meiner Schwäche gesehen und im Herzen über mich gelacht haben, aber mag es immer. Ich will mich gerne von Dir kennen lassen, wie ich bin. Dieser Mensch, dieser Göthe ist mir einmal im Wege, und er erinnert mich so oft, daß das Schicksal mich hart behandelt hat. Wie leicht war sein Genie vom Schicksal getragen, und wie muss ich biss auf diese Minute noch kämpfen! Einhohlen läßt sich alles Verlorene für mich nun nicht mehr - nach dem 30gsten bildet man sich nicht mehr um - ich könnte ja selbst diese Umbildung vor den nächsten 3 oder 4 Jahren nicht mit mir anfangen, weil ich 4 Jahre wenigstens meinem Schicksale noch opfern muss.
9. Dezember 2001
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Plotin | Ausgewählte Schriften | Reclam UB | Angesichts des Mangels an Plotin-Büchern sehr löblich |
| Thomas von Aquin | Über sittliches Handeln | Reclam UB | Neuerscheinung; lateinisch/deutsch |
| Hans Dietrich Irmscher | Johann Gottfried Herder | Reclam UB | Neuerscheinung |
| Falter (Hrsg.) | Wiener Galerien | Falter City Walks | Neuerscheinung |
| Journal of the History of Ideas | No. 3 / 2001 | John Hopkins University Press | Aufsätze über Hobbes, Petrarca ... |
8. Dezember 2001
Aviv Quartett
(Wiener Konzerthaus am 2. Dezember)
Joseph Haydn: Streichquartett F- Dur Hob. III/82
Bela Bartok: Streichquartett Nr. 1 a-moll op. 7
Dmitri Schostakowitsch: Streichquartett Nr. 9 Es-Dur op. 117
Wie immer wird im ersten Konzert des Alban-Berg-Quartett-Zyklus ein anderers Ensemble eingeladen, diesmal das junge Aviv Quartett. Zum Auftakt gab es Haydn, technisch perfekt dargeboten, allerdings ziemlich pauschal gespielt.
Ganz anders die Werke von Bartok und Schostakowitsch, wo eigene, bei letzterem manchmal wilde Akzente gesetzt wurden. Das Publikum war hingerissen und beschwor damit eine nach dem Schostakowitsch-Quartett völlig unpassende Tschaikowsky-Zugabe (Andante cantabile) hervor. Das Zugabe-Wesen des klassischen Konzertbetriebs ist dringend verbesserungsbedürftig.
Woody Allen: The Curse of the Jade Scorpion
Der gerade angelaufene Film von Woody Allen ist enttäuschend, wenn man sich von ihm mehr erwartet als eine handwerklich gut gemachte Komödie, denn mehr wird wie schon beim letzten Mal (Small Time Crooks) nicht geboten.
Die Qualität seiner besten Filme liegt in ihrem philosophisch reflektierten Humor, dem intelligenten Spiel mit Fiktionalitäten, der Thematisierung "europäisch" ernster Film-Themen im klassischen Woody-Allen-Stil, zu bewundern etwa in "Annie Hall", "Crimes and Misdemeanors" oder "Deconstructing Harry", um nur einige zu nennen. Nichts davon ist im neuen Film zu finden, leider.
Klassiker-Verlage (8)
Der Aufbau Verlag gründete vor einigen Jahren die Reihe "Aufbau Bibliothek" um Höhepunkte aus dem reichen Klassiker-Fundus neu aufzulegen, der noch aus DDR-Zeiten stammt. Still und leise wurde das Unternehmen wieder eingestellt, von der vielgepriesenen Mischkalkulation keine Spur.
Mehr oder weniger regelmäßig findet man nun Klassiker im normalen Verlagsprogramm, jedoch ohne dass ein plausibles Profil zu erkennen wäre. Viel Fontane, ansonsten das Übliche von "Madame Bovary" über "Lord Jim" zu "Oliver Twist".
Steven Weinberg: The Future of the Universe
(The New York Review of Books 18/2001)
Dem Artikel liegt ein Vortrag zugrunde, den Weinberg an der New York Public Library hielt. Er gibt einen kompakten Überblick über wichtige kosmologische Theorien, beschäftigt sich mit der Suche nach der neuen "Supertheorie", welche Quanten- und Relativitätstheorie umfassen und gleichzeitig die Gravitation plausibel erklären soll.
Wer wissen will, ob es nach dem aktuellen Stand der Forschung wahrscheinlicher ist, dass sich das Universum in eine große leere kalte Öde verwandelt oder ob es alles zerquetschend wieder in sich zusammenfällt, der lese den Artikel.
2. Dezember 2001
Walter Fanta und der Musil-Nachlass
Seit vielen, vielen Jahren beschäftigt sich Walter Fanta unermüdlich mit dem Musil-Nachlass. In seinem Buch "Die Entstehungsgeschichte des 'Mann ohne Eigenschaften'" sind wichtige Teile seiner Forschungen nun publiziert. Eine Rezension von Regina Schaunig.
Bernard Knox: Dante
(The New York Review of Books 18/2001)
Anlass des Aufsatzes sind eine Reihe von neuen Büchern zu Dante, darunter eine von Knox nicht nur wegen ihres Kommentars gepriesene Neu-Übersetzung der Göttlichen Komödie von Robert Hollander, von dem auch noch Dante: A Life in Works vorliegt.
Beide Publikationen sind nach Ansicht des Rezensenten unverzichtbar für an Dante Interessierte. Das gilt natürlich auch für diesen NYRB-Artikel.
Wilhelm Genazino: Die Kassiererinnen. Roman
(Büchergilde, Kleine Reihe)
Genazino ist seit Jahren ein Autor, der mir ein Begriff ist und über dessen Bücher ich eine Reihe von Artikeln kenne, ohne je ein Werk von ihm gelesen zu haben. Nun also "Die Kassiererinnen", ein gelungener Auftakt.
Am besten läßt sich der kleine Roman wohl als intelligente Flaneursprosa umschreiben. Der Ich-Erzähler spaziert durch Frankfurt, trifft alte und neue Bekannte, zerbricht sich den Kopf über sein Leben im allgemeinen und über die eigene Lächerlichkeit, die er seit kurzem an sich festzustellen glaubt. Ein ruhiges, kluges Buch.
Schiller über Schönheit in der Kunst
Brief an Christian Gottfried Körner vom 25. Dezember 1788
Kurz, ich bin überzeugt, daß jedes Kunstwerk nur sich selbst d.h. seiner eigenen Schönheitsregel Rechenschaft geben darf, und keiner andern Forderung unterworfen ist. Hingegen glaube ich auch festiglich, daß es gerade auf diesem Wege auch alle übrigen Forderungen mittelbar befriedigen muß, weil sich jede Schönheit doch endlich in allgemeine Wahrheit auflösen läßt. Der Dichter der sich nur Schönheit zum Zweck setzt, aber dieser heilig folgt, wird am Ende alle andern Rücksichten, die er zu vernachlässigen schien, ohne daß ers will oder weiß, gleichsam zur Zugabe mit erreicht haben, da im Gegentheil der, der zwischen Schönheit und Moralität oder was es sonst sey, unstet flattert oder um beide buhlt, leicht es mit jeder verdirbt.
1. Dezember 2001
Ernst Gombrich: Geschichte der Kunst
(Belser Verlag)
Gombrich hatte mir schon zu Schulzeiten die Kunstgeschichte nahe gebracht, höchste Zeit also wieder einen Blick in sein Werk zu werfen. Sechs Millionen beträgt inzwischen die Auflage weltweit, was angesichts der durchschnittlichen Auflagenhöhe eines Kunstbuches sehr bemerkenswert ist.
Die Lektüre der Kapitel über das 14. bis 16. Jahrhundert überzeugte mich erneut von der Qualität des Werks, die vor allem didaktischer Natur ist. Gombrich schreibt mit einem Enthusiasmus über Kunst, der ansteckend wirkt. Sorgfältige Interpretationen, die frei von hermeneutischer Hermetik sind, wechseln sich mit problemgeschichtlichen Exkursen ab. Hilfreich ist, dass alle ausführlicher besprochenen Werke in dem Band abgebildet sind.
Eigentlich sehr schade, dass es nichts vergleichbares für die Literaturgeschichte gibt, hier wären kompetente (!) Popularisierer ebenfalls dringend nötig.
Schubert: Klaviertrios B-Dur und Es-Dur
(Trio Fontenay / La Gaia Scienza)
Die beiden Klaviertrios, die zu den erstaunlichsten ihrer Art zählen, entstanden zwischen Oktober und Dezember 1827, einer der produktivsten Schaffensphasen des Komponisten. Er vollendete in diesen drei Monaten u.a. "Die Winterreise" und schrieb seine vier Impromptus D 935. Die Stimmung dieser Werke war teilweise so düster und melancholisch, dass sich Schuberts Freunde ernsthaft Sorgen um ihn machten.
Diese beiden Interpretationen sind sehr verschieden. Von klassischer Virtuosität das Trio Fontanay (Teldec), ebenfalls virtuos La Gaia Scienza, allerdings auf historischen Instrumenten, was der Interpretation eine interessante, beinahe aufsässig wirkende Note gibt. Das Forte Piano klingt deutlich ruppiger und weniger differenziert als ein Flügel. Insgesamt ergänzen sich beide Aufnahmen optimal, weil sie unterschiedliche Perspektiven auf das Werk öffnen. Eine klare Empfehlung.
Goethe und Lessing
Wilfried Barner schrieb eine Studie über dieses lohnenswerte Thema, Vera Viehhoever die Rezension darüber.
Afghanistan
National Geographic hat eine vorzügliche Seite über das Land zusammengestellt.
Klassiker-Verlage (7)
Ein ungewöhnlicher Verlag, inzwischen zur Reihe degradiert, soll heute vor den Vorhang: Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften. Spezialisiert auf die Publikation von historisch wichtigen Büchern aus den Naturwissenschaften, ist er im deutschsprachigen Raum weitgehend konkurrenzlos. Eine kleine Geschichte dieses Unternehmens ist ebenfalls online zu finden.
Abschließend sei noch auf die derzeit lieferbaren Titel der Reihe verwiesen, auf dass sie viele Käufer finden mögen.
25. November 2001
Balzac: Ursule Mirouet
(insel taschenbuch)
Je mehr Romane von Balzac ich lese, desto klarer wird mir, dass meine Vorbehalte immer größer werden. Vor allem, wenn er zu schreiben aufhört, und zu denken anfängt, ist es manchmal kaum auszuhalten.
Beim vorliegenden Buch ist eine enthusiastisch-affirmative Darstellung des zeitgenössischen esoterischen Aberglaubens (Swedenborg, Mesmer) zu beklagen. Aber damit nicht genug, dieser Hokuspokus dient unglaubwürdigerweise dazu, einen alten Enzyklopädisten gegen Ende seines Lebens in einen lammfrommen Katholiken zu verwandeln.
Sobald sich Balzac hingegen auf seine eigentlichen erzählerischen Fähigkeiten besinnt und beispielsweise die boshafte Habgier der auf das Erbe des alten Mannes spekulierenden Verwandten schildert, ist der Roman stellenweise hervorragend. Insgesamt allerdings keine Konkurrenz für seine großen Romane (Verlorene Illusionen, Glanz und Elend der Kurtisanen, Eugenie Grandet ...).
Neue Thomas-Mann-Ausgabe (Fortsetzung)
Offenbar legt der S. Fischer Verlag großen Wert auf seine Darstellung, die Verzögerung der Publikation sei durch technische Schwierigkeiten bedingt. So ist in einem Brief der Presseabteilung zu lesen:
Aufgrund von technischen Schwierigkeiten wird sich der Start der GKFA auf das Frühjahr 2002 verschieben: Die Standards der SGML- und XML-gestützten Publikationen haben sich in den letzten zwei Jahren mit hoher Geschwindigkeit verändert [?]. Um für die Edition auch in diesem Sinne das höchste Niveau zu gewährleisten, muss der Verlag leider noch unerwartete Anstrengungen unternehmen.
Schiller über eine dilettantische Privatbibliothek
Brief an Christian Gottfried Körner vom 27. Juli 1788
Ich konnt es nicht ganz vermeiden auch andre Menschen hier kennen zu lernen, doch ist es bis jezt noch gnädig zugegangen. Ein Original ist darunter, das sich aber weniger schildern läßt, der Herr von Kettelhodt, der Minister und eigentliche Landesregent. Eine groteske Species von Menschen, und eine monströse Composition von Geschäftsmann, Gelehrten, Landjunker, Galanthomme und Antike. Als Geschäftsmann soll er vortreflich seyn und dabey tragen wie ein Esel; sein größter Anspruch geht aber auch gelehrte Wichtigkeit.
Er hat eine Bibliothek angelegt, die für einen Particulier erstaunend groß, dabey aber zu keinem Zwecke ganz brauchbar ist. Sie enthält schöne und selbst rare Werke in allen Fächern, aber keins ist nur leidlich complett. Da es ihm mehr um die Mange die ins Auge fällt als um einen vernünftigen Gebrauch zu thun war, so hat er alles durcheinander gekauft. Aus der Geschichte habe ich trefliche Werke da gefunden, und im Fach der alten Romane aus dem Mittelalter mag wohl das meiste zu finden seyn.
Die Anlage von aussen fällt gut ins Auge, der Saal und der Eintritt ist fürstlich. Die Bibliothek würde ich übrigens, wärs auch nur um in dem alten Schutt der Romane und Memoires ein Goldkörnchen auszuwühlen, fleißig besuchen, wenn der Wirth zu vermeiden wäre. Aber zum Unglück ist er äuserst eitel, besonders auf gelehrte oder gar berühmte Bekanntschaften, und man wird ihn nicht los. Nachdem er in Erfahrung gebracht hat, daß ich seine Bibliothek gelobt habe mußte ich ein Souper bei ihm aushalten, und er ließ meinen Burschen von der Gaße auffangen, mich nach Volkstädt mit Wein zu regalieren.
23. November 2001
Triviale Gegenwartsliteratur
Eine erfrischende Polemik gegen zeitgenössische literarische Belanglosigkeiten & deren Lob durch Teile der Literaturkritik von Dorothea Dieckmann. Über Rainald Goetz schreibt sie beispielsweise sehr treffend:
[...] nachdem ein Provokateur dort vor Jahren ein Attentat auf seine eigene Stirn inszenierte; das Blut war echt, aber das Brett davor war festgeschraubt, und später verkaufte er im Internet Tagebücher als "Literatur". Literatur in Anführungszeichen - denn solches Schreiben kostet keine Überwindung. Es kommt nicht aus dem Schweigen, sondern ist Teil des Geschwätzes, und nichts deutet darin auf die Anstrengung, ein durch die Gesellschaft auferlegtes Schweigen zu brechen.
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Norbert Schneider | Hauptwerke europäischer Bildniskunst 1420-1670 | Taschen | Schöner, monographischer Bildband |
| Wolfgang Trapp | Maße, Zahlen, Gewichte und der Zeitrechnung | Komet (Reclam) | Preisgünstige, gebundene Lizenzausgabe |
| Fono Forum (Hrsg.) | Das Klassik Jahrbuch 2001. Die 1000 wichtigsten CDs | rororo | Erste Ausgabe des neuen Jahrbuchs |
22. November 2001
Details zur geplanten Frankfurter Thomas-Mann-Ausgabe
Heute brachte die Post "'Die Welt ist meine Vorstellung'. Eine Einführung in die Große kommentierte Frankfurter Ausgabe der Werke von Thomas Mann". Vielleicht, weil ich die Ausgabe bereits komplett subskribierte, vielleicht auch, weil ich regelmäßig Presseinformationen erhalte.
Der kleine Band geht detailliert auf die Editionsprinzipien ein:
Im Rückblick auf die Literatur des 20. Jahrhunderts erscheint Thomas Mann als einer der wenigen Klassiker, die nicht nur weltweit gerühmt, sondern auch gelesen werden. Sein Werk, das in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, vermag bis heute, ungeachtet aller Moden, Leser wie Forscher zu beeindrucken und neu herauszufordern.
Seit den zwanziger Jahren sind die Romane, Erzählungen und Essays immer wieder in großen Werkausgaben veröffentlich worden. Zu einer anhaltenden Rezeption haben die im Exil entstandene Stockholmer Ausgabe, die 1955 in Ost-Berlin erschienene Aufbau-Ausgabe sowie die unter der Leitung von Hans Bürgin 1960 auf zwölf Bände angelegten und 1974 um einen Band erweiterten Gesammelten Werke in 13 Bänden nennenswert beigetragen.
In den achtziger Jahren wurde zum ersten Mal das Desiderat einer philologisch dokumentierten Edition formuliert. Darauf antwortet das im folgenden Jahrzehnt entwickelte Projekt, das das gesamte überlieferte Werk dieses Autors einer genauen Autopsie unterziehen und in einer Gesamtschau darstellen will. Die Große kommentierte Frankfurter Ausgabe (GKFA) wird einem Editionsstand entsprechen, den man heute für ein Werk dieses Ranges erwarten darf, um sowohl dem Stand der Forschung wie den Bedürfnissen einer breiteren Leserschaft gerecht zu werden. Allerdings käme es einem unverantwortlichen Anachronismus gleich, wollte man in Anbetracht der jetzigen und zukünftigen elektronischen Archivierungs- und Distributionsmöglichkeiten eine historisch-kritische Ausgabe nach dem Muster jener früheren Monumental-Editionen in Angriff nehmen, die, bis zum Abschluss, oft auch zum Abbruch, sich über Jahrzehnte hingezogen haben. Die Buchausgabe der GKFA wird daher so gestaltet, dass sie in überschaubarer, relativ kurzer Zeit abgeschlossen werden kann und in der Textpräsentation wie in der Kommentierung wegen der unabsehbaren Flut der Sekundärliteratur, berechtigten Verlangen nach zuverlässiger, konzentrierter und überschaubarer Information zu entsprechen vermag.
Zu den Texten: Statt problematischer und fragwürdiger Mischtexte wird, nach Prüfung aller Drucke, Typoskripte oder Handschriften, jeweils der Leittext mit der besten historischen Legitimation zugrunde gelegt. Das ist zwar häufig, aber keineswegs immer, der Erstdruck. Der ausgewählte Text wird stets auch in der ursprünglichen Orthographie und Interpunktion wiedergegeben, jedoch ohne die eindeutig erkennbaren Verschreibungen und Druckfehler. Alle Eingriffe werden in den Kommentarbänden vermerkt. Bei der Angabe von Varianten beschränkt sich die Buchausgabe, um die Lesbarkeit nicht zu gefährden, auf solche denen erkennbar eine inhaltliche oder sprachliche Bedeutung zukommt. Auf der CD-ROM werden dann sämtliche Abweichungen zu finden sein.
Selbstverständlich werden in der Buchausgabe alle vorhandenen Vorstufen, nicht zum Druck gebrachten Passagen oder Ergänzungen in späteren Fassungen dokumentiert. So erfolgt im Komentarband von Buddenbrooks die erste vollständige Transkription der bisher für die Forschung nur durch die Handschrift im Zürcher Archiv zugänglichen Ausgeschiedenen Blätter. Desgleichen die bisher in ihrer Gesamtheit ebenfalls nur handschriftlich vorhandenen so genannten Materialien, d.h. die den Prozess der Vorbereitung und der Niederschrift begleitenden Stichworte, Skizzen, Generationenschemata, Vermögensberechnungen etc.
Beim Doktor Faustus - um ein Beispiel aus dem Spätwerk zu nennen - werden die teilweise andernorts publizierten, aus Kürzungsgründen ausgeschiedenen Partien zusammen mit den bisher unveröffentlichten Streichungen in den Kommentarband aufgenommen.
Der Kommentarband gliedert sich in folgende Teile: Entstehungsgeschichte, Textlage, Quellenlage, Rezeptionsgeschichte, Stellenkommentar und gegebenenfalls Paralipomena.
Im Unterschied zu den übrigen, rein informatorischen oder dokumentarischen Teilen des Kommentars sind die Kapitel über die Entstehungs- und die Rezeptionsgeschichte essayistisch gehalten. Die Beschreibung der Genese beschränkt sich nicht auf die mit Originaldokumenten belegte Chronologie, sondern stellt diese vor den Hintergrund der zeitgeschichtlichen, geistesgeschichtlichen und literarischen Situation und bezieht das biographische Umfeld wie die späteren autobiographischen Rückblicke mit ein. Auch in der Rezeptionsgeschichte werden die zitierten Belege einem historischen und biographischen Hintergrund zugeordnet.
Die Stellenkommentare geben außer den reinen Sachinformationen, Worterklärungen und Übersetzungen punktuelle Quellennachweise (die, so weit wie möglich, auch durch die Dokumentation erhalten gebliebener Randanstreichungen und Lesebemerkungen Thomas Manns ergänzt werden). Sie weisen offene wie verdeckte Zitate nach, belegen Textübernahmen und verweisen, soweit dies für das Verständnis nötig ist und erhellend ist, auf motivische und thematische Beziehungen zwischen der jeweils kommentierten Stelle und dem übrigen Werk Thomas Manns. Darüber hinaus tragen sie die einschlägigen Ergebnisse und Positionen der Forschungsliteratur zusammen.
Das Briefwerk ist zwar in etlichen Einzelkorresponenzen hervorragend ediert worden [...] Doch ist die einzige Auswahl aus dem riesigen Gesamtcorpus, die Erika Mann in den frühen 60er Jahren in drei Bänden herausgab, noch immer nicht ersetzt. An ihre Stelle tritt nun eine achtbändige, die die frühere nicht nur vom Umfang nach weit überholen wird. Den Abschluss der GKFA wird eine revidierte Tagebuchedition bilden.
Alle Textgruppen werden nach denselben editorischen Richtlinien herausgegeben, wobei es zu kleinen gattungsbedingten Abweichungen kommen kann.
[S. 13 - 16]
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Nagib Machfus | Kairo-Trilogie | Zweitausendeins | Wohlfeile, gebundene Lizenzausgabe |
| Ursula Rautenberg; Dirk Wetzel | Buch | Niemeyer | Facettenreiche, kleine Monographie |
| Rolf Schneider | Leben in Wien | Hanser | Kleine Hommage an Wien |
| Sigmund Freud | Studienausgabe | Fischer TB | nur noch bei 2001 erhältlich |
17. November 2001
Oscar Wilde: Ein idealer Gatte
(Theater in der Josefstadt am 16. November 2001)
Michael Dangl, Peter Scholz, Franz Robert Wagner u.a.
Regie: Michael Gampe
Die Josefstadt macht gediegenes und deshalb manchmal langweiliges Theater. Von Langeweile konnte in diesem Fall jedoch nicht die Rede sein, dafür sorgten die in bekannter Manier geistreichen Dialoge Wildes. Ich bezweifle allerdings, ob eine Aneinanderreihung treffender Aphorismen hinreichend für eine gute Komödie ist.
Die ersten drei Akte brachten die Haupt- samt einigen Nebenintrigen auf die Bühne, handwerklich vom Autor durchaus geschickt gemacht. Der vierte Akt jedoch uferte in ein peinlich-sentimentales Happy End aus, so dass man sich frägt, wie es zu diesem Niveauabfall kommen konnte. Offenbar wurde das Stück lieblos zu Ende geschrieben. Ein alles in allem eher überflüssiger Theaterabend.
Xenakis II
(Wien Modern am 14.11. 2001 im Konzerthaus)
Arditti String Quartett
Xenakis: Kottos (1977)
Xanakis: Ergma (1994)
Paul Usher: String Quartett (2000/01)
Conlon Nancarrow: String Quartet No. 3 (1987)
Xenakis: Ikhoor (1978)
Xenakis: Tetras (1983)
Ein Grund, warum ich vor eineinhalb Jahren nach Wien zog war musikalischer Natur. Die letzten Tage bestätigten diesen Aspekt eindrucksvoll: Am Sonntag eine erstklassige Interpretation von Haydns "Missa in tempore belli". Wenige Tage später ein brillantes Konzert mit zeitgenössischer Musik.
Die Leichtigkeit, mit der das Arditti Quartett die schwierigsten technischen Hürden der sich teilweise zum Rand des instrumental möglichen vortastenden Kompositionen bewältigte, war kaum zu glauben. Selbst bei extremen Geschwindigkeiten klappte das Zusammenspiel so reibungslos, als würden die diversen Instrumente von einem Musiker alleine gespielt.
Eine Entdeckung für mich: Conlon Nancarrow, dessen Streichquartett höchst abwechslungsreich und witzig zu hören war, ohne billige Kompromisse einzugehen.
Klassiker-Verlage (6)
Der klassischste Klassiker-Verlag ist naturgemäß Reclam, der seit langer Zeit davon lebt, Schüler und Studenten mit Lektürestoff zu versorgen. Preiswert sind dort noch viele Klassiker zu haben, allerdings hat sich die Preispolitik im letzten Jahrzehnt zunehmend dahingehend verändert, dass umfangreichere Bücher innerhalb der Universal Bibliothek manchmal teurer als alternative Taschenbuch-Ausgaben anderer Verlage sind.
Besonders hervorzuheben sind die Editionen mitteralterlicher und frühneuhochdeutscher Literatur. Hier ist Reclam derzeit - leider! - konkurrenzlos, was sich nicht zuletzt darin niederschlägt, dass nur noch selten neue Titel dazukommen.
11. November 2001
A Resource to help understand the events of September 11, 2001
Die Association of American University Presses hat in den Programmen ihrer Mitglieder gestöbert und eine ausführliche Literaturliste für diejenigen zusammengestellt, denen CNN zur Erklärung des Weltgeschehens nicht genügt.
Mozart: Litaniae Lauretanae, KV 195
Schubert: Intende voci, D 963
Haydn: Missa in tempore belli
(Wiener Musikverein 11. November)
Wiener Hofmusikkapelle
Solisten: Ruth Ziesak, Elisabeth von Magnus, Herbert Lippert, Christian Gerhaher
Dirigent: Sir Neville Marriner
Die Wiener Hofmusikkapelle setzt sich aus Mitgliedern der Wiener Philharmoniker, des Herrenchores der Staatsoper sowie ausgewählten Sängerknaben zusammen. Exakt diese Besetzung erforderte das heutige Programm im Musikverein.
Die Interpretation ließ erwartungsgemäß nichts zu wünschen übrig. Vor allem die beiden Chöre sangen mit erstaunlicher Präzision.
W.G. Sebald: Austerlitz. Roman
(Büchergilde Gutenberg / C.H. Hanser)
Auf Sebald wurde ich vor längerer Zeit - also vor der Luftkrieg-Debatte - durch ungewöhnlich positive angloamerikanische Rezensionen aufmerksam. Wie ich jetzt weiß, hat dieses Aufmerken der Literaturkritik durchaus literarische Gründe und hängt nicht damit zusammen, dass Sebald seit Jahrzehnten in England lebt.
Das ungewöhnlichste an dem Roman fällt bereits beim ersten Durchblättern auf: Der Text wird durch eine Fülle von seltsam traurig anmutenden Schwarzweißfotographien unterbrochen. Der Ich-Erzähler erhielt das Fotokonvolut von Austerlitz, der ihm während verschiedener Treffen seine unerfreuliche Lebensgeschichte erzählt. Die Fotografien durchbrechen scheinbar die Fiktionalität des Romans, weshalb sich eine lange literaturtheoretische Abhandlung darüber schreiben ließe, wofür hier aber nicht der Ort ist :-)
Bei der Lektüre des Buches fühlte ich mich mehrmals an Romane von Thomas Bernhard erinnert, was nicht als Epigonalitätsvorwurf gemeint ist. Aber die langen Monologe des Protagonisten mit häufigen Konstruktionen wie "dachte ich, sagte er" erinnern ebenso an Bernhard wie eine Reihe von inhaltlichen Motiven, etwa eine lang geplante, jedoch nie niedergeschriebene große Studie oder die Konstruktion des Austerlitz als Geistesmensch.
Allerdings gibt es mehr gelehrte Exkurse als bei Bernhard. Auch der Stil Sebalds ist autonom, etwa wenn es ihm seltsamerweise gelingt, poetische Effekte durch botanische Exkurse zu erreichen. Definitiv wird das nicht mein letztes Buch von Sebald gewesen sein.
Geschichte des Deutschen Buchhandels
Georg Jäger und seine Mitherausgeber haben den ersten Teilband der "Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert" publiziert. Lutz Hagestedt schrieb eine ausführliche Rezension darüber.
Wichtige Neuerscheinungen
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Montesqieu | Meine Gedanken | dtv | Angeblich die "umfassendste deutsche Ausgabe" |
| Theodor Mommsen | Römische Geschichte | dtv | 6., druckfrische Auflage der Kassette |
| The New York Public Library | The New York Public Library Literature Companion | The Free Press | Die von der NYPL hrsg. Handbucher sind meist von ausgezeichneter Qualität |
| Theodore Vrettos | Alexandria. City of the Western Mind | The Free Press | "A concise history of the greatest cultural capital ever" |
10. November 2001
Georg Friedrich Haas: in vain [visible]
(Wien Modern am 7.11. 2001 im Konzerthaus)
Klangforum Wien
Metaphorisch ist gerne die Rede von Klangfarben. Georg Friedrich Haas hat in diesem Stück jenes Bild wörtlich genommen und eine visuelle Komponente vorgesehen, die von Katja Krusche konzeptuell umgesetzt wurde. Die Originalität der Lichtregie hielt sich allerdings in engen Grenzen und war relativ vorhersehbar.
Das Stück selbst erinnerte manchmal an ungebührlich aufgeregte minimal music (was nicht als Kompliment gemeint ist :-), die ab und zu an Kraft gewann, um jedoch schnell wieder nachzulassen. Das soll nicht heißen, das Stück sei klanglich uninteressant, nur hinterließ es bei mir keinen bleibenden Eindruck.
BBC online ausgezeichnet
Es ist immer wieder schön zu sehen, dass Preise manchmal auch Preiswürdiges auszeichnen. BBC Online hat verdientermaßen bei den IP Top Awards 2001 den Preis für den "Besten europäischen Online-Nachrichtendienst" bekommen.
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Hans Jürgen Blinn | Informationshandbuch Deutsche Literaturwissenschaft | Fischer TB | Überarbeitete Neuauflage des nützlichen Standardwerks |
| V.S. Naipaul | An der Biegung des großen Flusses | dtv | kein sehr origineller Kauf, ich weiß :-) |
4. November 2001
Giorgione: Die drei Philosophen
(Kunsthistorisches Museum Wien)
Eines der mich derzeit am meisten beschäftigenden Bilder der Sammlung. Es ist nicht überliefert, ob Giorgione drei bestimmte Denker im Sinn hatte, als er 1509 das Gemälde schuf. Neben dem Greis ganz rechts, in dem viele einen antiken Philosophen sehen wollen, steht ein Mann mittleren Alters. Er ist orientalisch gekleidet, was die Interpretation nahelegt, dass damit die Bedeutung der arabischen Philosophie für die Renaissance gewürdigt wird.
Sehr interessant ist nun der jüngste Philosoph. Sein Blick richtet sich nach oben und er hält ein astronomisches Instrument in Händen. Die Versuchung ist groß, dies als einen für den Anfang des 16. Jahrhunderts sehr hellsichtigen Hinweis auf die erkenntnistheoretische Bedeutung der Naturwissenschaften zu interpretieren. Damit hätte Giorgione ein beinahe prophetisches Werk geschaffen, was die Entwicklung der Geistesgeschichte angeht.
Links im Bild ist eine Höhle zu erkennen, natürlich ein Verweis auf Platons berühmtes Gleichnis. Alles in allem ein faszinierendes, vielschichtiges Gemälde, das berechtigterweise eine Vielzahl von Interpretationen hervorrief.
Agota Kristof: Die dritte Lüge. Roman
(Serie Piper)
Mehrteilige Werke sollte man eigentlich komplett kritisch würdigen, denn es ist unwahrscheinlich, dass alle Teile dieselbe Qualität besitzen. So reicht der dritte Teil von Kristofs Roman-Trilogie nicht mehr ganz an die beiden Vorgänger heran.
Vielleicht liegt das auch an der fiktionalen Meta-Ebene, welche die Literarizität der beiden ersten Romane thematisiert. Damit relativiert Kristof die Trostlosigkeit, die vor allem auf der lakonischen Beobachtungsgabe und dem knappen Sprachstil basiert.
Die Meta-Ebene erinnert an das bekannte antike Lügen-Paradoxon: Lucas behauptet an einer Stelle, dass alle seine Aufzeichnungen Lügen seien. Wenn das stimmt, ist diese Behauptung natürlich ebenfalls gelogen, woraus zu schließen wäre, dass die Begebenenheiten der anderen Bücher wahr sind ...
Die drei Romane ("Das große Heft", "Der Beweis", "Die dritte Lüge") gehören zusammen jedenfalls zu den bemerkenswertesten Werken der jüngeren Gegenwartsliteratur. Mögen sie viele Leser finden.
In der aktuellen "Literatur und Kunst" - Beilage der NZZ findet sich passenderweise ein Porträt der Autorin, der gestern der Gottfried-Keller-Preis verliehen wurde.
Schlüsselroman des spanischen Barock
Oft werden an dieser Stelle die Verlage wegen ihrer zögerlichen Publikationspraxis kritisiert, weshalb die Ausnahmen besondere Erwähnung verdienen. So legt der Ammann Verlag einen opulenten spanischen Barockroman erstmals vollständig auf Deutsch vor, nämlich "Das Kritikon" des Baltasar Gracián. Martin Ebel stellt das Buch in einer ausführlichen Rezension vor.
Schiller und der Klatsch in Weimar
Brief an Christian Gottfried Körner vom 29. August 1787
Von den hiesigen großen Geistern überhaupt kommen einem immer närrische Dinge zu Ohren. Herder und seine Frau leben in einer egoistischen Einsamkeit und bilden eine Art von heiliger Zwei-Einigkeit, von der sie jeden Erdensohn ausschließen. Aber weil beide stolz beide heftig sind, so stößt diese Gottheit zuweilen unter sich selbst aneinander. Wenn sie also in Unfrieden gerathen sind, so wohnen beide abgesondert in ihren Etagen, und Briefe lauffen Treppe auf, Treppe nieder, biß sich endlich die Frau entschließt in eigner Person in ihres Ehgemals Zimmer zu treten, wo sie eine Stelle aus seinen Schriften recitiert, mit den Worten: Wer das gemacht hat muß ein Gott seyn und auf den kann niemand zürnen - Dann fällt ihr der besiegte Herder um den Hals und die Fehde hat ein Ende.
3. November 2001
Brockhaus multimedial 2002 Premium
Glaubt man diversen Rezensionen, wird die elektronische Ausgabe des Brockhaus immer besser. Erwähnt sei die überarbeitete Auflage hier aber aus einem speziellen Grund: Enthalten ist nämlich ebenfalls das Brockhaus Konversationslexikon von 1906, was sehr lobenswert ist und hoffentlich Nachahmer findet.
John Updike: Bessere Verhältnisse
(rororo)
Angesichts des überragenden "Unter dem Astronautenmond" fällt der dritte Teil der Rabbit-Tetralogie etwas ab, was angesichts des hohen Ausgangsniveaus nicht als Kritik gemeint ist.
Im Zentrum des Romans steht, neben der tristen Alltagsschilderung des nun wohlhabenden Rabbit, der Konflikt mit dessen Sohn Nelson. Ästhetisch gibt es wenig Unterschiede zu den beiden Vorgängern, detaillierte Beschreibungen der Lebenswelt wechseln mit subtil durch erlebte Rede vermittelten psychologischen Regungen. Man erfährt viel über amerikanische Verhältnisse im allgemeinen und über das Ende der siebziger Jahre im speziellen. Eine beeindruckende und erschreckende Mentalitätsgeschichte des amerikanischen Kleinbürgertums.
Frederick Crews: The New Attack on Evolution
(The New York Review of Books 15 und 16/2001)
Aus europäischer Perspektive wirkt der heftige Streit zwischen Darwinisten und Kreationisten in den USA ziemlich skurill. Es ist jedoch nachvollziehbar, dass es in Amerika dringend notwendig ist, sich dieser Bewegung der Gegen-Aufklärung publizistisch entgegenzustellen.
Nichts anderes macht Frederick Crews, wenn er sich mit einer neuen, sich gemäßigt gebenden Variante beschäftigt, der sogenannten Theorie des Intelligent Design, die zwar einige evolutionäre Vorgänge durchaus einräumt, aber Gott als Ursprung dafür postuliert.
Im ersten Teil diskutiert Crews eine Fülle von affirmativen Veröffentlichungen über diese "Theorie". Selbstverständlich fällt es ihm leicht, auf die zahlreichen Argumentationsschwächen hinzuweisen:
The proper way to assess any theory is to weigh its explanatory advantages against those of every extant rival. Neo-Darwinian natural selection is endlessly fruitful, enjoying corroboration from an imposing array of disciplines, including paleontology, genetics, systematics, embryology, anatomy, biogeography, biochemistry, cell biology, molecular biology, physical anthropology, and ethology. By contrast, intelligent design lacks any naturalistic causal hypotheses and thus enjoys no consilience with any branch of science. Its one unvarying conclusion— "God must have made this thing"— would preempt further investigation and place biological science in the thrall of theology.
Even the theology, moreover, would be hobbled by contradictions. Intelligent design awkwardly embraces two clashing deities—one a glutton for praise and a dispenser of wrath, absolution, and grace, the other a curiously inept cobbler of species that need to be periodically revised and that keep getting snuffed out by the very conditions he provided for them. Why, we must wonder, would the shaper of the universe have frittered away thirteen billion years, turning out quadrillions of useless stars, before getting around to the one thing he really cared about, seeing to it that a minuscule minority of earthling vertebrates are washed clean of sin and guaranteed an eternal place in his company? And should the God of love and mercy be given credit for the anopheles mosquito, the schistosomiasis parasite, anthrax, smallpox, bubonic plague...? By purporting to detect the divine signature on every molecule while nevertheless conceding that natural selection does account for variations, the champions of intelligent design have made a conceptual mess that leaves the ancient dilemmas of theodicy harder than ever to resolve.
Der zweite Teil setzt sich allgemein mit neuen Publikationen über das Verhältnis zwischen Religion und Wissenschaft auseinander.
1. November 2001
Hegel und die Sklaverei -
oder über die seltsamen Erklärungsansätze des Thomas Mießgang
(Literaturen 11/2001)
Es gibt einen intellektuellen Typus, der die einmal gelernten theoretischen Kategorien immer brav anwendet, egal wie unpassend oder anachronistisch sie bei nüchterner Betrachtung sind. Ist etwas erklärungsbedürftig, wird beispielsweise ein postmoderner Theoretiker aus seiner irrationalen Idylle gerissen und herbeizitiert. Darf es etwas Klassischeres sein, liegt auch Freud oder - wie in diesem Fall - Hegel nicht fern.
Mießgang schreibt eine Reportage über die ehemalige Sklaveninsel Gorée. Lobenswerterweise zitiert er einige wichtige Bücher zum Thema sowie den hier am 4. September empfohlenen Artikel von David Brion Davies. Doch sobald er das Vorgedachte verläßt und selbst zu denken anfängt, klingt das so:
31. Oktober 2001
Thomas-Mann-Ausgabe erst im Frühjahr
Eine Mail von meinem Buchhändler:
Betreff: Subskription "Thomas Mann - Große Kommentierte Frankfurter Ausgabe"
Es würde mich allerdings sehr wundern, wenn es sich tatsächlich um technische Probleme handelt, viel wahrscheinlicher ist, dass die Edition der ersten Bände länger dauert als geplant.
Sehr geehrter Herr Köllerer,
wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass sich der Erscheinungstermin der
Subskription "Thomas Mann (GKFA)" auf Frühjahr 2002 verschoben hat. Grund
dafür sind technische Probleme bei der Produktion.
Sobald der erste Band bei uns eintrifft werden Sie von uns benachrichtigt.
Mit freundlichen Grüßen
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Herodot | Historien | Kröner | kommentierte Ausgabe; gebunden für nur 16 Euro erhätlich |
| Kenzaburo Oe | Stolz der Toten | Fischer TB | Eines der wenigen lieferbaren Bücher des Nobelpreisträgers |
| Iwan Bunin | Der Herr aus San Francisco | Reclam UB | zweisprachige Ausgabe |
| Iwan Bunin | Der Sonnenstich | Reclam UB | Übersetzer: Kay Borowsky |
29. Oktober 2001
Donizetti: Lucia di Lammermoor
(Deutsche Grammophon 1993)
London Symphony Orchestra / Ion Marin / Cheryl Studer / Placido Domingo
The House of Mirth
(Filmcasino 28.10.)
Regie: Terence Davies
Eine Oper und ein Film? Die beiden haben wenig Gemeinsames und waren doch der Anlass für ein paar allgemeine Gedanken über Ästhetik, genauer über die künstlerische Darstellung von starken Gefühlen. Im Film melodramatische Momente hervorzurufen ist nicht schwer, spezielle Kunstmittel werden dazu nicht benötigt, die Rezeption diverser Leidenschaften setzt keine besondere Vertrautheit mit Kunst voraus.
Anders bei der Oper. Hier wird dem Zuhörer die Kenntnis einer anspruchsvollen Kunstsprache, eines raffinierten ästhetischen Zeichensystems, abverlangt. Fehlt diese Erfahrung, werden auch die aufwühlendsten Opernszenen kühl und verständnislos rezipiert. Der Erregung großer Gefühle steht also eine komplexe Formensprache gegenüber, die im Laufe der Operngeschichte immer weiter verfeinert wurde. Das ist vermutlich die Erklärung dafür, dass ich mit exzessiven Gefühlen in Opern weniger Probleme habe als in Filmen, weil - auch in Autorenfilmen - oft mit ziemlich plumpen Methoden gearbeitet wird, um gewisse Effekte zu erreichen.
Beinah hätte ich es vergessen: Der Film (nach dem Roman von Edith Wharton) konnte mich nicht überzeugen, die zahlreichen Hymnen in der Filmkritik sind schwer nachvollziehbar. Handwerklich solide gemachtes Kostümkino, mehr war nicht zu sehen. Die Interpretation der Oper ist musikalisch solide. Da ich keine Vergleichseinspielungen präsent habe, will ich es bei dieser Feststellung belassen.
27. Oktober 2001
Bemerkungen zum Islam (2)
Die Absurdität der Wahrheitsansprüche der Religionen wird sofort evident, wenn man sich mit deren Entstehung beschäftigt. Der Islam ist hier keine Ausnahme. Bereits kurz nach dem Tod Mohammeds begannen diverse Spaltungsbewegungen und Sektenbildungen. Konträre Interpretationen von Texten, historische Verfälschungen je nach ideologischer Präferenz und Verbrämung sozialer Machtverhältnisse als religiöse "Gesetze" prägen das Bild. Als Beleg genannt seien nur Mu'tazilah, eine rationaler Theologie verpflichtete Schule, und die völlig unterschiedliche mystische Bewegung des Sufismus.
Die Missionierungsaktivitäten der vor allem dem islamischen Mystizismus verpflichteten Mönche, führte zu weiteren Verfälschungen. Denn es erwies sich - wie auch beim Christentum - als sehr zweckmäßig lokalen (Aber-)Glauben zu tolerieren bzw. sogar zu integrieren. Das erklärt die immer noch vorhandenen enormen Unterschiede in der religiösen Alltagskultur islamischer Länder (z.B. zwischen Arabien und Indonesien).
Allein diese Vielfalt führt den religiösen Wahrheitsanspruch erkenntnistheoretisch ad absurdum. Abstrakter gilt das natürlich für alle Weltreligionen, vertreten sie doch zahlreiche sich widersprechende Dogmen, die sich gegenseitig ausschließen. Deshalb ist es schon aus logischen Gründen unsinnig, religiöse Dogmen als Erkenntnisquelle auch nur in Erwägung zu ziehen.
Das größte Verdienst der islamischen Kultur ist philosophischer Natur. Es gab erstaunlich früh eine Reihe von Philosophen, ohne deren Einfluss die (abendländische) Geistesgeschichte anders verlaufen wäre. Bekannt sind vor allem Avicenna und Averroes sowie die Rezeptionsgeschichte der griechischen Philosophie, die über die Werke islamischer Gelehrter zurück nach Europa fand.
Weniger weiß man von anderen Denkern, etwa von Ibn Bajjah (gestorben 1138), der schon früh die Philosophie von der Theologie emanzipieren wollte und den erkenntnistheoretischen Wert der Wissenschaften betonte:
Philosophy, he claimed, is the only way to the truly blessed state, which can be achieved only [!] by going through theoretical science, even though it is higher than theoretical science [...] He is contemptuous of allegories and imaginative representation of philosophic knowledge, silent about theology [!], and shows no concern with improving the multitude's opinions and way of life.
Mir fehlt der Überblick über die geistesgeschichtlichen Forschungsgebiete an den moderneren islamischen Universitäten. Es wäre aber sehr zu wünschen, dass diese Geschichte des aufgeklärten Islam in Forschung und Lehre angemessen berücksichtigt wird.
[Britannica (1997) Band 22 S. 27]
Schiller über den "Nutzen" von Predigten
Brief an Christian Gottfried Körner vom 12. August 1787
Herders Predigt hat mir besser als jede andre die ich in meinem Leben zu hören bekommen habe, gefallen - aber ich muß Dir aufrichtig gestehen, daß mir überhaupt keine Predigt gefällt. Das Publikum zu welchem ein Prediger spricht, ist viel zu bunt und ungleich, als daß seine Manier eine allgemein befriedigende Einheit haben könnte und er darf den schwächlichen Theil nicht ignorieren wie der Schriftsteller.
Was kommt also heraus? Entweder er gibt dem Menschen von Sinn alltagswahrheiten oder Mystik zu hören, weil er dem blödsinnigen opfern muß - oder er muß diesen scandalisieren und verwirren, um den ernsten zu unterhalten. Eine Predigt ist für den Gemeinen Mann - der Mann von Geist, der ihr das Wort spricht ist ein beschränkter Kopf, ein Phantast oder ein Heuchler. Diese Stelle kannst Du übrigens beim Vorlesen überschlagen. Die Kirche war gedrängt voll und die Predigt hatte das große Verdienst, nicht lange zu dauern.
25. Oktober 2001
Das neue Merkheft ist online
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Elisabeth Schmierer | Kleine Geschichte der Oper | Reclam UB | gerade erschienen |
| La Mettrie | Der Mensch eine Maschine | Reclam UB | Übersetzt von Theodor Lücke |
| Anton Cechov | Drei kleine Romane | Friedenauer Presse | Übersetzt von Peter Urban; 6. Auflage |
22. Oktober 2001
Bibliothek: Neuzugänge
Höchste Zeit wurde es für eine größere Bestellung bei der Büchergilde Gutenberg, die zwar kein spektakuläres, aber doch ein sehr solides Programm anbietet.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Stefan Zweig | Die Welt von Gestern. Erinnerung eines Europäers | Büchergilde | ersetzt eine schäbige Taschenbuch-Ausgabe |
| Sebastian Haffner | Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914 - 1933 | Büchergilde | Lizenzgeber DVA |
| Wilhelm Genazino | Die Kassiererinnen | Büchergilde | Kleine Reihe |
| Bernard Mandeville | *(1) | Büchergilde | London 1724; Erste dt. Übersetzung |
| W.G. Sebald | Austerlitz | Büchergilde | Mein erstes Buch des Autors |
20. Oktober 2001
Herodot: Historien
Buch II
(dtv Bibliothek der Antike)
Das zweite Buch handelt ausschließlich von Ägypten, was sich spätestens seit dem "Englischen Patienten" herumgesprochen haben dürfte. Herodot scheint sich also der überragenden Bedeutung der ägyptischen Kultur bewusst gewesen zu sein, weshalb ihn auch des öfteren beschäftigt, was die Hellenen von den Ägyptern übernommen haben. Inkonsistenzen in diversen mythologischen Überlieferungen spricht er offen an.
Wer sich für die Anfänge des naturwissenschaftlichen Denkens interessiert, wird die Diskussion verschiedener Erklärungen der Nilschwemme aufschlussreich finden: Herodot gibt drei der gängigen Erklärungen wieder, aber "zwei von ihnen verdienen es gar nicht, wiedergegeben zu werden, nur daß ich eben auf sie hinweisen möchte". (S. 131) Er verwirft alle drei und entwickelt eine eigene Erklärung des Phänomens, die nicht schlechter als viele wissenschaftliche Reflexionen des Aristoteles sind. Mythologische Erläuterungen weist er schon sehr routiniert zurück:
Wer aber vom Okeanos gesprochen hat, der führt seine Erzählung auf Unsichtbares zurück und hat keinen nachprüfbaren Schluß [!] zu bieten. Denn ich wenigstens kenne keinen wirklichen vorhandenen Strom Okeanos, sondern Homer oder einer der Dichter noch früherer Zeit, meine ich, ist auf diesen Namen gekommen und hat ihn in die Dichtung eingeführt.
Apropos: Homer. Herodot hat auch zaghaft die Literaturgeschichtsschreibung begründet, macht er sich doch Gedanken über die Lebzeiten der Dichter:
(S. 132)
19. Oktober 2001
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Agota Kristof | Die dritte Lüge | Serie Piper | 3. Teil ihrer Roman-Trilogie |
| Goethe | Jubiläumsausgabe in 6 Bänden | Insel Verlag | *(1) |
| Ludwig Wittgenstein | Wiener Ausgabe. Studien Texte. Band 1-5 | Zweitausendeins | Für DM 20.- beinahe geschenkt |
16. Oktober 2001
Markus Werner: Der ägyptische Heinrich. Roman
(dtv)
Beinahe konnte man schon glauben, Markus Werner sei eine Ausnahme von der Regel, dass hervorragende Autoren ab und zu auch schwache Bücher schreiben. Verglichen mit den kleinen Meisterwerken wie "Zündels Abgang" oder "Festland" fällt sein letzter Roman deutlich ab. Die manchmal an den Stil des unsäglichen Gotthelf erinnernde Sprache kann ebensowenig überzeugen wie die Rekonstruktion der Biographie des teilweise in Ägypten tätigen Vorfahren des Erzählers. Die einfließende Gesellschaftskritik ist plump kulturpessimistisch, gar kein Vergleich zu den brillanten zynisch-geistreichen Kommentaren wie etwa in "Zündels Abgang".
Neue Gutzkow-Ausgabe
Der Oktober Verlag kündigt eine neue, historisch-kritische Ausgabe der Werke Karl Gutzkows an, ein Unternehmen, das zweifelsfrei Sympathie verdient. Möge es im Gegensatz zu vielen anderen Editionen über die ersten beiden Bände hinauskommen!
"Warum unsere Bücher immer hässlicher werden"
Dieser leider naheliegende Frage ist eine Diskussion gewidmet, zu der die Literaturredaktion des DLF geladen hatte. Die entsprechende Büchermarkt-Sendung kann man hier (rechte Maustaste) laden.
14. Oktober 2001
Bemerkungen zum Islam (1)
Seit vielen Jahren habe ich mich kaum mehr mit den Weltreligionen beschäftigt, sondern mich auf religionsphilosophische Fragestellungen beschränkt, die auf einer abstrakteren Ebene als die empirischen religionswissenschaftlichen Erkenntnisse angesiedelt sind.
Zum denkbar unoriginellsten Zeitpunkt begann ich nun vor ein paar Tagen in den umfangreichen Macropeadia- (=Britannica-) Artikeln darüber zu lesen. Dass Mohammed seine Karriere als überdurchschnittlich begabter Karawanen-Plünderer begann, war mir nicht neu. Dass er jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit an Epilepsie litt - für einen Visionär eine ausgesprochen zweckdienliche Krankheit, hilft sie doch ungemein bei der physiologischen Verzückung - war mir unbekannt.
Interessanter ist der geistesgeschichtliche Themenkomplex. Im Vergleich zu dem methodologischen Aufwand, den islamische Gelehrte von Anfang an mit ihrer Überlieferung trieben, gingen ihre christlichen Kollegen vergleichsweise naiv an ihre Sache heran, trotz der philologischen Bemühungen eines Clemens von Alexandrien oder Gregors von Nizza.
Die Kanonisierung der Hadith, der Berichte über den Propheten, zeigen das deutlich. Es gab strenge Authentizitätsvorschriften, deren Anwendung in der Praxis oft fragwürdig gewesen sein wird, die aber ein Stadium der rationalen Kriterienbildung erkennen lassen, dem gegenüber die Kanonisierung der (jüngsten) biblischen Schriften unreflektiv wirkt:
13. Oktober 2001
Herodot: Historien
Einführung von Detlev Fehling
Buch I
(dtv Bibliothek der Antike)
In die "Historien" hineingelesen hatte ich schon mehrmals, zu einer Lektüre des Gesamtwerks kam es bis jetzt noch nie. Ein Versäumnis dem ich nun behutsam - also Buch für Buch - abhelfen will.
Die dtv-Ausgabe greift auf die Übersetzung von Walter Marg zurück. Ein Kommentar ist (leider!) nicht vorhanden, dafür eine ausgezeichnete umfangreiche Einführung von Detlev Fehling, der sich teilweise von traditionellen Positionen der Herodot-Forschung verabschiedet. Beispielsweise nimmt er Herodot nicht mehr vor seinen eigenen Fehlern in Schutz und betont die unhistorische Seite des Werks.
Meine von altphilologischen Kenntnissen (leider) ungetrübte Perspektive auf das Buch ist ähnlich: Ich lese es einerseits als Literatur, andererseits als zentrales Dokument in der Geschichte des abendländischen Denkens. Es gibt kaum ein Zeugnis, an dem man die sukzessive Emanzipation vom Mythos zugunsten des rationalen Denkens besser beobachten kann.
Schon im ersten Buch gibt es zahlreiche Beispiele dafür, etwa wenn die mythische Entführung der Io nach Ägypten statt durch göttliche Intervention durch eine Entführung der Phönizier, notorischen Seefahrern, erklärt wird, die Io mit einem Schiff nach Ägypten bringen.
Es finden sich bereits philosophische Reflexionen, die an spätere antike ethische Betrachtungen erinnern, etwa wenn Solon folgendermaßen zitiert wird:
Denn viele Menschen, die gewaltig reich sind, sind unglücklich, vielen aber, die nur mäßig zu leben haben, geht es wohl. Nun hat, wer sehr reich ist, aber unglücklich, zweierlei voraus vor dem, dem es nur wohl geht, dieser aber vor dem Reichen und Unglücklichen vieles.
Als Beispiel für eine frühe rationale Methode, die erstaunlich modern anmutet, sei noch der Orakeltest des Kroisos genannt. Dieser schickt Boten gleichzeitig zu verschiedenen Orakeln, läßt dort anfragen und dokumentieren, was bei ihm in hundert Tagen passieren wird, arrangiert zu diesem Zeitpunkt einen raffinierten Test, und vergleicht dann die Prophezeiungen. Als Sieger des Tests geht selbstverständlich das Orakel in Delphi hervor.
Literaturen Nr. 10/01
Aus verschiedenen Gründen habe ich mir bis jetzt keine Ausgabe der "Literaturen" gekauft, wohl vor allem, weil im Internet mehr (gute) Rezensionen zu finden sind als ich verarbeiten kann. Positiv überrascht war ich nun vom umfangreichen Schwerpunkt Krieg um Troja, der mehrere lesenswerte Artikel umfasst und die jüngste Debatte um Troja gelungen bilanziert.
12. Oktober 2001
Schubert: Winterreise
(Wiener Musikverein 11. Oktober)
Robert Holl (Bass)
Oleg Maisenberg (Klavier)
Zeuge einer musikalischen Taktlosigkeit zu werden ist nichts besonders, wenn man damit aber im Wiener Musikverein konfrontiert wird, ist es doch erwähnenswert. Wer auf die Idee kam, ausgerechnet die "Winterreise" durch eine Pause nach dem 12. Lied zu unterbrechen, ist mir unbekannt. Dass dadurch alle musikalischen und literarischen Spannungsbögen unterbrochen werden, scheint die Veranstalter offenbar nicht gestört zu haben.
Sieht man von diesem veritablen Ärgernis ab, ist nur Positives über den Abend zu sagen. Robert Holl wählte eine dramatisch-expressive Herangehensweise an den Zyklus und lieferte eine vorzügliche Interpretation ab.
Fundstück
Wer die Versuchung nicht kennt, ein Buch zu klauen, der verdient auch keine Freiexemplare.
Ernst Rowohlt (23. 6. 1887 - 1. 12. 1960)
Die New York Review of Books über die Terroranschläge
Ganz gegen die virtuellen Gewohnheiten der NYRB sind bereits zwei Artikel der ersten Novemberausgabe online:
Stanley Hoffmann: On the War
Richard L. Garwin: The Many Threats of Terror
7. Oktober 2001
Die neue Bestenliste ist online
Martina Pippal: Kleine Kunstgeschichte Wiens
(C.H. Beck; München 2000)
Wie aus dem Titel ersichtlich, handelt es sich um einen konzisen Band, gut 250 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen. Als Leser erfährt man viel Wissenswertes über die Entwicklung der Künste in Wien. Manchmal wünscht man sich mehr Informationen und auch die eine oder andere Digression, aber das widerspräche wohl der Anlage des Buches.
Als einführender Text ist die "Kleine Kunstgeschichte" durchaus empfehlenswert.
250 Jahre Encyclopédie
Der kürzlich in der Anderen Bibliothek erschienene Prachtband mit ausgewählten Artikeln aus Diderots Encyclopédie ist umstritten, in der aktuellen ZEIT-Literaturbeilage findet sich ein Verriss mit plausiblen Argumenten. Dieser für Telepolis geschriebene Beitrag gibt einen kurzen Überblick über Diderots Projekt.
Robert Malley & Hussein Agha: Camp David: The Tragedy of Errors
(The New York Review of Books 13/2001)
Die NYRB begleitet seit vielen Jahren den Nahost-Konflikt mit klugen Beiträgen. Beide Autoren waren an den gescheiterten Verhandlungen in Camp David beteiligt und werfen neues Licht auf die damaligen Vorgänge. Dass man den Palästinensern zu Unrecht den schwarzen Peter zugeschoben hat, ist hier ebenso nachzulesen, wie die "skurrile" Verhandlungstaktik Baraks, die von vornherein zum Scheitern verurteilt war.
Neu als Taschenbuch
Einer der besten deutschen Romane der letzten Jahre endlich als Taschenbuch: Wolfgang Hilbigs "Das Provisorium" (Fischer TB; EUR 9,90)
6. Oktober 2001
Bernhard Schlink: Liebesfluchten. Geschichten
(Büchergilde / Diogenes)
Da ich Schlinks Roman "Der Vorleser" - ein bemerkenswertes Zusammentreffen von Bestseller und guter Literatur - noch in bester Erinnerung hatte, lag der Griff zu seinem Erzählungsband nahe.
Der Gesamteindruck ist nicht negativ, einige Geschichten sind ausgezeichnet ("Das Mädchen mit der Eidechse"), eine ist unglaubwürdig konstruiert ("Zuckererbsen"). Fast alle spielen im Milieu der sogenannten "Besserverdienenden" und kreisen um deren diverse Beziehungs- und Lebenskrisen. Sprachlich sind die Erzählungen schlicht gehalten, ohne deshalb naiv zu wirken. Ein durchaus lesenswerter Band.
Doderers literarischer Kommentar zur Psychoanalyse
("Die Dämonen")
Ganz bescheiden im Gefolge Tlopatsch's war auch Fräulein Wiesinger, die Pianistin, erschienen, kurzsichtig und stupsnäsig [...]
Sie war jedoch nicht dumm, nur ganz und gar verschroben, unheilbar aber erst durch den Umstand geworden, daß sie einmal einem Psychoanalytiker in die Hände geraten war, nach dazu als Halbwüchsige, und obendrein: der Mann war imstande gewesen, ihr wirklich zu helfen. Hierdurch also war sie unheilbar geworden, denn sie erhielt nun für alles in der Welt, was immer ihr am Mitmenschen auffiel, einen gutpassenden Schlüssel, erschloß damit alsbald den Sachverhalt und fand richtig drinnen eine Benennung irgendwelcher Art sozusagen schon vorbereitet liegen. Mit solcher Magie der Namensgebung glücklich und zufrieden, glaubte sie sich allen Ernstes im Besitze tiefer Einsichten, und das war für ihren an sich nicht schlechten, doch immerhin bescheidenen Verstand denn doch zu viel. Sie schnappte über, das heißt, sie verlor das Gleichgewicht und wurde eingebildet und anmaßend, ganz in der Art, wie es ein richtig von Geburt her völlig Blöder zu sein pflegt. Man kann sagen, sie war, statt aller früheren Übel, nunmehr endgültig und für immer an der Psychoanalyse selbst erkrankt; für eine Heilwissenschaft jedenfalls ein beachtenswertes Resultat. Sie blieb auch dauernd in 'Behandlung', durch die vielen Jahren hindurch, opferte einen großen Teil ihres schwer verdienten Geldes dafür und tut das, wie ich neulich erst hörte, heute als alte Dame noch.
(dtv 1993, S. 432f.)
3. Oktober 2001
Lutz-W. Wolff: Heimito von Doderer
(rororo Monographie; Reinbek 1996)
Von der Lektüre "Der Dämonen" angeregt, las ich zum zweiten Mal diese solide Einführung in Doderers Leben & Werk. Beides wird in einem ausgewogenen Verhältnis behandelt und Doderes ästhetische Vorstellungen kommen dabei nicht zu kurz. Als Auftakt für eine ausführlichere Beschäftigung mit dem Autor sehr geeignet.
Leipziger Bücherlei
Viele werden es schon kennen, das bibliomane Weblog des Markus Kolbeck. Trotzdem muss es hier einmal erwähnt werden. Aus einer Vielzahl von Quellen kompiliert, werden Anekdoten, Zitate und Nachrichten rund um das Thema Buch geboten. Ein kleines Beispiel:
1. Oktober 2001
Joseph Connors: The Lion of Florence
(The New York Review of Books 14/2001)
Im Mittelpunkt des ausführlichen Aufsatzes steht Leon Battista Alberti, dem einer der besten Renaissance-Experten unserer Zeit, Anthony Grafton, eine Studie widmete: "Leon Battista Alberti: Master Builder of the Renaissance".
Conners nimmt diese Neuerscheinung sowie Robert Tavernors "On Alberti and the Art of Building" zum Anlass für ein ausführliches Portrait des Künstlers. Zusätzlich wird dem interessierten Leser eine kurze Einführung in die Theorie der Malerie und Architektur dieser Epoche geboten.
Leider ist der Artikel noch nicht online, aber es wird ja kaum jemanden geben, der die NYRB nicht abonniert hat :-)
Wichtige Neuerscheinungen
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Hans-Joachim Jakob | "Die Folianten bilden Gelehrte, die Broschüren aber Menschen". Studien zur Flugschriftenliteratur in Wien 1781 bis 1791 | Peter Lang | DM 89.- |
| Florian Uhl (Hrsg.) | Roger Bacon in der Diskussion | Peter Lang | Bacon ist einer der interessantesten Philosophen des Mittelalters, nicht zu verwechseln mit Francis Bacon |
| Karl Popper | Die Quantentheorie und das Schisma der Physik | Mohr Siebeck | Postskript zur "Logik der Forschung" |
| Karl Popper | Das offene Universum | Mohr Siebeck | Gesammelte Werke Band 8 |