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Notizen: Archiv

von Christian Köllerer



4. Quartal 2002



29. Dezember 2002

Hans Memling & die griechische Kunst in Wien

Das Kunsthistorische Museum zeigt anläßlich einer Sonderausstellung "Schatzkammer Polen" als Höhepunkt das 1471 vollendete Gemälde (dreiflügeliges Altarbild) "Das jüngste Gericht" (1471) des Hans Memling, das man normalerweise nur im Nationalmuseum Danzig besichtigen kann. Die Ausdruckskraft der Figuren ist ebenso beeindruckend wie die über die drei Flügel gehende elliptische Konstruktion. Wer die Gelegenheit dazu hat, sollte es unbedingt ansehen!
Ich nahm die Gelegenheit wahr, um mich über den Fortgang der Restaurierungsarbeiten rund um die seit etwa 2 Jahren geschlossene Antikensammlung zu erkundigen. Von einer Wiederöffnung Anfang des nächsten Jahres ist keine Rede mehr, angeblich weil zwei der beteiligten Firmen in Konkurs gegangen seien. Die griechisch-römische "kunstlose" Zeit in Wien wird also noch eine Weile dauern ...

Was lesen Kamikaze-Piloten?

Nicht alle wissen, dass die Ehre, mit einem Flugzeug als lebende Bombe auf amerikanische Kriegsschiffe zu rasen, vor allem japanischen Eliteabsolventen vorbehalten war. Bevorzugt wurden Geisteswissenschaftler:

    It was also typical that he was a humanties student. Engineers and the like were deemed to be less expendable in a country at war and thus not asked to volunteer for an early death.
Die Rede ist von Sasaki Hachiro, einem der Piloten, von dem Ian Buruma in seinem Artikel "Suicide for the Empire" anläßlich wichtiger Neuerscheinungen dazu berichtet (The New York Review of Books Nr. 18/2002The New York Review of Books Nr. 18/2002). Wir erfahren auch, womit sich der junge Japaner beschäftigte, bevor er diesen sinnlosen Tod starb:
    Sasaki was a keen reader of, among others, Engels, Marx, Schopenhauer, Bentham, Mill, Rousseau, Plato, Fichte, Carlyle, Tolstoy, Romain Rolland, Erich Maria Remarque, Weber, Chekhov, Wilde, Mann, Goethe, Shakespeare, Tanizaki, Kawabata and Natsume Soseki. This short list was not unusual for a Tokkotai [=Kamikaze-Auserwählter]. Ohnuki-Tierney mentions a suicide pilot who read not only as widely, but in English, French, German, Italian, and Sanskrit, too. Others wrote their wills in French and German. Certain authors - Heidegger, Fichte, Hesse - come up in most of the young pilots' reading lists, which reveal a common taste for German idealism.
Vielleicht hätten sie weniger Fichte und Heidegger, sondern mehr Hume und Frege lesen sollen. Nachzutragen bleibt noch der Titel des Buches von Emiko Ohnuki-Tierney, der diese Thematik erschöpfend behandelt: Kamikaze, Cherry Blosoms, and Nationalists: The Militarization of Aesthetics in Japanese History (University of Chicago Press). An dem Buch ist laut Ian Buruma nichts auszusetzen, wenn man von den zu vielen Bourdieu-Zitaten absähe.


27. Dezember 2002

Schubert: Fierrabras
(Deutsche Grammophon 1990)
Chamber Orchestra of Europe
Claudio Abbado


Als Opernkomponist hat Schubert nicht eben den besten Ruf. "Firrabras", seine letzte Oper, ist auch nicht dazu angetan, diese Einschätzung zu widerlegen. Musikalisch scheint es (beim ersten Hören) nicht übermäßig originell. Anklänge an die Zauberflöte (Sarastro/Karl der Große) und auch an Fidelio sind nicht zu überhören. Handwerklich ist selbstverständlich nichts auszusetzen, aber im Vergleich zu Schuberts Meisterwerken ist das Hörerlebnis doch enttäuschend.

Popper und die analytische Philosophie

In den letzten Jahren ist der Wiener Kreis verstärkt in den Blick der philosophiehistorischen Forschung gerückt. Das ist sehr erfreulich, handelt es sich dabei doch um eine der spannendsten intellektuellen Unternehmungen des letzten Jahrhunderts. Anstatt der sonst weit verbreiteten philosophischen Vorgehensweise (habilitierter Guru sammelt mit esoterischen Wortspenden Schüler um sich, die seine Lehre dann mit esoterischen Wortspenden weiter tragen), wurde in dem Kreis rund um Moritz Schlick ernsthaft versucht, mit rationalen Methoden zu neuen philosophischen Theorien zu gelangen, inspiriert durch den Aufschwung der Naturwissenschaften und in bester Tradition der Aufklärung. In schnellen Abstand wurden diese Theorien kritisch auseinandergenommen und durch bessere Varianten ersetzt, das kann man z.B. rund um die Entwicklung eines Verifikationskriteriums verfolgen oder an Poppers Kritik am Positivismus klassischer Prägung.
Malachi Haim Hacohen rückt diese Zeit in den Mittelpunkt ihrer umfangreichen neuen Studie: Karl Popper: The Formative Years, 1902-1945: Politics and Philosophy in Interwar Vienna (Cambridge University Press). Colin McGinn nimmt dieses Buch zum Anlass, Poppers Theorien unter die Lupe zu nehmen (The New York Review of Books Nr. 18/2002). Dabei würdigt er einerseits Popper als brillanten Skeptiker, hält seine Wissenschaftstheorie allerdings für praxisfern, was er u.a. am Thema Induktion ausführt:

    The simple fact is that induction is deeply embedded in science and common sense, and there is no convincing reason why we should declare it irrational. A adequate account of scientific method qould recognize both verification and falsification as necessary procedures, not insist in one at the expense of the other. And there is something contrived and artificial about setting up an opposition here: for falsifying a statement is equivalent to verifying its negation.

McGinn gelingt es, einige der bekannten Probleme von Poppers Induktionstheorie pointiert zusammenzufassen. Trotzdem übersieht er, den Hauptvorteil des Falsifikationsverfahrens: Dieses kombiniert radikale rationale (Selbst)kritik erkenntnistheoretisch mit den Naturwissenschaften als zuverlässigste Wissens-bringer.


26. Dezember 2002

Ric Burns u.a.: New York. Die illustrierte Geschichte von 1609 bis heute
(Frederking & Thaler)


Ein Drittel des Buches las ich als Vorbereitung für meine kleine New-York-Reise im November, den Rest danach. Der großformatige Band ist 600 Seiten stark und nach der Lektüre hat man einen umfassenden Überblick über die Geschichte New Yorks. Die zahlreichen Abbildungen sind klug gewählt und ergänzen den Text ausgezeichnet.
Die Geschichte New Yorks wird paradigmatisch als Geschichte der Moderne erzählt. Keine Stadtgeschichte eignet sich besser für dieses Unterfangen. Die Autoren folgen den Höhen und Tiefen dieser Entwicklung, wobei die Schattenseiten (etwa die elenden Slums und Arbeitsbedingungen der Millionen von Emigranten) nicht zu kurz kommen.
Staunend steht man vor den zahlreichen Superlativen dieser Stadt und versteht, warum diese Hochburg des Kommerzes und der Aufklärung, der Massenmedien und der Multikulturaltität, der geballten Kreativität und Brutalität, von den Gegnern der Moderne als Zentrum des Bösen angesehen werden muss, spricht sie doch alleine durch die geistige Vielfalt (auf den unterschiedlichsten Ebenen) allen ideologischen Fundamentalismen Hohn.
Für die 50 Euro bekommt man also einiges geboten, nebenbei auch eine kleine Auffrischung der Geschichte der USA und einen Einblick in Prozesse der Stadtplanung.

Russische Kulturgeschichte

Wenn man diversen Rezensionen glauben darf, legte Orlando Figes mit Natasha's Dance. A Cultural History of Russia (Metropolitan Books) eine brauchbare Kulturgeschichte Russlands vor. Dass die Literatur des 19. Jahrhunderts dabei nicht zu kurz kommt, deutet schon der Titel an, der auf eine Szene aus "Krieg und Frieden" anspielt.


23. Dezember 2002

Klaus Bringmann: Geschichte der römischen Republik. Von den Anfängen bis Augustus
(C.H.Beck: Historische Bibliothek)


Auf knapp 430 Seiten gibt Bringmann, ein emeritierter Frankfurter Althistoriker, einen konzisen Überblick über die römische Geschichte bis zum Aufstieg des Augustus. Die fünf Kapitel setzen unterschiedliche Schwerpunkte: Das erste ist dem Aufstieg Roms in Italien gewidmet, das zweite dehnt die Perspektive dann auf die Mittelmeerländer (und darüber hinaus) aus. Das zentrale dritte Kapitel ist der Krise der Republik und deren Ursachen gewidmet. Letztere sieht Bringmann in diversen strukturellen Unzulänglichkeiten, die dann - kombiniert mit der Reformunfähigkeit der Aristokratie - zum Untergang der Republik führen.
Manches würde man sich ausführlicher dargestellt wünschen. Hervorzuheben ist die breit kommentierte Bibliographie der wissenschaftlichen Literatur zum Thema. Ein sehr solides Buch zum Thema.

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Wilfried Barner Jahrbuch der deutschen Schiller-Gesellschaft 2002 Kröner Bis zum Rand mit Aufsätzen gefüllt, u.a. über Schiller, Charlotte von Kalb, Hofmannsthal, W.G. Seebald
(1) Martin Gregor-Dellin; (2) Gustav Parthey (1)Partheys völlig verfehlter Besuch bei Thomas Mann; (2) Ein verfehlter und ein gelungener Besuch bei Goethe Marbacher Bibliothek 5 Geschenk der Schiller-Gesellschaft

21. Dezember 2002

Thomas-Mann-Ausgabe: Band Nr. 4

Diesmal war der Anruf nicht vergebens, es wartete eine schwergewichtige Kassette auf mich: Essays II: 1914-1926. Ein fast 1300 Seiten umfassender Textband wird von einem ähnlich schwergewichtigen Kommentarband (1000 Seiten) begleitet. Fast etwas viel Mann auf einmal :-)

Charles Rosen über T.W. Adorno

Rosen darf wohl ohne viel Übertreibung zu den wichtigsten Musikgelehrten des letzten Jahrhunderts gezählt werden, spannend also, was er über Adornos musiktheoretische Werke zu sagen hat. Sein langer Essay ist in der The New York Review of Books Nr. 16/2002The New York Review of Books Nr. 16/2002 nachzulesen (Should We Adore Adorno?).
Die wenigen Komplimente an der Oberfläche sollten einen nicht täuschen: Rosen kritisiert Adorno, berechtigterweise möchte man ergänzen, auf der ganzen Linie. Seine simplistische Gegenüberstellung von Schönberg und Strawinsky sei von kulturellen Stereotypen beeinträchtigt. Danach weist Rosen akribisch nach, wie fehlerhaft Adornos Beethovendeutung ist, des Komponisten also, mit dem sich Adorno am meisten beschäftigte:

    What Adorno sees as discontinuity in the late style ist in fact a more powerful integration on a larger scale, one that can reconcile the most brutal contrasts. What causes him to misrepresent the character of the late work is his too easy identification of convention with objectivity and original expression with subjectivity. This relegates the conventional to the inexpressive, but the musical conventions have in fact an expressive charge of their own and the art of the composer lies in knowing how to release that charge with the greatest effect. Adorno perceives the importance of the convention in the work of elderly artists like Beethoven and Goethe, but he does not see the power of the most banal aspects of the musical and poetic languages [...]
Verquere Sprache ist sehr oft ein Zeichen für eben solches Denken: An ihrer Sprache werdet ihr sie erkennen :-)
Ein Denker wie Rosen hat mit diesem dunklen Geschwafel selbstverständlich auch seine Schwierigkeiten:
    Under Adorno's hands, many of the terms so frequently repeated begin to lose a great part of their meaning. He himself makes a fetish of "fetishism", as well as of "bourgouis", "subjecitivity", "regressive", and "infantile", and other words, which tend to become vacous when applied so mechanically and uncritically.
Hinter dieser Sprache versteckt sich weniger Originalität als gemeinhin angenommen wird:
    His intelligence, nevertheless, was derivative rather than original. One important influence on Adorno os not mentioned by his admirers because it is no longer intellectually respectable: the Oswald Spengler of the once-famous "Decline of the West". Like Spengler, he preferred intuition to empirical research and theory to empirical description.
Kein Wunder, dass Adorno derzeit wieder so hoch in Mode ist.

"Zur Geschichte des Zeitromans" ...

... hat Peter Stein seine umfangreiche Rezension über eine Habilitationsschrift betitelt, die sich mit dem Roman des späten 18. und 19. Jahrhunderts unter diesem Blickwinkel auseinandersetzt.


15. Dezember 2002

Bibliothek: Neuzugänge

Meine "Jahresbestellung" bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft. Die Auswahl fiel naturgemäß sehr schwer ...

Autor Titel Verlag Kommentar
Dante Alighieri Die göttliche Komödie Faber & Faber Leipzig wunderschöne, dreibändige illustrierte Ausgabe. Übersetzt von Karl Vossler
Achim von Arnim Sämtliche Romane und Erzählungen Wissenschaftliche Buchgesellschaft eine der hier schon oft gerühmten guten & preisgünstigen Klassiker-Lizenzausgaben der WBG
Joachim Güntner; Marion Janzin Das Buch vom Buch. 5000 Jahre Buchgeschichte Schlüterscher Verlag opulenter Band im Großformat; ein Bibliomanikum der Extraklasse

Lutherbibel als Faksimile

Normalerweise sind Faksimiles keine billige Angelegenheit. Desto erfreulicher, wenn der Taschenverlag eine Ausgabe für 99.- Euro vorlegt. Mehr davon!

Kosten eines Irak Krieges

Der in Yale lehrende Volkswirtschaftler W.D. Nordhaus stellt in der The New York Review of Books 19/2002The New York Review of Books 19/2002 nüchtern eine qualifizierte Schätzung der potenziellen Kriegskosten an. Dabei geht er von einem sehr guten und einem ziemlich schlechten Szenario aus.
Im ersten Fall wäre ein Krieg schon für günstige 121 Milliarden Dollar zu haben. Sollte sich die Angelegenheit übel entwickeln, werden etwa 1600 Milliarden Dollar fällig.


10. Dezember 2002

Reise-Skizzen New York (1)

Es dürfte derzeit kaum eine sicherere Stadt als New York geben. Will man ein öffentliches Gebäude betreten, werden im besten Fall nur die Taschen durchsucht. Aber auch flughafenähnliche Sicherheitskontrollen mit modernster Technik sind keine Seltenheit. Bringt man diese Kontrollen hinter sich, kann man sich beispielsweise der gigantischen Kunstsammlung des Metropolitan Museum zuwenden. Angesichts der siebenstelligen Zahl an Kunstwerken empfiehlt sich eine strikte Auswahl. Ich konzentrierte mich auf Europäische Malerei und griechische Antike. Die Gemäldegalerie versammelt eine Fülle von Höhepunkten der Kunstgeschichte. Dagegen wirkt das Kunsthistorische Museum in Wien fast wie ein Provinzinstitut. Alleine die vielen Selbstportraits von Rembrandt wären Grund genug für eine Reise nach New York. Die Antikensammlung braucht keinen Vergleich mit griechischen Museen zu scheuen, was angesichts der zahlreichen legalen und illegalen Kunstexporte nicht überrascht. Man sollte sich mindestens zwei halbe Tage dafür Zeit nehmen.

Bibliothek deutscher Klassiker

Zwölf Bände neu aufgelegt hat der Aufbau Verlag. Preis: 99 Euro.


7. Dezember 2002

Nikolaj Gogol: Die toten Seelen. Roman
(dtv)


Religion ist der Entwicklung des Geistes im allgemeinen nicht förderlich (ein paar geistesgeschichtliche Ausnahmen durchaus zugestanden). Ein eklatantes Beispiel dafür ist die Nacht zum 12. Februar 1852, in der Gogol, aufgehetzt durch einen fanatisierten Priester, das Manuskript des zweiten Bandes seines Romans verbrannte.
Es ist zur Genüge bekannt, dass "Die toten Seelen" einen Meilenstein der russischen Literatur darstellen. Wie so oft im ästhetischen Bereich, geht hohe Qualität mit hoher Komplexität einher. Ein Indiz dafür sind die bis heute divergenten Interpretationen des Werks. Von einer progressiven Darstellung der sozialen Problematik Russlands bis hin zu einer reaktionären Verklärung des Gutsherrentums reicht das Meinungsspektrum.
Von einem Beginn der realistischen Literatur in Russland kann man durchaus sprechen, allerdings nur, wenn man den satirischen Ansatz des Romans ausreichend würdigt. Abstrahiert man von den zahlreichen gelungenen Übertreibungen erhält man tatsächlich ein ungewöhnlich lebendiges Bild des damaligen Zarenreichs (genauer: der Provinz desselben).
Die überlieferten Fragmente des zweiten Teils hinterlassen einen zwiespältigeren Eindruck, zumal verstärkt gegen aufklärerische Bewegungen in Russland polemisiert wird und fragwürdige Typisierungen stattfinden.
Obwohl der umfangreiche erste Band am Anfang der großen russischen Romane des 19. Jahrhunderts steht, gehört er zu den besten seiner Art.


1. Dezember 2002

Archiviert ...

... habe ich die kleinen griechischen Reise-Skizzen.

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Ian McEwan Abbitte Diogenes Übersetzer: Bernhard Robben
Brigit Carnabuci Sizilien. Griechische Tempel, römische Villen, normannische Dome und barocke Städte im Zentrum des Mittelmeeres Dumont Kunst-Reiseführer Für die Vorbereitung meiner nächsten Reise
Journal of the History of Ideas No. 3/2002: Locke, Leibniz, "Romanticism and the Origins of the Greeks" uvm. John Hopkins University Press ISSN 0022-5037
Klaus Bringmann Geschichte der römischen Republik. Von den Anfängen bis Augustus C.H. Beck (Historische Bibliothek) Neuerscheinung


30. November 2002

Zyklus Albert Berg Quarett: 1. Konzert
aron quartett
(Konzerthaus 26.11.)
Viktor Ullmann: Streichquartett Nr. 3 op. 46 (1943)
Alban Berg: Streichquartett op. 3 (1910)
Antonin Dvorák: Streichquartett Nr. 13 op. 106 (1895)


Traditonsgemäß bestreitet ein Gastensemble das erste Konzert dieses Zyklus und erhält dadurch Gelegenheit, sich dem Wiener Streichquartett-Publikum vorzustellen. Die Interpretationspraxis bewegte sich in bewährtem Rahmen, auf eine musikalische Profilierung durch Extravaganzen wurde verzichtet.
Die Zusammenstellung des Programms verdient wegen des selten gespielten Ullmann-Quartetts großes Lob, es wurde dann auch mit entsprechendem Verve gegeben. Bei Alban Berg fanden die vier Musiker zu einem guten Mittelweg zwischen Expression und Exaktheit.
Ein zwiespältiges Gefühl ließ Dvoráks Nr. 13 zurück. Kompositorisch einfallsreich, wirkt es ästhetisch etwas antiquiert, wenn man etwa an die späten Beethoven Quartette denkt.

Studienreise für Wagemutige

Organisierte Studienreisen haben den Ruf der Betulichkeit. Dass hier durchaus spannende Abenteuer möglich sind, zeigt der Wiener Anbieter Akademischer Reisedienst, der in seinem neuen Katalog 2003 nach wie vor den Irak im Programm hat, darunter Termine, die sich meterologisch besonders für amerikanische Ausflüge in diese Region eignen. Hier der Scan.

Reise-Skizzen Griechenland (5): Delphi

Ein kulturgeschichtlicher Höhepunkt jeder Griechenland-Reise und auch in der Nachsaison von Touristen überlaufen. Am Berg gelegen sind die für eine solche Stätte typischen Ruinen zu finden (Tempel, Stadion, Trainingsstätte), aber auch eine Reihe von Häusern mit Weihegaben der einzelnen Stadtstaaten.
Hier also wurde altgriechische Politik gemacht, praktischerweise verknüpft mit für damalige Verhältnisse sehr beachtlichen Geldströmen, welche durch geschickte Priester in die richtigen (also die eigenen) Kassen umgeleitet wurden.
Bei dieser Gelegenheit sei auf die zweisprachige kleine Anthologie "Das Orakel von Delphi. Geschichte und Texte" hingewiesen, das bei Reclam erschienen ist und für wohlfeile 3,10 Euro zu haben ist.


24. November 2002

Ibsen: Die Wildente
(Theater in der Josefstadt 23.11.)
Regie: Dietmar Pflegerl
Gregers: Herbert Föttinger
Hjalmar Ekdal: Peter Scholz
Hedwig Ekdal: Gertrud Dassl


Für die Nicht-Wiener: Das Theater in der Josefstadt (das angesichts des Gesundheitszustandes des Publikums wohl bald in "Sanatorium in der Josefstadt" umbenannt wird) ist die konservativste Bühne der Stadt. Erstaunlich deshalb, dass ausgerechnet dort derzeit die besten Aufführungen in Wien zu sehen sind (vom Akademietheater einmal abgesehen). Peinlichkeiten wie den Cyrano de Bergerac am Burgtheater gibt es in der Josefstadt nicht.
Geboten wird dort klassisches literarisches Schauspiel auf sehr hohem Niveau, eine Kunst also, die angesichts avancierterer Regie-Ästhetiken antiquiert wirken mag, trotzdem für das Überleben des Theaters unverzichtbar ist. Vielfalt sollte das Motto sein, und es ist schön in einer Stadt zu leben, wo beides in ansprechender Qualität geboten wird (und, nebenbei bemerkt, in einer Stadt, in der mehr Menschen in die Theater als in die Fußballstadien gehen :-)
"Die Wildente" ist eines der interessantesten Stücke Ibsens, markiert es doch einen wichtigen Wendepunkt seines Schaffens. Im Gegensatz zu früheren Werken (die "Gespenster" etwa) bricht der Autor hier den idealistischen Standpunkt: Der "Aufklärer" Gregers Wehrle nimmt seinem Jugendfreund Hjalmar Ekdal seine Lebenslüge mit dem Ziel, eine wahre, auf Aufrichtigkeit gegründete Ehe zu stiften. Das Ergebnis führt in die Katastrophe. Idealismus ohne Rücksicht auf menschliche Schwächen stiftet mehr Schaden, denn Nutzen, so das skeptische Resümee.
Stoffgeschichtlich ist das Stück aufschlussreich, weil erstmals im europäischen Theater eine kleinbürgerliche Familie die Hauptrolle spielt und das Ende von einem düsteren Pessimismus zeugt. Die Inszenierung ist "klassisch" im besten Sinn des Wortes. Die schauspielerischen Fähigkeiten sind beeindruckend (ab und zu vielleicht einen Hauch zu pathetisch).
Eine dringende Empfehlung!

Woody Allen: Hollywood Ending
USA 2002
Regie: Woody Allen
Téa Leoni, George Hamilton, Debra Messing


Viele sagen Woody Allen als Regisseur bereits tot, und es stimmt, dass seine letzte hervorragende Arbeit, "Deconstructing Harry", schon ein paar Jahre zurück liegt. Seine jüngsten Filme waren mehr oder weniger leichte Komödien, ganz nett gemacht, aber ohne jeglichen ambitionierte Ansprüche.
Sein neuer Film (auf DVD aus New York mitgebracht), der in Europa erst noch anläuft, stellt einen Fortschritt dar. Das Thema - Reflexion über das Filmemachen - zeugt von einem anspruchsvollerem Thema, allerdings hätte Allen mehr daraus machen können. Der Film gehört nicht zu seinen besten, dazu fehlt ihm die subtile intellektuelle Komplexität seiner herausragenden Produktionen. Man kann ihn vielleicht mit "Manhattan Murder Mystery" (1993) vergleichen: witzig, nicht unintelligent, aber auch nicht mehr.
Allens vorsichtige Rückkehr zum Slapstick, womit sich der Kreis zu seinen frühen Filmen schließt, schadet meiner Meinung mehr als sie nützt. Es bleibt abzuwarten, wann (ob) ihm noch einmal Filme wie "Crimes and Misdeamenors" oder "Hannah and Her Sisters" gelingen werden.

Die Besiedlung Südamerikas

Die klassische Hypothese besagt, dass gegen Ende der letzten Eiszeit (13.000 - 9000 v. Chr.) der amerikanische Kontinent über die Beringstraße besiedelt wurde und sich die Menschen langsam auf dem Landweg nach Südamerika bewegten.
Neuere archäologische Forschungen bezweifeln dies. Im Süden Perus (Quebrada de los Burros) wurden zahlreiche Belege für vergleichsweise hoch entwickelte (Fischer)boote gefunden. Die naheliegende Schlussfolgerung: Die amerikanischen Ureinwohner könnten mit diesen Booten auch die Küsten entlang gefahren sein und den Kontinent wesentlich schneller besiedelt haben als bisher angenommen. Nachzulesen ist das in Spektrum der Wissenschaft 11/2002 (Klaus-Dieter Linsmeier: Fischer in der Wüste. S. 56ff.)


23. November 2002

Thomas-Mann-Ausgabe: Logistische Probleme?

Im Oktober rief mich meine Buchhandlung an, ich möge doch bitte drei neue Bände der Ausgabe abholen. Nach der knapp einjährigen Verspätung der ersten Lieferung, dachte ich, S. Fischer hätte nun die kolportierten technischen Editionsprobleme endlich in den Griff bekommen.
Als ich dann aber den "Zauberberg" in der neuen Ausgabe in Empfang nehmen wollte, stellte sich heraus: Man hatte mir die ersten drei Kassetten noch einmal geschickt. Es heißt nun also, weiter warten ...

Die amerikanischen Intellektuellen und deren Regierung

Anti-Amerikanismus ist schon deshalb eine einfältige Angelegenheit, weil man einen Regierungszirkel pars pro toto für die Vereinigten Staaten nimmt. Wer sich über die Vielfalt der inneramerikanischen Kritik an der neuen Außen- und Innenpolitik informieren will, greift am besten (wieder einmal!) zur The New York Review of Books. In jeder Ausgabe wird aus den verschiedensten Perspektiven Kritik an Bush und Konsorten geübt.
In der Ausgabe Nr. 18 analysiert Felix Rohatyn ("From New York to Baghdad") die Situation aus ökonomischer Perspektive:
Our national economy ist fundamentally on the wrong track. The federal budget, which had a steadily increasing surplus at the end of the 1990s, now has growing deficits. From being a country with a budget in surplus, a strong currency, and a decreasing national debt, the United States has become a country with a long-term budget deficit, a weakening currency, and an increasingly large national debt.

Nigel Spivey: Greek Art
(Phaidon Art & Ideas)


Als Nachbereitung meiner Griechenland-Reise zog ich diesen Band - erschienen in der sehr empfehlenswerten Art & Ideas Reihe - aus dem Regal. Spivey gibt einen umfassenden, kompetenten und (bei kunsthistorischen Büchern besonders wichtig) jargonfreien Überblick über die antike griechische Kunst. Der behandelte Zeitraum erstreckt sich von der prähistorischen bis in die hellenistische Zeit.
Dem Reihenkonzept gemäß wird (relativ) ausführlich auf den historischen und geistesgeschichtlichen Kontext eingegangen, so dass man mit einer Reihe von schon Bekannten rechnen muss, wenn man im antiken Griechenland schon etwas zu Hause ist. (Was der peloponnesische Krieg war sollte man eigentlich doch wissen :-) Trotzdem lohnt sich die Lektüre sehr, Spivey geht mit einem erfrischenden Blick an die Kunstwerke heran und stellt viele plausible Bezüge her (etwa zwischen Theater und Kunst). Alle behandelten Werke sind in sehr schönen Reproduktionen abgebildet, in der Kunstliteratur auch keine Selbstverständlichkeit.


17. November 2002

Reise-Skizzen Griechenland (4): Mistra, Olympia

Die mittelalterliche Stadt Mistra, unweit von Sparta gelegen, wurde unter beachtlichen bautechnischen Anstrengungen hoch an einem Berg errichtet. Auch das Alltagsleben war schwierig, mussten sich die Bewohner doch (samt den Tieren versteht sich) auf schmalen Bergwegen von Haus zu Haus bewegen.
Besucht wird diese Ruinenstadt heute vor allem aus kunsthistorischem Interesse: es finden sich in den Kirchen dort originale byzantinische Wandgemälde (viele leider in ziemlich schlechtem Zustand). Bemerkenswert die christlichen "medizinischen" Votivgaben. Sie unterscheiden sich nur geringfügig von den um 1600 Jahre älteren in Epidauros. Das religiöse Gegenüber war ein anderes, das Ritual blieb nahezu dasselbe.
Die sozial- und kulturgeschichtliche Bedeutung von Olympia ist bekannt, traf sich dort doch regelmäßig das antike Griechenland zu Wettkämpfen, die den Anlass zu vielfältigen Nebentätigkeiten boten. Händler aller Art (auch solche mit Informationen) fanden sich ebenso ein, wie die unterschiedlichsten Berufe. Für eine Ausgrabungsstätte gibt es noch viel zu sehen, so dass die Orientierung nicht übermäßig schwer fällt. Höhepunkt ist das Museum mit zahlreichen Skulpturen des Zeus Tempels (dessen Überreste draußen zu besichtigen sind), welche die unglaubliche Ausdruckskraft griechischer Kunst vor Augen führen und bestes Beispiel dafür sind, dass die antiken Künstler ihren Formenkanon in einem rasanten Tempo erweiterten.

David Ellis: New York City (lonely planet)
Werner Skrentny: New York (Dumont Reise-Taschenbuch)


Diese beiden Bücher begleiteten mich auf meinen Wegen durch Manhattan. Die Zuverlässigkeit ließ in keinem Fall zu wünschen übrig. Der Band aus der renommierten lonely planet Reihe übertrifft in punkto Praxisnähe das deutsche Buch bei weitem. Dafür muss sich David Ellis "kulturgeschichtlich" geschlagen geben, auch wenn die gebotenen Informationen vom ihm sehr konzis und pointiert geschrieben wurden.
Beide Reiseführer ergänzen sich gut, so dass ich diese Kombination durchaus empfehlen kann. Mehr über das aktuelle New York demnächst auf diesem Kanal.

Bibliothek: Neuzugänge

Folgende drei Bücher habe ich in einem hervorragend sortierten Antiquariat (Upper West Side) gekauft, mehr ging sich tragetechnisch leider nicht aus :-)

Autor Titel Verlag Kommentar
Emory Elliott (Editor) Columbia Literary History of the United States Columbia University Press 1988; knapp 1300 Seiten; gebunden
Joseph Frank Dostoevsky. The Seeds of Revolt. 1821-1849 Princeton University Press Frank ist der bekannteste amerikanische D.-Forscher und schrieb eine mehrbändige Biographie
Raphael Sealey A History of the Greek City States 700-338 B.C. University of California Press 1976; Paperback; Darstellung mit Schwerpunkt auf Forschungsproblemen

Marius Fränzel publiziert nun ...

... endlich seit Buch über Arno Schmidt: "Dies wundersame Gemisch. Eine Einführung in das erzählerische Werk Arno Schmidts." (ISBN 3933598540) Möge es viele Käufer und Leser finden!


8. November 2002

Bin für ein paar Tage in New York ...

... Updates daher frühestens in einer Woche.


5. November 2002

Alban Berg: Wozzeck
Orchester-Neufassung von John Rea
(Neue Oper Wien am 31.10.)
Musikalische Leitung: Walter Kobéra
Inszenierung: Anton Nekovar
Wozzeck: Rupert Bergmann
Marie: Ingrid Habermann

Freie Operngruppen haben es nicht leicht, deshalb sollte man nicht allzustrenge Maßstäbe bei der Beurteilung ihrer Arbeiten anlegen, denkt man sich üblicherweise. Mit dieser Erwartungshaltung fuhr ich in das alte Jugendstiltheater auf der Baumgartner Höhe, das mitten im Steinhofkomplex liegt, der berühmten Wiener psychiatrischen Anstalt.
Die Aufführung war ausgezeichnet, vor allem Rupert Bergmann hatte als Wozzeck eine unglaubliche Bühnenpräsenz, eine für einen Sänger höchst ungewöhnliche Leistung. Die von John Rea auf 21 Musiker "heruntergeschraubte" Orchesterpartitur war der Wirkung nicht abträglich. Die Inszenierung war einfallsreich. Ein hervorragender Opernabend.

Bibliothek: Neuzugänge

Viele günstige Bücher bei Jokers gekauft + zweimal Büchergilde. Offenbar werden die ersten Könemann-Titel nun verramscht, d.h. die regulär schon günstigen dicken Kunstbildbände werden noch billiger angeboten ...

Autor Titel Verlag Kommentar
Rudolf Lorenzen Alles andere als ein Held. Roman Büchergilde Gutenberg Hochgelobte "Wiederentdeckung"
Imre Kertész Fiasko Büchergilde Gutenberg schönes, gebundendes Buch für 10.-
Bernard Lewis Stern, Kreuz und Halbmond. 2000 Jahre Geschichte des Nahen Ostes Piper gebunden; Lewis ist ausgewiesener Kenner der Materie
José Maria Eca de Queiroz Die Reliquie. Roman Aufbau Bibliothek schade, dass Aufbau diese Reihe längst eingestellt hat
Johann Sebastian Bach Das wohltemperierte Klavier. Partitur. 2 Bände Könemann Urtext
Meinrad Maria Grewenig (Hrsg.) Antike Welten. Meisterwerke griechischer Malerei aus dem Kunsthistorischen Museum Wien Gerd Hatje offenbar ein Ausstellungskatalog, schön gedruckte Abbildungen
Carlo Cresti; Claudio Rendina Die römischen Villen & Paläste Könemann wunderbarer Kunstband; Fotografien von Massimo Listri


2. November 2002

Wolfgang Schadewaldts Sophokles Übersetzungen

Endlich sind alle Übersetzungen in einem Band bei Artemis & Winkler erschienen. Sehr erfreulich, das meint auch die NZZ.

MRR und Musil

Wer glaubt, Naturwissenschaftler verstünden zwangsläufig weniger von Literatur als prominente Literaturkritiker, greife zum Oktoberheft von "Spektrum der Wissenschaft". Darin findet sich auf Seite 17 ein Artikel des Physikers Michael Springer, in dem dieser Musil gegen MRR in Schutz nimmt:

    Reißwolf Reich-Ranicki hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass ihn an der Literatur einzig deren Unterhaltungswert interessiert. Dieses populistische Dogma bläht die Segel seiner enormen Popularität, treibt ihn aber auf seine alten Tage auch in gefährliche Untiefen. Literatur muss [darf!; CK] nicht immer nur unterhaltsam das bestätigen, was wir schon wussten. Sie darf auch experimentieren, neue Formen erproben, die Welt etwa mit Forscheraugen sehen. Wem diese Anstrengung, die sich zur Unterhaltungsliteratur ähnlich verhält wie die Grundlagenforschung zum marktreifen Produkt, allzu mühsam ist, der muss davon nichts lesen. Wer aber solche Literatur aus dem Kanon der Moderne verbannen möchte, der richtet sich als Kritiker selbst.

Gibt es Dunkle Materie?

Da wir gerade bei den Naturwissenschaften sind: Im selben SdW Heft findet sich ein ausgesprochen anregender Artikel über die prominenteste Alternativtheorie zu dieser Frage. Alle gängigen kosmologischen und astrophysikalischen Theorien müssen bekanntlich riesige Mengen dieser eigenartigen Substanz voraussetzen, damit sie mit den bekannten Naturgesetzen übereinstimmen. Dumm nur, dass bis jetzt kein direkter Nachweise derselben gelang, auch wenn die Annahme ihrer Existenz nicht unplausibel ist.
Die anerkannteste "Gegentheorie" wählt eine gewagte Vorgehensweise: sie versucht es mit der Modifikation der Newton'schen Dynamik (vulgo "Mond" genannt). Mordehai Milgrom beleuchtet in seinem Text ausführlich die Stärken und Schwächen dieses Ansatzes.

Evolution und Religion

Jared Diamond, den ich für einen der brillantesten lebenden Historiker halte, und dessen intelligente Studie "Arm und Reich. Über das Schicksal menschlicher Gesellschaften" (Guns, Germs and Steel) ich dringend zur Lektüre empfehle, hat in der vorletzten Ausgabe der The New York Review of Books (17/2002) eine Abhandlung von David Sloane Wilson rezensiert, die dieser unter dem Titel "Darwin's Cathedral: Evolution, Religion, and the Nature of Society" publizierte.
Seine These formuliert Wilson folgendermaßen:
    Something as elaborate - as time-. energy. and thought-consuming - as religion would not exist if it didn't have secular utility. Religions exist primarily for people to achieve together what they cannot achieve alone. The mechanisms that enable religious groups to function as adaptive units include the very beliefs and practices that make religion appear enigmatic to so many people who stand outside of them.
Diamond ist voll des Lobes über das Buch (und gute Bücher über Religion gibt es nicht so viele):
    Discusscions of these subjects tend to be partisan, oversimplified, and riddled with misstatements. A great virtue of Wilson's book is the scrupulous fairness with which he treats controversial matters. He is careful to define concepts, to asses both their range of applicability and their limitations, and to avoid posturing, misrepresentations, exaggerated claims, and cheap rhetoric devices. Thus, Wilson's book is more than just an attempt to understand religion. Even to readers with no interest in either religion or science [wo gibt es denn so etwas? :-); CK] his book can serve as a model of how to discuss controversial subjects honestly.


1. November 2002

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Norbert Wehr (Hrsg.) Schreibheft Nr. 59: Der Spatz im Detail - Willem Frederik Hermans, A.F.Th. van der Heijden und die Fallhöhe großer Romane Rigidon gerade erschienen
Graham und Henriette Pascoe Sprachfallen Englisch Hueber
Raymond Murphy English Grammar in Use + Übungsbuch Cambridge University Press A self-study and practice book
Mary Spratt The Cambridge Certificate of Advanced English Course + 2 Übungsbüchern Cambridge University Press Ja, strebe dieses Certificate an :-)


Robert Musil anthropologisch

"Musil et la question anthropologique" nennt Florence Vatan seine neue Studie, die Armin Westerhoff ausführlich rezensiert.


27. Oktober 2002

Reise-Skizzen Griechenland (3): Epidauros, Nauplia

Das Asklepieion in Epidauros war das Zentrum eines antiken Kurortes, zu dem sich verzweifelte Kranke aus der griechischen Welt aufmachten, um endlich von ihren Leiden geheilt zu werden. Es liegt entsprechend malerisch in einer sanft hügeligen Landschaft, und weist die Überreste einer Reihe von Einrichtungen auf, wie sie auch heute an solchen Orten noch üblich sind, ein Konzerthaus etwa.
Höhepunkt ist unbestritten eines der am besten erhaltenen griechischen Theater. Die Ränge umfassen 17.000 Plätze, die alle von einer phänomenalen Akkustik profitieren. Selbst in den obersten Rängen hört man, wenn jemand im Zentrum unten eine Münze fallen läßt. Zusätzlich zur Theateraufführung (es wird immer noch als solches im Sommer genutzt) hat man einen netten Ausblick auf die Umgebung.
Nach der Befreiung Griechenlands wurde der junge bayerische Otto zum König ernannt (nach zähem diplomatischen Ringen). Die erste Hauptstadt war nicht das damals unansehnliche Athen, sondern Nauplia, eine der hübschesten Städte am Mittelmeer, die ich bis jetzt besuchte. Die Schönheit ist allerdings direkt proportional zur Verschlafenheit (28.000 Einwohner).

The Third Man
(Viennale Gala-Vorstellung 26.10.02)


Dem wohl berühmtesten "Wiener" Film widmete das Festival Viennale einen Galaabend. Anlass war die neue, restaurierte Fassung. Eingeladen wurden noch lebende Mitwirkende, und eine Handvoll fand tatsächlich nach Wien. Gerührt sprachen sie ein paar Worte, bedankten sich und wurden bedankt (mit mehreren Iterationen versteht sich).
Frederick Baker, Mitautor eines neuen Buches über den Film, verstieg sich zur Aussage, "The Third Man" gehöre zu den größten Wiener Kunstwerken des 20. Jahrhunderts (wie Werke von Schiele etwa). Offenbar ist es der ästhetischen Urteilsfähigkeit nicht immer förderlich, wenn man sich zu lange mit einem zweitklassigen Werk beschäftigt ...
Je öfter ich den Film sehe, desto weniger leuchtet mir sein Klassikerstatus ein. Zwar gibt es einige ganz nette filmische Bilder, die allerdings im Vergleich zu früheren Filmen (Expressionisten) reichlich harmlos wirken.
Orson Welles hat (soweit ich weiß) später gesagt, er habe nur des Geldes wegen mitgespielt. Andere Gründe wären auch schwer zu finden.

"Guatemala. Land des Quetzal"

So nennt sich die Sonderausstellung, die derzeit im Wiener Museum für Völkerkunde zu sehen ist. Viele der gezeigten Stücke sind erstmals außerhalb des Landes zu sehen. Gestalterisch ist die Ausstellung "klassisch" (Wandtafeln, Vitrinen), die gezeigten Objekte sind aber sehr sehenswert. Stelen, zarte Keramik, Skulpturen aus Jade, monumentale Urnen und Dokumente der Maya-Schrift seien herausgegriffen.
Ein eigener Teil widmet sich der Kolonialzeit (vor allem Gemälde im mehr oder weniger barocken Stil).


24. Oktober 2002

Dante-Übersetzungen

Ab und zu erhält man erfreulich informative E-Mails, kürzlich beispielsweise von Boris Kalies:

    Unter den Übersetzungen die ich miteinander verglichen habe hat mir die von Karl Vossler am besten gefallen.Sie hebt sich deutlich von den anderen ab. Ohne italienisch zu können vermute ich mal, dass es sich um eine etwas freiere Übersetzung handelt, die anderen haben gewisse Gemeinsamkeiten im Vokabular, die hier nicht zu finden sind. Vielleicht haben die anderen Übersetzer auch einfach nur voneinander abgeschrieben, wer weiß....

    Was mir an Vossler vor allem gefällt ist die Verständlichkeit und die intensivere Bildsprache. Verständlich deswegen, weil es sich flüssig lesen läßt ohne an antiquierten Formulierungen hängenzubleiben, wie bei mehreren der anderen Kandidaten.Und Bildsprache, nun, ein kleiner Vergleich:

    Vossler:
    Dem Höhepunkt des Lebens war ich nahe,
    da mich ein dunkler Wald umfing und ich,
    verirrt, den rechten Weg nicht wiederfand.

    Gmelin:
    Grad in der Mitte unsrer Lebensreise
    Befand ich mich in einem dunklen Walde,
    Weil ich den rechten Weg verloren hatte.

    Bei Gmelin sind das alles nur recht einfache Aussagen, während Vossler wesentlich mehr Information in einen Vers packt und damit die meinem ästhetischem Empfinden nach schöneren Bilder erzeugt.

    Bei Ida und Walther Wartburg, bei mir abgeschlagen auf Platz 2, heißt es:
    Wohl in der Mitte unsres Lebensweges
    geriet ich tief in einen dunklen Wald,
    so daß vom graden Pfad ich verirrte.

    Das ist etwas besser als Gmelin, aber reicht keinesfalls an Vossler heran. Mit den anderen Übersetzungen verhält es sich ähnlich, als Negativbeispiel möchte ich nur noch Friedrich Freiherr von Falkenhausen anführen:
    Mittwegs auf unsres Lebens Reise fand
    In finstren Waldes Nacht ich mich verschlagen,
    Weil mir die Spur von graden Wege schwand.

    Die anderen Übersetzungen die ich mir angesehen habe, König Johann von Sachsen und Wilhelm Hertz, sind da irgendwo mitten drin, jedenfalls nicht herausragend. Die Vossler-Übersetzung fand ich am besten, noch dazu gibt es die in einer wunderschönen dreibändigen Ausgabe bei der WBG.

Der verbotene Blick

Bis zum 31.10. kann man diese Ausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek noch besuchen. Gezeigt werden Erotica (im weitesten Sinn des Wortes) aus den diversen Sammlungen des Hauses, darunter auch einige wunderschöne Inkunablen, etwa der "Metamorphosen" Ovids.

Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen
(Büchergilde Gutenberg)


Es sollte wirklich keinen Nobelpreis benötigen, um diesen Roman zu lesen. Gekauft hatte ich das Buch bereits vor mehreren Jahren ...
Soweit man das nach einen einzigen Buch beurteilen kann, scheint Kertész kein unwürdiger Nobelpreisträger zu sein. Aus ästhetischer Perspektive ist eines der schwierigsten Probleme, zu einem Stoff eine adäquate Form zu finden. Ein heikleres literarisches Thema als der Holocaust, dürfte kaum existieren. Der Kunstgriff Kertész', seinen Roman aus der (gar nicht so) naiven Perspektive eines fünfzehnjährigen Jungen zu erzählen, der seine Eindrücke ziemlich unbedarft schildert, löst diese (für manche unüberwindliche Schwierigkeit) sehr souverän.
Auf den Leser wirkt das Buch viel ergreifender als potenzielle Alternativen.


19. Oktober 2002

Hans J. Fröhlich: Schubert. Eine Biographie
(rororo)


Das Ärgerlichste am regelmäßigen Lesen sind die vielen schlechten Bücher, auf die man immer wieder stößt. Diese Schubert-Biographie kann einen ob der "analytischen" Zumutungen beinahe fassungslos machen. Fröhlichs "Methode" läßt sich am besten noch vulgärhermeneutisch nennen, gelegentlich psychoanalytisch ergänzt. Eine völlig ungenießbare Mixtur also.
Lesbarer sind die biographischeren Kapitel, passabel etwa, was er über Schuberts Ringen mit der Operngattung schreibt. Wer etwas über Schubert lesen will, meide dieses Buch. Kann mir jemand bessere Alternativen empfehlen?

Anthropologie und Kunstgeschichte

Spannend wird es, wenn ein Doyen der Anthropologie (Clifford Geertz) ein Buch über "primitive" Kunst eines Doyens der Kunstgeschichte (E.H. Gombrich) kritisiert (The New York Review of Books 14/2002). Bekanntlich kann Gombrich mit gewissen avantgardistischen Kunststilen wenig anfangen, passen diese doch nur schlecht in seine Theorie des Fortschritts der bildenden Kunst.
Ähnlich schwierig erklärbar ist aus seiner Perspektive die Vorliebe für "primitive" Kunst. In "A Preference for the Primitive: Episodes in the History of Western Taste and Art" setzt er sich mit diesem Thema auseinander. Geertz freilich kann er damit nicht überzeugen.

Klassiker-Verlage (24): Jokers

Zugegeben kein Verlag, aber doch eine nette Quelle, um günstig an diverse Klassiker-Ausgaben zu kommen. Das gilt auch für wissenschaftliche Literatur und Kunstbücher. Bekanntlich werden ja nicht die schlechten Bücher verramscht :-)


18. Oktober 2002

Quartals-Archiv

Spät aber doch, das dritte Notizen-Quartal als eigene Datei.


Reise-Skizzen Griechenland (2): Alt-Korinth und Mykene

Wer sich von Athen aus dorthin auf den Weg macht, muss den Isthmos überqueren und kann als beeindruckende Ingenieurleistung den Kanal (1893) bewundern. In der Antike haben Griechen und Römer vergeblich versucht, eine künstliche Schiffverbindung zu schaffen. Wer heute diese Gesteinsmassen sieht, die dafür bewegt werden mussten, den verwundert nicht, dass die antike Technik daran scheitern musste.
Die zentrale strategische Lage Alt-Korinths läßt sich immer noch gut erkennen, und es ist einleuchtend, dass ausgerechnet dort eine der mächtigsten griechischen Städte entstand. Der Erhaltungszustand der Monumente ist nicht sehr gut, sieht man von den Überresten eines archaischen Tempels ab.
Besucht man die klassischen Stätten in Griechenland, sollte man ausreichend vorbereitet sein. Denn ohne Wissen um den (kultur)geschichtlichen Kontext der Stätten (und/oder einen guten Führer) wirken die antiken Überreste an sich nicht sehr beeindruckend. Es ist deshalb notwendig, das Gesehene durch Vor-Wissen zu ergänzen, damit man einen faszinierenden Eindruck von damals erhält.
Mykene war einer der Höhepunkte der Reise. Auf einen steinübersäten Hügel gelegen (und deshalb gar nicht so leicht zu ersteigen) kann man die Überreste der mykenischen Baukunst bewundern. Schwere Steinbögen (Löwentor!) zeugen ebenso von umfangreichen Statik-Kenntnissen wie eine aus strategischen Gründen angelegte unterirdisch Zisterne. Die Wasserquelle Mykenes wäre im Falle einer Belagerung außerhalb der soliden Stadtmauern gelegen. Deshalb sah man sich genötigt das Wasser unterirdisch in die Stadt zu führen. Wieder einmal ein Beleg für die These, dass technischer Fortschritt oft Hand in Hand mit "kriegerischen" Bedürfnissen geht.

Schnitzler: Anatol
(Akademietheater 17.10.)
Regie: Luc Bondy
Anatol: Michael Maertens
Max: Klaus Pohl
Else: Petra Morzé
Gabriele: Angela Winkler

Der Selektionsprozess der Literaturgeschichte ist unbarmherzig. Wie viele "brisante" Stücke aus den fünfziger und sechziger Jahren (Dürrenmatt! Frisch!) wirken heute verstaubt? Frisch, modern, intelligent dagegen "Anatol".
Diese Adjektive passen auch auf Luc Bondys Inszenierung, der das Stück stilsicher auf die Bühne brachte. Seine Regie zeigt alle Facetten des Stücks, von stupender Komik (Abschiedssouper) über schwebende Melancholie (Weihnachtseinkäufe) bis hin zur (durch einen Blick in den leeren Bühnenraum gebrochenen) Tragik (Anatols Größenwahn).
Der "Soundtrack" erinnerte stellenweise stark an Woody-Allen-Filme. Tatsächlich läßt sich Anatol unschwer als Vorläufer eines modernen Stadtneurotikers erkennen.
Schauspielerisch war der Abend ebenfalls sehr gelungen. Der Norddeutsche Michael Maertens spielte den "Wiener" Anatol plausibel als verträumten Melancholiker. Hervorragend auch Klaus Pohl als Freund Max.
Ansehen!


15. Oktober 2002

Virtuelle Kurse am MIT

Ein Projekt, das hoffentlich viele Nachahmer findet.

Homer: Die Odyssee
(Artemis; übersetzt von Wolfgang Schadewaldt)


Wer dieses Werk neben die "Illias" stellt, den wird der seit über 200 Jahren andauernde Gelehrtenstreit über die homerische Frage nicht verwundern.
Wirkt die "Illias" auf den heutigen Leser ziemlich archaisch, ist die "Odyssee" von einer erfrischenden Modernität. Beides soll vom selben Autor stammen? Die aktuelle Homer-Forschung tendiert zur Bejahung dieser Frage, mehr dazu ein andermal.
Es mutet - trotz der inzwischen gut erforschten mündlichen epischen Tradition - seltsam an, dass eines der ersten Werke der abendländischen Literatur mit dieser ästhetischen Perfektion geschrieben wurde, so als wären Kunstwerke dieses Rangs damals an der Tagesordnung gewesen.
Ich jedenfalls habe meine Zweifel, dass es heutzutage sehr viele Autoren gibt, die einen so komplexen semantischen Raum strukturell ähnlich kompetent beherrschen können, wie dies Homer gelingt. Trotz der zahlreichen Sprünge auf der Zeitskala in beiden Richtungen, sind diese Passagen von einer beeindruckenden erzählerischen Ökonomie, so dass der Leser immer genau weiß, in welchem Zeitrahmen er sich gerade befindet.
Virtuos auch die Handhabung der diversen Spannungsbögen. Hätte unser Autor mehrere Jahre an "creative writing" Kursen einer amerikanischen Universität teilgenommen: viel mehr hätte man ihm dort wohl nicht beibringen können. Man denke nur an die detaillierte Vorbereitung des Kampfs mit den Freiern oder an die Zyklopen-Geschichte (die im kleinen seine verblüffende erzählerische Meisterschaft belegt, so wird Polyphems Bosheit am Ende durch sein Reden mit den Tieren geschickt "relativiert").
Formale Souveränität freilich wäre zu wenig. Führt man sich den Kontext der "Odyssee" - die starre archaisch-aristokratisch Gesellschaftsstruktur - vor Augen, zeigt sich Homer als freier Geist. Allein über die Figur des Schweinehirten Eumaios ließe sich eine lange Abhandlung schreiben. Im 8. Jahrhundert v.C. war manuelle Arbeit verpönt und wurde von der damaligen Aristokratie verachtet. Hohes Prestige genossen, neben diversen adligen Freizeitbeschäftigungen, nur der Kampf und, mit diversen Einschränkungen, einige Künste. Was macht Homer? Er gibt sich nicht damit zufrieden, eine der sympathischsten Figuren mit einem Schweinehirten zu besetzen. Er ordnet ihm sogar regelmäßig ein erstaunliches Attribut zu: vom göttlichen Schweinepfleger ist die Rede! Damit wird Eumaios auf die selbe Stufe wie die Hauptfiguren und diverse Heroen gestellt.
Ich werde dieses Buch auch noch ein fünftes Mal lesen müssen.

Bibliothek: Neuzugänge

Das Buch von Latacz habe ich regulär erworben, den Rest modern antiquarisch. Die Führer durch die klassischen Stätten wurden in Griechenland gekauft.

Autor Titel Verlag Kommentar
Joachim Latacz Trioa und Homer. Der Weg zur Lösung eines alten Rätsels Koehler & Amelang L. gilt als hervorragender Kenner der Materie
C. Lugowski Die Form der Individualität im Roman suhrkamp taschenbuch wissenschaft Einleitung von Heinz Schlaffer
Lucien Goldmann Der verborgene Gott. Studie über die tragische Weltanschauung in den "Pensées" Pascals und im Theater Racines suhrkamp taschenbuch wissenschaft Frankfurt 1985
Helmut Kretschmer Beethovens Spuren in Wien Pichler Wien 1998
Manolis Chatzidakis Mistra. Die mittelalterliche Stadt und die Burg Ekdotike Athenon S.A. Athen 2001
Antoinette Kalleya Olympia Athens 2001 englische Ausgabe
Nikos Papchatzis Mykene - Epidauros - Tiryns - Nauplia Kleio o.O., o.J.
Nikos Papchatzis Das antike Korinth Ekdotike Athenon S.A. Athen 2001
Argyris Marneros Gedichte Athen 1997 Mehr dazu später


13. Oktober 2002

Reise-Skizzen Griechenland (1): Athen

Griechenland wird derzeit generalsaniert. Die bekannten Denkmäler sind durch Gerüste umstellt, wenn nicht überhaupt zur Restaurierung komplett abtransportiert - wie der Nike Tempel auf der Akropolis.
Sogar das Nationalmuseum wurde komplett geschlossen und man frägt sich, warum die Athener nicht wenigstens die herausragendsten Werke an anderer Stelle zugänglich machen. Der Grund für diese Renovierungswut ist schnell gefunden: Während der Olympischen Spielen 2004 will sich das Land in neuem Glanz präsentieren. Ein Jahr darauf wäre also ein idealer Termin für eine ausführliche Griechenland-Reise.
Athen selbst gehört zu den fußgängerfeindlichsten Städten, die mir bis jetzt begegnet sind. Achtspurige Straßen wälzen sich durch das Zentrum, sporadisch von Ampeln unterbrochen, deren Grünphasen für Fußgänger selbst Kurzstreckenläufern kaum ausreichen dürften. Es versteht sich, dass diese Autolawinen direkt um viele berühmte Monumente kreisen, denen die Smogspuren deutlich anzusehen sind.
Eine Seite am Fuß der Akropolis wurde kürzlich verkehrsberuhigt und in eine Flaniermeile mit beeindruckenden Ausblicken verwandelt. Der berühmte Hügel selbst ist erwartungsgemäß beeindruckend, man lese die Details in dem von mir empfohlenen Reiseführer Lambert Schneiders nach.
Seltsam aufschlussreich sind die neoklassizistischen Bauten der Stadt, wie man sie aus München oder Wien kennt. Der von Theophil Hansen konzipierten Athener Nationalbibliothek etwa ist die Ähnlichkeit mit dem von ihm erbauten Wiener Parlament deutlich anzusehen. Es entbehrt nicht der Ironie, dass der antiseptische Stil dieser Bauten deutlich von den bunten Bauten der Antike abweicht. Man steht in Athen staunend vor der aus dem Norden reimportierten architektonischen Umsetzung der sachlich oft falschen Antikenrezeption der deutschen Klassik.

40 Millionen gebrauchte Bücher bei Amazon.de

Dieses Ziel soll durch die Kooperation mit Abebooks erreicht werden.

Über den deutschen Buchmarkt ...

... macht sich Sigrid Löffler Gedanken.


4. Oktober 2002

In Griechenland unterwegs

In den nächsten acht Tagen steht Athen, Korinth, Mykene, Epidauros, Sparta, Mistra, Olympia und Delphi auf dem Programm.
Therefore no update :-)


3. Oktober 2002

Archäologischer Park Carnuntum

Fünfzig Kilometer östlich von Wien liegt eine archäologische Fundgrube. Die Überreste der Grenzstadt Carnuntum, die im 3. Jahrhundert n.C. für römische Verhältnisse eine Großstadt mit 150.000 Einwohnern war, hinterließ diverse Spuren.
Die beweglicheren der Fundstücke sind in einem kleinen Museum zu besichtigen. Neben einem Plan der über mehrere Kilometer verteilten Besichtigungsstätten, gibt es dort diverse Alltagsgegenstände, Waffenteile, Kultgegenstände und nicht wenige medizinische Geräte zu sehen.
Ausgegraben wurden Teile des Legionslagers, der dazu gehörigen Zivilstadt sowie zwei Amphitheater. Beeindruckend ebenfalls das Heidentor, die restaurierte Ruine eines großen Triumphbogens.
Marc Aurel hat in Carnuntum Teile seiner "Selbstbetrachtungen" geschrieben. Wer in Wien ist und einen Tag Zeit hat: Die Fahrt nach Carnuntum lohnt sich.



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