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Notizen: Archiv

von Christian Köllerer



4. Quartal 2004



31. Dezember 2004

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Henrik Ibsen Sämtliche Werke in deutscher Sprache. 14 Bände S. Fischer 1898-1904 In einem Hamburger Antiquariat gefunden
Edmund Burke Reflections on the Revolution in France Penguin Classics viel zu spät gekauft
Wilfried Barner u.a. (Hrsg.) Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 2004 Kröner u.a. ein Aufsatz über Musils "Fliegenpapier"
Denis Dutton (Editor) Philosophy and Literature 2/04 John Hopkins University Press Plato, Hobbes, Virginia Woolf, Schiller, Kant
Johannes Bobrowski; Michael Hamburger "Jedes Gedicht ist das letzte". Briefwechsel Marbacher Bibliothek 7 Jahresgabe der Schillergesellschaft

Antonio Altomonte: Dante. Eine Biographie
(rororo)

Nach Hölle und Fegefeuer schien es angebracht, nach einem Buch über Dante zu greifen. Altomontes Biographie ist ein solides Unterfangen. Der Schwerpunkt liegt in der Darstellung des geschichtlichen Kontextes. Zwar gibt es genügend Quellen, Dantes Leben betreffend, die allerdings bei weitem nicht hinreichen, um eine Biographie nach modernen Maßstäben zu schreiben. Anstatt sich auf Spekulationen einzulassen, weicht Altomonte lieber in die Historie aus.
So ist das Buch gleichzeitig eine kleine Geschichte Italiens im 13. und 14. Jahrhundert. Wer die schwer zu übersehenden politische Entwicklungen in Florenz verstehen will, wird die intrigenreiche Stadtgeschichte ausreichend ausführlich geschildert finden.

1000 Seiten gegen die Not (und für etwas Kultur)

Ein von Oliver Gassner ins Leben gerufene Spendenprojekt möge viele Teilnehmer finden.


19. Dezember 2004

Bernhard: Die Macht der Gewohnheit
(Burgtheater 16.12.)
Regie: Philip Tiedemann
Caribaldi: Ignaz Kirchner
Enkelin: Maria Happel
Jongleur: Robert Meyer
Dompteur: Johannes Krisch
Spaßmacher: Urs Hefti

Kaum zu glauben, aber dieses kunstsinnige Stück Bernhards ist zum ersten Mal in Wien zu sehen. Den ästhetischen Perfektionsfanatiker, der seine Mitarbeiter seit Jahrzehnten zum täglichen Üben des Forellenquintetts zwingt, gibt Ignaz Kirchner. Anfangs fast etwas zu senil gespielt, wird der autoritäre Charakter der Figur erst am Ende wirklich voll entfaltet. Sehenswert.

Lubitsch: Trouble in Paradise
(Filmmuseum 12.12.)
Drehbuch: Samson Raphaelson, Grover Jones
Kamera: Victor Milner
Musik: W. Franke Harling, Leo Robin
Darsteller: Miriam Hopkins, Kay Francis, Herbert Marshall, Edward Everett Horton
1932
Engl. OF

Zwar kenne ich eine Reihe von Filmklassiker aus den Zwanziger und Dreißigern ganz gut (Chaplin, Eisenstein, Expressionisten), doch war mir unbekannt, welche Höhe die filmische Komödienkunst bereits erreichte. Witzige Dialoge, brillante Pointen und Doppelbödigkeiten. Ein ebenso charmantes wie intelligentes Gaunerstück.

Das Rätsel der Sphinx...

... will der Französische Ägyptologe Vassil Dobrev nun endgültig gelöst haben, wie man hier nachlesen kann.


12. Dezember 2004

"I love libraries"

Anthony Grafton würdigt die Ausstellung "The Newtonian Moment" in der New York Public Library und nimmt das zum Anlass zu folgendem Bekenntnis:

    I love libraries - their dust, their smell of noble rot, their seedy grandeur. Early in my career, I learned that the Princeton's library staff had already labeled my a "heavy user" - a phrase that sounded a little worrying in the 1970s. Work has taken me down into the vaults of the Vatican, where the smelly ghosts of thousands of slaughtered animals haunted the lovely codices made from their skins, and up into the remotest stacks of the Old Bibliothèque Nationale, where a layer of ash from the fires of the Paris Commune still covered untouched books. Every one of these libraries has its devotees. But none of them rivals the New York Public Library's magnificent generosity, as expressed in its commitment to educate through public programs and to make its materials available to anyone with a legitimate reason for seeing them.
    [The New York Review of Books 19/2004 S. 38]

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Remix
(Literaturhaus Wien 9.12.)


Der Bayerische Rundfunk hat in mehrjähriger Arbeit eine Hörfassung des MoE erstellt, dessen Ergebnis nun auch im Hörverlag in einer schwergewichtigen Kassette mit 20 CDs und einem dicken Buch vorliegt.
Dieses Projekt wurde im Wiener Literaturhaus vorgestellt. Auf dem Podium saßen - neben den Münchner Verantwortlichen - auch Walter Fanta als wissenschaftlicher Berater und Franz Schuh als Literaturkritiker. Aus editionsphilologischer Perspektive sind vor allem die Hörstunden hervorzuheben, die dem Nachlass gewidmet sind. Hier werden erstmals sehr entlegene Fragmente einem breiteren Publikum in solider Form zugänglich gemacht. Leider ist die Kassette mit 149.- Euro kein Schnäppchen. Der ORF verweigerte übrigens jegliche Beteiligung.

Ernst Lubitsch: Design for Living
(Filmmuseum 11.12.)
Drehbuch: Ben Hecht nach dem Theaterstück von Noël Coward
Kamera: Victor Milner
Musik: Nat Finston
Darsteller: Frederic March, Gary Cooper, Miriam Hopkins, Edward Everett Horton, Franklin Pangborn
1933
Engl. OF

Die 1933 entstandene Komödie läßt einen Augenzeuge bei der Geburt der modernen Filmkomödie werden. Die Filme Billy Wilders oder Woody Allens wären ohne die Vorarbeiten Lubitsch kaum möglich gewesen. Die Handlung - eine Frau zwischen drei Männern, einem spießigen Geschäftsmann und zwei Künstlern - ist akribisch arrangiert. Die Dialoge witzig und geistreich. Die eingesetzten filmischen Mittel intelligent.

Ralph Rothmann: Milch und Kohle. Roman
(Suhrkamp)

Nachdem Rothmanns neues Buch, "Junges Licht", von der Literaturkritik gepriesen wurde, wollte ich mir selbst ein Bild machen, und griff zu einem älteren Roman des Autors. Erzählt wird in einer einfachen, aber kunstvollen Prosa in kurzen Abschnitten. Der Roman spielt im überwiegend im Arbeitermilieu des Ruhrgebiets in den fünfziger Jahren. Man merkt schnell, dass Rothmann diese Lebenswelt sehr genau kennt.
Ein angenehm zu lesendes Buch, etwas zu ruhrpottrig nach meinem Geschmack. Da formal wenig geboten wird, erlangt der Inhalt ein (zu) starkes Gewicht.


9. Dezember 2004

Altägyptische Hölle (2)

Manfred Clauss über altägyptische Literatur zum Thema:

    Einer dieser Texte, dessen bislang älteste Abschrift aus dem Grab Thutmosis' I. stammt, diente den später so beliebten "Jenseitsführern" als Vorbild. Bereits diese frühe Fassung - sie trägt den Titel "Schrift des verborgenen Raumes" und ist unter der späteren Abkürzung "Amduat" bekannt geworden - weist eine Fülle ausdrucksstarker Bilder auf. Vielerorts hatten sich die Menschen Gedanken über das Jenseits gemacht und dabei an die unterschiedlichen lokalen Traditionen angeknüpft. Nun wurden solche Vorstellungen zu einem einheitlichen Konzept zusammengefügt. Die Rahmenhandlung des "Amduat gab - wie bei allen solchen Erzählungen - die Fahrt des Sonnengottes während der zwölf Nachtstunden durch das Totenreich ab.
    Während dieser Reise durch die Welt der Verdammten wird detailverliebt ein breites Spektrum von Höllenstrafen geschildert; das "Amduat" ist damit, fast drei Jahrtausende vor Dante verfaßt, die bislang älteste Höllen-Schilderung.
    [Manfred Clauss: Das Alte Ägypten. Berlin 2001. S. 236]


8. Dezember 2004

Manfred Clauss: Das Alte Ägypten
(Alexander Fest)


Mangels Expertise kann ich die Qualität des Inhalts nur bedingt beurteilen. Als einführendes Sachbuch erfüllt das Buch jedoch seinen Zweck. Manfred Clauss, Professor für Alte Geschichte in Frankfurt, schrieb einen jargonfreien und gut zu lesenden Text über das Alte Ägypten. Auf knapp 500 Seiten schildert er die historischen Ereignisse anhand der Abfolge der Dynastien. Diese Struktur wird immer wieder durch systematische Kapitel unterbrochen, welche Religion, Institutionen, Kunst/Literatur und den Alltag zum Thema haben.
Manchmal wünscht man sich mehr Detailtiefe, aber dafür sind ja eine Fülle von Spezialstudien auf dem Buchmarkt erhältlich. Wer sich vor allem für die archäologische Seite der Medaille interessiert, sollte besser zu einem anderen Titel greifen.

Deutsche Philosophie

Eine umfangreiche philosophische Quellensammlung findet man in der virtuellen Pansophist Electric Bibliothek.

WDR Sinfonieorchester Köln
(Konzerthaus 7.12.)
Dirigent: Semyon Bychkov
Violine: Sayaka Shoji
Tschaikowsky: Violinkonzert D-Dur op. 35
Schostakowitsch: Symphonie Nr. 10 e-moll op. 93


Wenn ich an vergleichbare Konzerte in Salzburg (außerhalb der Festspiele) zurückdenke, fällt eines auf: Die Tourneeorchester geben sich in Wien deutlich größere Mühe. Dass dies trotzdem nicht zwangsläufig zu einem ästhetisch herausragenden Abend führen muss, zeigte das WDR Sinfonieorchester gestern.
Zwar wurde die Schostakowitsch-Symphonie ganz anständig gespielt, aber es klang doch ziemlich blutleer - und das lag nicht an mangelnder Lautstärke. Bychkov versuchte durch Pausen und zurückgenommene Tempi Spannung aufzubauen. Es klang allerdings nur langsam, von Spannung keine Spur.
Das Violionkonzert musizierte man durchaus adäquat, wenn man denn ein Freund von violinisierter Sentimentalität ist ...


6. Dezember 2004

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Thomas Bernhard Das Kalkwerk Suhrkamp Werke Band 3; gerade erschienen
Thomas Bernhard Die Autobiographie Suhrkamp Werke Band 10; gerade erschienen
Botho Strauß Paare, Passanten Süddeutsche Bibliothek 38 München 2004
Bruce Chatwin Traumpfade Süddeutsche Bibliothek 37 München 2004


5. Dezember 2004

Biljana Srbljanovic: God Save America
(Akademietheater 24.11.)
Regie: Karin Beier
Karl: Michael Wittenborn
Daniel: Nicholas Ofczarek
Muffy: Regina Fritsch
Irene: Christine von Poelnitz


Wie gewöhnlich gab es an der handwerklichen Seite im Akademietheater nichts zu bekritteln. Zu sehen war eine nicht nur schauspielerisch solide Aufführung, die mit viel Aufwand in Szene gesetzt wurde. Trotz eines vorangekündigten Rückenproblems herausragend Michael Wittenborn, der von den Münchner Kammerspielen nach Wien wechselte. Schon die erste Rolle zeigte, welch großartiger Schauspieler nun das Burgtheaterensemble ergänzt.
Man muss sich nun aber (wie leider manchmal) fragen, ob der getriebene Aufwand in einer plausiblen Relation zur Stückqualität steht. Die Antwort liegt bei "God Save America" auf der Hand: keinesfalls. Es handelt sich um einen Text, der irgendwo zwischen Boulevard und Kunstwerk angesiedelt ist. Die Story ist nicht uninteressant (in New York in einem Luxusappartement lebender Europäer verliert Job und gerät in arge Existenznöte), dabei bleibt es aber auch.
Netter Theaterabend, mehr nicht.

Alban Berg Quartett Zyklus: 1. Konzert
(Konzerthaus 29.11.)
Smetana: Klaviertrio g-moll op. 15
Schumann: Klavierquartett Es-Dur op. 47
Brahms: Klavierquartett Nr. 1 g-moll op. 25
Gerhard Schulz: Violine
Hariolf Schlichtig: Viola
Lilia Schulz-Bayrova: Violoncello
Noam Greenberg: Klavier

Diese Konzert ließ den Vorsatz reifen, in absehbarer Zeit systematisch das Klavierquartettrepertoire anzugehen, kannte ich doch kein einziges der gegebenen Werke. Gerhard Schulz durfte endlich einmal die erste Geige spielen, und tat dies (wie auch als zweite Geige des ABQ) mit beeindruckender Brillanz. Auch die Mitspielenden blieben nicht zurück, so dass man ein tolles Kammerkonzert geboten bekam.

Tennessee Williams: Die Katze auf dem heißen Blechdach
(Burgtheater 4.12.)
Regie: Andrea Breth
Big Daddy: Gert Voss
Big Mama: Elisabeth Orth
Brick: Markus Meyer
Margaret: Johanna Wokalek
Gooper: Cornelius Obonya
Mae: Sabine Haupt


Die Theaterkritikerschaft bewegte sich in den vor ein paar Tagen zu lesenden Rezensionen auf der Skala "lau" bis "brillant" (NZZ). So ging ich, ein Fehler den ich öfters mache, mit großen Erwartungen ins Burgtheater. Die erste Stunde war enttäuschend lau, und die Exposition mit Brick und Maggy hatte zahlreiche Längen. In der Pause drohten die noch folgenden zweieinhalb Stunden also mit auszusitzender Langeweile.
Weit gefehlt! Mit dem Auftritt eines bestens disponierten Gert Voss als Big Daddy gewann das Stück schnell an Fahrt. Das lange Gespräch zwischen ihm und seinem alkohlkranken Sohn Brick war nicht nur psychologisch hochgradig spannend. Ein beeindruckendes Finale schloss sich an.
Andrea Breth zeigt wieder einmal, dass sie zu den besten Regiekünstlern gehört. Wenn die erste lange Stunde nicht wäre, könnte man die Aufführung nicht genug loben.


28. November 2004

Wiener Philharmoniker
(Konzerthaus 28.11.)
Richard Strauss: Till Eulenspiegels lustige Streiche op. 28; Fünf Lieder
Gustav Mahler: Symphonie Nr. 1 D-Dur
Dirigent: Michael Tilson Thomas

Die klangliche Flexibilität der Wiener Philharmoniker zeigt sich darin, dass sie bei einem Dirigtenten aus den USA "amerikanisch" klingen können. Thomas wählte bei Mahlers Erster einen verblüffenden Interpretationsansatz, der irgendwo zwischen dem souveränen Spannungsaufbau Leonard Bernsteins und der kühlen Brillanz eines Pierre Boulez zu suchen wäre.
Trotzdem wurden die lyrischen Stellen sehr poetisch gespielt (Holzbläser!). Man kann Mahler nicht besser spielen!
Nebenbei sei angemerkt: Wenn man die Wiener Philharmoniker wieder einmal in Höchstform hört, wird einem schmerzlich bewusst, wie durchschnittlich sie derzeit im Graben der Wiener Staatsoper klingen. Wagner so engagiert und konzentriert gespielt wie Mahler heute, und der Wiener Ring wäre musikalisch Weltklasse.

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Ludwig Wamser (Hrsg.) Die Welt von Byzanz - Europas östliches Erbe Wissenschaftliche Buchgesellschaft Katalog zur Münchner Ausstellung
Yves Thoraval Lexikon der islamischen Kultur Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1999
Stendhal Rot und Schwarz. Chronik aus dem 19. Jahrhundert Wissenschaftliche Buchgesellschaft München 2004
Christian Jacq Ramses. Der Sohn des Lichts. Band 1 rororo Ob das was taugt ...
Hans-Günter Semsek Ägypten und Sinai. Pharaonische Tempel und islamische Traditionen Dumont Kunstreiseführer Köln 2001
Rolf Vollmann Der Roman-Navigator. Zweihundert Lieblingsromane btb gebraucht gekauft


21. November 2004

Altägyptische Hölle (1)

Als kleiner Nachtrag zu Dantes Hölle die Feststellung, dass sich bereits in den Schriften der alten Ägypter drastische Beschreibungen von Höllenqualen finden. In den Worten des Althistorikers Manfred Clauss':

    Drastisch werden die quälenden Dämonen beschrieben, die als Folterknechte und Henker ihr Werk verrichten. Im Spruch 17 des Totenbuches erfleht der Tote Rettung "vor jenem Gott, der das Gesicht eines Hundes hat und menschliche Augenbrauen, der von Schlachtopfern lebt, der Hüter jener Windung des Feuersees, der Leichen verschlingt und Herzen ausreißt, der Wunden zufügt, ohne gesehen zu werden..." [...]
    In einigen Szenen der Unterweltsbücher sind die Verdammten sogar an einen Marterpfahl gebunden [...] Im Höllenbuch ist den Sündern in mehreren Szenen der Kopf buchstäblich vor die Füße gelegt. Auch das erwähnte Herausreißen der Herzen wird mit brutaler Deutlichkeit abgebildet. Zu dieser Art der Hölle gehört darüber hinaus das nicht verlöschende Feuer als ewige Strafe: Flammen sprühen aus Zunge und Augen der Peiniger, und immer wieder stoßen Schlangen, die das Jenseits in riesigen Massen zu bevölkern scheinen, ihren giftigen Gluthauch aus. [...]
    Im Zentrum aller Feuerstrafen steht der Feuersee. Statt aus Wasser besteht er aus Feuer, und entsprechend den blauen Wellen des Nil wird er mit roter Farbe gemalt. In diesem außerdem von Gestank erfüllten See werden die Bestraften hineingestoßen [...] Neben dem Feuersee spielen Kochkessel eine wichtige Rolle bei der Vernichtung der Übeltäter [...]
    Das Ziel derartiger Maßnahmen ist nicht - wie in späteren christlichen Vorstellungen - die immerwährende Strafe oder die Läuterung im Feuer, sondern die restlose Auslöschung der Existenz.
    [Manfred Clauss: Das Alte Ägypten. Berlin 2001. S. 133ff.]

Francois Ozon: 5x2
(Filmcasino 15.11.)
Buch: Ozon, Emmanuèle Bernheim
Kamera: Yorick Le Saux
Mit: Valéria Bruni-Tedeschi, Stéphane Freiss, Géraldine Pailhas, Michael Lonsdale u.a. Frankreich 2004, 90 Min, französische Originalfassung mit deutschen Untertiteln

Die formale Idee, die Geschichte eines Paares von der Scheidung rückwärts bis zum Kennenzulernen in einigen Episoden zu erzählen, hätte durchaus tragfähig sein können. Leider wirken die gewählten Ausschnitte aus der Beziehungsgeschichte willkürlich herausgeschnitten. Sie werden auch weder von psychologischer oder ästhetischer Plausibilität zusammengehalten. Ein netter Film, den man ansehen kann, aber keine cineastische Offenbarung.


16. November 2004

Wiener Buchwoche

Wer es nicht glaubt, dass die österreichische Verlagslandschaft eine ausgesprochen klägliche ist, kann sich seit heute im Wiener Rathaus persönlich davon überzeugen. Zwar findet man nicht wenige gute, mit Engagement gemachte Bücher zwischen Bildbänden über die Steiermark und Stapeln von Kakanien-Kitsch. Klassiker und Weltliteratur gibts so gut wie keine. Kurz, eine vergleichsweise triste Angelegenheit.


15. November 2004

Walter Scott: Ivanhoe. Roman
(Bibliothek der Weltliteratur; Ruetten und Loening)


Lange schon wollte ich einen Roman vom Erfinder des historischen Romans lesen und tat dies nun in einer alten DDR Ausgabe (1978), deren Seiten inzwischen ebenso vergilbt sind, wie das realsozialistische Nachwort. Die beiden - durchaus gelungen - Figuren: Gurth, der vom Schweinhirt zum Knappen befördert wird, und der weise Narren Wamba, werden darin zu Vorläufern der sozialistischen Weltrevolution stilisiert. Dahingestellt sei auch, ob das Oeuvre des Walter Scott dem des Balzac an die Seite zu stellen sei ...
"Ivanhoe" ist Scotts berühmtester Roman, allerdings nicht sein bester, wenn man der geballten lexikalischen Kompetenz des Kindler und meines alten Meyer (1906) vertrauen darf. Scott beschreibt die Rückkehr des Richard Löwenherz nach England, eingebettet in eine süffige Rahmenhandlung, in der willensstarke Jungfrauen entführt werden, malerische Rittertourniere stattfinden, und die Schlösser von Bösewichten gestürmt werden. Dass Robin Hood mehrere prominente Auftritte hat, versteht sich da von selbst.
Es wäre aber ungerecht, Scotts Buch auf eine amüsant zu lesende Ritter- und Räubergeschichte zu reduzieren. Seine Figuren sind, gerade im Vergleich mit den platten Typen aus den gothic novels, individuell charakterisiert und überaus lebendig. Dass des Volkes Stimme nicht zu kurz kommt, sei ihm als Verdienst auch nicht vorenthalten.
Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich einen weiteren Roman des Schotten lesen soll. Vermutlich werde ich ihm aber noch eine zweite Chance geben.

Wagner: Götterdämmerung
(Staatsoper 6.11.)
Siegfried: Christian Franz
Brünnhilde: Linda Watson
Hagen: Matti Salminen
Gutrune: Ricarda Merbeth
Alberich: Georg Tichy
Dirigent: Peter Schneider


Ein durchaus gelungener Abschluss des "Ring". Christian Franz zeigte sich trotz einer verkündeten Indisponiertheit musikalisch akzeptabel in Form. Matti Salminen war als Hagen (wie auch sonst immer) fulminant. Linda Watson gab die Brünnhilde vielleicht etwas zu extrovertiert.
Obwohl dieser Ring nicht von Schwächen frei war (vor allem das Staatsopernorchester könnte mehr Engagement zeigen), war es doch ein akzeptabler Zyklus.

Praktizierte Aufklärung (7): NLP

Auf der Homepage des Dr. Christoph Bördlein finden sich mehrere kritische Artikel über das "Neurolinguistische Programmieren". NLP-Seminare und -Trainer gibt es derzeit wie Sand am Meer: Es lässt sich offenbar eine Menge Geld damit verdienen. Die geringe wissenschaftliche Substanz dieser Psychotechnik beschreibt Bördlein u.a. in diesem Artikel.


14. November 2004

Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie. Hölle
(Faber & Faber)


Als Leseausgabe verwende ich die schöne bibliophile Ausgabe von Faber & Faber. Drei schön gestaltete, großformatige Bände mit Illustrationen Monika Beisners. Die Übersetzung Karl Vosslers ist ausgezeichnet lesbar. Anmerkungen und Erläuterungen sind hilfreich am Rande des Lesetextes untergebracht. Kurz: eine der beeindrucksten Klassikereditionen der letzten Jahre.
Sich Dantes Welt zu nähern bedarf einer gewissen Umsicht. Einige antike Autoren (Vergil, Ovid) sollte man präsent haben, die Bibel ebenso. Mit dem Mittelalter auf guten Fuß zu stehen, schadet naturgemäß nichts, wobei hier Schwerpunkte auf Theologie und die Geschichte Italiens (Florenz!) zu empfehlen wären. Eine Menge an Voraussetzungen sollte man also mit auf die Lesereise nehmen, wenn man sich einem der Höhepunkte der Weltliteratur nähert.
Wie sehr die "Göttliche Komödie" aus dem zeitgenössischen Schrifttum herausragt, zeigt ein Blick auf die mittelhochdeutsche Literatur. Wie im 18. Jahrhundert als vor allem die englischen Autoren in Sachen Roman ihren deutschen Kollegen weit voraus waren, können die deutschen Texte des Mittelalters - trotz aller Vorzüge - ästhetisch und intellektuell an Dantes Werk nicht heranreichen, vielleicht mit Ausnahme der kritischen Brillanz des Gottfried von Straßburg.
Dantes Meisterschaft setzt sich aus vielen Leistungen zusammen, wovon die Etablierung einer neuen Literatursprache selbstverständlich nicht die geringste ist. Hervorzuheben ist auch die Synthese höchst unterschiedlicher Bereiche in ein Sprachkunstwerk. Dies läßt sich an der "Hölle" gut demonstrieren. Dantes Hölle wird von zwei unterschiedlichen Quellen gespeist. Die drastische Darstellung der Höllenqualen, denen die Göttliche Komödie einen großen Teil ihrer "Popularität" verdankt, speist sich aus volkstümlichen Höllenvorstellungen. Diese Volkshölle entstand in der Spätantike wie man in diversen apokryphen Schriften nachlesen kann (Apokalypsen des Petrus' und Paulus' beispielsweise), und die bis ins Hochmittelalter größte Popularität erreichte. Die zweite Quelle war theologischer Art. Seit den Kirchenvätern gab es zahlreiche Höllensystematisierungsversuche. Denn auch wenn die Höllenqualen an sich die intellektuellen Propagandisten der Nächstenliebe nur in den seltensten Fällen störte, sollte die Folter doch wenigstens in einem elegantem theologischen System gründen.
Dante spannte nun diese beiden Welten zusammen, indem er den Höllensadismus der religiösen Volkskultur literarisch brillant verarbeitete, diese Hölle aber mit der bekannten systematischen Geographie versah, die sich aus theologischen Quellen speiste.
Agiert der Autor hier "mittelalterlich" im besten Sinn, finden sich auch Aspekte, die auf die Renaissance vorausweisen. Die Respektlosigkeit, mit welcher der Autor die zeitgeschichtliche Prominenz (Päpste, Kaiser, Honoratioren aller Sparten) in die Hölle versetzt, ist von erfrischender Frechheit. Der die Höllenkreise hinabsteigende Dante (als literarische Figur!) ist viel näher am Renaissancemenschen als an den typologisierten Heldenfiguren, die sonst in der Literatur des Mittelalters ihr heroisches Unwesen treiben.
Es braucht viel Zeit, sich auf Dantes Werk und Welt einzulassen. Was aber könnte man mit seiner Zeit Bessereres anfangen? :-)

Shakespeare biographisch

Glaubt man den Rezensionen, legte Stephen Greenblatt mit "Will in the World: How Shakespeare Became Shakespeare" eine vorzügliche Biographie vor. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, da Greenblatt als Begründer des new historicism einem biographischen Ansatz theoretisch denkbar fern stehen sollte. Einen ausführlichen Aufsatz zum Buch verfasste Adam Gopnik im New Yorker.


13. November 2004

Philosophische Spitzen

    "Heute ist Herr Neurath willens, uns ein Referat über die Einheitswissenschaft zu halten. Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass das jemand interessiert, bitte ich Herrn Neurath, trotzdem nun zu sprechen."
    Moritz Schlick coram publico über seinen nicht gerade befreundeten Wiener-Kreis-Kollegen Otto Neurath.

    "Solchen Mist haben Sie in Ihrer Bibliothek? Glauben Sie, dass ich noch länger mit einem Menschen Umgang haben möchte, der solche Bücher besitzt?"
    Ludwig Wittgenstein zu Rudolf Carnap, nachdem er in dessen Bibliothek ein Buch über Okkultismus entdeckt hatte.

    "Ganz gleich, welche Seite von Jaspers oder Heidegger man mir vorlegt, ich werde sie mit den einfachsten Mitteln der formalen Logik in die Luft jagen."
    Julius Ebbinghaus 1947 auf einem Philosophenkongress in Garmisch Partenkirchen.

    Wenn Sie mit Philosophen die Herren meinen, die in Deutschland Philosophie-Lehrstühle innehaben, dann bin ich sicher kein Philosoph."
    Karl Popper 1948 bei einem Vortrag in Alpbach.

    Quelle: HEUREKA 3/04

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Schelaladdin Rumi Aus dem Diwan Reclam UB Übersetzt von Annemarie Schimmel
Barbara Kreißl Ägypten ADAC Reiseführer München 2004
Carson McCullers Das Herz des einsamen Jäger SZ Bibliothek München 2004
W. Somerset Maugham Der Magier SZ Bibliothek München 2004
Cees Noteboom Allerseelen SZ Bibliothek München 2004
Florian Holzer Wiener Delikatessen Falter City Walks Gestern erschienen
Journal of the History of Ideas April 2004 John Hopkins University Press Thersites, Bayle, Renaissance Medicine etc.


7. November 2004

Walter Fanta über Herbert Kraft

Die Mängel des im letzten Jahr erschienenen Musil-Buchs von Herbert Kraft - "Studie" wäre hier zu hoch gegriffen - wurden in diversen Rezensionen bereits thematisiert. Nicht jedoch in der um Objektivität bemühten Ausführlichkeit wie dies nun Walter Fanta, der eine neue, digitale Musiledition vorbereitet, in seiner Kritik gelungen ist.

Praktizierte Aufklärung (6): Bush und die Wissenschaft

Die amerikanische Union of Concerned Scientists veröffentlichte zwei Reports: "Scientific Integrity in Policymaking: An Investigation into the Bush Administration's Misuse of Science". Darin werden eine Fülle von Beispielen angeführt, wie eine gottgesandte Administration ideologischen Einfluss auf den Wissenschaftsbetrieb nimmt und jetzt, muss man leider hinzufügen, noch weitere vier Jahre wird nehmen können.

Wagner: Siegfried
(Staatsoper 1.11.)
Siegfried: John Treleaven
Brünnhilde: Linda Watson
Der Wanderer: Jukka Rasilainen
Dirigent: Peter Schneider


"Siegfried" ist insofern die längste Oper des Ringzyklus als man sich tatsächlich fragen kann, ob jede Minute der viereinhalb Stunden unbedingt dramaturgisch notwendig ist. Musikalisch war der Abend aber durchaus erfreulich. Die Inszenierung schrammt vor allem im zweiten Akt durch übertriebenem Realismus (Stoffwurm Fafner samt ausgestopft falternden Vogel) nicht immer erfolgreich an ungewohnter Komik vorbei.


31. Oktober 2004

2. November 2004

Tony Judt meint in der The New York Review of Books 17/2004 dazu:

    And yet the election of 2004 is the most consequential since 1932, if not since 1860. Is John Kerry the man for the moment? I doubt it. Does he fully grasp the scale of America's crisis? I'm not sure. But what is absolutely certain is that George W. Bush does not. If Bush is reelected much of the world (and many millions of its own citizens) will turn away from America: perhaps for good, certainly for many years. On November 2 the whole world will be looking: not to see what America is going to do in future years, but to find out what sort of a place it will be.

    With our growing income inequities and child poverty; our underperforming schools and disgracefully inadequate health services; our mendacious politicians and crude, partisan media; our suspect voting machines and our gerrymandered congressional districts; our bellicose religiosity and our cult of guns and executions; our cavalier unconcern for institutions, treaties, and laws—our own and other people's: we should not be surprised that America has ceased to be an example to the world. The real tragedy is that we are no longer an example to ourselves. America's born-again president insists that we are engaged in the war of Good against Evil, that American values "are right and true for every person in every society." Perhaps. But the time has come to set aside the Book of Revelation and recall the admonition of the Gospels: For what shall it profit a country if it gain the whole world but lose its own soul?
Frank Wittenbrink: Mozart Werke Ges.m.b.H.
(Akademietheater 30.10.)

Regie und musikalische Leitung: Frank Wittenbrink
Der Fabrikbesitzer: Bernd Birkhahn
Seine Frau: Kirsten Dene
Der Vorarbeiter: Juergen Maurer

Wittenbrink konzipierte die in einer Mozartkugelfabrik spielende musikalische Parodie auf den gängigen Mozartkitsch. Der teilweise sehr komische Abend besteht aus einer Aneinanderreihung von musikalischen Nummern diverser Genres, wobei Mozart natürlich nicht zu kurz kommt. Die parodistische Gesangskunst war durchaus überzeugend. Nicht nur Kirsten Dene konnte mit ihrem Gesangstalent glänzen. Eine erfrischend ungewöhnliche, aber durchaus hörenswerte Aufführung.

30. Oktober 2004

Islam und Christentum

Bei den Gelehrten gibt es nicht erst seit 9/11 zwei Fraktionen. Während die einen wie Bernard Lewis vom unvermeidlichen Kampf der Kulturen reden, arbeiten die anderen die engen kulturellen und geistesgeschichtlichen Interdependenzen heraus. Hier bietet sich vor allem das Mittelalter als fruchtbares Forschungsgebiet an.
William Dalrymple bespricht in der The New York Review of Books 17/2004 eine Reihe von Büchern beider Seiten und meint:

    Probe relations between the two civilizations at any period of history, and you find that the neat civilizational blocks imagined by writers such as Bernard Lewis or Samuel Huntington soon dissolve.
Interessant auch sein Hinweis auf eine Forschungsmeinung, dass die ersten europäischen Universitäten maßgeblich von islamischer Gelehrsamkeit inspiriert worden seien:
    Some scholars go further. Professor George Makdisi of Harvard has argued convincingly for a major Islamic contribution to the emergence of the first universities in the medieval West, showing how terms such as having "fellows" holding a "chair," or students "reading" a subject and obtaining "degrees," as well as practices such as inaugural lectures and academic robes, can all be traced back to Islamic concepts and practices. Indeed the idea of a university in the modern sense—a place of learning where students congregate to study a wide variety of subjects under a number of teachers—is generally regarded as an Arab innovation developed at the al-Azhar university in Cairo. As Makdisi has demonstrated, it was in cities bordering the Islamic world—Salerno, Naples, Bologna, Montpellier, and Paris—that first developed universities in Christendom, the idea spreading northward from there.



28. Oktober 2004

Elfriede Jelinek

Ein Leser fragte kürzlich per Mail an, ob ich die Nobelpreisvergabe an Elfriede Jelinek bewusst unkommentiert gelassen hätte. Seitenweise Augustinus und Wagner, aber keine Jelinek! Ein subtiler Kommentar?
Keineswegs! Die Entscheidung der Osloer hat mich sehr positiv überrascht, wird doch eine kompromisslose ästhetische Position ausgezeichnet. Die zahlreichen, überwiegend deprimierenden Wortspenden (vor allem in Österreich), brachten mich vorübergehend zum Verstummen...

Wagner: Die Walküre
(Staatsoper 26.10.)
Siegmund: Christian Franz
Sieglinde: Susan Anthony
Hunding: Matti Salminen
Brünnhilde: Linda Watson
Wotan: Jukka Rasilainen
Fricka: Marjana Lipovsek
Dirigent: Peter Schneider

Ein fulminanter erster Akt, der vor allem Christian Franz als kongenialem Siegmund zu danken war, wobei auch Matti Salminen als Hunding in jeder Hinsicht beeindruckte. Der ursprünglich für den Part des Wotan vorgesehnen Alan Titus war erkrankt. Die "Aushilfe" Rasilainen gab sich redlich und einigermaßen erfolgreich Mühe, war aber stimmlich eine halbe Stunde vor dem Ende bereits am Ende. Das Staatsopernorchester erlaubte sich ein paar Schnitzer (erste Trompete zurück in eine Blaskapelle!). Trotz dieser Schwächen war der Gesamteindruck aber ziemlich rund.

Gute Nachrichten aus dem Vatikan!

Europa wird zunehmend liberaler. Umfangreiche Reformen in Spanien unter der neuen progressiven Regierung, wurde gegen den heftigen Widerstand der Kirche beschlossen. Die EU Verfassung findet sich ohne göttliche Hilfe hervorragend zurecht und ein engstirniger katholischer Italiener führt zu einem Veto des EU Parlaments gegen die Kommission.
Der Vatikan sieht seinen Einfluss schwinden, und reagiert mit panischen Stellungnahmen. So wurde von wörtlich von einer antikatholischen Inquisition gesprochen. Eine ausführliche Zusammenfassung der Ereignisse findet sich hier.

Morbides Wien

Das Klischee besagt, "der Wiener" sei Morbidem nicht abgeneigt. Dem wahren Kern dieser Ansicht kann man im Bestattungsmuseum näher kommen. Eine Voranmeldung ist erforderlich. Sehen kann man dann kulturgeschichtlich Interessantes ("schöne Leich") und viele Wiener Skurrilitäten. Genannt seinen nur diverse Erfindungen gegen den Scheintod.
Auch das Anatomische Museum lohnt einen Besuch. Hier sei man allerdings auf viel Unappetitliches vorbereitet. Zahlreiche Krankheitsbilder baute man vor Erfindung der Farbfotografie sehr realistisch nach. Im legendären Narrenturm untergebracht, ist nur das Erdgeschoß frei zugänglich. Den Hauptteilung der Sammlung kann man während einer Führung besichtigen.


26. Oktober 2004

Aurelius Augustinus: Vom Gottesstaat (5)
Bücher 8-10
(dtv-bibliothek)

Das achte Buch ist philosophisch besonders interessant, da sich Augustinus hier explizit mit Philosophen auseinandersetzt. Sokrates wird beispielsweise "wunderbare Eleganz" und "bissige Liebenswürdigkeit" bescheinigt. Platon und die platonische Schule wird über alle anderen Lehren gestellt, was angesichts der Anleihen, welche die Theologie beim Platonismus nahm, nicht überrascht:

    Doch hütet [Platon] sich sich vor denen, die beim Philosophieren nur nach den Elementen dieser Welt fragen und nicht nach Gott, der die Welt geschaffen hat.
    [S. 387]
Empiristische Ansätze waren und sind den Vertretern Gottes auf Erden immer schon ein Greuel. Weniger gefällt Augustinus freilich der Hang zum Polytheismus und die postulierte Existenz von Dämonen. Die "Dämonen-Ontologie" hat es ihm besonders angetan, und er widerlegt umständlich, dass Dämonen auf der Stufenleiter der Existenz dem Menschen vorzuziehen seien. Die Verehrung von Engeln und Märtyrern dagegen sei eine lobenswerte Angelegenheit.
Im neunten Buch fällt der Kirchenvater mit der im eigenen brillanten rhetorischen Boshaftigkeit über die armen Dämonen her. Methodisch interessant wird es, wenn er auf die ethischen Theorien der Stoiker und der Peripathetiker zu sprechen kommt und sprachanalytisch vorgeht. Man stritte hier nur über Worte:
    Ebenso scheint sich mir auch bei der Frage, ob der Weise von Gemütsbewegungen bewegt werde, oder ob sie ihm fremd bleiben, der Streit mehr um Worte als um Sachen zu drehen, und ich bin der Meinung, daß die Stoiker, soweit der Sachverhalt und nicht der Wortlaut in Betracht kommt, hierüber nichts anderes denken als die Platoniker und Peripatetiker.
    [S. 430]
Besonders empört ist Augustinus über das Konzept, dass Dämonen zwischen Menschen und Göttern als Vermittler tätig sind. Eine Fülle von Argumenten führt er dagegen an.
Der erste Band meiner dtv Ausgabe schließt mit dem zehnten Buch, einem Versuch in fortgeschrittener Engel-und-Dämonen-Komparatistik. Wie im "Gottesstaat" insgesamt, stößt man immer wieder auf interessante Details am Rande. Etwa wenn Augustinus das Konzept der Nächstenliebe - immerhin die zentrale marketing proposition des Christentums - schnurstracks zum Missionierungsinstrument erklärt:
    Denn wer sich selbst liebt, will ja im Grund nichts anderes als glückselig sein. Dies Ziel aber ist, Gott anzuhangen. Wenn also dem, der sich selbst recht zu lieben weiß, geboten wird, den Nächsten wie sich selbst zu lieben, wird ihm nichts anderes geboten, als dem Nächsten, so gut er's vermag, die Gottesliebe lieb zu machen.
    [S. 470]
Vornehmste Aufgabe der Nächstenliebe ist als die Bekehrung der Heiden und daran hat sich ja bis heute wenig verändert, wenn Missionare in aller Welt subtil Nahrung und medizinische Betreuung gegen den richtigen Glauben tauschen.
En passant sei noch bemerkt, dass Augustinus eine moderne religionsgeschichtliche Auffassung vorwegnahm. Die Theorie, die durch Lessings "Erziehung des Menschengeschlechts" berühmt wurde, findet sich bereits im "Gottesstaat":
    Ebenso wie die rechte Erziehung des einzelnen Menschen schritt auch die des Menschengeschlechts, wenigstens so weit das Volk Gottes in Frage kam, in gewissen Zeitabschnitten, den Altersstufen vergleichbar, voran, so daß es sich allmählich vom Zeitlichen zur Erfassung des Ewigen, vom Sichtbaren zum Unsichtbaren erhob.
    [S. 489]

Praktizierte Aufklärung (5): Skeptic's Dictionary

Mehr als 400 Artikel sind aufgeboten, um den gröbsten esoterischen Unfug auf allen Gebieten entgegen zu treten. Eine wichtige Informationsquelle zum Thema.

25. Oktober 2004

Aurelius Augustinus: Vom Gottesstaat (4)
Buch 6, 7
(dtv-bibliothek)

An das fünfte Buch anknüpfend, widmet sich das folgende einem speziellen Aspekt des Wettkampfes zwischen römischer und christlicher Religion: Können die heidnischen Götter ewiges Leben verleihen?
Augustinus verspottet schon die Erwägung im allgemeinen, verfügten diese Gottheiten doch (wie ausführlich vorher beschrieben) über einen höchst eingeschränkten Zuständigkeitsbereich. Die These dient ihm jedoch zum Anlass, sich ausführlich mit Marcus Terentius Varro, "a man of immense learning and a prolific author" (Britannica), auseinanderzusetzen, speziell mit dessen Götterlehre. Der Überlieferung nach schrieb Varro 74 Werke bestehend aus 620 Büchern, von denen - wie so oft - nur ein kleiner Bruchteil überliefert wurde. Augustinus bezieht sich auf die 16 Bücher zum Thema "Göttliches" der "Antiquitates rerum humanarum et divinarum". Er geht von Varros Einteilungen aus und argumentiert auf jeder Ebene gegen die Annahme, ewiges Leben sei mit Hilfe heidnischer Götter möglich.
Mit besonderer Verachtung werden dabei wieder die diversen öffentlichen Kulthandlungen bedacht:

    Doch wie man im übrigen auch ihren Mysterienkult deuten und zu Naturvorgängen in Beziehung bringen mag, daß Männer beim Geschlechtsverkehr die Rolle des Weibs spielen, ist nicht naturgemäß sondern widernatürlich. Diese Seuche, dies Verbrechen, diese Schmach wird aber in jenem Kult gewerbsmäßig betrieben [...]
    [S. 302]
Im siebten Buch wird die für das Christentum so wichtige Frage über die möglichen Ursachen des ewigen Lebens noch weiter verengt. Augustinus diskutiert sie nun in Hinblick auf die wichtigsten römischen Götter. Nicht ohne sich über diese "Götter Auslese" lustig zu machen, indem er Tertullian zitiert:
    Wennn man Götter ausliest, wie man Zwiebeln ausliest, erklärt man die übrigen für wert, weggeworfen zu werden.
    [S. 317]
Der Rest des Buches besteht aus einer Abrechnung mit den einzelnen Göttern und einer polemischen Auseinandersetzung mit Varros religionshistorischen Erklärungsversuchen.

Wagner: Das Rheingold
(Staatsoper 24.10.)
Wotan: Alan Titus
Loge: Michael Roider
Alberich: Georg Tichy
Regie: Adolf Dresen
Dirigent: Peter Schneider

Der Auftakt zum diesjährigen Ringzyklus war musikalisch sehr vielversprechend. Das Ensemble war gut in Form und auch das Wiener Staatsopernorchester, das sich aus Mitgliedern der Wiener Philharmonikern zusammensetzt, waren engagiert bei der Sache.
Auf die Fragwürdigkeit der Inszenierung habe ich an dieser Stelle bereits hingewiesen. Erfreulicherweise wurde kürzlich eine Neuinszenierung der Tetralogie angekündigt. Bis 2008 werden wir uns allerdings noch mit der aktuellen Fassung arrangieren müssen. Morgen gehts mit der "Walküre" weiter.

Wolfgang Hilbig: Der Schlaf der Gerechten. Erzählungen
(S. Fischer)

Der Band versammelt überwiegend Erzählungen aus den neunziger Jahren, die für die Buchausgabe überarbeitet wurden. Hilbig bleibt seinem klassischen Themenspektrum treu: Viele der Texte sind direkt oder indirekt in den düsteren sächsischen Tagebaulandschaften im Süden Leipzigs angesiedelt. Einmal mehr stellt der Autor seine sprachliche Evokationskraft unter Beweis. Immer wieder reflektiert Hilbig die Auswirkungen der Wende, vor allem in "Der dunkle Mann", wo die Hauptfigur, ein Schriftsteller, von einem Ex-Stasi-Mitarbeiter kontaktiert wird.
Die überwiegende Zahl der Texte setzt sich aber mit Kindheitserinnerungen aus DDR Zeiten auseinander. Hilbigs dichte Sprachkunstwerke gehören seit längerer Zeit zum Besten, was die deutsche Literatur zu bieten hat.



23. Oktober 2004

Karl Klaus Walther (Hrsg.:) Lexikon der Buchkunst und Bibliophilie
(Weltbild Verlag)


Dieses ursprünglich in der DDR erschienene Nachschlagewerk hat leider bis heute keinen Nachfolger gefunden, was es nach wie vor zu einem Standardwerk macht. Ideologische Verzerrrungen finden sich auch nur wenige, wenn beispielsweise im Artikel über "Zensur" zwar Großbritannien und die USA erwähnt werden, aber kein einziger Ostblockstaat.
Die Beiträge zu den Buchthemen sind ausführlich und sehr informativ. Auch die illustrative Seite kommt nicht zu kurz (lange Artikel über Holz- und Kupferstich und andere Verfahren). Vor dem Internetzeitalter entstanden, haben die Ausführungen zu Buchhandel etc. keinen aktuellen Wert mehr, durchaus aber historischen. Ein nützliches und informatives Buch für Bücherfreunde, das nur noch antiquarisch zu bekommen ist.

Lessing-Handbuch

Das Handbuch liegt seit kurzem in einer zweiten, überarbeiteten Auflage vor.


22. Oktober 2004

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Norbert Wehr (Hrsg.) Schreibheft Nr. 63 Rigodon Clarel, Melvilles großer Versroman
Dante Alghieri Die göttliche Komödie Manesse Dritt-Ausgabe; Ü: Ida und Walther von Wartburg
Max Frisch Mein Name sei Gantenbein SZ Bibliothek München 2004
Graham Greene Der dritte Mann SZ Bibliothek München 2004
Ian McEwan Der Zementgarten SZ Bibliothek München 2004


21. Oktober 2004

Heeresgeschichtliches Museum
(21.10.)

Heute besuchte ich erstmals dieses Museum und war ob der Skurrilität der Institution fasziniert. Die Kombination aus seriösen historischen Anschauungsmaterial und k.u.k. Nostalgiekitsch dürfte in dieser Form einmalig sein. Eine Fundgrube!
Fangen wir mit der seriösen Seite. Geboten wird historisches Anschauungsmaterial vom 15. Jahrhundert bis zum zweiten Weltkrieg, wobei ich mich bei meinem Besuch vor allem auf das 19. und 20. Jahrhundert beschränkte. Zu sehen ist viel instruktives Quellenmaterial. Historische Wahlplakate, Propagandaaushänge, Spendenaufrufe, Verordnungen etc. geben einen dichten Eindruck vom Zeitgeschehen. Im Mittelpunkt stehen allerdings erwartungsgemäß Uniformen samt Ausrüstung und Waffen (vom Revolver bis zur 80 Tonnen schweren Haubitze).
Die Darstellung des historischen Hintergrundes ist an der Grenze des noch erlaubten. So wird rund um den 1. Weltkrieg die Kriegsschuldfrage stark vernachlässigt. Der Audioguide informiert zwar darüber, dass der 1. Weltkrieg eine "Konsequenz" der österreichischen Politik war, mehr gibts dazu aber nicht zu hören. Nicht nur angesichts der Schulkassen bedenklich. Die Ausstellung über den 2. Weltkrieg beschönigt den Kriegsverlauf nicht, es findet sich aber auch kein Wort über die Beteiligung der Wehrmacht an Kriegsverbrechen. Eine nicht nur vor dem Hintergrund der Diskussion der letzten 10 Jahre, eine kaum zu tolerierende Lücke. Die Endlosvideos mit zeitgenössischem Material bedürften ebenfalls einer kritischen Reflexion.
Wer das Museum nicht als Museum besucht, sondern um sich darüber ein Bild zu machen, wie das Nachkriegsösterreich zur eigenen Vergangenheit steht, wird nicht enttäuscht sein. Ob es sich um das gerade angedeutete Geschichtsverständnis handelt oder um den Radetzky-Raum samt Radetzkymarsch als Endlosschleife: Man erfährt viel über das Land.

Budapester Festival Orchester & Collegium Vocale Gent
(Konzerthaus 3.10.)
Strawinski: Concerto in D "Basler Concerto" (1946)
Béla Bartók: Falun Sz 79 (1926)
Béla Bartók: Tanzsuite Sz 77 (1923)
Strawinski: Psalmen-Symphonie (1930)
Dirigent: Iván Fischer

Ein ambitioniertes Programm. Fischer lieferte deutlich bessere Interpretationen als beim letzten Konzert, als er für Welser-Möst bei Mahlers Dritter einsprang. Das Orchester spielte differenziert, das Collegium Vocale war in Hochform. Ein akzeptabler Abend.



16. Oktober 2004

Im Archiv ...

... ist ab sofort das 3. Quartal zu finden.

Peter Handke: Untertagblues. Ein Stationendrama
(Akademietheater 13.10.)
Ein wilder Mann: Philipp Hochmair
Eine wilde Frau: Bibiana Zeller
Regie: Friederike Heller


Die Wiener Premiere erfolgte kurz nach der Uraufführung des Stücks durch Claus Peymann in Berlin. Dessen hyperrealistische Inszenierung stieß auf wenig positive Resonanz. Friederike Heller wählte - glücklicherweise! - eine abstraktere Vorgehensweise. Regieanweisungen und Stationen wurden auf den Vorhang projeziert. In Szene setzte sie den Text als eine Art Fortsetzung von Handkes berühmter Publikumsbeschimpfung. Allerdings ist "Untertageblues" formal deutlich zahmer angelegt. Trotz der Tiraden bleibt das Werk vergleichsweise leicht konsumierbar. Bühnentauglichkeit muss man ihm freilich bescheinigen. Im Kombination mit der intelligenten Inszenierung und einem teilweise fulminanten Philipp Hochmair ergibt das einen sehr erfreulichen Theaterabend.

Literaturbeilagen im Herbst

In gewohnter Weise hat das Perlentauchenteam inzwischen alle Literaturbeilagen ausgewertet, die zur Buchmesse erschienen sind.


10. Oktober 2004

Autoren auf der Frankfurter Buchmesse

Mehrere Stunden Videos hat 3sat ins Netz gestellt.

Bibliothek: Neuzugänge

Autor Titel Verlag Kommentar
Thomas Anz; Rainer Basner (Hrsg.) Literaturkritik. Geschichte, Theorie, Praxis beck'sche reihe Geschenk eines der Beitragenden!
VKI (Hrsg.) Medikamente Konsument extra Umfangreiches Nachschlagewerk


9. Oktober 2004

Goethe über einen Vorzug der Großstadt

    Zwischen einer so unzählbaren und rastlos bewegten Menge durchzugehen ist gar merkwürdig und heilsam. Wie alles durcheinander strömt und doch jeder Einzelne Weg und Ziel findet. In so großer Gesellschaft und Bewegung fühl' ich mich erst recht still und einsam, jemehr die Straßen toben desto ruhiger werd' ich.
    (Italienische Reise, 17. März 1787)

Michelangelo und Rubens
(Albertina 27.9.)


In den letzten Wochen wurde in Wien eine beliebte Debatte besonders angeregt geführt: über den (Un)sinn von Blockbusterausstellungen. Fantasielos und quotengeil nennen sie die einen, während die anderen auf die ästhetischen Qualitäten pochen und das große Risiko solcher Veranstaltungen hervorheben. Naturgemäß sieht zwischen den Zeilen der Kritiker immer wieder Neid hervor, wenn schlecht dotierte Veranstaltungsmacher über die "reichen" Kollegen herziehen.
Als Kunstinteressierter, der sich seit einigen Jahren so gut es geht in die Welt der bildenden Künste hineindenkt, fällt das Urteil leicht: Es ist ausgesprochen praktisch El Greco, Kandinsky, Parmigiano, Rembrandt und viele mehr vor der Haustür präsentiert zu bekommen. "Michelangelo und seine Zeit", die nur noch kurz zu sehen ist, prunkt in erster Linie mit Albertinabeständen. Die Werke des Florentiners sind auch nur in der Minderheit, der Titel der Ausstellung ist also hauptsächlich dem Marketing geschuldet. Trotzdem ist die Fülle der Zeichnungen höchst sehenswert, speziell auch die von Rafael und seinem Umfeld.
Eine ähnlich positive Empfehlung verdient die Rubensschau, die den Künstler von sehr verschiedenen Seiten zeigt. Füllige nackte Damen sind kaum anzutreffen, dafür zahlreiche Beispiele der Rubenschen Portraitkunst. Mehr als 160 Werke sind ausgestellt, die man sich am besten in mehreren Tranchen ansieht.

Harry Mulisch: Das Attentat. Roman
(SZ Bibliothek)


Die berühmte "Entdeckung des Himmels" habe ich bis heute nicht gelesen, weshalb dieser kleine Roman eine willkommene Gelegenheit bot, einen neuen Autor kennenzulernen. "Klein" bezieht sich hier ausschließlich auf den Umfang, denn die literarische Qualität des Buches ist groß. Scheinbar einfach erzählt, enthüllen sich schnell zahlreiche geschichtliche und psychologische Fallstricke. Der Roman thematisiert den Umgang der niederländischen Gesellschaft mit der Besatzungszeit. Die moralische Komplexität des Widerstandskampfes und der Zwang, ethisch absurde Entscheidungen treffen zu müssen, treten sukzessive ans Licht.
Ausgelöst wird dieser Handlungsreigen durch ein Attentat von kommunistischen Widerstandskämpfern auf einen brutalen niederländischen Kollaborateur. Die Aktion löst eine willkürliche Vergeltungsaktion der Nazis aus. Die Folgen dieses Attentats werden bis in die achtziger Jahre hinein von Mulisch klug und sensibel beschrieben. Ein tolles Buch, das es - nebenbei bemerkt - derzeit gebunden für 5 Euro zu kaufen gibt.


3. Oktober 2004

Schiller: Don Carlos
(Burgtheater 23.9.)
Regie: Andrea Breth
Don Carlos: Philipp Hauß
Philipp II.: Sven-Eric Bechtolf
Marquis von Posa: Denis Petkovic


Vergleicht man diese Inszenierung mit Andrea Breths "Maria Stuart", so fällt der grundsätzlich andere Ansatz sofort auf: Erstere war klassisch-zeitlos gehalten, während "Don Carlos" in modernem Ambiente spielt. Genauer in einem düsteren Bürogebäude mit Konferenztischen, schäbigen Aktenschränken und kalten Neonröhren. Ein passendes Setting für den bürokratischen spanischen Hofstaat. Das bei Schiller angelegte Pathos (Freundschaft, Gedankenfreiheit) wurde merklich zurückgenommen. An der gebotenen Schauspielkunst läßt sich nichts bekritteln. Prädikat: sehenswert.

Roland Schimmelpfennig: Die Frau von früher
(Akademietheater 27.9.)
Regie: Stephan Müller
Frank: Markus Hering
Claudia: Regina Fritsch
Romy Vogtländer: Christiane von Poelnitz
Andi: Philipp Hauß
Tina: Elisa Seydel


Wenn es stimmt, dass Roland Schimmelpfennig einer der begabtesten deutschen Gegenwartsdramatiker ist, steht es, dem neuen Stück nach, schlecht um die deutsche Gegenwartsdramatik. Das mag ein ungerechtes Urteil sein, da ich die zahlreichen anderen Stücke Schimmelpfennigs nicht kenne. "Die Frau von früher" jedoch, ein Auftragswerk für das Burgtheater, ist seltsam unausgegoren. Wenn man das Stück an verschiedenen Stellen abklopft, klingt es hohl und leer.
Die grundsätzliche Idee erinnert - höflich formuliert - auffällig an Ibsens "Baumeister Solness": Nach vielen Jahren steht eine Frau vor der Tür eines Ehepaars und macht alte Ansprüche geltend. Im Gegensatz zu Ibsen klingen Schimmelpfennigs Dialoge oft angestrengt gekünstelt, und das drastische Ende wirkt psychologisch unmotiviert.
Originell war die zeitliche Szenenfolge (10 Minuten früher, währenddessen, ein paar Minuten später usw. in schnellem Wechsel). Formale Originalität freilich rettet kein Stück, dass inhaltlich nichts zu sagen hat.

Brecht/Weil: Die Dreigroschenoper
(Theater in der Josefstadt 2.10.)
Regie: Hans Gratzer, Hanspeter Horner
Musikalische Leitung: Michael Rüggeberg
Mackie Messer: Herbert Föttinger
Polly: Chris Pichler
Peachum: Erich Schleyer
Brown: Martin Zauner


Grundsätzlich eine akzeptable Inszenierung. Allerdings mit der nicht unwesentlichen Einschränkung, dass die gesanglichen Talente im Ensemble - wie so vieles auf der Welt - höchst ungerecht verteilt sind. Während Herbert Föttinger einen ausdrucksstarken Mackie Messer gab, waren die stimmlichen Möglichkeiten nicht nur von Chris Pichler von Polly schnell erschöpft. Schauspielerisch war der Abend um Welten besser als musikalisch.
Was Brecht angeht, finde ich seinen ästhetischen Ansatz von Jahr zu Jahr seltsamer. Für die "Wissenden" ist diese Art der Gesellschaftskritik ärgerlich simplifizierend. Auf der anderen Seite zu glauben, dass sie bei den "Unwissenden" größere Erkenntnisschübe auslösen könne, ist dagegen hochgradig naiv.

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