Übersicht --- Notizen --- Archiv --- 4. Quartal 2005
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| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Norman Habel | Literary Criticism of the Old Testament | Fortress Press | 1971 |
| Robert Burton | The Anatomy of Melancholy | New York Review Books | Introduction by William H. Gass |
| Martin Noth | Überlieferungsgeschichte des Pentateuch | W. Kohlhammer | Stuttgart 1948 |
| James Gleick | Isaac Newton | Vintage Books | Paperback |
| J.M Coetzee | Der Meister von Petersburg | Fischer TB | Frankfurt 2003 |
| Amos Oz | Eine Geschichte von Liebe und Finsternis | Suhrkamp | Gebunden |
| Otto Leggewie (Hrsg.) | Ars Graeca. Grammatik | Ferdinand Schöningh | Paderborn 1981 |
| Amos Oz | Black Box | Insel Verlag | 2. Auflage 1989 |
21. Dezember 2005
Lessing: Minna von Barnhelm
(Burgtheater 18.12.05)
Regie: Andrea Breth
Major von Tellheim: Sven-Eric Bechtolf
Minna von Barnhelm: Sabine Haupt
Just: Markus Meyer
Der Wirt: Udo Samel
Nach ihrem enttäuschenden "Kirschgarten" der letzten Saison kehrt Andrea Breth auf Ihr hohes inszenatorisches Niveau zurück, das in der deutschsprachigen Regieszene nur sehr wenige erreichen können. Ihr ästhetisches Rezept: Man lese den ungekürzten Text mit allen Nuancen, lasse den Schauspielern möglichst großen Freiraum und übertrage das Geschehen trotzdem in die Gegenwart. Vor allem das hohe Textverständnis kann nicht überbetont werden, gibt es doch genügend "Jungstars", die mit klassischen Texten nichts mehr anzufangen wissen.
Das Bühnenbild zeigt ziemlich heruntergekommene Hotelräumlichkeiten, denen man die Krieg durchaus noch ansieht. Könnte ein Hotel in Sarajewo vor ein paar Jahren sein (samt Einschusslöchern).
Die Schauspieler zeigen durchwegs Glanzleistungen. Ich fühlte mich an die wenigen gelungen Opernabende erinnert, wo ausnahmsweise einmal alle hervorragend singen. Sven-Eric Bechtolf zeigt erneut seine ungeheure Wandlungsfähigkeit und gibt einen emotional aufgewühlten Tellheim, inklusive eines gespensterhaften Lachanfalls in einem Schlüsseldialog. Sabine Haupt agiert als Gegenspielerin auf Augenhöhe.
Breths Inszenierung lotet die Grenzen zwischen Komödie und Tragödie der "Minna von Barnhelm" aus, wobei das Tragische gegen den Text etwas zu stark betont wird. Deshalb ist Udo Samel als komischer Wirt ein ausgezeichnetes Gegengewicht.
Wer Schauspiel auf höchstem Niveau sehen will, mache sich auf ins Burgtheater.
Bibliothek: Neuzugänge
Der Augustinus-Biographie des Peter Brown eilt der Ruf voraus, die beste ihrer Art zu sein. Hansons Neuerscheinung über den Peloponnesischen Krieg wurde ebenfalls sehr gelobt. Beide gebraucht gekauft (Amazon Marketplace). Die beiden letzten Titel sind Jahresgaben der Schiller-Gesellschaft.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Peter Brown | Augustine of Hippo. A Biography | University of California Press | First Paperback Edition 1969 |
| Victor Davis Hanson | A War Like no Other | Random House | "How the Athenians and Spartans fought the Peloponnesian War" |
| Wilfried Barner (Hrsg.) | Jahrbuch der deutschen Schiller-Gesellschaft | Wallstein Verlag | Band XLIX 2005 |
| Martin Heidegger | Schillers Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen | Marbacher Bibliothek 8 | Gebunden; 2005 |
19. Dezember 2005
"Rassenwahn und Teufelsglaube"
Interessante Zusammenhänge deckt Wolfgang Wippermann in dieser Studie auf, die von Jan Süselbeck hier rezensiert wird.
18. Dezember 2005
Thomas Hobbes: Leviathan. Vierter Teil
(Meiner Philosophische Bibliothek)
Der vierte und letzte Teil dieses geistreichen Buches widmet sich schwerpunktmäßig den intellektuellen Schwachstellen in theologischen Argumentationen. Wieder beginnt Hobbes meist sprachanalytisch, indem er kritisch die Bedeutungen der verwendeten Termini hinterfragt.
Wenn es um Kritik an der Sache geht, verwendet der Philosoph Methoden, die auch für heutige Skeptiker nichts an Aktualität verloren haben. So führt er das "Sehen von Dämonen" auf Bewusstseinserlebnisse zurück:
Als ob die Toten, von denen sie träumten, nicht die Bewohner des eigenen Hirns wären, sondern der Luft oder des Himmels oder der Hölle, nicht Phantasmen, sondern Geister; mit ebensoviel Grund, als sagte jemand, er habe seinen eigenen Geist in einem Spiegel gesehen oder die Geister der Sterne in einem Fluß, oder als nennte jemand die gewöhnliche Erscheinung der Sonne vom Umfang etwa eines Fußes den Dämon oder Geist jener großen Sonne, welche die ganze sichtbare Welt erleuchtet.
Ebensowenig an Gültigkeit verloren hat der Hinweis, dass die Kirche eine Menge von heidnischen Praktiken übernommen hat:
[S. 537]
Das Kanonisieren von Heiligen ist ein weiteres Relikt des Heidentums: es ist weder ein Mißverständnis der Schrift noch eine neue Erfindung der römischen Kirche, sondern ein Brauch, der so alt ist wie das Gemeinwesen Roms.
Hochgradig erstaunlich und lesenswert ist das Kapitel "Von der Finsternis durch Scheinphilosophie und mythischer Überlieferung", Hobbes Abrechnung mit dem spätscholastischen Wortgeklingel. En passant sei bemerkt, dass die postmoderne Philosophie der Gegenwart eine Menge von Gemeinsamkeiten mit der zu Ende gehenden scholastischen Philosophie aufweist, vor allem die aufgeblähte, semantisch leere Terminologie mit der dem Außenstehenden Tiefsinn vorgegaukelt wird, um das geistige Vakuum zu überdecken. Sehr modern erläutert Hobbes, was Philosophie ist:
[S. 555]
Unter Philosophie versteht man das Wissen, das durch lögische Schlußfolgerung von der Art der Entstehung eines Dings auf seine Eigenschaften oder von den Eigenschaften auf eine Möglichkeit seiner Entstehung zum dem Zweck erworben wird, solche Wirkungen hervorrufen zu können, die das menschliche Leben erfordert, soweit Materie und menschliche Kraft es zulassen.
Dem wird die universitäre Metapysik gegenübergestellt:
[S. 558]
Und was dort geschrieben steht, ist allerdings von der Möglichkeit des Verstandenwerdens größtenteils so weit entfernt und so unvereinbar mit der natürlichen Vernunft, daß jemand, der denkt, es ließe sich irgend etwas darunter verstehen, es notwendigerweise für übernatürlich halten muss.
Ein letztes Beispiel:
[S. 564]
Ich werde nur dies eine hinzufügen, daß die Schriften der scholastischen Theologen größtenteils nichts anderes als nichtssagende Ketten von fremden und sprachwidrigen Wörtern oder Wörtern, die anders gebraucht werden als üblicherweise in der lateinischen Sprache [...]
Diese wenigen Auszüge belegen hoffentlich ausreichend, dass der "Leviathan" ein hochgradig lesenswertes Buch ist. Das gilt nicht nur für die berühmten ersten beiden Teilen, in dem Hobbes seine ebenso bedenklich wie brillant gedachte Staatsphilosophie formuliert, sondern auch für die oft vernachlässigte zweite Hälfte des Werks, in der sich Hobbes als modern denkender (religions)kritischer Kopf erweist.
[S. 576]
Wikipedia weiter in der Kritik
Andrew Orlowski läßt in seiner Polemik die bekannten Schwachpunkte des Online-"Lexikons" Revue passieren.
11. Dezember 2005
Thomas Hobbes: Leviathan. Dritter Teil
(Meiner Philosophische Bibliothek)
Dieser Teil fehlt ebenso wie der vierte unverständlicherweise in vielen Ausgaben des Leviathan. Vermutlich glauben viele Herausgeber, eine detaillierte Auseinandersetzung mit Bibelinterpretation, sei heutigen Lesern nicht mehr zuzumuten. Dabei ist der dritte Teil "Von einem christlichen Gemeinwesen" für die Argumentation des Buches unverzichtbar. Denn nachdem Hobbes in den ersten beiden Wesen die Notwendigkeit des Staats anthropologisch begründert und die Eigenschaften eines solchen Gemeinswesens (und der Beteiligten) beschreibt, lag im 17. Jahrhundert eine Frage auf der Hand: Welche Rolle spielt die Kirche im Staat?
Der Dreh- und Angelpunkt von Hobbes Staatstheorie ist die (buchstäblich) uneingeschränkte Souveränität des Monarchen. Deshalb argumentiert er (durchaus überzeigend) gegen die Auffassung, die Kirche sei das Königreich Gottes auf Erden.
Mindestens so interessant wie der Inhalt dieser Ausführungen ist jedoch seine Methode. Stärker noch als in der ersten Hälfte des Buches bevorzugt Hobbes eine klassisch analytische Vorgehensweise. Man vermeint oft einen modernen analytischen Philosophen zu lesen, sieht man einmal davon ab, dass Hobbes nicht mit Mitteln der formalen Logik arbeitet. Seine Untersuchung der Worte "Geist, "Engel" und "Inspiration" leitet er folgendermaßen ein:
Da die Grundlage aller wahren Beweisführung die feste Bedeutung von Worten ist, die in der folgenden Lehre nicht (wie in der Naturwissenschaft) vom Willen des Verfassers abhängt und auch nicht (wie im Alltagsgespräch) vom allgemein üblichen Gebrauch, sondern von dem Sinn, den sie in der Schrift haben, ist es notwendig, bevor ich fortfahre, nach der Bibel die Bedeutung solcher Wörter zu bestimmen, die durch ihre Doppeldeutigkeit das, was ich aus ihnen zu folgern im Begriff bin, unverständlich oder strittig machen könnten.
Nebenbei formuliert Hobbes übrigens auch den Kern der Sprechakttheorie, dreihundert Jahre vor Austin:
(332)
Wenn vom Wort Gottes oder vom Wort des Menschen gesprochen wird, bezeichnet es nicht einen Redeteil, wie die Grammatiker ein Nomen oder ein Verb oder irgendeinen einfachen Ausdruck nennen, ohne Zusammenhang mit anderen Worten, die ihm Bedeutung geben; sondern eine vollkommene Rede oder Darlegung, durch welche der Sprecher bestätigt, leugnet, befiehlt, verspricht, droht wünscht oder fragt.
Es überrascht nicht, dass er als brillanter Denker alle Ansprüche der Religion kritisch hinterfragt:
(352)
Denn wer Anspruch darauf erhebt, die Menschen den Weg zu solcher Glückseligkeit zu lehren, erhebt Anspruch darauf, sie zu beherrschen; das heißt über sie zu herrschen und zu regieren, etwas, was alle Menschen von Natur aus wollen und was daher verdient, der Machtgier und des Betrugs verdächtigt zu werden, und folglich von jedermann nachgeprüft und untersucht werden sollte, bevor er solchen Menschen Gehorsam leistet [...]
Man könnte noch eine Vielzahl solcher Stellen zitieren, u.a. über Wunder oder Engel. Kurz, Hobbes schreibt religonskritisch wie viele Vertreter der Aufklärung im nachfolgenden Jahrhundert. Zwar widerspricht seine Staatstheorie des Absolutismus ebenso den politischen Theorien der Aufklärung wie sein "dunkles" Menschenbild dem anthropolischen Optimismus des voltairschen Zeitalters. Seine skeptische und methodenbewusste Denkweise kann man aber nur zur intellektuellen Avantgarde des 17. Jahrhunderts zählen.
(365)
5. Dezember 2005
"100 Notable Books of the Year"
Die New York Times stellte wie jedes Jahr obige Liste ins Netz.
4. Dezember 2005
Sarah Symmons: Goya
(Phaidon Art & Ideas)
Alle bisher gelesenen Bände der Reihe "Art & Ideas" waren ausgezeichnet. Das Reihenkonzept lautet, fundierte Einführungen in die Kunstgeschichte anzubieten, die einerseits jargonfrei geschrieben sind und anderseits den (kultur)geschichtlichen Kontext nicht vernachlässigen. Die Kombination von thematischen Monographien mit Einzelbänden über herausragende Künstler sollen einen Überblick über die Kunstgeschichte geben.
Symmmons schreibt diesen Linien entlang einen sehr lesenswerten und reich bebilderten Band über Goya. Leben & Werk wird in neun Kapitel unterteilt, vom nicht gerade vielversprechenden Start in die Kunstwelt bis zur Nachwirkung. Goyas Karriere kann man als frühes Beispiel einer modernen Künstlerkarriere sehen. Er löst sich sukzessive von konventionellen Vorgaben aller Art und widmet sich nach idiosynkratischen Vorlieben auch engagierten Motiven (gegen Krieg und Armut). Allerdings bleibt er Zeit seines Lebens dem spanischen Hof (in den diversen Ausprägungen) verbunden. Hier lassen sich Parallelen zu Goethe ziehen, der ja ebenfalls seinen eigenen ästhetischen Maßstäbe in einem (zugegebenermaßen kleinen) höfischen Rahmen entwickelte. Im Prado hatte ich vor einer Woche die Gelegenheit, viele Werke Goyas zu sehen. Die Wiener Goyaausstellung harrt auch noch eines Besuchs.
Vorlesungen für unterwegs
Wenn man bedenkt, wie umständlich es im Berufsalltag ist, Universitätsvorlesungen zu besuchen, muss man der Teaching Company dankbar sein, eine dreistellige Zahl dieser "Lectures" anzubieten. Die täglichen Leerlaufzeiten (U-Bahn und Co.) ergeben eine tägliche Hörzeit von ein bis zwei Stunden, so dass im Laufe der Zeit viele Vorlesungen zusammengekommen.
In den letzten Wochen waren das Timothy Thailers Economics (15h), Robert Greenbergs Bach and the High Baroque (24h) und Amy-Jill Levines Old Testament (12h).
Prof. Thailer gibt eine ausgezeichnete Einführung die Volkswirtschaft, wobei er sich je zur Hälfte der Zeit der Mikro- und der Makroökonomie widmet. Prof. Greenberg nähert sich Bach vor allem vom musikgeschichtlichen Kontext und belegt mit vielen Hörbeispielen die geniale Synthesekunst des Johann Sebastian Bach. Prof. Levine schließlich nähert sich ohne Scheuklappen (immerhin eine Theologin :-)) dem Alten Testament als literarisches Werk, wobei sie was Historizität der Geschichte angeht, durchaus auf dem aktuellen Stand der Archäologie argumentiert.
Bibliothek: Neuzugänge
Die neuen Bücher zum Thema (antikes) Palästina erklären sich durch die nächsten Reisepläne: Im Februar steht eine Studienreise nach Israel auf dem Programm. "Die Geschichte des Lesens" verstärkt die Bücher über Bücher.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Hans-Joachim Griep | Geschichte des Lesens. Von den Anfängen bis Gutenberg | Wissenschaftliche Buchgesellschaft | Neuerscheinung 2005 |
| Jonathan N. Tubb | Völker im Lande Kanaan | Wissenschaftliche Buchgesellschaft | Reihe "Völker der Antike" |
| Ariel Lewin | Palästina in der Antike | Wissenschaftliche Buchgesellschaft | Bildband |
| Erhard und Andrea Gorys | Heiliges Land | Dumont Kunstreiseführer | Neuauflage 2006 |
3. Dezember 2005
Reise-Notizen: Kunststadt Madrid
(November 2005)
Als ich am Tag nach meiner nächtlichen Ankunft die Metro-Station "Atocha" verließ, und den Botanischen Garten entlang in Richtung Prado ging, war der Park von einer Vielzahl von rege besuchten Buchständen gesäumt. Wenn mich eine Stadt mit so vielen Büchern empfängt, muss sie mir naturgemäß gleich sympathisch sein.
Madrid eilt der Ruf einer Kunststadt voraus. In der Tat ist es ein Eldorado für Kunstfreunde. Dabei hatte ich nur Zeit für zwei ausgiebige Museumsbesuche. Der Prado gehört zu den hochkarätigsten Museen, die ich bisher sah. Man tut gut daran, sich beim ersten Besuch auf die größten Meisterwerke zu konzentrieren. Raffael, El Greco, Goya, Velazequez wären zu nennen, aber auch eine Reihe von Künstlern aus dem Norden (Bosch, Breughel u.a.).
Eines der berühmtesten Gemälde der Kunstgeschichte Verlazquez "Las Meninas" (1656) im Original zu sehen, wäre alleine schon den Besuch des Museums wert. Das strukturell ausgesprochen raffiniert Gemälde, dessen strenge Komposition durch die lebendige Porträtkunst "aufgefangen" wird, gibt eine Menge ästhetischer Rätsel auf.
Ein paar Minuten vom Prado entfernt ist die erstaunliche Sammlung des Barons Thyssen-Bornemisza untergebracht. Während die meisten Sammler irgendwelche Schwerpunkte setzen, scheint Thyssen-Bornemisza schlicht das beste aller Epochen gekauft zu haben. Das Ergebnis ist frappierend: eine begehbare Monographie der Kunstgeschichte. Vom Mittelalter bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, finden sich repräsentative Werke großer Zahl. Die Bilder sind chronologisch-systematisch aufgestellt. Der Audioguide enthält zu jedem Raum eine allgemeine kunstgeschichtliche Einführung und stellt dann ausgewählte Gemälde im Detail vor. Ein hochkarätiger Kunstlehrpfad. Eine ideale Ergänzung des Prado sind vor allem die jüngeren Kunstwerke seit dem Impressionismus.
25. November 2005
Madrid!
Bin bis Mitte nächster Woche in Madrid, bis dahin wird es keine neuen Beiträge geben.
21. November 2005
"Analytische Literaturwissenschaft jenseits methodologischer Richtungskämpfe"
So betitelt Harald Fricke seine erschöpfende Rezension eines Sammelbands zur Theorie der Bedeutung literarischer Texte.
20. November 2005
Jared Diamond: Collapse. How Societies choose to fall or succeed
(Viking)
Hunderte Menschen kamen im November in die Nationalbibliothek als Diamond dort sein Buch vorstellte (in einem fehlerfreien Deutsch übrigens). Viele scheinen jedoch nicht von ihrem plötzlich erwachten Interesse für Soziogeographie getrieben zu sein, sondern von fragwürdigeren Motiven. Das bemerkte man in der Fragestunde nach Diamonds Vortrag, wo sich Vulgärantiamerikanismus mit Xenophobie abwechselte.
"Guns, Germs and Steel" ("Arm und Reich") war eines der spannendesten historischen Bücher der neunziger Jahre. Das lag nicht nur an dem Mut Diamonds, entgegen dem Trend zur Spezialisierung große Linien zu ziehen, sondern auch an seinem methodischen Ansatz: Die Problemen wurde mit einer Vielzahl naturwissenschaftlicher Methoden angepackt, was unter Historikern eine Seltenheit darstellt. Zu dem spannenden Thema, warum sich die Kulturen auf den Kontinenten so unterschiedlich entwickelt hatten, konnte man die Studie auch "wissenschaftstheoretisch" lesen.
Grund genug also, sofort Diamonds neues Buch sofort zu lesen. Um es gleich vorweg zu sagen: Es hat nicht den Ausnahmerang seines Vorgängers. Trotzdem ist es ein außergewöhnlich lesenswertes Sachbuch. Der erste Teil fungiert als Einleitung und schildert die zahlreichen Umweltprobleme des vermeintlich so "natürlichen" US Bundesstaates Montana. Daran schließen eine Reihe von historischen Fallstudien an, die sich mit untergegangenen Gesellschaften beschäftigen. Darunter die Ureinwohner der Osterinseln, die Maya und die Vikinger. Anhand eines Kriterienkatalogs werden die kausalen Faktoren für den Zusammenbruch dieser Kulturen analysiert.
Im dritten Abschnitt stehen aktuelle Beispiele im Mittelpunkt. Hier sticht vor allem das Kapitel über Ruanda heraus. Diamond sieht einen maßgeblichen Grund für den Genoizid in der Überbevölkerung des Landes. Die Ausführungen über China und Australien sind ebenfalls sehr instruktiv.
Der letzte Teil des Buches zieht die praktischen Lehren aus den geschilderten Fällen. Darunter die Notwendigkeit, Werte regelmäßig auf ihre "Gefährlichkeit" hin zu überprüfen, was das Überleben einer Gesellschaft angeht.
Diese kurze Zusammenfassung wird dem Detailreichtum des Buches nicht gerecht. Der Autor greift auch immer wieder auf das Mittel der Reportage zurück. Man erfährt viel Neues aus dem Buch. Es ist strukturell aber weniger elegant als "Guns, Germs and Steel". Die Analogien zwischen den historischen Fällen und der Gegenwart können manchmal nicht überzeugen (oder liegen ziemlich auf der Hand), da helfen auch die Argumente gegen die "Skeptiker" nur bedingt, die Diamond am Ende seines Buches bringt. Die Lektüre lohnt sich unbedingt, man hofft, dass vor allem "Entscheidungsträger" die Botschaft verstehen.
Zyklus Alban Berg Quartett: 3. Konzert
Beethoven: Chellosonaten op. 5/1, op. 102/1, op. 102/2
Violoncello: Valentin Erben
Klavier: Helmut Deutsch
(Konzerthaus 14.11.)
Die Gegenüberstellung einer frühen mit den beiden späten Chellosonaten Beethovens gaben einen schönen Eindruck über die phänomenale Weiterentwicklung des kammermusikalischen Stils des Komponisten. Die Interpretationen waren vergleichsweise zurückhaltend angelegt, was einige temperamentvolle "Ausbrüche" durchaus nicht ausschließt. Eine sehr erfreuliche Darbietung.
16. November 2005
Bibliothek: Neuzugänge
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Libuse Monikova | Die Fassade | Carl Hanser | Gebunden, günstig auf dem Flohmarkt erstanden |
| Giuseppi Verdi | Briefe | Paul Zsolnay | Wien 1926; Ausgewählt von Franz Werfel; ebenfalls Flohmarkt |
12. November 2005
Thomas Lehr: 42. Roman
(Aufbau Verlag)
Wenn Autoren über den Tellerrand hinaussehen und sich mit naturwissenschaftlichen Themen beschäftigen, fand ich das immer interessant. Entsprechende Kompetenz natürlich vorausgesetzt. Lehr beschäftigte sich für seinen Roman ausführlich mit aktuellen Theorien über die Zeit. Er läßt die Zeit nämlich stehen bleiben und schafft damit einen originelle erzählerische Versuchsanordnung. Als eine Gruppe von etwa 70 Menschen das CERN-Forschungszentrum besucht, geschieht ein Unfall. Die Welt friert ein und die Betroffenen bewegen sich, von individuellen "Chronosphären" umgeben, durch eine "Eiswelt" (de facto ein Hochsommertag gegen Mittag).
Die "neue Physik" wird erkundet und schon schnell stellt sich heraus, dass keine Technologie mehr funktioniert, und man sich nur zu Fuß weiter bewegen kann. Lehr beschreibt die Auswirkungen dieses Isoliertseins und die entstehende Gruppendynamik samt zunehmender Gewalt.
Er versucht das Einfrieren der Zeit auch formal abzubilden, in dem er eine um sich selbst kreisende Prosa verwendet und der Zustandsbeschreibung seines Protagonisten (ein Journalist) ausführlich Platz einräumt. Das ist ein ästhetisch plausibles Konzept. Trotzdem stellen sich bei der Lektüre immer wieder Längen ein. Mag sein, dass es sich hierbei um einen intendierten Eindruck handelt: Die Freude an der Lektüre wurde dadurch getrübt.
6. November 2005
Lukas Bärfuss: Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)
(Akademietheater 4.11.)
Regie: Thomas Langhoff
Erika: Dorothee Hartinger
Hermann: Ignaz Kircher
Jasmin: Sylvie Rohrer
Anton: Johann Adam Oest
Welcher postpubertäre Drang nach Sinnsuche mag in die Programmmacher des Akademietheaters gefahren sein? Nach Jonkes "Versunkener Kathedrale" und Franzobels "Wir wollen den Messias jetzt" ist schon wieder Religion angesagt. Neununddreißig Kritiker wählten "Der Bus" zum Stück des Jahres 2005 und man ist froh, dass man die anderen Stücke nicht sehen musste, sollte Bärfuss' Stück wirklich das Beste sein.
Nun war ich immer schon der Meinung, dass Heilige auf der Bühne eine Garantie für schlechtes Theater sind. Die Peinlichkeit von Schillers "Jungfrau von Orleans" ist ein Beleg dafür. Die Stoffe für spannendes Gegenwartstheater liegen auf der Straße, es besteht kein Grund für verquaste religiöse Sinnsuche auf dem Theater. Das diese in der letzten Szene ironisiert wird, ändert daran nichts. Vermutlich nimmt man das Stück als Ausdruck der neuen religiösen Popkultur. In (vermeintlichen) Krisenzeiten greift man ja gerne auf sie zurück anstatt nüchtern Ursachenforschung zu betreiben.
Das Stück hat durchaus ambivalente Züge, was aber an der Kritik des Sujets nichts ändert. Besonders ärgerlich ist die Vergeudung von brillanten Schauspielern. Kirchner, Hartinger und Kollegen holen sehr viel aus dem Stück heraus. Was könnte dieses Ensemble nicht mit einem richtigen Stück machen?
Robert Musils Drang nach Berlin
(Internationales Kolloquium, Literaturhaus Berlin, 27.-28.10.)
Die Internationale Robert-Musil-Gesellschaft organisierte diese Veranstaltung anlässlich der Wiederkehr des 125. Geburtstags. Der Veranstaltung war deutlich luftiger programmiert als das Klagenfurter Symposium zwei Wochen davor. Das Niveau der Vorträge war durchaus akzeptabel, wobei einige deutlich aus der Menge hervorstachen, etwa Norbert Christian Wolf über Musils Auseinandersetzung mit den Berliner literarischen Strömungen oder Catrin Misselhorns Auseinandersetzung mit den philosophischen Lehrjahren des Autors. Gunter Martens ging gewohnt differenziert den narratologischen Feinheiten des Werkes nach.
Bibliothek: Neuzugänge
Es ist zweifellos eine sehr erfreuliche Tendenz, dass mir zunehmend Autoren ihre Bücher schicken (lassen). Man möge sich daran ein Beispiel nehmen :-)
E.A. Richter schickte mir freundlicherweise seinen schönen neuen Gedichtband und Oliver Pfohlmann die Buchausgabe seiner Dissertation. Die beiden Reclams wurden regulär erworben.
Eine wichtige Neuerscheinung ist die monumentale Studie Tony Judts über die Geschichte Europas nach 1945. Judts kluge Artikel u.a. in der NYRB schätze ich seit vielen Jahren sehr. Ich frage mich, woher ein so umtriebiger Gelehrter wie Judt die Zeit nimmt, "nebenbei" 900 Seiten zu schreiben.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Tony Judt | Postwar. A History of Europe | Penguin | Gebunden, 900 Seiten |
| Oliver Pfohlmann | Eine finster drohende und lockende Nachbarmacht | Wilhelm Fink | "Untersuchungen zu psychoanalytischen Literaturdeutungen am Beispiel von Robert Musil" |
| E.A. Richter | Eurotunnel. Gedichte | Literaturedition Niederösterreich | Gebunden, 2005 |
| Dieter Forte | Das Haus auf meinen Schultern | Fischer TB | Romantrilogie |
| Tim Mehigan | Robert Musil | Reclam UB | Stuttgart 2001 |
| Thomas Paulsen | Geschichte der griechischen Literatur | Reclam UB | Neuerscheinung |
5. November 2005
Reise-Notizen: Berlin
(Ende Oktober 2005)
Das Leben in Wien läuft deutlich gemächlicher ab als in Berlin. Das liegt selbstverständlich an den 3,4 Millionen Bewohner des Großraums, die für eine lebendige Metropole sorgen. Am Rande sei angemerkt, dass eine zusätzliche Million an Einwohnern Wien durchaus gut täte. Allerdings ist nicht alles schneller. Der öffentliche Nahverkehr beispielsweise kann mit dem Metropolentakt nicht immer mithalten. Wer einmal am Samstag Vormittag 25 Minuten am Bahnhof Alexanderplatz auf eine S-Bahn warten durfte, wird wissen, was ich meine. Dass U-Bahnen um diese Zeit nur alle 10 Minuten fahren (in Wien alle 3 Minuten) wirkt wie eine künstliche Bremse des Großstadtlebens. Grund dafür dürften einmal mehr die leeren Staatkassen sein.
Die letzten Cent steckt man offensichtlich in die zahllosen Baustellen der Stadt. Im Vergleich zum Mai letzten Jahres ist deren Zahl in der Innenstadt förmlich explodiert. Unter den Linden ist vom Brandburger Tor bis zur Museumsinsel ein einziges Eldorado für Baustellenabsperrungen. Wer in Berlin Mitte flanieren will, sollte seinen Besuch noch ein halbes Jahr aufschieben.
Keine Baustelle mehr ist das Holocaust-Memorial, ein offenkundig beliebter Spieplatz für Jugendgruppen aller Nationalitäten. Sollte es das Ziel des Denkmals gewesen sein, eine zum Nachdenken anregende Beklemmung hervorzurufen, funktionierte das bei mir nicht einmal in Ansätzen. Durchwandert man die Stelenlandschaft sieht man an fast jeder Stelle auf beiden Seiten hinaus, so dass einen eher die weiten Fluchtlinien beeindrucken.
Das Pergamonmuseum besuchte ich zweimal ausführlich, das Alte Museum (wo inzwischen auch die ägyptische Sammlung untergebracht ist) sowie die erstklassige Gemäldegalerie konnte ich nur einmal aufsuchen. Zum ersten Mal erkundete ich den Hamburger Bahnhof, in dem ein Museum für Gegenwartskunst untergebracht ist. Das Gebäude ist ausgesprochen beeindruckend (welches klassische Bahnhofsgebäude ist das nicht). Betritt man die restaurierte Bahnhofshalle nimmt einen der Raum sofort gefangen, erst nach und nach wendet man sich den dort ausgestellten Kunstwerken zu. Der größte architektonische Fehler eines Museumsbau ist es, den Kunstwerken ästhetisch Konurrenz zu machen. Das bezieht sich aber nur auf die Halle, die in den Seitenflügeln zu sehenden Werke werden adäquat präsentiert.
Mozart: Cosi fan Tutte
(Berliner Staatsoper 28.10.)
Musikalische Leitung: Dan Ettinger
Regie: Doris Dörrie
Vernichtende Kritiken musste Döris Dörrie für ihre ersten Operninzenierungen einstecken. Sie verstünde nichts von Musik und solle sich auf Dinge beschränken, von denen sie etwas verstünde, meinten die Großfeuilletons. Entsprechend skeptisch betrat ich die Berliner Staatsoper. Dörrie verlegte die Oper in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts, stattete die Protagonisten und die Bühne entsprechend aus, selbst Hippies fehlten später nicht. Das könnte nun hochgradig peinlich sein. Statt dessen ist Aufführung ausgesprochen witzig und voller Selbstironie. Man sieht und hört gerne zu. Eine gelungene Regietheaterleistung.
Musikalisch überzeugte ein ziemlich junges Team an Solisten. Auch die Musiker und der Dirigent sind jünger als man das in anderen Opernhäusern gewohnt ist, und als regelmäßiger Besucher der gut dotierten Wiener Institutionen sieht man auf der Galerie der Berliner Staatsoper den Pleitegeier sitzen und vergnügt Mozart hören ...
Das Orchester spielte auf historischen Instrumenten, was klanglich durchaus interessant war. Ästhethisch stellt man sich aber die Frage, warum bei der musikalischen Aufführungspraxis höchster Wert auf (vermeintliche) Authentizität gelegt wird, auf der Bühne jedoch alles möglich sein darf. Offenbar gibt es hier unterschiedliche Maßstäbe. Der Aufführung hat es nicht geschadet und das ist die Hauptsache.
31. Oktober 2005
Bibliothek: Neuzugänge
Abgesehen vom abonnierten "Schreibheft" und dem Rezensionsexemplar "Aristoteles-Lexikon", erwarb ich die restlichen Bücher im modernen Antiquariat.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Norbert Wehr (Hrsg.) | Schreibheft 65 | Rigodon Verlag | Schwerpunkt Daniel Charms |
| Otfried Höffe | Aristoteles-Lexikon | Kröner | 640 Seiten |
| Peter Bieri | Das Handwerk der Freiheit | Fischer TB | "Über die Entdeckung des eigenen Willens" |
| Dieter Forte | Das Haus auf meinen Schultern | Fischer TB | Romantrilogie |
| Marion Giebel | Sophokles "Antigone" | Reclam UB | Erläuterungen und Dokumente |
| Martin Franzbach | Geschichte der spanischen Literatur | Reclam UB | 430 Seiten |
23. Oktober 2005
Franzobel: Wir wollen den Messias jetzt. Uraufführung
(Akademietheater 22.10.)
Regie: Karin Beier
Jesus: Joachim Meyerhoff
Caroline: Christiane von Poelnitz
Mutter: Kirsten Dene
u.a.
Wer einen interkulturellen Säkularismusvergleich anstellen will, kann das neue Stück von Franzobel als gutes Beispiel verwenden. Während es in Ägypten drei Tote bei Unruhen aufgrund eines angeblichen blasphemischen Stückes gibt, regt in sich in Wien niemand mehr über den erfreulich respektlosen Umgang mit religiösen Themen auf. Wer als Autor heutzutage auf Skandale setzt, hat es schwer.
Die zwei pausenlosen Stunden dieser Uraufführung sind nicht selten zäh. Der Niveau des Sprachwitz' ist schwankend, vom banalen Kalauer bis geistreichen Pointen reicht die Palette, wobei sich die Zahl der letzteren in überschaubaren Grenzen hält. Der Klamauk geht oft auf Kosten der Substanz und der ständige Rückgriff auf skatologische Metaphorik ermüdet auf die Dauer.
Michael Bulgakow: Der Meister und Margarita. Roman
(Büchergilde Gutenberg)
Dieses berühmte Buch gehört zu denjenigen, die ich seit Jahren dringend lesen wollte, und von denen man als Literaturfreund ein gewisses Bild im Kopf hat. Ein Bild, das in meinem Fall nur wenig mit der Wirklichkeit zu tun hatte, wie sich bei der Lektüre herausstellte.
Der Reichtum dichterischer Fantasie, den Bulgakow hier entfaltet, ist zugegebenermaßen oft beeindruckend. Die Abfolge der grotesken Szenen zeigen einen literarischen Könner, so dass ich den Ruf des Romans durchaus nachvollziehen kann.
Die offensichtlich intendierte Totalitarismuskritik funktioniert in meinen Augen jedoch eher schlecht denn recht. Der Grund dafür dürfte in den eben angedeuteten Qualitäten liegen. Die satanische Märchenwelt ist zu überzeugend geschildert. Die beiden wichtigsten fiktionalen Ebenen des Werks, das kommunistische Moskau und das fantastische Teufelsreich, sind strukturell nicht genügend verbunden. Der Roman driftet in zwei Teile auseinandern, was ästhetisch in der Moderne natürlich legitim wäre, sollte die zweite Ebene nicht als kritische Folie (und Ursache) für die erste funktionieren.
Vergleicht man zeitgenössische ästhetische Strategien für eine Totalitarismuskritik (Kafka oder Beckett etwa), wird man die Bulgakows für gescheitert erklären müssen.
Die Buchmesse im Wirtschaftsteil
Dass selbst hervorragende Zeitungen seltsame Anwandlungen haben können, zeigt der Kommentar von "cei." im Wirtschaftsteil der NZZ (21.10.). Die Buchmesse wird als Anlass genommen, um wieder einmal die Buchpreisbindung zu kritisieren. Man wird verstehen, dass ein liberaler Wirtschaftsredakteur einer solchen Regelung so verständnislos gegenübersteht wie ein Schaf der neuen Auflage des Brockhaus, weshalb dieses Thema wohl besser bei der Literaturredaktion belassen worden wäre. Der Aufhänger ist prompt ein Buch, dass sich tatsächlich noch am besten mit anderen Handelsgütern (Bananen oder DVD Playern) vergleichen läßt: Der sechste Band aus der Rowlingschen Pottermanufaktur. 42% teurer sei die deutsche Ausgabe als die englische Originalausgabeaufgrund der Preisbindung in deutschen Läden. Dass es Leser gibt, die sich vom Buchmarkt mehr als preisgünstige Bestellerware erwarten, scheint "cei." nicht in den Sinn zu kommen.
22. Oktober 2005
Franz Grillparzer: König Ottokars Glück und Ende
(Burgtheater 17.10.)
Regie: Martin Kusej
Ottokar: Tobias Moretti
Rudolf von Habsburg: Michael Maertens
Zawisch von Rosenberg: Nicholas Ofcarek
uvm.
Nach einer längeren Durstrecke mit höchstens mittelmäßigem Theater, endlich wieder eine großartige Aufführung. Martin Kusejs Regieleistung wurde bereits nach der Premiere bei den Salzburger Festspielen von der Kritik gefeiert, berechtigterweise muss man anfügen.
Die Flut an schlechtem Regietheater im deutschsprachigen Raum - in der Regel ist die literarische Inkompetenz der "Jungstars" direkt proportional mit ihrem kurzlebigen Ruhm - diskreditiert einen ästhetischen Ansatz, der große Kunst hervorzubringen vermag. Freilich setzt das seltenes Talent voraus und hier ist Martin Kusej an erster Stelle zu nennen. Jede seiner Theaterarbeiten, die ich bisher sah, war herausragend.
Kusej wird gerne als zukünftiger Intendant des Burgtheaters kolportiert. Man weiß nicht, ob man ihm das wünschen soll, oder ob die Wiener Theaterfreunde nicht doch besser mit einem Hausregisseur Kusej bedient wären, der sich auf seine inszenatorische Arbeit konzentriert.
Der Erfolg der Aufführung ist nicht nur einer konzisen Regie, sondern auch Tobias Moretti und Michael Maertens in den Hauptrollen zu verdanken. Von Morettis fulminanter Bühnenpräsenz war ich hochgradig überrascht. Eine der besten schauspielerischen Leistung, die seit längerer Zeit an der Burg zu sehen war. Maertens als nüchtern-bürokratischer Habsburger war hier ebenso ein ideales Pendant wie der ausgezeichnete Nicholas Ofcarek.
Kusej überfrachtet die Inszenierung nicht mit vielen Regieeinfällen, sondern arbeitete einige Themenkomplexe intelligent heraus, etwa wenn er die Schlachtszene am Schluss in ein urbane Gewaltorgie "übersetzt", während der auf der Bühne einige Autos demoliert werden. Am Ende betreten die mit Leichen "dekorierte" Bühne die Wiener Sängerknaben in ihren Matrosenanzügen die Bühne und stimmen makellos das Volkslied "In die Berg bin i gern" an. Eine gespenstische und exzeptionelle Schlussszene.
Wikipedia in der Kritik
Es ist zu begrüßen, dass der Wikipedia-Enthusiasmus zunehmend von kritischen Stimmen begleitet wird. Nicholas Carr schreibt etwa nach einer Lektüre der Artikel über Jane Fonda und Bill Gates:
Excuse me for stating the obvious, but this is garbage, an incoherent hodge-podge of dubious factoids (who the heck is "famed lawyer Hesham Foda"?) that adds up to something far less than the sum of its parts [...]
Es liegt in der Natur der Wikipedia, dass bei Artikel mit Dutzenden Autoren die übergreifende Struktur eines Themas schnell aus den Augen verloren wird und man deshalb oft mit einem Sammelsurium an nur bedingt zusammenhängenden Absätzen abgespeist wird.
Remember, this emanation of collective intelligence is not just a couple of months old. It's been around for nearly five years and has been worked over by many thousands of diligent contributors. At this point, it seems fair to ask exactly when the intelligence in "collective intelligence" will begin to manifest itself. When will the great Wikipedia get good? Or is "good" an old-fashioned concept that doesn't apply to emergent phenomena like communal on-line encyclopedias?
18. Oktober 2005
Bibliothek: Neuzugänge
Der Band von Otto Neumaier, der während meines Studiums mein Interesse für philosophische Ästhetik perpetuierte, passt gut zu meiner derzeitigen Beschäftigung mit analytischer Kunstontologie. Die Leviathan-Ausgabe von Meiner enthält endlich auch den dritten und vierten Teil dieses Klassikers.
| Autor | Titel | Verlag | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Otto Neumaier | Ästhetische Gegenstände | Academia | Prolegomena zur einer künftigen Ästhetik 1 |
| Thomes Hobbes | Leviathan | Meiner | Philosophische Bibliothek |
17. Oktober 2005
Thomas Hobbes: Leviathan. Erster und zweiter Teil.
(Reclam UB)
Es ist gar nicht so einfach, eine vollständige und gute Textausgabe zu finden. Es scheint eine Selbstverständlichkeit zu sein, dass immer nur die ersten beiden Teile publiziert werden. So hatte ich in meiner Bibliothek eine englische und eine deutsche Ausgabe, die beide dieses Manko aufwiesen. Die Ausgabe des Meiner Verlags scheint vollständig zu sein und wartet inzwischen in meiner Buchhandlung auf mich. Dritter und vierter Teil bleibt also nachzutragen.
Liest man den "Leviathan" zum ersten Mal komplett, leuchtet einem die Berühmtheit dieses Buches schnell ein. Er kannte nicht nur Galileo Galilei persönlich, sondern versuchte seine Individual- und Sozialphilosophie auf eine methodisch ähnlich feste Grundlage zu stellen. Stellenweise liest er sich wie ein analytischer Sprachphilosoph:
Ebenso vielfach kann man auch die Sprache mißbrauchen, nämlich erstens, wenn man wegen der schwankenden Bedeutung seiner Worte seine Gedanken widersinnig aufsetzt [...] Zweitens, wenn man die Worte figürlich, d.h. in einem anderen Sinn gebraucht und so andere betrügt. Drittens, wenn man durch Worte Absichten zu haben haben vorgibt, die man nicht hat [...]
Daraus leitet er folgende Forderung an die denkende Zunft ab, die sich bis heute noch nicht zu allen herumsprach:
[S. 30]
Bei Erlernung wissenschaftlicher Kenntnisse zeigt sich also einer der vorzüglichsten Vorteile der Rede darin, daß man die Worte richtig definiert, sowie hingegen einer der vornehmsten Nachteile darin besteht, daß man entweder falsche oder gar keine Definitionen festsetzt. Dies ist die Quelle der falschen und vernunftwidrigen Sätze, durch welche diejenigen, die nicht durch eigenes Nachdenken, sondern durch bloßes Bücherlesen sich unterrichten wollen, bei ihrer Unwissenheit gewöhnlich um so schlechter wegkommen, al sim Gegenteil andere bei gründlicher Einsicht allemal besser fahren. Unwissenheit liegt mitten zwischen gründlicher Wissenschaft und irriger Lehre.
Wer die Situation an den damaligen Unversitäten kennt, wird dies auch als notwendige Polemik gegen spätscholastische Umtriebe verstehen.
[S. 34]
Dieser Enthusiasmus für die neuen Denkmethoden schlägt im Konzept seiner Sozialphilosophie zum größten Nachteil um. Hobbes braucht ein höchstes Prinzip (ähnlich einem Naturgesetz), von dem er bei seinen Überlegungen ausgehen kann. Das ist für ihn der oberste Herrscher, welcher seine absolute Machtfülle durch einen Vertrag von seinen Untertanen übertragen bekam. Grund dafür ist laut Hobbes der unerfreuliche Naturzustand ohne Staat, wo Gewalt an der Tagesordnung ist und jeder mit jedem in Konflikt steht. Hobbes liegt mit dieser Annahme sicher näher an der anthropologischen Wahrheit als später Rousseau, der sich den Naturzustand der Menschheit als ein arkadisches Schäferstück vorstellte, in dem edle Naturmenschen selbstlos durch humane Taten glänzen. Trotzdem vernachlässigt er den für die menschlichen Gattung wichtigen Aspekt der Kooperation (was natürlich nicht ausschließt, dass diese menschlichen Kooperativen untereinander wieder im Clinch liegen).
Behält man das bei der Lektüre im Kopf, ist man erstaunt über die Vielzahl an stringenten Überlegungen. Ich hätte auch nicht gedacht, dass man so viele gute Argumente (auch in einem technischen Sinn des Wortes) für die Regierungsform der absoluten Monarchie finden kann. Geistesgeschichtlich kann man den Versuch, eine systematische Staatslehre nach wissenschaftlichen Grundsätzen zu entwickeln, nicht hoch genug einschätzen. Bin schon gespannt auf die beiden nächsten Teile.
16. Oktober 2005
Blog zur Frankfurter Buchmesse
Obwohl ich von Blogs aus verschiedenen Gründen nicht viel halte, ließ ich mich inkonsequenterweise für eines rund um die Buchmesse rekrutieren, das man hier findet. Meine Beiträge werden aber auch an dieser Stelle zu lesen sein, wie etwa Folgender über Brockhaus.
"200 Jahre Brockhaus”
So heißt das zur Buchmesse aufgelegte Magazin des Brockhaus Verlages (recte: Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG), in dem man sich selbst feiert. Der Marketingapparat des Hauses läuft ja nun schon seit Monaten auf Hochtouren, um die neue 21. Auflage des “Großen Brockhaus” anzukündigen. Größer, schöner, bunter und digitaler soll er werden. 31.000 Fotos und 8.000 Grafiken werden versprochen.
Keine Rede ist natürlich davon, dass schon die 20. Auflage durch den Trend zur Focus-ierung unter zunehmenden Textschwund litt. Wer an der umfassenden Darstellung von ganzen Wissensbereichen interessiert ist, sollte ohnehin besser zur Encyclopaedia Britannica greifen, deren Artikel nicht selten Buchlänge erreichen, und die deshalb eine kleine Bibliothek ersetzt. Wobei der Brockhaus möglicherweise vom Erfolg der Wikipedia profitieren könnte, denn nicht alle wollen sich auf Informationen verlassen, die ein Spaßvogel ein paar Minuten vorher noch hätte ändern können.
Zur Feierlichkeit des Werbemagazins passt naturgemäß, dass in der graphischen Zeitleiste zur Verlagsgeschichte zwar der Bombenangriff 1943 auf den Verlag in Leipzig erwähnt, der vierbändige Nazi-Brockhaus (1941/42) aber elegant verschwiegen wird.
15. Oktober 2005
Musil-Symposium in Klagenfurt
Nach zweieinhalb Tagen des Musil-Symposiums in Klagenfurt, läßt sich eine erste erfreuliche Bilanz ziehen. Ziel der Veranstaltung des Musil-Instituts war die Präsentation der Digitalen Edition und die internationale Vermittlung seines Werks. Zur Digitalen Edition ist zu sagen, dass es sich bei ihr noch um ein “work in progress” handelt, sie also noch nicht Publikationsreife erreicht hat. Wer den Umfang und die Komplexität des Nachlasses kennt, wird davon nicht überrascht sein. Zumal sich Projektleiter Walter Fanta auch um eine anspruchsvolle Kommentierung aller Texte bemüht. Es bleibt zu hoffen, dass auf einer der nächsten Buchmessen die Edition offiziell vorgestellt werden kann.
Fast alle Vortragenden äußerten sich optimistisch über die neuen Möglichkeiten, welche die digitale Edition mit sich bringt, gerade auch für die Übersetzer. Es gab vereinzelt auch kritische Töne. So wurde die Projektlaufzeit beklagt und die Verzögerung neuer Buchausgaben. Weiteres Thema der Tagung waren die in jüngerer Zeit erschienen medialen Verarbeitungen etwa das zwanzigstündige “Remix” Projekt des Bayerischen Rundfunks, die Komplettlesung von Wolfram Berger sowie die Törless-Inszenierung im Rahmen der diesjährigen Salzburger Festspiele. Das Symposium geht am Samstag Abend zu Ende. (Klagenfurt, Musilhaus)
9. Oktober 2005
Vorlesungen zum Hören
Im August entdeckte ich das Angebot der amerikanischen Teaching Company. Angeboten werden dort Audiovorlesungen zu Themen des klassischen Bildungskanons in der Länge von sechs bis zweiundvierzig Stunden.
Drei dieser "audio lectures" hörte ich inzwischen als "Zeitfüller" an und war angenehm vom Niveau des Gebotenen überrascht. Jeremy McInerney geht zwölf Stunden der "Ancient Greek Civilization" nach. Hier konnte ich inhaltlich (abgesehen von ein paar neuen Aspekten zur minoischen und mykenischen Kultur) zwar nichts Neues erfahren, es war aber eine willkommene und geistreiche Zusammenfassung.
Dieselbe Länge hat der Kurs "Greek Tragedy" von Elizabeth Vandiver. Hier war der Neuigkeitswert deutlich höher. Zwar bin ich mit den Texten der antiken Tragödien einigermaßen vertraut, allerdings beschäftigte ich mich bisher nie mit der antiken Aufführungspraxis im Detail. Damit meine ich nicht, die grundsätzlichen Rahmenbedingungen der alten griechischen Theater, sondern Fragen, wie bestimmte Handlungssituationen auf der Bühne unter den gegebenen Voraussetzungen konkret dargestellt werden konnten.
Mit vierundzwanzig Stunden war "History of Ancient Rome" bisher am ausführlichsten. Prof. Garrett G. Fagan von der Pennsylvania State University ist ein ausgezeichneter Didaktiker und bewältigt die Stoffmassen ausgezeichnet. Er wechselt zwischen chronologischer und thematischer Präsentation.
Nach den ersten hervorragenden Erfahrungen werde ich sicher noch zahlreiche weitere dieser Vorlesungen anhören.
2. Oktober 2005
Gert Jonke: Der versunkene Kathedrale
Uraufführung
(Akademietheater 30.9.)
Regie: Christiane Pohle
Er: Markus Hering
Sie: Petra Morzé
Mutter: Bibiana Zeller
Vater: Peter Matic
Oberarzt: Dietmar König
Die Kritiken waren lau bis schlecht, zu Unrecht meiner Meinung nach. Jonkes Text steht in der Tradition der Wiener Gruppe und zeichnet sich durch Originalität und Sprachwitz aus. (Mehr oder weniger) avantgardistische Sprachkunst auf die Bühne zu bringen, ist eine heikle Angelegenheit. Christiane Pohl entschied sich, den Sprachwitz durch witzige Regieeinfälle zu unterstreichen. Das Ergebnis ist eine kurzweiliger, sprachmächtiger und (en passent) erfrischend blasphemischer Theaterabend.
John Griffiths Pedley: Griechische Kunst und Archäologie
(Könemann)
Dieser inhalts- und abbildungsreiche Band beschäftigt sich mit der griechischen Kunst von ihren Anfängen in der Ägäis im dritten Jahrtausend v.u.Z. und schließt kurz vor der Zeitwende mit der hellenistischen Epoche.
Pedleys Darstellung ist vergleichsweise umfangreich. Die Verwendung von kunsthistorischen Fachtermini wird nicht vermieden, allerdings werden diese dem Leser unter anderem durch schematische Skizzen (Aufbau eines Tempels, Vasenformen ...) näher gebracht.
Der kulturhistorische Kontext kommt ebenfalls nicht zu kurz. Ein gelungenes Kunstbuch also.
Thomas Bernhard: Ein Kind [2.]
(Werkausgabe Band 10)
Der fünfte und letzte Text der Autobiographie durchbricht die bisherige Chronologie und präsentiert uns den achtjährigen Thomas Bernhard. Es ist frappierend, wie authentisch die Lebenswelt des Kindes dargestellt wird. Die brutalen Erziehungsmethoden in Schule und Elternhaus kommen nicht zu kurz, weshalb man die Erzählung dem Genre der kritischen Schullektüre zurechnen kann.
Mit psychologischer Eindringlichkeit schildert Bernhard die ersten Bildungserlebnisse des Jungen, für die wieder sein geschätzter Großvater verantwortlich ist. Bernhards autobiographische Erzählungen gehören sicher zum besten dieser Art, was das 20. Jahrhundert literarisch hervorgebracht hat.