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4. Quartal 2006
28. Dezember 2006
Bibliothek: Neuzugänge
Bis auf die beiden Bücher der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, alle gebraucht gekauft. Die Bücher der Schiller-Gesellschaft werden Mitgliedern gratis zugeschickt.
| Autor |
Titel |
Verlag |
Kommentar |
| Wilhelm Genazino |
Abschaffel |
Hanser |
Roman-Trilogie
|
| Glenn Riedel (Projektleiter) |
ATLANTICA |
Wissenschaftliche Buchgesellschaft |
Link geht auf Originalausgabe
|
| Jean-Claude Golvin |
Metropolen der Antike |
Wissenschaftliche Buchgesellschaft |
Link geht auf Originalausgabe
|
| Woldemar Seyffahrt; Eduard Kolloff |
Zablaux von London und Paris aus Cottas "Morgenblatt" |
Marbacher Bibliothek 9 |
Jahresgabe der Schiller-Gesellschaft
|
| Wilfried Barner (Hrsg) |
Jahrbuch der Schiller-Gesellschaft 2006 |
Wallstein Verlag |
Wie immer mit zahlreichen Aufsätzen
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| A.J. Jacobs |
The Know-It-All |
Simon & Schuster |
Vom Versuch, die Britannica ganz zu lesen
|
| Mark Lehner |
Geheimnis der Pyramiden |
Bassermann |
Standardwerk als Sonderausgabe
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17. Dezember 2006
Shakespeare: Viel Lärm um Nichts
(Burgtheater 9.12.)
Regie: Jan Bosse
Don Pedro, Prinz von Arragon / Ein Mönch: Nicholas Ofczarek
Leonato, Gouverneur von Messina: Martin Reinke
Don John, Pedros Halbbruder: Jörg Ratjen
Claudio, ein florentinischer Graf: Christian Nickel
Benedict, ein Edelmann aus Padua: Joachim Meyerhoff
Borachio, Don Juans Begleiter: Michael Masula
Hero, Leonatos Tochter: Dorothee Hartinger
Beatrice, Leonatos Nichte: Christiane von Poelnitz
Etwa zwölf Shakespeare Stück hat Klaus Bachler für diese und nächste Saison auf den Spielplan setzen lassen, eine mir naturgemäß sympathische Entscheidung. Den gelungenen Auftakt gab Jan Bosse nun mit seiner Inszenierung von "Viel Lärm um Nichts". Die Burgtheater-Dramaturgie stutzte das Stück auf zwei Stunden zusammen. Nun bin ich kein Freund von Kürzungen, aber in diesem Fall wurde das Skalpell intelligent benutzt. Nur die Doppelbesetzungen, etwa Ofczarek als Don Pedro und Mönch, dürften auf die Nicht-Leser im Publikum etwas verwirrend wirken.
Oberflächlich im besten Sinn des Wortes hat Jan Bosse seine Regie angelegt. Er setzt fast ausschließlich auf die komödiantische Intrigenhandlung sowie auf den "Bühnenknüller" Beatrice versus Benedict, die sich rhetorisch fulminant beflegeln. Erneut zeigt Meyerhoff sein grandioses komisches Talent. Die "Kreuzstruktur" des Stücks wird trotz aller Oberflächlichkeit sichtbar und damit das ästhetische Kernprinzip der Komödie.
Das Bühnenbild witzig, die Kostüme geistreich, das Ensemble in Bestform: Was will man mehr?
10. Dezember 2006
Mozart: Die drei letzten Sinfonien
(Theater an der Wien 6.12.)
Wiener Philharmoniker
Simon Rattle
Eine höchst extravagante Interpretation der letzten Mozart-Sinfonien war am Mittwoch im Theater an der Wien zu hören. Offenbar wollte Rattle um jeden Preis etwas Originelles zu Gehör bringen. Bei der Es-Dur Symphonie ziselierte er jede Feinheit so gemächlich heraus, dass es wie eine seltsame Mischung der Stile von Harnoncourt und Celibidache klang. Rattle überdehnte den Tempobogen teilweise so stark, dass Mozart nicht mehr nach Mozart klang.
Nun ist eine neue Hörperspektive auf das Repertoire durchaus zu begrüßen, wird man dadurch doch aus den gängigen Wahrnehmungsmustern gerissen. Außerdem bin ich generell ein Freund des künstlerischen Wagemuts: Spielt man auf Sicherheit, ergibt dies meist keine musikalischen Offenbarungen, während ästhetisches Risiko oft (nicht immer) belohnt wird.
So weiß ich Rattles Versuch durchaus zu schätzen, obwohl er misslungen ist. Die beiden letzten Sinfonien waren weniger radikal interpretiert, die Jupiter-Sinfonie klang vergleichsweise traditionell. Durch diese Entwicklung bekam der Abend im Rückblick etwas Uneinheitliches. So viel ist sicher: Rattle hat "seinen" Mozart noch nicht gefunden und wird weiter daran arbeiten müssen.
Brahms, Schönberg, Webern
Artemis Quartett, Leif Ove Andsnes
(Konzerthaus 8.12.)
Johannes Brahms: Streichquartett Nr. 2 a-moll op. 51/2 (1873)
Arnold Schönberg: Sechs kleine Klavierstücke op. 19 (1911)
Anton Webern: Fünf Sätze für Streichquartett op. 5 (1909)
Johannes Brahms: Klavierquintett f-moll op. 34 (1865)
Brahms Kammermusik so furios gespielt, hörte ich bisher nur selten. Höhepunkt war selbstverständlich das Klavierquintett op. 34 dessen gewaltige Spannbreite von feiner Ziselierung bis hin zu Klangexplosionen sorgfältig (und ohne Angst vor Effekt) herausgearbeitet wurde. Neben Schuberts Forellenquintett sowie Schumanns Klavierquintett gehört es berechtigterweise zu den Glanzstücken des Repertoires.
Die Stücke von Schönberg und Webern wurden abwechselnd gespielt (was Webern "erlaubt" hat). Das ergab so aparte Klangkombinationen, dass es heftigen Applaus gab. Das kommt selbst in Wien bei der zweiten Wiener Schule nicht immer vor :-)
Ein höchst erfreulicher Konzertabend und Anlass, mir die Interpretationen des Artemis Quartetts einmal näher anzusehen.
3. Dezember 2006
René Pollesch: Das purpurne Muttermal
(Akademietheater 28.11.)
Regie: René Pollesch
Mitwirkende: Sachiko Hara
Mitwirkende: Caroline Peters
Mitwirkende: Sophie Rois
Mitwirkende: Daniel Jesch
Mitwirkende: Hermann Scheidleder
Mitwirkende: Stefan Wieland
Mitwirkende: Martin Wuttke
Seltsame Dinge gab René Pollesch vor der Premiere von sich. Er wolle (postmoderne) Theorien auf die Bühne bringen. Wer nun die plausible These vertritt, dass schlechtes Denken auf der Bühne zwangsläufig auch schlechtes Theater ergibt, sieht sich bei dieser Uraufführung eines besseren belehrt. Man wird mit einem furiosen Anspielsfeuerwerk konfrontiert, das sich auf mehreren Ebenen abspielt. Eine davon findet hinter der Bühnenkulisse in dort aufgestellten Filmsets statt, die via Leinwand dem Publikum zur Kenntnis gebracht werden. In elegantem Schwarzweiss, versteht sich. Auf mich wirkte das Ganze wie eine sehr komische Variante des absurden Theaters. Sollte Pollesch tatsächlich die Absicht haben, konkrete Inhalte zu vermitteln, wäre er gescheitert. Das Ensemble spielt glänzend, das Kamerateam hinter der Bühne leistet ebenfalls Erstaunliches. In dieser Saison wohl das bisher interessanteste Stück im Akademietheater.
Stringtheorie unter Kritik
Unter Physikern wird derzeit eine heftige Debatte ausgetragen: Man streitet sich über den Stellenwert der Stringtheorie. Kritiker werfen ihr zu wenig empirischen Gehalt und mangelnde Falszifizierbarkeit vor, was von den Anhängern dieser populären kosmologischen Lehre bestritten wird. Zugespitzt könnte man fragen: Ist die Stringtheorie eine pseudowissenschaftliche Theorie?
Lee Smolin ist einer der führenden Kritiker und hat nun ein sehr diskussionswürdiges Buch vorgelegt: The Trouble with Physics
26. November 2006
Bellini: La Sonnabula
(Staatsoper 22.11.)
Inszenierung: Marco Arturo Marelli
Graf Rodolfo: Michele Pertusi
Amina: Anna Netrebko
Elvino: Antonino Siragusa
Anna Netrebko singt die Amina: Die Aufregung derjenigen, die Opern mit Events verwechseln, war groß. Ich kannte sie bisher nur von Aufnahmen und konnte die bisherige Netrebko-Hysterie nicht nachvollziehen. Sie gehört ohne Zweifel zu den talentiertesten Sängerinnen ihrer Generation und hat eine ungewöhnliche Bühnenpräsenz. Sie deshalb zur neuen Callas zu stilisieren, basiert auf einem ähnlichen Kurzschluss mit dem alle einigermaßen geglückten Familienromane zu neuen "Buddenbrooks" erklärt werden.
Netrebko stellte die eben beschriebenen Qualitäten auch in La Somnabula unter Beweis. Mit Antonio Siragusa hatte sie aber einen unglücklichen Partner an der Seite. Siragusa agierte wie ein gut funktionierender Gesangsroboter, der auf die Bühne rollt, seine Gesangsdateien ohne technischen Probleme abruft, um dann erleichtert wieder von dannen zu ziehen. Seine Kopfstimme ließ jegliches Gefühl vermissen, kurz ein Auftritt von beachtlicher Leblosigkeit. Da half auch Michele Pertusis überzeugender Graf Rodolfo nichts mehr: der Abend war extrem unausgewogen. Dass sich das Staatsopernorchester nicht mit ästhetischen Ruhm bekleckert, darauf braucht man regelmäßige Besucher der Staatsoper ja nicht mehr explizit hinzuweisen.
Mozart: Cosi fan tutte
(Theater an der Wien 25.11.)
Musikalische Leitung; Daniel Harding
Inszenierung: Patrice Chéreau
Mahler Chamber Orchestra
Arnold Schoenberg Chor (Ltg. Erwin Ortner)
Fiordiligi: Erin Wall
Dorabella: Hannah Esther Minutillo
Guglielmo: Stéphane Degout
Ferrando: Shawn Mathey
Despina: Marie McLaughlin
Don Alfonso; Ruggero Raimondi
Vor knapp einem Jahr sah ich "Cosi fan tutte" in der Staatsoper Unter den Linden, witzig in die sechziger Jahre verlegt durch Doris Dörrie. Chéraus Regiestil dagegen ist klassisch: Vor einem vergleichsweise kahlen Bühnenbild, auf das die Requisten bei Bedarf von Statisten getragen werden, wird die Oper in zeitgenössischen Kostümen gegeben. Das klingt verzopfter als es ist, denn inszeniert ist es als "Schauspieler-Komödie" nach allen Regeln der Kunst. Das Libretto lebt auch ohne "orignelle" Regieeinfälle, was mit dieser Aufführung einmal mehr bewiesen ist. Diese Produktion war bereits während der Wiener Festwochen zu sehen und wurde mit dem Festival d'Aix-en-Provence koproduziert.
Die Oper wird in der Langfassung mit allen Arien und Wiederholungen gegegeben, was im letzten Drittel etwas ermüdet. Das liegt naturgemäß nicht an Mozarts Musik, sondern hat dramaturgische Gründe: Das Stück schaltet für zu lange Zeit mehrere Gänge zurück, was bei einer temporeichen Komödie strukturell nicht ideal ist.
Musikalisch gab es wenig auszusetzen. Erin Wall ließ vor Beginn Indisponiertheit verkünden, sang aber trotzdem passabel. Ebenso die beiden männlichen Protagonisten des Treuetests Degout und Mathey. McLaughlin als Despina war großartig, eine Ideale Kombination aus Gesangs- und Schauspielkunst. Letztere war für eine Oper ohnehin auf ungewöhnlich hohen Niveau.
Das Mahler Chamber Orchestra gab sich Mühe, keinen 0815-Mozart aus dem Bühnengraben ertönen zu lassen. Sieht man von einigen Patzern der Bläser an "kammermusikalischen" Stellen ab, wurde auch hier überdurchschnittliches geboten. Sollte das Theater in der Wien in Zukunft regelmäßig Aufführungen auf diesem Niveau bieten, wäre das definitiv eine Bereicherung der Wiener Opernlandschaft.
21. November 2006
Bibliothek: Neuzugänge
Wer die Titel ansieht, wird unschwer einen China-Schwerpunkt erkennen, der mit einer für das Frühjahr geplanten Studienreise zusammenhängt. Den Kunst-Reiseführer "stiftete" der Veranstalter, Sun Tsu und die rororo Monographien sind regulär erworben. Die beiden Paperbacks zur chinesischen Geistesgeschichte stammen aus amerikanischen Antiquariaten und waren trotz Porto vergleichsweise günstig.
Der Band 6 der Wezel-Ausgabe war seit vielen Jahren überfällig, wohingegen Suhrkamp den neuen Bernhard-Band pünktlich auslieferte.
| Autor |
Titel |
Verlag |
Kommentar |
| Anke Kausch |
China. Kunstreiseführer |
Dumont |
"Die klassische Reise - Kaiser- und Gartenstädte, Heilige Berge und Boomtowns"
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| Thomas Bernhard |
Werke Band 6: Der Untergeher |
Suhrkamp |
Frankfurt 2006
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| Otto Emersleben |
Marco Polo |
rororo Monographie |
Reinbek 2002
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| Volker Zoltz |
Konfuzius |
rororo Monographie |
Reinbek 2000
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| Johann Karl Wezel |
Gesamtausgabe Band 6. Schriften |
Mattes Verlag |
Enthält diverse Schriften über Literatur, Sprache etc.
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| Sun Tsu |
Über die Kriegskunst |
Marix Verlag |
Wiesbaden 2005
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| H.G. Creel |
Confucius and the Chinese Way |
Harper Torchbooks |
New York 1960
|
| H.G. Creel |
From Confucius to Mao Tse-Tung |
University of Chicago Press |
Chicago 1973
|
19. November 2006
Konfuzius: Gespräche
(Marix)
Für einen abendländisch sozialisierten Leser ist es nicht einfach, sich auf komplett fremdes Terrain zu begeben. Die Gefahr ist groß, dass man zu schnell europäische philosophische Konzepte über die chinesische Philosophie stülpt. Wenn man kein Chinesisch lesen kann, ist man auf Übersetzungen angewiesen. Die Übersetzer müssen mangels Alternativen auf europäische philosophische Begriffe zurückgreifen, die potenziell wieder falsche Vorstellungen vermitteln.
Auf der anderen Seite sind auch unsere alten Bücher kulturell "fremd" in verschiedenen Graden, so das man als Freund alter Bücher eine gewisse Routine in Sachen Objektivierung mitbringt. Der Titel "Gespräche" ist insofern irreführend als es sich um keine längeren Dialoge handelt, wie man das beispielsweise von Platon kennt. Die kurzen Abschnitte sind mehr anekdotisch und beschränken sich oft auf die Beantwortung einer einzigen Frage. Umfangreichere Gedankengebäude können so naturgemäß nicht errichtet werden, auch wenn sich die vielen Teile implizit zu einem Gesamtbild formen lassen. Diese "Formung" hat die chinesischen Gelehrten über Jahrhunderte beschäftigt.
Liest man nun Konfuzius mit europäischen Augen, tritt einem eine seltsame Mischung aus Vertrautem und Fremdem entgegen. Vertraut ist beispielsweise das Bildungsethos: Lernen und Bildung wird ständig gepriesen. Das Ziel der ethischen Vervollkommung ist uns ebenfalls bekannt. Dagegen wirkt der strikte Konservatismus ungewohnt: Konfuzius will die Welt "erlösen", indem Kultur & Rituale alter chinesischer Dynastien wieder belebt werden. Sein Blick ist ausschliesslich rückwärtsgewandt. Nimmt man noch die Hochschätzung sozialer Loyalitäten hinzu, speziell zur Familie und zum Herrscher, hat man eine sehr konservative Gesellschaftsvorstellung. Einschränkend sei hinzugefügt, dass die Loyalität zum Herrscher nur dann verpflichtend ist, wenn es sich um einen guten Vertreter der Spezies handelt. Regiert er schlecht, wird Rebellion zur Pflicht. Zahlreiche Aufstände in der chinesischen Geschichte belegen die Wirkung dieser Doktrin. Die europäische Absolutismusvorstellung, der König sei als Gottes Stellvertreter auf Erden immer und unter allen Umständen unantastbar, war deutlich rigider und weniger untertanenfreundlich.
Nun könnte man einwenden, dass es auch in der antiken Philosophie extrem konservative Vorstellungen gab, etwa Platons unsympathischen Idealstaat mit dem verglichen die Utopie des Konfuzius' vergleichsweise "liberal" sei. Hier würde ich einwenden, dass man die Denkmethoden nicht vernachlässigen darf. Platon kommt zu seiner Staats"utopie" durch das rigorse rationale Durchspielen einer Reihe von Prämissen, die er bis zur letzten Konsequenz denkt. Man könnte es als "Denkexperiment" bezeichnen, das er zur Diskussion stellt. Dafür sprechen sowohl kritische Reflexionen innerhalb des "Staates" als auch die Korrektur vieler Positionen in den Dialogen über die Zeit hinweg. Platons Sokrates war ein Aufklärer, dessen ständiges Hinterfragen von allen gesellschaftlichen Grundlagen ihm schließlich "als Verderber der Jugend" den Schierlingsbecher eingebracht hat. Konfuzius hatte meinem Eindruck nach weniger im Sinn, seine Schüler zum freien Nachdenken anzuhalten, als sie zur "Entdeckung" seiner konservativen Wahrheiten zu bringen. Ethische Erkenntnisse vermutlich ausgenommen.
Die Bibel in gerechter Sprache?
Als ich zum ersten Mal von diesem Projekt vernahm, hielt ich es für einen schlechten Scherz. Ausgangsthese des Projekts ist die Behauptung, dass es einem guten Gott vor allem um Gerechtigkeit ginge, weshalb man die Bibel auch als einen gerechten Text verstehen müsse. Wer die Bibel kennt, sieht sofort, dass es sich hier um ein absurdes Anliegen handelt. Selbst wenn man davon absieht, dass man mit der Prämisse das Theodizee-Problem unreflektiert vom Tisch wischt, ist die Übertragung moderner politischer Konzepte qua Übersetzung auf alte Bücher hochgradig unverfroren: Der kompetente Leser wird durch philologisch falsche Übersetzungen entmündigt, der Laie wird durch sie bewusst in die Irre geführt. Also ob der Reiz der Bibellektüre nicht eben in der Disparatheit und Ferne der Texte liege.
In der aktuellen NZZ bringt Ingolf D. Dalferth in einem ausführlichen Artikel eine Reihe von Beispielen für die Fragwürdigkeit der neuen Übersetzung.
Aus religionskritischer Perspektive betrachtet, schneidet das Projekt nicht besser ab: Die unschönen Seiten der antiken Religionen und speziell des Christentums werden durch fragwürdige Übertragungen kaschiert: Das ist Gegenaufklärung par excellence. Die Damen und Herren könnten sich jetzt gleich den Koran vornehmen, und die Regeln der Scharia etwas "gerechter" übersetzen. Die Grausamkeit des islamischen Strafrechts muss ja nicht gleich ins Auge stechen ...
Bei dieser Gelegenheit sei noch einmal auf die Neuausgabe der besten (weil "wörtlichsten) Bibelübersetzung hingewiesen, auf die Elberfelder Bibel.
12. November 2006
Reise-Notizen Paris (4): Musée Rodin und Musée Picasso
Mit diesen zwei musealen Kleinoden ist die Zahl der besuchten Kunstetablissements in Paris komplett. Sie sind quasi das Gegenstück des ausufernden Louvre: überschaubar, monothematisch, charmant. Das Musée Rodin ist im Hotel Brion, einem schönen Rokokopalais untergebracht, in dem Rodin von 1908 bis zu seinem Tod 1917 im Erdgeschoss wohnte. Die beiden Stockwerke zeigen nicht nur ausgewählte Skulpturen des Künstlers, sondern informieren auch über den Entstehungsprozess durch die Ausstellung diverser Vorstufen. Selbst in die komplexe Technik des Bronzegießens wird man anschaulich eingeführt.
Ästhetischer Höhepunkt ist allerdings der Park der Villa, in dem die berühmtesten Werke Rodins eine Bleibe gefunden haben: Die Bürger von Calais, Das Höllentor, Der Denker ... Rodin stellte die klassizistische Ästhetik der Skulptur auf den Kopf und erreicht trotzdem (besser: deshalb) eine unglaubliche Eindrücklichkeit.
Im Marais ist ein weiteres "biographisches" Museum angesiedelt, das Musée Picasso. Das aus der Zeit Ludwig XIV. stammende Stadtpalais Hôtel Salé bietet - wie die Villa im Fall Rodins - ein ideales architektonisches Ambiente für die zahlreichen Werke Picassos. Vielleicht eine etwas zu labyrinthische Anlage, möchte man einwenden. Wobei die sehr unterschiedlichen Räumlichkeiten nicht so schlecht mit den sich in schneller Folge abwechselnden Stilen Picassos "harmonieren". Ein Eldorado für jeden Kunstfreund.
Borodin Quartett
(Konzerthaus 7.11.)
Peter I. Tschaikowsky
Streichquartett Nr. 1 D-Dur op. 11 (1871)
Nikolai Jakovlewitsch Mjaskowski
Streichquartett Nr. 13
Dmitri Schostakowitsch
Streichquartett Nr. 1 C-Dur op. 49 (1938)
Streichquartett Nr. 8 c-moll op. 110 (1960)
Das ersten Konzert des Zyklus "Quartette international", der als Nachfolger der leider eingestellten Reihe des Alban Berg Quartetts fungiert. Zu Tschaikowsky und Mjaskowski kann ich wenig sagen, da beides erstmalige Hörerlebnisse waren.
Schostakowitsch Streichquartette gehören dagegen zu meinen Lieblingsstücken und zählen berechtigterweise zum Kern der kammermusikalischen Kompositionen des letzten Jahrhunderts. Sie sind hochgradig expressiv und emotional und werden meist mit entsprechender Verve vorgetragen. Das Borodin Quartett wählte einen anderen Interpretationsansatz, den man wohl am besten als "klassisch" bezeichnet. Kurz, sie gingen die Angelegenheit eher zurückhaltend an. Das ist per se nicht schlecht, denn zu viel (platte) Emotion kann gerade bei Schostakowitsch kontraproduktiv wirken. Es kam sicher auch der Transparenz der musikalischen Strukturen zugute. Trotzdem ging diese Spielweise vor allem beim "schmerzlichen" Quartett Nr. 8 auf Kosten der Substanz der Komposition. Jedenfalls eine Interpretation, die zum Nachdenken anregt.
7. November 2006
Empfehlungen
Die bisherigen Empfehlungen habe ich hier zusammengestellt. Das werden noch einige mehr werden.
Notizen-FAQ
1. Kann man auf einzelne Tageseinträge verlinken?
Ja. Das Format sieht z.B. folgendermaßen aus: http://www.koellerer.de/q2-2006.html#TTMMJJ
Um auf den 14. April 2006 zu verlinken also:
http://www.koellerer.de/q2-2006.html#140406
2. Was hat es mit den Amazon-Links auf sich?
Nach langem Zögern fasste ich den Entschluss, die Notizen für das Amazon Partnerprogramm anzumelden. Wenn sinnvoll, verlinke ich Bücher auf Amazon mit meiner Partner ID "notizen-21". Entsprechende Bestellungen leisten dann einen kleinen Beitrag zu den Providerkosten. Natürlich kann man diese ID auch manuell bei jeder anderen Produkt-URL bei Amazon anhängen :-)
5. November 2006
Philip Roth: Jedermann
(Hörbuch, 4 CDs)
Der Tenor der Kritiken ließ nichts Gutes erwarten. Erfreulicherweise stellte sich das schnell als falsch heraus. Roth hat einen vorzüglichen kleinen Roman geschrieben, in dessen Mittelpunkt düstere Themen stehen: Alter, Tod und ein verpfuschtes Durchschnittsleben.
"Das Alter ist ein Massaker" heißt es an einer Stelle und das könnte gut als Motto über den Buch stehen. Die Handlung setzt bei der Beerdigung des Protagonisten ein, um bald durch wohl komponierte Rückblenden prägende Lebensstationen dieses Antihelden zu beschreiben. Wenige Sätze reichen, um die Kindheit des Jungen plastisch vor dem Auge des Lesers entstehen zu lassen. In chirurgischen Schnitten ziehen diese Episoden an uns vorbei, in deren Mittelpunkt meist ein Krankheitserlebnis steht. Anstatt Maler zu werden, landet "Everyman" in der Werbebranche. Als er am Ende seines Lebens endlich zu malen beginnt, folgt die schmerzliche Erkenntnis, dass er ein unbegabter Dilettant ist.
Roth zeigt das Leben als sinnlose, medizinische Abwärtsspirale, in dem kein Platz für Hoffnung oder dauerhafte Beziehungen bleibt. Kurz: Er rückt der menschlichen Existenz ohne metaphysische Verbrämungen auf den Leib. Diese Radikalität ist eine der großen Stärken des Textes, der einmal mehr bestätigt, dass Literatur ein prädestiniertes Medium ist um diese großen Fragen adäquat zu behandeln. Peter Fitz' Lesekunst bringt den Text vorbildlich zu Gehör.
Paläolithische Kunst und Kreuzzüge
Einen guten Überblick über die Debatte rund um die Höhlenmalerei gibt William H. McNeill in diesem Artikel in der New York Review of Books 16/2006. Nicht online zu finden ist dagegen die Rezension, welche ein neues Standardwerk zum Thema Kreuzüge vorstellt, auf das an dieser Stelle aber hingewiesen sei:
Christopher Tyerman: God's War: A New History of the Crusades. Harvard University Press. 1024 Seiten.
1. November 2006
Nestroy: Höllenangst
(Burgtheater 23.10.)
Regie: Martin Kusej
Adele von Stromberg: Alexandra Henkel
Freiherr von Stromberg: Johannes Krisch
Freiherr von Reichthal: Dietmar König
Von Arnstedt: Denis Petkovic
Von Thurming: Joachim Meyerhoff
Pfrim: Martin Schwab
Eva: Barbara Petritsch
Wendelin: Nicholas Ofczarek
Rosalie: Caroline Peters
Die Theaterkritik feierte diese Inszenierung bereits nach der Premiere bei den Salzburger Festspielen: zu Recht! Martin Kusej ist derzeit wohl der einzige österreichische Regisseur von Weltrang. Persönlich bin ich kein Freund Nestroys und vertrete die häretische Ansicht, dass die ihm hier in Wien entgegen gebrachte Verehrung mehr mit Lokalpatriotismus statt mit validen ästhetischen Urteilen zu tun hat.
Mehr als Kusej aus dieser Posse herausholt, ist nicht möglich. Er lässt sich (wie alle großen Regisseure) auf den Geist des Stückes ein, inszeniert es durchaus "nestroyianisch" und setzt trotzdem eine Menge witzige Kontrapunkte. Fulminant beispielsweise der Auftritt des "falschen Teufels", wo sich Kusej augenzwinkernd der Theatermaschinerie bedient: Licht, Sturmmaschine und Nebelwerfer begleiten sein Erscheinen. Diese treffende Mischung aus "Bühnenmittelironie" und Effekt zeigt, wie souverän dieser Regisseur sein Metier beherrscht.
Schauspielerisch war der Abend durchweg vorzüglich. Martin Schwab als "Pfrim" ist grandios. Sehenswert ist die Aufführung ohne Zweifel. Man sollte Kusej endlich mal Gelegenheit geben, sich an einem der größeren Brocken des Repertoires zu versuchen.
Neil LaBute: Some Girl(s)
(Akademietheater 27.10.)
Regie: Dieter Giesing
Mann: Christian Nickel
Sam: Sylvie Rohrer
Tyler: Johanna Wokalek
Lindsay: Petra Morzé
Bobby: Mareike Sedl
Ich ahnte es schon: Nach einem tollen "Reigen" und einer brillant inszenierten "Höllenangst" war es unwahrscheinlich, einen dritten vorzüglichen Theaterabend in Folge zu erleben. Diese statistische Überlegung war korrekt: Es war eine fade Angelegenheit. Wie meistens lag es nicht an den Schauspielern (besser: Schauspielerinnen). Die drei Damen des Abends boten eine beachtliche Leistung. Christian Nickel als intellektueller Exliebhaber verblasste vor dem Elan des weiblichen Ensembles.
Aber das Stück! Man soll verschiedene Kunstformen ja nicht gegeneinander ausspielen, aber das Genre "New Yorker Intellektueller mit Beziehungsproblemen" zwingt einen zum Vergleich mit den besten Filmen Woody Allens, ein Vergleich bei dem Neil LaButes uninspiriertes Stück noch blasser wird als es bereits von Natur aus ist. Der "Mann" trifft in vier verschiedenen amerikanischen Städten Ex-Freundinnen zur Aussprache, angeblich um etwaige offene wunde Punkte aus der Vergangenheit zu klären, bevor er sich verheiratet. Die vier Begegnungen verlaufen naturgemäß anders als erwartet. Der Dialog wirft ein paar Pointen ab: Das wars. Während Woody Allen seine Arbeiten mit einer soliden intellektuellen Basis ausstattet, ist "Some Girl(s)" abgesehen von den Beziehungskisten frei von jeder geistigen Substanz. Das Ergebnis: überflüssiger Edel-Boulevard. Man kann Abende anregender verbringen.
26. Oktober 2006
Reise-Notizen Paris (3): Musée d'Orsay
Nach dem Louvre das spektakulärste Museum der Stadt. Das liegt nicht nur an der imposanten impressionistischen Kunstsammlung des Haus, sondern auch am Gebäude. Der zur Weltausstellung 1900 errichtete Gare Décorative wurde in den siebziger Jahren von der Mailänder Architektin Gae Aulenti in ein Museum umgebaut. Schon beim Betreten erinnert die riesige Halle mehr an eine Kathedrale und damit einem der Kunst geweihten Sakralbau als einem bürgerlich nüchternen Museum. Das mag man kritisieren, der Eindruck ist jedenfalls grandios, und das von Licht durchflutete Bauwerk eignet sich vorzüglich zur Präsentation von Kunst (speziell auch von Skulpturen). Die Bilder hängen in überschaubaren Räumen, so dass die Architektur nicht in Konkurrenz zu ihnen tritt.
Das Haus ist der vor allem Kunst des 19. Jahrhunderts gewidmet und präsentiert den Bestand chronologisch. Die Impressionisten kommen also erst am Ende an die Reihe, weshalb es sich aus Gründen der Aufmerksamkeitsökonomie empfiehlt erst konzertriert mit ihnen anzufangen und sich am Ende dem übrigen Künstlern zu widmen.
Es gibt wohl kaum einen Ort, wo man sich mit der Geschichte des Impressionismus und dessen Vorläufern besser vertraut machen könnte. Die meisten Vertreter sind mit Hauptwerken vertreten.
Arthur Schnitzler - Affären und Affekte
(Theatermuseum 13.10.)
Die neue Ausstellung im Theatermuseum widmet sich einigen Aspekten des Werks von Arthur Schnitzler. Im Mittelpunkt steht ein stimmungsvoll gestalter Raum zu "Leutnant Gustl", der das soziokulturelle Umfeld (z.B. das Duellthema) ausleuchtet, sowie ein weiterer zu "Fräulein Else" in dem u.a. Auszüge aus einer Verfilmung (Stummfilm) zu sehen sind. Die Vitrinen sind von kompetenter Hand und anschaulich gestaltet. Auch wenn man sich einen größeren Rahmen wünschen kann, ist die kleine Schau doch eine hübsche Ergänzung zur Wiederaufnahme des "Reigens" im Burgtheater.
22. Oktober 2006
Schnitzler: Reigen
(Burgtheater 21.10.)
Regie: Sven-Eric Bechtolf
Die Dirne: Birgit Minichmayr
Der Soldat: Cornelius Obonya
Das Stubenmädchen: Tamara Metelka
Der junge Herr: Dietmar König
Die junge Frau: Regina Fritsch
Der Ehemann: Robert Meyer
Das süße Mädel: Stefanie Dvorak
Der Dichter: Juergen Maurer
Die Schauspielerin: Sabine Haupt
Der Graf: Sven-Eric Bechtolf
Schnitzlers berühmtestes Stück ist seit einigen Tagen wieder auf Wiens größter Bühne zu sehen. Premiere hatte es 1999 im Kasino, der Experimentierbühne des Burgtheaters, arbeitete sich 2002 zum Akademietheater vor und ist nun im großen Haus am Ring angekommen. Eigentlich eine Verlegenheitslösung, sollte doch im Oktober Andrea Breths lang erwarteter "Wallenstein" in zwei Teilen Premiere feiern. Die Unpässlichkeit der Regisseurin warf jedoch die Saisonplanung um, weshalb man den mit bisher 80 Abenden sehr erfolgreichen "Reigen" wieder ausgrub.
Bechtolfs Regie bringt die Struktur des Stücks quasi "wörtlich" auf die Bühne: Alle Teilnehmer der Beischlafstaffel sind von Anfang an samt fahrbahren Betten auf der Szene und begeben sich für ihre Auftritt in den Vordergrund. Das Bühnenbild beschränkt sich ansonsten auf eine Feuermauer mit eindeutigen roten Lampen, die in großer Höhe montiert sind.
Bechtold läßt wie die meisten Schauspieler-Regisseure seinen Kollegen viel Spielraum und setzt auf das Wienerische des Stücks. Ergebnis ist eine herausragende Leistung des Ensembles, die mit sichtlicher Freude ihre Rollen ausspielen. Während andere Inszenierungen gerne die öde Melancholie der Akte betonen, steht hier die komödiantische Seite im Mittelpunkt. Grandios komisch etwa Jürgen Maurer als Dichter oder Regina Fritsch als hysterische junge Frau. Prädikat wertvoll.
21. Oktober 2006
Ian Buruma: Murder in Amsterdam. The Death of Theo Van Gogh and the Limits of Tolerance
(Atlantic Books)
Ian Buruma muss man nicht vorstellen. Durch zahlreiche Bücher und Artikel, nicht zuletzt in der "New York Review of Books", etablierte er sich als intellektueller Publizist zum Thema Asien. Vater Niederländer, Mutter Engländerin, Studium in Tokio: Buruma darf sich mit dem Prädikat "multikulturell" schmücken.
Diese Sensibilität prädestiniert ihn geradezu, ein Buch zum Thema Islam in Europa zu schreiben. In Zeiten des fröhlichen Schwarz-Weiss-Malens freut man sich über differenzierte Stimmen. Nach mehr als 25 Jahren Abwesenheit kehrte Buruma in die Niederlande zurück, um die Ermordung Theo Van Goghs durch Mohammed Bouvery journalistisch aufzuarbeiten. Er führte eine Fülle von Gesprächen mit dem Umfeld des Opfers und des Täters, mit Intellektuellen, mit Vertretern der islamischen Gemeinde, mit Politikern und vielen Niederländern. Das Ergebnis ist dichtes, gut lesbares Buch angesiedelt zwischen Reportage, Analyse und Reflexion. Der Autor hält sich mit expliziten Wertungen zurück, auch wenn er keinen Zweifel daran läßt, dass ihm Extremismen auf allen Seiten zuwider sind. Er plädiert allerdings stärker für Toleranz als andere in der laufenden Debatte:
How could one not be on the side of Frits Bolkestein, or Afshin Ellian, or Ayaan Hirsi Ali? But a closer look reveals fissures that are less straightforward. People come to the struggle for Enlightenment values from very different angles, and even when they find common ground, their aims my be less than enlightened.
(S. 31)
In der Tat fällt auf, dass auch im deutschsprachigen Raum seit der Islamdebatte plötzlich Konservative aller Couleur ständig von Aufklärung reden, der sie noch vor kurzem die Zersetzung traditioneller Werte vorzuwerfen pflegten. Ein besonders anschauliches Beispiel dieses teilweise paradox anmutenden Phänomens waren die Reaktionen auf die skandalöse "Idomeneo"-Absetzung in Berlin. Bekennende Hasser des Regietheaters, die sonst an Hans Neuenfels Inszenierungen kein gutes Haar lassen und den Untergang der Oper durch seinesgleichen herbeireden, traten plötzlich als wortgewaltige Verteidiger ausgerechnet dieser Inszenierung auf.
Obwohl Buruma naturgemäß den Islamismus ablehnt, ist er doch skeptisch, was die Rolle "des Islam" bei den jüngsten Gewalttaten angeht. Immer wieder weist er auf die soziokulturellen Faktoren hin und stellt die Gewalt frustrierter junger Männer (leider ein zeitloses Phänomen) in diverse historische Kontexte. Die entscheidende Frage rund um den Tod Van Goghs ist für ihn:
Why did a young man, who was neither poor nor oppressed, who had received a decent education, a man who never had trouble making friends, who enjoyed smoking dope and drinking beer, why should such a man turn into a holy warrior whose only wish to kill, and perhaps more myterioulsy, to die?
[S. 192]
Manche Antwort dazu liefert die Rekonstruktion der Täterbiographie in diesem sehr lesenswerten Buch. Nebenbei bekommt man noch kluge Portraits von Ayaan Hirsi Ali, dem ermordeten Populisten Pim Fortuyn sowie einiges an niederländischer Geschichte und Politik geboten.
17. Oktober 2006
Bibliothek: Neuzugänge
Den ersten Band zur literarischen Psychoanalyse Rezeption wurde mir freundlicherweise vom Herausgeber Oliver Pfohlmann zur Verfügung gestellt. Die beiden Museumsführer erwarb ich in Paris.
Die Elberfelder Bibel ist in einer neuen Edition erschienen. Diese Bibelausgabe ist die wissenschaftlich beste Übersetzung und damit unverzichtbar. Schließlich noch zwei weitere der günstigen Könemann-Kunstbildbände.
| Autor |
Titel |
Verlag |
Kommentar |
| Louvre (Hrsg.) |
A Guide to Louvre |
Musée du Louvre Editons |
Alle Sammlungen werden auf 480 Seiten vorgestellt
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| Oliver Pfohlmann, Thomas Anz (Hrsg.) |
Psychoanalyse in der literarischen Moderne |
LiteraturWissenschaft.de |
Band 1: Einleitung in der literarischen Moderne
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| "jenes höhere Wesen, welches wir verehren" ;-) |
Elberfelder Bibel |
R. Brockhaus |
Eben erschienene Neuedition
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| Andreas Bock-Raming (Hrsg.) |
Die Reden Buddhas |
marixverlag |
Preisgünstige Neuerscheinung
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| Hélène Seckel |
Musée Picasso. Museumsführer |
Réunion des Musées Nationaux |
136 Seiten
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| Rolf Toman (Hrsg.) |
Klassizismus Architektur, Skulptur, Malerei |
Könemann |
Bildband mit hervorragendem Preis-Leistungs-Verhältnis
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| Rolf Toman (Hrsg.) |
Jugendstil Architektur, Skulptur, Malerei |
Könemann |
Bildband mit hervorragendem Preis-Leistungs-Verhältnis
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| Ian Buruma |
Murder in Amsterdam. |
Atlantic Books |
"The Death of Theo Van Gogh and the Limits of Tolerance"
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16. Oktober 2006
Fjodor Dostojewskij: Die Brüder Karamasow [2.]
(Fischer Taschenbuch)
In meinen Bibliomanen Betrachtungen beschrieb ich die Veränderung meines Leseverhaltens hin zum Bewährten. Nach etwa zwanzig Jahren "erwachsener" Lektüre erscheint es mir an der Zeit, die literarischen Höhepunkte noch einmal aufzusuchen und alte Urteile zu überprüfen. Jeder Leser verklärt die "großen Lektüren" im Laufe der Zeit. Ein Freund und Vielleser meinte deshalb, er schrecke aus diesem Grund vor solchen Wiederlektüren zurück.
Dostojewkij nimmt nun in meinen literarischen Pantheon einen besonderen Platz ein. Einige seiner Hauptwerke las ich bereits mehrmals. Zuletzt "Verbrechen und Strafe" (Schuld und Sühne) und war wohl vor allem ob meiner hohen Erwartung letztendlich enttäuscht. Anders "Böse Geiste" (Dämonen): die Zweitlektüre war ästhetisch mindestens so zufriedenstellend wie die erste. Wie würde es nun mit den "Brüdern Karamsow" sein, in meiner Erinnerung einer der besten Romane, die ich je las? Das liegt allerdings mindestens fünfzehn Jahre zurück.
Skeptisch begann ich nicht zuletzt deshalb, weil ich mich inzwischen auch verstärkt mit Dostojewskijs kruder Weltanschauung auseinandergesetzt hatte. Man könnte sie auf den Nenner "naiver Religionskitsch" bringen, der mit einigen politischen Unappetitlichkeiten garniert wird. Bekanntlich sollte Moskau als drittes Rom mit der urwüchsigen Kraft des russischen Volks nicht weniger als die Welt durch eine neue religiöse Revolution erlösen.
Nun spielt dieser Themenstrang in den "Brüdern Karamasow" tatsächlich eine wichtige Rolle auf vielen Ebenen, aber das verblüffende Resultat: er schadet dem Roman nicht. Die literarische Qualität des Romans "besiegt" die weltanschauliche Verquastheit. Das kommt in der Literatur nur ausgesprochen selten vor und ist ein Beleg für die herausragende Qualität des Buches.
Worin diese besteht, läßt sich in einer kurzen Notiz nicht im Detail belegen. Sieht man sich aber die Art und Weise an, wie Dostojewksij sein Weltbild literarisch vermittelt, bekommt man erste Hinweise. Es sticht sofort die Polyphonie des Romans ins Auge. Gegenpositionen zur eigenen Position werden nicht nur zugelassen, sondern furios mit großer literarischer Wucht gestaltet. Nebenbei sei bemerkt, dass Robert Musil später im "Mann ohne Eigenschaften" das Prinzip perfektioniert, Weltanschauungen durch Romanfiguren zu repräsentieren. Als Beispiel bei Dostojewskij sei nur Iwans zurecht berühmte Erzählung vom "Großinquisitor" und Iwans (imaginäre?) Unterhaltung mit dem Teufel in bester faustischer Tradition angeführt. Ausgesprochen geschickt relativiert der Autor auch die Figur des idealisierten Mönchs Starez Sossima, in dem er seine Leiche nach dessen Ableben schnell einen Verwesungsgeruch ausströmen läßt. Diesen hätte es nach dem Volksglauben nicht geben dürfen. Er löst im Kloster Aufruhr aus und stürzt Aljoscha in Tiefe Zweifel. Ich bin versucht, hier von einer "Polyphonie" zweiter Stufe zu sprechen. Denn es stehen sich nicht nur grundsätzlich verschiedene Positionen polyphon gegenüber, sondern sogar innerhalb einzelner Positionen differenziert Dostojewsij diese weiter. Dieser Kunstverstand, der sich vom "religiösen Kleinhirn" nur bedingt verwirren ließ, ist bewundernswert.
Über die Kunst Dostojewskijs, die menschliche Psyche seiner Figuren bis in die letzten Verästelungen zu ergründen, wurde bereits so viel geschrieben, dass ich hier kein weiteres Loblied anstimmen muss. Vielleicht noch wenige Worte zur Komposition: Der umsichtige Romanaufbau und die langsame Beschleunigung bis hin zur furiosen Kriminalhandung ab etwa der Mitte des Textes hat selten seinesgleichen. Ich kann allen nur dringend raten, sich dieser tausenddreihundertseitigen Romanwelt nicht zu verschließen.
Abschließend sei noch vermerkt, dass konkreter Anlass der Lektüre die lang erwartete Taschenbuch-Ausgabe der Übersetzung Swetlana Geiers war. Da ich des Russischen nicht mächtig bin, kann ich nur unterschiedliche Übersetzungen vergleichen. Geiers Übertragung scheint Dostojewskijs ästhetischer Strategie sehr nahe zu kommen, speziell was die brillanten, langen Dialoge angeht. Die Übersetzungen Geiers sind eine literarische Großtat, die leider viel zu wenig gewürdigt wird.
Die Renaissance in einer neuen Edition
Auf die I Tatti Renaissance Library wurde an dieser Stelle schon einmal kurz hingewiesen. In einer editorischen Großtat publiziert die Harvard University Press wichtige Bücher dieser Epoche in neuen Editionen. Eine erste Bilanz der bisher erschienenen Bücher zieht Anthony Grafton nun in einem ausführlichen Artikel in der New York Review of Books.
15. Oktober 2006
Reise-Notizen Paris (2): Louvre
Damit wäre gleich der Hauptgrund meiner Reise genannt, nämlich die Erkundung des größten Museums der Welt. Ich hatte Zeit für drei Besuche, deren jeder fünf bis sechs Stunden dauerte. Viel zu kurz naturgemäß, um alles mit der notwendigen Aufmerksamkeit anzusehen. Ausreichend aber, um mir einen Überblick über alle Sammlungen zu verschaffen, und wenige im Detail anzusehen. Leider war die Abteilung mit griechischer, etruskischer und römischer Kunst wegen Umbau geschlossen.
Beginnen möchte ich aber mit ein paar praktischen Hinweisen. Wer nicht Schlange stehen will, sollte sich vor dem Besuch den Pariser Museumspass besorgen, den es mit unterschiedlicher Gültigkeitsdauer gibt. Damit kann man dann die beiden Seiteneingänge "Porte de Lion" oder "Richelieu-Passage" nutzen. Ich kam jedes Mal ohne zu warten hinein. Wer Gelegenheit hat, die Abendöffnungszeiten am Mittwoch und Freitag (bis 22 Uhr!) zu nutzen, sollte diese unbedingt wahrnehmen. Nach 19 Uhr ist es für Pariser Verhältnisse vergleichsweise ruhig im Museum.
Besonderes Augenmerk richtet ich auf drei Abteilungen: Die orientalische Sammlung, die ägyptische Sammlung sowie den italienischen Teil der Gemäldegalerie. Mir war der Louvre vor allem als Gemäldegalerie bewusst, weshalb mich die Fülle und Qualität der orientalischen Exponate überraschte. Herausragend die die Palastausstattung des persischen Königs Dareios I. Monumentale Löwenreliefs auf hellblauer und beiger Keramik. Wer Herodot gerne liest, wird die Fülle an Anschauungsmaterialien aus dieser Zeit zu schätzen wissen. Die berühmte Stele des Hammurabi mit dem noch berühmteren Rechtscodex ist dort ebenfalls ausgestellt. Gewaltige assyrische Wandreliefs sind ein weiterer Höhepunkt.
Aber auch die weniger spektakulären Exponate sind vom ersten Rang. So sieht man viel von den Erfindern des Alphabets und deren Handelsimperium, den Phöniziern. Die Levante ist aus "kolonialen Gründen" selbstverständlich ebenfalls gut vertreten.
Die ägyptische Abteilung verteilt sich über dreißig zum Teil sehr große Räume. Die Anordnung ist teils chronologisch, teils thematisch. Napoleon hat bei seiner Plünderung der Kunstschätze jedenfalls einen guten Geschmack bewiesen (besser: sein Tross an Gelehrten), so dass man nun eine sehr repräsentative Sammlung besichtigen kann. Der lebensechte Realismus des "Hockenden Schreibers" lässt einen kaum vermuten, dass man hier eine 4500 Jahre alte Skultur vor sich hat. Eines der schönsten antiken Kunstwerke, die ich bisher sah.
Die Gemäldegalerie ist ob ihrer Fülle kaum zu bewältigen. Speziell die französische Malerei vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert füllt ganze siebenundsiebzig Räume. Deshalb konzentrierte ich mich auf das 19. Jahrhundert, speziell die Klassizisten und Romantiker. Delacroix' Meisterwerk "Das Floß der Medusa" ist im Original viel dunkler als es die mir bekannten Reproduktionen vermuten ließen. Unmittelbar daneben hängt eines meiner Lieblingsbilder: Dante und Vergil in der Hölle. An derselben Wand die Revolutions-Ikone "Die Freiheit führt das Volk", mit dem Jungen auf der rechten Seite, der mich nun nach der Lektüre "Der Elenden" immer an den kleinen Gavroche denken läßt. Ein Raum vorher Davids "Eid der Horatier", kurz ein Meisterwerk reiht sich an das andere.
Die "Mona Lisa" wurde nun so platziert, dass die Touristen sich davor nicht mehr zu Tode trampeln und man auch aus der Entfernung bzw. von der Seite das Bild noch gut erkennen kann. Vor dem Eingang zur "Mona Lisa" hängt ein schöner Raffael für den sich kaum jemand zu interessieren scheint. Der Louvre hängt voller hochkarätiger Gemälde, die der "Mona Lisa" ästhetisch in nichts nachstehen. Trotzdem rennen alle schnurstracks zu ihr. Einsame Vermeers, wenig besuchte Rembrandts sind die Folge, was für den echten Kunstfreund natürlich angenehm ist. So konnte ich mir Rembrandts faszinierende "Bathsheba" lange ungestört ansehen. Rembrandt wählte den Moment, wo Bathsheba die "Einladung" König Davids zum außerehelichen Geschlechtsverkehr gerade las, wohl bereits ahnend, dass ihr Gatte diese Begierde nicht überleben wird. Die psychologische Genauigkeit Rembrandts ist frappant! Die deutsche und niederländische Malerei ist in vielen Werken vertreten.
Vermutlich gibt es keinen besseren Ort der Welt als Paris, um Kunstgeschichte zu studieren. Qualität & Quantität & Vielfalt werden wohl von keinem anderen Museum übertroffen. Eine gute Woche nach meinem letzten Besuch, wäre ich bereits gerne wieder dort.
14. Oktober 2006
Mozart: Die Zauberflöte
(Theater an der Wien 13.10.)
Musikalische Leitung Fabio Luisi
Inszenierung, Bühnenbild & Licht Krystian Lupa
Wiener Symphoniker
Arnold Schoenberg Chor (Ltg: Erwin Ortner)
Sarastro Franz-Josef Selig
Tamino Pavol Breslik
Sprecher / Zweiter Priester Andreas Schmidt
Erster Priester Andreas Conrad
Königin der Nacht Sen Guo
Pamina Helena Juntunen
Papageno Roman Trekel
Kennen Sie schlechte Powerpoint-Präsentationen? Alle Elemente werden langweilig von links in die Folie "hineinanimiert" (Standard-Einstellung), die Auswahl der Farben ist degoutant und die Animationen haben keinerlei Bezug zum Inhalt. Wenn Sie diese Frage bejahen, haben Sie bereits eine sehr genaue Vorstellung von dieser missratenen Inszenierung.
Statt von links wie bei Powerpoint, schwebt hier alles von oben ein: Die Königin der Nacht, die Knaben (mehrmals in einem lächerlichen Käfig) und einiges mehr. Mich erinnerte das sehr an eine groteske Zauberflöten-Aufführung des Passauer Stadttheaters zu Schulzeiten: so peinlich, dass es wieder komisch war. Die - wie sich in einem Gespräch vor Beginn herausstellte - opernkundige Dame neben mir, hielt diese Zumutung ziemlich genau eine Dreiviertelstunde durch, bevor sie sichtlich indigniert das Theater an der Wien verließ. Eine seltsame Mischung von Märchenkostümen, Regietheater-Elementen und unpassende Videoprojektionen runden diese grandiose Regieleistung ab.
Musikalisch war die Aufführung, sieht man von einigen Ausrutschern und Fehlbesetzungen ab, durchschnittlich im schlechten Sinn. Die Wiener Symphoniker spielten ihren Mozart so langweilig als wollten sie sich dem Niveau der Inszenierung anpassen. Sen Guc als Königin der Nacht, war der Rolle hörbar nicht gewachsen. "Tamino" und "Papageno" konnten sich aber durchaus hören lassen.
Roland Schimmelpfennig: Ende und Anfang. Dramatisches Gedicht
(Akademietheater 9.10.)
Regie: Nicolas Stemann
Der Mann in der Küche, Peter: Sebastian Rudolph
Der Verbrannte Gast, Frankie: Markus Hering
Die Frau ohne Schlüssel, Isabel: Myriam Schröder
Der Mann zwischen sechzig und siebzig: Rudolf Melichar
Das schlaksige Mädchen, Dorothea: Stefanie Dvorak
Der Vogelmann: Philipp Hochmair
Der russische Tierpfleger, Pjotr Antónovitsch Rostov: Hermann Scheidleder
Nicolas Stemann genießt berechtigterweise den Ruf, sogenannte "unspielbare" Stücke passabel auf die Bühne zu bringen. Texte Elfriede Jelineks beispielsweise brachte er kongenial auf die Bühne des Akademietheaters.
Auch bei diesem neuen "dramatischen Gedicht" mühte er sich ebenso redlich wie das gut disponierte Ensemble. Allein der beste Regisseur und Weltklasse-Schauspieler helfen nichts, wenn das Stück schlecht ist. Verschiedene Handlungsstränge laufen lose assoziiert neben einander her, wobei Monologe der Protagonisten dominieren. Diese lose Form passt nicht wirklich zum "Inhalt", in deren Mittelpunkt gescheiterte bis seltsame Existenzen stehen. Es gibt ein paar gelungene Theatermomente, die sich Einfällen der Regie verdanken, aber das ist selbst für kurze fünfundsiebzig Theaterminuten zu wenig. Möge dieses Auftragswerk des Burgtheaters anderen Häusern erspart bleiben.
12. Oktober 2006
Wiener Ausstellungen im September:
Picasso, Beuys, Deutsche Expressionisten
Wider Erwarten war mein Kunstelan trotz der ausgiebigen Louvreerkundungen in Paris (mehr dazu später) nicht enden wollend, weshalb ich mir während dieser Woche einige Ausstellungen in Wien ansah.
Den Auftakt machte Picasso. Malen gegen die Zeit in der Albertina (bis 7.1.), welche etwa 200 späte Werke nach 1961 präsentiert. Kunstkenner wissen mit welchem Furor und welcher Disziplin Picasso bis zu seinem Tod tätig war. Eine Vielzahl von oft sehr schnell geschaffenen Bildern und Zeichnungen entstand. Dieses Anmalen gegen den Tod ist einerseits beeindruckend, andererseits sind die Ergebnisse aufgrund vieler Ähnlichkeiten auch ermüdend. Man wünscht sich Bilder, für die sich Picasso mehr Zeit für die Gestaltung gelassen hätte. Von Altersweisheit im klassischen Sinn, also einer Auseinandersetzung mit dem Tod, die in Gelassenheit endet, keine Spur. Das empfundene Skandalon des Todes wird durch diese Schaffensweise augenscheinlich. Ein Besuch ist durchaus empfehlenswert.
Das Museum Moderner Kunst zeigt eine Schau über Beuys (bis 29.10.). Eine wenig spektakuläre "Ausstellung" wird einem hier im Untergeschoss geboten, handelt es sich doch nur um ein Zusammenstellen der ohnehin im Bestand des Hauses vorhandenen Werke. Intendiert war eine Hommage zum zwanzigjährigen Todestag, größere kuratorische Ansprüche sollte man deshalb auch nicht stellen.
Nicht versäumen darf man die Deutschen Expressionisten im Leopold Museum. Da viele der Leihgaben aus der Sammlung Thyssen-Bornemisza in Madrid einflog, die ich letztes Jahr besichtigte, war damit ein unerhofft schnelles Wiedersehen mit einigen dieser expressionistischen Meisterwerke verbunden. Die Ausstellung der rund 130 Gemälde ist überwiegend thematisch gegliedert (z.B. Stadtbilder, Landschaften) was ein interessantes Zusammen-Sehen ermöglicht. Persönlich steht mir die Auseinandersetzung mit urbanen Themen (speziell mit dem Berlin nach dem 1. Weltkrieg) näher als die esoterischen Tiermalerein eines Franc Marc, welcher im Voralpenland der animalischen Einheit mit der Natur nachtrauerte.
Über das Erben einer Privatbibliothek ...
... schreibt Stefan Howald einen hübschen Artikel.
8. Oktober 2006
Reise-Notizen Paris (1): Atmosphärisches
Die Franzosen gelten als kultivierte Leute. Ein Klischee gewiss, aber eines mit einem wahrem Kern. Gerade Kleinigkeiten verraten oft die feinen Unterschiede. Während man in Wien beispielsweise seinen Döner verzehrt, in dem man seinen Kopf quasi hineinsteckt und sich dann, wie auf dem Weg ins Schlaraffenland, langsam durchfrisst, was man leider auch gehäuft in der U-Bahn beobachten muss, isst man in Paris seinen Döner vornehm mit der Gabel, die man mit auf den Weg bekommt. Erst nachdem mit Hilfe dieses Essinstruments die Höhe des Fladens auf ein physiologisch verträgliches Maß reduziert wurde, wird hineingebissen.
Vor achtzehn Jahren war ich letztes Mal an der Seine und erstaunt über eine Reihe von Veränderungen. Damit meine ich weniger die Stadt an sich, denn jede Metropole wandelt sich ständig. Zwanzig Jahre sind hier eine kleine Ewigkeit. Es scheint sich auch bei der Mentalität der Stadtbewohner einiges verändert zu haben. Das viel mir vor allem "sprachlich" auf. Englisch ist in Restaurants, Geschäften und auf der Straße viel präsenter. Bei meiner ersten Reise passierte es so gut wie nie, dass ich von Franzosen auf Englisch angesprochen wurde. Heute scheint es auch für Pariser eine Selbstverständlichkeit zu sein, dass man mit Fremden im neuen Weltidiom Kontakt aufnimmt, anstatt stolz Französischkenntnisse vorauszusetzen.
Abgestiegen bin ich im Timhotel Le Louvre, ein unspektakuläres Zweisterne-Haus, das jedoch einen schönen Vorzug besitzt: Es liegt direkt beim Louvre, im Herzen von Paris, und ist damit der ideale Ausgangspunkt für Stadterkundungen. Dass in unmittelbarer Nähe eine Menge von kleinen Lokale mit unterschiedlichsten Küchen sind, schadet naturgemäß auch nichts.
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