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Notizen: Archiv

von Christian Köllerer



4. Quartal 2007



31. Dezember 2007

Arno Geiger: Es geht uns gut. Roman.
(Carl Hanser Verlag)

Sieht man sich die österreichische Literatur der letzten Jahre an, scheint es einen neuen Trend zum konservativen Erzählen zu geben: Daniel Kehlmann ist wohl das prominenteste Beispiel, aber auch Michaels Köhlmeiers hier kürzlich rezensierter neuer Großroman fällt in diese Kategorie.
Arno Geigers "Es geht uns gut" passt gut in diese Reihe. Der 2005 mit dem ersten deutschen Buchpreis ausgezeichnete Roman erzählt episodisch die Geschichte einer Wiener Familie. Philipp Erlach erbt die alte Villa seiner Großeltern, was den Anlass zu einem Rückblick auf mehrere Generationen gibt. Formal wechselt die Gegenwartshandlung mit diversen historischen Kapiteln ab, welche exemplarische Ereignisse aus der Familiengeschichte beschreiben und jeweils mit einem konkreten Datum überschrieben sind.
Das Buch liest sich ganz unterhaltsam, hinterlässt aber mangels Doppelbödigkeiten jeglicher Art keine bleibenden Eindrücke.


30. Dezember 2007

Dostojekwskij: Die Brüder Karamasow
(Akademietheater 28.12.)
Regie: Nicolas Stemann
mit Sachiko Hara, Myriam Schröder, Mareike Sedl, Adina Vetter, Philipp Hochmair, Hans Dieter Knebel, Thomas Lawinky, Rudolf Melichar, Joachim Meyerhoff, Sebastian Rudolph, Hermann Scheidleder, Martin Schwab


Nun habe ich ja eine Schwäche für ästhetischen Wagemut, weshalb ich diesem megalomanen Projekt, einen der großen Romane Dostojewskijs auf die Bühne zu bringen, mit Spannung entgegen sah. Nicolas Stemann war bisher vor allem durch seine kongenialen Bühnenfassungen diverser Stücke der Elfriede Jelinek bekannt, deshalb war nicht vorherzusehen, wie er diese Sache angeht. Eine neue Variante von Castorfs Stückezertrümmerung?
Im Gegenteil! Stemann und der Dramaturg Joachim Lux versuchten buchstäblich die wesentliche Motive des Romans zu inszenieren: Einerseits die "Sex and Crime" Handlung rund um Vatermord und Frauengeschichten, andererseits den metaphysischen Überbau und das Religionsthema (Theodizee!). Letzteres immer wieder mit erfrischend ironischen Elementen angereichert(z.B. durch einen katholischer Knabenchor), was angesichts der pathetisch-sentimentalen Seite dieser Medaille dringend notwendig war . Stemann gruppiert diesen Motivkomplex rund um die den Starzen Sosima und legt weltanschauliche Textpassagen aus dem Roman diversen Akteuren in den Mund. Als erste Szene wählte Stemann sehr geschickt eine überaus theaterwirksame aus: Das Zusammentreffen der drei Brüder mit dem Vater Karamasow bei Sosima.
Es verblüfft, wie viel wichtige Motivstränge sich in knapp vier Stunden Theater unterbringen lassen. Am effektivsten ist natürlich die Kriminalgeschichte, und wenn man einen Einwand machen will, dann könnte man sagen, dass sie weniger eng verwoben mit dem Weltanschauungsthema ist als im Roman. Hier kommt das Theater an die Grenze seiner Möglichkeiten.
Die Inszenierung insgesamt ist sehr gelungen. Das Bühnenbild schwankt zwischen klösterliche Leere und einem zweistöckigen nach vorne offenen "Haus" in dem sich gleichzeitig Szenen der Handlung abspielen. Requisten werden effektvoll oft nur angedeutet (eine Tür im leeren Raum). Die schauspielerische Leistung ist zu großen Teilen brillant. Wieder ist es Joachim Meyerhoff, der mit seiner Kunst verblüfft: Er trägt als Iwan so furios die Erzählung vom Grossinquistor vor (besser: er durchläuft während der Lesung eine Metamorphose und wird selbst zum Inquisitor).
Diese Aufführung ist ein klarer Beleg dafür, dass sich "verrückte" Ideen auszahlen können. Eine Empfehlung.


21. Dezember 2007

Bibliothek: Neuzugänge

Die meisten Bücher kamen dankenswerterweise "frei Haus". "Beowulf" gibt sehr günstig regulär im Buchhandel und "Paradise Lost" kam antiquarisch aus den Staaten.

Autor Titel Verlag Kommentar
Ulrich Sinn Antike Kunst. Die 101 wichtigsten Fragen beck'sche reihe München 2007
Hans-Jürgen Hube Beowulf marix verlag Zweisprachig
Christoph Höcker Golf von Neapel und Kampanien Dumont Kunstreiseführer "Dreitausend Jahre Kunst und Kultur im Herzen Süditaliens"
Christoph W. Bauer Im Alphabet der Häuser. Roman einer Stadt Haymon Verlag Innsbruck-Wien 2007
John Milton Paradise Lost Oxford University Press Edition by Philip Pullman
Wilfried Barner (Hrsg.) u.a. Jahrbuch der Dt. Schiller-Gesellschaft Wallstein Verlag Göttingen 2007


16. Dezember 2007

Wagner: Die Walküre
(Staatsoper 9.12.)
Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf
Dirigent: Franz Welser-Möst
Siegmund, ein Wälsung: Johan Botha
Hunding, Verbündeter des Geschlechts der Neidinge: Walter Fink
Wotan, der Göttervater: Juha Uusitalo
Sieglinde, Siegmunds Schwester, Hundings Frau: Nina Stemme
Brünnhilde, Wotans Tochter, Walküre: Eva Johansson
Fricka, Wotans Gattin, Göttin der Ehe: Michaela Schuster

Eine Woche hatten alle Beteiligten Zeit, ihre verlorenen Stimmen wiederzufinden. Die Premiere am 2. Dezember war vom Pech verfolgt: Uusitalo versagte die Stimme und ein kurzfristig eingesprungener Ersatz sang die Rolle vom Rand aus.
Die dritte Aufführung der lang erwarteten Neuinszenierung durch Sven-Eric Bechtolf verlief ohne musikalische Pannen. Zwar hatte Wotan am Ende Probleme und auch Brünnhilde war keine Referenz, der Abend war aber akzeptabel. Dazu trug nicht zuletzt ein fulminanter Botha bei, dessen Sigmund zwar einige lyrische Nuancen vermissen ließ, den ersten Aufzug aber ebenso brillant sang wie Nina Stemme. Walter Fink als Hunding hielt nicht nur ausgezeichnet mit, sondern hatte auch eine ungewöhnlich starke Bühnenpräsenz.
Wie ist nun die Inszenierung gelungen, mit der wir hier in Wien nun viele Jahre leben müssen? Es ist kein großer Wurf geworden. Bechtolf ging die Angelegenheit sehr vorsichtig an. Das wäre nicht zwangsläufig schlecht. Seine wenigen Regieeinfälle jedoch (Götter, die mit Puppen hantieren) oder ein ausgestopfter Wolf als Requisit (Wölfing!) sind vergleichsweise plump. Wagners Ring ist eines der symbolmächtigsten Kunstwerke der abendländischen Kulturgeschichte! Da ist es mit ein paar platten Symbolen auf der Bühne nicht getan, wenn man einigermaßen auf Augenhöhe zum Werk inszenieren will.
Zumindest stört die Regie nicht weiter, und das ist mehr als man in vielen Fällen sagen kann. Operngeschichte wird mit diesem Ring (man denke an die grandiose Kombination von Gustav Mahler und Alfred Roller vor einem Jahrhundert im selben Haus) wohl nicht geschrieben werden.

Tolstois "Krieg und Frieden"

Anlässlich einer Neuübersetzung ins Englische sind zwei lesenswerte Artikel über den Roman erschienen: Einer in der New York Review of Books und im New Yorker.

Christopher Hitchens: God is not Great. How Religion Poisons Everything.
(Audiobook)

Der dritte atheistische Besteller (nach Richard Dawkins und Sam Harris) der letzten Zeit, konnte mich am wenigsten überzeugen. Hitchens trägt zwar die bekannten validen Argumente gegen religiöse Dummheiten zusammen, zeichnet sich aber negativ durch zu viel Selbstverliebtheit aus. Seine autobiographischen Exkurse wirken oft mehr eitel als erhellend. Wer nur ein Buch zum Thema lesen will, sollte also nicht zu diesem greifen. Nebenbei sei bemerkt, dass Hitchens ein vergleichsweise schlechter Vorleser ist. Ich hörte mir seine Gesamtlesung als Audiobook an.

15. Dezember 2007

Lukas Bärfuss: Die Probe (Der brave Simon Korach)
(Akademietheater 4.12.)
Regie: Nicolas Brieger
Peter: Dietmar König
Simon: Michael König
Franzeck: Roland Koch
Agnes: Sabine Haupt
Helle: Barbara Petritsch

Lukas Bärfuss wird gegenwärtig gern gespielt, greift er doch aktuelle Themen auf und bringt sie auf die Bühne. Dieses Mal hat er sich die Gentechnik erwählt, eines der Lieblingsthemen der Feuilletons seit längerer Zeit. Peter Korach, glücklicher Ehemann und Familienvater, packt der Zweifel und er läßt heimlich einen Vaterschaftstest durchführen: Sein vierjähriger Sohn ist nicht mit ihm verwandt. Hier setzt das Stück ein und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Ein Hauch Ibsen garniert mit grotesken Elementen ist das Ergebnis. Zweiter Motivkomplex ist die politische Karriere seines linken Vaters, der eben zu einem erneuten Anlauf ansetzt, das Bürgermeisteramt zu erobern. Nimmt man noch einen aus der Gosse aufgenommenen "Adoptivsohn" hinzu, den Simon Korach zu seinem Wahlkampfleiter kürte und der Peter den Floh mit der Probe ins Ohr setzte, ist die dramatische Konstellation komplett. Dank des wie immer sehr guten Ensembles und des geglückten Bühnenbilds ergibt das einen passablen zweistündigen Theaterabend. Viel mehr hat das zeitgenössische Drama im Moment offenbar nicht zu bieten.


9. Dezember 2007

Wajdi Mouawad: Verbrennungen
(Akademietheater 2.12.)
Regie: Stefan Bachmann
Nawal: Regina Fritsch
Jeanne: Melanie Kretschmann
Simon: Daniel Jesch
Hermile: Markus Hering
Antoine: Juergen Maurer
Sawda: Sabine Haupt
Nihad: Klaus Brömmelmeier

Man sieht es buchstäblich vor sich, wie im Sommer 2006 anlässlich des Libanonkrieges die Köpfe im Burgtheater rauchten. Ein aktuelles Stück über den Libanon muss her! Zeitgenössisches, politisches Theater ist ein wichtiges Anliegen, und man kann ja nicht jedes Mal wie ein x-beliebiges Stadttheater "Mutter Courage" hervorkramen, wenn es wieder einmal Krieg gibt. Man suchte und suchte und schließlich stieß man auf "Verbrennungen" von Mouwad und hatte sogar noch eine österreichische Erstaufführung in der Tasche.
Leider hat diese Geschichte kein happy end: Es handelt sich nämlich um ein miserables Stück. Mouawad gibt sich nämlich nicht mit den Verfassen eines Antikriegsstücks zufrieden, er muss es auch noch zu einer Art griechischen Tragödie aufblähen: Inzest, Vergewaltigung, Verblendung: Alles da. Dramaturgisch ist das alles ziemlich holprig (eine antike Tragödie beginnend mit einer Testamentseröffnung beim Notar) und das Stück überwiegend konturlos. Will man die Hölle der Gegenwartskriege darstellen, ist es nicht notwendig, gleichzeitig noch eine Orestie für Arme abzunudeln. Will man Betroffenheit hervorrufen (mit quasirealistischen Schockszenen) sollte man keine Hampelmänner wie die Figur des Notars ins Stück aufnehmen. Es reicht nicht ein paar klassische Dramenmotive zu nehmen (Suche nach dem Vater, Geschwisterkonflikt) und diese willkürlich mit realistischen Elementen zu vermischen.
Die Regie geht mit diesem Problem auch eher ratlos um, weicht stellenweise sogar in Richtung Slapstick aus. Das Beste, was man über den Abend sagen kann, ist die tolle schauspielerische Leistung. Das Ensemble ist großartig und sorgt für die einzigen lichten Momente eines langweiligen Theaterabends.



25. November 2007

Michael Köhlmeier: Abendland. Roman
(Carl Hanser)


Eigentlich hatte ich Köhlmeier als interessanten Autor schon abgeschrieben, seitdem er sich die letzten Jahre vor allem auf die fließbandmäßige Nacherzählung von Mythen und Sagen verlegt hatte. Der Ich-Erzähler des neuen Romans Sebastian Lukasser ist Schriftsteller und wird an einer Stelle von einem amerikanischen Lektor darauf angesprochen, dass sich mit Shakespeare Nacherzählungen eine Menge Geld verdienen ließe. Köhlmeier hat mit Shakespeare neu erzählt ein ähnliches Buch vorgelegt und ist damit wenigstens erfrischend offen.
"Abendland" ist das bisher ambitionierteste Werk Köhlmeiers. Der Titel und Umfang (800 Seiten!) des Buches zeigen, in welche Gefilde er sich vorwagt: Ein großer Roman über das 20. Jahrhundert sollte es sein. Nimmt man hinzu, dass im Mittelpunkt mit Carl Jakob Candoris, der mit 95 Jahren seinem Patenkind Sebastian sein Leben erzählt, ein Mathematiker und Logiker steht, denkt man zwangsläufig an Ulrich, Hauptfigur von Musils "Mann ohne Eigenschaften". So viel literarischer Wagemut ist sympathisch, deshalb las ich das Buch.
Nun ist es keine Überraschung, dass Köhlmeiers Roman dem Vergleich mit Musil oder Doderer nicht stand halten kann. Außergewöhnlich jedoch ist, dass dieses megalomane Projekt ein lesenswertes und sympathisches Ergebnis zeitigt. "Abendland" stellt dem Leser ein so weit ausgreifendes Handlungsgeflecht vor Augen, das ich hier im einzelnen nicht wiedergeben will. Es wird sowohl das Leben des Carl Candoris als auch das Sebastion Lukassers erzählt, mit einer großen Zahl an Nebenfiguren. Dieses Leben spielt sich zu wichtigen Teilen in Wien und Manhattan ab, nebenbei bekommt man also einen Wien- und New-York-Roman auf den Büchertisch. Es ist sehr viel von Musik (Jazz!) und einiges von Mathematik und Atomphysik die Rede. Kurz, was den semantischen Raum des Romans angeht, erfüllt Köhlmeier durchaus seinen Vorsatz, ein Panorama des letzten Jahrhunderts vorzulegen. Auf dieser Ebene bekommt man abwechslungsreiche und intelligente Lesekost vorgesetzt.
Es sind jedoch zwei Aspekte, warum "Abendland" zwar ein ausgezeichnetes Buch ist, es aber von anderen "Jahrhundertromanen" doch einen Respektabstand einhalten muss: das ästhetische Konzept und die Behandlung intellektueller Themen. Köhlmeier ist ein klassischer Erzähler und so ist der Roman auch angelegt. Aus verschiedenen Ich-Perspektiven bekommen wir Teile der Biographien des Romanpersonals traditionell erzählt. In dem Bezugsrahmen "realistische Erzählung" ist das handwerklich hervorragend gemacht. Speziell die geschickte Behandlung der verschiedenen Zeitebenen, die kunstvolle Verknüpfung von Vor- und Rückblenden und die narrative Gesamtkonzeption des Werks, die eine Menge von Handlungsebenen überblicken muss, sind vortrefflich gelungen. Im deutschsprachigen Raum dürfte es nur wenige Autoren geben, die Köhlmeier hier das Wasser reichen könnten. Man fühlt sich eher an große amerikanische Autoren erinnert.
Nun stellt sich aber die grundsätzliche Frage, ob diese klassische Erzählweise zu Beginn des 21. Jahrhunderts für ein Sprachkunstwerk wirklich angemessen ist - und das muss man verneinen. Etwas mehr Mut zu avancierten Erzähltechniken und gezielte Variation der Erzählmittel, und es wäre ein Meisterwerk geworden.
Mein zweiter Einwand betrifft die Behandlung der intellektuellen Themen im Roman. Auch hier sei vorweg eingeräumt, dass Köhlmeier das Prädikat eines gelehrten Autors durchaus verdient. Er kennt nicht nur die Klassiker der Weltliteratur (auf die implizit und explizit angespielt wird) und weiß viel Hörenswertes über Musik- und Wissenschaftsgeschichte zu schreiben. Aber auch hier gilt: Er bringt diese Themen vergleichsweise bieder in den Roman ein. Das wird deutlich, wenn man beispielsweise die Verarbeitung der mathematischen Themen mit denen im "Mann ohne Eigenschaften" vergleicht, oder die Literarisierung von Musik mit dem "Dr. Faustus". Während Köhlmeier klug über Musik schreibt, übersetzt Thomas Mann Musik fulminant in Literatur. Außerdem scheint sich Köhlmeier vor der Tragfähigkeit dieser Themen zu fürchten. Anstatt ihnen den Raum zu geben, den sie intellektuell verdienen, werden sie zugunsten von traditionell spannenden Handlungselementen (inklusive Mord und Spionage) vernachlässigt. Mehr Mut zum Geist, möchte man ihm beim Lesen zurufen, speziell im letzten Viertel.
Obwohl diese Einwände durchaus schwerwiegend sind, las ich "Abendland" sehr gerne. Der Roman gehört sicher zu den interessantesten österreichischen Büchern seit Jahren und verdient es, dass man sich mit ihm beschäftigt.


24. November 2007

James Goldman: Der Löwe im Winter
(Burgtheater 21.11.)
Regie: Grzegorz Jarzyna
Henry: Wolfgang Michael
Eleanor, seine Frau: Sylvie Rohrer
Richard, ihr ältester Sohn: Markus Meyer
Geoffrey, ihr mittlerer Sohn: Philipp Hauß
John, ihr jüngster Sohn: Sven Dolinski
Alais Capet: Katarzyna Warnke
Philipp Capet, ihr Bruder: Tomasz Tyndyk

Das im März 1965 am Broadway uraufgeführte Stück war ein ebenso großer Erfolg wie die drei Jahre später gedrehte Verfilmung mit Peter O'Toole und Katherine Hepburn. Auf den deutschsprachigen Bühnen war es selten zu sehnen: Das Burgtheater bringt also eine Rarität und zwar ein Historiendrama, das im späten 12. Jahrhundert am Hof Henry II. spielt, und die Aufteilung des Reiches unter seinen drei Söhnen zum Thema hat. Die Inszenierung Jarzynas transponiert diese Konflikt in ein modernes Unternehmen. Sehr seltsam deshalb, dass am Ende in einem schriftlichen Abspann ausführlich die historischen Folgen des Konflikts referiert werden, was einen unausgegorenen Eindruck hinterlässt.
Den Regiestil würde ich mit den Adjektiven elegant, ausgewogen, stilisiert beschreiben, was gut zu dem Stück passt. Das auf zwei Ebenen angesiedelte Bühnenbild erinnert an ein modernes Hotelatrium, das mit durch Glaswänden abgetrennte Räume umgeben ist, und sehr stimmig zur Inszenierung passt. Das Ensemble ist ohne Ausnahmen sehenswert. Es hätte ein herausragender Theaterabend werden können.
Die Crux des Abends war die musikalische Untermalung. Entweder durfte ein Pianist auf der Bühne in Potpourri-Manier das Geschehen begleiten oder es gab penetrante Hintergrundmusik aus den Lautsprechern. Jarzyna vertraute offenbar seiner Regiekunst nicht genug und setzte dieses plumpe Mittel zur Stimmungsmache ein. Die Inszenierung hätte ohne diese Berieselung jedoch viel besser funktioniert und wäre stimmiger gewesen. Das ist kein Grund, nicht ins Burgtheater zu gehen, reduziert aber einen potenziell erstklassigen Abend auf ein durchschnittliches Niveau.

Bibliothek: Neuzugänge

Für einen Klassikerfreund ist die neue, viel gepriesene Übersetzung der "Kartause von Parma" natürlich ein Pflichtkauf. Wolfgang Straubs österreichisches Literaturlexikon ist alphabetisch nach Orten sortiert und beschreibt welche Autoren sich wann in Österreich aufgehalten haben.

Autor Titel Verlag Kommentar
Stendhal Die Kartause von Parma Wissenschaftliche Buchgesellschaft Neu übersetzt von Elisabeth Edl
Wolfgang Straub Literarischer Führer Österreich insel taschenbuch Mit Abbildungen, Karten, Registern


18. November 2007

Richard Strauss: Arabella
(Staatsoper 10.11.)
Dirigent: Franz Welser-Möst
Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf Arabella: Angela Denoke
Zdenka: Alexandra Reinprecht
Mandryka: Morten Frank Larsen
Matteo: Michael Schade


Arabella war die letzte gemeinsame Oper von Richard Strauss und Hofmannsthal und hat zeitgenösssische Liebeswirren in Wien zum Thema. Interessiert hat mich diese Inszenierung nicht zuletzt, weil Sven-Eric Bechtolf gerade den neuen Wiener Ring auf die Bühne bringt ("Die Walküre" hat am 2.12. Premiere), und ich mir einen Eindruck von seinem Regiestil machen wollte. Um damit anzufangen: Es ist eine elegante, exzellent zur Musik passende Inszenierung. Möge er es auch bei Wagner so gut treffen.
Für eine gute musikalische Leistung sorgte Franz Welser-Möst, der dem Staatsopernorchester ein bewährter Wegweiser durch diese Klangkonglomerate war. Gesanglich gab es auch keinen Grund zur Klage. Erfreulich.


17. November 2007

Neue Balzac-Biographie

Johannes Wilms legt eine neue Biographie über diesen schillernden Klassiker vor. Laut Claudius Seidl in der heutigen Ausgabe der FAZ eine solide Arbeit, wenn auch etwas zu zynisch.

Reise-Notizen London (3): National Gallery and Victoria-and-Albert Museum

Die National Gallery am Trafalgar Square darf sich in Sachen Alte Meister zu den führenden Häusern Europas zählen. Obwohl die großartige Turnersammlung gar nicht dort, sondern in der Tate zu finden ist. Es handelt sich um eine klassische, hochkarätig bestückte Gemäldesammlung, die einen Zeitraum vom Mittelalter bis zum Impressionismus umfasst. Viele berühmte Werke hängen dort. Botticellis "Venus und Mars" kannte ich bisher nur durch Reproduktionen und meine Begeisterung dafür hielt sich in Grenzen. Sieht man aber die strahlende Leuchtkraft des Originals, versteht man einmal mehr, wie ungeeignet Bildbände sind, um sich einen adäquaten Eindruck von einem Gemälde zu verschaffen.
Weitere Höhepunkte sind Bellinis eindrücklicher "Doge", Raphaels (wie immer) formal perfekte "Madonna of the Pinks" und Cezannes "Bathers", um die englischen Titel zu verwenden.
Das Victoria-and-Albert Museum ist eine der kuriosesten Sammlungen in London. In knapp 150 Räumen wird angewandte Kunst und Kunsthandwerk präsentiert. Dabei wird ein unglaublich breites Spektrum abgedeckt: Von Architektur über Glas- und Metallwaren und Musikinstrumente bis hin zu Möbel und Designobjekten aus allen Epochen und vielen Weltgegenden. Wer sich über die Einrichtung englischer Adelssitze durch die Jahrhunderte informieren will, ist dort ebenso richtig wie jemand mit eine Vorliebe für Keramik. Besonders hervorgehoben sei noch die umfangreiche Skulpturensammlung.


15. November 2007

Homers "Odyssee" in neuer Übersetzung

Kurt Steinmann ist einer der bekanntesten Übersetzer von griechischen Klassikern im deutschsprachigen Raum. Seine Dramenübertragungen werden gerne von renommierten Häusern für Neuinszenierungen ausgewählt. Jetzt liegt seine neue Übersetzung der Odyssee vor. Manesse hat sich dankenswerterweise entschlossen, daraus einen Prachtband zu machen. Großformat im Schuber, handwerklich perfekt hergestellt (Fadenbindung, Lesebändchen) und mit Illustrationen von Anton Christian, ist das Buch eine schöne Referenz für anspruchsvolle Klassikerausgaben.

Bibliothek: Neuzugänge

Mit Ausnahme der "Odyssee" (Autorenexemplar) wurden alle Bücher antiquarisch erworben.

Autor Titel Verlag Kommentar
Homer Odyssee Manesse Übersetzt von Kurt Steinmann
Oliver Goldsmith The Vicar of Wakefield Oxford University Press London 1972
Girolamo Savonarola O Florenz! O Rom! O Italien! Manesse "Predigten, Schriften, Briefe"
Rainer Schmitz Was geschah mit Schillers Schädel? Eichborn Gebunden
Dorothea Zeemann Einübungen in Katastrophen Suhrkamp Taschenbuch Frankfurt 1997


11. November 2007

Plato: Der Staat. Viertes Buch (2.)
(Felix Meiner)


Nach den ersten drei Büchern dürfte fast jeder moderne Leser ein Unbehagen über Platos Staatstotalitarismus verspüren. Aber auch für die Zeitgenossen im alten Athen war dieser Idealstaat eine Provokation. So überrascht es nicht, dass Adeimantos das vierte Buch mit folgendem Einwand eröffnet:
    Was wirst du nun, mein Sokrates, zu deiner Verteidigung vorbringen, falls jemand dir einwerfen sollte, mit dem Glück, das du diesen Männern bietest, sei es nicht weit her [...]
    [419]
Sokrates antwortet darauf, dass es nicht um das Glück von Gruppen oder Individuen geht, sondern um das Wohl des Staates insgesamt.
Im Mittelpunkt dieses Teils steht erneut Platos problematische Analogie zwischen Seele und Staat, auf der er seine Argumentation aufbaut. Wie ein guter Mensch, zeichne sich ein Staat durch vier Eigenschaften aus: Weisheit, Tapferkeit, Mäßigung und Gerechtigkeit. Letztere bestehe darin, dass jeder Bürger der Tätigkeit nach gehe, zu der er am besten fähig ist (nach dem früher beschriebenen Klassensystem).
Anschließend führt Sokrates seine dreiteilige Psychologie bestehend aus Vernunft, Begierde und Geist (Seele) ein. Ein weiser Mensch hält alle drei Teile in Harmonie, wobei der Vernunft die lenkende Rolle zukommt. Diese Analogie zwischen Psyche und Staat wurde in der Forschung oft kritisiert, zu Recht meiner Meinung nach. In Anbetracht der Tatsache, zu welchen ontologischen Spitzfindigkeiten Plato in seiner Metaphysik fähig ist, wirkt die Gleichsetzung zwischen Individuen mit abstrakten sozialen Prozessen vergleichsweise plump. Trotzdem sind die psychologischen Passagen sehr aufschlussreich zu lesen, prägten sie die abendländische Psychologie doch bis in die Neuzeit. An dieser Stelle sollte man sich einmal mehr in Erinnerung rufen, dass es sich hier nicht um ein politisches Programm im engen Sinn handelt, sondern um ein radikales Gedankenexperiment.


10. November 2007

Oliver Goldsmith: The Vicar of Wakefield
(Penguin)

Eingangs sei gesagt, dass die bestellte Originalausgabe so lange auf warten sich ließ (immer noch auf sich warten lässt), dass ich das Buch in der Übersetzung von Ilse Buchholz las. Der einzige Roman des englischen Exzentrikers Oliver Goldsmith erschien 1766 und steht in der Tradition moralisch-sentimentaler Werke dieser Zeit. Im Mittelpunkt steht eine plötzlich verarmte Landpfarrerfamilie aus der englischen Provinz, die einen herben Schicksalsschlag nach dem anderen erleidet, bevor sich am Ende alles zum Besten wendet.
Vergleicht man das Buch mit den besten Werken dieser Zeit, etwa mit dem seit 1759 publizierten brillanten "Tristram Shandy" des Laurence Sterne, fällt das Ergebnis für Goldsmith nicht vorteilhaft aus. Was man zu Gunsten seines Romans sagen kann, sind im vor allem zwei Punkte: Die teilweise ironische Behandlung des Genres führt zu einer kritischen Distanz und die Erzählperspektive ist kritisch gebrochen. Die Selbstgefälligkeit des Landpfarrers Dr. Primrose', des Ich-Erzählers, wird durch so manches Handlungselement konterkariert. Zur Ironie ist einschränkend zu ergänzen, dass sie nicht immer funktioniert, und von den kolportagehaften Ereignissen oft überdeckt wird.
Womit nun die größte Schwäche des Buches bereits angesprochen ist: Die melodramatische Handlung, die durch Ironie nicht ausreichend relativiert wird. Das liest bis zum Beginn des Schlusses ganz nett, aber die letzten dreißig Seiten würde selbst ein durch "deus ex machina" - Effekte verwöhntes altgriechisches Publikum überfordert haben. Eine unwahrscheinliche glückliche Wendung jagt die nächste, inklusive "Wiederauferstehung" von angeblich Toten. Am Ende schwimmen die Guten in Glück und Wohlstand und die Schurken werden entlarvt.
Dass Goldsmith das schlechte ästhetische Gewissen gepackt haben muss, zeigt folgende Rechtfertigung zum Thema Zufälle:

    Und jetzt ist es an der Zeit, daß ich in meinem Bericht innehalte, um einmal nachdrücklich auf diese sogenannten zufälligen Begebenheiten hinzuweisen, die selten genug gebührend beachtet werden, obwohl sie sich Tag für Tag ereignen. Jede Freude, jede Annehmlichkeit in unserm Leben verdanken wir einem solchen zufälligen Zusammentreffen.
    [S. 253]


4. November 2007

Cormac McCarthy: The Road
(Vintage Paperback)

Man ist es heutzutage ja gewöhnt, dass drittklassige Bücher als Meisterwerke gepriesen werden. Trotzdem machten mich die Hymnen auf "The Road" ausreichend neugierig, um diesen Roman zu lesen. Eine gute Entscheidung! Es ist eine Weile her, dass mich Gegenwartsliteratur so nachdenklich zurück gelassen hat. Es beginnt bei der Thematik, welche für die amerikanische Gegenwartsliteratur sehr ungewöhnlich ist: die USA nach dem Untergang der menschlichen Zivilisation. McCarthy läßt die Ursachen dafür im Dunkeln, aber die Symptome deuten deutlich auf ein Szenario nach einem Atomkrieg hin. Ein Vater schlägt sich mit seinem kleinen Jungen durch diese postapokalyptische Welt in einem permanenten Überlebenskampf. Angesichts dieses pathetischen Settings ist man schon nach wenigen Seiten fasziniert, wie effektiv McCarthy seine Leser in diese Welt transferiert. Der Identifikationsfaktor ist hoch und man entwickelt ein starkes Interesse am (Über)leben der beiden Protagonisten.
Das Buch entfaltet ein großen Assoziationsraum. Angesichts des eigentlich sinnlosen Ziels der Reise, die Küste, denkt man an Beckett. Die nüchterne Schilderung grotesk-grausamer Situation führt gedanklich zu Kafka. An dem brutalen Überlebenskampf hätte Thomas Hobbes sein "homo homini lupus" adäquat illustriert gefunden. McCarthy schreibt eine klare, leicht archaisch wirkende Prosa mit Anklängen an die Sprache der Bibel.
Nach der bisherigen Beschreibung könnte man annehmen, es handelt sich bei "The Road" um ein abgrundtief schwarzes Buch. Der Autor setzt aber so effektiv die aufopferungsvolle Liebe von Vater und Sohn gegen diese Lebenshölle, dass sich ein strukturell ausgezeichnet funktionierender Kontrast ergibt. Diese Opposition liegt dem Funktionieren des Romans zugrunde und trägt ihn sowohl inhaltlich als formal.
Diese Konstellation lädt das Buch implizit mit einer religiösen Thematik auf. Deshalb läuft die Handlung auf eine Art "happy end" hinaus (soweit man in einem nuklearen Winter davon reden kann). Das halte ich für den größten Schwachpunkt dieses ungewöhnlichen Buches. Es wäre glaubwürdiger gewesen, das Buch ohne jegliche Hoffnung enden zu lassen. Aber dazu ist McCarthy wohl ein zu religiöser Mensch.

Wilfried Seipel (Hrsg.): Meisterwerke der Antikensammlung
(Kunsthistorisches Museum Wien)


Dieser Band ist seit längerer Zeit mein verlässlicher Begleiter bei Besuchen der Wiener Antikensammlung. Den 114 wichtigsten Werken sind je eine Doppelseite gewidmet: Text und farbliche Abbildung. Die kurzen Texte versuchen einen Kompromiss zwischen Einführung in eine Genre (antike Keramik, Gemmnen ...) und Beschreibung eines Kunstwerks. In Summe eine durchaus nützliche Angelegenheit. Schade ist es allerdings, dass in der Antikensammlung vor Ort keine Verweise auf das Buch sind. In anderen Museen gibt man oft die Seitenzahl bei den Exponaten an. Will man den Band also in der Sammlung nutzen, kann man sich auf umfangreiches Blättern einstellen.


3. November 2007

"The Best Book on Mozart"

So überschreibt Charles Rosen seinen kenntnisreichen Artikel - The New York Review of Books 16/2007 - über das berühmte, 1919 erschienene Buch von Hermann Abert, das erstmals ins Englische übersetzt wurde.

Plato: Der Staat. Drittes Buch (2.)
(Felix Meiner)


In diesem Teil des Werks findet man die Fortsetzung der berüchtigten Forderung nach Zensur im literarischen Bereich. Zugespitzt könnte man sagen, dass Platos totalitäres Programm hier besonders augenscheinlich wird. Von der Voraussetzung ausgehend, dass erstens adäquate Erziehung nicht nur für die elitäre Klasse der Wächter maßgeblich zum Erfolg seines idealen Staatwesens beiträgt, und zweitens Erziehung zu einem großen Teil aus Nachahmung besteht, will er schlechte Einflüsse verbieten. Dieses Argument unterscheidet sich im Prinzip nicht von dem, was konservative Politiker heute fordern. Will man in der Gegenwart Kinder vor "Killerspielen" oder schlechten Einflüssen aus dem Internet schützen, will Plato die Kinder seines Staates vor nicht nachahmenswerten mythologischen Geschichten schützen. Sogar Homer wird von der Kritik nicht ausgenommen, stellt er doch die Götter sehr oft unwürdig (von Leidenschaften beherrscht) vor.
    Darum müssen wir solchen Erzählungen den Abschied geben, auf daß sie unseren Jünglingen nicht den ungehemmten Trieb zur Schlechtigkeit erzeugen.
    [392]
Auch "schlechte" musikalische Stile darf es in Platos Staat nicht geben, da Musik direkt das Seelenleben beeinflusse.
Im Zentrum des dritten Buches steht auch die Frage nach dem Umgang mit der Wahrheit in der Politik. Plato argumentiert hier sehr autoritär. Nachdem er (mythologisch begründet) seine Gesellschaft in drei verschiedene Klassen einteilt (solche mit goldenen, silbernen, bronzenen "Seelen"), rechtfertigt er "noble Lügen" aus utilitaristischem Blickwinkel: Es nütze dem Staat insgesamt und damit auch ihren Mitgliedern, wenn entsprechende "Wahrheitspolitik" betrieben wird.
Plato errichtet hier ein präfaschistoides Staatswesen mit einer Klassengesellschaft und einer ausgeprägten Medienpolitik. Interessant finde ich daran vor allem, dass sich dieser elaborierte Totalitarismus bereits so früh geistesgeschichtlich expliziert findet, und dass hier zahlreiche Fragen zum ersten Mal systematisch behandelt werden, welche bis heute die Diskussion bestimmen (Zensur und Medien, Erziehung, Nature/Nurture ...). Bemerkenswert auch, wie schnell die Wahrheit einem angeblich höherwertigen Gut geopfert wird, speziell wenn man an das skeptische Wahrheitspathos vieler platonischer Dialoge denkt.

Ernst Piper: Savonarola. Prophet der Diktatur Gottes. Biographie
(pendo pocket)

Zur totalitären Staatsphilosophie Platons passt vorzüglich der fanatische Mönch Savonarola (1452-1498), der in Florenz als begnadeter Hassprediger wirkte und vor seiner Exekution als Ketzer für einige Jahre eine Art Gottesstaat in dieser lebenslustigen Stadt errichtete. Diese Episode ist für die an Fundamentalismen reichlich gesegnete Gegenwart natürlich aufschlussreich. So fallen schnell die Gemeinsamkeiten über die Epochengrenzen hinweg ins Auge: Plato lässt seinen Sokrates ebenso nach Zensur rufen wie heutige Fanatiker. Die Taliban sprengen Kunstwerke und verbieten Musik als Gefahr für die Sittlichkeit. Im Iran terrorisieren junge Revolutionswächter gerne die Jugend in den Städten.
Savonarola hatte ähnliche Sorgen und verwendete ähnliche Taktiken. Er predigte wortgewaltig gegen Sittenverfall (auch heute noch beliebter Fokus: Homosexualität) und ließ 1497 und 1498 in Florenz "Verbrennungen der Eitelkeiten" abhalten, denen zahlreiche Kunstwerke zum Opfer fielen. Öffentliche Würfelspieler wurden ex cathedra mit dem Scheiterhaufen bedroht. Wie so viele Fanatiker nach ihm, bediente sich Savonarola für die Umsetzung seines Tugendterrors junger Menschen: Er gründete eine Kinderpolizei.
Wie allen Fundamentalisten waren ihm Bildung und Bücher ein Gräuel:
    Auch aus der Wissenschaft, oder doch einer übermäßigen Beschäftigung mit ihr, erwuchsen nach Savonarolas Überzeugung Gefahren. Die Lektüre der Klassiker wollte er an den Schulen auf Homer, Vergil und Cicero beschränkt sehen. Bei weiterem Nachdenken kam Savonarola zu der Erkenntnis, daß es am besten wäre, die Kenntnis der Wissenschaft auf einige wenige zu beschränken. Diese Spezialeinheit sollte bereit gehalten werden für Auseinandersetzungen mit feindlichen Gelehrten. Für den Durchschnittsmenschen aber seien die Kenntnis der Grammatik, der guten Sitten und Religionsunterricht ausreichend.
    [S. 95]
Ernst Piper gibt in seinem kleinen Buch einen Überblick über diese bemerkenswerte Episode der europäischen Geschichte. Die Knappheit ist auch der einzige Kritikpunkt, den man anbringen kann. Zwar kommen alle wichtigen Aspekte zur Sprache, aber von einer "Biographie" wie im Untertitel kann keine Rede sein. Dafür ist zu viel einführend von der Renaissance die Rede und zu wenig über den Menschen Savonarola. Trotzdem eine empfehlenswerte Publikation, die das Thema aber lange nicht ausschöpft.


2. November 2007

Donald Frame: Rabelais. A Study
(Harcourt Brace Javonovich, New York 1977)

Um die Beschäftigung mit den fünf Büchern rund um "Gargantua" und "Pantagruel" abzuschließen, las ich noch diese prägnante Monographie von Donald Frame, dessen Buch über Montaigne ich schon sehr hilfreich fand. Der Autor beginnt mit einem kurzen einleitenden Artikel über das Zeitgeschehen, um dann das Wenige zu referieren, was über Rabelais' Biographie bekannt ist. Auftakt zur Auseinandersetzung mit dem Werk sind fünf Kapitel über die einzelnen Bücher, in denen Frame Form & Inhalt strukturiert wider gibt, nicht ohne den Stand der damaligen Forschung zu berücksichtigen. Dabei könnte es sich auch um ausführliche Beiträge zu einem Handbuch handeln.
Danach nimmt sich Frame diverse Themenkreise vor, denen er systematisch durch das Gesamtwerk folgt. Darunter "Comedy and the Carnivalesque", "Satire and Fantasy", "Storytelling" und "Humanism and Evangelism". Das ist erhellend zu lesen, zumal Frame einen klassischen englischen Gelehrtenstil schreibt, der frei von allen Obskurantismen ist. Sehr empfehlenswert für alle, die sich für diese in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Bücher interessieren.

Reise-Notizen London (2): Ost und West

Um Städte und deren Bewohner kennenzulernen, kann ich folgende bewährte Methode empfehlen: Man besuche möglichst unmittelbar nacheinander ein sehr armes und sehr reiches Viertel. In London zeigen sich diese Kontraste seit jeher in besonderer Schärfe, wie wir Dickensleser wissen. Auch heute noch sind die Unterschiede frappant. Zwar entwickelt sich das multikulturelle Eastend im Moment zu einer angesagten Gegend, Stadtsoziologen sprechen hier gerne von Gentrifizierung, aber noch weiter im Osten, wo vor allem Migranten Unterschlupf finden, sieht man die Armut doch sehr deutlich. Wie es sich im Kapitalismus gehört, zeigt sich das vor allem auf den lokalen Märkten, wo quasi Schrottreifes noch zu Geld gemacht werden soll. Der traurige alte Mann mit einem schäbigen Pelzmantel zum Verkauf auf dem Arm stehe hier für viele andere. Auch sonst sind die Preise der Zielgruppe angemessen (One T-Shirt, One Pound) und diese Billigmärkte überlaufen. Man sieht vielen Menschen den täglichen Kampf ums Überleben an.
Eine knappe halbe Tube-Stunde im Westen, rund um den Sloane Square trifft man auf das andere Ende des britischen Klassensystems. Die Straßen sind voller luxuriöser Gefährte der höchsten Preisklassen und die Geschäfte haben es offenbar nicht notwendig, ihre Auslagen mit Preisschildern zu beleidigen. Man weiß auch so, dass einer der Hüte in dieser Bonsai-Boutique mehr kostet als der Monatslohn eines Migranten im Osten. Stilvolle Restaurants und Kaffeehäuser, edle Buchhandlungen, perfekt gepflegte Gärten, blitzblanke Straßen runden das Bild ab.
Dieses Zusammenleben von obszön reich und beschämend arm auf vergleichsweise engem Raum, ist nüchtern betrachtet eine erstaunliche Tatsache. Viele Sozialphilosophen, angefangen mit Plato, vertreten die Meinung, dass zu große ökonomische Unterschiede quasi zwangsläufig zu großen Konflikten führen. Es wäre überraschend, wenn das bei den Unruhen in Paris nicht auch ein maßgeblicher Faktor gewesen wäre.


1. November 2007

Berlin: Bode-Museum und "Novos Mundos" im Deutschen Historischen Museum
(25. und 27.10.)


Hymnisch wurde es nach der Eröffnung im Oktober letzten Jahres gepriesen, das frisch renovierte Bode-Museum. Nach zwei ausführlichen Besuchen bin ich versucht, in diese Lobpreisungen einzustimmen. Es ist eines der schönsten Museen, die ich bisher sah. Damit ist in erster Linie gar nicht die großartige Skulpturensammlung gemeint, die den Grundstock des Hauses bildet, sondern das ästhetische Zusammenspiel zwischen Architektur und den Kunstwerken. Die großzügigen Räume sind ideal für die dreidimensionale Kunstform und die beiden Kuppelhallen sowie die Basilika runden als Raumkunstwerke die Ausstellung ab. Die Skulpturen sind in chronologisch-geographischer Ordnung zu sehen. Darunter zahlreiche Meisterwerke aus der Renaissance und aus der Spätgotik. Die fulminanten Plastiken Tilman Riemenschneiders alleine rechtfertigen eine Reise nach Berlin. Ergänzt wird die Skulpturensammlung durch die Exponate des Byzantinischen Museums, die nun ebenfalls in diesem schönen Bau zu sehen sind, darunter ein großes (allerdings aufgrund der Restaurierung nur bedingt originales) byzantinisches Mosaik. Eine Reihe von Räumen schließlich sind dem Münzkabinett gewidmet, in dem viele antike Münzen ausgestellt werden, darunter auch persische aus der Zeit der Perserkriege.

Das Deutsche Historische Museum zeigt seit dem 24. Oktober eine Sonderausstellung über "Portugal und das Zeitalter der Entdeckungen" (Novos Mundos), die nicht zuletzt als eine Art Hommage an die portugiesische Ratspräsidentschaft gedacht war, welche die deutsche im Juli ablöste. Eine Besichtigung der umfangreichen Schau dauert inklusive Audioführung etwa zweieinhalb Stunden und die abschließende Bewertung fällt ambivalent aus. Was die Exponate angeht, kann man die hochkarätige Auswahl nur loben. Zahlreiche alte Bücher, Karten, Dokumente, Modelle etc. sind zu sehen. Selbst wenn man am Thema der Ausstellung kein allzugroßes Interesse hätte, lohnte sich ein Besuch schon wegen der vielen wertvollen Bücher. Frühe Drucke von Marco Polo, der Schedelschen Weltchronik, Brants "Narrenschiff" uvm. finden sich in den Vitrinen. Kurz, ein Fest für Bücherfreunde.
Die Schattenseite der Ausstellung liegt im Fehlen jeglicher kritischer Perspektive. Die Entdeckungsgeschichte wird im wesentlich als großes romantisches Abenteuer dargestellt, die wirtschaftshistorischen Zusammenhänge nur an der Oberfläche gestreift. Kein Wort zu neueren Forschungsergebnissen, etwa der Wertmetallströme über Europa nach Asien und deren Folgen. Selbst die Missionierung wird ohne ein kritisches Wort thematisiert. Es ist im Gegenteil sogar von "brutalen Christenverfolgungen in Japan" die Rede, ganz so als hätte ein Jesuit diese Räume kuratiert.
Man kann sich also der großartigen Ausstellungsstücke erfreuen, bekommt aber inhaltlich nichts Neues geboten. In der Tat ein Geschenk an die portugiesische Regierung.

Henry Parland: Zerbrochen (über das Entwickeln von Veloxpapier). Roman
(FAZ Vorabdruck)

Ein unbestreitbarer Vorteil eines FAZ Abonnements ist die Tatsache, dass man dank der löblichen Praxis des Vorabdrucks "nebenbei" das eine oder andere Buch lesen kann. Schade, dass diese alte Tradition nur noch von einer Zeitung im deutschsprachigen Raum gepflegt wird. Hervorzuheben ist auch, dass die FAZ regelmäßig Raritäten zum Zuge komme lässt, wie in diesem Fall den kleinen schwedischen Roman Henry Parlands, der als neues Winterbuch bei der Friedenauer Presse erschienen ist. Ursprünglich 1930 publiziert, erzählt das Buch die Beziehung des "Autors" mit Ami bzw. versucht diese mit Hilfe von Fotos zu rekonstruieren, was den Untertitel erklärt. Es handelt sich um ein Erinnerungsexperiment a la Proust, der auch explizit erwähnt wird. Alles in allem nicht sehr spektakulär, aber durchaus lesenswert.


28. Oktober 2007

Bibliothek: Neuzugänge

Alles reguläre Bücherkäufe, mit Ausnahme des in Berlin antiquarisch erworbenen Band über antike Keramik. Das Buch über das Bode-Museum entstammt dem Museumsshop vor Ort.

Autor Titel Verlag Kommentar
Antje-Fee Köllermann; Iris Wenderholm Das Bode-Museum. 100 Meisterwerke Staatliche Museen zu Berlin Berlin 2006
Jürgen Gambrow Uwe Johnson rororo monographie Reinbek 2004
Michael Köhlmeier Abendland. Roman Carl Hanser 1. Auflage; signiert
Eberhard Paul Antike Keramik Koehler & Amelang Leipzig 1982


21. Oktober 2007

Plato: Der Staat. Zweites Buch (2.)
(Felix Meiner)


Das erste Buch fungiert als eine Art Einleitung und rückt das Thema der Gerechtigkeit in den Mittelpunkt der Diskussion. Im zweiten Buch wird nun der literarische Rahmen für die weitere Vorgehensweise gesetzt. Dieser besteht in der Behauptung einer Analogie zwischen den Teilen der Seele und den Teilen einer Stadt. Vorher jedoch wird die Grundlagendiskussion des ersten Buches fortgesetzt. Glaukon fordert Sokrates auf dafür zu argumentieren, dass die Gerechtigkeit "an sich" wünschenswert ist (wie etwa die Gesundheit) und gleichzeitig auch gute Konsequenzen zeitigt. Diese These setzt sich von der These ab, dass die Gerechtigkeit zwar gute Folgen hat, aber an sich nicht wünschenswert sein muss. Nebenbei sei bemerkt, dass Plato in diese Kategorie auch die Erwerbsarbeit steckt:
    Diese sei zwar lästig, aber bringe doch eine Reihe von positiven Konsquenzen mit sich:
    Denn diese Dinge werden wir zwar als beschwerlich bezeichnen, aber doch auch als nützlich für uns, und um ihrer selbst willen würden wir sie niemals wünschen, wohl aber um des Lohnes willen und der übrigen Vorteile, die aus ihnen hervorgehen.
    [357]
Nachdem Glaukon als Illustration die Geschichte des Gyges erzählt hat (der einen Ring findet, der unsichtbar macht und deshalb ungestraft Verbrechen begehen kann), beginnt Sokrates mit dem Gedankenexperiment und konstruiert eine Stadt, in der nur die Grundbedürfnisse gedeckt werden können (Nahrung, Wohnung, Kleidung). Glaukon kann sich mit diesem spartanischen Leben nicht anfreunden, weshalb Sokrates Luxusgegenstände hinzufügt. Dies setzt nun einen expansiven Wirtschaftskreislauf in Gang, der zwangsläufig aufgrund Ressourcenmangelns zu aggressivem Verhalten gegenüber benachbarten Städten führen muss. Deshalb muss zusätzlich die Militärkaste der Wächter eingeführt werden. Die sozialen Probleme, die damit verbunden sind (Aggression auch nach innen) führt schließlich zur Forderung, dass diese herrschende Kaste eine besondere Erziehung durchlaufen muss. Diese wird im nächsten Buch diskutiert.
Was mich an Plato fasziniert, ist die intellektuelle Unabhängigkeit seiner Ansichten. Damit ist nicht gemeint, dass es es keine geistesgeschichtlichen Einflüsse oder inhaltlichen Vorbilder gäbe, sondern dass er in der Lage ist, weitgehend von seinem kulturellen Umfeld zu abstrahieren, und rationale Lösungen ohne Scheuklappen zu suchen. Dass die Ergebnisse aus heutiger Sicht oft seltsam anmuten, ändert nichts an der Tatsache, dass Plato einer der unabhängigsten Köpfe war, welche die europäische Philosophie hervorbrachte.


20. Oktober 2007

Shakespeare: König Lear
(Burgtheater 13.10.)
Regie: Luc Bondy
Lear, König von Britannien: Gert Voss
König von Frankreich: Roch Leibovici
Herzog von Burgund / Oswald: Markus Hering
Herzog von Cornwall: Johannes Krisch
Herzog von Albany: Gerd Böckmann
Graf von Gloster: Martin Schwab
Graf von Kent: Klaus Pohl
Edgar, Glosters Sohn: Philipp Hauß
Edmund, Glosters Bastard: Christian Nickel
Der Narr: Birgit Minichmayr

Man freut sich heutzutage, wenn man gelegentlich ein komplettes Stück sehen kann, das nicht durch Kürzungen auf die Hälfte zusammengestrichen wurde. Luc Bondy lieferte erwartungsgemäß eine klassische Inszenierung ab, was einen Theaterabend von etwa viereinhalb Stunden ergibt. Die Schauspieler fügen sich ausgezeichnet in dieses Konzept ein. Gert Voss spielt den Lear wie große alte Schauspieler den Lear zu spielen pflegen: handwerklich glänzend und mit vollem Einsatz. Ihm zur Seite gibt Birgit Minchmayr einen fulminanten Narren. Auch der Rest des Ensembles agierte, wie man es vom Burgtheater erwarten darf.
Der Learstoff kommt aus der Märchenwelt, was man gegen zu viel Realismus als Einwand vorbringen könnte, denn Luc Bondy geht seine Sache mit blutigem Ernst an. Mit Ausnahme der Sturmszene gibt es wenige ironische Brechungen. Grausamkeiten werden ebenso sorgfältig ausgespielt wie die zahlreichen Todesszenen. So werden die Augen des Graf von Gloster mit so viel Bühnenblut auf der Bühne ausgestochen, dass so mancher Fan von Splattermovies seine Freude daran hätte. Gestorben wird quälend langsam, was an einigen Stellen die Grenze zum Komischen überschreitet. Etwas weniger Pathos hätte die Inszenierung ästhetisch deutlich aufgewertet.
Diese Kritik ändert aber nichts daran, dass es sich insgesamt um eine sehr gelungene Klassikeraufführung handelt.

Stift Melk
(10.10.)


Das als "Perle des Barock" viel gepriesene Stift lohnt in der Tat einen Besuch. Neben erstklassiger Barockarchitektur bekommt man auch ein Lehrstück an ideologischer Geschichtsauffassung geboten, wie man es von der Kirche erwarten darf. Eine Führung durch die Anlage beginnt nach der Kaiserstiege in einer Art Geschichtsmuseum. Dieses führt den Interessenten in manchen Teilen eine (sagen wir) "extravagante" Geschichtsauffassung vor Augen. So findet an einer Wandtafel "Abstieg im 14. Jahrhundert" die gewagte Zusammenfassung "Päpste unter dem Diktat der französischen Könige". Als hätte sich der Klerus nicht wunderbar in Südfrankreich eingerichtet und sich lange gesträubt in das damals vergleichsweise bescheidene Rom zurückzukehren. Amüsant auch folgende Texttafel über das 18. Jahrhundert:
    Textkritik der Heiligen Schrift =
    wissenschaftlicher Aufschwung.
    Die Bibel wurde immer wichtiger.
Ganz so als hätte man damals mit großer Freude die kritischen Bibelausgaben begrüßt. In Wahrheit war natürlich das Gegenteil der Fall (siehe Notiz über Bart Ehrman weiter unten).
Höhepunkt der Besichtigung ist die großartige Bibliothek, welche alleine schon den Besuch verlohnt. Für Germanisten wird als Zusatzattraktion das neu entdeckte Fragment des Nibelungenlieds ausgestellt.


14. Oktober 2007

Kafka in Amerika

    Hauled before a military tribunal at the American naval base in Guantánamo Bay, the detainee, picked up in Afghanistan, asked why he was being held. For association with a member of al-Qaeda he was told. Give me his name, the detainee demanded. The tribunal's president said he didn't know it. Nor did any of the tribunbal's other members. "How can I respond to this?" the detainee cried before being taken back to his cell to continue his detention, perhaps for the rest of his life.
    [Economist 6.10., S. 65]

Reise-Notizen London (1): British Museum

London ist immer ein attraktives Reiseziel, trotzdem war das British Museum mit seinen antiken Schätzen der Hauptgrund für diese Reise. Zwei Mal sechs Stunden verbrachte ich dort (zwei Mal sechs Tage wären angemessen) und legte den Schwerpunkt auf die altorientalische, griechische und römische Antike. Kennt man die bildungsfeindliche Museumspolitik in Wien (Eintrittspreise von 8-10 Euro für die großen Häuser) erstaunt es gleich zu Beginn sehr, dass die staatlichen Museen an der Themse keinen Eintritt verlangen. Ob dies nun einer progressiven Bildungspolitik oder dem schlechten Gewissen bezüglich der ertragreichen Raubzüge des Empire' geschuldet ist: das Ergebnis ist erfreulich.
Antiker Höhepunkt sind selbstverständlich die Elgin Marbles, also die von Lord Elgin von der Akropolis nach London gebrachten Skulpturen des Parthenon. Damit fehlt dem Athenbesucher eines der größten altgriechischen Kunstwerke vor Ort, weshalb man zusätzlich nach England reisen muss, wenn man sich ein komplettes Bild von der Akropolis machen will. Die Skulpturen selbst sind leider in einem schlechten Zustand. Viele wurden bei einer Explosion 1687 beschädigt: Die Osmanen verwendeten den Tempel sinnigerweise als Munitionslager und ein Artillerieoffizier Venedigs erwarb sich durch einen zielgenauen Treffer Verdienste für die Ewigkeit...
Trotzdem wird das ikonographische Programm des Frieses sehr anschaulich, wenn man den Audioguide des Museums und seine Fantasie zu Hilfe nimmt. Besonders eindrücklich sind die ebenfalls beschädigten Giebelskulpturen und die ausdrucksstarke Metopen.
Die übrige altgriechische Sammlung sollte aber nicht vernachlässigt werden. Es gibt repräsentative Kunstwerke jeglicher Art und auch aller wichtigen geographischen Regionen (Süditalien, Zypern ...). Erwähnen möchte ich noch das rekonstruierte Grabmal aus Xanthos (Südwest-Türkei) und die Kunstwerke aus Halikarnassos.
Großartig auch die assyrischen Palastreliefs, speziell die dargestellte Löwenjagd, und die umfangreichen Sammlungen aus Mesopotamien. Das British Museum ist eine begehbare Kulturgeschichte der Menschheit. Es gibt keinen Bereich der nicht zumindest exemplarisch vertreten wäre: Afrika, Amerika, Asien (China, Japan, Korea, Südostasien), Europa (bis ins 19. Jahrhundert) und natürlich besonders ausführlich England. Ohne Zweifel eines der besten Museen der Welt, was auch für die Didaktik der Präsentation gilt sowie für die beeindruckende architektonische Umsetzung (Great Court, Library).


13. Oktober 2007

Verdi: Otello
(Staatsoper 9.10.)
Regie: Christine Mielitz
Dirigent: Asher Fisch
Otello, Befehlshaber der venezianischen Flotte: Johan Botha
Jago, Fähnrich: Falk Struckmann
Desdemona, Otellos Gemahlin: Krassimira Stoyanova

Ich bin geneigt, mich dem Urteil anzuschließen, dass "Otello" Verdis gelungeste Oper ist. Er bringt den Stoff in eine musikalische Form, welche die traditionellen Prinzipien der italienischen Oper (etwa die starre Unterscheidung zwichen Rezitativ und Arie) überwindet. Musiksprachlich scheut er nicht vor Dissonanzen zurück: Einige seiner "Harmonien" weisen schon auf Mahler voraus. Die brutale Handlung und Jago als Erzbösewicht gewinnen dadurch große musikalische Glaubwürdigkeit.
Die Aufführung war erfreulich. Die drei Hauptrollen waren sehr gut bei Stimme. Das Wiener Staatsopernorchester schafft es diesmal nicht, das Niveau auf ein ärgerliches Maß zu drücken. Mielitz inszeniert das Stück (für Staatsopernverhältnisse) modern mit Betonung auf Lichtregie. Einziger Fauxpas: Sie lässt lächerlichweise den Darsteller des Otello auf dunkelhäutig schminken. Ansonsten sehr empfehlenswert.

Ingrid Nowel: London. Biographie einer Weltstadt
(Dumont Kunstreiseführer)

Wie schon Ihr Kunstreiseführer "Berlin", ist auch Nowels Buch über London ein verlässlicher Begleiter für Kulturreisende. Die ersten fünfzig Seiten sind wie immer (kultur)geschichtlichen Themen entwickelt, während der Hauptteil des Buches einzelne Gegenden der Stadt (nicht nur die "touristischen") und deren Sehenswürdigkeit auf akademischem Niveau beschreibt. Moderne Architektur kommt dabei ebensowenig zu kurz wie weichere kulturelle Themen (etwa das multikulturelle Eastend).

Monet bis Picasso. Die Sammlung Batliner
(Albertina 12.10.)


Es handelt sich hier um keine Ausstellung im klassischen Sinn, da diese hochkarätige Sammlung der Albertina als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt wurde. Sie erstreckt sich von der klassischen Moderne bis zum abstrakten Expressionismus: Die gesamte Prominenz ist vertreten, wenn auch erwartungsgemäß nicht immer mit Hauptwerken. Trotzdem ist das Ergebnis eine Art begehbares Buch zur Kunstgeschichte. Einige exemplarischer Werke (fast) aller wichtigen Künstler und Stilrichtungen sind vertreten und werden in kurzen Kommentaren den Besuchern näher gebracht. Ist einen Besuch wert.


12. Oktober 2007

Bibliothek: Neuzugänge

In den letzten zweieinhalb Monaten haben sich einige neue Bücher angesammelt. Darunter Geschenke wie der Band der Anderen Bibliothek und die Essaysammlung von Grayling. Die anderen wurden regulär zum Neupreis erworben, darunter die Museumsbücher aus London.

Autor Titel Verlag Kommentar
Thomas Bernhard Holzfällen. Werke Band 7 Suhrkamp Gebunden
Thomas Mann Dr. Faustus. 2 Bände S. Fischer Text + Kommentar
A C Grayling Against All Gods. Six Polemics on Religion and an Essay on Kindness Oberon Books Gebunden; London 2007
Antonius Anthus Vorlesungen über die Eßkunst Die Andere Bibliothek Hrsg. von Alain Claude Sulzer
Cormac McCarthy The Road Vintage Books Paperback; New York 2006
Ingrid Nowel London. Biographie einer Weltstadt Dumont Kunstreiseführer 2005; 3. Auflage
Norbert Wehr (Hrsg.) Schreibheft 69. Am Rande der Märkte Rigodon Verlag gerade erschienen
Erika Langmuir The National Gallery Companion. Guide Yale University Press London 2006
David M. Wilson The Collections of the British Museum British Museum Press London 2007
The British Museum Guide British Museum Press London 2007
B.F. Cook The Elgin Marbles British Museum Press London 2006
Neal Bedford; Janine Eberle Vienna Lonely Planet London 2007
Max Winter Expeditionen ins dunkelste Wien. Meisterwerke der Sozialreportage Picus Verlag Wien 2007


11. Oktober 2007

Bart Ehrman: Misquoting Jesus. The Story Behind Who Changed the Bible and Why
(HarperOne)


Vorab sei erwähnt, dass ich dieses Buch als ungekürztes Hörbuch "las". Ehrman ist mir als exzellenter Vortragender bei diversen Vorlesungen der Teaching Company bekannt.
Wer sich einmal darüber informieren möchte, auf welchen verschlungenen Wegen das Neue Testament als Text den Weg in unsere modernen Bibelausgaben fand, ist mit dieser vorzüglich lesbaren Einführung in die Geschichte der Textkritik des NT gut beraten. Frank Schirrmacher schrieb vorgestern einen seltsamen Leitartikel für die FAZ: Im ersten Teil raunte er affirmativ von der Wiederkehr des Religiösen, um dann übergangslos eine kritische Ausgabe des Koran zu fordern. Anscheinend war er beim Schreiben nicht erleuchtet genug, um zu erkennen, dass kritische Ausgabe von religiösen Texten seinem ersten Ansinnen nicht gerade förderlich sind.
Wissen ist des Glaubens größter Feind. Die Kirchengeschichte belegt das ebenso eindrücklich wie die von den Taliban angezündeten Schulen und erschossenen Lehrer. Wieso dies der Fall ist, lässt sich am Thema der Bibelkritik sehr schön zeigen. Religiöse Fundamentalisten nehmen die Bibel wörtlich. Der Text sei göttlich inspiriert und man müsse ihn buchstäblich befolgen. Dieser Unsinn ließe sich natürlich schon durch den Hinweis darauf widerlegen, wie Texte und deren Interpretation funktioniert. Noch schöner tritt die Absurdität dieser Behauptung aber verschämt ans Tageslicht, wenn man sich die Entstehung des Textes ansieht. Die Überlieferung beginnt bekanntlich erst mehrere Jahrhunderte nach der Zeitenwende, von wenigen Fragmenten einmal abgesehen.
Ohne hier ins Detail gehen zu können: Bereits die erste kritische Ausgabe des griechischen Bibeltextes, Anfang des 18. Jahrhunderts, konnte 30.000 Textabweichungen aller Art nachweisen, was damals einen Skandal auslöste. Heute weiß man, dass die Unterschiede in den diversen Manuskripten kaum zu zählen sind: Es sind mehr als das NT Wörter enthält.
Zusätzlich kann man belegen, wie oft die Schreiber der frühen Manuskripte die Texte veränderten. Das reicht von simplen Schreib- und Hörfehlern bis hin zu ideologisch motivierten Eingriffen aufgrund theologischer Präferenzen. Ehrman bringt für jede Kategorie vorzüglich belegte Beispiele.
Wer diese Fakten kennt, für den ist die Absurdität einer wörtlichen Bibelinterpretation evident. Oder wie Ehrman es sinngemäß ausdrückt: Hätte sich Gott der Mühe einer wörtlichen Inspiration unterzogen, hätte er wohl auch sichergestellt, dass diese Manuskripte nicht verschwinden...
Es sei noch erwähnt, dass Ehrman kein Atheist ist. Seine Biographie belegt im Gegenteil, dass sich Wissen und Fundamentalismus ausschliessen. Ehrman startete nämlich als naiver Evangelikaler. Er spezialisierte sich dann auf Bibelphilologie, lernte alle dafür notwendigen alten und neuen Sprachen und sah sich die Manuskripte der Überlieferung an: Aus dem jungen Fundi ist inzwischen einer der kritischsten Bibelwissenschaftler in den USA geworden.

True Romance
(Kunsthalle Wien 8.10.)


Die Kuratoren haben eine originelle Ausstellung zum heiklen Thema "Liebe" zusammengetragen und können mit prominenten Namen glänzen, von Valie Export bis Damien Hirst. Man setzt sich mit der Liebesmetaphorik auseinander und hinterfragt ironisch diverse mediale Klischees. Neu für eine Themenausstellung der zeitgenössischen Kunst ist, dass man eine Einbettung in die Kunstgeschichte versucht und einige Klassiker dazu nimmt, der historischen Tiefenschärfe willen. So hängt Giorgiones "Laura" aus dem Kunsthistorischen Museum ebenso dort wie Werke von Parmigianino und Franz von Stuck. Sehenswert. (Bis 3.2.)

Ganz unten
(Wienmuseum 11.10.)


Deutlich deprimierender als die ironischen Liebesspiele in der Kunsthalle ist die noch bis Ende Oktober zu sehende Ausstellung über das Subproletariat europäischer Städte um 1900. Die Ausstellung beginnt mit den ersten literarischen und künstlerischen Auseinandersetzungen im 19. Jahrhundert zum Thema, etwa die in Slums spielenden Romane Dickens oder die Milieustudien Zolas samt ihren emotionalisierenden Illustrationen. Im Kern der insgesamt etwas zu knapp gehaltenen Schau steht die Ikonographie des Elends, die damals die Sozialdebatte bestimmte. So gab es in Wien diverse Reporter wie Max Winter, die durch Reportagen und Fotos aus dem Wiener Untergrund (was man wörtlich verstehen darf, viele Obdachlose hausten in den Kanälen unter der Stadt) lange vor Wallraff Furore machten. Das Rote Wien nahm sich dieser Slums dann durch die berühmten Gemeindebauten an, die nach dem 1. Weltkrieg entstanden sind.


9. Oktober 2007

Uwe Johnson: Jahrestage. Band 1
(Suhrkamp Taschenbuch)


Diese Romantetralogie gehört seit Jahren zu denjenigen "berühmten" Büchern, die ich erfolgreich vor mir herschob. In den letzten Wochen las ich nun das erste Viertel der Reihe. Der Roman ist in Tagebuchform gehalten und spielt auf zwei Ebenen. Der Hauptstrang beschäftigt sich mit dem Leben der Gesine Cresspahl und ihrer Tochter Marie in New York. Es ist sehr viel "Manhattan" in dem Buch, das sich damit in die Tradtion des modernen Großstadtromans stellt. Zusätzlich wird der Leser mit der Familiengeschichte der Cresspahls bekannt gemacht, die sich im ersten Band vor allem in den späten zwanziger Jahren und während des Dritten Reiches abspielt und überwiegend in einem fiktiven kleinen Ort in Mecklenburg angesiedelt ist. Schließlich spielt das Zeitgeschehen eine prominente Rolle (Vietnamkrieg), das via Zitate aus der New York Times einmontiert wird.
Ein abschließendes Urteil über das Buch will ich noch nicht fällen, es sei aber so viel gesagt, dass mir dessen Ästhetik bisher unplausibel erscheint. Die kalendarische Form wirkt nur bei Abschnitten plausibel, die den Ablauf dieser Tage erzählen. Bei Exkursen zu New York oder anderen Themen und bei den Rückblenden scheint diese Anordung komplett willkürlich zu sein. Dass manche der Rückblenden als Erzählungen der Mutter für das Kind angelegt sind, gleicht diesen Eindruck nicht aus.
Die Erzählperspektive ist oft diffus, was an sich kein Kritikpunkte wäre (könnte sogar ein Pluspunkt sein), aber vor dem Hintergrund des ziemlich biederen Erzähltons nicht konsistent wirkt. Die einzelnen Abschnitte sind auch sehr unterschiedlich. Manche sind brillant geschrieben und evozieren mit wenigen Sätzen Orte, Personen oder Stimmungen. Andere dagegen lesen sich uninspiriert, so dass ich den Eindruck hatte, einen Erzählungsband vor mir zu haben, der qualitativ stark unterschiedliche Texte enthält.
Gleich wohl imponiert mir die Gesamtanlage der Tetralogie nach wie vor. Ich werde also mindestens noch den zweiten Band lesen und weiter berichten.


7. Oktober 2007

Plato: Der Staat. Erstes Buch (2.)
(Felix Meiner)


Platos "Politeia" zählt zu den faszinierendsten mir bekannten Büchern. Eine zweite, sorgfältige Lektüre war längst überfällig. Zur Erinnerung: Plato schrieb seinen umfangreichsten Dialog wahrscheinlich um 380 BCE und veröffentlichte damit einen Text, der zu den einflussreichsten der Geistesgeschichte zählt. Seit Jahrtausenden wird er sorgfältig rezipiert und sorgt für heftige Debatten. Alfred Whiteheads berühmtes Bonmot, die europäische Philosophiegeschichte bestünde nur aus Fußnoten zu Plato, bringt dies rhetorisch überspitzt auf den Punkt.
Die "Politeia" gilt als Platos Hauptwerk. Nimmt man diese Kategorisierung in dem Sinn, dass sich in ihm viele zentrale Motive seines Denkens finden, und es sich um das ästhetisch am sorgfältigsten komponierte Buch handelt, kann man dieser Einschätzung zustimmen. Um Platos Philosophie (und dessen Entwicklung) verstehen zu können, muss man freilich alle Dialoge lesen.
Während uns von Aristoteles nur seine Notizen überliefert sind (und nicht seine publizierten Werke), was die Lektüre mangels didaktischer Aufbereitung erschwert, präsentiert Plato seine Gedanken in der Form des philosophischen Gesprächs. Man darf deshalb die literarischen und ästhetischen Aspekte und deren Implikationen nie aus den Augen verlieren.
Wie sorgfältig Plato die Politeia komponiert hat, sieht man sehr schön am ersten Buch, das quasi den Rahmen zu den Gesprächen setzt. So ist es naturgemäß kein Zufall, dass die Handlung (für die gerne gegen 410 BCE als Zeitpunkt genannt wird) nicht im Zentrum Athens angesiedelt ist, sondern im Hafen Piraeus, einem Ort von nicht zu überschätzender Bedeutung für die Athener. Durch eine Mauer mit der Stadt verbunden, stand er symbolisch für Athens Seeimperium, war während des Peloponnesischen Krieges lebenswichtig für den Nachschub und in den ersten Jahren Rückzugsgebiet für die Landbevölkerung als die Spartaner anrückten. Es brach zu dieser Zeit dort auch eine der größten Tragödien über die Athener herein: Die Pest. Schließlich sammelte sich während der Diktatur der Dreißig der demokratische Widerstand im Piraeus und eines der Hauptthemen der "Politeia" ist bekanntlich die Frage nach dem richtigen politischen System.
Das erste längere Gespräch des Sokrates findet mit Kephalos statt, einem ebenso alten wie reichen Mann, den Sokrates wenig taktvoll mit der Frage konfrontiert, wie es ihm so kurz vor dem Tod denn ginge, worauf sich ein geistvoller Dialog über Alter und Reichtum entwickelt.
Im Zentrum des ersten Buches steht aber eine Diskussion über Gerechtigkeit. Thrasymachos vertritt die These, Gerechtigkeit sei, was den Stärkeren nütze. Er setzt damit einen fulminanten Auftakt mit einer Geisteshaltung, die bis heute immer wieder in diversen Abwandlungen vertreten wird, und zu Zeiten der Athener "Blütezeit" auch Staatsräson war. Könnte folgendes Zitat nicht direkt von einer größenwahnsinnigen Romanfigur Dostojewkijs stammen oder irgendwo bei Nietzsche stehen?
    Denn wer Ungerechtigkeit schmäht, tut dies nicht aus Scheu vor dem Unrechttun, sondern vor dem Unrechtleiden. So hat denn, Sokrates, die Ungerechtigkeit, wenn nur gehörig im Großen verübt, etwas viel Kraftvolleres, Vornehmeres und Herrenmäßigeres als die Gerechtigkeit [...]
    [344]
Sokrates tut sich durchaus schwer, diesen Standpunkt zu widerlegen, und versucht es unter anderem, in dem er Thrasymachos Widersprüche nachweist und (wie so oft) durch Analogien Ungereimtheiten in seiner Position aufzeigt.

Über die neue Thomas-Mann-Ausgabe (GKFA)

Ziemlich genau zweieinhalb Jahre ist es her, dass ich auf meiner Sonderseite über die GKFA die letzten Bände vermelden konnte. Nun ist endlich mit "Doktor Faustus" ein weiterer Band erschienen. Sieben Jahre hat Ruprecht Wimmer für den Kommentar benötigt, was angesichts der Fülle von Referenzen aller Art ebensowenig verwundert wie die Tatsache, dass der Kommentar mit 1200 Seiten fast doppelt so umfangreich ist wie der Romantext. Dem ersten Durchblättern nach, eine solide Edition. In Rezensionen wurde berechtigterweise der Umstand bemängelnt, dass Manns Rechenschaftsbericht "Roman eines Romans" nicht aufgenommen wurde.


6. Oktober 2007

Reise-Notizen: Belgrad

Eine Stadt voller Kontraste. Begibt man sich auf eine ausgedehnte Stadtwanderung, so ist man über die zahlreichen Gegensätze verblüfft. Neben Ostblock-Architektur in diversen scheußlichen Ausprägungen und heruntergekommenen Wohnhäusern finden sich schöne Ensembles, die einem Vergleich mit Wien durchaus standhalten. Speziell die Innenstadt ist sorgfältig saniert und von anderen europäischen Städten dieser Größe (1,5 Millionen Einwohner) kaum zu unterscheiden. Das Publikum ist jung und vergnügt sich so zahlreich in den vielen Cafes, Bars und Restaurants, dass sich die Frage aufdrängt, wie das mit einem kärglichen Durchschnittslohn von ca. 330 Euro pro Monat eigentlich zusammen passt.
Der osteuropäische Wirtschaftsaufschwung scheint inzwischen in Serbien angekommen zu sein, wenn man der regen Bauaktivität Glauben schenken darf. Auch die Vielzahl der Geschäftsreisenden aus der ganzen Welt, welche im Frühstücksraum meines Hotels ihr Tagesprogramm vorbesprachen, bestätigt diesen Eindruck. Österreichs Firmen sind bereits breit im Land vertreten, speziell hiesige Banken und Versicherungen sind sehr im Stadtbild präsent. Ein pensionierter Serbe, der lange in Deutschland lebte, lobte das kulturelle Verständnis der österreichischen Wirtschafstreibenden (im Gegensatz etwa zu den deutschen) und führte dies auf die monarchischen Zeiten zurück, um mir anschließend von Kriegsgewinnlern gebaute Villen an der Donau und die lokale orthodoxe Kirche zu zeigen.
Als Kulturtourist sollte man Belgrad dieser Tage eher meiden. Die beiden wichtigsten Museen, das Nationalmuseum (mit angeblich interessanter antiker Abteilung) und das Museum für Gegenwartskunst sind beide wegen (dem Anschein nach dringend notwendiger) Sanierungsarbeiten auf unabsehbare Zeit geschlossen. Es bleibt eine kleine Galerie, welche religiöse Fresken seit dem Mittelalter zeigt und das Niklas Tesla Museum, das mit zahlreichen Exponanten rund um dessen brillante Erfindungen aufwarten kann. Unbedingt sehenswert ist das Militärmuseum: Die großserbische Ideologie kommt durch die selektive Auswahl und das militärhistorische Brimborium hübsch zur Geltung. Der letzte Raum ist den Nato-Bombardements gewidmet, inklusive einer stolz präsentierten Uniform eines ums Leben gekommenen amerikanischen Soldaten. Auf die wahre Ursache des Krieges wird naturgemäß mit keinem Wort eingegangen: Ethnisch motivierte Massenvertreibungen passten denkbar schlecht in den eigenen Opfermythos. Das Gebäude des Militärmuseums spiegelt symbolträchtig diese Geisteshaltung wider: Dunkle, niedrige Räume und Gänge mit dem Charme eines sanierungsbedürftigen Krankenhauses. Risse in den Wänden und ein säuerlicher Geruch in der Luft.
Wer Belgrad besuchen will, kann ein aktives urbanes Leben erwarten sowie spektakuläre Flusslandschaften, nicht nur vom Kalemegdan-Park in der Innenstadt aus, der über dem Zusammenfluss von Save und Donau angelegt ist. Man kann an beiden Flüssen ausgiebige Spaziergänge unternehmen und die zahlreichen vorzüglichen Fischrestaurants ausprobieren.


5. Oktober 2007

Francis Bacon, Susan Sontag, das 16. und 17. Jahrhundert und "Faust"...

...bemüht heute Werner D'Inka in seinem FAZ Leitartikel, um die Änderungen im Layout zu rechtfertigen. Der Arme muss viel Angst vor seinen konservativen Lesern haben.

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