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4. Quartal 2008
28. Dezember 2008
Goethe: Briefwechsel mit Schiller 1798-1805 [2.]
(Münchner Ausgabe Band 8)
Im Sommer las ich die erste Hälfte des Briefwechsels zum zweiten Mal, inzwischen auch den Rest. Alles im August Geschriebene gilt natürlich auch für diese Jahre der Korrespondenz. Die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller ist am Höhepunkt und die Vielfalt der Themen zu denen sich die beiden austauschen, zeigt das deutlich.
Die Polemik bleibt erfrischend:
Boutterwecks [hübscher Name, nebenbei bemerkt; CK] ästhetischer Kramladen ist wirklich merkwürdig. Nie hab ich den flachen belletristischen Schwätzer mit dem konfusen Kopf so gepaart gesehen, und eine so unverschämte Anmaßung auf Wissenschaft bei einem so erbärmlich rhapsodischen Hausrat.
[Schiller an Goethe am 12.1.1798]
Ab und an wütet Schiller auch amüsant gegen die Idealisten ("Die Schrift hat mich angeekelt"), was auch aus heutiger Sicht philosophisch durchaus nachvollziehbar ist. Was die Werke der beiden angeht, so drängt Schiller seinen Freund immer wieder, den Faust nicht liegen zu lassen. Bei ihm dagegen steht der Wallenstein im Mittelpunkt, dessen Entstehung in den Briefen ausführlich kommentiert wird.
Schiller zieht Ende 1799 nach Weimar, was der Korrespondenz natürlich schadet. Statt ausführlicher Abhandlungen gibt es nun sehr häufig nur noch ein paar organisatorische Zeilen, die zwischen den Häusern hin und her gehen. Allerdings ist Goethe oft aus Weimar abwesend, was dann wieder zu langen Briefen führt.
Ich kann es nicht oft genug sagen: Ein fulminantes Buch.
25. Dezember 2008
Max Winter: Expeditionen ins dunkelste Wien: Meisterwerke der Sozialreportage
(Picus Verlag)
Die Wiener Literatur der Jahrhundertwende wird zurecht viel gelesen und man weiß zumindest abstrakt, dass es vor dem ersten Weltkrieg in Wien eine große Kluft zwischen Arm und Reich gab. Die Palais und rauschenden Feste des Adels und der bürgerlichen Elite auf der einen Seite, die vollgestopften unhygienischen Wohnungen der Arbeiter auf der anderen Seite.
Max Winter verlieh dieser deprimierenden Schattenwelt wortmächtig eine Stimme und liefert damit spannenden sozialgeschichtlichen Hintergrund zu Schnitzler und Co. Ausführliche Reportagen aus dem Wiener Untergrund waren sein Markenzeichen. "Untergrund" ist hier wörtlich und metaphorisch zu verstehen. Er durchwanderte die Kanäle Wiens mit Menschen, deren Lebensunterhalt darin bestand, in den Kloaken der Stadt nach "wertvollen" Gegenständen zu suchen. Ansonsten gibt es Reportagen aus Obdachlosenheimen, aus der Wiener Halbwelt und ähnlichen Milieus. Immer wieder schlich er sich "undercover" ein (von nächtlichen Gefängniszellen bis hin zu den Kulissenschiebern im Burgtheater), Methode Wallraff vor 100 Jahren. Interessante Lektüre, sehr empfehlenswert.
20. Dezember 2008
Reise-Notizen: Jordanien (3): Wüstenschlösser, Gerasa
In der Nähe Ammans liegen die sogenannten Wüstenschlösser, welche aus der Zeit der Omayyaden stammen (8. Jahrhundert) und über deren Zweck es bis heute sehr kontroverse Diskussionen gibt. Die Bandbreite der Theorien reicht von ungestörten Orgienorten für die Elite (es sind einschlägige Wandmalereien enthalten, dem islamischen Bilderverbot Hohn sprechend) bis hin zur Etablierung machtpolitischer bedeutender Orte, um nicht nur die Beduinen zu beeindrucken. Wie meist geht man am besten von einer bunten Motivmischung aus. Entdeckt wurden viele von Alois Musil, Großcousin des Robert Musil, der sich in dieser Ecke der Welt einige Verdienste in Sachen archäologische Entdeckungen erwarb. Die Besichtigung der Schlösser lohnt sich, speziell der mächtige Quaderbau des Quasr El Azraq hinterlässt bleibende Eindrücke.
Die meisten Touristen fahren aus einem Grund nach Jordanien: Petra. Spätestens während des Durchwanderns der antiken Ruinen von Gerasa wird jedoch augenscheinlich, dass das Land viel mehr zu bieten hat. Mit Ephesus und Pompeij zählt Gerasa zu der beeindruckendsten freigelegten Stadt, die ich bisher besuchte. Die Fläche ist enorm und man kann wie in Ephesus in einer antiken Stadt einen ausgedehnten Spaziergang unternehmen. Als Beispiel sei das Ovale Forum genannt. Die Ausgrabungen sind bequem während eines Tagesausflug von Amman aus zu erkunden.
Thomas Anz; Rainer Baasner: Literaturkritik. Geschichte - Theorie - Praxis
(Beck'sche Reihe)
Anlässlich eines Vortrags, den ich für das Salzburger Symposium lesen.perspektiven.heute schrieb, las ich diese Publikation über diverse Aspekte der Literaturkritik noch einmal. Es kommt als unscheinbares Taschenbuch daher, deckt aber ein breites Themenspektrum ab. Die Geschichte der deutschen Literaturkritik wird ebenso ausführlich in mehreren Kapiteln behandelt wie theoretische Fragestellungen. Selbst Tipps für die Praxis kommen nicht zu kurz. Die meisten Beiträge schrieben Oliver Pfohlmann, selbst ein versierter Kritiker, Rainer Baasner und Thomas Anz. Eine Leseempfehlung für alle, die sich für den Literaturbetrieb interessieren.
17. Dezember 2008
Bibliothek: Neuzugänge
Wer eine einigermaßen erschwingliche, komplette Ausgabe der Römischen Geschichte des Livius sucht, muss sich antiquarisch auf die Suche begegeben und wird dann um 1840 fündig. "Alte Meister" gibt es nun endlich in der schönen neuen Bernhard-Werkausgabe. Über "Persian Fire" habe ich so viel Positives gehört, dass ich es als Freund der Alten Geschichte nun doch einmal lesen sollte.
| Autor |
Titel |
Verlag |
Kommentar |
| Titus Livius |
Römische Geschichte in 8 Bänden |
Rieger & Comp. |
Vollständige Ausgabe 1840-41 |
| Wilfried Barner (Hrsg.) |
Jahrbuch der deutschen Schiller-Gesellschaft 2008 |
Wallstein |
Göttingen 2008 |
| Ruth Klüger |
weiter leben. Eine Jugend |
Stadt Wien Gratis-Buch |
Wien 2008 |
| Thomas Bernhard |
Alte Meister. Werke Band 8 |
Suhrkamp |
Gebunden, Frankfurt 2008 |
| Tom Holland |
Persian Fire. The First World Empire and the Battle for the West |
Abacus |
2007 |
14. Dezember 2008
Empfehlungen (8): Dumont Kunstreiseführer
Viele Reiseführer kratzen nur an der Oberfläche und beschränken sich darauf, die Klischees zu perpetuieren, welche die Touristen ohnehin im Kopf haben, garniert mit vielen Shopping Tipps. Eine große Ausnahme in diesem Genre sind die Dumont Kunstreiseführer, von denen mich inzwischen eine zweistellige Zahl in diverse Ecken dieser Erde begleitet hat.
Geboten wird akademisches Niveau und meist auch eine gehörige Portion Skeptizismus, was das touristische Gebaren der Länder angeht. Geschrieben von ausgewiesenen Fachleuten beginnt jeder Band mit einem ausführlichen allgemeinen Teil, wo die (Kultur-)geschichte der Gegend im Mittelpunkt steht und ein Überblick über die relevanten Kunstepochen gegegeben wird. Aktuelle politische Verhältnisse kommen natürlich auch nicht zu kurz.
Ein herausragendes Beispiel ist Frank Rainer Schecks Band über Jordanien. Er referiert immer wieder den aktuellen Stand der Forschung und formuliert sogar provokante Thesen, was die Entwicklung der islamischen Kunstgeschichte angeht, in dem er auf die Rückständigkeit der frühen arabischen Kultur im Vergleich zu den damaligen Hochkulturen hinweist.
Jeder Band ist reichhaltig mit Plänen von Stätten und Bauwerken sowie mit hochwertigen Fotos ausgestattet. Zu Beginn erhält man einen Überblick mit Seitenzahlen bezüglich der herausragenden Sehenswürdigkeiten. Am Ende folgt ein Block mit praktischen Hinweisen. Dieser ist für Individualreisende sicher zu wenig umfangreich, so dass hier ein zweiter Reiseführer zu empfehlen ist, der den Schwerpunkt auf den Ratgeberteil legt.
Der größte Nachteil der Reihe sei nicht verschwiegen: Die Bände sind ziemlich schwer und für das Genre unhandlich geraten. Ich habe es aber bisher noch nie bereut, immer einen oder zwei Bücher davon im Handgepäck zu haben.
13. Dezember 2008
Livius: Die Anfänge Roms. Buch V
(dtv Bibliothek der Antike)
Das fünfte Buch schließt mein Livius-Lektüre vorläufig ab. Die ersten fünf Bücher wurden seit den Zeiten des Autors als geschlossene Einheit angesehen, weil sie schon Livius separat herausgegeben hat und sich das im Laufe der Druckgeschichte regelmäßig wiederholte.
Es gibt auch eine inhaltliche Zäsur, die römische Frühgeschichte endet mit der Eroberung Roms durch die Gallier, welche den römischen Staat kurz vor den Abgrund bringt. Auch die berühmten kapitolinischen Gänse haben in diesem Buch ihren Auftritt.
Von den Römern ob ihrer Raubzüge zur Rede gestellt, antworten die Gallier wie die Athener bei Thukydides den Meliern, dass der bestimme, wer die Macht auf seiner Seite habe:
Als die Römer fragten, welcher Rechtsgrundsatz das sei, Land von den Besitzern zu fordern oder sonst mit den Waffen zu drohen und was die Gallier in Etrurien zu suchen hätten, sagten jene dreist, sie trügen ihr Recht in den Waffen und tapferen Männern gehöre alles.
[S. 434]
Livius stellt sich allerdings nicht blind auf die Seite der Römer, sondern lässt dem Erfolg der Gallier durchaus Gerechtigkeit widerfahren:
So sehr stand nicht nur das Glück, sondern auch die Vernunft auf der Seite der Barbaren.
[S. 426]
Als vorläufiges Fazit sei gesagt, dass Livius eine ebenso unterhaltsame wie lehrreiche Lektüre darstellt. Seine Popularität über die Jahrtausende hinweg lässt sich gut nachvollziehen. In absehbarer Zeit werde ich noch die Bücher über den zweiten Punischen Krieg lesen. Außerdem Machiavellis "Discourses on Livy".
9. Dezember 2008
Reise-Notizen: Jordanien (2): Amman
Amman ist eine vergleichsweise junge Stadt, weshalb es keine klassische Altstadt wie in Kairo oder Istanbul gibt. Man sieht eine Menge von Hochhäusern und als Unterbrechungen im Stadtbild immer wieder punktuiert Minarette, die in der Nacht unterhalb der Spitze grün beleuchtet sind.
Schlendert man am Abend durch das zentrale Viertel der Stadt, findet man einerseits orientalischen Trubel wie in anderen levantinischen Städten, aber es läuft alles deutlich gemäßigter als etwa in Kairo ab. Man fühlt sich an eine mediterrane Großstadt erinnert, die es an die Grenze zum Orient verschlagen hat.
Zur Römerzeit hieß die Stadt an diesem Ort Philadelphia. Antiker Höhepunkt ist die Zitadelle auf einem Hügel über der Stadt, auf dem eine viertausendjährige Besiedlungsgeschichte nachweisbar ist. Dort gibt es zahlreiche Ausgrabungen zu besichtigen, so einen (vermutlich Herklules-) Tempel, eine Rundzisterne, Ruinen von Militärunterkünften, aber auch die Reste einer byzantinischen Kirche und eines omayyadischen Palasts.
Im Ausgrabungsgelände befindet sich auch das Archälogische Museum der Stadt. Es ist zwar klein, hat aber eine Reihe von speziellen Stücken zu bieten. So sah ich dort zum ersten Mal nabatäische Keramik. Herausragend sind auch die neolithischen Skulpturen von Ain Ghazal, die im Moment zu den ältesten menschlichen Skulpturen gezählt werden, und den modernen Betrachter ebenso sehr verblüffen wie die deutlich bekannteren Kykladen-Idole, die man in vielen Antikenmuseen der Welt besichtigen kann. Auch einige Fragmente der Quamran-Rollen finden sich dort.
Robert Musil: Klagenfurter Ausgabe - Erstpräsentation
(Tschechisches Zentrum Wien 25.11.)
Das tschechische Zentrum für die Erstpräsentation der neuen digitalen Musil-Ausgabe auszusuchen, ist sicher eine originelle Wahl. Herausgeber Walter Fanta gab einen prägnanten Überblick über die neue Ausgabe inklusive der geplanten Vertriebsmodalitäten und führte sie auch "live" vor. Im Anschluss gab es von ihm und von Zdenek Marecek zwei Vorträge, die um Brünn und Tschechien im Nachlass des Werk kreisten.
8. Dezember 2008
Livius: Die Anfänge Roms. Buch IV
(dtv Bibliothek der Antike)
Es beginnt mit zwei ausführlichen Reden. Die erste fasst die Position der Patrizier zusammen und wird von Livius in indirekter Rede gestaltet. Beklagt wird die Frechheit und die Machtgier der Volkstribunen. Je mehr Zugeständnisse man ihnen mache, desto mehr forderten sie. Die Konfrontation spitzt sich in der Frage der Mischehen zu. Offenbar waren Heiraten zwischen Plebejern und Patriziern verboten und die Volkstribunen fordern dieses Verbot aufzuheben:
Kann es eine größere und unerhörtere Beschimpfung geben, als daß ein Teil der Bürgerschaft, als wäre er mit einem Makel behaftet, einer ehelichen Verbindung nicht für würdig erachtet wird? Was ist das anders, als ein Verbannung innerhalb ein und derselben Mauern, als eine Ausweisung hinnehmen zu müssen? Sie sind auf der Hut, dass es zu keiner Verschwägerung und Verwandschaft mit uns kommt, damit das Blut nicht verunreinigt wird? Was? Wenn dies euren Adel befleckt, den ihr, die ihr zum größten Teil von Albanern und Sabinern abstammt, nicht durch Herkunft und Blut habt, sondern durch Zuwahl zu den Patriziern, entweder von den Königen erwählt oder nach der Vertreibung der Könige auf Geheiß des Volkes [...]
[S. 302]
Faszinierend finde ich einerseits, dass sich diese Besessenheit mit Standesdünkel und Reinheit des Blutes ja bis heute in vielen Teilen der Welt nicht geändert hat, andererseits wie früh hier bereits auf die ideologische Konstruktion dieser Machtansprüche hingewiesen wird, die keinerlei objektive Basis haben. Das erinnert mich an die Wiener, welche Kovacs heißen und auf die "Tschuschen" aus Osteuropa schimpfen.
Der Rest des Buches ist dem wechselnden Kriegsgeschick der Römer gewidmet, speziell gegen den alten Rivalen Veji.
Abschliessend noch ein kleines Zitat über Livius aus der Britannica, das zwei Anekdoten über sein Leben zusammenfasst, über das wir leider sehr wenig Details wissen:
The sheer scope of the undertaking was formidable. It presupposed the composition of three books a year on average. Two stories reflect the magnitude of the task. In his letters the statesman Pliny the Younger records that Livy was tempted to abandon the enterprise but found that the task had become to fascinating to give it up; he also mentions a citizen of Cadiz who came all the way to Rome for the sole satisfaction of gazing at the great historian.
Ruth Klüger: weiter leben. Eine Jugend
(dtv)
Jeden November wird in Wien ein von der Stadt und diversen Unternehmungen gesponsertes Gratis-Buch verteilt, das nicht nur in den Buchhandlungen aufliegt. Dieses Jahr fiel die Wahl auf Ruth Klügers beeindruckende Autobiographie, in der sie Ihre jüdische Kindheit im nazistischen Wien und Ihre Aufenthalte in Konzentrationslager schildert. Auch wenn das Buch von denen, die es wirklich nötig hätten (also jene, welche Wien bei jeder Wahl mit rassistischen Plakaten vollkleben) sicher nicht gelesen werden wird, war das eine gute Entscheidung.
Klügers Text gehört inzwischen zu den Klassikern des Genres. Das ist nicht zuletzt der dialogischen rhetorischen Strategie des Werks zu verdanken. Sie hält immer wieder inne, bezieht den Leser nicht nur in Ihre Zweifel und Bedenken über das Geschriebene ein, sondern adressiert ihre Leser und mögliche Reaktionen auf das Geschriebene immer wieder direkt.
7. Dezember 2008
Karl Schönherr: Der Weibsteufel
(Akademietheater 2.12.)
Regie: Martin Kusej
Der Mann: Werner Wölbern
Sein Weib: Birgit Minichmayr
Ein junger Grenzjäger: Nicholas Ofczarek
Martin Kusejs brillante Theaterarbeit hebt sich vom meist aufs Mittelmaß abonnierte Wiener Theaterleben wohltuend ab. Ein vergleichsweise biederes Stück wie Schönherrs "Der Weibsteufel" in einen fulminanten Theaterabend zu verwandeln braucht mehr als bloßes Talent.
Riesige, kreuz und quer liegende Baustämme bedecken die Bühne und auf ihnen entfaltet sich das psychologische Eifersuchts- und Ehedrama. Kusej inszeniert es als eindringliches Kammerspiel bei dem man ständig den Eindruck hat, also werden hier viel größere Themen behandelt als die Racheintrige einer unterdrückten Ehefrau. Schauspielerische Perfektion rundet die Regieleistung ab.
David Christian: Big History: The Big Bang, Life on Earth, and the Rise of Humanity
(TTC Audio Lectures; 24h)
Normalerweise schreibe ich keine Kurzrezensionen über die zahlreichen Vorlesungen der von mir sehr geschätzen Teaching Company, obwohl fast jede einen ausführlichen Artikel verdient hätte. Die 48 "Lectures" über Big History erfordern jedoch unbedingt eine Ausnahme. Es handelt sich dabei um eine neue historische Schule in den Staaten, die quer zu den üblichen akademischen Gepflogenheiten steht. Anstatt sich im historischen Detail zu vergraben, was ja durchaus legitim ist, setzt man hier eine Brille mit möglichst weiter Brennweite auf: Nichts weniger als die Beschreibung der Geschichte des Universums und der Menschheitsgeschichte ist das Ziel. Man knüpft an die Tradition der Weltgeschichtsschreibung an, ergänzt diese aber um naturgeschichtliche Fakten.
Das klingt nun nach Größenwahn, aber Christian zeigt, wie kongenial man dieses Konzept umsetzen kann. Er beginnt mit dem Urknall, setzt mit Entstehung der Sterne und der chemischen Elemente fort, bis er schließlich nach der Entstehung des Sonnensystems und der Erde bei der Entstehung des Lebens landet. Der Abstraktionsgrad wird mit jeder Stufe kleiner bis er schließlich bei der Zukunft ankommt, der die letzten beiden Vorträge gewidmet sind.
Das Ergebnis könnte man als eine moderne Schöpfungsgeschichte im Anschluss an die vielen Geschichten der Alten verstehe, eine Geschichte allerdings, die auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. "Big History" stellt sich bewusst in diese narrative Tradition und es bleibt zu hoffen, dass diese "Erzählung" an den amerikanischen Colleges oft unterrichtet wird, und als Gegenpol zu dem religiösen Unsinn fungiert, mit dem dort so viele Köpfe vollgestopt sind.
6. Dezember 2008
Die besten Bücher des Jahres?
Auch wenn man diesen Jahreslisten mit einer gewissen ironischen Distanz begegnen sollte, haben sie mich doch schon oft auf lesenswerte Bücher hingewiesen. Deshalb hier der Verweis auf die Books of the Year des Economist und die The 10 Best Books 2008 sowie die 100 Notable Books of 2008 der New York Times.
5. Dezember 2008
Bill Bryson: Eine kurze Geschichte von fast allem
Brysons Rundumschlag halte ich für ein sehr erstaunliches Buch, weshalb ich hier gerne auf die neue Besprechung von Marius Fränzel verweise.
Kinder in der Antike
Die eben erschienene Ausgabe der Antiken Welt geht in einigem sehr interessanten Artikeln diesem Thema nach.
30. November 2008
Livius: Die Anfänge Roms. Buch III
(dtv Bibliothek der Antike)
Rom wird von einer Seuche heimgesucht:
Und die Krankheiten nahmen noch an Heftigkeit zu, nachdem wegen des Schreckens der Plünderung das Vieh und die Landbevölkerung in die Stadt aufgenommen worden war. Dieses Gemenge von Lebewesen aller Art nebeneinander setzte durch den ungewohnten Gestank den Städtern zu und dem Mann vom Land, der in engen Behausungen zusammengepfercht war, durch Hitze und Schlaflosigkeit, und die gegenseitigen Dienstleistungen und auch der bloße Kontakt verbreiteten die Krankheiten.
[S. 209]
Eine naturalistische Erklärung für die Krankheit also und bereits eine ziemlich genaue Vorstellung, wie/warum man sich ansteckt. Begleitet wird diese Katastrophe durch Angriffe von außen. Die Feinde Roms wollen diese Phase der Schwäche natürlich ausnutzen.
Sobald die Krise überwunden ist, setzen die im zweiten Buch beschriebenen sozialen Spannungen neu ein. Volkstribun C. Terentilius Harsa schlug ein Gesetz vor, das die Macht der beiden Konsule deutlich beschränken sollte, und goss damit Öl ins Feuer.
Sehr ausführlich beschreibt Livius die Probleme, die nach einer Verfassungsänderung auftreten. Das Konsulat wird durch die Wahl von 10 "Decemvirn" abgelöst, die jedoch schnell durch Willkür und Korruption beim Volk verhasst werden. Höhepunkt ist wieder die Geschichte um ein unschuldiges Mädchen, das unter fadenscheinigen Vorwänden und einem Scheinprozess einem lüsternen Patrizier zugeführt werden sollte. Sie wird der Tugend halber ermordet. Die Empörung ist groß. Literarisch eine Variation zum Lucretia-Stoff.
Der Hauptbösewicht Appius wird schließlich vor Gericht gestellt und schöpft alle Rechtsmittel aus, Rechtsmittel, die er während seiner Herrschaft nicht anerkannte. Erinnert das nicht an die heutige Diskussion um die Rechte von Kriegsverbrechern und Terroristen vor Gericht? Appius legt also "Berufung" ein:
Als man das Wort, das den einzigen Schutz der Freiheit bildete, aus diesem Mund hörte, aus dem vor kurzem erst eine einstweilige Verfügung gegen die Freiheit gekommen war, trat Stille ein. Und jeder sagte beifällig vor sich hin, es gebe doch noch Götter und sie kümmern sich um die menschlichen Dinge; und für den Hochmut und die Grausamkeit komme die Strafe zwar spät, aber sie sei doch nicht leicht: der die Berufung abgeschafft habe, lege Berufung ein; der alle Rechte des Volkes mit Füßen getreten habe, rufe den Schutz des Volkes an; und der einen freien Menschen zum Sklaven erklärt habe, werde in den Kerker geschleppt und stehe im Begriff, seine eigene Freiheit zu verlieren.
[S. 273f.]
Ob George W. Bush in absehbarer Zeit auch einmal in diese Situation kommen wird?
Psychoanalyse in der Praxis
Auch Ditha ging, während ihrer Ausbildung als Krankenpflegerin, mit ihren Alpdrücken zu einer Psychotherapeutin. Von der bekam sie zu hören, dass das KZ keine bleibende Bedeutung für sie gehabt haben könne, weil sie älter als sechs Jahre gewesen sei.
[Ruth Klüger, weiter leben, S. 300]
29. November 2008
Darwin: The Voyage of the Beagle
(Audiobook, ca 15h)
Im Rahmen meines kleinen Darwin-Projekts hörte ich im Oktober ungekürzt und im Original diesen Reisebericht. Bekanntlich befuhr Darwin ab 1831 als junger Mann, nachdem er den Widerstand seines Vaters überwunden hatte, als "naturalist" an Bord der H.M.S. Beagle Teile der neuen Welt. Während dieser Reise reifte in ihm die Evolutionshypothese, die später dann nicht nur die Welt der Wissenschaft revolutionierte.
Im Vergleich zu "Origins of Species", von denen hier ja schon die Rede war, ist "The Voyage of the Beagle" eine im konventionellen Sinn unterhaltsamere Lektüre, bekommt man zu den zahlreichen botanischen, zoologischen und geologischen Beobachtungen doch auch noch Reiseabenteuer und exotische Schauplätze mit serviert.
Naturgemäß ist es sehr spannend, dem jungen Darwin beim Denken & Beobachten geistig über die Schulter zu sehen. Im Umgang mit der nativen Bevölkerung der Neuen Welt findet man einerseits Empörung über die gängigen üblen Praktiken, andererseits ist auch sehr unbekümmert von "savages" die Rede. Sklaverei wird scharf abgelehnt.
An dem Buch wird jeder seine Freude haben, der sich für Wissenschaftsgeschichte und/oder Reiseliteratur interessiert.
Janet Browne: Darwin's Origin of Species: A Biography (Books That Changed the World)
(Audiobook)
Der Reihenname ist etwas irreführend. Zwar schreibt Janet Browne einiges rund um Darwins berühmtes Buch, im wesentlichen handelt es sich aber um eine Einführung in Leben und Werk Darwins und damit in die Evolutionstheorie. Sie macht das nicht schlecht und man bekommt eine ganz brauchbare Begleitlektüre. Enthusiastische Reaktionen auf das Buch wären aber übertrieben.
24. November 2008
Buch Wien 2008
Die Wiener Buchwoche wurde dieses Jahr von der "internationalen Buchmesse" Buch Wien abgelöst. Buchstäblich gesprochen ist die Veranstaltung international, so findet sich ein Stand Saudi Arabiens und einer Reihe osteuropäischer Länder in der Messehalle B. Die Schweiz ist mit einem Sammelstand vertreten und die großen deutschen Verlage fehlen entweder ganz oder haben ein paar Alibibücher auf Gemeinschaftsständen stehen.
Die österreichische Verlagsszene, die es ohne die staatliche Verlagsförderung vermutlich gar nicht gäbe, ist dagegen sehr ausführlich präsent. Der Gesamteindruck ist ein zwiespältiger, zumal die gleichzeitig eingestreuten Veranstaltungen eher peinlich sind. Bedauernswerte Autoren sitzen vor leeren Stuhlreihen mitten im Messetrubel und versuchen, gegen den Lärm anzulesen. Leider ein symbolträchtiges Bild ...
23. November 2008
Livius: Die Anfänge Roms. Buch II
(dtv Bibliothek der Antike)
Die Frühzeit Roms wird weiter beschrieben, darunter die zahlreichen Kriege mit den Nachbarn, die teils defensiver teils offensiver Natur waren. Es ist auch die Ernennung des ersten "Diktators" zu vermelden. Was mich an diesem Buch aber besonders fasziniert hat, sind die sozialen und ökonomischen Konflikte im frühen Rom. Die Spannungen zwischen Plebejern und Patriziern ziehen sich ja durch die gesamte römische Geschichte. Livius beschreibt sowohl wie die "legendäre" Institution des Volkstribun entstanden ist als auch die zahlreichen Zentrifugalkräfte, welche die römische Gesellschaft zu sprengen drohten.
Manches liest sich erstaunlich modern, so gab es damals auch eine Finanzkrise. Plebejer waren bei den Patriziern überschuldet und viele gerieten in eine Art Schuldknechtschaft. Das Ergebnis war laut Livius eine Art Kriegsstreik. Sie weigerten sich als Soldaten zu kämpfen so lange das Schuldproblem nicht gelöst war. Im Senat gab es Debatten um einen Schuldenerlass. Der hätte aber zur Konsequenz gehabt, dass die geprellten Gläubiger danach keine Kredite mehr gegeben hätten, was die Wirtschaft der Stadt zum Erliegen gebracht hätte. Kurz eine Kreditkrise ganz ohne die modernen Finanzinstrumente, die an unserer aktuellen Misere schuld sind. Als Anlass des Eklats erzählt Livius folgende Geschichte:
Ein alter Mann stürzte mit allen Zeichen seines Elends auf das Forum. Seine Kleidung war mit Schmutz bedeckt, aber schrecklicher noch war der Anblick seines blassen, bis auf die Knochen abgemagerten Körpers [...]
Als er im Sabinerkrieg Soldat gewesen sei, habe er wegen der Verwüstung seiner Felder nicht nur keine Ernte gehabt, sondern sein Haus sei auch in Brand gesteckt worden [...] Da habe man ihm zur Unzeit die Kriegssteuer abverlangt, und er habe Schulden gemacht. Die seien durch die Zinsen hoch angewachsen und hätten ihn zuerst um das von seinem Vater und Großvater ererbete Land gebracht, dann um sein sonstiges Hab und Gut und hätten zuletzt wie eine schleichende Krankheit seinen Körper ergriffen. Er sei von seinem Gläubiger nicht in Knechtschaft geführt worden, sondern ins Arbeitshaus und in die Folterkammer. Dann zeigte er seinen Rücken, der schrecklich anzusehen war wegen der frischen Striemen vom Peitschenhieben.
Als die Leute das sahen und hörten, erhob sich ein gewaltiges Geschrei.
[S. 145]
22. November 2008
Reise-Notizen: Jordanien (1): Erste Eindrücke und Religion
Fliegt man mit der Royal Jordanian nach Amman, wird schon kurz vor dem Abflug klar, dass es in ein islamisches Land geht: Auf den Videoschirmen vor jedem Sitz wird ein "Travel Prayer" ausgestrahlt. Zusätzlich wird auf den üblichen visuellen Fluginformationen die Richtung nach Mekka angezeigt, wobei das Flugzeug Icon den ganzen Flug über auf der Landkarte zuckend an Amman klebte, wie die Fliege auf Musils Fliegenpapier. Allah scheint uns das aber nicht übel genommen zu haben, denn es war ein ruhiger Flug.
Nimmt man eine Skala an, welche den Islamisierungsgrad einer Gesellschaft anzeigt und auf der Saudi Arabien sehr weit oben und die Türkei sehr weit unten stünde, wo würde man Jordanien einordnen? Im Westen gilt das Land als gemäßigt, was im Vergleich mit den strikteren Scharia-Proponenten wohl eine zutreffende Einordnung zu sein scheint. Amman aber als fast westliche Stadt zu bezeichnen, wie das einige Reisebücher tun, wäre jedoch vorschnell. Nach mehr als 1500km Fahrt kreuz und quer durch das kleine Land (etwas größer als Österreich), wird deutlich, dass der Islam im Leben der Menschen eine wichtige Rolle spielt. Westlich gekleidete Frauen kann man in den Städten durchaus antreffen, aber sie fallen auf und ziehen Blicke auf sich. Muezzine sind laut und deutlich fünf Mal am Tag zu hören (immer live, keine Tonbänder) und der Islam beeinflusst die Gesetzgebung: Verhütungsmittel sind allgemein verboten und Abtreibung wird sehr streng bestraft.
Das dürfte, zusätzlich zum vormodernen, "klassisch" arabischen Familienbild einer der Hauptgründe für die hohe Zahl an Kindern sein. Unser Guide gab als offizielle Zahl 6,7 Kinder pro Familie an und als ob die jordanische Tourismuswirtschaft seine Aussage gezielt empirisch bestätigen wollte, bekam unser Fahrer während der Reise das siebte Kind, einen Buben. Man konnte ihm die Routine des Vaterwerdens anmerken, die Angelegenheit war mit ein paar Handytelefonaten erledigt, und zur Feier des Tages verteilte er arabische Süssigkeiten.
Diese beachtliche Kinderquote hat natürlich Konsequenzen: 5,8 Millionen Einwohner zählt das Land, davon sind 1,8 Millionen Schüler. Die Jugendlichkeit des Landes ist überall offensichtlich, und man wundert sich angesichts dieser Demographie, warum Jordanien weniger Probleme mit dieser Situation hat als die nordafrikanischen Ländern. Das Bildungssystem ist, dem Vernehmen nach, ausgezeichnet. Es gibt 22 Universitäten , zählt man die privaten mit. Jordanien exportiert gut ausgebildete Akademiker in andere arabischen Staaten, während die niedrigeren Tätigkeiten im eigenen Land von vielen Ägyptern erledigt werden.
Das Bildungssystem wird auch von Mädchen und Frauen sehr intensiv genutzt, das ist sicher einer der Hauptgründe, warum man Jordanien auf der Islamisierungsskala im unteren Drittel ansiedeln kann.
9. November 2008
In Jordanien ...
...bin ich jetzt eine gute Woche unterwegs. Keine neuen Notizen also in dieser Zeit.
8. November 2008
Die "Gefahren der Vielseitigkeit" - Friedrich Torberg zum 100. Geburtstag
(Jüdisches Museum 7.11.08)
Eine sehr schöne Ausstellung über Torberg haben die Kuratoren Marcus G. Patka und Marcel Atze zusammengestellt. Gezeigt werden Dokumente über Leben und Werk, darunter viele, gut ausgewählte Original-Briefe von und an Torberg. Allen Büchern sind einzelne Vitrinen gewidmet und natürlich wird auch seine umstrittene publizistische Arbeit im Nachkriegsösterreich sehr gut dokumentiert. An mehreren Stationen kann man Video- und Audiomaterial ansehen bzw. -hören. Literaturausstellungen in dieser Qualität, würde man sich öfters in Wien wünschen.
Peter Kogler
(Mumok 6.11.)
Das Museum Moderner Kunst hat Peter Kogler eine Retrospektive gewidmet, in der erfreulicherweise mehr zu sehen ist, als die berühmten Ameisen. Die Ausstellung reicht vom Frühwerk bis zu aktuellen Installationen. Die schlicht "ohne Titel" benannte Mehrfach-Computeranimation, welche in einem Raum durch die Projektion von geometrischen und organischen Mustern die alltägliche Raumwahrnehmung ad absurdum führt, wäre bereits hinreichend für einen Besuch.
7. November 2008
Edward Albee: Wer hat Angst vor Virgina Woolf?
(Burgtheater 25.10.)
Regie: Jan Bosse
Martha: Christiane von Poelnitz
George: Joachim Meyerhoff
Putzi: Katharina Lorenz
Nick: Markus Meyer
Anstatt der versprochenen Faust-Inszenierung, setzte das Burgtheater Edward Albees psychologisches Ehegemetzel auf den Spielplan. Das Bühnenbild, eine Menge Whiskeyflaschen stehen statt Bücher im Regal, ist originell. Mehr Originalität wird dann freilich nicht mehr geboten. Die erste Hälfte war eine langweilige Durchschnittsinszenierung, die zweite Hälfte musste deshalb ohne mich mich stattfinden. Das lag nicht an den Schauspielern, speziell von Poelnitz und Meyerhoff waren gut in Form. In keinerlei Hinsicht ein Ersatz für den ausgefallenen "Faust".
Der Barbar Karl der Große
Einen sehr hübschen Artikel über das Verhältnis zwischen den Europäern des Frühmittelalters und den Muslimen in el-Andalus schrieb Kwame Anthony Appiah für die New York Review of Books Nr. 17/08. Vergleicht man den kulturellen Stand der beiden Regionen, fällt das Ergebnis für Karl den Großen nicht sehr schmeichelhaft aus:
But the empire he created was, as Lewis puts it trenchantly, "religiously intolerant, intellectually impoverished, socially calcified, and economically primitive," ruled by a "warrior caste and its clerical enforcers." Despite the new currency, the economy was dominated by barter; there were few cities of any size; and wealth was measured in land, peasants, and slaves.
Charlemagne had no national system of taxation. He lived off plunder and the product of his own estates. What his lords owed him was military service. They were obliged to show up annually in the late spring, armed for a military campaign, in case he thought it necessary. (Very often, he did.) The Franks had once been a relatively free agrarian people; now they were largely a nation of serfs, working alongside slaves—many of them Slavs from Bohemia and the southern shores of the Baltic.
Charlemagne's royal hall, in his new capital at Aachen, was built on a fifty-acre complex of buildings, secular and religious, and was the largest stone structure north of the Alps. But it paled in comparison to the architectural majesty of Byzantium or Rome. The King endowed libraries with hundreds of manuscripts, impressive by comparison with anything that had been seen hitherto by the Franks, but pitiful (as Gibbon observed) beside the thousands of documents in the libraries of Italy or Spain.
[...]
The fact is that Charlemagne's empire, impressive as it was, lacked many of the marks of what we think of as civilization: cities, commerce, great libraries, a literate elite. This is especially clear if we compare the world he made with the cultivated society of his new Muslim neighbors.
Anlass des Artikels ist das neue Buch von David Levering Lewis God’s Crucible: Islam and the Making of Modern Europe, 570–1215.
van Gogh
(Albertina 6.11.)
Ich wartete mit dem Besuch der Ausstellung bis ich an einem Wochentag Zeit hatte, aber es half nichts: Die Schau ist komplett überlaufen. Schüler aller Größen (über die Kleinen stolpert man, und die Großen stehen gelangweilt im Weg) und Touristengruppen erschweren es erheblich, die Bilder in Ruhe anzusehen.
Das ist schade, denn das Konzept und die Auswahl der Bilder kann überzeugen. Die schlichte chronologische Anordnung des Frühwerks, ermöglicht einen guten biographischen Überblick. Speziell seine "vorimpressionistischen" Bilder und Zeichnungen kannte ich bisher nicht. Wer Glück hat und einen nicht ganz so überlaufenen Moment erwischt, wird seine Freude an der Ausstellung haben.
6. November 2008
Bibliothek: Neuzugänge
Den größten Teil der Bücher habe ich in Berlin gekauft, und zwar bei Jokers. Schubart und Burckhart fand ich auf einem Bücherstand vor der Humboldt Uni. Das hübsche Buch von Peter Nichols über Darwins Kapitän schickte mir ein amerikanisches Antiquariat. Kleist und Aischylos sind hübsche, kleine gebundene Leseausgaben. Ideal für unterwegs.
5. November 2008
Reise-Notizen: Berlin
Über die Kunst-Museen in Berlin gab es an dieser Stelle schon mehrmals etwas zu lesen, weshalb ich mich auf den Hinweis beschränke, dass im Pergamon-Museum endlich das restaurierte Tor von Milet wieder zu sehen ist. Dafür ist fast der komplette Bestand des vorderasiatischen Teils geschlossen, mit Ausnahme des Ischtar-Tors und der Prozessionsstraße.
Zum ersten Mal besuchte ich das Stasi-Museum in Lichtenberg und kann dieses gespenstische Erlebnis nur empfehlen. Sieht man die durch und durch geschmacklose Inneneinrichtung, ein holzgetäfelter und kunstfellbestuhlter Spießer-Alptraum, wird sofort klar: Die DDR musste schon aus ästhetischen Gründen untergehen. So viel konzentrierte Hässlichkeit verträgt das Universum nicht.
Das Ausstellungskonzept ist vergleichsweise schlicht, der Schwerpunkt liegt auf klassischen, allerdings sehr informativen Ausstellungstafeln. Dazwischen immer wieder real existierende Gegenstände aus dem Stasialltag. Höhepunkt ist ein Raum, welcher der Spitzeltechnik gewidmet ist. Dort gibt es schießende Aktenkoffer, Gießkannen mit eingebauter Kamera, künstliche Steine mit Elektronik etc. zu sehen. Abgerundet von Dokumenten des hauseigenen Marketings, um die hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter bei Laune zu halten.
Eine alte Dame jenseits der siebzig sorgte in der Eingangshalle für einen kleinen Eklat, wollte sie doch die Besucher auf die "Schlichtheit" des Museums hinweisen, für deren Vorläufer sie vermutlich einmal tätig war. Sie wurde freundlich, aber bestimmt hinauskomplimentiert, nachdem das offenbar zum wiederholten Male vorkam.
Empfehlenswert ist auch die Ausstellung Mythos Germania des Vereins Berliner Unterwelten. Hier wird im Detail den Umgestaltungsplänen der NS Baubürokratie unter Speer nachgespürt. Man erfährt etwa Aufschlussreiches über den Umgang der Reichsbehörden mit der Stadtverwaltung.
19. Oktober 2008
Publizistische Peinlichkeiten
Man könnte das Ableben des rechtsradikalen österreichischen Volkshelden und dessen gestern gefeierte Höllenfahrt zum Anlass nehmen, über das klägliche Versagen der hiesigen Medien zu berichten, von den politischen "Eliten" gar nicht zu reden.
Ich möchte an dieser Stelle aber ein anderes symptomatisches Beispiel für die Medienmisere bringen. Die Tageszeitung "Die Presse", die sich selbst für ein Qualitätsmedium hält, blamiert sich derzeit mit einer Werbekampagne, in der sich der Chefredakteur Michael Fleischhacker in großformatigen Anzeigen und Plakaten in Szene setzt: Peinlicher Persönlichkeitskult. Man setze dagegen ein wirkliches Qualitätsmedium wie den Economist: Die weltbesten Journalisten schreiben anonym für das Blatt, weil bei ihnen die Sache und journalistische Qualität im Zentrum stehen. Eine Provinzposse!
Königin Noor: Im Geist der Versöhnung. Ein Leben zwischen zwei Welten
(List)
Auf der Suche nach Büchern für die Vorbereitung meiner Jordanien-Reise, wurde mir diese Autobiographie empfohlen. Geschrieben von der in den USA aufgewachsenen Gattin des König Husseins sollte man hintergründige Einblicke in das Land erhalten. Mein Eindruck von dem Buch ist zwiespältig. Es stimmt zwar, dass man einiges zu den Hintergründen der Geschichte Jordaniens seit den sechziger Jahren erfährt, darunter auch Interna über politische Abläufe im Königshaus und der jordanischen Regierung. Man wird aber während der gesamten Lektüre den Eindruck nicht los, nur an der Oberfläche zu kratzen.
Zusätzlich bringt es das Genre mit sich, dass fast alle Handlungen Husseins gerechtfertigt werden, und Königin Noor als treue Gattin ein sehr loyales Bild entwirft. Das wird speziell bei so umstrittenen historischen Ereignissen deutlich, wie Husseins (scheinbare?) Unterstützung Sadam Husseins im ersten Golfkrieg.
Nimmt man doch die unvermeidlichen Passagen hinzu, welche um Heirat, Hof und Kinder kreisen, von denen ich mir erlaubt habe, viele zu überblättern, fällt das Gesamturteil ziemlich negativ aus. Wer nach Jordanien fährt, sollte aus Metainteresse einen Blick hinein werfen, alle anderen können sich die Lektüre sparen.
18. Oktober 2008
Reise-Notizen: Skopje
(13.10-15.10.)
Fliegt man nach Skopje, kann man sich eines Lächelns nicht erwehren. Der Flughafen ist einer der kleinsten, den ich beruflich je angeflogen bin. Ganze vier Gates sind vorhanden, und wenn man glaubt, man betrete nun die Empfangshalle, steht man schon im Freien. Nicht unsympathisch also, wenn die Mazedonier dieses putzige Bauwerk nach ihrem größten geschichtlichen Helden nennen: Alexander dem Großen.
Skopje selbst ist, diplomatisch formuliert, keine schöne Stadt. Einheimische versichern einem, das liege an dem großen Erdbeben Anfang der sechziger Jahre. Die Stadt wurde dem Erdboden gleich gemacht und der Wiederaufbau fand im Stile der damals populären Plattenbauten statt, die ja auch so manche deutsche Innenstadt verunstalten.
Die Stadt ist schnell besichtigt. Der moderne Hauptplatz ist als Zentrum konzipiert, um den sich Restaurants und eine Shopping Mall scharen. Überquert man die Steinbrücke vor dem Platz, so gelangt man zum Bazar der albanischen Minderheit, der zum Zeitpunkt meines Spaziergangs am früheren Abend jedoch fast menschenleer war, ganz anders als man es von orientalischen Bazaren sonst gewöhnt ist.
Die Umgebung dieses albanischen Viertels ist erschreckend heruntergekommen, und es bleibt kein Zweifel daran, wohin die Gelder der Regierung fließen. Vor Bürogebäuden hängen Schilder mit durchgestrichenen Revolvern und Pistolen: Keine wirklich vertrauenserweckende Geste.
13. Oktober 2008
Jörg Haiders Abgang
Jetzt kann er endlich "die ordentliche Beschäftigungspolitik des Dritten Reiches" direkt mit den dafür Verantwortlichen diskutieren.
David Quammen The Reluctant Mr. Darwin. An Intimate Portrait of Charles Darwin and the Making of His Theory of Evolution
(Audiobook)
Im Zuge meines kleinen Darwin-Projekts stieß ich auf dieses kleine Buch, das in bester angelsächsischer populärwissenschaftler Tradion eine Einführung in Darwins Leben und Werk bietet. Keine spektakuläre publizistische Leistung, aber doch ein solider Titel, dessen Lektüre (in meinem Fall Anhören) durchaus lohnt.
Quammen konzentriert sich - mit biographischen Rückblenden - auf die Zeit der Entstehung der Evolutionstheorie. Darwins berühmte Reise auf der Beagle klammert er explizit aus. Man erfährt viel über die Vorläufer von Darwins Theorie, seine Lebensumstände, seine zum Teil skurrilen Experimente und natürlich auch über die Entstehung und Inhalt seiner berühmten Theorie. Auch die Verlagsseite der Angelegenheit (Verleger, Auflagen, Text) kommt dabei nicht zu kurz. Empfehlenswerter Begleiter zur Lektüre von "The Origins of Species".
Aktueller Privatkanon
Im Rahmen meiner Bibliomanen Betrachtungen veröffentlichte ich vor längerer Zeit eine Liste mit meinen Lieblingsbüchern, die ich immer wieder lese, so in in den letzten zwei Jahren die "Strudlhofstiege", die "Brüder Karamasow" und den "Staat". Inzwischen ist es Zeit für eine kleine Aktualisierung:
12. Oktober 2008
Livius: Die Anfänge Roms. Buch I
(dtv Bibliothek der Antike)
Römische Geschichtsschreiber stehen schon länger auf meiner Leseliste. Livius habe ich deshalb gewählt, weil ich bald einmal Machiavellis zweites Hauptwerk lesen wollte: Discourses on Livy. Es soll ein wichtiges Korrektiv zu "Il principe" sein, was Machiavellis politische Philosophie angeht.
Bekanntlich schrieb Livius 142 Bücher über die Geschichte Roms, eine monomane Leistung, die ca. 11.000 eng bedruckten modernen Seiten entspricht. Überliefert sind leider nur 35, darunter die 1-10, welche die Stadtgründung Roms und die frühe Geschichte beschreiben, von denen ich die ersten fünf nun als Einstieg lesen will.
Der erste Lektüreeindruck war denn auch ausgesprochen positiv: Livius schreibt eine sehr gut zu lesende Prosa und würzt seine Darstellung ab und an mit kritischen Bemerkungen. Schon gleich in der Vorrede heißt es:
Was vor der Gründung der Stadt oder dem Plan zu ihrer Gründung mehr mit dichterischen Erzählungen ausgeschmückt als in unverfälschten Zeugnissen der Ereignisse überliefert wird, das möchte ich weder als richtig hinstellen noch zurückweisen.
[S. 33]
Gibt es zu einer Episode mehrere Erzählungen bringt Livius gerne beide Varianten. Er versucht sich auch ab und zu an naturalistischen Erklärungen mythologischer Wundergeschichten, ganz so wie Herodot im 2. Buch über Ägypten.
Das erste Buch beschreibt nun die Gründung Roms und die Regierungszeiten der ersten Könige samt deren Eroberungskriegen und deren Einführung römischer Institutionen (Senat, Gesellschaftsstruktur, Rechtswesen...). Dabei gibt es immer wieder sehr interessante Nebenaspekte, etwa dass Rom zu Beginn auch deshalb so schnell wuchs, weil es als Fluchtziel für Unzufriedene aller Art galt. Ein sehr frühes Beispiel des mittelalterlichen Mottos "Stadtluft macht frei":
Hier suchten alle möglichen Leute aus den Nachbarvölkern, die ein neues Leben beginnen wollten, Zuflucht, wobei es nichts ausmachte, ob einer ein Freier oder ein Sklave war; und das war der erste Ansatz zu der beginnenden Größe.
[S. 46]
Bemerkenswert finde ich auch, dass Livius bereits die machtpolitische Rolle der Religion problemlos durchschaut:
Damit die Römer, die bisher durch die Furcht vor Feinden und militärische Zucht in Schranken gehalten worden waren, nicht in der Ruhe, wo es keine Sorge vor Gefahren von außen mehr gab, der Ausgelassenheit verfielen, glaubte er ihnen als allererstes Furcht vor den Göttern ins Herz senken zu müssen - ein im Hinblick auf die Unerfahrenheit und den damaligen niedrigen Bildungsstand der Menge äußerst wirksames Mittel. Da diese Furcht vor den Göttern ohne die Erfindung von etwas Wunderbarem in ihren Herzen nicht Wurzel schlagen konnte, tat er so, als habe er mit der Göttin Egeria nächtliche Zusammenkünft [...]
[S. 60]
Wie wenig hat sich seitdem geändert! Eine Grund, warum man Livius sehr gerne liest, sind natürlich die zahlreichen bekannten Geschichten, die man aus anderen Zusammenhängen bereits gut kennt. Man denke nur an die bildende Kunst, wo z.B. der Raub der Sabinerinnen ein sehr beliebtes Motiv war.
6. Oktober 2008
Philip Roth: Indignation
(Jonathan Cape)
Nachdem ich gerade Lust auf aktuelle Belletristik hatte, begann ich Philip Roth' neues Buch gleich nach dem Eintreffen zu lesen. Es trägt keine Gattungsbezeichnung, "Roman" wäre aber auch zu viel gesagt. Es handelt sich um eine Erzählung, die durch großen Satz auf 230 Seiten gestreckt ist.
Einmal mehr geht der Protagonist aus Newark hervor, und einmal mehr ist es ein junger Jude. Marcus Messner, 18 Jahre alt, Sohn eines koscheren Metzgers und ein Musterknabe, was altersgemäße Freizeitbeschäftigungen angeht. Einser-Schüler und Student (auch wenn er in den Staaten natürlich As nach Hause bringt). Die Handlung setzt im Sommer 1950 ein und hat damit den Koreakrieg als wichtigen Hintergrund.
Kurz nach seinem Eintritt ins College in Newark wird sein Vater immer irrationaler und seltsamer. Er fürchtet ständig um das Leben seines Sohnes, beginnt ihm nachzuspionieren, ohne Grund und Anlass. Marcus hält das nicht lange aus und flüchtet in das Winesburg College nach Ohio. Dort kommt die andere Seite des jungen Mannes zum Vorschein, die des unangepassten, erwachenden Intellektuellen, der Russell liest, an den Zwangsgottesdiensten leidet und sich mit seinem Dean heftige Wortgefechte zum Thema liefert. Erste sexuelle Erfahrungen mit einem mysteriösen Mädchen kommen ebenso dazu wie seine Schwierigkeiten mit anderen Studenten, um seinen Einstieg ins Collegeleben nicht einfach zu machen. Am Ende verwandelt eine Schneeballschlacht ein paar hundert Jungen in einen wilden Mob.
Seine Renitenz bringt ihn nach Korea an die Front (Collegestudenten wurden nicht eingezogen), wo ein vielversprechendes junges Leben dank eines chinesischen Bajonetts sein Ende findet.
Man braucht nun kein Meisterhermeneut sein, um hier Bezüge zum Irakkrieg zu sehen, wo ebenfalls viele junge Amerikaner ums Leben kommen. Der Kontext des religiösen Dogmatismus und das fehlende Verständnis für liberale Werte verstärken diesen Eindruck noch. Roth geht nicht sehr explizit auf den Horror des Krieges ein. Dafür schildert er in einer quälenden Ausführlichkeit das blutrünstige des Schlachterhandwerks an den Marcus von klein auf teilnehmen "darf".
Das ist schriftstellerisch so gut gemacht, wie man es von Philip Roth erwarten darf. Die Erzählung ist routiniert auf hohem Niveau geschrieben. Wenn man denn will, könnte man einwenden, dass die Ich-Perspektive nicht immer überzeugend durchgehalten wird. Marcus erzählt uns seine Geschichte, und ab und zu schreibt er so blasiert über sich als käme hier doch ein auktorialer Erzähler ins Spiel: "I, with the mind of an eighteen-year-old-boy..." etc.
Die paar Stunden Lesezeit für "Indignation" sind jedenfalls sehr gut investiert.
Notizen-FAQ
1. Gibt es einen RSS Feed?
2. Kann man auf einzelne Tageseinträge verlinken?
Ja, wenn jemand diese Mühsal auf sich nehmen will. Das Format sieht z.B. folgendermaßen aus: http://www.koellerer.de/q2-2007.html#TTMMJJ
Um auf den 26. Mai 2007 zu verlinken also:
http://www.koellerer.de/q2-2007.html#260507
3. Was hat es mit den Amazon-Links auf sich?
Nach langem Zögern fasste ich den Entschluss, die Notizen für das Amazon Partnerprogramm anzumelden. Wenn sinnvoll, verlinke ich Bücher auf Amazon mit meiner Partner ID "notizen-21". Entsprechende Bestellungen leisten dann einen kleinen Beitrag zu den Providerkosten. Natürlich kann man diese ID auch manuell bei jeder anderen Produkt-URL bei Amazon anhängen :-)
4. Warum kein klassisches Blog?
Einerseits stehe ich dem Bloggerwesen nach wie vor skeptisch gegenüber (siehe auch hier, andererseits scheue ich auch den Aufwand einer Migration. Die Notizen haben einen Google Page Rank 4, auch diesen will ich nicht riskieren. Entscheidend sind aber ohnehin die Inhalte, nicht die Technik :-)
5. Wie viele Besucher gibt es?
Bereinigt besuchen jedes Monat zwischen 10.000 und 13.000 Besucher ("unique visitors") die Notizen.
5. Oktober 2008
Tschaikovsky: Pique Dame
(Staatsoper 4.10.)
Dirigent: Seiji Ozawa
Inszenierung: Vera Nemirova
Hermann: Neil Shicoff
Tomski/Pluto: Albert Dohmen
Jeletzki: Markus Eiche
Tschekalinski: Peter Jelosits
Surin: Goran Simic
Tschaplitzki: Benedikt Kobel
Narumow: Dan Paul Dumitrescu
Festordner: Clemens Unterreiner
Gräfin: Anja Silja
Lisa: Martina Serafin
Polina/Daphnis: Elisabeth Kulman
Gouvernante: Aura Twarowska
Mascha/Chloe: Caroline Wenborne
Pique Dame kannte ich bisher noch nicht. Überhaupt gibt es in Sachen Russischer Oper bei mir Nachholbedarf, weshalb ich diese Saison den Zyklus "Slawische Oper" abonnierte. Vor der Vorstellung gestern habe ich mich "eingehört" und musikalisch hat die Oper - wer hätte das gedacht - alle Stärken und Schwächen, die man von Tschaikovskys Orchestermusik her kennt. Melodisch einfallsreich, emotional zupackend einerseits, sehr pathetisch und durchschaubar auf Effekte hin komponiert andererseits.
In die Liste meiner Lieblingsopern wird das Stück wohl nicht aufgenommen werden, was auch am Libretto liegt. Es basiert auf einer Erzählung Puschkins und man sieht einmal mehr, dass eine Literaturveroperung mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hat wie eine Literaturverfilmung.
Nun aber zum angenehmen Teil: Der Abend war musikalisch exzellent. Schon lange nicht mehr bekam ich in der Staatsoper so hohe Qualität geboten. Das lag einerseits daran, dass Seiji Ozawa am Pult stand, der Tschaikovsky ab und zu so dirigierte als sei es Mahler. Andererseits war das Ensemble ohne Ausnahme in Höchstform und legte eine beachtliche Leistung hin.
Das ließ dann auch die überaus langweilige Inszenierung von Vera Nemirova vergessen: eine seltsame Mischung aus klassischer Opernaufführung mit wenigen uninspierten modernen Einschüben.
4. Oktober 2008
Bibliothek: Neuzugänge
Viele neue Bücher haben sich angesammelt, die katalogisiert werden wollen. Darunter meine Jahresbestellung bei der unverzichtbaren Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (Bibliothek des 18. Jahrhunderts; Wellberys Literatur Geschichte um 30 statt 64 Euro; Parthenon Skulpturen).
Shields auf den ersten Blick exzellente Aristoteles Monographie fand ich in London im "London Review Bookshop" nahe des British Museum. Gottschall hat ein Buch im Dunstkreis der Analytischen Literaturwissenschaft veröffentlicht. Der überwiegende Rest wurde günstig antiquarisch erworben, mit der Ausnahme von Kapuscinski und Torberg. Scarisbrick Biographie über Henry VIII ist angeblich die Referenz.
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