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Das Hinterfragen der eigenen Identität
In Salzburg widmete sich ein Symposion der "Literatur als Geschichte des Ich"
Von Christian Köllerer
Die Frage nach der eigenen Identität ist ein Schlüsselproblem der Moderne. Generationen von Schriftstellern haben sich daran abgearbeitet, und die Spannweite der jeweiligen Ich-Konstruktionen ist groß. Den Rahmen dieses Problemfeldes abzustecken und durch Fallstudien aufzuarbeiten war das Ziel des von den Salzburger Germanisten Eduard Beutner und Ulrike Tanzer organisierten Symposiums "Literatur als Geschichte des Ich", das am Samstag im Salzburger Bildungshaus St. Virgil zu Ende ging.
Die wissenschaftliche Konzeption der Veranstaltung erstellte Karlheinz Rossbacher, Professor am Salzburger Institut für Germanistik, dessen Forschungsarbeiten sich seit langem mit diesem Themenkomplex beschäftigen. Das Programm war ambitioniert: 25 Vorträge in vier Tagen. Erfreulicherweise wurde trotzdem der Versuchung nicht nachgegeben, verschiedene Sektionen einzurichten, sondern man entschied sich für eine literarhistorische Strukturierung. Das kam nicht nur dem interessierten Publikum entgegen, sondern es war auch der Qualität der Diskussionen förderlich, weil sich die Teilnehmer nicht auf Ausschnitte des Spektrums beschränken mußten.
Wendelin Schmidt-Dengler (Wien) setzte am Mittwoch den Anfangspunkt mit seinem Vortrag über den Wandel der Ich-Konzeption des Augustinus in den "Confessiones", Werner Jung (Duisburg) schloß den Vortragsreigen drei Tage später mit einer Untersuchung der Ich-Entwürfe dreier Autoren der zeitgenössischen deutschen Literatur, nämlich von Ludwig Harig, Hermann Lenz und Dieter Wellershoff. Innerhalb dieses literaturgeschichtlichen Bogens waren die übrigen Beiträge der internationalen Teilnehmerschaft angesiedelt,wobei die Zeit vom Sturm und Drang bis zur Wiener Moderne einen Schwerpunkt bildete.
Passend zum Jubiläumsjahr waren zwei Vorträge Goethe gewidmet. Walter Weiss (Salzburg) kritisierte in seinem pointierten Referat die nicht selten simplifizierende Sichtweise von "Goethes ‚Ich‘" in der Forschung, die oft durch eine unzulässige Vermischung der Anschauungen Goethes mit denen seiner Figuren zustande komme, und stellte dem eine differenziertere Analyse gegenüber. Rossbacher setzte sich mit dem stark von Goethe geprägten Selbstbild Johann Peter Eckermanns auseinander, indem er den symbolgeladenen Traum untersuchte, den Eckermann am 12. März 1828 Goethe erzählte. Die von den anderen Teilnehmern präsentierten Forschungsergebnisse waren zu zahlreich, um sie hier im einzelnen vorstellen zu können. Sie werden aber in einem Sammelband nachzulesen sein.
Bemerkenswert war die konsequent interdisziplinäre Ausrichtung des Symposiums - gerade in den Geisteswissenschaften immer noch keine Selbstverständlichkeit. So kam mit Alfons Reiter (Salzburg) ein Psychoanalytiker ebenso zu Wort wie der Soziologe Helmut Kuzmics (Graz). Hervorzuheben ist ebenfalls der hohe Grad an Selbstreflexion, was die Auseinandersetzung mit den eigenen theoretischen und methodologischen Voraussetzungen betrifft. Der Philosoph Heinrich Schmidinger (Salzburg) zeigte philosophische Schwachpunkte der postmodernen Subjektphilosophie auf, während der Historiker Ernst Hanisch daran anschließend die Gefahren thematisierte, welche eben diese Form der Philosophie für die Geschichtswissen-schaft beinhalte. Die in den Geisteswissenschaften schon seit längerem geführte Debatte, ob und inwiefern postmoderne Theorien eine adäquate Basis für den eigenen Wissenschaftsbereich bilden können, gewann auch in der den Referaten folgenden Diskussion Konturen, in der sich zustimmende und ablehnende Stimmen vernehmen ließen.
[Der Standard vom 29. März 1999]
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