Dr. Christian Köllerer: Reise-Notizen über die West-Türkei
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Reise-Notizen West-Türkei



Auszug aus meinen Notizen



4. Juli 2004

Reise-Notizen West-Türkei (Ende): Perge, Aspendos, Termessos

Die nicht weit von Antalya gelegenen Ausgrabungen von Perge kann man zwar nicht mit Ephesus vergleichen. Trotzdem ist das Gelände dieser antiken Stadt (seit 188 v.C. römisch) so weit freigelegt, dass man ebenfalls einen schönen Eindruck über das damalige urbane Leben gewinnt. Bilder (Roland Hauk)
Ein Besuch Aspendos' lohnt sich vor allem wegen des vorzüglich erhaltenen römischen Theaters. Römische Bühnenstätten unterscheiden sich von ihren griechischen Pendants vor allem durch den Aufbau über der Bühne. Erlaubte ein griechisches Theater immer den Blick auf die Landschaft versperrten die Römer diese Aussicht zugunsten besserer Akustik. Bilder (Roland Hauk)
Termessos, eine bisher kaum ausgegrabene Bergstadt, lebte über lange Zeit vom Ausrauben vorbeiziehender Karawanen. Später waren sie in Kleinasien gefürchtete römische Söldner, die bei Bedarf Strafexpeditionen im Auftrag Roms durchführten. Man erreicht die Ruinen nur nach einer kleinen Bergwanderung. Das Erstaunen ist desto größer, oben auf ein schönes Theater zu stoßen. Erwähnenswert auch die pittoresk verwilderte, am Hang gelegene Grabanlage samt durcheinander gewürfelten Grabsteinen. Bilder (Roland Hauk)
Diese Reise-Notizen verdeutlichten trotz der Kürze hoffentlich eines: Die West-Türkei ist eine Fundgrube für den archäologisch Interessierten. Im Vergleich mit Sizilien gibt es deutlich mehr zu sehen, was angesichts der Fläche des antiken Kleinasiens nicht weiter erstaunt. Die Ausgrabungsstätten sind sowohl in der Türkei als auch in Sizilien spektakulärer als in Griechenland (von Athen einmal abgesehen).


10. Juni 2004

Reise-Notizen West-Türkei (8): Milet, Didyma, Priene

Wer mit vorsokratischer Vorfreude die antiken Stätten Milets besichtigen will, wird enttäuscht. Der Geburtsort des abendländischen säkularen Denkens (Thales, Anaximander, Anaximenes, Hippodamus!) wurde bisher nicht ausgegraben. Das römische Milet dagegen wurde frei gelegt, darunter ein spektakuläres Theater. Bilder (Roland Hauk)
In Didyma kann man die Überreste des bedeutendsten Orakels Kleinasiens besichtigen, welche die größte (und größenwahnsinnigste) griechische Tempelanlage beinhaltet (51x110m). Drei der zwanzig Meter hohen Säulen stehen noch und man frägt sich wie diese gewaltigen Gewichte damals bewegt worden sind, auch wenn man über die antike Bautechnik ganz passabel Bescheid weiß. Bilder (Roland Hauk)
Die Ruinen Prienes zeichnen sich nicht nur durch deren reizvolle Lage oberhalb der Mäanderebene aus, sondern vor allem durch die unverfälschte griechische Bausubstanz. Zu sehen sind u.a. die Überreste eines kleinen Theaters, eines Athenatempels sowie von Wohnhäusern. Bilder (Roland Hauk)


30. Mai 2004

Reise-Notizen West-Türkei (7): Ephesus

Während die meisten antiken Städten in der Regel überbaut und deshalb nur verstreut zu besichtigen sind, eine Tempel-Ruine hier, ein ausgegrabenes Bad da, betritt man in Ephesus buchstäblich eine Stadt. Man flaniert durch das Stadtzentrum, links das Theater, rechts die von österreichischen Archäologen herausragend restaurierte Celsus Bibliothek, danach die Villen der Honoratioren am Hang, die Geschäfte, der Hauptplatz, das Rathaus usw.
Nirgends hatte ich das antike Stadtleben besser vor Augen als in Ephesus, ein durchaus eindrucksvolles Erlebnis und Höhepunkt jeder Reise durch die Türkei.
Bilder (Roland Hauk)


20. Mai 2004

Reise-Notizen West-Türkei (6): Pergamon

Attalos I. machte Pergamon im dritten vorchristlichen Jahrhundert zu einem intellektuellen Zentrum. Die Reste der berühmten Bibliothek, damals eine ernsthafte "Konkurrenz" zur Büchersammlung in Alexandria, sind auf dem Burgberg noch zu sehen. Den faszinierenden Zeusaltar kann man zwar nur im Berliner Pergamonmuseum bewundern, aber alleine den ursprünglichen Ort hoch über der Ebene zu sehen, wäre eine Reise wert. Die Ruinen auf dem Berg sind teilweise in einem sehr guten Zustand und geben einen guten Eindruck über die ursprüngliche Anlage der Stadt. Beeindruckend ebenfalls die Überreste römischer Ingenieurskunst, etwa die Hochdruck-Wasserleitung, welche die Stadt mit frischem Quellwasser versorgte. Blei war damals das einzige zu diesem Zweck geeignete Material, weshalb die Einwohner Pergamons an einer permanenten Bleivergiftung litten.
In der Ebene kann man noch das Asklepieion besichtigen, eine der renommiertesten zeitgenössischen Heilstätten. Entsprechend groß ist die Anlage. Nicht nur für Freunde der Medizingeschichte sehr sehenswert.
Bilder (Roland Hauk)


17. April 2004

Reise-Notizen West-Türkei (4): Bursa, Troia

Bursa, eine Stadt mit bald zwei Millionen Einwohnern, zeichnet sich kulturhistorisch vor allem dadurch aus, dass sie die Osmanen zu ihrer ersten Hauptstadt machten. Während in Istanbul die großen Moscheen alle nach dem klassizistischen Stil erbaut sind, finden sich in Bursa frühosmanische Gotteshäuser, die erkennbar weniger von christlichen Kirchen beeinflusst sind, als die späteren Bauwerke. Sehr sehenswert sind außerdem die zahlreichen Sultansgräber. Sarkophage stehen in Türben (Grabbauten), die wie gestauchte Türme aussehen, und innen höchst unterschiedlich prächtig geschmückt sind. Bursa wirkt trotz der Größe vergleichsweise provinziell, aber vielleicht war an diesem Eindruck nur der Kontrast zum turbulenten Istanbul schuld. Bilder (R. Hauk).
In allen Reiseführern wird so ausgiebig von "Millionen enttäuschter Besucher" berichtet, dass man erstaunt ist, wie viel dort noch zu sehen ist. Freilich schadet es nichts, einiges über die Grabungen zu wissen, und einen guten Archäologen als Erläuternden zu haben. Ist man an der kitschigen Reproduktion eines trojanischen Pferdes vorbei, das - Überraschung! - von Amerikanern gestiftet wurde, sieht man die beeindruckenden Überreste der Stadtmauer. Anschließend gibt es diverse Ausgrabungen aus den unterschiedlichen Schichten zu sehen, darunter auch Spektakuläres wie ein altes von Korfmann freigelegtes Haus. Bilder (R. Hauk).


15. April 2004

Reise-Notizen West-Türkei (3): Bilder

Selbst fotografiere ich nicht. Dafür aber Mit-Studienreisende. Hier die Fotos von Roland Hauk.


12. April 2004

Reise-Notizen West-Türkei (2): Istanbul

Kreatives Chaos auf kulturträchtigem Boden. Ein höchst spannendes urbanes Experiment. Wer wird langfristig die Oberhand gewinnen, Orient oder Okzident? Eine Antwort darauf ist im Moment völlig unmöglich. Je nach Stadtteil sieht man ein völlig anderes Gesicht der Stadt. Eine europäische Metropole rund um den Taksim-Platz, eine orientalische Welt in der Altstadt. Der Kontrast zwischen Reichtum und Armut ist überall präsent.
Vier Tage Istanbul sind eigentlich zu wenig, man schafft gerade das Wichtigste. Die architektonisch seltsam zerstückelte Topkapi-Palastanlage mit der Schatzkammer, deren Werke farblich viel geschmackvoller komponiert sind als die in Wien zu sehenden überladenen Gegenstände des habsburgischen Kunsthandwerks. Die klassizistischen osmanischen Moscheen, deren gelungeste meiner Meinung nach die Suleymaniye ist. Die grandiose Hagia Sophia, deren Raumeindruck seit über 10 Jahren leider von einem riesigen Gerüst unter der Kuppel arg beeinträchtigt wird. Die hervorragend erhaltene römische unterirdische Zisterne mit mehr als 100 wild zusammengetragenen Säulen. Schließlich die Chorakirche mit gut erhaltenen Mosaiken, die viele spannende illusionistische Details aufweisen (z.B. Berücksichtung der Windrichtung).


11. April 2004

Reise-Notizen West-Türkei (1): Europäisches

Spricht man mit türkischen Städtern über die aktuelle Situation ihres Landes, treten fast alle vehement für einen schnellen EU Beitritt ein. Das scheint zumindest die überwiegende Meinung unter Akademikern zu sein, konkret unterhielt ich mich mit einem Dipl.Ing., einem Betriebswirt sowie mit einem klassischen Archäologen. Junge Hotelangestellte versicherten mir ebenfalls, dass sie große Hoffnung auf den EU-Beitritt setzten.
Die Motive dafür sind in erster Linie wirtschaftlicher Natur. Dass die Türkei nach wie vor enorme ökonomische Probleme hat, ist kein Geheimnis. Aber auch kulturelle Beweggründe sind ein wichtiger Faktor. So hörte ich sowohl in Istanbul als auch in Izmir, dass sich die Städte durch die Millionen von Landflüchtigen in den letzten 20 Jahren sehr negativ entwickelt hätten. Urbaner Lebensstil und Toleranz würden durch die hartnäckig beibehaltenen kulturellen Traditionen beeinträchtigt. Als Beispiel wurde von einem Gesprächspartner eine Familie angeführt, die sechzehnköpfig (Mann mit zwei Frauen und insgesamt dreizehn Kinder), die in eine kleine Stadtwohnung gezogen sei. Das sei kein Einzelfall.
Die in Städten häufig anzutreffende Kinderarbeit - siebenjährige Kinder als Straßenverkäufer - sei zu einem großen Teil darauf zurückzuführen, dass viele Landflüchtlinge ohne Rücksicht auf ihre ökonomische Situation, unzählige Kinder in die Welt setzten.
Interessant an diesen Meinungen ist, dass man vieles davon ebenfalls in Westeuropa hören kann. Mehrfach betonte ein Gesprächspartner, dass man Istanbul mindestens dieselben Integrationsprobleme hätte, wie in europäischen Großstädten.
Obwohl sich die Türkei ideologisch an allen Ecken und Enden mit ihrem laizistischen System schmückt, fällt sofort auf, dass die Religion im Alltag quer durch alle Schichten und Altersgruppen einen für den Durchschnitts-Europäer überproportional hohen Stellenwert hat. In den Moscheen findet man rund um die Uhr betende Menschen, darunter auch viele Junge. Für Touristen bietet sich hier ein pittoreskes Bild, dessen Bedenklichkeit einem erst dann bewusst wird, wenn man über die politischen Implikationen dieser Religiosität nachdenkt.

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