Übersicht --- Notizen --- Wiener Oper
16. Dezember 2007
Wagner: Die Walküre
(Staatsoper 9.12.)
Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf
Dirigent: Franz Welser-Möst
Siegmund, ein Wälsung: Johan Botha
Hunding, Verbündeter des Geschlechts der Neidinge: Walter Fink
Wotan, der Göttervater: Juha Uusitalo
Sieglinde, Siegmunds Schwester, Hundings Frau: Nina Stemme
Brünnhilde, Wotans Tochter, Walküre: Eva Johansson
Fricka, Wotans Gattin, Göttin der Ehe: Michaela Schuster
Eine Woche hatten alle Beteiligten Zeit, ihre verlorenen Stimmen wiederzufinden. Die Premiere am 2. Dezember war vom Pech verfolgt: Uusitalo versagte die Stimme und ein kurzfristig eingesprungener Ersatz sang die Rolle vom Rand aus.
Die dritte Aufführung der lang erwarteten Neuinszenierung durch Sven-Eric Bechtolf verlief ohne musikalische Pannen. Zwar hatte Wotan am Ende Probleme und auch Brünnhilde war keine Referenz, der Abend war aber akzeptabel. Dazu trug nicht zuletzt ein fulminanter Botha bei, dessen Sigmund zwar einige lyrische Nuancen vermissen ließ, den ersten Aufzug aber ebenso brillant sang wie Nina Stemme. Walter Fink als Hunding hielt nicht nur ausgezeichnet mit, sondern hatte auch eine ungewöhnlich starke Bühnenpräsenz.
Wie ist nun die Inszenierung gelungen, mit der wir hier in Wien nun viele Jahre leben müssen? Es ist kein großer Wurf geworden. Bechtolf ging die Angelegenheit sehr vorsichtig an. Das wäre nicht zwangsläufig schlecht. Seine wenigen Regieeinfälle jedoch (Götter, die mit Puppen hantieren) oder ein ausgestopfter Wolf als Requisit (Wölfing!) sind vergleichsweise plump. Wagners Ring ist eines der symbolmächtigsten Kunstwerke der abendländischen Kulturgeschichte! Da ist es mit ein paar platten Symbolen auf der Bühne nicht getan, wenn man einigermaßen auf Augenhöhe zum Werk inszenieren will.
Zumindest stört die Regie nicht weiter, und das ist mehr als man in vielen Fällen sagen kann. Operngeschichte wird mit diesem Ring (man denke an die grandiose Kombination von Gustav Mahler und Alfred Roller vor einem Jahrhundert im selben Haus) wohl nicht geschrieben werden.
18. November 2007
Richard Strauss: Arabella
(Staatsoper 10.11.)
Dirigent: Franz Welser-Möst
Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf
Arabella: Angela Denoke
Zdenka: Alexandra Reinprecht
Mandryka: Morten Frank Larsen
Matteo: Michael Schade
Arabella war die letzte gemeinsame Oper von Richard Strauss und Hofmannsthal und hat zeitgenösssische Liebeswirren in Wien zum Thema. Interessiert hat mich diese Inszenierung nicht zuletzt, weil Sven-Eric Bechtolf gerade den neuen Wiener Ring auf die Bühne bringt ("Die Walküre" hat am 2.12. Premiere), und ich mir einen Eindruck von seinem Regiestil machen wollte. Um damit anzufangen: Es ist eine elegante, exzellent zur Musik passende Inszenierung. Möge er es auch bei Wagner so gut treffen.
Für eine gute musikalische Leistung sorgte Franz Welser-Möst, der dem Staatsopernorchester ein bewährter Wegweiser durch diese Klangkonglomerate war. Gesanglich gab es auch keinen Grund zur Klage. Erfreulich.
13. Oktober 2007
Verdi: Otello
(Staatsoper 9.10.)
Regie: Christine Mielitz
Dirigent: Asher Fisch
Otello, Befehlshaber der venezianischen Flotte: Johan Botha
Jago, Fähnrich: Falk Struckmann
Desdemona, Otellos Gemahlin: Krassimira Stoyanova
Ich bin geneigt, mich dem Urteil anzuschließen, dass "Otello" Verdis gelungeste Oper ist. Er bringt den Stoff in eine musikalische Form, welche die traditionellen Prinzipien der italienischen Oper (etwa die starre Unterscheidung zwichen Rezitativ und Arie) überwindet. Musiksprachlich scheut er nicht vor Dissonanzen zurück: Einige seiner "Harmonien" weisen schon auf Mahler voraus. Die brutale Handlung und Jago als Erzbösewicht gewinnen dadurch große musikalische Glaubwürdigkeit.
Die Aufführung war erfreulich. Die drei Hauptrollen waren sehr gut bei Stimme. Das Wiener Staatsopernorchester schafft es diesmal nicht, das Niveau auf ein ärgerliches Maß zu drücken. Mielitz inszeniert das Stück (für Staatsopernverhältnisse) modern mit Betonung auf Lichtregie. Einziger Fauxpas: Sie lässt lächerlichweise den Darsteller des Otello auf dunkelhäutig schminken. Ansonsten sehr empfehlenswert.
3. Juli 2007
Wagner: Lohengrin
(Staatsoper 23.6.)
Dirigent: Stefan Soltesz
Inszenierung: Barrie Kosky
Heinrich, der Vogeler: Kwangchul Youn
Lohengrin: Ben Heppner
Elsa von Brabant: Ricarda Merbeth
Friedrich von Telramund: Peter Weber
Otrud: Janina Baechle
Der Abschluss meiner diesjährigen Opernsaison war sehr erfreulich, wie überhaupt dieses Staatsopern-Jahr musikalisch zufriedenstellender war als manche in der Vergangenheit. Die Inszenierung verlegt die Handlung in eine Kunstwelt mit Gegenständen und Räumen, die an überdimensionale Legoinstallation erinnern. Die Distanz zwischen Mythologie und Realität wird dadurch nicht unplausibel zum Ausdruck gebracht.
Das Ensemble war durchgehend erstklassig. Relativieren muss man dieses Lob allerdings bei Ben Heppner (wie oft die berühmtesten Namen enttäuschen!). Er sang bis über die erste Hälfte hinaus sehr auf Sicherheit, um dann am Ende mit seinen Fähigkeiten zu glänzen. Das trübte diesen Opernabend jedoch nur leicht.
17. Mai 2007
Wagner: Der fliegende Holländer
(Staatsoper 14.5.)
Dirigent:Seiji Ozawa
Regie: Christine Mielitz
Senta, seine Tochter: Nina Stemme
Erik, ein Jäger: Klaus Florian Vogt
Der Holländer: Alan Titus
Oft habe ich mich hier schon über die lähmende Durchschnittlichkeit vieler Repertoireaufführungen in der Staatsoper beklagt. Kaum steht jedoch der Musikdirektor höchstselbst am Pult, geruht sich das Staatsopernorchester plötzlich zu entsinnen, dass es potenziell ein sehr guter Klangkörper ist. Kurz: Musikalisch war der Abend erstklassig. Auch vokal gab es nichts zu bemängeln, Nina Stemme und Alan Titus waren ebenfalls in Bestform. Ein so erfreulicher Opernabend wie schon lange nicht mehr.
Die Vielschichtigkeit dieser Oper finde ich immer wieder anregend. Wagner lässt kongenial die Moderne (in Form des pragmatisch-geldgierigen Vaters) auf die "Märchenwelt" des "Fliegenden Holländer" treffen.
Donizetti: Lucia di Lammermoor
(Staatsoper 15.5.)
Dirigent: Paolo Arrivabeni
Regie: Boleslaw Barlog
Enrico (Lord Henry Ashton): Lucio Gallo
Lucia, seine Schwester: Edita Gruberova
Edgardo (Sir Edgar Ravenswood): Keith Ikaia-Purdy
Im Hinblick auf statistische Wahrscheinlichkeit war ich skeptisch, zwei gute Opernabende hintereinander zu erleben. Erfreulicherweise trog diese Erwartungshaltung. Italienische Oper ist meiner Meinung nach die einzige ästhetisch satisfaktionsfähige Form der Popmusik und "Lucia di Lammermoor" bekanntlich eine der gelungesten Aneinanderreihungen von aparten melodiösen Einfällen.
Auf einer Schauergeschichte Walter Scotts basierend, ist das Libretto naturgemäß weniger subtil als beim "Fliegenden Holländer". Spätestens bei der ersten Arie der Gruberova trat der semantische Rahmen jedoch in den Hintergrund. Ihre Leistung war sanglich und schauspielerisch schlicht perfekt. Die männlichen Mitsänger schlugen sich ebenfalls tapfer. Ein gelungenes Popkonzert.
17. Februar 2007
Donizetti: La Favorite
(Wiener Staatsoper 1.2.)
Regie: John Dew
Musikalische Leitung: Vjekoslav Sutej
Léonor de Guzman: Luciana D'Intino
Fernand: José Bros
Alphonse XI: Eijiro Kai
Balthazar: Ain Anger
Die französische Urfassung dieser Oper wird selten gegeben, lange wurde vor allem die italienische Version des Stücks aufgeführt. Der Stoff war zur Entstehungszeit heikel: Ein Mönch verlässt aus Liebe das Kloster, nicht wissend dass die Auserwählte die Favoritin seines Königs ist. Enttäuscht kehrt er am Ende ins Kloster zurück, wo es zur großen Versöhnung kommt.
Musikalisch wird hier vorzügliches Belcanto geboten, was auch für diese Aufführung gilt. Ein harmonisches Ensemble lieferte eine gute Leistung ab. Die Inszenierung läßt sich mit zurückhaltend modern beschreiben. Durchaus empfehlenswert.
26. November 2006
Bellini: La Sonnabula
(Staatsoper 22.11.)
Inszenierung: Marco Arturo Marelli
Graf Rodolfo: Michele Pertusi
Amina: Anna Netrebko
Elvino: Antonino Siragusa
Anna Netrebko singt die Amina: Die Aufregung derjenigen, die Opern mit Events verwechseln, war groß. Ich kannte sie bisher nur von Aufnahmen und konnte die bisherige Netrebko-Hysterie nicht nachvollziehen. Sie gehört ohne Zweifel zu den talentiertesten Sängerinnen ihrer Generation und hat eine ungewöhnliche Bühnenpräsenz. Sie deshalb zur neuen Callas zu stilisieren, basiert auf einem ähnlichen Kurzschluss mit dem alle einigermaßen geglückten Familienromane zu neuen "Buddenbrooks" erklärt werden.
Netrebko stellte die eben beschriebenen Qualitäten auch in La Somnabula unter Beweis. Mit Antonio Siragusa hatte sie aber einen unglücklichen Partner an der Seite. Siragusa agierte wie ein gut funktionierender Gesangsroboter, der auf die Bühne rollt, seine Gesangsdateien ohne technischen Probleme abruft, um dann erleichtert wieder von dannen zu ziehen. Seine Kopfstimme ließ jegliches Gefühl vermissen, kurz ein Auftritt von beachtlicher Leblosigkeit. Da half auch Michele Pertusis überzeugender Graf Rodolfo nichts mehr: der Abend war extrem unausgewogen. Dass sich das Staatsopernorchester nicht mit ästhetischen Ruhm bekleckert, darauf braucht man regelmäßige Besucher der Staatsoper ja nicht mehr explizit hinzuweisen.
Mozart: Cosi fan tutte
(Theater an der Wien 25.11.)
Musikalische Leitung; Daniel Harding
Inszenierung: Patrice Chéreau
Mahler Chamber Orchestra
Arnold Schoenberg Chor (Ltg. Erwin Ortner)
Fiordiligi: Erin Wall
Dorabella: Hannah Esther Minutillo
Guglielmo: Stéphane Degout
Ferrando: Shawn Mathey
Despina: Marie McLaughlin
Don Alfonso; Ruggero Raimondi
Vor knapp einem Jahr sah ich "Cosi fan tutte" in der Staatsoper Unter den Linden, witzig in die sechziger Jahre verlegt durch Doris Dörrie. Chéraus Regiestil dagegen ist klassisch: Vor einem vergleichsweise kahlen Bühnenbild, auf das die Requisten bei Bedarf von Statisten getragen werden, wird die Oper in zeitgenössischen Kostümen gegeben. Das klingt verzopfter als es ist, denn inszeniert ist es als "Schauspieler-Komödie" nach allen Regeln der Kunst. Das Libretto lebt auch ohne "orignelle" Regieeinfälle, was mit dieser Aufführung einmal mehr bewiesen ist. Diese Produktion war bereits während der Wiener Festwochen zu sehen und wurde mit dem Festival d'Aix-en-Provence koproduziert.
Die Oper wird in der Langfassung mit allen Arien und Wiederholungen gegegeben, was im letzten Drittel etwas ermüdet. Das liegt naturgemäß nicht an Mozarts Musik, sondern hat dramaturgische Gründe: Das Stück schaltet für zu lange Zeit mehrere Gänge zurück, was bei einer temporeichen Komödie strukturell nicht ideal ist.
Musikalisch gab es wenig auszusetzen. Erin Wall ließ vor Beginn Indisponiertheit verkünden, sang aber trotzdem passabel. Ebenso die beiden männlichen Protagonisten des Treuetests Degout und Mathey. McLaughlin als Despina war großartig, eine Ideale Kombination aus Gesangs- und Schauspielkunst. Letztere war für eine Oper ohnehin auf ungewöhnlich hohen Niveau.
Das Mahler Chamber Orchestra gab sich Mühe, keinen 0815-Mozart aus dem Bühnengraben ertönen zu lassen. Sieht man von einigen Patzern der Bläser an "kammermusikalischen" Stellen ab, wurde auch hier überdurchschnittliches geboten. Sollte das Theater in der Wien in Zukunft regelmäßig Aufführungen auf diesem Niveau bieten, wäre das definitiv eine Bereicherung der Wiener Opernlandschaft.
14. Oktober 2006
Mozart: Die Zauberflöte
(Theater an der Wien 13.10.)
Musikalische Leitung Fabio Luisi
Inszenierung, Bühnenbild & Licht Krystian Lupa
Wiener Symphoniker
Arnold Schoenberg Chor (Ltg: Erwin Ortner)
Sarastro Franz-Josef Selig
Tamino Pavol Breslik
Sprecher / Zweiter Priester Andreas Schmidt
Erster Priester Andreas Conrad
Königin der Nacht Sen Guo
Pamina Helena Juntunen
Papageno Roman Trekel
Kennen Sie schlechte Powerpoint-Präsentationen? Alle Elemente werden langweilig von links in die Folie "hineinanimiert" (Standard-Einstellung), die Auswahl der Farben ist degoutant und die Animationen haben keinerlei Bezug zum Inhalt. Wenn Sie diese Frage bejahen, haben Sie bereits eine sehr genaue Vorstellung von dieser missratenen Inszenierung.
Statt von links wie bei Powerpoint, schwebt hier alles von oben ein: Die Königin der Nacht, die Knaben (mehrmals in einem lächerlichen Käfig) und einiges mehr. Mich erinnerte das sehr an eine groteske Zauberflöten-Aufführung des Passauer Stadttheaters zu Schulzeiten: so peinlich, dass es wieder komisch war. Die - wie sich in einem Gespräch vor Beginn herausstellte - opernkundige Dame neben mir, hielt diese Zumutung ziemlich genau eine Dreiviertelstunde durch, bevor sie sichtlich indigniert das Theater an der Wien verließ. Eine seltsame Mischung von Märchenkostümen, Regietheater-Elementen und unpassende Videoprojektionen runden diese grandiose Regieleistung ab.
Musikalisch war die Aufführung, sieht man von einigen Ausrutschern und Fehlbesetzungen ab, durchschnittlich im schlechten Sinn. Die Wiener Symphoniker spielten ihren Mozart so langweilig als wollten sie sich dem Niveau der Inszenierung anpassen. Sen Guc als Königin der Nacht, war der Rolle hörbar nicht gewachsen. "Tamino" und "Papageno" konnten sich aber durchaus hören lassen.
24. September 2006
Donizetti: Roberto Devereux
(Staatsoper 16.9.)
Regie: Silviu Purcarete
Musikalische Leitung: Friedrich Haider
Elisabetta I., Königin von England: Edita Gruberova
Duca di Nottingham, Herzog von Nottingham: Roberto Frontali
Sara, seine Frau: Sonia Ganassi
Roberto Devereux, Graf von Essex; Joseph Calleja
Seit einigen Jahren arbeite ich mich in Sachen Opernrepertoire von sogenannten "schweren" Stücken (Wagner, Richard Strauss, viel 20. Jahrhundert) zum italienischen Belcanto vor. Eine ausführliche Beschäftigung mit Verdi panierte den ästhetischen Weg zu "kulinarischeren" Belcanto-Opern.
Ein musikalisch besonders gelungenes Exemplar dieser Gattung ist "Roberto Devereux", weniger bekannt als etwa "Lucia di Lammermoor", aber durchaus ebenbürtig (wenn nicht überlegen). Freunde delikater Melodien und italienischer Opernkunst kommen hier voll auf ihre Kosten.
Speziell wenn die Besetzung so vorzüglich ist, wie in dieser Aufführung. Es gab vokal keine einzige Schwachstelle. Edita Gruberova überzeugte auch schauspielerisch in der artifiziellen Anlage ihrer Figur.
Die Handlung braucht hier nicht nach erzählt werden und besteht im wesentlichen aus einer Klatschgeschichte aus dem britischen Königshaus. Die Inszenierung war dem Stück nicht gewachsen. Sie setzte keine Akzente, störte aber immerhin die Darbietung nicht. In Summe ein höchst erfreulicher Abend.
10. September 2006
Wagner: Die Meistersinger
(Volksoper 9.9.)
Regie: Christine Mielitz
Musikalische Leitung: Leopold Hager
Eva, Pogners Tochter: Barbara Haveman
Hans Sachs, Schuster: Franz Hawlata
Walther von Stolzing: Jeffrey Dowd
Die Spezialität der Wiener Volksoper, neben Staatsoper und neuerdings dem Theater an der Wien das dritte Opernhaus der Stadt, ist eigentlich die leichte Muse. "Märchenhafte" Operninzensierungen und vor allem Operetten dominieren den Spielplan. Als man gestern nach fünfeinhalb Stunden Oper das Haus verließ, wurde man bereits durch Zigeunerbaron-Anschläge intellektuell belästigt.
Ab und zu geben sie im Haus am Währinger Gürtel jedoch auch Hörenswertes. Dazu gehört diese Meistersinger Inszenierung von der an dieser Stelle vor knapp fünf Jahren schon einmal die Rede war.
Eine solide Regiearbeit mit ironischen Untertönen, aber ohne moderne Elemente, wurde geboten. Musikalisch war der Abend (guter) Durchschnitt, speziell Jeffrey Dowd als Stolzing und Barbara Haveman waren gut bei Stimme. Auch die "kleineren" Rollen waren gut besetzt. Leider konnte Franz Haweltas Hans Sachs nicht immer mithalten. Im ersten Akt ging er stimmlich fast völlig unter, während er sich im "Kammerspiel" der folgenden Szenen besser bewährte. Das trübte den Hörgenuss doch deutlich.
Die "Meistersinger" zählt als Stück eindeutig zu meinen Favoriten. Wagner verwendet eine raffinierte ästhetische Strategie: An der Oberfläche bietet er eine unterhaltsame bis witzige Handlung. Dahinter behandelt er eine Reihe von spannenden Kunstfragen. Tradition trifft auf Innovation, Regelästhetik auf Kreativität durch Abweichung. Diese Metaebene, die natürlich auch autobiographisch motiviert ist, gibt der "volkstümlichen" Handlung einen wohltuenden Kontrapunkt, ohne jedoch künstlich aufgesetzt zu wirken.
30. Juli 2006
Mozart: Don Giovanni
(Theater an der Wien 29.7.)
Musikalische Leitung Bertrand de Billy
Inszenierung: Keith Warner
Radio-Symphonieorchester Wien
Arnold Schoenberg Chor (Ltg. Erwin Ortner)
Don Giovanni: Gerald Finley
Komtur: Attila Jun
Donna Anna: Myrtò Papatanasiu
Don Ottavio: Mathias Zachariassen
Donna Elvira: Heidi Brunner
Leporello: Hanno Müller-Brachmann
Masetto: Markus Butter
Zerlina: Adriane Queiroz
Angesichts der kulturellen Sommerdürre in Wien freut man sich über jede musiktheatralische Abwechslung. Geboten wurde ein passabler Opernabend. Herausragendes gab es aber keiner Stelle. Bertrand de Billy steuerte sein Orchester irgendwo zwischen Wohlklang und historischer Ruppigkeit durch die Partitur. Gesanglich bewältigte das Ensemble das Stück leidlich, einige, wie Heidi Brunner, manchmal mit hörbarer Anstrengung.
Die Inszenzierung ist wenig konsistent. Keith Warner versetzte die Akteure in ein Hotelambiente und zog viele Szenen ins Komische (samt gelungenen Pointen). Dieser Regieansatz wurde jedoch immer wieder durchbrochen, vor allem durch ein ausgesprochen pathetisches Ende mit viel Theaterblut. Sollte das als Parodie gemeint gewesen sein, kam diese Botschaft zumindest bei mir nicht an.
Die Ensembleszenen und die Choreographie war nicht selten diffus. Hier hätte man vielleicht etwas ausführlicher proben sollen. Mit einem Besuch der Aufführung begeht man keinen Fehler, solange man keinen großen Wurf erwartet.
11. März 2006
Mozart: Lucio Silla
(Theater an der Wien 6.3.)
Musikalische Leitung: Nikolaus Harnoncourt
Concentus Musicus Wien
Arnold Schoenberg Chor
Inszenierung: Claus Guth
Lucio Silla: Michael Schade
Giunia: Patricia Petibon
Cecilio: Bernarda Fink
Nach der fürchterlichen Mittelmäßigkeit des "Idomeneo", zeigte die zweite Oper im Theater an der Wien diesmal, dass man dort Musikkunst auf höchstem Niveau präsentieren kann. Es passte alles: Harnoncourt sorgte für einen lebendigen Rahmen, und der Originalklang verhinderte erfreulicherweise jegliches Abgleiten ins "Schönspielen", der Hauptverfehlung schlechter Mozartinterpreten.
Die Sänger sangen durchwegs auf hohem Niveau und zeigten auch darstellerisch Talent. Der Arnold Schoenberg Chor war erwartungsgemäß ausgezeichnet. Claus Guth führte vor, wie kluges Regietheater aussehen kann. Starke Bilder, plausible Choreographie, intelligentes Bühnenbild (Drehbühne, die viele überraschende Räume schuf), keine billigen Effekte.
Die Oper selbst gibt dem Zuhörer eine Reihe von produktionsästhetischen Rätseln auf. Wie kann ein Jugendlicher mit beschränkter Lebenserfahrung eine emotional so reife Musik komponieren? Mozarts Sonderstatus wird selten deutlicher als im Frühwerk, das man leider viel zu selten spielt.
Nach diesem Abend sehe ich den weiteren Mozartopern an der Wienzeile optimistischer entgegen.
12. Februar 2006
Mozart: Idomeneo
Dramma per Musica in drei Akten, KV 366 (1781)
Libretto von Gianbattista Varesco
nach Antoine Danchet
(Theater an der Wien 31.1.)
Musikalische Leitung Peter Schneider
Inszenierung Willy Decker
Szenische Mitarbeit Karin Voykowitsch
Ausstattung John Macfarlane
Orchester der Wiener Staatsoper
Arnold Schoenberg Chor (Ltg. Erwin Ortner)
Idomeneo: Neil Shicoff
Idamante: Angelika Kirchschlager
Elettra: Barbara Frittoli
Ilia: Genia Kühmeier
Die erste reguläre Oper im "Theater an der Wien", aus dem man nun erfreulicherweise das Musical zugunsten ästhetisch Anspruchsvollerem verbannte. Szenisch war die Inszenierung durchaus gelungen, speziell die Choreographie war erfreulich intelligent. Musikalisch hingegen herrschte so trostloses Mittelmaß, dass ich es nur bis zur Pause ausgehalten habe. Das Prädikat "Startenor" muss sich Shicoff bereits vor längerer Zeit verdient haben, er sang ständig angestrengt an der Grenze seiner Möglichkeiten.
Die einzige rühmliche Ausnahme: Der brillante Arnold Schoenberg Chor. Es bleibt zu hoffen, dass es bei den nächsten Opernproduktionen musikalisch steil bergauf geht. Ich werde berichten.
22. Januar 2006
Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen
(Staatsoper 7.1., 8.1. 13.1., 15.1.)
Dirigent: Adam Fischer
Inszenierung: Adolf Dresen
Bühnenbild und Kostüme: Herbert Kapplmüller
Siegmund/Siegfried: Christian Franz
Hunding/Hagen: Kurt Rydl
Wotan: Jukka Rasilainen (Walküre)
Sieglinde: Michaela Schuster
Brünnhilde: Deborah Polaski
Fricka: Mihoko Fujimura
Alberich: Georg Tichy
Mime: Herwig Pecoraro
Über mein Erleiden dieser Inszenierung berichtete ich an dieser Stelle schon mehrmals. Im Laufe der Jahre wurde sie noch schäbiger und dieser Ring glänzte zusätzlich durch einige Pannen, so wollte sich die Walhalla am Ende von "Rheingold" partout nicht enthüllen lassen. Hörte man zu Beginn das Wiener Staatsopern Orchester, drängte sich die Vermutung auf, die Musiker hätten anstatt "Vorspiel" für den ersten Teil versehentlich "Einspiel" gelesen. Vor allem die Bläser spielten teilweise wie die ambitionierte Blaskapelle eines oberösterreichischen Kurorts. Die Leistung wurde aber sukzessive besser und nach fünfzehnstündigen Übens vor Publikum, gelang "Die Götterdämmerung" dann ganz passabel. Über eine anständige Durchschnittlichkeit kam man aber nie hinaus und man wünschte sich mehr als einmal einen neuen Gustav Mahler in der Wiener Staatsoper, der kompromisslose Qualitätsstandards für jede Aufführung anlegte. Nicht zuletzt wohl deshalb, weil er sich am Anfang seiner Karriere mit einem echten Kurorchester in Bad Hall abgeben musste.
Das singende Ensemble war deutlich besser disponiert, vor allem die ersten beiden Akte der "Walküre" wären hier zu nennen. Insgesamt einigermaßen hinreichend, um mein Wagnerbedürfnis für absehbare Zeit zu stillen. Erfreulicherweise wird diese Inszenierung nun auf den Sperrmüll geworfen und eine neue angegangen.
17. April 2005
Alban Berg: Wozzeck
(Staatsoper 7.4.)
Dirigent: Seiji Ozawa
Wozzeck: Franz Hawlata
Marie: Deborah Polaski
Wozzeck zählt aufgrund der dichten musikalischen Expressivität zu meinen bevorzugten Opern. Selten jedoch hörte ich sie in solcher Perfektion. "Chef" Seiji Ozawa hatte die musikalische Leitung, was das Staatsopernorchester aus dem routiniert-behäbigem Repertoirspiel riss und zu einem konzentrierten Spielen anspornte, wie man das von guten Philharmonikerkonzerten kennt.
Hawlata gab einen sängerisch perfekten und emotional glaubwürdigen Wozzeck, Polaski als Marie stand ihm in nichts nach. Toller Abend!
13. März 2005
Benjamin Britten: Peter Grimes
(Staatsoper 11.3.)
Regie: Christine Mielitz
Dirigentin: Simone Young
Peter Grimes: Gabriel Sadé
Ellen Orford: Melanie Diener
Als ich am Freitag routinemäßig in die Oper ging und eine routinemäßige Aufführung erwartete, war die Verblüffung groß als es ein großartiger Opernabend wurde. So musikalisch inspiriert erlebte ich das Wiener Staatsopernorchester schon lange nicht mehr. Vielleicht lag es ja daran, dass dieser Männermusikantenbund von einer Frau dirigiert wurde und sich niemand eine Blöße geben wollte?
"Peter Grimes" kannte ich bisher nur flüchtig. Es dürfte aber auch kunstspartenübergreifend wenige Werke geben, die Verzweiflung und Trostlosigkeit ästhetisch so überzeugend umsetzen. Man kann es förmlich hören, dass dieses Werk am Ende des zweiten Weltkriegs komponiert wurde. Sadés sang Grimes emotional höchst ergreifend. Die Inszenierung war für Staatsopernverhältnisse erfreulich staublos. Tolle Leistung aller Beteiligten.
8. Januar 2005
Alfred Schnittke: Gesualdo
(Staatsoper 26.12.)
Regie: Cesare Lievi
Dirigent: Jun Märkl
Don Carlo Gesualdo: Peter Weber
Donna Maria Gesualdo: Nadia Krasteva
Don Fabrizio Caraffa: Jon Dickie
Das Libretto erzählt den "Ehrenmord" des Komponisten Gesualdo (1560-1613) an seiner Gattin und deren Liebhaber. Ein klassischer Opernstoff also, der durch den Beruf des Protagonisten noch durch die Künstlerthematik ergänzt wird.
Zusätzlich erhält der Polystilist Schnittke die Gelegenheit, sich von Gesualdos Musik anregen zu lassen. Musikalisch ist die Oper denn auch sehr komplex, da sich Schnittke aus einem reichen musikhistorischen Fundus bedient, und (im Gegensatz zu anderen zeitgenössischen Opernkomponisten) auch keine Anleihen bei der klassischen Opernästhetik scheut.
Szenisch ist die Aufführung rasant, die schnellen Szenenwechsel erinnern nicht selten an Filmschnitte. Sehr schön, dass die Staatsoper auch solche Werke auf dem Spielplan hat. Sie könnten allerdings öfters angesetzt werden, doch das würde ja der Auslastungsstatistik schaden.
15. November 2004
Wagner: Götterdämmerung
(Staatsoper 6.11.)
Siegfried: Christian Franz
Brünnhilde: Linda Watson
Hagen: Matti Salminen
Gutrune: Ricarda Merbeth
Alberich: Georg Tichy
Dirigent: Peter Schneider
Ein durchaus gelungener Abschluss des "Ring". Christian Franz zeigte sich trotz einer verkündeten Indisponiertheit musikalisch akzeptabel in Form. Matti Salminen war als Hagen (wie auch sonst immer) fulminant. Linda Watson gab die Brünnhilde vielleicht etwas zu extrovertiert.
Obwohl dieser Ring nicht von Schwächen frei war (vor allem das Staatsopernorchester könnte mehr Engagement zeigen), war es doch ein akzeptabler Zyklus.
7. November 2004
Wagner: Siegfried
(Staatsoper 1.11.)
Siegfried: John Treleaven
Brünnhilde: Linda Watson
Der Wanderer: Jukka Rasilainen
Dirigent: Peter Schneider
"Siegfried" ist insofern die längste Oper des Ringzyklus als man sich tatsächlich fragen kann, ob jede Minute der viereinhalb Stunden unbedingt dramaturgisch notwendig ist. Musikalisch war der Abend aber durchaus erfreulich. Die Inszenierung schrammt vor allem im zweiten Akt durch übertriebenem Realismus (Stoffwurm Fafner samt ausgestopft falternden Vogel) nicht immer erfolgreich an ungewohnter Komik vorbei.
28. Oktober 2004
Wagner: Die Walküre
(Staatsoper 26.10.)
Siegmund: Christian Franz
Sieglinde: Susan Anthony
Hunding: Matti Salminen
Brünnhilde: Linda Watson
Wotan: Jukka Rasilainen
Fricka: Marjana Lipovsek
Dirigent: Peter Schneider
Ein fulminanter erster Akt, der vor allem Christian Franz als kongenialem Siegmund zu danken war, wobei auch Matti Salminen als Hunding in jeder Hinsicht beeindruckte. Der ursprünglich für den Part des Wotan vorgesehnen Alan Titus war erkrankt. Die "Aushilfe" Rasilainen gab sich redlich und einigermaßen erfolgreich Mühe, war aber stimmlich eine halbe Stunde vor dem Ende bereits am Ende. Das Staatsopernorchester erlaubte sich ein paar Schnitzer (erste Trompete zurück in eine Blaskapelle!). Trotz dieser Schwächen war der Gesamteindruck aber ziemlich rund.
25. Oktober 2004
Wagner: Das Rheingold
(Staatsoper 24.10.)
Wotan: Alan Titus
Loge: Michael Roider
Alberich: Georg Tichy
Regie: Adolf Dresen
Dirigent: Peter Schneider
Der Auftakt zum diesjährigen Ringzyklus war musikalisch sehr vielversprechend. Das Ensemble war gut in Form und auch das Wiener Staatsopernorchester, das sich aus Mitgliedern der Wiener Philharmonikern zusammensetzt, waren engagiert bei der Sache.
Auf die Fragwürdigkeit der Inszenierung habe ich an dieser Stelle bereits hingewiesen. Erfreulicherweise wurde kürzlich eine Neuinszenierung der Tetralogie angekündigt. Bis 2008 werden wir uns allerdings noch mit der aktuellen Fassung arrangieren müssen. Morgen gehts mit der "Walküre" weiter.
14. März 2004
Verdi: Nabucco
(Wiener Staatsoper 8.3.)
Dirigent: Vjekoslav Sutej
Inszenierung: Günter Krämer
Nabucco: Alberto Gazale
Ismaele: Keith Ikaia-Purdy
Abigaille: Eliane Coelho
Fenena: Nadia Krasteva
Da man sich inszenatorisch in der Staatsoper aus konservativer Perspektive auf fast alles gefasst machen muss, wird man verstehen, wie erleichtert ich war, als der Vorhang aufging, und niemand versucht hat, den Jerusalemer Tempel zu realistisch wie möglich nachzubauen.
Günter Krämer hat, ganz im Gegenteil, eine der besten Regiearbeiten geliefert, die ich an diesem Haus bisher sah: Kaum Bühnebild, viel intelligente Choreographie, Arbeit mit Beleuchtung und Farben sowie der Projektion von hebräischen Schriftzeichen.
Das Libretto dieser religiösen Kampfoper ist überaus fragwürdig, weshalb für mich "Nabucco" zu den weniger interessanten Opern Verdis zählt. Daran ändert auch nichts, dass es musikalisch durchaus fesselt, zu hören, wie Verdi endlich zu seinem Stil gefunden hat.
Das musikalische Niveau des Abends war ebenfalls ausgezeichnet: Sänger und Orchester waren glänzend disponiert, der Wiener Staatsoperchor war (als gar nicht so versteckter Hauptdarsteller) fulminant. Anhören!
18. Januar 2004
Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg
(Staatsoper 11.1.)
Dirigent: Peter Schneider
Inszenierung: Otto Schenk
Hans Sachs: Wolfgang Brendel
Veit Pogner: Kurt Rydell
Beckmesser: Hans-Joachim Ketelsen
Stolzing: Jeffrey Dowd
Eva: Anja Harteros
Es ist immer wieder hochgradig faszinierend, wie mühelos die Wiener Philharmoniker Wagner spielen! Mit der Ausnahme des Staatsopern-Debütanten Jeffrey Dowd, dessen Stimme im Vergleich mit seinen Künstlerkollegen so dünn klang, dass er das Orchester kaum übertönen konnte, war das Ensemble ausgezeichnet. Vor allem Wolfgang Brendel gab einen hervorragend disponierten Hans Sachs. Ketelsens Beckmesser war von einer brillanten Komik.
Künstlerisch ist die Oper sehr interessant: Wagner schafft es auf musikalisch höchstem Niveau und in einer (mehr oder weniger) volkstümlichen Rahmenhandlung, komplexe ästhetische Probleme (Stichwort: Abweichungs- versus Regelästhetik) auf die Bühne zu bringen. Schade, dass das Werk am Ende durch den nationalistischen Kunstkitsch eine üble Wendung nimmt.
9. November 2003
Verdi: Falstaff
(Staatsoper 4.11.)
Regie: Ernst Dunshirn
Dirigent: Fabio Luisi
Falstaff: Bryn Terfel
Eine für die Staatsoper vergleichsweise frische Inzensierung, soweit ich das von einem "sehbinderten" Platz aus beurteilen konnte. Bryn Terfel gab nicht nur musikalisch einen hervorragenden Falstaff, sondern zeigte für einen Opernsänger ungewöhnliches schauspielerische Talent. Musikalisch noch frisch und motiviert gespielt. Kurz nach der Premiere ist von blasierter Routiniertheit noch nichts zu hören, wie sonst ab und zu bei der hundertdreizehnten Aufführung einer Inszenierung. Kurz: Empfehlenswert.
26. September 2003
Wagner: Die Walküre
(Staatsoper 21.9.03)
Musikalisch wie schon im letzten Jahr hervorragend, die Wiener Staatsoper verstand und versteht sich auf ihren Wagner. Kritisch anzumerken wäre die lieblose Routine der Aufführung. Die Musiker der Wiener Philharmoniker verließen fluchtartig den Orchestergraben, sobald sie nicht mehr gebraucht wurden, was angesichts des applaudierenden Publikums schon minimale Höflichkeitsstandards verletzt. Auch beim Bühnenbild wurde geschlampt. So warfen die riesigen Stoffbahnen - eigentlich als realistischer Hintergrund gedacht - an einigen Stellen unansehliche große Falten, was man einem kleinen Stadttheater nachsehen mag, nicht aber der Wiener Staatsoper (vor allem nicht angesichts der hohen Kartenpreise!). Offenbar ist man so von sich selbst überzeugt, dass man ungenau arbeitet. Ob hier die Attitüde des Herrn Holender auf seine Mitarbeiter abfärbt?
20. Juni 2003
Verdi: Aida
(Wiener Festwochen, Theater an der Wien 15.6.)
Regie: Peter Konwitschny
Musikalische Leitung: Wolfgang Bozic
Wiener Symphoniker
Arnold Schoenberg Chor
Konstantin Sfiris, Ildiko Szönyi, Sylvie Valayre, Jan Vacik
Der Wiener Opernfreund hat die Wahl zwischen der Staatsoper, die ihn musikalisch verwöhnt und szenisch langweilt, der Volksoper, die musikalisch ab und zu akzeptabel und inszenatorisch populistisch ist, einer Reihe freier Operngruppen, die engagiert Passables auf die Bühne bringen, für Herausragendes aber zu wenig Mittel haben.
Deshalb war die erste Gelegenheit, eine von Peter Konwitschny gestaltete Opernaufführung in Wien zu sehen, eine erfrischende Abwechslung. Geboten wird einem intelligentes Regietheater, eine Kombination, die leider nicht selbstverständlich ist. Kein Wunder, dass er bereits zweimal zum Opernregisseur des Jahres gewählt wurde.
Seine Grundidee: Aida als Kammeroper. Keine Aufmärsche, keine Triumphzüge, überhaupt keine Massenszenen. Statt dessen zu Beginn einer weißer Raum mit einem Sofa in der Mitte. Das Bühnenbild wird durch Farben und Projektionen variiert. Der Chor ist nicht sichtbar hinter der Bühne platziert, wo auch die Massenszenen stattfinden. Gezeigt werden deren individuelle Auswirkungen auf die einzelnen Figuren.
Die Aufmerksamkeit des Zuschauers wird also vom Kollektiv-Monumentalen auf eine individuell-psychologische Ebene gelenkt. Musikalisch war der Abend viel besser als von mir erwartet. Die Symphoniker gaben sich keine Blößen, die Sänger waren gut disponiert, der Arnold Schoenberg Chor sang makellos und präzise.
Die Akustik im Theater an der Wien ist erstaunlich, sehr schade, dass es für Musicals missbraucht wird. In ein paar Jahren werden dort wieder die Opern Mozarts im Mittelpunkt stehen, eine sehr erfreuliche Entwicklung!
29. Mai 2003
Verdi: Otello
(Staatsoper 28.5.)
Regie: Peter Wood
Dirigent: Marcello Viotti
Otello: Clifton Forbis
Jago: Renato Bruson
Desdemona: Miriam Gauci
Musikalisch hervorragenden, szenisch erzkonservativ, also eine "klassische Staatsopern-Oper". Die Sänger und Sängerinnen waren alle sehr gut disponiert, vor allem Clifton Forbis' Otello war differenziert und wohlklingend.
Die Inszenierung war gewohnt aufwändig, was Bühnenbild, Kostüme und Statisten angeht. Opernästhetisch besteht allerdings gewaltiger Nachholbedarf in Wien. Das musikalische Niveau dagegen dürfte nur von wenigen Häusern weltweit zu überbieten sein.
9. April 2003
Verdi: La Traviata
(Wiener Staatsoper 5.4.)
Musikalische Leitung: Arco Armiliato
Inszenierung: Oto Schenk
Violetta Valéry: Anna Netrebko
Giorgio Germont: Dalibor Jenis
Alfredo Germont: Tito Beltrán
Konservative Operninszenierung sind in Wien die Regel. Wer daran zweifelt, möge einen Blick auf die Spieldauer dieser "La Traviata" Aufführung werfen, ich besuchte die 236. Vorstellung. Sieht man davon ab (aber wer kann das schon), gab es wenig daran auszusetzen.
Musikalisch kann man das nicht behaupten, erkrankte doch Michael Schade kurzfristig und wurde durch Tito Beltrán als Alfredo ersetzt, der so deutlich unter dem Niveau der anderen Beteiligten sang, dass man beinahe schon Mitleid mit ihm bekommen konnte. Glänzend das Wiener Debut von Anna Netrebko als Violetta, herausragend die Duette zwischen ihr und Dalibor Jenis im zweiten Akt.
15. Februar 2003
Verdi: Rigoletto
(Staatsoper 8.2.)
Regie: Sandro Sequi
Dirigent: Vjekoslav Sutej
Rigoletto: Franz Grundheber
Herzog von Mantua: Roberto Aronica
Gilda: Stefania Bonfadelli
Zwar zähle ich mich nicht zu den großen Freunden der italienischen Oper, sondern bevorzuge die deutschsprachige Spielart der Gattung (von Mozart über Wagner und Richard Strauss zu Alban Berg). Trotzdem setze ich mich ab und zu gerne dem Belcanto-Spektakel aus, das an der Wiener Staatsoper auf hohem Niveau geboten wird.
Franz Grundheber gab einen stimmlich sehr souveränen Rigoletto samt aller notwendigen emotionalen Schattierungen. Das Orchester der Wiener Staatsoper (=Wiener Philharmoniker) spielte ungewöhnlich übermütig und der Chor der Wiener Staatsoper war mindestens so gut in Form wie der hervorragend disponierte Chor der Wiener Stadthuster.
Die Inszenierung war konservativ auf hohem Niveau, d.h. Bühnenbild und Kostüme waren mit dem üblichen großen Aufwand "realistisch" wiedergegeben. Ein musikalisch sehr erfreulicher Abend.
10. Mai 2002
Wagner: Die Walküre
(Wiener Staatsoper 9.5.)
Regie: Adolf Dresen
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Siegmund: Clifton Forbis
Hunding: Kurt Rydll
Wotan: John Tomlinson
Sieglinde: Deborah Polaski
Brünnhilde: Luana DeVol
Der erste Aufzug war etwas schwach: Clifton Forbis hatte sein Debüt an der Staatsoper, war entsprechend nervös und sang (daher?) für einen Wagner-Tenor zu kraftlos. Brillant dagegen fast alle anderen, insbesondere der auch schauspielerisch beachtliche John Tomlinson (Wotan) und Luana DeVol (Brünnhilde), die ein atemberaubendes Finale sangen. Das Staatsopernorchester brauchte auch eine Stunde Zeit, bis es zur Höchstform auflief. Ein ästhetisch sehr ansprechender Opernabend. Ach ja, die Inszenierung war nicht weiter störend :-)
23. September 2001
Wagner in Wien (1)
Die Meistersinger von Nürnberg
(Volksoper 22.9. 2001)
Walther von Stolzing: Johan Botha
Hans Sachs: Oskar Hillebrandt
Veit Pogner: Bjarni Thor Kristinsson
Beckmesser: Jochen Schmeckenbecher
Eva: Fionnuala McCarthy
Chor und Zusatzchor der Volksoper Wien, Wiener Konzertchor, Hochschulchor
Inszenierung: Christine Mielitz
Musikalische Leitung: Sebastian Weigle
Skeptisch ging ich in die Volksoper, in der ein guter Teil des Spielplans aus den immer gleichen Operetten besteht. Wagner statt Lehar?
Gesanglich war der Abend jedoch erstklassig, musikalisch ebenfalls passabel, auch wenn man hörte, dass Wagner für das Orchester des Hauses einen ungewohnten Kraftakt bedeutete. Vor allem dank der überwiegend ausgezeichneten Sänger(innen) und Chöre war es ein gelungener Opernabend. Weniger überzeugend die Inszenierung, die zwar versucht einige ironische Akzente zu setzen und die komödiantische Seite des Stückes zu betonen, aber die berüchtigten Strophen des Hans Sachs über "welschen Tand" und "deutsche Kunst" unkritisch über die Bühne bringt.
Die Aufführung zeigt auf jeden Fall, welch großes musikalisches Potenzial in der Volksoper steckt, weshalb sicher weitere Besuche (nein, keine Operetten :-) folgen werden.
Wagner in Wien (2)
Das Rheingold
(Staatsoper 23.9. 2001)
Wotan: Alan Held
Loge: Christian Franz
Alberich: Georg Tichy
Mime: Ernst-Dieter Suttheimer
Fricka: Margareta Hintermeier
Erda: Marjana Lipovsek
Orchester der Wiener Staatsoper
Inszenierung: Adolf Dresen
Musikalische Leitung: Jun Märkl
Im Gegensatz zum Orchester der Volksoper ist der Klangkörper der Staatsoper seit Jahrzehnten mit Wagner vertraut, das Ergebnis ist denn auch entsprechend beeindruckend. Märkl läßt Dissonanzen besonders hörbar hervortreten, was einen frischen Wagnerklang ergibt.
Die erstklassigen gesanglichen Qualitäten sind homogener als bei der gestrigen Aufführung, Ausrutscher nach unten gibt es nicht. Die szenische Darbietung ist jedoch ein Trauerspiel, von überzeugenden Regieideen keine Spur, deshalb erstaunt es, dass diese Inzensierung bereits seit 1992 auf dem Programm steht.
Angesichts des teilweise auffällig unruhigen Publikums verstehe ich Ludwig II. immer besser: An seiner Stelle hätte ich mir Wagner-Aufführungen ebenfalls alleine angehört :-)
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