Übersicht --- Notizen --- Wiener Theater
11. Januar 2009
Thomas Bernhard: Der Schein trügt
(Burgtheater 6.1.)
Karl: Martin Schwab
Robert: Michael König
Regie: Nicolas Brieger
Die Kritiken waren nicht sehr vorteilhaft, und tatsächlich lässt sich einwenden, dass es in der Vergangenheit inspiriertere Bernhard-Inszenierungen am Burgtheater gegeben hat. Man wird den Eindruck nicht los als bewege sich die Aufführung immer nur an der Oberfläche.
Was den Abend dennoch rettet ist die fulminante Schauspielleistung von Martin Schwab und Michael König. Schwab gibt den Artisten Karl als verzweifelt-komischen Geistesmenschen und reiht ihn damit passend in die Riege dieser schrägen Bernhard-Typen ein. König spielt dessen Stiefbruder Robert, einem pensionierten Schauspieler, überzeugend kauzig-zurückhaltend.
Es spricht nichts dagegegen, sich diese Inzensierung anzusehen, Bernhards Text trägt gut über die zwei Stunden hinweg. Man sollte aber kein großes Theaterereignis erwarten.
7. Dezember 2008
Karl Schönherr: Der Weibsteufel
(Akademietheater 2.12.)
Regie: Martin Kusej
Der Mann: Werner Wölbern
Sein Weib: Birgit Minichmayr
Ein junger Grenzjäger: Nicholas Ofczarek
Martin Kusejs brillante Theaterarbeit hebt sich vom meist aufs Mittelmaß abonnierte Wiener Theaterleben wohltuend ab. Ein vergleichsweise biederes Stück wie Schönherrs "Der Weibsteufel" in einen fulminanten Theaterabend zu verwandeln braucht mehr als bloßes Talent.
Riesige, kreuz und quer liegende Baustämme bedecken die Bühne und auf ihnen entfaltet sich das psychologische Eifersuchts- und Ehedrama. Kusej inszeniert es als eindringliches Kammerspiel bei dem man ständig den Eindruck hat, also werden hier viel größere Themen behandelt als die Racheintrige einer unterdrückten Ehefrau. Schauspielerische Perfektion rundet die Regieleistung ab.
7. November 2008
Edward Albee: Wer hat Angst vor Virgina Woolf?
(Burgtheater 25.10.)
Regie: Jan Bosse
Martha: Christiane von Poelnitz
George: Joachim Meyerhoff
Putzi: Katharina Lorenz
Nick: Markus Meyer
Anstatt der versprochenen Faust-Inszenierung, setzte das Burgtheater Edward Albees psychologisches Ehegemetzel auf den Spielplan. Das Bühnenbild, eine Menge Whiskeyflaschen stehen statt Bücher im Regal, ist originell. Mehr Originalität wird dann freilich nicht mehr geboten. Die erste Hälfte war eine langweilige Durchschnittsinszenierung, die zweite Hälfte musste deshalb ohne mich mich stattfinden. Das lag nicht an den Schauspielern, speziell von Poelnitz und Meyerhoff waren gut in Form. In keinerlei Hinsicht ein Ersatz für den ausgefallenen "Faust".
14. Juni 2008
Shakespeare: Rosenkriege
(Burgtheater 1.6.)
Regie: Stephan Kimmig
Regina Fritsch, Dorothee Hartinger, Nicholas Ofczarek, Martin Schwab, Hermann Scheidleder uvm.
Sieben Stunden Shakespeare am Stück waren angesagt, bevor das Burgtheater in eine Art Edelfanzone für die Euro verwandelt wurde, ganz so als sei die Evokation atavistischer Triebe namens Fussball nicht das Gegenteil von Kultur.
Stephan Kimmig nahm die drei Teile von Heinrich VI. und Richard III. und verwandelte diese in einen Theatermarathon. Nun zeichnen sich die Historien Shakespeares bekanntlich durch eine unglaubliche Vielschichtigkeit auf allen Ebenen aus, das fängt bei der Vielzahl der genau gezeichneten Charaktere an und hört bei der Dramatisierung politischer Konzepte und anthropologischer Konstanten noch lange nicht auf. Was macht Kimmig daraus? Er reduziert diese Komplexität auf eine Aneinanderreihung von Gewalt- und Todesszenen, ganz so wie der Banause Shakespeare gerne mit vielen Leichen auf der Bühne verbindet.
Diese viel zu lange Kurzfassung wird dann inszenatorisch noch so uninspiriert und widersprüchlich präsentiert, dass die ästhetische Ratlosigkeit mit Händen zu greifen zu war. Mal gab es eine groteske Todeszene im Stile Monty Phytons, mal eine pathetisch aufgeladene Mordtat. Das handwerklich passable Schauspiel des Ensembles kam dagegen nicht auf.
Eine zu vermeidende Zeitverschwendung!
1. Juni 2008
Gert Jonke: Freier Fall (Uraufführung)
(Akademietheater 30.5.)
Regie: Christiane Pohle
Ouvertüre: Branko Samarovski
Erich: Markus Hering
Bertl: Johannes Krisch
Göre: Adina Vetter
Butler Zwillinge: Sven Dolinski
Butler Zwillinge: Gerrit Jansen
Siedu: Libgart Schwarz
Soldat: Michael Masula
Musiker: Claus Riedl
Musiker: Georg Wagner
Von allen Gegenwartsdramatikern, denen sich das Burgtheater in der aktuellen Ära verschrieben hat, ist Gert Jonke die beste Wahl. Nach der frappenten "Versunkenen Kathedrale" ist sein neues Stück eine ebenso geistreiche wie fantasievolle Variation über diverse Themen, allem voran der Selbstmord. Die ersten zwei Drittel des Stücks zeigen den Suizid-Spezialisten Erich, frisch aus der Psychiatrie entlassen, bei seinem Hobby, nämlich Selbstmörder durch die Beschreibung einer besonders einfachen Möglichkeit, aus dem Leben zu scheiden, erfolgreich von eben diesem Tun abzuhalten. Erich erwarb sich das Freitod-Expertentum dadurch, dass er sich seit der Jungsteinzeit immer wieder erfolgreich aus diversen Biographien verabschiedet hat und dies auf kleinen Filmen dokumentierte. Diese werden dem Publikum durch Projektion als Handyvideos in Auswahl vorgespielt.
Dies ist nicht nur ein erstklassiger makaberer Spass in bester britischer Manier, er steht auch explizit in der Tradition des berühmten Wiener Morbiditätsenthusiasmus. Weitere selbstironische Anspielungen verorten Jonke klar durch diverse Topoi in der österreichischen Literaturtradition, nicht zuletzt was seine Sprachverspieltheit angeht.
Nach zwei Drittel verliert das Stück zwar etwas an Schwung, den Schluss einmal ausgenommen, trotzdem kann ein Besuch der gelungenen Inszenierung uneingeschränkt empfohlen werden.
12. April 2008
Yasmina Reza: Der Gott des Gemetzels
(Burgtheater 1.4.)
Regie: Dieter Giesing
Véronique Houillé: Maria Happel
Michel Houillé: Roland Koch
Annette Reille: Christiane von Poelnitz
Alain Reille: Joachim Meyerhoff
Reza spezialisierte sich auf Stücke, die scheinbar den Nerv der Zeit treffen. Ihr theatralisches Prinzip ist schnell benannt: Versteckte Anbiederung an die Vorurteile des gebildeten Mittelstands. So ist es nicht überraschend, dass ihr jüngster Text in den europäischen Theatern erneut stürmische Erfolge feiert. Bietet er doch nichts weniger als die Möglichkeit, Boulevard zu zeigen, der sich hinter dem Deckmäntelchen des intelligenter Gegenwartsdramatik versteckt. Angesichts leerer Theaterkassen, ergreift man so eine Gelegenheit natürlich gerne...
Bereits Rezas oft gespieltes "Kunst" folgte diesem Schema und setzte schlau auf das Unverständnis gegenüber moderner Kunst. In "Der Gott des Gemetzels" stattet ein Ehepaar einem anderen einen Versöhnungsbesuch ab. Ihr Sohn hatte dem Sprössling der anderen mit einem Stock ein paar Zähne ausgeschlagen. Ziel ist eine kultivierte Aussprache. Statt dessen setzt Reza eine Spirale in Gang, die in der Auflösung aller kultivierten Umgangsformen und einem heftigen Streit endet. Man kennt das aus viel gelungeneren Werken (Who's Afraid of Virginia Woolf?) zur Genüge.
Dies alles ist nun theatertechnisch kompetent umgesetzt, sowohl was den Text als auch was die Inszenierung angeht. So spult sich das Stück unterhaltsam vor einem ab. Man darf nur nicht den Fehler machen, darüber nachzudenken. Sonst bleibt einem das Lachen schnell im Halse stecken.
16. Februar 2008
Simon Stephens: Motortown
(Akademietheater 4.2.)
Regie: Andrea Breth
Lee: Markus Meyer
Danny: Nicholas Ofczarek
Marley: Johanna Wokalek
Tom: Jörg Ratjen
Paul: Wolfgang Michael
Jade: Astou Maraszto
Justin: Udo Samel
Helen: Andrea Clausen
Der Brite Simon Stephens führt in seinem Stück "rücksichtslos" die verheerenden psychologischen Konsequenzen des Irakkriegs vor Augen. Danny, grandios gespielt von Nicholas Ofcarek, kehrt traumatisiert aus dem Südirak in sein London der Unterprivilegierten zurück. In einzelnen, scharf geschnittenen Szenen zeigt Stephens einen durch den Krieg ruinierten Menschen in einer menschlich verwahrlosten Umwelt. Man muss immer wieder an "Woyzeck" denken: "Motortown" erinnert sowohl von der Hauptfigur als auch von der Ästhetik an Büchners Klassiker. Zumal in beiden Stücken ein Mord im Mittelpunkt steht. Dannys sadistische Tat, das Quälen und die Ermordung eines vierzehnjährigen Mädchens, inszeniert Andrea Breth so schockierend realistisch, dass mehrere Zuseher das Theater verlassen.
Auch sonst belegt Breth mit dieser brutalen Milieustudie einmal mehr, dass sie zu den besten Theatermacherinnen im deutschsprachigen Raum zählt. "Motortown" zeigt, wie gute Gegenwartsdramatik aussehen kann, speziell, wenn es mit einem so großartigen Ensemble umgesetzt wird.
13. Januar 2008
Schiller: Wallenstein [3.]
(Werkausgabe & Burgtheater 5.1.)
Regie: Thomas Langhoff
Wallenstein: Gert Voss
Octavio Piccolomini: Dieter Mann
Max Piccolomini: Christian Nickel
Graf Terzky: Johannes Terne
Illo: Dirk Nocker
Isolani: Johannes Krisch
Buttler: Ignaz Kirchner
Herzogin von Friedland: Kitty Speiser
Thekla: Pauline Knof
Gräfin Terzky: Petra Morzé
Viel Glück hatte das Burgtheater nicht mit diesem "Wallenstein". Ursprünglich sollte Andrea Breth die Reihe ihrer ausgezeichneten Schiller-Inszenierungen fortsetzen: zwei Abende waren geplant. Breth musste leider (leider!) eine Auszeit nehmen und Thomas Langhoff sprang ein. Aus zwei Abenden wurde einer, womit wir schon am Kern des ästhetischen Problems angekommen sind.
Eine Kurzfassung aufzuführen, ist natürlich immer eine legitime Möglichkeit. "Der Sturm" im Akademietheater etwa bot eine originelle und deshalb stimmig geschrumpfte Version. Langhoff dagegen kürzte, ohne sein Regiekonzept einer "normalen" (modernen) Klassikerinszenierung aufzugeben. Die Konsequenz: Bildungsbürgerlicher Schiller in einer Digestfassung, die viel Bildungsgut wegkürzt. Ein seltsames Paradoxon.
Während man die "Die Piccolomini" und "Wallensteins Lager" ordentlich zusammenstutzte, fiel "Wallensteins Lager" komplett der Schere zum Opfer. Das ist besonders ärgerlich, weil sich Schiller hier auf der Höhe seiner Theaterkunst zeigt. Er bringt zum ersten Mal viel (Kriegs)volk als Hauptdarsteller auf die Bühne, und nimmt damit partiell Büchners "Woyzeck" vorweg. Zusätzlich greift er zum raffinierten Mittel der indirekten Einführung seiner Hauptfigur. "Wallenstein" ist an jedem Lagerfeuer präsent, ohne im ersten Teil der Triologie einen Auftritt zu haben.
Die viereinhalb Stunden lange Kurzfassung ist, sieht man von diesen grundsätzlichen Einwänden ab, nicht völlig misslungen. Vor allem, wenn man das Stück frisch gelesen noch im Gedächtnis hat, und damit die Kürzungen leichter verschmerzt. Gert Voss kann als Wallenstein nicht gänzlich überzeugen. Dieser Feldherr ist als eine Art gealterter Hamlet angelegt, ein intellektueller Zauderer. Diesen Typus verkörpert Voss gekonnt, dafür bleibt das Charisma eines Heerführers auf der Strecke und damit ein wichtiger Teil des Charakters der Figur. Christian Nickels Max Piccolomini, der beim Lesen an den moralischen Idealismus und das Feuer des Marqis de Posa erinnert, wirkt ähnlich blass.
Nach diesem Abend frägt man sich einmal mehr, warum keine der großartigen Inszenierungen der Breth ("Don Karlos", "Maria Stuart") mehr auf dem Spielplan steht.
30. Dezember 2007
Dostojekwskij: Die Brüder Karamasow
(Akademietheater 28.12.)
Regie: Nicolas Stemann
mit Sachiko Hara, Myriam Schröder, Mareike Sedl, Adina Vetter, Philipp Hochmair, Hans Dieter Knebel, Thomas Lawinky, Rudolf Melichar, Joachim Meyerhoff, Sebastian Rudolph, Hermann Scheidleder, Martin Schwab
Nun habe ich ja eine Schwäche für ästhetischen Wagemut, weshalb ich diesem megalomanen Projekt, einen der großen Romane Dostojewskijs auf die Bühne zu bringen, mit Spannung entgegen sah. Nicolas Stemann war bisher vor allem durch seine kongenialen Bühnenfassungen diverser Stücke der Elfriede Jelinek bekannt, deshalb war nicht vorherzusehen, wie er diese Sache angeht. Eine neue Variante von Castorfs Stückezertrümmerung?
Im Gegenteil! Stemann und der Dramaturg Joachim Lux versuchten buchstäblich die wesentliche Motive des Romans zu inszenieren: Einerseits die "Sex and Crime" Handlung rund um Vatermord und Frauengeschichten, andererseits den metaphysischen Überbau und das Religionsthema (Theodizee!). Letzteres immer wieder mit erfrischend ironischen Elementen angereichert(z.B. durch einen katholischer Knabenchor), was angesichts der pathetisch-sentimentalen Seite dieser Medaille dringend notwendig war . Stemann gruppiert diesen Motivkomplex rund um die den Starzen Sosima und legt weltanschauliche Textpassagen aus dem Roman diversen Akteuren in den Mund. Als erste Szene wählte Stemann sehr geschickt eine überaus theaterwirksame aus: Das Zusammentreffen der drei Brüder mit dem Vater Karamasow bei Sosima.
Es verblüfft, wie viel wichtige Motivstränge sich in knapp vier Stunden Theater unterbringen lassen. Am effektivsten ist natürlich die Kriminalgeschichte, und wenn man einen Einwand machen will, dann könnte man sagen, dass sie weniger eng verwoben mit dem Weltanschauungsthema ist als im Roman. Hier kommt das Theater an die Grenze seiner Möglichkeiten.
Die Inszenierung insgesamt ist sehr gelungen. Das Bühnenbild schwankt zwischen klösterliche Leere und einem zweistöckigen nach vorne offenen "Haus" in dem sich gleichzeitig Szenen der Handlung abspielen. Requisten werden effektvoll oft nur angedeutet (eine Tür im leeren Raum). Die schauspielerische Leistung ist zu großen Teilen brillant. Wieder ist es Joachim Meyerhoff, der mit seiner Kunst verblüfft: Er trägt als Iwan so furios die Erzählung vom Grossinquistor vor (besser: er durchläuft während der Lesung eine Metamorphose und wird selbst zum Inquisitor).
Diese Aufführung ist ein klarer Beleg dafür, dass sich "verrückte" Ideen auszahlen können. Eine Empfehlung.
15. Dezember 2007
Lukas Bärfuss: Die Probe (Der brave Simon Korach)
(Akademietheater 4.12.)
Regie: Nicolas Brieger
Peter: Dietmar König
Simon: Michael König
Franzeck: Roland Koch
Agnes: Sabine Haupt
Helle: Barbara Petritsch
Lukas Bärfuss wird gegenwärtig gern gespielt, greift er doch aktuelle Themen auf und bringt sie auf die Bühne. Dieses Mal hat er sich die Gentechnik erwählt, eines der Lieblingsthemen der Feuilletons seit längerer Zeit. Peter Korach, glücklicher Ehemann und Familienvater, packt der Zweifel und er läßt heimlich einen Vaterschaftstest durchführen: Sein vierjähriger Sohn ist nicht mit ihm verwandt. Hier setzt das Stück ein und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Ein Hauch Ibsen garniert mit grotesken Elementen ist das Ergebnis. Zweiter Motivkomplex ist die politische Karriere seines linken Vaters, der eben zu einem erneuten Anlauf ansetzt, das Bürgermeisteramt zu erobern. Nimmt man noch einen aus der Gosse aufgenommenen "Adoptivsohn" hinzu, den Simon Korach zu seinem Wahlkampfleiter kürte und der Peter den Floh mit der Probe ins Ohr setzte, ist die dramatische Konstellation komplett. Dank des wie immer sehr guten Ensembles und des geglückten Bühnenbilds ergibt das einen passablen zweistündigen Theaterabend. Viel mehr hat das zeitgenössische Drama im Moment offenbar nicht zu bieten.
9. Dezember 2007
Wajdi Mouawad: Verbrennungen
(Akademietheater 2.12.)
Regie: Stefan Bachmann
Nawal: Regina Fritsch
Jeanne: Melanie Kretschmann
Simon: Daniel Jesch
Hermile: Markus Hering
Antoine: Juergen Maurer
Sawda: Sabine Haupt
Nihad: Klaus Brömmelmeier
Man sieht es buchstäblich vor sich, wie im Sommer 2006 anlässlich des Libanonkrieges die Köpfe im Burgtheater rauchten. Ein aktuelles Stück über den Libanon muss her! Zeitgenössisches, politisches Theater ist ein wichtiges Anliegen, und man kann ja nicht jedes Mal wie ein x-beliebiges Stadttheater "Mutter Courage" hervorkramen, wenn es wieder einmal Krieg gibt. Man suchte und suchte und schließlich stieß man auf "Verbrennungen" von Mouwad und hatte sogar noch eine österreichische Erstaufführung in der Tasche.
Leider hat diese Geschichte kein happy end: Es handelt sich nämlich um ein miserables Stück. Mouawad gibt sich nämlich nicht mit den Verfassen eines Antikriegsstücks zufrieden, er muss es auch noch zu einer Art griechischen Tragödie aufblähen: Inzest, Vergewaltigung, Verblendung: Alles da. Dramaturgisch ist das alles ziemlich holprig (eine antike Tragödie beginnend mit einer Testamentseröffnung beim Notar) und das Stück überwiegend konturlos. Will man die Hölle der Gegenwartskriege darstellen, ist es nicht notwendig, gleichzeitig noch eine Orestie für Arme abzunudeln. Will man Betroffenheit hervorrufen (mit quasirealistischen Schockszenen) sollte man keine Hampelmänner wie die Figur des Notars ins Stück aufnehmen. Es reicht nicht ein paar klassische Dramenmotive zu nehmen (Suche nach dem Vater, Geschwisterkonflikt) und diese willkürlich mit realistischen Elementen zu vermischen.
Die Regie geht mit diesem Problem auch eher ratlos um, weicht stellenweise sogar in Richtung Slapstick aus. Das Beste, was man über den Abend sagen kann, ist die tolle schauspielerische Leistung. Das Ensemble ist großartig und sorgt für die einzigen lichten Momente eines langweiligen Theaterabends.
24. November 2007
James Goldman: Der Löwe im Winter
(Burgtheater 21.11.)
Regie: Grzegorz Jarzyna
Henry: Wolfgang Michael
Eleanor, seine Frau: Sylvie Rohrer
Richard, ihr ältester Sohn: Markus Meyer
Geoffrey, ihr mittlerer Sohn: Philipp Hauß
John, ihr jüngster Sohn: Sven Dolinski
Alais Capet: Katarzyna Warnke
Philipp Capet, ihr Bruder: Tomasz Tyndyk
Das im März 1965 am Broadway uraufgeführte Stück war ein ebenso großer Erfolg wie die drei Jahre später gedrehte Verfilmung mit Peter O'Toole und Katherine Hepburn. Auf den deutschsprachigen Bühnen war es selten zu sehnen: Das Burgtheater bringt also eine Rarität und zwar ein Historiendrama, das im späten 12. Jahrhundert am Hof Henry II. spielt, und die Aufteilung des Reiches unter seinen drei Söhnen zum Thema hat. Die Inszenierung Jarzynas transponiert diese Konflikt in ein modernes Unternehmen. Sehr seltsam deshalb, dass am Ende in einem schriftlichen Abspann ausführlich die historischen Folgen des Konflikts referiert werden, was einen unausgegorenen Eindruck hinterlässt.
Den Regiestil würde ich mit den Adjektiven elegant, ausgewogen, stilisiert beschreiben, was gut zu dem Stück passt. Das auf zwei Ebenen angesiedelte Bühnenbild erinnert an ein modernes Hotelatrium, das mit durch Glaswänden abgetrennte Räume umgeben ist, und sehr stimmig zur Inszenierung passt. Das Ensemble ist ohne Ausnahmen sehenswert. Es hätte ein herausragender Theaterabend werden können.
Die Crux des Abends war die musikalische Untermalung. Entweder durfte ein Pianist auf der Bühne in Potpourri-Manier das Geschehen begleiten oder es gab penetrante Hintergrundmusik aus den Lautsprechern. Jarzyna vertraute offenbar seiner Regiekunst nicht genug und setzte dieses plumpe Mittel zur Stimmungsmache ein. Die Inszenierung hätte ohne diese Berieselung jedoch viel besser funktioniert und wäre stimmiger gewesen. Das ist kein Grund, nicht ins Burgtheater zu gehen, reduziert aber einen potenziell erstklassigen Abend auf ein durchschnittliches Niveau.
20. Oktober 2007
Shakespeare: König Lear
(Burgtheater 13.10.)
Regie: Luc Bondy
Lear, König von Britannien: Gert Voss
König von Frankreich: Roch Leibovici
Herzog von Burgund / Oswald: Markus Hering
Herzog von Cornwall: Johannes Krisch
Herzog von Albany: Gerd Böckmann
Graf von Gloster: Martin Schwab
Graf von Kent: Klaus Pohl
Edgar, Glosters Sohn: Philipp Hauß
Edmund, Glosters Bastard: Christian Nickel
Der Narr: Birgit Minichmayr
Man freut sich heutzutage, wenn man gelegentlich ein komplettes Stück sehen kann, das nicht durch Kürzungen auf die Hälfte zusammengestrichen wurde. Luc Bondy lieferte erwartungsgemäß eine klassische Inszenierung ab, was einen Theaterabend von etwa viereinhalb Stunden ergibt. Die Schauspieler fügen sich ausgezeichnet in dieses Konzept ein. Gert Voss spielt den Lear wie große alte Schauspieler den Lear zu spielen pflegen: handwerklich glänzend und mit vollem Einsatz. Ihm zur Seite gibt Birgit Minchmayr einen fulminanten Narren. Auch der Rest des Ensembles agierte, wie man es vom Burgtheater erwarten darf.
Der Learstoff kommt aus der Märchenwelt, was man gegen zu viel Realismus als Einwand vorbringen könnte, denn Luc Bondy geht seine Sache mit blutigem Ernst an. Mit Ausnahme der Sturmszene gibt es wenige ironische Brechungen. Grausamkeiten werden ebenso sorgfältig ausgespielt wie die zahlreichen Todesszenen. So werden die Augen des Graf von Gloster mit so viel Bühnenblut auf der Bühne ausgestochen, dass so mancher Fan von Splattermovies seine Freude daran hätte. Gestorben wird quälend langsam, was an einigen Stellen die Grenze zum Komischen überschreitet. Etwas weniger Pathos hätte die Inszenierung ästhetisch deutlich aufgewertet.
Diese Kritik ändert aber nichts daran, dass es sich insgesamt um eine sehr gelungene Klassikeraufführung handelt.
23. September 2007
Shakespeare: Sturm
(Akademietheater 23.9.)
Regie: Barbara Frey
Dramaturgie: Joachim Lux
Prospero: Johann Adam Oest
Caliban: Maria Happel
Ariel: Joachim Meyerhoff
Genau genommen handelt es sich bei der Aufführung nicht um "Sturm" von Shakespeare, sondern um eine ebenso kurze wie grandiose Variation rund um dieses Stück. Alle Figuren werden von den oben genannten drei Schauspielern gespielt, soweit Handlungselemente nicht erzählt werden. Das klingt nun sehr seltsam, funktioniert dank der klugen Dramaturgie des Joachim Lux aber ausgezeichnet. Ergebnis ist eine furiose, an vielen Stellen auch sehr komische Szenenfolge. Die schauspielerische Leistung ist brillant, speziell Meyerhoff und Happel sind herausragend. Unbedingt sehenswert, wenn auch kein Ersatz für eine vollständige Inszenierung des "Sturm".
3. Juni 2007
Complicite: A Disappearing Number
(Wiener Festwochen 31.5.)
Konzept und Inszenierung: Simon McBurney
Musik: Nitin Sawhney
Mit: David Annen, Firdous Bamji, Paul Bhattacharjee, Hiren Chate, Divya Kasturi, Simon Pandya, Saskia Reeves, Shane Shambhu
Sehr gespannt ging ich in diese Produktion der britischen Theatergruppe Complicite (Leitung: Simon McBurney), sollte doch nichts weniger als Mathematik auf die Bühne gebracht werden. Thema des Abends war das Leben des indischen Mathematikers Srinivasa A. Ramanujan, den viele Kenner der Materie für einen der herausragendsten Köpfe seines Faches halten, und dessen abenteuerliche Biographie durchaus bühnentauglich ist.
Der Abend beginnt denn auch mit einer fiktiven Mathematikvorlesung, die am Ende der Szene allerdings durch einen der Schauspieler witzig als Theater "entlarvt" wird. Dramaturgisch erinnerte das weniger an Brecht als an Monty Pythons "Flying Circus", wo Humor auch regelmäßig durch einen Schwenk auf die Metaebene hergestellt wird. Diese klassisch britische Ästethik wird aber nicht beibehalten: Die Regie setzt auf ein sehr avanciertes Illusionstheater wobei Mittel der TV- und Filmästhetik oft zum Einsatz kommen (schnelle Schnitte zwischen verschiedenen Erzählebenen, Videoprojektionen, "Filmmusik"). Die dadurch erreichten theatralischen Bildeffekte sind frappant. Die bis an die Grenzen geforderte Bühnentechnik wird mit einer Leichtigkeit und Präzision eingesetzt, von der sich alle Wiener Theater mehrere Scheiben abschneiden könnten.
Nun hat diese Furiosität den Nachteil, dass die Vielzahl der (guten) Einfälle eine so hohe semantische Dichte erzeugen, dass man diese Inszenierung mehrmals sehen müsste, um ihr gerecht zu werden. Es regt sich auch der (leise) Verdacht, dass dieser Aufwand dazu dient, das Publikum angesichts der komplexen behandelten Themen bei Laune zu halten.
Diese Form des Theater bewegt sich weit von der klassischen Ausprägung der Kunstform weg, wo man auf die Bühnenpräsenz einiger Schauspieler und das Wort vertraut. Dies wird aber so überzeugend praktiziert, dass man diese Inszenierung nur als sehr gelungen bezeichnen kann.
23. Mai 2007
Peter Handke: Spuren der Verirrten
(Akademietheater 16.5.)
Regie: Friederike Heller
Mitwirkende: Philipp Hochmair
Mitwirkende: Rudolf Melichar
Mitwirkende: Jörg Ratjen
Mitwirkende: Sachiko Hara
Mitwirkende: Petra Morzé
Mitwirkende: Bibiana Zeller
Musik: KANTE
Man mag zum Regietheater stehen wie man will: Theatertexte wie "Spuren der Verirrten" oder etwa jene der Elfriede Jelinek setzen eine starke Regie voraus, da sie "an sich" wenig theatralisch sind. So zieht auch diesmal Friederike Heller alle Register, um den Text in kurzweilige 120 Minuten zu verpacken. Dies geschieht durch schnelle Wechsel zwischen den Schauspielern, was einzelne Rollenfragmente angeht, sowie durch das ständige Changieren zwischen verschiedenen Ebenen: Mal verkörpert ein Schauspieler eine Figur, mal erzählt er über sie, mal kommentiert er. Körpereinsätze kommen ebenfalls nicht zu kurz: Es soll den Zusehern ja nicht langweilig werden.
Der Gesamteindruck am Ende ist nicht negativ, es gab einiges Interessante zu hören und zu sehen. Man stellt sich beim Hinausgehen allerdings die Frage, welchen ästhetischen Zweck diese Art von Theater verfolgt. Beliebigkeit ist nicht jedermanns Sache.
5. Mai 2007
Shakespeare: Maß für Maß
(Burgtheater 1.5.)
Regie: Karin Beier
Vincentio: Tilo Werner
Angelo: Nicholas Ofczarek
Escalus: Michael Wittenborn
Claudio: Simon Eckert
Isabella: Christiane von Poelnitz
Der Shakespeare-Zyklus des Burgtheaters ist bisher kein Glanzlicht der Theaterkunst und erreicht mit dieser Inszenierung einen neuen Tiefpunkt. Karin Beier, die Shakespeare in Interviews gerne ausrichten lässt, seine Werke hätten dramaturgische Schwächen, zu deren Überwindung sie aktiv beitragen müsse, hätte sich besser um ein grundlegendes Verständnis seiner Ästhetik bemüht. Dann wüßte sie nämlich, dass man die Ortsangaben in seinen Stücken (in diesem Fall: Vienna) auf keinen Fall wörtlich nehmen darf.
Genau darauf (und nur darauf!) basiert ihr Regiekonzept: Die Rüpelszenen des Originals werden durch neu geschriebene Szenen aus dem Wiener Rotlichtmilieu ersetzt. Das ist durchaus witzig geworden und bietet dem (dankbaren!) Publikum eine seltene Gelegenheit, ihre Burgschauspieler hemmungslos beim Herumblödeln zuzusehen. Wie aus einem anderen Stück wirken dann Nicholas Ofczarek und Christine von Poelnitz, wenn die beiden wie große Tragöden den Haupthandlungsstrang von "Maß für Maß" spielen. Keine Klammer hält diese divergenten Bereiche zusammen. Ein unterhaltsamer Theaterflop für Freunde der höheren Blödelei.
24. März 2007
Shakespeare: Julius Caesar
(Burgtheater 19.3.)
Regie: Falk Richter
Julius Caesar: Peter Simonischek
Octavian, Triumvir nach Caesars Tod: Moritz Vierboom
Marc Anton, Triumvir nach Caesars Tod: Michael Maertens
Ämilius Lepidus, Triumvir nach Caesars Tod: Ronald K. Hein
Marcus Brutus, Verschworener gegen Julius Caesar: Roland Koch
Cassius, Verschworener gegen Julius Caesar: Ignaz Kirchner
Casca, Verschworener gegen Julius Caesar: Cornelius Obonya
Es ist nicht einfach, diese Inszenierung auf einen Nenner zu bringen. "Julius Caesar" gilt als notorisch schwieriges Bühnenstück, was mit der Konzeption des Dramas eng zusammenhängt: Es gibt eine Reihe von wichtigen Figuren, keine davon steht wirklich im Zentrum, auch Caesar nicht. Liest man das Stück, trägt diese Ambivalenz maßgeblich zur literarischen Qualität bei, speziell in Kombination mit der offenen Bewertung der Protagonisten. Shakespeare überzieht sein Drama mit vielen Grautönen: Weder ist Caesar als machtgieriger Tyrann dargestellt noch Brutus als strahlender Freiheitsheld. Die ethische und politische Komplexität des Themas wird so herausgearbeitet, dass es auch heute noch modern wirkt. Aus handwerklicher Sicht schränkt das aber ebenso die Bühnentauglichkeit ein wie die strukturell "losen" letzten beiden Akte nach den beiden Höhepunkten im dritten Akt: Die Ermordung Caesars und die demagogische Rede Marc Antons.
Richter zieht in seiner Regie Analogien zur modernen Mediengesellschaft und deren negative Implikationen auf demokratische Verhältnisse. Nicht nur die alten Römer waren wankelmütig und leicht zu beeinflussen, auch der vermeintlich mündige Bürger heute lasse sich leicht von den Medien manipulieren. Das ist durchaus plaubsibel und Richter bringt das auch anschaulich auf die Bühne. Nur reicht dieses "schmalspurige" Konzept nicht aus, um durch das ganze Stück zu tragen.
Die schauspielerische Leistung ist durchschnittlich, weder besonders inspiriert noch negativ auffallend, sieht man einmal vom Ende der Massenselbstmorde ab, das einen etwas schalen Nachgeschmack hinterlässt.
Zusammenfassend keine Glanzleistung der Theaterkunst, aber ich würde auch nicht davon abraten, sich die Inzenierung anzusehen.
14. Januar 2007
Shakespeare: Ein Sommernachtstraum
(Burgtheater 9.1.)
Regie: Theu Boermans
Theseus, Oberon: Peter Simonischek
Egeus: Bernd Birkhahn
Lysander: Philipp Hauß
Demetrius: Patrick O. Beck
Philostrat, Puck: Maria Happel
Squenz: Johannes Terne
Zettel, der Weber: Udo Samel
Leider ging meine anläßlich von "Viel Lärm um Nichts" geäußerte Hoffnung, die nächsten Aufführungen mögen qualitativ diesen Auftakt fortsetzen, nicht in Erfüllung. Dieser "Sommernachtstraum" hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. Dabei wären die Voraussetzungen nicht so schlecht: Ein hervorragendes Ensemble, einige witzige Einfälle rund um Bühnebild, Kostüme und Besetzung (etwa die Elfen als alte Damen) böten eine gute Ausgangslage.
Trotzdem hat man von Anfang an den Eindruck, der Aufführung einer ambitionierten Schauspielschule beizuwohnen. Szene nach Szene wird handwerklich solide abgenudelt, und zwar in einer erstaunlich geistlosen Form. Von einer übergreifenden Regieidee oder einer intellektuellen Durchdringung des Stoffes keine Spur. So kann man sich der Verwunderung der NZZ nur anschließen, dass sich das Burgtheater so viel Mittelmaß erlaubt.
Der Shakespeare-Zyklus hat also unentschieden begonnen: Es kann nur besser werden.
17. Dezember 2006
Shakespeare: Viel Lärm um Nichts
(Burgtheater 9.12.)
Regie: Jan Bosse
Don Pedro, Prinz von Arragon / Ein Mönch: Nicholas Ofczarek
Leonato, Gouverneur von Messina: Martin Reinke
Don John, Pedros Halbbruder: Jörg Ratjen
Claudio, ein florentinischer Graf: Christian Nickel
Benedict, ein Edelmann aus Padua: Joachim Meyerhoff
Borachio, Don Juans Begleiter: Michael Masula
Hero, Leonatos Tochter: Dorothee Hartinger
Beatrice, Leonatos Nichte: Christiane von Poelnitz
Etwa zwölf Shakespeare Stück hat Klaus Bachler für diese und nächste Saison auf den Spielplan setzen lassen, eine mir naturgemäß sympathische Entscheidung. Den gelungenen Auftakt gab Jan Bosse nun mit seiner Inszenierung von "Viel Lärm um Nichts". Die Burgtheater-Dramaturgie stutzte das Stück auf zwei Stunden zusammen. Nun bin ich kein Freund von Kürzungen, aber in diesem Fall wurde das Skalpell intelligent benutzt. Nur die Doppelbesetzungen, etwa Ofczarek als Don Pedro und Mönch, dürften auf die Nicht-Leser im Publikum etwas verwirrend wirken.
Oberflächlich im besten Sinn des Wortes hat Jan Bosse seine Regie angelegt. Er setzt fast ausschließlich auf die komödiantische Intrigenhandlung sowie auf den "Bühnenknüller" Beatrice versus Benedict, die sich rhetorisch fulminant beflegeln. Erneut zeigt Meyerhoff sein grandioses komisches Talent. Die "Kreuzstruktur" des Stücks wird trotz aller Oberflächlichkeit sichtbar und damit das ästhetische Kernprinzip der Komödie.
Das Bühnenbild witzig, die Kostüme geistreich, das Ensemble in Bestform: Was will man mehr?
3. Dezember 2006
René Pollesch: Das purpurne Muttermal
(Akademietheater 28.11.)
Regie: René Pollesch
Mitwirkende: Sachiko Hara
Mitwirkende: Caroline Peters
Mitwirkende: Sophie Rois
Mitwirkende: Daniel Jesch
Mitwirkende: Hermann Scheidleder
Mitwirkende: Stefan Wieland
Mitwirkende: Martin Wuttke
Seltsame Dinge gab René Pollesch vor der Premiere von sich. Er wolle (postmoderne) Theorien auf die Bühne bringen. Wer nun die plausible These vertritt, dass schlechtes Denken auf der Bühne zwangsläufig auch schlechtes Theater ergibt, sieht sich bei dieser Uraufführung eines besseren belehrt. Man wird mit einem furiosen Anspielsfeuerwerk konfrontiert, das sich auf mehreren Ebenen abspielt. Eine davon findet hinter der Bühnenkulisse in dort aufgestellten Filmsets statt, die via Leinwand dem Publikum zur Kenntnis gebracht werden. In elegantem Schwarzweiss, versteht sich. Auf mich wirkte das Ganze wie eine sehr komische Variante des absurden Theaters. Sollte Pollesch tatsächlich die Absicht haben, konkrete Inhalte zu vermitteln, wäre er gescheitert. Das Ensemble spielt glänzend, das Kamerateam hinter der Bühne leistet ebenfalls Erstaunliches. In dieser Saison wohl das bisher interessanteste Stück im Akademietheater.
1. November 2006
Nestroy: Höllenangst
(Burgtheater 23.10.)
Regie: Martin Kusej
Adele von Stromberg: Alexandra Henkel
Freiherr von Stromberg: Johannes Krisch
Freiherr von Reichthal: Dietmar König
Von Arnstedt: Denis Petkovic
Von Thurming: Joachim Meyerhoff
Pfrim: Martin Schwab
Eva: Barbara Petritsch
Wendelin: Nicholas Ofczarek
Rosalie: Caroline Peters
Die Theaterkritik feierte diese Inszenierung bereits nach der Premiere bei den Salzburger Festspielen: zu Recht! Martin Kusej ist derzeit wohl der einzige österreichische Regisseur von Weltrang. Persönlich bin ich kein Freund Nestroys und vertrete die häretische Ansicht, dass die ihm hier in Wien entgegen gebrachte Verehrung mehr mit Lokalpatriotismus statt mit validen ästhetischen Urteilen zu tun hat.
Mehr als Kusej aus dieser Posse herausholt, ist nicht möglich. Er lässt sich (wie alle großen Regisseure) auf den Geist des Stückes ein, inszeniert es durchaus "nestroyianisch" und setzt trotzdem eine Menge witzige Kontrapunkte. Fulminant beispielsweise der Auftritt des "falschen Teufels", wo sich Kusej augenzwinkernd der Theatermaschinerie bedient: Licht, Sturmmaschine und Nebelwerfer begleiten sein Erscheinen. Diese treffende Mischung aus "Bühnenmittelironie" und Effekt zeigt, wie souverän dieser Regisseur sein Metier beherrscht.
Schauspielerisch war der Abend durchweg vorzüglich. Martin Schwab als "Pfrim" ist grandios. Sehenswert ist die Aufführung ohne Zweifel. Man sollte Kusej endlich mal Gelegenheit geben, sich an einem der größeren Brocken des Repertoires zu versuchen.
Neil LaBute: Some Girl(s)
(Akademietheater 27.10.)
Regie: Dieter Giesing
Mann: Christian Nickel
Sam: Sylvie Rohrer
Tyler: Johanna Wokalek
Lindsay: Petra Morzé
Bobby: Mareike Sedl
Ich ahnte es schon: Nach einem tollen "Reigen" und einer brillant inszenierten "Höllenangst" war es unwahrscheinlich, einen dritten vorzüglichen Theaterabend in Folge zu erleben. Diese statistische Überlegung war korrekt: Es war eine fade Angelegenheit. Wie meistens lag es nicht an den Schauspielern (besser: Schauspielerinnen). Die drei Damen des Abends boten eine beachtliche Leistung. Christian Nickel als intellektueller Exliebhaber verblasste vor dem Elan des weiblichen Ensembles.
Aber das Stück! Man soll verschiedene Kunstformen ja nicht gegeneinander ausspielen, aber das Genre "New Yorker Intellektueller mit Beziehungsproblemen" zwingt einen zum Vergleich mit den besten Filmen Woody Allens, ein Vergleich bei dem Neil LaButes uninspiriertes Stück noch blasser wird als es bereits von Natur aus ist. Der "Mann" trifft in vier verschiedenen amerikanischen Städten Ex-Freundinnen zur Aussprache, angeblich um etwaige offene wunde Punkte aus der Vergangenheit zu klären, bevor er sich verheiratet. Die vier Begegnungen verlaufen naturgemäß anders als erwartet. Der Dialog wirft ein paar Pointen ab: Das wars. Während Woody Allen seine Arbeiten mit einer soliden intellektuellen Basis ausstattet, ist "Some Girl(s)" abgesehen von den Beziehungskisten frei von jeder geistigen Substanz. Das Ergebnis: überflüssiger Edel-Boulevard. Man kann Abende anregender verbringen.
22. Oktober 2006
Schnitzler: Reigen
(Burgtheater 21.10.)
Regie: Sven-Eric Bechtolf
Die Dirne: Birgit Minichmayr
Der Soldat: Cornelius Obonya
Das Stubenmädchen: Tamara Metelka
Der junge Herr: Dietmar König
Die junge Frau: Regina Fritsch
Der Ehemann: Robert Meyer
Das süße Mädel: Stefanie Dvorak
Der Dichter: Juergen Maurer
Die Schauspielerin: Sabine Haupt
Der Graf: Sven-Eric Bechtolf
Schnitzlers berühmtestes Stück ist seit einigen Tagen wieder auf Wiens größter Bühne zu sehen. Premiere hatte es 1999 im Kasino, der Experimentierbühne des Burgtheaters, arbeitete sich 2002 zum Akademietheater vor und ist nun im großen Haus am Ring angekommen. Eigentlich eine Verlegenheitslösung, sollte doch im Oktober Andrea Breths lang erwarteter "Wallenstein" in zwei Teilen Premiere feiern. Die Unpässlichkeit der Regisseurin warf jedoch die Saisonplanung um, weshalb man den mit bisher 80 Abenden sehr erfolgreichen "Reigen" wieder ausgrub.
Bechtolfs Regie bringt die Struktur des Stücks quasi "wörtlich" auf die Bühne: Alle Teilnehmer der Beischlafstaffel sind von Anfang an samt fahrbahren Betten auf der Szene und begeben sich für ihre Auftritt in den Vordergrund. Das Bühnenbild beschränkt sich ansonsten auf eine Feuermauer mit eindeutigen roten Lampen, die in großer Höhe montiert sind.
Bechtold läßt wie die meisten Schauspieler-Regisseure seinen Kollegen viel Spielraum und setzt auf das Wienerische des Stücks. Ergebnis ist eine herausragende Leistung des Ensembles, die mit sichtlicher Freude ihre Rollen ausspielen. Während andere Inszenierungen gerne die öde Melancholie der Akte betonen, steht hier die komödiantische Seite im Mittelpunkt. Grandios komisch etwa Jürgen Maurer als Dichter oder Regina Fritsch als hysterische junge Frau. Prädikat wertvoll.
14. Oktober 2006
Roland Schimmelpfennig: Ende und Anfang. Dramatisches Gedicht
(Akademietheater 9.10.)
Regie: Nicolas Stemann
Der Mann in der Küche, Peter: Sebastian Rudolph
Der Verbrannte Gast, Frankie: Markus Hering
Die Frau ohne Schlüssel, Isabel: Myriam Schröder
Der Mann zwischen sechzig und siebzig: Rudolf Melichar
Das schlaksige Mädchen, Dorothea: Stefanie Dvorak
Der Vogelmann: Philipp Hochmair
Der russische Tierpfleger, Pjotr Antónovitsch Rostov: Hermann Scheidleder
Nicolas Stemann genießt berechtigterweise den Ruf, sogenannte "unspielbare" Stücke passabel auf die Bühne zu bringen. Texte Elfriede Jelineks beispielsweise brachte er kongenial auf die Bühne des Akademietheaters.
Auch bei diesem neuen "dramatischen Gedicht" mühte er sich ebenso redlich wie das gut disponierte Ensemble. Allein der beste Regisseur und Weltklasse-Schauspieler helfen nichts, wenn das Stück schlecht ist. Verschiedene Handlungsstränge laufen lose assoziiert neben einander her, wobei Monologe der Protagonisten dominieren. Diese lose Form passt nicht wirklich zum "Inhalt", in deren Mittelpunkt gescheiterte bis seltsame Existenzen stehen. Es gibt ein paar gelungene Theatermomente, die sich Einfällen der Regie verdanken, aber das ist selbst für kurze fünfundsiebzig Theaterminuten zu wenig. Möge dieses Auftragswerk des Burgtheaters anderen Häusern erspart bleiben.
17. September 2006
Peter Handke: Die Unvernünftigen sterben aus
(Akademietheater 10.9.)
Regie: Friederike Heller
Hermann Quitt: Philipp Hochmair
Hans, sein Vertrauter: Hermann Scheidleder
Franz Kilb, Kleinaktionär: Michael Tregor
Harald von Wullnow, Unternehmer: Rudolf Melichar
Berthold Koerber-Kent, Unternehmer: Jörg Ratjen
Karl-Heinz Lutz, Unternehmer: Markus Meyer
Paula Tax, Unternehmerin: Dorothee Hartinger
Quitts Frau: Sachiko Hara
Es ist keine originelle Meinung, den frühen, experimentierfreudigen Handke dem späten raunenden vorzuziehen. Diese Stück aus dem Jahre 1973 bestätigt dieses Urteil aber einmal mehr. Handke bringt einen Unternehmer auf die Bühne, der eine Absprache mit seinen Konkurrenten in Sachen Marktaufteilung eingeht, seine Mitbewerber und Freunde danach aber trotzdem in den Ruin treibt.
Das wird mit einigem Wortwitz auf die Bühne gebracht.
Friedericke Heller entschied sich für ein abstraktes Bühnenbild mit Plexiglas-Wänden, das durchaus an moderne Büros erinnert, und durch Projektionen von urbanen Landschaften ergänzt wird. Wie schon ihre letzte Arbeit am Akademietheater, Handkes "Untertagblues", setzt sie Mikrophone gezielt zur Verstärkung ein und arbeitet mit sorgfältig arrangierten Figurenensembles.
An der schauspielerischen gibt es ebensowenig wie an der inszenatorischen Leistung auszusetzen: eine Empfehlung also.
24. Juni 2006
Joseph Kesselring: Arsen und Spitzenhäubchen
(Akademietheater 15.6.)
Regie: Barbara Frey
Abby Brewster: Kirsten Dene
Marthe Brewster, ihre Schwester: Libgart Schwarz
Teddy Brewster, deren Neffe: Urs Hefti
Mortimer Brewster, deren Neffe: Michael Maertens
Jonathan Brewster, deren Neffe: Peter Simonischek
Die Kritik überschlug sich nach der Premiere mit Lob. Selbst die NZZ war ganz aus dem Häuschen. Als Begründung musste neben der doppelbödigen Inszenierung natürlich die schauspielersche Leistung herhalten. Die Namen oben zeigen die erstklassige Besetzung.
Was aber hilft alle handwerkliche Perfektion, wenn diese am falschen Objekt ausgeübt wird? Kesselrings Komödie reduziert Theater auf die Produktion von gelungenen Pointen, angereichert mit etwas Tiefsinn. Das ist für Theater als Kunstform viel zu wenig. Es gibt in Wien genügend Boulevardbühnen. Für die Inszenierung derart seichter Kost braucht man nicht die Ressourcen des Burgtheaters verschwenden.
8. April 2006
Igor Bauersima, Réjane Desvignes: Boulevard Sevastopol
(Akademietheater 5.4.)
Regie und Bühne: Igor Bauersima
Dascha Libgart Schwarz
Kurt Florentin Groll
Lev Markus Meyer
Anna Dorothee Hartinger
Larissa Alexandra Henkel
Pjotr Johannes Krisch
Georgij Juergen Maurer
Sveta Petra Morzé
Uraufführungen sind immer eine heikle Angelegenheit. Als Zuschauer kennt man das Stück (noch) nicht, was ein qualifiziertes Urteil erschwert. Löblicherweise enthält das Programmheft den kompletten Text. Erwähnenswert ist, dass Igor Bauersima Autor und Regisseur in Personalunion ist, weshalb sich die übliche Frage erübrigt, ob der Regisseur das Stück adäquat auf die Bühne bringt.
Inhaltlich entschieden sich die beiden Autoren für einen aktuellen Stoff: Eine Gruppe illegaler Einwanderer lebt in einem Haus in Wien zusammen, der Willkür eines Schleppers ausgesetzt. Geld wird mit den üblichen Tätigkeiten verdient, vom Putzen bis zur Pornographie. Das Stück führt anhand einer fiktiven Geschichte (Stück im Stück) das Leben und die Konflikte dieser Gruppe vor.
Stück im Stück? Es gibt zwei Handlungsebenen. Anna spinnt mit einem anonymen Internetverehrer eine Geschichte durch, die dann auf der Bühne auch gezeigt wird. Erzählung und gespielte Handlung wechseln sich ab, teilweise mit bewussten kurzen Überschneidungen. Diese fiktive Handlung erzählt den möglichen Verlauf des Abends mit diversen dramatischen Wendungen. Am Ende stellt sich heraus, dass der reale Abend doch vergleichsweise harmlos verlaufen ist.
Diese beiden Ebenen sind handwerklich durchaus gekonnt verknüpft. Theatermittel werden effektiv eingesetzt, kurz die beiden Autoren verstehen sich auf ihr Geschäft. Das Ergebnis ist ästhetisch aber zu glatt, formale Abwechslung als Auflockerung fehlt.
Allerdings rechtfertigt die Substanz des Stücks diesen Aufwand keineswegs. Die Figuren wirken teilweise sehr klischeehaft, da hilft auch die fabelhafte Besetzung nichts. So ist das Stück zwar besser als das blutarme "Bérénice de Molière", aber dennoch weit von einem großen Wurf entfernt.
8. Januar 2006
Gorki: Die Kleinbürger
(Akademietheater 2.1.)
Regie: Karin Beier
Wassilij Wassiljew Bessemjonow, wohlhabender Kleinbürger, Meister der Malerzunft: Martin Schwab
Akulina Iwanowna, seine Frau: Kitty Speiser
Pjotr, ehemaliger Student : Dietmar König
Tatjana, Lehrerin, Tochter: Christiane von Poelnitz
Nil, Bessemjonows Pflegesohn, Lokomotivführer: Christian Nickel
Pertachichin, ferner Verwandter Bessemjonows, Vogelhändler: Urs Hefti
Birkhahn, eigentlich Terentij Chrissanfowitsch Bogoslowskij, Kirchensänger: Joachim Meyerhoff
Der zentrale Konflikt des Stücks ist ein Klassiker: Alt gegen Jung. Ausschließlich im Hause des Kleinbürgers Bessemjonow spielend, wird der Zuseher mit den deprimierenden Auseinandersetzungen innerhalb dieser Familie (samt Untermietern als Beteiligte) konfrontiert. Es herrscht Verständnislosigkeit in diversen Abstufungen. Als prärevolutionäre Lichtgestalt tritt der Stiefsohn Nils auf, der mir schon während der vorbereitende Lektüre mehr als Kunstfigur denn als glaubwürdige Bühnengestalt erschien. Allgemein ist zu sagen, dass "Die Kleinbürger" qualitativ mit den Stücken Tschechows nicht wirklich mithalten können. Während Tschechows Vielschichtigkeit fasziniert, wirkt Gorkis Ästhetik im Vergleich dazu ziemlich schlicht.
Karin Beier inszeniert das Stück vergleichsweise zurückhaltend und deutlich gekürzt auf einer (fast) leeren Bühne. Schauspielerisch ist die Aufführung sehr gelungen. Herausragend Christiane von Poelnitz als frustrierte Lehrerin samt furios-ironischer Selbstmordszene. Neben Martin Schwab erwähnenswert ist Joachim Mayerhoff als zynischer Philosoph. Das Gesamturteil lautet "sehenswert".
21. Dezember 2005
Lessing: Minna von Barnhelm
(Burgtheater 18.12.05)
Regie: Andrea Breth
Major von Tellheim: Sven-Eric Bechtolf
Minna von Barnhelm: Sabine Haupt
Just: Markus Meyer
Der Wirt: Udo Samel
Nach ihrem enttäuschenden "Kirschgarten" der letzten Saison kehrt Andrea Breth auf Ihr hohes inszenatorisches Niveau zurück, das in der deutschsprachigen Regieszene nur sehr wenige erreichen können. Ihr ästhetisches Rezept: Man lese den ungekürzten Text mit allen Nuancen, lasse den Schauspielern möglichst großen Freiraum und übertrage das Geschehen trotzdem in die Gegenwart. Vor allem das hohe Textverständnis kann nicht überbetont werden, gibt es doch genügend "Jungstars", die mit klassischen Texten nichts mehr anzufangen wissen.
Das Bühnenbild zeigt ziemlich heruntergekommene Hotelräumlichkeiten, denen man die Krieg durchaus noch ansieht. Könnte ein Hotel in Sarajewo vor ein paar Jahren sein (samt Einschusslöchern).
Die Schauspieler zeigen durchwegs Glanzleistungen. Ich fühlte mich an die wenigen gelungen Opernabende erinnert, wo ausnahmsweise einmal alle hervorragend singen. Sven-Eric Bechtolf zeigt erneut seine ungeheure Wandlungsfähigkeit und gibt einen emotional aufgewühlten Tellheim, inklusive eines gespensterhaften Lachanfalls in einem Schlüsseldialog. Sabine Haupt agiert als Gegenspielerin auf Augenhöhe.
Breths Inszenierung lotet die Grenzen zwischen Komödie und Tragödie der "Minna von Barnhelm" aus, wobei das Tragische gegen den Text etwas zu stark betont wird. Deshalb ist Udo Samel als komischer Wirt ein ausgezeichnetes Gegengewicht.
Wer Schauspiel auf höchstem Niveau sehen will, mache sich auf ins Burgtheater.
6. November 2005
Lukas Bärfuss: Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)
(Akademietheater 4.11.)
Regie: Thomas Langhoff
Erika: Dorothee Hartinger
Hermann: Ignaz Kircher
Jasmin: Sylvie Rohrer
Anton: Johann Adam Oest
Welcher postpubertäre Drang nach Sinnsuche mag in die Programmmacher des Akademietheaters gefahren sein? Nach Jonkes "Versunkener Kathedrale" und Franzobels "Wir wollen den Messias jetzt" ist schon wieder Religion angesagt. Neununddreißig Kritiker wählten "Der Bus" zum Stück des Jahres 2005 und man ist froh, dass man die anderen Stücke nicht sehen musste, sollte Bärfuss' Stück wirklich das Beste sein.
Nun war ich immer schon der Meinung, dass Heilige auf der Bühne eine Garantie für schlechtes Theater sind. Die Peinlichkeit von Schillers "Jungfrau von Orleans" ist ein Beleg dafür. Die Stoffe für spannendes Gegenwartstheater liegen auf der Straße, es besteht kein Grund für verquaste religiöse Sinnsuche auf dem Theater. Das diese in der letzten Szene ironisiert wird, ändert daran nichts. Vermutlich nimmt man das Stück als Ausdruck der neuen religiösen Popkultur. In (vermeintlichen) Krisenzeiten greift man ja gerne auf sie zurück anstatt nüchtern Ursachenforschung zu betreiben.
Das Stück hat durchaus ambivalente Züge, was aber an der Kritik des Sujets nichts ändert. Besonders ärgerlich ist die Vergeudung von brillanten Schauspielern. Kirchner, Hartinger und Kollegen holen sehr viel aus dem Stück heraus. Was könnte dieses Ensemble nicht mit einem richtigen Stück machen?
23. Oktober 2005
Franzobel: Wir wollen den Messias jetzt. Uraufführung
(Akademietheater 22.10.)
Regie: Karin Beier
Jesus: Joachim Meyerhoff
Caroline: Christiane von Poelnitz
Mutter: Kirsten Dene
u.a.
Wer einen interkulturellen Säkularismusvergleich anstellen will, kann das neue Stück von Franzobel als gutes Beispiel verwenden. Während es in Ägypten drei Tote bei Unruhen aufgrund eines angeblichen blasphemischen Stückes gibt, regt in sich in Wien niemand mehr über den erfreulich respektlosen Umgang mit religiösen Themen auf. Wer als Autor heutzutage auf Skandale setzt, hat es schwer.
Die zwei pausenlosen Stunden dieser Uraufführung sind nicht selten zäh. Der Niveau des Sprachwitz' ist schwankend, vom banalen Kalauer bis geistreichen Pointen reicht die Palette, wobei sich die Zahl der letzteren in überschaubaren Grenzen hält. Der Klamauk geht oft auf Kosten der Substanz und der ständige Rückgriff auf skatologische Metaphorik ermüdet auf die Dauer.
22. Oktober 2005
Franz Grillparzer: König Ottokars Glück und Ende
(Burgtheater 17.10.)
Regie: Martin Kusej
Ottokar: Tobias Moretti
Rudolf von Habsburg: Michael Maertens
Zawisch von Rosenberg: Nicholas Ofcarek
uvm.
Nach einer längeren Durstrecke mit höchstens mittelmäßigem Theater, endlich wieder eine großartige Aufführung. Martin Kusejs Regieleistung wurde bereits nach der Premiere bei den Salzburger Festspielen von der Kritik gefeiert, berechtigterweise muss man anfügen.
Die Flut an schlechtem Regietheater im deutschsprachigen Raum - in der Regel ist die literarische Inkompetenz der "Jungstars" direkt proportional mit ihrem kurzlebigen Ruhm - diskreditiert einen ästhetischen Ansatz, der große Kunst hervorzubringen vermag. Freilich setzt das seltenes Talent voraus und hier ist Martin Kusej an erster Stelle zu nennen. Jede seiner Theaterarbeiten, die ich bisher sah, war herausragend.
Kusej wird gerne als zukünftiger Intendant des Burgtheaters kolportiert. Man weiß nicht, ob man ihm das wünschen soll, oder ob die Wiener Theaterfreunde nicht doch besser mit einem Hausregisseur Kusej bedient wären, der sich auf seine inszenatorische Arbeit konzentriert.
Der Erfolg der Aufführung ist nicht nur einer konzisen Regie, sondern auch Tobias Moretti und Michael Maertens in den Hauptrollen zu verdanken. Von Morettis fulminanter Bühnenpräsenz war ich hochgradig überrascht. Eine der besten schauspielerischen Leistung, die seit längerer Zeit an der Burg zu sehen war. Maertens als nüchtern-bürokratischer Habsburger war hier ebenso ein ideales Pendant wie der ausgezeichnete Nicholas Ofcarek.
Kusej überfrachtet die Inszenierung nicht mit vielen Regieeinfällen, sondern arbeitete einige Themenkomplexe intelligent heraus, etwa wenn er die Schlachtszene am Schluss in ein urbane Gewaltorgie "übersetzt", während der auf der Bühne einige Autos demoliert werden. Am Ende betreten die mit Leichen "dekorierte" Bühne die Wiener Sängerknaben in ihren Matrosenanzügen die Bühne und stimmen makellos das Volkslied "In die Berg bin i gern" an. Eine gespenstische und exzeptionelle Schlussszene.
2. Oktober 2005
Gert Jonke: Der versunkene Kathedrale
Uraufführung
(Akademietheater 30.9.)
Regie: Christiane Pohle
Er: Markus Hering
Sie: Petra Morzé
Mutter: Bibiana Zeller
Vater: Peter Matic
Oberarzt: Dietmar König
Die Kritiken waren lau bis schlecht, zu Unrecht meiner Meinung nach. Jonkes Text steht in der Tradition der Wiener Gruppe und zeichnet sich durch Originalität und Sprachwitz aus. (Mehr oder weniger) avantgardistische Sprachkunst auf die Bühne zu bringen, ist eine heikle Angelegenheit. Christiane Pohl entschied sich, den Sprachwitz durch witzige Regieeinfälle zu unterstreichen. Das Ergebnis ist eine kurzweiliger, sprachmächtiger und (en passent) erfrischend blasphemischer Theaterabend.
August Strindberg: Der Totentanz
(Akademietheater 20.6.)
Regie: Peter Zadek
Edgar: Gert Voss
Alice: Hannelore Holger
Kurt: Peter Simonischek
Der Theaterfreund kennt normalerweise nur den ersten Teil des "Totentanz". Regisseure ringen sich selten durch, auch die gut einstündige Fortsetzung auf die Bühne zu bringen. Peter Zadek scheute sich erfreulicherweise nicht, einen vierstündigen Abend mit dem kompletten Stück zu gestalten.
Wie meist verlässt sich der Regisseur auf die Literatur und setzt Regieeffekte sehr dosiert ein. Das hat ihm so mancher Theaterkritiker übel genommen. Offenbar langweiligen sich einige inzwischen, wenn vor ihnen nicht ein Feuerwerk an Regieeinfällen abgenudelt wird, so als sei Literatur nur die Vorlage zu einer lustigen Unterhaltungsmaschine.
Man könnte Zadek vorwerfen, er wäre die Sache etwas gar zu routiniert angegangen. Aber die Routine eines ausgezeichneten Regisseurs ist für einen spannenden Theaterabend durchaus hinreichend.
Die schauspielerische Leistung war glänzend. Gert Voss gab dem Edgar eine dynamische Entwicklung von einer (etwas) weinerlichen Figur zu Beginn bis zum autokratischen Tyrannen am Ende des zweiten Teils. Hannelore Holger brachte die Opfer-Täter-Ambivalenz der Alice sehr differenziert zum Vorschein, während Peter Simonischek einen nicht nur psychologisch überzeugenden Kurt darstellte. Toller Abschluss der diesjährigen Theatersaison. Nun herrscht in Wien sommerliche Theaterödnis bis zum September.
Tschechow: Der Kirschgarten
(Burgtheater 2.5.05)
Regie: Andrea Breth
Ljubov Andreevna Ranevskaja: Andrea Clausen
Anja, ihre Tochter, 17 Jahre alt: Pauline Knof
Varja, ihre Pflegetochter, 24 Jahre alt: Teresa Weißbach
Leonid Andreevic Gaev, Bruder der Ranevskaja: Udo Samel
Ermolaj Alekseevic Lopachin, Kaufmann: Sven-Eric Bechtolf
Die ersten zwei Akte beschäftigte mich vor allem die Frage: Warum funktioniert die Inszenierung nicht? Breth wendet ihre übliche Technik an und hielt sich also streng an den Text und ließ den Schauspielern sehr viel Zeit. Ergebnis ist eine Über-Dehnung, die dem Stück schadete und einem Gefühl der Langeweile Vorschub leistete (vor allem vor der Pause).
Generell zeigte Breth eine sehr hohe Distanz zu dem Stück, ohne dass die Aufführung wirklich plausibel machen konnte, worin dieser Vorbehalt begründet ist. Die hochkarätige Besetzung garantierte leider auch schauspielerisch keine ausgezeichneten Abend. Während Clausen und Bechtolf auf der Höhe ihrer Möglichkeiten agierten, blieben die meisten Nebenfiguren unkonturiert und blaß.
Elfriede Jelinek: Babel
(Akademietheater 20.3.05)
Regie: Nicolas Stemann
Mitwirkende: Sachiko Hara, Barbara Petritsch, Myriam Schröder, Philipp Hauß, Markus Hering, Philipp Hochmair, Rudolf Melchiar, Hermann Scheidleder
Nach dem großen Erfolg von "Das Werk", durfte Nicolas Steman auch das neue Stück von Elfriede Jelinek uraufführen. Skeptisch ging ich in die Aufführung, war doch eine große Abrechnung mit dem Irakkrieg und sonstigen aktuellen Widerwärtigkeiten angekündigt. Kann das ein Theaterabend leisten?
Die Antwort müßte ein klares "Nein" sein, versuchte man diese Intention mit realistischen Mitteln umzusetzen. Nun fließt zwar auch in "Babel" nicht wenig Theaterblut, jeder naturalistische Ansatz wird aber durch Jelineks Ästhetik relativiert, die fulminant mit den semantischen Möglichkeiten der Sprache spielt. Diese Sprachmacht ist es auch, welche den Abend trägt und die Basis für Stemanns inszenatorische Fantasie bildet. Jelineks Monologe sind faszinierend und man frägt sich, wie diese gelungenen "Sprachregister-Übergänge" zwischen Witz/Ironie/Satire und Pathos/Emotion/Empathie funktionieren. Wie in einem perfekt proportionierten Musikstück gibt es mehrere Themen, die variiert, auf verschiedene Weise durchgeführt werden und trotzdem immer einen Bezug zum Gesamtwerk haben.
Die alten Herren in Stockholm hatten einen lichten Augenblick, als sie diese Sprachkönnerschaft mit dem Nobelpreis auszeichneten.
Nestroy: Kampl oder Das Mädchen mit Millionen und die Nähterin
(Theater in der Josefstadt 19.3.05)
Regie: Herbert Föttinger
Kampl: Helmuth Lohner
Gabriel Brunner: Otto Schenk
uvm.
"Kampl" ist eine Kömodie um Ehe- und Erbschaftsintrigen, die jedem Volkstheater Ehre machte, wäre sie nicht mit Nestroys subversiven Sprachwitz angereichert, den vom Hochadel bis zum Schlosser alle Beteiligten zu spüren bekommen.
Föttingers Inszenierung ist so brav, wie das angesichts der Starbesetzung zu erwarten war. Helmut Lohner und Otto Schenk zieren die Aufführung mit adäquater schauspielerischer Solidität. Unterhaltsam anzusehen.
Albert Ostermaier: Nach den Klippen
(Akademietheater 3.2.05)
Regie: Andrea Breth
Circe: Elisabeth Orth
Viele hunderte Abende verbrachte ich in vielen Theatern, doch an eine so langeweilige und lähmende Vorstellung kann ich mich nicht erinnern. Sollte es eine platonische Idee der Langeweile geben, so dürfte man ihr mit diesem Abend so nahe wie selten gekommen sein.
Ostermaier schrieb einen mäandernden Monolog für Circe, der zwischen zahlreichen modernen Bezügen immer wieder um die Geschichte(n) in der Odyssee kreist. Nun gehört Homers Buch zu meinen Favoriten, weshalb es an Interesse am Stoff nicht mangelte. Ostermaiers Text ist jedoch viel zu schwach, um einen ganzen Theaterabend zu tragen. Er mag einige poetische Stellen haben, ansonsten zeugt er nur von ästhetischer Unentschiedenheit.
Nun könnte man einwenden: Aus avantgardistischer Perspektive hätte Hermetik doch ihren Reiz. Stimmt, das funktioniert aber nur, wenn das Sprachmaterial dem entgegen kommt. Auf Sprachwitz, Ironie und ähnlichen Register wartet man jedoch vergebens. Andrea Breth versucht dieses literarische Vakuum mit Aktionismus auf der Bühne zu überspielen: umsonst.
Einen Besuch der Aufführung kann ich nur dann empfehlen, wenn jemand persönlich nachvollziehen will, warum die Langeweile im Existenzialismus einen so großen Stellenwert einnimmt.
Gerhart Hauptmann: Vor Sonnenaufgang
(Burgtheater 22.12.04)
Regie: Nicolas Stemann
Hoffmann: Philipp Hochmair
Loth: Philipp Hauß
Helene: Caroline Peters
Martha: Johanna Eiworth
In bester Manier des Regietheaters ging Stemann mit Hauptmanns Text sehr frei um. So läßt er die Figuren in guter (und trotzdem antiquiert wirkender) epischer Tradition aus den Rollen heraustreten und Regieanweisungen rezitieren.
Viele Regieeinfälle sind durchaus gelungen, allerdings geht der strukturelle Zusammenhalt oft nicht über assoziative Verkettungen hinaus. Manches (Flüchtlingschor) schrammt nur knapp an der Peinlichkeitsgrenze vorbei. Trotzdem ein durchaus anregender und interessanter Theaterabend.
Bernhard: Die Macht der Gewohnheit
(Burgtheater 16.12.04)
Regie: Philip Tiedemann
Caribaldi: Ignaz Kirchner
Enkelin: Maria Happel
Jongleur: Robert Meyer
Dompteur: Johannes Krisch
Spaßmacher: Urs Hefti
Kaum zu glauben, aber dieses kunstsinnige Stück Bernhards ist zum ersten Mal in Wien zu sehen. Den ästhetischen Perfektionsfanatiker, der seine Mitarbeiter seit Jahrzehnten zum täglichen Üben des Forellenquintetts zwingt, gibt Ignaz Kirchner. Anfangs fast etwas zu senil gespielt, wird der autoritäre Charakter der Figur erst am Ende wirklich voll entfaltet. Sehenswert.
Biljana Srbljanovic: God Save America
(Akademietheater 24.11.04)
Regie: Karin Beier
Karl: Michael Wittenborn
Daniel: Nicholas Ofczarek
Muffy: Regina Fritsch
Irene: Christine von Poelnitz
Wie gewöhnlich gab es an der handwerklichen Seite im Akademietheater nichts zu bekritteln. Zu sehen war eine nicht nur schauspielerisch solide Aufführung, die mit viel Aufwand in Szene gesetzt wurde. Trotz eines vorangekündigten Rückenproblems herausragend Michael Wittenborn, der von den Münchner Kammerspielen nach Wien wechselte. Schon die erste Rolle zeigte, welch großartiger Schauspieler nun das Burgtheaterensemble ergänzt.
Man muss sich nun aber (wie leider manchmal) fragen, ob der getriebene Aufwand in einer plausiblen Relation zur Stückqualität steht. Die Antwort liegt bei "God Save America" auf der Hand: keinesfalls. Es handelt sich um einen Text, der irgendwo zwischen Boulevard und Kunstwerk angesiedelt ist. Die Story ist nicht uninteressant (in New York in einem Luxusappartement lebender Europäer verliert Job und gerät in arge Existenznöte), dabei bleibt es aber auch.
Netter Theaterabend, mehr nicht.
Tennessee Williams: Die Katze auf dem heißen Blechdach
(Burgtheater 4.12.04)
Regie: Andrea Breth
Big Daddy: Gert Voss
Big Mama: Elisabeth Orth
Brick: Markus Meyer
Margaret: Johanna Wokalek
Gooper: Cornelius Obonya
Mae: Sabine Haupt
Die Theaterkritikerschaft bewegte sich in den vor ein paar Tagen zu lesenden Rezensionen auf der Skala "lau" bis "brillant" (NZZ). So ging ich, ein Fehler den ich öfters mache, mit großen Erwartungen ins Burgtheater. Die erste Stunde war enttäuschend lau, und die Exposition mit Brick und Maggy hatte zahlreiche Längen. In der Pause drohten die noch folgenden zweieinhalb Stunden also mit auszusitzender Langeweile.
Weit gefehlt! Mit dem Auftritt eines bestens disponierten Gert Voss als Big Daddy gewann das Stück schnell an Fahrt. Das lange Gespräch zwischen ihm und seinem alkohlkranken Sohn Brick war nicht nur psychologisch hochgradig spannend. Ein beeindruckendes Finale schloss sich an.
Andrea Breth zeigt wieder einmal, dass sie zu den besten Regiekünstlern gehört. Wenn die erste lange Stunde nicht wäre, könnte man die Aufführung nicht genug loben.
Frank Wittenbrink: Mozart Werke Ges.m.b.H.
(Akademietheater 30.10.04)
Regie und musikalische Leitung: Frank Wittenbrink
Der Fabrikbesitzer: Bernd Birkhahn
Seine Frau: Kirsten Dene
Der Vorarbeiter: Juergen Maurer
Wittenbrink konzipierte die in einer Mozartkugelfabrik spielende musikalische Parodie auf den gängigen Mozartkitsch. Der teilweise sehr komische Abend besteht aus einer Aneinanderreihung von musikalischen Nummern diverser Genres, wobei Mozart natürlich nicht zu kurz kommt. Die parodistische Gesangskunst war durchaus überzeugend. Nicht nur Kirsten Dene konnte mit ihrem Gesangstalent glänzen. Eine erfrischend ungewöhnliche, aber durchaus hörenswerte Aufführung.
Peter Handke: Untertagblues. Ein Stationendrama
(Akademietheater 13.10.04)
Ein wilder Mann: Philipp Hochmair
Eine wilde Frau: Bibiana Zeller
Regie: Friederike Heller
Die Wiener Premiere erfolgte kurz nach der Uraufführung des Stücks durch Claus Peymann in Berlin. Dessen hyperrealistische Inszenierung stieß auf wenig positive Resonanz. Friederike Heller wählte - glücklicherweise! - eine abstraktere Vorgehensweise. Regieanweisungen und Stationen wurden auf den Vorhang projeziert. In Szene setzte sie den Text als eine Art Fortsetzung von Handkes berühmter Publikumsbeschimpfung. Allerdings ist "Untertageblues" formal deutlich zahmer angelegt. Trotz der Tiraden bleibt das Werk vergleichsweise leicht konsumierbar. Bühnentauglichkeit muss man ihm freilich bescheinigen. Im Kombination mit der intelligenten Inszenierung und einem teilweise fulminanten Philipp Hochmair ergibt das einen sehr erfreulichen Theaterabend.
Schiller: Don Carlos
(Burgtheater 23.9.04)
Regie: Andrea Breth
Don Carlos: Philipp Hauß
Philipp II.: Sven-Eric Bechtolf
Marquis von Posa: Denis Petkovic
Vergleicht man diese Inszenierung mit Andrea Breths "Maria Stuart", so fällt der grundsätzlich andere Ansatz sofort auf: Erstere war klassisch-zeitlos gehalten, während "Don Carlos" in modernem Ambiente spielt. Genauer in einem düsteren Bürogebäude mit Konferenztischen, schäbigen Aktenschränken und kalten Neonröhren. Ein passendes Setting für den bürokratischen spanischen Hofstaat. Das bei Schiller angelegte Pathos (Freundschaft, Gedankenfreiheit) wurde merklich zurückgenommen. An der gebotenen Schauspielkunst läßt sich nichts bekritteln. Prädikat: sehenswert.
Roland Schimmelpfennig: Die Frau von früher
(Akademietheater 27.9.04)
Regie: Stephan Müller
Frank: Markus Hering
Claudia: Regina Fritsch
Romy Vogtländer: Christiane von Poelnitz
Andi: Philipp Hauß
Tina: Elisa Seydel
Wenn es stimmt, dass Roland Schimmelpfennig einer der begabtesten deutschen Gegenwartsdramatiker ist, steht es, dem neuen Stück nach, schlecht um die deutsche Gegenwartsdramatik. Das mag ein ungerechtes Urteil sein, da ich die zahlreichen anderen Stücke Schimmelpfennigs nicht kenne. "Die Frau von früher" jedoch, ein Auftragswerk für das Burgtheater, ist seltsam unausgegoren. Wenn man das Stück an verschiedenen Stellen abklopft, klingt es hohl und leer.
Die grundsätzliche Idee erinnert - höflich formuliert - auffällig an Ibsens "Baumeister Solness": Nach vielen Jahren steht eine Frau vor der Tür eines Ehepaars und macht alte Ansprüche geltend. Im Gegensatz zu Ibsen klingen Schimmelpfennigs Dialoge oft angestrengt gekünstelt, und das drastische Ende wirkt psychologisch unmotiviert.
Originell war die zeitliche Szenenfolge (10 Minuten früher, währenddessen, ein paar Minuten später usw. in schnellem Wechsel). Formale Originalität freilich rettet kein Stück, dass inhaltlich nichts zu sagen hat.
Brecht/Weil: Die Dreigroschenoper
(Theater in der Josefstadt 2.10.04)
Regie: Hans Gratzer, Hanspeter Horner
Musikalische Leitung: Michael Rüggeberg
Mackie Messer: Herbert Föttinger
Polly: Chris Pichler
Peachum: Erich Schleyer
Brown: Martin Zauner
Grundsätzlich eine akzeptable Inszenierung. Allerdings mit der nicht unwesentlichen Einschränkung, dass die gesanglichen Talente im Ensemble - wie so vieles auf der Welt - höchst ungerecht verteilt sind. Während Herbert Föttinger einen ausdrucksstarken Mackie Messer gab, waren die stimmlichen Möglichkeiten nicht nur von Chris Pichler von Polly schnell erschöpft. Schauspielerisch war der Abend um Welten besser als musikalisch.
Was Brecht angeht, finde ich seinen ästhetischen Ansatz von Jahr zu Jahr seltsamer. Für die "Wissenden" ist diese Art der Gesellschaftskritik ärgerlich simplifizierend. Auf der anderen Seite zu glauben, dass sie bei den "Unwissenden" größere Erkenntnisschübe auslösen könne, ist dagegen hochgradig naiv.
Ibsen: Baumeister Solness
(Akademietheater 16.9.04)
Regie: Thomas Ostermeier
Halvard Solness: Gert Voss
Aline Solness: Kirsten Dene
Hilde Wangel: Dorothee Hartinger
Angesichts des Theaters, das seit Jahren rund um Thomas Ostermeier inszeniert wird, hätte ich mir eine besondere Regieleistung erwartet. Stattdessen gab es eine grundsolide Aufführung, schauspielerisch erwartungsmäß auf hohen Niveau. Ostermeier versetzte das Stück ohne Effekthascherei in die Gegenwart und bediente sich obsessiv der Drehbühne.
Am Schluss ließ der Regisseur den Baumeister Solness aufwachen: Alles war nur ein Traum. Das passte so gar nicht zu der unträumerischen Inszenierung und kann wohl nur durch einen zwanghaften Originalitätszwang (die Konkurrenz schläft bekanntlich nicht) erklärt werden.
Lessing: Nathan der Weise
(Burgtheater 10.9.04)
Regie: Lukas Hemleb
Nathan: Klaus Maria Brandauer
Sultan: Wolfgang Michael
Tempelheer: Dietmar König
Der trüben theaterlosen Zeit folgte ein fulminanter Auftakt. Obwohl ich angesichts des peinlichen "Cyrano de Bergerac" und der völlig missglückten "Hamlet"-Regie Brandauers auf Schlimmes gefasst war, gab es eine spannende Inszenierung zu sehen. Brandauer gab den Nathan differenziert und etwas verrätselt, der Komplexität des zu oft auf eine öde Eindimensionalität zurecht gestutzten Charakters gerecht werdend.
Lukas Hemleb setzte das Stück ruhig in Szene, auf die wunderbare Sprachkunst Lessings vertrauend, wohl wissend, dass leise Töne und kluge Worte den Toleranzgedanken angemessen ausdrücken. Das Ensemble war durchgehend hochkarätig. Eines der erfreulichsten Theatererlebnisse seit längerer Zeit, möge es so weitergehen.
Hugo von Hofmannsthal: Der Unbestechliche
(Burgtheater 17.6.04)
Regie: Thomas Langhoff
Die Baronin: Libgart Schwarz
Jaromir: Johannes Krisch
Anna: Regina Fritsch
Theodor: Peter Simonischek
Links und rechts zwei plattenbautenähnliche Hochhäuser als Foto, in der Mitte ein schiefer, wild bemalter Kasten mit Glastüren. Vor dieser Kulisse läßt Thomas Langhoff Hofmannsthals Lustspiel geben. Johannes Krisch war in seiner Rolle als Schwerenöter nicht immer glaubwürdig, ansonsten wurde das Stück als solide Komödie mit ein paar dunklen Einsprengseln gegeben. An Peter Simonischek in der Titelrolle gab es nichts auszusetzen, so dass ein akzeptabler Theaterabend zu vermelden ist. Angesichts der in dieser Saison in Wien stattgefundenen Theaterkatastrophen, muss man dafür ja schon dankbar sein.
Anna Gmeyner: Automatenbüfett
(Theater an der Josefstadt 29.5.04)
Regie: Hans-Ulrich Becker
Auf das zweifelhafte Vergnügen, Zeitzeuge einer der schlechtesten Saisonen dieses Theaters seit langem zu sein, hätte ich gerne verzichtet. Auch das Ausgraben des 1932 uraufgeführten Stücks hätte man sich sparen können. Laue, gut gemeinte Satire von bald vorhersehbarer Mittelmäßigkeit. Ja, das deutsche Vereinswesen ist lächerlich und Provinzstädtchen von unerträglicher Borniertheit. Nach zeitgenössischen statirischen Maßstäben gemessen (Tucholsky etwa) ist das Stück im besten Falle flau. Höchstens für Menschen mit ausgeprägtem literaturgeschichtlichem Interesse sehenswert. Die Inszenierung ist so gut, wie es der zweifelhafte Text zulässt. Ein Trost: Im Theater an der Josefstadt kann es nächste Saison nur aufwärts gehen.
Sergi Belbel: Die Zeit der Plancks
(Burgtheater 6.5.04)
Regie: Philip Tiedemann
Planck: Peter Simonischek
Sara: Kirsten Dene
Laura: Regina Fritsch
Rosa: Sylvie Rohrer
Anna: Nicola Kirsch
Maria: Maria Happel
Max: Johannes Krisch
Ein Stück zu beurteilen, das man nicht gelesen hat, ist immer schwierig. Belbel versucht, in einer Mischung aus Realismus und poetisch gruselig-grotesker Überhöhung, die Situation einer Familie zu schildern als das Familienoberhaupt (grandios: Simonischek!) stirbt.
Die wichtigste symbolische Bezugsebene nimmt Belbel aus der Physik, konkret die Planck-Zeit. Nun ist niemand erfreuter als ich, wenn sich Literatur und Naturwissenschaft nicht, wie sonst immer, mit gegenseitiger Verachtung strafen. Nur bin ich mir in diesem Fall nicht sicher, ob diese semantische Ebene wirklich funktioniert, d.h. gut mit dem Rest des Stücks zusammenpasst.
Die Inszenierung setzt sehr auf Musik (vier Musiker spielen mit) und verdient das Prädikat "originell": Ein riesiges Bett auf der Bühne, von ebenso riesigen schwarzen Türen umrahmt, alles höchst beweglich installiert. Ein paar vorsichtige Schockeffekte, ein paar gute Regieeinfälle. Ein akzeptabler Theaterabend.
Neil Simon: Die Sunshine Boys
(Akademietheater 4.3.04)
Regie: Gert Voss
Willi Krak: Gert Voss
Heinz Stein: Iganz Kirchner
Über das Stück braucht man nicht viele Worte zu verlieren. Dem Theater ginge nichts verloren, wenn es nicht auf die Bühne gebracht worden wäre.
Es gibt aber immerhin den Anlass, dass sich das Paar Voss & Kirchner hinreissend komisch zeigen kann, was es auch im Komödiengenre zu leisten vermag. Alles in allem ein unterhaltsamer Abend auf darstellerisch hervorragenden Niveau. Schade nur, diese Kunst an dieses Stück zu verschwenden.
Thomas Bernhard: Elisabeth II. (2.)
(Burgtheater 12.2.04)
Herrenstein: Gert Voss
Richard: Ignaz Kirchner
Regie: Thomas Langhoff
Eine Aufführung anlässlich des 15. Todestag des Autors. Als ich die Inszenierung zum ersten Mal sah, war ich eher enttäuscht. Diesmal gefiel sie mir deutlich besser, was wohl auch mit der besonders inspirierten schauspielerischen Leistung von Voss und Kirchner zu tun hat. Ansehen lohnt sich!
Shakespeare: Hamlet
(Burgtheater)
Regie: Klaus-Maria Brandauer
Hamlet: Michael Maertens
Ophelia: Birgit Minichmayr
Claudius: Robert Meyer
Eines kann man der Burgtheater Dramaturgie nicht vorwerfen: Mangelnde Kohärenz. Nachdem Klaus-Marie Brandauer in "Cyrano de Bergerac" zeigen konnte, was ein schlechter Schauspieler ist, durfte er nun als Regisseur ein komplettes Stück ruinieren. Nicht irgendeines selbstverständlich, nein, ausgerechnet "Hamlet" musste es sein.
Bar jeder plausiblen Regieidee, scheint sich Brandauers Tätigkeit darauf beschränkt zu haben, den Schauspielern jede Schauspielkunst auszutreiben. Es braucht auch einen so hervorragenden Künstler wie Michael Maertens, um Hamlets Text so herunterzuleiern, dass das selbst Passauer Stadttheater vor Neid erblasste.
Mit diesen erstklassigen Schauspielern eines der besten Stücke der Weltliteratur zu ruinieren, ist eine Leistung, die ob ihrer Ungewöhnlichkeit großen Respekt verdient.
Theater in der Josefstadt: Es ist vorbei!
(18.1.04)
Hans Gratzer wird Ende der Saison den Direktorensessel räumen und interimistisch für Helmut Lohner Platz machen. Möge dieses Kapitel der theatralischen Unfähigkeit eine einmalige Episode in der Geschichte dieses Theaters bleiben.
Ferdinand Raimund: Der Alpenkönig und der Menschenfeind
(Theater in der Josefstadt 28.12.03)
Regie: Hans Gratzer
Astralagus: Erich Schleyer
Herr von Rappelkopf: Herbert Föttinger
Sophie: Sandra Cervik
Es geht aufwärts im Theater an der Josefstadt! Nach den indiskutablen ersten Inszenierungen der Saison wird nun wieder solide schlechtes Theater geboten. Die gestrige Aufführung war also durchaus satisfaktionsfähig: Man musste die Aufführung nicht fluchtartig verlassen und kann nun wieder auf Besseres hoffen.
Die schauspielerische Leistung nahm im Laufe des Abends zu. Das Hölzerne der Schauspieler zu Beginn, wurde im letzten Drittel durch solides Komödiantentum abgelöst. Die Inszenierung war harmlos, das Bühnenbild dezent. Die aufdringliche Didaktik des Stücks freilich wird durch die sprachlichen Pointen nicht wett gemacht, wie ja überhaupt in Wien der ästhetische Wert des Wiener Volkstheaters überschätzt wird.
Theater in der Josefstadt
(27.12.)
Nicht nur an dieser Stelle war zu lesen, dass die ersten Inszenierungen der Ära Hans Gratzer nur als theatralische Peinlichkeiten bezeichnet werden konnten. Der Intendant zieht nun erfreulicherweise die Notbremse und entschuldigt sich erfreulicherweise schriftlich bei den Stammgästen seines Hauses:
Sehr geehrter Herr Dr. Köllerer,
es ist mir ein großes Anliegen, dass Sie sich als Abonnent im Theater in der Josefstaft auch weiterhin zu Hause fühlen. Ich weiß, dass dies bei den ersten Produktionen dieser Spielzeit nicht immer der Fall war. Aus diesem Grund möchte ich Ihnen einen Ausblick auf die zweite Hälfte der Spielzeit geben, in der wir uns auf das bewährte Ensemble und dessen schauspielerische Leistungen konzentrieren werden [...]
In diesem Fall werde ich mit meiner Abokündigung also noch ein paar Monate warten.
Anton Tschwechow / Olga Knipper: Krokodil meines Herzens. Eine Liebesgeschichte in Briefen
(Akademietheater 13.11.03)
Kein Buch, wie man angesichts des Titels meinen könnte, sondern eine szenische Lesung. Eine herausragende Regina Fritsch und ihr Schauspielerkollege Gerd Böckmann lasen Auszüge aus dem Briefwechsel. Das Theater verlässt man nach diesem sehr gelungenem Abend mit dem dringenden Bedürfnis, Tschechow zu lesen. Anlass war übrigens der nächstes Jahr bevorstehende 100. Geburtstag des Autors, der hoffentlich den "Buchmarkt" in Sachen Tschwechow etwas beleben wird.
Nestroy: Mann, Frau, Kind
(Theater in der Josefstadt 8.11.03)
"Regie": Hans Gratzer
Hans Gratzer, der neue Herr des Hauses, scheint sich vorgenommen zu haben, das Theater in der Josefstadt zu ruinieren. Man wäre versucht zu glauben, es handele sich um eine Racheaktion des ehemals progressiven Theatermachers am "konservativsten" Theater in Wien, wären da nicht die treuherzigen Rechtfertigungen in diversen peinlichen Interviews.
Die ersten Inszenierungen des Hauses waren Theaterkatastrophen ersten Ranges. Sucht man nach beschreibenden Begriffe, trifft man mit "Infantiliät" wohl die "Qualität" der Aufführungen am Besten.
Auch das frühe Zauberstück Nestroy wurde knallbunt und knalldumm auf die Bühne gebracht. Gratzer versucht in seinen öffentlichen Äußerungen das Publikum, dem der neue Kurs sehr gut gefalle, gegen die bösen Kritiker auszuspielen. Er möge sich einmal die entsetzten Blicken im Publikum ansehen, die Stammbesucher angesichts dieser ästhetischen Zumutungen austauschen.
A.R. Gurney: Love Letters
(Burgtheater 23.10.03)
Ursula Lingens
Michael Heltau
Ein ungewöhnliches Stück, eine Art Briefroman für die Bühne, auf der sich nur zwei Personen vor dem Vorhang befinden, die abwechselnd ihren lebenslangen Briefwechsel vorlesen. Angefangen von den ersten kindlichen Nachrichten bis zum Tod von Melissa, die im Gegensatz zum erfolgreichen Andy als Künstlerin am Alkohol zu Grunde geht. Das ergibt einen (im besten Sinn) unterhaltsamen Theaterabend, der einen die ab und zu etwas durchsichtige Konstruktion der Figurenkonstellation vergessen lässt.
Stutzig machte mich, dass mir das Stück plötzlich bekannt vorkam. Nach einiger Zeit wurde mir klar, dass ich es schon einmal an einem kleinen Theater in Salzburg gesehen hatte, und es mir damals ebenfalls gut gefiel. Warum also hatte ich es komplett vergessen? Vielleicht ist es doch zu oberflächlich, um längerer Spuren zu hinterlassen ...
Im Anschluss an die Vorstellung, durfte ich Zeugnis eines echt wienerischen Ereignisses werden: Das Burgtheater feierte sich selbst. Michael Heltau wurde die Ehrenmitgliedschaft des Burgtheaters verliehen. Klaus Bachler, Morak (der in letzter Zeit vor allem durch sein Lob von Dorftheatern auffiel) u.a. hielten reden, wobei jeder jeden lobte, nicht zuletzt die Schauspieler das Publikum und umgekehrt.
Neil LaBute: das maß der dinge
(Akademietheater 16.10.03)
Regie: Igot Bauersima
Adam: Daniel Jesch
Evelyn: Johanna Wokalek
Jenny: Dorothee Hartinger
Phillip: Raphael von Bargen
Nach traditionellen Kriterien ein gutes Stück, das in bester amerikanischer Theatertradition steht: Beziehungsstück, intelligente und witzige Dialoge, psychologisch interessante Figuren, gelungene Pointe am Ende. Schauspielerisch und inszenatorisch war die Aufführung auf hohem Niveau, ein gelungener Theaterabend könnte man meinen.
Aber? Der Haken liegt im Stoff, denn wie schon in Yasmina Rezas Erfolgsstück "Kunst" (eine Freundschaft zerbricht am Kauf eines teueren "Gemäldes", das nur aus weißer Leinwand besteht) durchziehen ästhetische Fragestellungen das Stück, deren Profundität teilweise zu wünschen übrig lassen. LaBute fürchtet sich offenbar, das Kunstthema in der gebotenen Komplexität anzugehen, was dem Erfolg des Stückes wohl auch abträglich gewesen wäre. So bleibt dieser Themenstrang vor der Pointe ziemlich dünn. Diese ist durchaus gelungen: Es stellt sich nämlich heraus, dass die Kunststudentin Evelyn die zahlreichen Veränderungen, die sie bei ihrem neuen Freund Adam auslöst (vom schüchtern-verschrobenen Anglistikstudenten zum selbstbewussten und durchtrainierten "Frauenheld"), als Kunstprojekt geplant war, und Adam für sie nicht mehr als eine lebendige Skulptur war, die sie formte.
Originell ausgedacht und handwerklich meisterhaft durchgeführt, bleibt doch ein fader Geschmack zurück: Die moderne (bzw. die avantgardistische) Kunst auf diese Weise vorzuführen hinterläßt den Verdacht, dass es weniger um die Sache selbst geht, sondern dass hier - gewollt oder nicht - populistische Ressentiments bedient werden.
Gilgamesh (2.)
(1. Neuübersetzung von Raoul Schrott, Wiss. Buchgesellschaft)
(2. Akademietheater am 18.9.03)
Regie: Theu Boermans
Gilgamesh: Roland Koch
Enkidu: Markus Hering
Als erstes überliefertes Werk der Weltliteratur übt dieses Epos naturgemäß eine große Faszination aus, und man ist überrascht, auf wie viele wichtige literarische (und andere) Motive man darin bereits stößt. So wird dem Leben gegenüber eine auffallend pessimistische Haltung eingenommen, was durch eine Reihe von "bitteren" Beobachtungen deutlich wird. Die klassischen literarischen Stoffe (Liebe, Leben, Tod) kommen alle ausführlich zu ihrem Recht.
Was die Qualität der neuen Übersetzung von Raoul Schrott angeht, bin ich unschlüssig. Es finden sich immer wieder Passagen, die poetisch sehr gelungen sind. Andere wirken vergleichsweise flapsig, so dass sich ein uneinheitliches Bild ergibt. Cum granso salis ist sie aber gut lesbar, was aus literaturdidaktisch Gründen natürlich lobenswert ist.
Auf der Bühne des Akademietheaters - das Burgtheater gab bei Schrott eine Adaption für das Theater in Auftrag - wirkt die Sprache adäquater. Die Aufführung wurde wider Erwarten seht gut mit diesem Stoff fertig (endlich im dritten Anlauf ein gelungener Theaterabend!), daran ändern auch ein paar fragwürdige "Pointen" nicht.
Beruhigend, dass man sich wenigstens auf die Qualität des Akademietheaters verlassen kann.
Ferdinand Raimund: Der Alpenkönig und der Menschenfeind
(Theater in der Josefstadt 28.12.03)
Regie: Hans Gratzer
Astralagus: Erich Schleyer
Herr von Rappelkopf: Herbert Föttinger
Sophie: Sandra Cervik
Es geht aufwärts im Theater an der Josefstadt! Nach den indiskutablen ersten Inszenierungen der Saison wird nun wieder solide schlechtes Theater geboten. Die gestrige Aufführung war also durchaus satisfaktionsfähig: Man musste die Aufführung nicht fluchtartig verlassen und kann nun wieder auf Besseres hoffen.
Die schauspielerische Leistung nahm im Laufe des Abends zu. Das Hölzerne der Schauspieler zu Beginn, wurde im letzten Drittel durch solides Komödiantentum abgelöst. Die Inszenierung war harmlos, das Bühnenbild dezent. Die aufdringliche Didaktik des Stücks freilich wird durch die sprachlichen Pointen nicht wett gemacht, wie ja überhaupt in Wien der ästhetische Wert des Wiener Volkstheaters überschätzt wird.
Adolf Bäuerle: Aline oder Wien in einem anderen Weltteil
(Theater in der Josefstadt 13.9.03)
Regie: Philippe Arlaud
Wenn Hans Gratzer seine erste Spielzeit im Theater an der Josefstadt mit einem ausgegrabenen Volkstück aus dem Biedermeier eröffnet, drängt sich eine Frage auf: WARUM?
Ist es als eine spezielle Aufmerksamkeit gegenüber Germanisten gedacht? Bäuerle gilt als literarhistorisch bedeutender Begründer des Wiener Volkstheaters und hat nicht nur Nestroy und Raimund beeinflusst. Angesichts der vergleichsweise populistischen Inszenierung kann man diese museale Intention jedoch ausschließen.
In Zukunft will Gratzer fast ausschließlich österreichische Stücke spielen (Schnitzler, Raimund, Grillparzer schon bald), was angesichts der großen Auswahl sehr guter Stücke zu keinem Engpass führen sollte. Warten wir also ab und hoffen, dass sich dieser biedermeierliche Ausrutscher nicht so schnell wiederholt.
Nach zwei Reinfällen, wäre es nun höchste Zeit für einen Theaterabend von zumindest durchschnittlicher ästhetischer Qualität ...
Sophokles: Antigone
(Volkstheater 7.9.03)
Regie: Thirza Bruncken
Antigone: Meriam Abbas
So hatte ich mir mir - kulturell durch den unsäglichen Sommer verdörrt - den ersten Theaterabend nicht vorgestellt: eine theatralische Peinlichkeit. Nun gibt es auf dem Theater ja nichts schlimmeres als schlechtes Regietheater. Die von keinem nachvollziehbaren Konzept auf der Bühne dargestellten hektischen Aktivitäten samt geleierter Hölderlinübersetzung bewirkte nur eines: Langeweile. Um eines der spannendsten Stücke der Weltliteratur totlangweilig zu inszenieren, braucht es schon eine nicht alltägliche Theaterbegabung ...
Die Aufführung des Berliner Schauspielhauses, die ich Anfang Mai sah, war dagegen eine Glanzleistung.
Martin Crimp: Auf dem Land
(Akademietheater 26.6.03)
Regie: Roman Kummer
Zu Ende ist sie, die Theatersaison, und es beginnt der trostlose Sommer ohne Konzerte, Theateraufführungen und Opern, von ein paar Alibiveranstaltungen einmal abgesehen. In medias res: Äußerlich gab es wenig auszusetzen, gute Schauspieler, plausible Inszenierung ...
Das Stück des "Exponenten neuer britischer Dramatik" jedoch lohnte solchen Aufwand nicht wirklich. Handwerklich solide brachte es eine Ehekrise auf die Bühne, samt psychologisch düstere Rückblenden in finstere Abgründe. Wer sich an Ibsen erinnert fühlt, liegt nicht falsch. Warum aber sollte man Crimp ansehen, wenn Ibsen ähnliche Konflikte vor über einem Jahrhundert viel besser auf die Bühne brachte?
Tom Stoppard: Das einzig Wahre
(Theater in der Josefstadt 24.5.03)
Regie: Beverly Blankenship
Diess Theateraufführung läßt sich ausgezeichnet mit einem Adjektiv beschreiben: lähmend. Von den acht von mir besuchten, meist beachtlichen Inszenierungen dieser Spielzeit war das der absolute josefstädter Tiefpunkt , was alles in allem ja ein akzeptabler Schnitt ist. Über das Stück zu urteilen fällt mir schwer, vermutlich wäre es mit einer gelungenen Regie akzeptabel, auch wenn die Dialoge und Pointen nur selten das Niveau der besseren Woody-Allen-Filme erreichen, die in etwa im selben intellektuellen Milieu spielen. Die lähmende Wirkung stand übrigens in einem erstaunlichen Gegensatz zur Umtriebigkeit auf der Bühne. Keinesfalls ansehen!
Alexander Ostrowskij: Der Wald
(Burgtheater 8.5.03)
Regie: Tamás Ascher
Kirsten Dene, Sven-Eric Bechtolf, Martin Schwab u.a.
Diese russische Komödie aus dem Jahr 1871 gibt der Burgtheater-Prominenz die Möglichkeit, sich schauspielerisch auszutoben. Bechtolf spielt hervorragend einen drittklassigen Schauspieler, Martin Schwab einen kaum besseren Komiker, während Kirsten Dene als geizige Gutsbesitzerin brillieren darf.
Das Stück selbst ist eine passable Komödie, angereichert durch handfeste Sozialkritik. Es ist allerdings weit von der psychologischen Subtilität, die Tschechow zwanzig Jahre später auf die Bühne brachte.
Schnitzler: Fink und Fliederbusch
(Theater in der Josefstadt 26.3.03)
Regie und Bearbeitung: Jürgen Kaizig
Fink/Fliederbusch: Michael Dangl
Graf Niederhof: Peter Scholz
u.v.m.
Das selten gespielte "Tendenzstück" Artur Schnitzlers, 1917 in Wien uraufgeführt, knöpft sich die Journalistenzunft vor, deren Opportunismus komödiantisch auf die Bühne gebracht wird. Die komische Grundidee: Ein Journalist schreibt jeweils unter Pseudonym in einer liberalen und einer reaktionären Zeitungen polemische Artikel gegen sich selbst. En passant werden diverse schreibende Typen karikiert und Probleme thematisiert, die nach wie vor aktuell sind. Etwa überflüssige Klatschartikel, Gefälligkeitsrezensionen oder das Ausgeliefertsein von Journalisten an ihr Medium. Gute Arbeitsplätze für Journalisten dürften in Österreich heute noch seltener sein, als vor 90 Jahren.
Da ich das Stück nicht las, und es für die Aufführung von Jürgen Kaizig bearbeitet wurde, möchte ich kein endgültiges Urteil darüber abgeben. Im Ganzen wirkt es etwas konstruiert (wie die Handlung insgesamt). Es gibt einige sehr intelligente Dialoge. Wenn Graf Niederhof dem erstaunten Fink eloquent sein Weltbild erläutert, weiß man nicht, was überwiegt: Abgeklärtheit gegenüber der politischen Welt oder doch nur Opportunismus und Geschäftssinn.
Der Schluss läuft (in der Bearbeitung?) auf ein ziemlich einfältiges happy end hinaus, was vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges doch sehr eigenartig wirkt. Es lohnt sich jedenfalls die Aufführung anzusehen und sich mit dem Schnitzlerschen Nebenwerk etwas ausführlicher zu beschäftigen.
John Osborne: Der Entertainer
(Burgtheater 13.2.03)
Regie: Karin Beier
Billy Rice: Martin Schwab
Jean Rice: Alexandra Henkel
Archie Rice: Karlheinz Hackl
Die passionierten Theatergänger wissen es: Selbst in einer Theaterstadt wie Wien sind von zehn Aufführungen fünf (im guten Sinn) mittelmäßig, vielleicht drei gut oder sehr gut, und zwei katastrophal schlecht. In die letzte Kategorie fällt diese Inszenierung, nach deren erster Hälfte ich das Burgtheater fluchtartig verlassen habe.
Karin Beier, die am Burgtheater schon Schillers ohnehin fragwürdige "Jungfrau von Orleans" ruinieren durfte, stellt Osbornes einst höchst erfolgreiches Stück in einer peinlichen Oberflächlichkeit auf die Bühne, die dem Drama jegliche psychologische Substanz entzieht.
Nach dem unsäglichen "Cyrano de Bergerac" war das bereits der zweite ästhetische "Aussetzer" des Burgtheaters in dieser Saison, und man fragt sich, ob Direktor Klaus Bachler die Theaterkatastrophen eigentlich kennt, die er in seinem Haus geschehen läßt.
Das Ärgerlichste dabei ist - zumindest beim "Entertainer" - die unglaubliche Verschwendung schauspielerischer Fähigkeiten. Karlheinz Hackl und Martin Schwab hätten wahrlich besseres verdient, als ihre Fähigkeiten offenkundig unbegabten Regie"talenten" opfern zu müssen.
Tennessee Williams: Die Nacht des Leguan
(Akademietheater 6.2.03)
Regie: Peter Zadek
Maxine Faulk: Eva Mattes
Shannon: Ulrich Tukur
Hannah Jelkes: Angela Winkler
Man sollte meinen, knapp vier Stunden Theater seien genug, um sich ein Urteil über ein Stück zu bilden. Weit gefehlt. Im Viertelstundenrhythmus änderte sich mein Eindruck. Fest steht jedenfalls: Das Werk trägt keine vier Stunden Theater. Außerdem ist es "mittelmäßig", was weniger negativ gemeint ist, als es klingt.
Die Schwächen des Stücks sind ziemlich offensichtlich: Die auf der Bühne zur Sprache kommende Psychologie und "Philosophie" ist erstaunlich platt, die dazu gehörige Symbolik (etwa der Leguan) von einer enervierenden Aufdringlichkeit. Je abstrakter die Dialoge werden, desto dümmer die Inhalte.
Trotzdem sind die Figuren, wenn sie sich nicht gerade gegenseitig analysieren, psychologisch interessant. Man kann Williams nicht vorwerfen, er verstünde es nicht, komplexe Charaktere auf die Bühne zu stellen.
An der Inszenierung gibt es wenig auszusetzen. Peter Zadek hat eine ziemlich realistische Urwaldhütte auf die Bühne stellen lassen. Schauspielerisch war sie von einer Qualität, wie man es sich im Burgtheater immer wünschte.
Fazit: Ein mittelmäßiges Stück in einer sehr guten Aufführung. Es war mein erster Kontakt mit Tennessee Williams und derzeit verspüre ich kein Bedürfnis, diese Bekanntschaft zu vertiefen.
Schiller: Kabale und Liebe
(Volkstheater 22.1.03)
Regie: Martin Schulze
Ferdinand: Florian Teichtmeister
Luise: Chris Pichler
Präseident von Walter: Toni Böhm
Miller: Thomas Stolzetti
Wurm: Christoph Zadra
Das Wiener Volkstheater betrete ich gewöhnlich mit einer sehr mäßigen Erwartungshaltung, desto angenehmer überraschte mich die Inszenierung. In reduziertem, modernen Ambiente nahmen die Kabalen samt Liebestragödie ihren Lauf. Weder übertriebenes Pathos, noch artifizielle Unterkühlung waren vorherrschend. Schauspielerisch war wenig auszusetzen.
Die Bühnenwirksamkeit des Stücks ist erstaunlich, zumal mich die vierte Lektüre des Dramas distanzierter zurückgelassen hatte, als die früheren Leseerlebnisse. Eine solide, unspektakuläre Schiller-Inszenierung. Das Theater war erstaunlich schlecht besucht. Das sollte sich ändern.
Molière: Der Menschenfeind
(Theater in der Josefstadt 18.1.03)
Regie: Günter Krämer
Alceste: Helmut Lohner
Philinte: Michael Dangl
Eine für die Josefstadt "avantgardistische" Inszenierung: Zusammengeschnittene Szenen, eine kühle Bar auf der Bühne, künstlich stilisierte Sprechakrobatik, weit aufgerissene Augen durch monokelähnliche Augen-Aufsätze.
Ein ambitioniertes Motiv: Die szenische Spiegelung der Menschenfeindlikeit des Alceste. Schwer zu sagen, warum die Aufführung dennoch völlig missglückt. Die Zerstörung des Komödienhaften dürfte ausschlaggebend sein. Molières delikate Balance zwischen Lächerlichkeit und Tragik wird zulasten des Komischen verschoben. Die Bitterkeit des letzten Auftritts des Helmut Lohner ist verblüffend. Trotzdem kann man sich einen Besuch der Aufführung getrost sparen.
Ibsen: Die Wildente
(Theater in der Josefstadt 23.11.02)
Regie: Dietmar Pflegerl
Gregers: Herbert Föttinger
Hjalmar Ekdal: Peter Scholz
Hedwig Ekdal: Gertrud Dassl
Für die Nicht-Wiener: Das Theater in der Josefstadt (das angesichts des Gesundheitszustandes des Publikums wohl bald in "Sanatorium in der Josefstadt" umbenannt wird) ist die konservativste Bühne der Stadt. Erstaunlich deshalb, dass ausgerechnet dort derzeit die besten Aufführungen in Wien zu sehen sind (vom Akademietheater einmal abgesehen). Peinlichkeiten wie den Cyrano de Bergerac am Burgtheater gibt es in der Josefstadt nicht.
Geboten wird dort klassisches literarisches Schauspiel auf sehr hohem Niveau, eine Kunst also, die angesichts avancierterer Regie-Ästhetiken antiquiert wirken mag, trotzdem für das Überleben des Theaters unverzichtbar ist. Vielfalt sollte das Motto sein, und es ist schön in einer Stadt zu leben, wo beides in ansprechender Qualität geboten wird (und, nebenbei bemerkt, in einer Stadt, in der mehr Menschen in die Theater als in die Fußballstadien gehen :-)
"Die Wildente" ist eines der interessantesten Stücke Ibsens, markiert es doch einen wichtigen Wendepunkt seines Schaffens. Im Gegensatz zu früheren Werken (die "Gespenster" etwa) bricht der Autor hier den idealistischen Standpunkt: Der "Aufklärer" Gregers Wehrle nimmt seinem Jugendfreund Hjalmar Ekdal seine Lebenslüge mit dem Ziel, eine wahre, auf Aufrichtigkeit gegründete Ehe zu stiften. Das Ergebnis führt in die Katastrophe. Idealismus ohne Rücksicht auf menschliche Schwächen stiftet mehr Schaden, denn Nutzen, so das skeptische Resümee.
Stoffgeschichtlich ist das Stück aufschlussreich, weil erstmals im europäischen Theater eine kleinbürgerliche Familie die Hauptrolle spielt und das Ende von einem düsteren Pessimismus zeugt. Die Inszenierung ist "klassisch" im besten Sinn des Wortes. Die schauspielerischen Fähigkeiten sind beeindruckend (ab und zu vielleicht einen Hauch zu pathetisch).
Eine dringende Empfehlung!
Schnitzler: Anatol
(Akademietheater 17.10.02)
Regie: Luc Bondy
Anatol: Michael Maertens
Max: Klaus Pohl
Else: Petra Morzé
Gabriele: Angela Winkler
Der Selektionsprozess der Literaturgeschichte ist unbarmherzig. Wie viele "brisante" Stücke aus den fünfziger und sechziger Jahren (Dürrenmatt! Frisch!) wirken heute verstaubt? Frisch, modern, intelligent dagegen "Anatol".
Diese Adjektive passen auch auf Luc Bondys Inszenierung, der das Stück stilsicher auf die Bühne brachte. Seine Regie zeigt alle Facetten des Stücks, von stupender Komik (Abschiedssouper) über schwebende Melancholie (Weihnachtseinkäufe) bis hin zur (durch einen Blick in den leeren Bühnenraum gebrochenen) Tragik (Anatols Größenwahn).
Der "Soundtrack" erinnerte stellenweise stark an Woody-Allen-Filme. Tatsächlich läßt sich Anatol unschwer als Vorläufer eines modernen Stadtneurotikers erkennen.
Schauspielerisch war der Abend ebenfalls sehr gelungen. Der Norddeutsche Michael Maertens spielte den "Wiener" Anatol plausibel als verträumten Melancholiker. Hervorragend auch Klaus Pohl als Freund Max.
Ansehen!
Thomas Bernhard: Über allen Gipfeln ist Ruh
(Theater in der Josefstadt am 28.9.02)
Regie: Wolf-Dietrich Sprenger
Moritz Meister: Joachim Bißmeier
Anne: Traute Hoess
Eine alles in allem solide österreichische Erstaufführung. Wolf-Dietrich Sprenger entschloss sich diese Komödie auch als solche spielen zu lassen. So durfte Traute Hoess ihr komödiantisches Talent ausgiebig zur Geltung bringen. Im Vergleich mit ihr und mit Bißmeier in der Hauptrolle blieben die Nebenfiguren eher blass.
Wie in so vielen Werken Bernhards steht ein "Geistesmensch" im Mittelpunkt. Hier handelt es sich aber weder um einen monomanischen Intellektuellen wie in "Alte Meister" noch um einen verrückten Monomanen wie im "Kalkwerk". Moritz Meister ist ein unsympathischer, antisemitischer Dampfplauderer. Desto mutiger von Bernhard sich trotzdem auch selbst in der Figur zu reflektieren. Das Stück ist eine gelungene Abrechnung mit dem unbegabten, pseudogebildeten Großschriftsteller.
Thomas Bernhard: Elisabeth II.
(Burgtheater 26.6.02)
Herrenstein: Gert Voss
Richard: Ignaz Kirchner
Regie: Thomas Langhoff
Eine späte österreichische Erstaufführung. Auf den ersten Blick stimmt die Inszenierung: Gert Voss gibt sein Bestens (was bekanntlich viel ist), Ignaz Kircher ergänzt ihn (wie immer) ausgezeichnet. Das Bühnenbild erinnert an Peymanns legendären "Heldenplatz".
Trotzdem ergeben viele gelungene Einzelheiten kein stimmiges Ganzes. Man sieht sich das Stück an und denkt: solide Burgtheater-Arbeit (was nicht wenig ist). Ästhetischer Mehrwert wird ebensowenig geboten wie ein tiefere intellektuelle Auseinandersetzung mit Bernhard. Das Burgtheater gibt sich auf hohem Niveau geistig bewegungslos.
Samuel Beckett: Glückliche Tage
(Akademietheater 30.4.02)
Regie: Edith Clever
Winnie: Jutta Lampe
Willie: Urs Hefti
Nach dem beeindruckenden Konzert am Montag, folgte gestern ein höchst mittelmäßiger Theaterabend. Mag man Edith Clever als Schauspielerin auch schätzen, diese Regiearbeit zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass auf Einfälle völlig verzichtet wurde, eine Regie bar jeder Regieidee.
Das Ergebnis war eine museale Beckett-Inszenierung, die im Erdhaufen steckende Jutta Lampe zwar durchaus sehenswert, aber man hätte sich doch mehr erwartet. Immerhin wurde deutlich, dass Becketts dramatische Arbeiten wesentlich haltbarer sind als vieles, was vor vierzig Jahren entstand: Die biederen Lehrstücke eines Max Frisch etwa, werden längst zur Theatergeschichte zählen, wenn Beckett auf der Bühne immer noch zu faszinieren vermögen wird.
Sibylle Berg: Hund Frau Mann
(Kasino/Burgtheater 18.4.02)
Regie: Stephan Müller
Sabine Haupt, Edmund Telgenkämper, Hanspeter Müller
Die Geschichte klingt banal: Männlicher Single trifft auf weiblichen Single, eine Beziehung bricht über die beiden herein, die üblichen Probleme beginnen. Das Originelle kommt mit dem Hund ins Spiel, aus dessen Perspektive die Handlung erzählt wird.
Über die Qualität des kurzen Textes kann ich mangels Lektüre nichts sagen, die Inszenierung war aber sehr furios. Dreh- und Angelpunkt war eine riesige Videoprojektionsfläche im Hintergrund auf die mit Hilfe von Handkameras nicht nur Großaufnahmen der Gesichter projiziert wurden. Habe bisher kaum einen so gelungenen Einsatz von Videotechnik auf der Bühne gesehen. Offen bleibt jedoch, ob das Stück auch ohne solche "Bühnentricks" tragfähig wäre. Ein überzeugender Theaterabend, so viel ist sicher.
Shakespeare: Viel Lärm um Nichts
(Theater an der Josefstadt am 7.4.02)
Regie: Marcello de Nardo
Michael Dangl, Valentin Schreyer, Sandra Cervik, Herbert Föttinger
Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie eine 400 Jahre alte Komödie ein heutiges Theaterpublikum in den Bann zu ziehen vermag. Voraussetzung sind natürlich ausgezeichnete Schauspieler und eine plausible Inszenierung. Das Bühnenbild war vergleichsweise abstrakt (eine Art Rampe mit zwei Ebenen, ideal auch zum Herumturnen). Marcello de Nardo siedelte die Handlung im Mafiamilieu an, ohne seine Inszenzierung penetrant darauf aufzubauen. Musikalisch sorgten Liebesschnulzen diverser Musiksparten regelmäßig für ironische Distanz.
Schiller: Die Jungfrau von Orleans
(Burgtheater 28.3.02)
Regie: Karin Beier
Karoline Eichhorn, Nicholas Ofczarek, Barbara Petritsch, Peter Simonischek
Ein hysterisches Mädchen, das von göttlichen Eingebungen getrieben, patriotische Großtaten vollbringt, ist ein denkbar schlechter Stoff für ein gutes Drama. Kein Wunder also, dass es zu Lebzeiten Schillers ein Publikumsrenner war, gab der Autor doch seinem Werk zusätzlich noch einiges an Kolportage mit auf dem Weg.
Schillers Ausflug ins romantisch-religiöse scheitert kläglich. Eine Ursache dafür mag seine antiaufklärerische Intention gewesen sein, ein Gegenstück zu Voltaires "La Pucelle d'Orleans" zu schreiben. Der antireligiöse Spott empörte den guten Schiller, weshalb er den selben Stoff von religiös-erhabener Seite aufbereiten wollte.
Was bringt ein Theater dazu, das schlechteste Schillerstück im Jahr 2002 auf den Spielplan zu setzen? Die Inszenierung von Karin Beuer blieb eine Antwort auf diese Frage schuldig. Statt eine explizit kritische Lesart zu wählen, fand auf der Bühne ein mäßig ironisches Spiel statt. Eine Reihe von Szenen sind nett choreographiert, andere bringen hübsche Tableaux zustande. Wenn sich jemand Schiller am Burgtheater ansehen will, ist derzeit "Maria Stuart" eine wesentlich bessere Wahl.
Michael Frayn: Kopenhagen
(Theater Drachengasse 23.3.02)
Stücke über naturwissenschaftliche Themen sind sehr selten, deshalb verdient dieser Versuch eines britischen Schriftstellers ein gewisses Interesse. Der Zuschauer wird Zeuge einer viel diskutierten Begegnung zwischen Niels Bohr und Werner Heisenberg im Jahr 1941 (bzw. diverser Rekonstruktionen, die Beteiligten werden als Tote eingeführt). Heisenberg riskierte die Reise nach Kopenhagen, um mit Bohr zu sprechen. Das Gespräch endete im Bruch ihrer Freundschaft. Was genau geschah? Worüber sprachen die beiden? Wir wissen es auch heute noch nicht, doch dürfe mit großer Wahrscheinlichkeit der Bau von Atomwaffen zur Sprache gekommen sein. Wollte Heisenberg durch Bohr die Welt vor dem deutschen Nuklearprogramm warnen? Oder wollte der nur vom Wissen Bohrs dafür profitieren?
Frayn spielt in seinem Sprech-Drama - es treten nur Heisenberg, Bohr und dessen Frau Margarete auf - verschiedene Varianten durch. Der Stoff ist ausgesprochen dankbar, um ethische Probleme rund um die Naturwissenschaft zu diskutieren.
Am Ende verlässt man das Theater allerdings unbefriedigt. Teilweise ist das Drama sehr didaktisch, damit es keine physikalischen Kenntnisse voraussetzen muss. Es wird viel angerissen, nicht alles davon zu Ende gebracht. Der Schluss ist von einer unangenehmen Pathetik.
Das größte Verdienst ist wohl, dass Frayn die wissenschaftshistorische Debatte darüber neu anstieß. Teilweise wurde diese in der The New York Review of Books geführt. Angesichts der Aufmerksamkeit, die "Kopenhagen" in England und den USA erregte, ist es erstaunlich, dass im kleinen Theater Drachengasse eine Reihe von Plätzen leer blieb.
Frank Wedekind: Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie
(Akademietheater 17.3.02)
Regie: Christina Paulhofer
Michele Cucioffo, David Rott, Lukas Miko uvm.
Im Jahr 1891 von Wedekind beendet, galt das Stück wegen angeblicher "Pornographie" lange als unaufführbar. Premiere hatte es erst am 20. November 1906, als es Max Reinhardt in den Berliner Kammerspielen inszenierte. Es ist überflüssig zu erwähnen, dass die als besonders anstößig geltenden Stellen fehlten.
Die Verbindung von avancierter Theaterästhetik mit dem zeitlosen Stoff der Pubertät ergibt ein nach wie sehr aktuelles Drama, vor allem wenn man es gegen zeitgenössische Stücke des deutschen Naturalismus hält. Die Inszenierung bot den jüngsten Mitgliedern des Burgtheaterensembles die sichtlich willkommene Gelegenheit, ihre Fähigkeiten zu zeigen. Die Inszenierung war erfrischend authentisch, eine klare Empfehlung!
Schiller: Maria Stuart
(Burgtheater 13.2.02)
Regie: Andrea Breth
Elisabeth: Elisabeth Orth
Maria Stuart: Corinna Kirchhoff
Graf von Leicester: Michael König
Mortimer: Nicholas Ofczarek
Kompositorisch eines seiner besten Stücke, Privates und Öffentliches, Psychologisches und Politisches werden brillant ausbalanciert. Andrea Breth verläßt sich erfolgreich auf die Sprache Schillers und lieferte eine - im besten Sinn des Wortes - klassische Inszenzierung von Maria Stuart.
Eine der besten Burgtheater-Aufführungen der letzten zwei Jahre.
Tschechow: Die Möwe
(Akademietheater am 7.2.02)
Regie: Luc Bondy
Irina Nikolajewna Arkadina: Jutta Lampe
Konstantin Gawrilowitsch Trepljow: August Diehl
Pjotr Nikolajewitsch Sorin: Martin Schwab
Boris Alekajewitsch Trigorin: Gert Voss
Jewgeni Sergejewitsch Dorn: Ignaz Kircher
Es war nicht einfach, für diese notorisch ausverkaufte Inszenierung eine Karte zu bekommen, aber die Mühen wurden belohnt. Wie die Besetzungsliste bereits andeutet, wurde an schauspielerischer Kompetenz nicht gespart, herausragend besonders August Diehl als Sohn der Arkadina.
Luc Bondy betont etwas zu stark die pathologische Seite des Geschehens, ansonsten gibt es an seiner Arbeit nichts auszusetzen. Man fragt sich, warum die Stücke Tschechows so erfrischend aktuell wirken, obwohl deren Handlung auf den ersten Blick nichts mit der Gegenwart zu schaffen hat, während andere, jüngere Stücke wie die um besondere Didaktik bemühten von Brecht oder einige von Dürrenmatt schon reichlich patiniert wirken.
Eine naheliegende Antwort darauf wäre, dass Tschechows Stücke um allgemein-menschliche Probleme kreisen, eine andere, dass sie strukturell sehr klug konstruiert sind, ohne dass diese Strukturen sich dem Zuseher aufdrängen. Auch die ästhetische Reflexion innerhalb eines Dramas - wie in der Möwe rund um das Stück im Stück - zeugt von Souveränität.
Christopher Marlowe: Der Jude von Malta
(Burgtheater 23.1.02)
Regie: Peter Zadek
Gert Voss, Paulus Manker, Mareike Sedl, Ignaz Kircher uva.
Rückblickend drängt sich hartnäckig das Wort harmlos auf, wenn man ein treffendes Adjektiv für die Inszenierung sucht. Zadek legte eine routinierte Regiearbeit ohne Überraschungen vor. Schauspielerisch gab es kaum etwas auszusetzen. Das Drama vom Rachefeldzug des reichen Juden hat naturgemäß antisemitische Untertöne, die durch die freizügig geübte Kritik am Christentum und Islam allerdings etwas relativiert werden. Dieser religionskritische Aspekt ist noch der interessanteste, reicht aber auch nicht aus, um die Aufnahme in einen aktuellen Spielplan zu rechtfertigen.
Oscar Wilde: Ein idealer Gatte
(Theater in der Josefstadt am 16. November 2001)
Michael Dangl, Peter Scholz, Franz Robert Wagner u.a.
Regie: Michael Gampe
Die Josefstadt macht gediegenes und deshalb manchmal langweiliges Theater. Von Langeweile konnte in diesem Fall jedoch nicht die Rede sein, dafür sorgten die in bekannter Manier geistreichen Dialoge Wildes. Ich bezweifle allerdings, ob eine Aneinanderreihung treffender Aphorismen hinreichend für eine gute Komödie ist.
Die ersten drei Akte brachten die Haupt- samt einigen Nebenintrigen auf die Bühne, handwerklich vom Autor durchaus geschickt gemacht. Der vierte Akt jedoch uferte in ein peinlich-sentimentales Happy End aus, so dass man sich frägt, wie es zu diesem Niveauabfall kommen konnte. Offenbar wurde das Stück lieblos zu Ende geschrieben. Ein alles in allem eher überflüssiger Theaterabend.
Thomas Bernhard: Alte Meister - dramatisiert
(Akademietheater Wien 8.9. 2001)
Endlich war es mir gelungen eine der begehrten Karten für "Die Möwe" in der Inszenierung Luc Bondys zu bekommen. Zu früh gefreut: Jutta Lampe erkrankte und als Ersatz wurde eine dramatisierte Fassung von Bernhards "Alte Meister" gegeben (Regie und Dramaturgie: Stephan Müller, Claudia Hamm).
Vier Schauspieler schlüpften in die Rolle des Erzähler Atzbachers bzw. Regers und verwandelten den Roman in plausibel choreographiertes Sprechtheater. Kein Ersatz für Tschechow, nichtsdestotrotz ein gelungener Theaterabend.
Bemerkenswerterweise wurden Regers Ausführungen über Heidegger besonders wohlwollend vom Wiener Publikum zur Kenntnis genommen:
Heidegger, dem die Kriegs- und Nachkriegsgeneration nachgelaufen sind und den sie mit widerwärtigen und stupiden Doktorarbeiten überhäuft haben schon zu Lebzeiten, sehe ich immer auf seiner Schwarzwaldhausbank sitzen neben seiner Frau, die ihm in ihrem pervesen Strickenthusiasmus ununterbrochen Winterstrümpfe strickt mit der von ihr selbst von den eigenen Heideggerschafen heruntergeschorenen Wolle. Heidegger kann ich nicht anders sehen, als auf der Hausbank seines Schwarzwaldhauses, neben sich seine Frau, die ihn zeitlebens total beherrscht und die ihm alle Strümpfe gestrickt und alle Hauben gehäkelt hat und die ihm das Brot gebacken und das Bettzeug gewebt und die ihm selbst seine Sandalen geschustert hat [...]
Heidegger hatte ein gewöhnliches, kein Geistesgesicht, sagte Reger, war durch und durch ein ungeistiger Mensch, bar jeder Phantasie, bar jeder Sensibilität, ein urdeutscher Philosophiewiederkäuer, eine unablässig trächtige Philosophiekuh, sagte Reger, die auf der deutschen Philosophie geweidet hat und darauf jahrzehntelang ihre koketten Fladen fallen gelassen hat im Schwarzwald. Heidegger war sozusagen ein philosophischer Heiratsschwindler, sagte Reger, dem es gelungen ist, eine ganze Generation von deutschen Geisteswissenschaftlern auf den Kopf zu stellen.
Karl Schönherr: Glaube und Heimat
(Burgtheater am 25. März 2001)
Regie: Martin Kusej
Werner Wölbern, Michael Peter, Martin Schwab, Sylvie Rohrer u.a.
Gerade aus dem Burgtheater kommend, stehen zwei Dinge fest (einmal abgesehen davon, dass man Kinder nicht zum Theatergehen zwingen soll, weil sie dann ständig herumquengelnd neben mir sitzen): 1. Das Stück ist drittklassig. 2. Besser als Martin Kusej hätte man es nicht inszenieren können. Der Bühnenboden verwandelt sich nach und nach in eine Kloake, Massenszenen sind eindrucksvoll choreografiert, für viele Szenen findet Kusej starke theatralische Bilder. Die Einladung zum Berliner Theatertreffen ist durchaus verständlich.
Es drängt sich jedoch eine Frage: Warum zwingt man einen der besten zeitgenössischen Regisseure, Tiroler Bauerntheater für Fortgeschrittene zu inszenieren? Trotz mehrerer literaturkritischer Rettungsversuche, einige davon finden sich naturgemäß im Programmheft, haftet dem Stück ein widerlicher Geruch nach Scholle an, kein Wunder, dass es vor 60 Jahren ohne viele Umstände in den Blut-und-Boden-Kanon integriert werden konnte.
Ein Talent wie Kusej sollte Gelegenheit bekommen mit den besten Schauspielern Sophokles, Shakespeare, Schiller, Ibsen oder Beckett auf die Bühne zu bringen, anstatt ihn zur "Rettung" von Stücken zu missbrauchen, die besser dort bleiben, wo sie bisher waren: In Vergessenheit.
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